Ausgabe 
8.11.1912 Zweites Blatt
 
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162. Zahrgang

Zweiter Blatt

Nr. 264

Gießener Anzeiger

Erschein« täglich mit Ausnahme des Sonntags.

TieLandwirtschaftlichen Zeil-

wöchentlich.

General-Anzeiger für Oberhessen

fragen" erscheinen monatlich zweimal.

DieOiehener ZamilienblStler" werden dem ^Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Krdsblatt ftir den Kreis Liehen" ziveimal

Freitag. 8. November 1912

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen UniversitälS - Brich- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strabe 7. Expedition und Verlag: e^#»ol.

Redaktion: L-sSl 12. Tel.-Adr.: Anzetger>Ließen.

politische Tagesschau.

Ergebniffe des Heereserganjnngögeschäftes.

Nach der dem Reichstage soeben zrig gangenen Nachwei­sung sind im Jahre 1911 in Deutschland insgesamt 223 925 Hesteltungspsüchtige ausgehoben worden, von denen 14 472 der Marine überwiesen wurden. Im Jahre 1910 betrug die Gesamtzahl der Ausgehobenen 216 301), darunter 10 779 für die Marine. Die Steigerung beträgt mithin für das Landheer 7616, für die Marine 3693, sie war für letztere also im Verhältnis ungleich stärker als für jenes.

Freiwillig eingetreten sind in das Heer 63 314, im Vorjahr 64 077, und in die Marine 4915 (50691, zusam men also 68 229 gegen 69 146, d. h. etwas weniger als im Jahre 1910. Hiervon sind vor Beginn des militärpflichtigen Alters eingetreten in das Landheer 26 786 und in die Ma­rine 2913, insgesamt also 29 699 gegen 29 256 im Vorjahr. Es sind mithin im ganzen in Deutschland 1911 ausgehoben lvorden oder freiwillig einge­treten 287 239 Mannschaften gegen 285455 im Jahre 1910 und 282 554 im Jahre 1909. Ausgemustert sind durch endgültige Entscheidung der Ersatzbchörden 35 500 (im Jahre 1910 34 067), ausgeschlossen 826 (850), den« Landsturm 142 307 (146 226) und der Ersatz- oder Marine-Ersatzreserve 87 652 (93 259) überwiesen worden.

Die Gesamtsumme der nicht ausgehobenen Gestellungspflichtigen ist, wie sich hieraus ergibt, im letzten Jahre im Vergleich zu den früheren Jahren nicht unerheblich ges-unken. Andercrjeits ist aber auch die Zahl der Tauglichen im letzten Jahre im Ver­gleich zu der Zahl der endgültig Abgefertigten gegen das vorhergehende Jahr wieder etwas gestiegen. Sie stellte sich auf 302 242 gegen 565 520, d. h. 53,44 v. H., während sie im Jahre 1910 nur 53,3 v. H., 1909 dagegen -.3,6 v. H., und 1908 sogar 54,5 v. H. betrug. Der Rück­gang der früheren Jahre ist also 1911 zum Stillstand ge lommen, allerdings ist noch nicht einmal der Prozentsatz des Jahres 1909 erreicht.

Bon den auf dem Lande Geborenen und in der Land- und Forstwirtschaft Beschäfiigten waren 58,13 (58,2) v H. tauglich, von den auf dem Lande Geborenen, anderweit Beschäftigten 55,49 (55,1) v. H.: von den in der Stadt Geborenen, in der Land- oder Forstwirtschaft Beschäf­tigten 55,18 (56,2) v. H., und von den in der Stadt Ge­borenen, anderweit Beschäftigten 48,94 (47,9).

Die Unkosten des Tripoliskrieges.

Der italienische Finanzminister Tedesco hat soeben eingehende Mitteilungen Über die Kosten gemacht, die der Krieg u in Tripolis dem italienischen Schatzamt ans- erlegt "hat. Danach stellt sich die Summe, die dem Kriegs- miinftcrium und der Admiralität während der 12 Monate des Feldzuges zur Verfügung gestellt wurde, auf 366 Millionen Mark. Von diesen entfallen auf die Armee 309 und auf die Flotte 57 Millionen. Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß ein beträchtlicl>er Teil dieser Summe, nämlich mehr als 80 Millionen, nicht für den unmittelbaren Kriegsbedarf, sondern für die Ergänzung der Vorräte und Verbesserung der Wersten notlvendig wurde. Es kommt länzu, das; die beiden libyschen Häsen Terna und Bengasi häufig im Herbst unbenutzbar sind und daß infolgedessen viel größere Mengen von Kriegsmaterial und Verpslegung herbmgeschasst werden muhten, als sonst notwendig ge­wesen wäre. Mau kann mithin etwa 80 Millionen Mark von dem außerordentlichen Kredit von 366 Millionen, der dem Schatzamt für die Durchführung des Krieges zur Ver­fügung gestellt war, in Abzug bringen, so daß sich an reinen Ausgaben bis zum Friedensschluß 288 Millionen ergeben für- eine Zett von ziemlich genau 12 Monaten.

