162. Jahrgang
Zweiter Blatt
Nr. I
Erlchetm tSqlich mtt Ausnabme des Sonntag«.
Tte „siebener Somllienblätter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt. da« „Mrtisblart für öen Urei, Liehen" zweimal wöchenil'ch. Die „LandwirNchastttcheo 3ett* frage»" erfchemen monatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Dienstag, 9. Januar |9P
Retationtbrua und tkrlaq der Brüdlfchen UnwersilälS - Blich- und c letnbrudetcL R. Lange, (Sicßcn.
Redaktion. Expedition und £ ruderet: Ech ulst, ave 7. Exved Non mid Verlag: e^K öl.
Redaktion: ^^112. r.el.<'ldr-VnzeigerGleven,
Die Reichstag;wahlb:wegung.
Berlin, 8. Ian. Gestern sand im Architektenhause in Berlin zwischen den 'Vertretern einer größeren Anzahl btt bcdeii- irnhiten Beamten» und St aa tSa rbc i t er -B e r b a nd e eine Besprich linq Natt, die zu einer- DahlKmdzcoung gegen Die Sozialdtvitktattc - übrigens ohne Fcsllezung auf das Programm bestimmter bürgerlicher Parteien — führte.
-LuS dem Wahlkreis Gießen-Grünbcrg-Nidda.
Zu btn WahlanfichtSkarten des Bundes der Landwirte.
Auf die Berichtigung des Bundes der Landwirte, wonach die tUaniiDtv.arten doch in Deutschland hergestellt seien, erwidert eine Zuschrift aus dem Wai-ivureau der liberalen Parteien:
1 Die Nachricht, baß diese Karten ausländisches Fabrikat seien, cruyien am 22. Dezember 1911 im „Vorwärts" Original aui Sem Wahiburean hier. ,,
2. 'Am 2... Xcsembcr erklärte die „Teutiche Tageszeitung , wenn o.c hcticn im Auslände hergenclit seien, trcife Die Daran nicht den Bund ocr Lanswirtc, der d.e Karten bei zwei deutichen Agenten, je einen in Hamburg und Berlln teitcilt baue.
3. tycrlitte Utfiävunflcn si. d niujt tt|d)iencn, uns rocnigiicity nia-t zu Gericht gcionimi n, wähl erklärt d.r „Bauernbund" am 6. Januar noch, oie harten stammten aus dem 'Ausland.
4. t)cute, am 6. Januar, cricüemt b:r Bund der Landwirte und bciireitei in ©teßcn die btia-iigkeit der Angaben in jener Gewerbi'gcrM'ti fitzung zu Berlin aut 20. Dez emo er. Warum hat man so lange damit gemttet ? Und warum bestreitet nicht die Zentralleitung des Bundes, die doch sicher unterrichtet ;cin utun, wäh.end tu Gieren (an Ptensch wisjen kann, wie die Sache zuiammenhängt? , _
5. diach den B^timmungen des Reichspreggefetzes ntuU iede öffentiic) verbreit.t.1 z;rau)uA v bat Nontat b.s ^).u^ers uno des Verlegers entijaiitn. Di. Karten des Bunuel ewhal.en weder oas eine noch ras andere. War.n sie in Deuischland gedruckt, sie enthielten beides. ... .
6. x/ic „<-irichtigung" behauptet, b.e Zarten säen in Berlin und Danibuig gedruckt. In den Versammlungen erzählen J)ic Bund.er, der Truck sei in Würzburg erfolgt. In anderen Ver- mmmlungen haben Vundesredner, so Derr North in Mainzlar zugegeben, der Lruck sei in Amerika geschehen.
Zur Lohnerhöhung der Eiseubahnarbeiter.
