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162. Jahrgang
Zweites Blatt
Ur. 265
Giehener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gberheffen
Lic „Eie^ener Zamilienblätter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt ffir den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „tandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Samstag, 9. November 1912
Rotationsdruck und Turing der Brühl'schen Unioersiläts - Brich- imb Lteindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Erpedition und Druckerei: Schul- straße 7. Erpedition und Verlag: e=^ 51. Redaktion: 112. Teß-Adr.: Anzeiger Gieß en.
unter dem die Regierung Abdul Hamids zu leiden Hute, an dem Sef cfricptna^roerfc nur bitter tvenig getan worden. Tie nächste Zutunfl muß ergeben, ob es der ungestümen Angriffswucht der Bulgaren, der bisher nichts staitdgehal- ten hat, bic Stirn bieten tann.
schieben. • .
Tic Regierung wird auch damit rechnen müssen, das; der Finanzausschuß es überhaupt ablehnt, die Besoldungsvorlage noch vor dem Etat in Angriff zu nehmen. Aber nicht allein in der Frage der Beamtenbesoldung hat man alle Ursache, mit dem Gang der Negierungsgeschäfte unzufrieden zu sein, sondern auch in der gestern schon besprochenen Sache des Antrags der Abgeordneten Adelung und Genossen, der die Regierung aufsordert, „ihrer Zusage entsprechend umgehend den Gesetzentwurf, die Gehalte der Kammerbeamten betreffend, zur Ausführung zu bringen". Tie kommenden Kammersitzungen werfen also ihre Schatten voraus. Es scheinen heiße Tage bevorzu- stehlm, denn bis tief in die rechte Seite des Hauses hinein ist man mit dem Verhalten der Regierung durchaus unzufrieden. Und diese Stimmung wird auch unumwunden in den Tezembertagen zum Ausdruck kommen.
Beamte auf dem Laude und die Kosten fiir Kmdererziehung.
bs. Darmstadt, 8. Nov. Ter Aba. Tr. Osann hatte vor einiger Zeit an die Regierung die Anfrage gc-
Anr Stadt und Land.
Gienen, 9. November 1912.
Ter Martinstag.
Am Martinstag wird manchem Gänschen beklommen zumute sein, denn "an diesem Tage erscheint allenthalben der Gänsebraten auf dem Mittagstische. Tic Gänse sind in dieser Zeit außerordentlich schmackhaft, und so ist es Sitte geworden, an diesem Tage den duftenden, brauneu Braten auf den Tisch zu bringen. Der Brauch ist uralt. Schon im 12. Jahrhundert läßt er sich urkundlich nachweisen. Roch andere Sitten haben am Martinstage Geltung. Der Böcker bäckt die Martinshörner, auf den Bergen entzündet man Martinsfeuer, und in Schlesien erwartet man am 11 November den ersten Schnee, nämlich .Herrn Martin mit seinem Schimmel. „Herbei, herbei zur Martins- gans", heißt es in einem Volksliede bei Uhland. Ter Mar- tinslieder gibt es eine ganze Menge, von denen jetzt nur noch Bruchstücke erhalten sind. Der Lübecker Senat sandte früher, kraft alten Brauches, dem fürstlichen Hofkeller zu Schwerin am Martinstage ein Ohm Rheinwein. Die Sen- buna war mit Zeremonien aller Art umständlich audge-' stattet. Ihren Ursprung soll sie in einer Vereinbarung wegen Grenzstreitigkeiten haben. Jetzt ist sie außer Brauch gekommen. Schlemmer und Trinker nannte man, nebenbei bemerkt, früher „Martinsmänner".
♦* Ordensangelegenheiten Der Großherzog hat das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen dem Hauplmann v. Henning auf Schön ho ff im Generalstabe der Armee, seither Batteriechef im 2. öeii. Feld- Ai tillerie-Regiment Rr. 61: die Goldene Medaille des Ludewigs- Ordens dem Garde Vizescldwebel a. T. D il l em u th, seither in der Hess. Garde Unteroffizier-Kompagnie, und dem Postdircktor Emil Hcnriey in Offenbach die Krone zum Ritterkreuz 1. Klage
Aus ßcficti.