Das bedeutet für jeden Tag eine Ausgabe

von MIDI) HD M ark. In dieser Periode beliefen sich die Einnahmen des italienischen Schatzamts aus 2,5 Mil­liarden Mark und die gesamten Ausgaben auf 2,3 Milliar­den. Die Zahlen bedeuten «gegen das Vorjahr ein Amvachsen von 165 bezw. 85 Millionen Mark. Dem italienisclzen Schatzamt standen folgende Guthaben zur Verfügung: 48 Millionen Staatsgelder bei der Bank von Italien; 71 Millionen noch nicht ausgegebene Schatzanweisungcn; 66 Millionen Guthaben bei den ausländischen Bauten und 121 Millionen, welche die italienischen Notenbanken dem SckMamt zur Verfügung zu stellen, hatten. Dieses hatte mithin am Vorabend des Friedensschlusses noch ein Gut- haben von 308 Millionen Mark. Wenn man nun weiter berücksichtigt, daß 40 Millionen Mark voraussichtlich zur Ablösung der Rente von jährlich 1,6 Millionen erforder­lich sein werden, die die Türkei als Entschädigung für ihre Einnahmen aus Tripolis nach dem Friedensvertrage zu erhalten hat, und wenn man weiterhin die Kosten der Rückbeförderung und Entlassung des größten Teils der noch in Libyen befindlichen Armee in Rechnung stellt, so kommt mau zu dem Ergebnis, daß sich die G esa m t ko st e n der Annexion von Libyen auf 340 Millionen Mark belaufen.

Prügelstrafe gegen Zuhälter in England.

Das englische Unterhaus hat gegen Zuhälter die ge­setzliche Prügelstrafe beschlossen. Die ursprüngliche Vor­lage, die gegen den Mädchenhandel gerichtet war, bestimmte, daß Zuhälter und Kuppler bei einem ersten Vergehen noch nicht mi« der Peitsche Bekanntschaft machen sollen. Ein Zusatz- antrag, der am .Freitag im Unterhause gestellt wurde und auch durchkam, bestimmt nun, daß die Prügehtrase auch schon bei Erstvergehen in Anwendung gebracht werden soll.

Ein in der Londoner Geheimpolizei in leitender Stellung befindlicher Beamter vertritt die Ansicht, daß die neue Vorlage, falls sie Gesetz werde, England zumindest von der Hälfte aller Zuhälter und ähnlicher Eharaktere für immer befreien würde. Alle diese lichtscheuen Gesellen konnten bisher völlig, ungestraft ihrem dunklen Gewerbe nachgehen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch irgend ein andres Vergehen mit der Behörde in Konflikt kamen und auf diese Art ihr lichtscheues Handwerk den Autori­täten bekannt wurde. Unter dem bisher bestehenden Elesetz konnte ein Zuhhlter oöer Kuppler für ein mit dein Mädchenhandel in Beziehung stehendes Verlachen zu drei Monat.n verur. Ui iv.rben. Dies gilt von einem Erstvergehen. Bei einer zweiten Verurteilung aus der gleichen Uriacbc kann er zu zwölf Monaten Gefängnis und zu zwölf Rutenstreichen verurteilt werden. Diese Art der Prügelstrafe kommt aber nur höchst selten in Anwendung. Die neue Gesetzesvorlage trifft nun nickt nur die Bestimmung, daß die Prügelstrafe schon bei einem Crstvergehen dieser Art, sondern in ihrer schärf st en Form (durch Verwendung der Peitsche« angewandt werden soll. Peitschenhiebe sind von Rutenhieben ganz und gar verschieden. Das Auspeitschen wird von Verbrechern als eine der schlimmsten Strafen angesehen.

Bei den Londoner Richtern hat, so wird aus London berichtet, die Vorlage, die das Auspeitschen bei Erstvergehen in Anwendung bringt, Billigung gefunden. So äußert sich der volkstümliche Richter Plowden in dem Sinne, daß er das Auspeitschen in einer Reihe von .Fällen befürworte, wo das Gesetz seine An­wendung nickt empfehle. Die Prügelstrafe dieser Art würde den Mädchenhandel in England wirksamer lahmlegen als irgend eine .andere gesetzliche Maßnahme.

t>cufidK Kolonien.