Man schreibt uns:
Tie nationalliberalc Partti des Kreises Wc^lar-Men- lirchcn schreibt ant 5. Januar l. Js. in ihrem Parteiorgan:
„'Vor einigen Tagen ging durch die Presse die Mitteilung, da« die Eifenvahndiretiioii Frankfurt eine allgemeine Erhöhung der fäinlliciTen Arbeitslöhne um 10 bezw. 2U Pfg. für alle Lohnnehmer angeordnet habe. Es wurde daraufhin in verschiedenen Versammlungen von christlich-sozia.er Sei.e die B hcniptung ausgestellt, diese Lohnerhöhuitg sei auf Anregung des bisherigen Rcichsiagsabg. Behrens zuruckzusühren. . Aus eine bire.tc Än- iragc beim Ministcrium erhielien wir solgende Antwort:
„„Die Lohnerhöhung tut die Eisenöahnaibci.er des Frank- furtcr Bezirks eriolgte Mitte Dezember mit Gültigkeit von Ansang Dezember al) und zwar lediglich aus eigene Entschlckhung der Verwaliung. Die Behauptung anbenueiter Anregung ili schon deshalb unrichüg, weil solche Anregung an maßgeoender Stelle unbekannt ist.""
a te)c '.-Mitteilung dürfte von Interesse sein, da in un- 'crcm Wahlkreise von deutsch-sozialer Seite Aehnliches behauptet worden sein soll.
Die liberalen Versammlungen.
Dir erhalten vom liberalen Wahlausschuß folgenden Sammelbcricht:
Mit bem neuen Jahre hat natürlich die Wahlarbeit so lebhaft eingesetzt, daß es unmöglich iit, den Einzelbewegungen hier zu folgen. Vom 1. bis einschl. 7. Januar sanden 5 0 Versa m m l u n e n fla.t, von denen 24 durch den Kandidaten, Herrn Erkelenz, besucht wurden. Tag die Wahlstimmung von Tag zu Tag wächst, kommt in dem Besuch der Versammlungen fast überall zum Ausdruck. Wenn wir diese Tatsachen feilstellen, so versuchen die Antisemiten, uns das als Wahlprophe',eiungen auszulegen. Tabei hat noch lein Redner der Liberalen und keine Zeitungsnotiz sich aut solche Prophezeiungen eingelassen. , Wir haben über den Wahlausgang weder Mahnungen noch Bcfürck)- tungen, setzen aber den letzten Nerv in den Kampf ein und toarien ab, wo der von uns geschleuderte Ball im gegnerischen Lager niedersällt. Weder kann uns ein Mißerfolg cnttäusck-en und eiumutigeii, noch kann ein Erfolg uns übermütig machen. Für uns ist der Wahliampf eine Schule iür die Wöhler, eine Schule im Sinne unserer Smatsauflassung. Uno der Erfolg an Stimmen wird im geraden Verhältnis flehen zu dem Erfolg unserer Erziehungsarbeit. Ohne den letzteren kann uns der ei'l.e.e nichts nützen. Wir unterscheiden uns darin von den Atisemiten, deren Werbearbeit auf keiner volitisck)en De.tanschauung b.ruljt, die deshalb auch keine Erziehungsarbeit lei,.en können und h.n und her schwanlend jede Blume am Wege abreißen. Für sie entscheidet der Augenblickseriolg.
Ein großer Teil unterer Versammlungen fand statt in den am tiärksten antiscmitisckjen Orten unseres, Wahlkreises, da, wo sich die antisemitische Seele noch unverfälscht gibt. Auch, dort war der Besuch meist recht gut, und abgesehen von vielen Zwisckftn- rusen, ward es möglich, die Versammlungen gut durchm.ühren. Urner den Zwischenrufen ertönt immer wieder der Rn,: „Jmen- liberalismus, Börsensreisinn". Ost auch Protestrufe gegen die angeblich übertriebene ibeamtenhxunblidifeit der Liberalen. In den Nachbesprechungen spielt dann sogar der g r o ß e £? u t einer Lehrcrs- oder Beamtenfrau eine wichtige poluiick.e Rolle. Den tiefsten Einblick in das strahlenreine Gemüt eines Antisemiien gewährt aber ein Zwischenruf in einem dieser Orte: „Wir wählen Werner, wir beulen nicht!"
Mehr uno mehr eriardn.u mich in unseren Versammlungen antisemitische Gegenredner. In Ober-Bessingen unterzogen sich zwei aiUiicndiua;e Redner und ein antisemitischer Landtags- abgeordnetcr der Atühe, unserem Redner Varnhalt entgegen^ zutreten. Ebenso in Grüningen und vielen anderen Orten. Man darf daraus schließen, daß das von uns entwickelte Banern- programm, mit der ans den hessisck)en Berhaltnisfen üluuriericn Schich^gung tiirri) den Grotzgrundbcjitz bei d.n Bauern Verständnis findet.