Die Beamienbeso dungsvorlage
Unser Darmstädter bMitarbeiter schreibt uns:
Tas Frage- und Autwortspiel in der Besoldungsvorlage dauert an. Tic Öffentlichkeit hat bis fetzt weiter nichts über den Stand der Vorlage erfahren können, als was !)ier und da in der Presse darüber gesagt werden konnte. Die Regierung begnügt sich damit, auf Anfragen immer nur zu antworten? daß diese oder jene in die Presse über- gegangene Nachricht „auf Kombinationen beruhe, denen jede tatsächliche Unterlage fehle". Sic erklärt bann weiter, daß auch von finanziellen Schwierigkeiten oder gar von Unstimmigkeiten innerhalb des Ministeriums keine Rede sein könne. Man wird bei der Bemerkung der Regierung, >aß es yon den Ständen abhinge, ob die Vorlage noch' vor dem Etat verabschiedet werden wird, sich des Gcdan- ens nicht erwehren können, als wollte man auf die Stände einen gelinden Truck ausüben, die Vorlage, wenn man überhaupt deren Verabschiedung erreichen will, durchzupeitschen. Rach der ganzen Sachlage gilt es als ausgeschlossen, daß die Vorlage verabschiedet werden kann. Ter Finanzausschuß braucht zur Durchberatung eines solchen Gesetzes mindestens zwei Monate Zeit. Wenn also die Kammer erst im Dezember zusammentreten soll, wird man bei Abzug der Weihuachtsferien nur schwer an eine Möglichkeit glauben, das Gesetz zustande zu bringen. Selbst dann nicht, wenn die Stände ben besten Willen, bic Sache zu beschleunigen, mitbringen. Bei ber Bedeutung beS Gesetzes unb ber bamit verbundenen Schwere ber Verantwortung läßt sich ein übereiltes Arbeiten in keiner Weise rechtfertigen. Hanbclt es sich boch bnrum, ein Gesetz zu schaffen, bas ben Beamtenstanb ans lange Zeit hinaus zu- friebenstellt. Aber auch beit Beteiligten selbst muß Zeit gelassen werben, sich in Wort unb Schrift zu ber Vorlage zn äußern. Eine Mitarbeit der öffentlichen Meinung erleichtert ben Kammermitgliedern ihre Arbeit erheblich. In einer so wichtigen Angelegenheit darf eben bic Öffentlichkeit nicht ungchört bleiben. Mau mag die Sache also drehen unb wenden wie man will, die Regierung trifft immer bic Schuld, baß sie die Bfolbungsvorlage^in bureh- aus übermäßiger Weise verzögert hat. Die „Schmierig- feiten ber Berechnung", bie bic Schuld» an bem Hinziehen tragen sollen, sind kein ausreichender Grunb. Hatte man denn nicht jahrelang Zeit, sich auf biese Schwierigkeiten vorzubereilen? Wir glauben also nicht an bie Erleb,gung ber Vorlage vor bem Etat. Noch viel weniger aber können wir es billigen, wenn hier ber Versuch gemacht werden soll, bie Schuld» ber Nichtverabschicbung ben Ständen zuzu-
j Von der Höhe dieser Wasserscheide bietet sich bem Bc- fifraucr bei klarem Wetter ein unvergleichlich schönes Bild. Km Norden mögen schier endlos bie Fluten des Schwarzen Neeres stets unruhig hin und her, nach ©üben zu scheint sich ein bewaldetes Hochland zu erstrecken, aus bem hie unb da ein paar Gipfel bmorlugen. Fern im Osten zeigen sch bic Umrisse der Berge ber asiatischen Küste des Mar- narameereö. Tic ganze Gegend macht eher den Eindruck eines Plateaus, als eines Felscngebirges en miniaturc, das sie im Grunde genommen ist. Im Westen der Wasserscheide ivächst bann eine höhere Hügelkette empor, für bie Bulgaren wohl bas bedeutenbste natürliche Hindernis, das itc auf ihrem Vormarsche zu überwinden haben werden. Ter .Hauptberg dieser Hügelkette ist der K u s ch ka j a T c p e , eine wild zerklüftete Doppelspitze. Ter südliche Endpunkt ber Bfcstigungslinie, Böjük-Tschekmebze, ist emo auf st re- bonde Stadt, bic allerdings schon einst bessere Zeiten ge- seben hat. Im Jahre 1847 hat aber bie Pest bort furchtbar gewütet; nur allmählich hat sich das Gemeinwesen von diesem Schlage erbolt. T ’ ......
