Ausgabe 
11.1.1912 Zweites Blatt
 
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FABRIK1

ohne Wald noch keine 5 Prozent kämen. In Nidda kam es allerdings zu einer sehr stürmischen Versammlung, wo die Gegner versuchten, unsere Redner niederzuschreien, überhaupt nicht zum Worte kommen zu Lassen. Es wirft dies ja ein sehr eigentümliches Licht auf die wenig politische Schulung gewisser Leute, die ja auch in dem Bericht über die Werner-Versammlung erwähnt wurde. In der Niddaer Versammlung wurde auch die Be­hauptung aufgestellt, die Wirtschaft!. Vereinigung habe gegen das Reichstagswahlrecht in Elsaß-Lothringen gestimmt. An £xinb der amtlichen Drucksache wurde sofort nachgewiesen, daß die Fraktion der Wirtschaftlichen Vereinigung einstimmig dafür gestimmt hat. Genau so ist es mit der anderen Behauptung, daß die Wirtschaftliche Vereinigung bei der Rcichsversicherungs- ordnung gegen die Herabsetzung der Altersrente auf das 65. Lebensjahr gestimmt habe. Die Aussichten für unsere Kandidatur sind durchaus gu'te. Wenn ufyere Freunde am Wahltage wie sonst ihre Schuldigkeit tun, dann wrrd der Erfolg nicht ausbleiben. Gestern abend sprach Dr. Werner vor überfüllter Versammlung ift Grün berg und erntete langanhaltenden stürmischen Bei­fall. In der Diskussion sprachen u. a. Rechtsanwalt Kauf­mann und Rechtskonsulent Iöckel-Grünberg. Letzterer Trat aks nationalliberaler Vertrauensmann mit Ent­schiedenheit für Dr. Werner ein. Auch in Griinberg und Umgegend dürste unser Kandidat starken Zuwachs erzielen.

Dr. Werner ersucht uns um Aufnahme folgender Zu­schrift, die zwar keine Berichtigung enthält und manches in der Gießener Versammlung von ihm bereits Ausgeführte wiederholt, die wir aber gleichwohl nicht zurückweisen wollen. Daß es ein großer Fehler war, die Erbschasts- steuer bei der Reichsfinanzreform abzulehnen, haben wir öfter dargetan, und unseres Erachtens kann dieser Fehler auch durch die neuesten Ausführungen von Dr. Werner nicht entschuldigt werden. Zahlreiche Konservative sogar haben in diesem Punkte ihrem Führer Heydebrandt Oppo­sition «gemacht. Dr. Werner schreibt:

Auf die Veröffentlichung des freisinnigen Wahlausschusses er­widere ich:

1. Die Erbschaftssteuer besteht seit 1906 und brachte 1911 den Betrag von 39 Millionen Mark ein. 1909 sollte sie aus­gedehnt werden auf Kinder und Ehegatten. Der Ertrag dieser Steuer itrar von der Regierung auf 55 Millionen veran­schlagt, hätte also bei einem Steuerbedarf von 500 Millionen keinen Pfennig indirekter Steuern erspart. Das sagt man den Leuten im Lande aber nicht. An die Stelle ber Erbanfall steuer auf Kinder und Ehegatten traten Talon- und A k t i e n st c m p e l. Allein die deutsche Bank hat im Jahre 1910 den Betrag von 400 000 ML. für diese Talonsteuer auf­gebrackst.

2. Die Kartoffelhandelsgeschichte von Wies­baden hat mit der Stadt Wiesbaden gar nichts zu tun. Sie stand zuerst in demWiesbadener Tageblatt" und dann in der fteisinnigen Hess. Landeszeitung. 'Dann haben diese beiden fteisinnigen Zeitungen also nach freisinnigem Urteil ,-alles von AZ erfunden"?

3. Die Getreideeinfuhrscheine sind ein freisinniges Kind: sie wurden 1894 auf Betreiben der Freisinnigen unter Führung des verstorbenen Abgeordneten Rickert eingerichtet.