In W i e s e ck, wo neben. Geheimrat B i e r m a u n und Derrn Dr. Vogt auch der Kandidat Erkelenz sprach, galt es, vor einer stark sozia.demAkvaiiichen Zuhörcrichait bie Gtenze.t zu ziehen zwisckwn gewerlfchaftlicher und politischer Arbeit, die aueü im Wahikamps inncgcl,-alten werden müsse. Zu einer eigentlichen Aus, p rache kam es flicht, aber die Versammlung wird nickst wirkungslos sein. Eine glanzend verlaufene und sehe zahlreich besuchte Versammlung hatte Heuchelheim. Zn^Allenoori an der Lumda trat ein junger antiiemitisckstr S Aid ent 5)eren Rechtsanwalt Kaufmann m einer Werfe uoerheoend und ein
gebildet entgegen, daß der antisemitische Wahlausschuß in seinem Interesse gut täte, die'en Jüngling vorerst mich eine Zeitlang im inneren Dienst zu verwenden.
Zu den eigenartigsten Vorfällen gehört eine antisemitische Versammlung am 7. Januar, abends, in Nidda. Da auch dort wieder die überwiegende Mehrheit der Versammlung aus An- Hangern der Äanjibctur Erkelenz b.stand, liegen Derrn Tr. Seiner leine Nerven im Stich. Tie Versammlung begann mit einem Doch am den liberalen Kandidaten. Später bettelte Derr Werner die Versammlung a.s „Afsenkäsig". Einem unserer Redner, Derrn Gräf, wurde das Wort verweigert. Als Derr Justizrat Metz- NÜ)oa Derrn Werner fragte, wie seine Abstimmung zum Wahlreckst in der e.saß-lothringischen Versa,iung^f.age gewesen sei, rief der antisemitische Kandidat au3: „Sie, von dem man nicht weiß, wol-ec Sie stammen, wollen mir, einem keri.dentsckstn Manne, solche Fragen vorlegen! Pfui, Pfui! Nachdem Herr Werner mit seinen Getreuen abgezogen, eröffneten die Lioeralen noch eine kurze Versammlung und luben zum Besuch unserer Versammlung am 11. Januar, in welcher auf die gemachten Angriffe geantwortet werden soll, ein.
In gewissem Sinne war die antisemitische Vetsammlung tu Gießen unsere Versammlung. Tarüber konnte d'r Beifall, der für Derrn Tr. Werner aus bem Sperrsitz kam, nicht l)inwegtäu,chen. Und der Dansabunb hat sich in seiner R i e s s c r v e r s a m m l u n g so unuimvunb.-n auf den Boden bet liberalen Kandidatur gestelli, daß man den Veranstaltern und dem Redner warmen Dank zollen mug. Zw.i eigne Flugblätter wurden ansgegeben, „Kampsesruf' nzir da8 er.ie, „Liberalismus und M.t- ielstaiid" bas zweite. Taneb.n werden noch eine Anzahl Flugblätter der nalionallibcralen und der fvr.schrilckichen Vvlksparrtei verbreitet.
e
Au? bem Wahlkreis Alssstb-Lauierbah.
Alsfeld, 7. Jan. Am SamStag abend fand im großen Sckale des „Deutschen Kaiser" eine gtttbesuchle öffentliche WählervcrfammlungdernationallibcralenPar- l ci für die Kandidatur Deck statt. Saal und Galerie waren vollständig besetzt. Der Kandidat der National!i'oeralen, Landwirt,chastslehrer Deck-Alsfeld, entwickelte in etwa IV.'-ftün- Diger Liede sein Programm, wobei et die Mittelstaiidspoliti^und die Neichssinanztesotm besonders eingehend erürlcrtc. Seine klaren, sachlichen, von allen persönlichen Angriffen freien Ausführungen wutsen mit ftaricm Beifall aufgenommen. Auch das weibliche Geschlecht war in der Versammlung vertreten. Obwohl freie Aussprache zugesichett war, meldete sich niemand zur Erwiderung. Tet Vetsammlungsleiter, Oberiealschulditettor Dr. Pitz, schloß die ruhig und sachlich verlausene Vetfammlung um IOV2 Uhr mit der Aufjordetung, am 12. Januar Mann für Mann zur Wahlurne zu treten und die Stimme dem nationallibe alen Kandidaten Deck zu geben.