Jcr Fluß Karasüber?, der sich einen
richtet, welche Beamte auf dem Land c genötigt seien, ihre Kinder in auswärtige Pension.' n zu geben, um ihnen eine höhere Schulbildung angcbeiheu zu lassen, da in den Berbandlungeii über die Besoldungsvorlage mehrfach daraus hing.wi.scn wurde, baß es „ich. recht sei. beit Beamten in ben Stabten ein höheres Wohnu..g:gelb zu gewähren, da den auf dem Lande wohnenden Beamten bic Erziehung ber Kinber höhere Kosten verursache. Auf biefc Anfrage hat nun das M i n i ft c r i u m folgende Auskunft erteilt: In Hessen sind 1300 akademische und 2336 nickt akademiscke Beamte, zusammen also 3636. Von diesen wohnt ber weitaus größte Teil in ben Städten oder Orten mit höheren Schulen Im ganzen Großherzog- tum haben 23 akademisch gebildete unb 9 nicht akademisch gebildete Beamte Kinder in Vollpensionen an Platzen mit höheren Lehranstalten. Weiter senden 41 akademische unb 93 nicht akabemische Beamte ihre Kinber in eine auswärtige Lehranstalt, indem diese mit der Bahn fahren ober zu Fuß gehen.
Orte, in welchen Staatsbeamte wohnen, die aber reine höhere Lehranstalt besitzen, uno keine für bic Schulen günstige Verbinbung nach Orten mit höheren Lehranstalten haben, gibt es in Starkenburg 12, in Oberhessen 25, in Rhein Hessen 2. In solchen Orten wohnende Beamten gibt cü. in Hessen 100. Es steht nicht fest, ob unb wieviel >hnbcr diese haben, bic höhere Schulen besuchen. Es gibt in Hessen 11 Gymnasien, 3 Realgymnasien, 8 Ober realschulen, 6 höhere Mäbchenschulcn und 30 höhere Bürgerschulen. Die Kinder von Lehrern sind in diesen Darlegungen des Ministeriums nicht berücksichtigt, da deren Wvhnungsgcld anders geregelt ist.
Zum landwirtschaltlichcn Unfallgeseh.
bs. T a r m ft a b t, 8. Nov Der Zweite Ausschuß trat heute nachmittag zu einer Sitzung über bie Gesetzes- Vorlage, Ansfül.rungsbestimmungeu zum landwirtschaftlichen Unfallgfetz, zusammen. Beschlüsse irgcito welcher Art sind heute nicht gefaßt worden, da für morgen eine weitere Sitzung, au der auch bie Regierung tcilne'hmen wird, anberaunü ist.
Durch den ganzen Landstrich fließt ■er tfkuy, mulujuuti., ver sich einen Weg durch eine jener bem Lande eigentümlichen Schluchten gebahnt hat, bic w.e jihe Einschnitte quer durch die Bergreihen aussehen. Er bildet daher auch vom Marmarameer angfangen, bis zum Rücken des Jstrandza-Balkau für bie ganze Bfestigungs- fiont ein ausgezeichnetes.Fronthinbcrnis, und bie)er Vorteil iarb noch burd) die im etwa 15 Kilometer langen Unterlaufe meist 2000 bis 4000 Schritte breite und versumpfte Talsohle erhöht. Von 1877 an hat die türkische Regierung planmäßig diese Befestigungslinie ausgebaut. Zuerst war es Blum-Pascha, bann )pater Baker-Pascha, die die Lcicking des Befestigunaswerles inne hatten. In den fol- gensen Jahren ist aber in folge des chronischen Geldmangels,
wie Honftantinopel geschützt ist.