Als Abhilfen gegen die einietretene Stockung der Viehzucht

in Deutsch-Südwestafrika

finben sich in derKolonialzeitun g" folgende Vor­schläge:

Schneller als geahnt ist in Südwest der Zu stand erreicht, daß im Schutzgebiet selbst der Verbrauch von Schlachtvieh dem Angebot nicht mehr entspricht. Dies bat teils seine Ursache darin, daß Seuchen nicht in nennenswerter Weise auftraten, teils darin, daß mit Verminderung der Sclxutztruppe und Entlassung der Bahnbauarbeiter die Zahl der Konsumenten zusammenschmolz, während leidlick-e Regenjahre eine befriedigende Vermehrung des Viehes zuließen.

Die Folge dieser Absatzstockung ist ein Preissturz, für Schlackt wie auch Muttervieh, der fick für das ganze Wirtschaftsleben empfindlich fühlbar, mackt. Schlimmer als die relativ ww absolut stark verminderte Kaufkraft der Farmer der Prozentsatz des Preisrückganges ist iveit größer als der der Viehvermehrung schlimmer auch als die Stockung in der.Anlage von Meliorationen als Folge des Bargeldmangels ist der starke Rückgang des Vteh- gewichte«. ,

Tic Tochtergesellschaft der Liebig Eo. verpflichtete sich nun unserem Gouverneur gegenüber, eine Ervortsck/lächterei zu be­gründen, sobald der Antrieb genügt. Von dieser AussickN und Hoffnung allein können die Farmer nidrt leben. Nur wenige reiche Farmer und die Gesellschaften können olmc den Erlös aus Schlackt viel) bestehen und können es sich leisten, spekulationsweise Ochicn und Hammel zum Verkauf bis zu einem pielleickft erst nach Jahren cintrctenden Zeitpunkt der Preissteigerung zurücLelwlten.

Was uns not tut, ist Kredit auf Vieh, das in Zukunft exportiert werden soll. Das würde den Markt vor Ucbersüllung retten und einen erträglichen und feiten Pmsttand ermöglidten. Vom Grntcfrebit würde sich dieser Exportviehkredit durch Lang sristigkeit unterfdjeiben. Tic Regierung würde es in der Hand haben, teils dadurch, daß sie für Dcffnung der südafrikantscknnt Grenze Sorge trägt, teils durch frühzeitige Errichtung einer Ex- portschläckterei veranlaßt, diese Frist herabzusetzen. Wäre der gestalt Stabilität in die Dichpreise gebracht, so würde eine Menge neuer Siedler das Schutzgebiet aufsuck-en und durch Herdenankanf auch den Preis des Mutterviehs wieder Herstellen."

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Gießen, 8. Nov.

Der Konzertverein fefombt uns: Für den Hiniveis auf die Enge der Plätze können mir dem Verfasser desEingesandt"! in der Dienstags-Nummer nur dankbar sein. Tie Stillste der vorderen Reihen sind nach unseren Feststellungen tatsächlich und entgegen unseren Anordmingen zu dicht aneinander gestellt ge­wesen. Trotz des beschränkten Raumes wurden inzwischen Vor­kehrungen getroffen, daß die Abstände zwischen den einzelnen Stühlen und Reihen für die Folge größer werden.

Die Aufsicht über Heizung und Hwrderobe liegt Herrn Haus­verwalter Ritter ob, der berechtigten Klagen nach Möglichkeit abhelfen wird. So sollen die Garderobeverhältnisse künftig so geordnet werden, daß an jedem einzelnen der versüß ebenen Stände deutlich diejenige Reihe von Nummern gekennzeichnet ist, für die er allein und ausschließlich die Garderobe annehmen darf. Tic verehrten Konzertbesucher werden in ihren eigenen Interesse gebeten, streng darauf zu achten und ihre Garderobe nicht an einem beliebigen, fonbern ausnahmslos nur an jenem Ständer abzugeben, der mit der Nummer ihrer Plätze korrespondiert.

Noch sei bemerkt, daß der Zugang für die Jnlwber von Galerieplätzen lediglich von der Goethestraßc aus erfolgen kann, weil die nach dem Saale gehende Tür zur Vermeidung von Gegenzug erst nach Beendigung des Konzerts geöffnet wird.

Ter Vorstand des Konzert-Vereins.

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