Aus dem Wahlkreis Friebberg.Bub'n.^en.
L. Friedberg, 8. Jan. Gestern abend sand int Saalbau eine öffentliche Wählerversammlung des iiaüonatlibcraleii Wahl- veteins statt. Saal und Galerie waren dickst besetzt von Wählern aus dem ganzen Wahlkreise. Justiztal Windecke t eröffnete die Versammlung und erteilte dem Kandidaten, Landesgerichtsral Strack zu Gießen, das Wort. Tieset entwickelte in zweistündiger Rede sein Programm. Er versprach, der nationalliberalen Fraktton ckls Dospitant beizutreten. Falls er gewählt würde, wolle er für ein starkes Heer und eine starke Flotte eintreten, ebenso für Schutz bet Landwirtschaft und der Industrie. Er betonte, auf dem Standpuntle des Deidelberger Programms zu stehen. An der nachfolgenden Aussprache beteiligten sich Lehrer Koch und Professor Volp von Friedberg, und Oekonom Weid von Nieder-Wöll- ftabt. Tic Versammlung ging auseinander mit dem festen Vorsatz, den Wahlkreis aus den Dänden der Sozialoemokratie wieder für die liberale Partei zutückzugewinnen.
8 Bad-Nauheim, 8. Jan. Hier sand heute abend eine von fortschrittlicher Seite cinfoerufene große Wählervetsammlung statt. Zunächst sprach unter allgemeinem Beifall Landtagsabg. D e n t i ch - Tarmstadt über die politische Lage, insbesondere in Hessen, und über die politische Aufgabe, die heute dem deutschen Volle gestellt sei. Tatauf sprach der fortschrittliche Kandidat Leuchtgens. Er bedauerte es zunächst, baß bie liberale Einigung bei der Ersatzwahl 1910 wieder ouseinandetgefallen sei, und begründete es dann, weshalb die Fottschtittspartet diesmal getrennt von den Nationalliberalen marschieren müsse. Wir müßten jetzt auch Wcltpolitik treiben; dabei müße das Parlament aber milbestimmend sein in den wichtigsten Fragen dcc äußeren Politik. Tie Volkspartei wolle energisch dazu beitragen, den Frieden zu- erhalten, und desl-olb müsse sie cintre.en für alle Forderungen, die die Knegslüchiigteit unicres Deeres und unserer Marine betreuen. Ter Redner betonte auch, daß man bei der gegenwärtigen Weltmarktslage an den bestehenden Schutzzöllen auf Brotgetreide festhalten müsse. Tem Vortrag folgte eine Aussprache.
Aus dem Wahlkreis Tarmstadt-Cro^-Gerau.
Aus Tarmstadt wird uns berichtet:
Auf die Anfrage des fort sch rit.tllcyen Kandidaten für den Wahlkreis Tarmfiadt-Groß-Gerau an die Bezirksgruppe des tzanfa-Bunoes wegen deren Stellungnahme zu den Kandidaturen Tr. Osann und Dr. Strecker hat die Bezirisgruppe Tarmstadt des Hunsa-Bundcs heute an Tr. Streuer folgende Antwort erteilt:
In Erwiderung Ihres, am^Samstag, den 6. dS. Mts., nachmittags eingelausenen werten Schreibens beehren wir uns. Folgendes mil.uteilen: Wie aus den verschiedenen Äcußerungen des Derrn Tr. Oscmn in öffentlichen Versammlungen bekannt ist, hat er weder um die Unteritützung der verschiedenen rechtsstehenden Parteien nachgesucht, noch diesen ober irgend einer sonstigen Korporation oder wirtschastliaien Vereinigung irgend welche Zusage gemacht. So konnte er sich auch nicht dem Dansa-Bunde gegenüber verpflichten, obwohl er, wie es der Danfa^Bund will, die gleiche Behandlung aller Erwerbsstanbe von jeher vertreten hat lind infolgedessen auch die gegen biejen Grunosatz verstoßenden einseitigen Bestrebungen des Bundes der Landwirte bekämpft. Ausdrücklich wollen wir noch feststellen, daß die dem Vorsitzenden der Bczirksgruppe Tarmstadt des Hansa-Bundcs abgegebene mündliche Erklärung nicht „angeblich", wie Sie behaupten, son- bcrii tatsächlich den Forderungen entspricht, welche der Dania- Bund an seine Kandidaten stellen muß. Auch^ wir Werden diesen Brief der Oeffentlichkeit übergeben, ba Sie Im Schreiben, ehe dasselbe in unseren Veutz tarn, schon der Oessenttichkett übergeben hatten. Dochachtungsooll Tte Bezirl'sgruppe Tarmstadt des Dansa- Bundes. - |
Aus dem Wahlkreis Merjig«-aarlonis.