Tont revient! Es war im Jahre 512, als der byzantinische Kaiser Anastasius I., um das goldene Byzanz gegen -io wilden, von Norden her drängenden Bulgarenhorden zu schützen, von Meer zu Meer, vom Schwarzen Meer mm Marmarameer einen Schutzwall errichtete, für jene Zeit eine schier uneinnehmbare Bfftigungslinic. Heute hogt der Wall in Trümmern, unb nur wenige Stellen leben noch von alten Zeiten. Als bic Türken im 14. Jahrhundert das Land unterjochten, da haben sie es sich wohl richt träumen lassen beim Anblick dieser alten Bfcsti- «mngslinic des Kaisers Anastasius, daß sie dereinst ge- iötigt sein würden, auf denselben Beffttgnngsbau zurück- zufa'llen; ja aller Voraussicht nack) wird gerade in dieser Ocgcnb vielleicht schon in wenigen Tagen das entscheidende Wort über Sein ober Mchtscin der europäischen Türkei gesprochen werben. Das Laub des alten Schutz- nrrUey betommt damit wieder eine historische Bedeutung. Al'crdings stimmt heute die Verteidigungslinie nicht mehr genau mit der uralten des byzantinisch?u Reiches überein, die modernen türkischen Forts, die Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ihre Eittstehung genommen haben, liegen um etwas mehr als einen halben Tagc- marfch zurück. Sic bilden die in neuester Zeit bekannt geworbene „T s ch a t a l d s cha", ober, wie sie auch genannt wirb, Tschekmedze-Linie. Sic erstreckt sich Don dem Tscha- taldscka-See, der etwas nördlich von Böjük-Tschekmebze, am Marmara-Meer, liegt, bas ja in zweiter Linie Pate gestanden hat, bis herauf nach Kara Burun, am Sckw irzen Meere. Kara Burun, ehemals ein kleines Torf, hat erst durch bic Bfestigungsanlagcii an Bedeutung gewonnen, sss liegt auf dem Gipfel des Kapgebirges, nicht weit von fern salzigen See von Derkos, der nur durch einen höchstens 1000 Schritte breiten Isthmus vom Meere getrennt ist. Derkos! Schon der Marne erinnert an die griechische Antike, mb an den Ufern des Sees legen Ruinen ein beredtes Zeugnis von ber einstigen Glanzz.it ab. In ber Nähe des ,Terkos-Göl", nicht weit von Ajakadin, liegt auch bie Wasserscheide zwischen dem Sck;warzeti Meere unb dem Narmarameere.
Lrnnen-Lenilleton.
Frau von Stein als Goethes Erzieherin.
In diesen Tagen erfef ?int das mit Spannung erwartete Buch, das Houston Stewart Chamberlain Goethe Wibmct.
ist ein Buch, bas vorausichtlich in Zunfikrenen manchem Widerspruch begegnen, aber auch durch die Unbefangenheit, mit der Go et les Leden und Schassen darin behandelt ut, viele Freunde sinder wird. So manche Goetl e Legende wird von Ehamber- lain jerstört. Er folgt den Spuren Heinrichs von .stein, wenu er bic berühmte Vorstellung von dem „harinonochen Goethe lur eine Phantasie, unb obendrein für eine schlechte Phantaye, erklärt imb Goethen vielmehr als eine durch unb durch tragbare, eine rastlose Kämpsernatur kennzeichnet. Er wendet Itd) gegen die gleichfalls schon zunr völligen Gemeinplätze gewordene Kn- schonuin, daß Goetl,? ein unphilofophischcr Kopi gewesen iei und eröffnet feine Einblicke in ben Mechanismus, mit dem bieier Riesenlrist arbeitete. „ „ . , . . m
Turä aus selbständig behandelt Chamberlain auch ,enes Verhältnis zu Frau von Stein, das ja ein klassisches Problem der Goetheliteratur bildet. Chamberlain nimmt es durch-auS von leiner realen Seite, indem er vor allem teststellt, datz Goethe, als er naa Weimar kam, dort überhaupt keine andere H-rau wnb, an die er sich anschließen konnte, als eben Charlotten von ^tetn. Und btter not'tat ihm der Anschluß an vertraute, tur ihn «ich intercncrciibe Personen, denn nicht allein war das Weimar, in das er kam, das prosaischste Nest, bas man sich beulen kann, sonderi Goethe stieß auch von dem Augenblicke an, als er in Umt unb Würden einrüctte, ans den allgemeinen, orrenen oder heimlichen, in Klatsch unb Kabalen aller Art sich ausdruckeiiden Widerstand der l-Üischen und aristokratisck)en Clique. Liesen Gegnern aber war ei zunächst noch nickt gewachsen, ^.es Fürsten ^Hand allem konnte ihn bud nicht gut halten: er brauchte erne stutze etneii Rücklult, und was er obendrein, unb vielleicht noch mehr al* alle.' andere, benötigte, das war, in jenen Fornten der vornehmeil Ge- sellschist heimisch und ihrer Meister zu werden durch bie er allein seinen höfischen Gegnern gewachten iem konnte.