Sie werden heute noch vvm Königsberger Freisinn unter Füh­rung des Abgeordneten Gyßling im Jnterqse des ostdeutschen Getreidehandels unbedingt verlangt?

Weshalb aber sagt man den Wählern nicht, daß seit dem 1. Dezember 1911 dieses Einfuhrfcheinsystem geändert ist, daß die Tauer der Scheine beschränkt und die Rück-Einfuhr von Petvo- leirrn und Kaffee statt Kvrn verboten ist?

Aus Lang-GönS erhalten wir von sechs Abonnenten folgende Erklärung mit dem Ersuchen um Abdruck:

In vielen gegnerischen Versammlimgen wird stets die Be­hauptung ausgestellt, daß s. Zt. Herr Pfarrer Ko rel l in L a n g- Göns nicht zum Worte gekommen sei: daß sogar Ausschreitungen gegen ihn vorgekommcn seien: ja, ein Wähler in der Werner- Bersammluna am vergangenen Freitag in Gießen behauptete, man sei sogar mit Mistgabeln auf Herrn Karell eingedrunge n". ,

Wir erklären hiermit ausdrücklich, daß Herr Pfarrer Korell damals seinen Vortrag, in dem sachliche Zwischenrufe fielen, be­endete, so daß Herr Pfarrer Korell am Schlüsse der Versammlung noch seine Genugtuung darüber aussprach, daß er seine Ausfüh­rungen ruhig zu Ende führen konnte.

Aus brm Wahlkreis Friedb-rg-Budingen.

wird unS vom 10. Januar noch geschrieben:

Tie Wogen des Wahlkampfes sind nach Weihnachten höher und höher gegangen. Alle Parteien haben nochmals die ge­samten Kräfte zusammengerasft, die im Wahlkreise selbst zur Verfügung stehen oder aus Nachbarkreisen von befreundeter Seite geliehen worden sind. Es ist viel gearbeitet worden, besonders von den Nationalliberalen und den Sozialdemokraten, denen am meisten Zeit zur Verfügung stand, da ihre Kandidaten schon vor langer Zeit ausgestellt worden sind. Die Sozialdemokraten haben diesmal mehr im Stillen gearbeitet, man hat von ihren Ver­sammlungen, zu denen ihnen besonders von Frankfurt agita­torische Kräfte zur Verfügung standen, wenig gehört. Dazu erneut sich ihr Kandidat, der seitherige Mandatsinhaber und Landtags- abgeordnetc B u s o l d - Friedberg, im Wahlkampfe des Vorsprungs, daß er den Wählern von dec Reichstagswahl 1907 und der Ersatzwahl 1910, sowie von der Landtagswahl in Vilbel her schon bekannt ist und sich deshalb nicht überall vorzustellen brauchte. Seine Hochburgen sind die Vilbeler Gegend und vor allem die Städte. Heute wird er in Bad-Nauheim, am Vor­abend der Wahl in Friedberg Versammlungen abhalten. Ob er aber im ersten Wahlgange wieder die Stimmenzahl auf sich vereinigen wird wie bei der Ersatzwahl 1910, ist diesmal sehn in Frage gestellt. Einmal gehen ihm in Bad-Nauheim 200 bis 300 Stimmen verloren, die er dort im Sommer 1910 vom Saison- personal erhielt, dann kommen auch viele freisinnige Stimmen für ihn in Wegfall, die, da die Fortschrittspartei 1910 keine eigenen Kandidaten nominiert hatte, schon im ersten Wahlgang, zu ihm übergegangen waren.