Trier, 9. Ian. Dem bisherigen Zentrumsabgeorbnetcn R 0 e r e n wurde im Wahttreise '..lerzig-Saaruniis ein nano- u a 11 i b e r a l e r Arveiieriandidat, Wagnermeister Adams in Lachten, gegenübergef■ eilt.
$enütswat)lcn in zrankreich.
Auch iyranfrcitx) at f.ine W h.en g habt. Ein Tr ttel bc5 Senats, ber ersten Kammer, mußte neu gewählt werden. Der französische Senat besteht aus 3(,0 Mitgliedern, die allein durch die Departements und Kolonien aus 9 Jahre gewählt werden und von denen alte drei Jahre ein Drittel ausscheidet. Während für bie Abgeordnetenkammer bie_ allgemeine direkte Wahl gilt, erfolgt die Wahl zum Senat ourch ein besonderes Kollegium, bestehend aus den Deputierten des Departements, den Generalräten, den Kreisräten und besonderen Delegierten der Nkunizipalräte. Em Senator muß mindestens 40 Jahre alt sein.
Wir erhalten über die Sai)ieig:biii)fe folgende Meldungen:
Paris, 8. Jan. Von den 100 Senatsergänzungswahlen waren bis heute morgen 98 Ergebnisse bekannt. Nach einer amtlichen Zusammenstellung gewinnen die Liberalen und Nepublilancr 4, die Radtlaleu und geeinigten Sozialisten fe ein Mandat. Gleichwohl ziehen Die gemäßigten repub.i.anifchen und konserva.iven Bläller aus dem Gesamtergebnis den Sckstuß, daß die sozialistisch radikalen an Boden verloren haben und daß die gestrige Wahl eilte ausgesprochene Tendenz zugunsten der politischen Mäßigung und des innerpolitifchen Friedens auiwcisen. Besonders vez.ichnend jci in dieser Hinsicht die Niederlage Deipechs im Departement Arii.ge, der einer der eifrigsten Ani-äuger CombeS und leidenichallllchster Vertreter der tirchenfciudlla)en Bewegung im Senat gewesen sei, sowie der Waiilerjolg Doumers, ocr trotz seines radikalen Bekenntnisses von dem Vollzugsaus.chutz der Partei cntfprechend den Weisungen Brifsons in Acht und Bann getan worden sei. Tie radikalen Blätter äußern sich im großen und ganzen über den Ausfall der Wahlen befric- uigenb unb verzeichnen mit besonderer Genugtuung die Siege Evmbcs unb Pellelans. Unter den bei den gestrigen Wahlen unterlegenen Per,onlichkeitcnr verdienen heroorgehoben zu werden: der eh.mallge Bot,charter Constans, der ficki nun em - lich als Be,ieger des Generals Boulanger bekannt gemacht hat, uünn bet gemäßig.e ukademiker und Heraus geber oes „Revue des mondes" Charmes und der kon,erva°- iioe Aomirak Euverville.
Pans, b. ^in neuestes Telegramm berichtet: 'Tie beiden letzten Ergebnisse der Senatswahlen liegen vor. ;cenn Berengar ist für Guadeloupe, Erepin für Larcunion gewählt. Toburch bleitt die gemeldete Gewinn- vczw. Verkustlisic her Parteien unverändert.
Au» staSt un- LanS.
G legen, 9. Januar 1912.
Der Winter und die HandwcrkSburfchen.