Nit ebenso viel Kenntnis wie tfcmbeit hat nun Chamberlain die Zeugnisse gesanimelt, die dafür sprechen, baß Dich
tung bic Beweggründe zu suchen imb, die Gott he Charlotten von Stern in bic Arme geführt haben. „Jie ötein halt imch >me ein Korkswams über dem 'Bann": m dreiem Geitanbni"e »pricht sich deutlich genug aus, wie wichtig ihr EiMlutz damals Goeth..i ershien. Und was ihre Tätigkeit als inne Grziehertn zur „vornehmen" Lebensart anlangt, so licgai auch darüber unziveidcultgc
Zeugnisse vor. „Hott' ick, ohne Dich je meinen Lieblingsirrtümern entsagen mögen?" ruft Goethe einmal aus: und als er lerne erste größere diplomatisch. Mission aussühri, schreibt er an Char > lottc mitten unter ben Schilderungen seiner Audienzen und politischen Erlebnisse: „Das danke ich Dir, Liebste, alle Tage, daN ick; Dein geworden bin und baß Du mitt) auss Recht? gebracht last.' Bon derselben Reise aus meldete er: „Ick versuche alles, was wir zuletzt über Betragen, Lebensart, Anstand und Bornehmigkeit abgehandelt haben, lasse mich gehen unb bin mir immer bewußt."
Hiernach kann es eigentlich nicht nninber nehmen, wenn in Goethes Bekenntnissen so ost der lltitergcbantc austaucht, dag es nicht ttgentlichc Liebe sei, was ihn nut der Stern verbinde. Bekannt genug sind ja die Verse: „Du. warst in abgelckien Zetten meine Sck>wester ober meine Frau. " Ein anderes Geständnis:
Gestern von Ihnen gehend, hab' ich noch) wunderliche, Gedankm gehabt, unter andern, ob ich Sie auch wirklich liebe? ober ob mick Ihre Nähe nur wie bie Qkgcnnart eines io reinen Glases freut, barin sichs so gut bespiegeln läßt." Goethe selbst allo hatte, wie Chamberlain bemerft, in ruhigen Augenblicken cm ganz richtiges Gefühl von ber eigentlichen Natur seiner Beziehungen zu Clarlotte, während cs die dichterische Ekstase, die zur erhöhten Gestaltung seiner Erlebnisse drängende Phantaiie war, die ihn m seiner Poesie ein Idealbild Charlotrcns aurncksten ltetz. Was andererseits das Verhältnis Charlottens zu Goethen angeht, ,o weist El ainberlain auf die kühle Verstandesschanc hin, bie ne, wie er meint, vielleicht von ber schottischen Familie ihrer Mutter ererbt hat Daß sie später gegen Goethe so bitter war, erklärt sich, baraus, baß iic ihm zu nahe gcLomnum ist: ste verlor die Distanz für seine Größe: sie war nicht groll genug, um bem Außerordentlichen gegenüber ihre Ruhe zu Goethes
Gefühle für Charlotte scr.ten und tlarten sich, nachdem |ie ihre große Erziehungsaufgabc an ihm Dollcnbet hatte, aber immer blieb er ihr in tiefem Danke verbunden, weil er wußte, was er ihr schuldete, und noch später hat er von diesem „heilig sonderbaren" Verhältnisse gesagt: „Es kann nicht mit Worten ausgebruckt werben."