Eine fleißige agitatorische Tätigkeit hat der von den National- liberalen aufgestellte und vom Bund der Landwirte unter­stützte Kandidat Landgerichtsrat Dr. Strack-Gießen ent­faltet. Wenn er auch durch seine frühere amtliche Tätigkeit im Wahlkreise nicht unbekannt ist, so tritt er hier aber politisch zum erstenmal aus und mußte sich daher den Wählern in ausgiebiger Weise bekannt machen. Und das ist geschehen. In den 113 Orten des Wahlkreises sind rund 100 Versammlungen für ihn abgehalten worden, in den meisten hat er selbst gesprochen. Das war nur dadurch möglich, daß ihm außer einigen nationalliberalen Wahl­helfern sämtliche Bündlerführer in Friedberg-Büdingen zur Agitation zur Verfügung standen: v. Helmolt und Hirschel­

Friedberg, Hensel-Dortelweil, Weid-Nieder-Wöllstadt u. a. Erne Tatsache, die die Aussichten Stracks auf dem Lande sehr g ü n st i g gestaltet hat, die aber andererseits, obwohl sein von versöhnlichem Geist getragenes und echt patriotisches Programm allgemeinen Beifall gefunden hat, ihm in den Städten doch manche Stimme verscherzt hoben dürfte. Außer der Entfremdung durch die Wablhilfe der Bündlerführer werden manche Wähler in den Städten, die an dem wirklich nationalliberalen Programm -in. Stracks selbst nichts auszusctzen haben, durch das dem Bunde gegebene Versprechen des Kandidaten, er wolle im Falle seiner Wahl der nationalliberalen Fraktion nur als Hospitant beitreten, davon ab stehen, ihm im ersten Wahlgang die Stimme zu geben. .

Verhältnismäßig spät konnte der Kandidat der fortschritt­lichen Volkspartei, die die Nationalliberalen wegen des Zusammengehens mit dem Bund der Landwirte diesmal nicht unterstützt, in die Agitation eiitireten. Seminarlehrer Leucht- ge n s - Fiüedberg wurde erst kurz vor Weihnachten aufgestellt. Er hat, obwohl ihm nur wenig Wahlhelfer ^ur Verfügung itanben, in den wenigen Wochen aber eine intensive Tätigkeit entialtet. Gegen 40 Versammlungen sind für ihn abgehalten worden, in rund 30 hat er selbst gesproch.'n. Jo-eule wird Lcuchlgens noch in Friedberg sprechen, wo er als Stadtverordneter auch großen Anhang hat. Ganz in der Stille und unter Ausschluß der Oefsentlichkeit hat das Zentrum gearbeitet, dellen Kandidat Rechtsanwalt Schröder -Friedberg ist.

Ter Ausgang der Wahl ist wvhl: Busold und Stvack werden in die Stichwahl kommen.

Tie nationalliberale Korrespondenz

erläßt folgende Aufforderung:

Die Wahlkreis-Vorsitzenden in benjentgen Dahlkreiien, in welchen die Nationalliberale Partei mit eigenen Kandidaten im Wahlkampfe steht, werden dringend gebeten, keinerlei Stich- wahlsonderabkommen zu treffen, sondern ihre Dünsche an die Vorsitzenden und führenden Vertrauensmänner der bundes­staatlichen und provinziellen Organisationen so rechtzeitig weiter zu geben, daß diese Herren, die zum 16. Januar von feiten der Parteileitung der Nationalliberalen Partei zu einer Sitzung nach Berlin berufen sind, die Interessen der in Frage kommenden Wahl­kreise entsprechend zu vertreten in der Lage sind.

Vom Bund der Landwirte.

Berlin, 11. Jan. DieDeutsche Tageszeitung" gibt in ihrer heutigen Nummer die L i st e d e r j e n i g e n Reichstags- kandidaten bekannt, die der Bund der Landwirte auf- gestellt hat oder aber unterstützt. Es handelt sich dabei außer flinf Kandidaten des Bundes der Landwirte um 134 Konservative, 34 Reichsparteiler, 7 Nationalliberale, 32 Vertreter der Wirt­schaftlichen Vereinigung und einen Bauernbündler.

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