Wir stehen im Zeichen des Winters. Ich merke das an dem Besuche, der eben fast täglich in mein Daus kommt: Handwcrksburschen, gut und schlecht gekleidete, wie's eben lommt, aber alle mit oem Stempel ixr Entbehrung und Not im Gesichte. Und wirklich, man müßte kein Mensch sein, wenn man beim Anblicke der erfrorenen Gesichter, der mangelhaften Kleidung und des zerrifsenen Schubwerls kein Mitleid mit ihnen hakte, um ihnen einige rote Pfennige zu fchcuken. Aber nein, sage ich, das ist nicht nur falsches Mitleid, das ist sogar eui Unrecht. Ihr lut ihnen Uebles, indem ihr schenkt und Gutes, luenn ihr nichts gebt. Dir alle haben schon unzählige Mal die Erchyrung machen können, daß diese ersechteken Pfennige^sobalb bie genügende Zahl zusammen ist, sofort im nächsten Wirtshaus in Schnaps umgc,etzt werden. Es ist nur selten Trunksucht, die den Armen dazu treibt. In den meisten Fällen geschieht es in dem falschen Glauben, sich zu erwärmen. Tiefe Ansicht darf aber doch als läng,c überlebt ange,ehen werden; im Gegenteil: Schlaffheit, Müdigkeit, Energielosigkeit find bie traurigen Folgen des Alkohoigenujses. Ganz zu schweigen von den Ungiuckssällen, beit Verbrechen, bie ebenfalls auf das Konto desselben zu setzen sind. Ratsam ist cs auch nicht, dem Bettler c^roa abgetragene Kleider zu geben. Sie werden in 99 von 100 Fünen verlaust und das Ende ist dasselbe: Schnaps. Tamm muß unser aller Losung werden: Keine salfche Mildtäligieit, die nur Uebles und Veroerbiiches wirkt. Es gibt aber einen andern Weg, um diese Arbeitslosen, an deren Schicksal in letzter Linie bie wirtschaftlichen unb sozialen Verhältnisse eines Staates die Schuld tragen, zu unterstützen. Gebt ihnen zu essen! 2luch wenn es nicht gerade Essenszeit ist, so wirb boch meistens bei der sorg- lamcn Hausfrau ein Ueberbleibsel bon der letzten Mahlzeit da sein/das man bem Hungrigen vorsetzen kann. Laßt üjit aber nicht vor der Türe stehen; nehmt ihn herein in die Küche; laßt ihn sich setzen unb rebet ein freundliches Wort mit ihm. Ihr wißt gar nicht, wie wohl solche Worte dem fermsten tun. Vielleicht haben ihn widrige Sa)icksalsschläge auf diesen Weg gebracht und mit einem Herzen voll Bitterkeit unb Neid blickt er auf alle, bie ein eigenes Heim, einen warmen Herd, ihr eigen nennen. Redet freundlich mit ihm; er wird weniger erbittert sein. Er, der bisher nur häßliche Worte hörte und an seinem Menschentum verzweifeln wollte, er verläßt getröstet und innerllch geloben euer Haus.
Wer so i/anoelt und den Handwerksbirrschen als Menschen und nicht als lästiges liebel betrachtet, l,er verrichtet eine soziale Tat, deren )egensreiche Folgen nicht auSbleiven werden.
Ä
** T ie Lehrlings-Abteilung der Ortsgruppe Gießen im deutschnalionalen Handlungsgehilfen-Verband vereinigte sich am Sonntag nachmittag im Frankfurter Hof zu einer schönen Weihnachtsfeier, die auch von Angehörigen der Lehrttnge unb von Gehilfen-Mitgliedern recht gut besucht war. Eine kurze Vortragsfolge wechselte ab mit Ansprachen, gemeinsamen Liebem, Geschenlverteilung und Verlosung.
** Von der Post. Jeder Landbriefträger führt auf seinem Bestellgang ein Annahmebuch mit sich, das zur Ein- iragung der von ti)m angenommenen Telegramme, Werl- uno Einschreibsendungen, Vouanweisungen, Zahttarten, gi- wöhnkichLN Paceten, '.'cachuat)mesenoungen und Zettungs- besickkungen sowie der zur Fcantterung der Sendungen, zur Besteekung der Zeiwngen u. zur Befchaf.ung von Wer^eirye«