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— Allrussischer Kongreß für Frauenbilbung. Tic „russische Liga für Gleichberechtigung ber Frau" ist im Begriff, noch für (Silbe dieses Jahres einen allrussischen Kongrek für Franenbildung nach St. Petersburg eiuzubemsen und hat die umfangreichen Organisationsarbeiten dazu nahezu vollendet. Aus allen Teilen des Reichs, selbst aus dem fernen Uten, werden Vertreterinnen erwartet, unb man reckmet auf etwa taufenb Teilnehmerinnen, ba fast alle Korporationen, bie für Erweiterung bet
Frauenrcckte wirksam sinb, bie Absenbung von Delegierten zugesagt haben. Zahlreick>e Vorträge über alle einschlagenben unb nlfuellcit Fragen sinb bereits angcmelbet. Mit bem Kongreß ist eine Ausstellung geplant, bereu Dauer auf einen Monat bereckmet ist. Sic scheint red t gut beschickt zu werden und sott ein möglichst vollständiges Bild des gegenwärtige» Standes ber Frauenbilbung in Rußland geben. Der jetzige Minister ber VolksaufNärung m Rußlanb steht der Frauenbewegung ronüg sympathisch gegenüber hat bis jetzt zu dem Kongreß keine Stellung genommen. 'a.a besondere Gruppen für Schulhygiene, die in Rußland außerordentlich viel zu wünschen übrig läßt, und für andere Verbeise- rungen im Voltssck ulwesen gebildet worben sind, so hofft man, daß bic Regierung sick nicht ganz müßig zeigen unb sich namentlich nicht so ablchneiib verhalten wirb, baß sic ben Lehrerinnen unb sonstigen staatlichen Angestellten ben Urlaub versagt. Etwas Neues bürsten bic Arbeiten russischer Baumeisterinnen bringen.
ff. Eine Japanerin über Japans Frauen. Die japanische Dichterin Akiko Yosano, bic vor kurzem Europa ausgesucht hat, hat, wie ber „Japan Heralb" mitteilt, einem europäischen Interviewer ihre Meinung über Japans Frauen mit» geteilt. Die Europäer, so meinte sie, haben gewöhnlich eine ganz falsche Vorstellung von der japanischen Frau. Ehemals lief bie japanische Erziehung baraus hinaus, bas Mäbchen zum Beruß der Hausfrau vorzubilben. Heute, wo bic wirtschaftliche Lage ganz anbers ist, bereitet Japan seine Töchter baraus vor, baß sie ihren Lebensunterhalt selbst gewinnen können, unb so bilden iid Tausende aus unb werben Aerztinnen, Schriftstellerinnen, Musikerinnen, Beamte usw. Auch anbere japanische Sitten haben sick sehr bem europäischen Vorbild? angepaßt. Noch vor drttßig Jahren verheirattten sich in Japan junge Männer von 17 Jahren mit 13jäl;rigcn Mädchen. Heute müssen bie Pfänner länger studieren, und auch die wirtschastliche Lage schraubt bas Httrats- altcr in bic Höhe. Heute heiratet selten em Mann vor bem 25., eine Frau vor bem 18. Jahre, und bie .Anzahl derer, bie überhaupt nicht heiraten, nimmt mehr unb mehr zu. Daß eine Ehe burch Vermittlung zustande kommt, wie es früher der Fall war, hat sick nur noch bei wenigen Familien erhalten, bic bei den alten Ueberlieferungen bleiben wollen. Heute heiratet die Japanerin genau wie bic Europäerin, ja sogar die japanische Hochzeit ähnelt ber europäischen, man geht in ben Shintotempel und läßt den Ehebund segnen, unb hieraus begibt sich bas junge Ehepaar mit den Verwandten in ein vornehmes Gasthaus. Nur das bleibt noch als Unterschieb, baß die Japanerin sich nicht gegen ben Willen ihrer Eltern verheiratet.


