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Anzeiger Stießen.
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Samstag, 7. Dezember 1912
Erstes Blatt
162. Jahrgang
Anzeigenteil: H. Beck.
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GiehenerAnzeigerW wVm^ politischen Teil: Augus
General-Anzeiger für Gberhessen MLM
Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Buch- und Zteindruckerei R. Lange. Redattion, Lrpedition und Druckerei: Zchulstrahe 7. 0^"E.He^°ar den
Die heutige Nummer umfaßt 28 Seiten.
politische Wochenschau.
Gießen, 7. Dezember.
lieber die Wirkung der Auslandsreoe des Reichskanzlers hat der Reichstag, als er sie — mit Ausnahme der Sozialdemokraten — billigte, sich nicht getäuscht. Die Petersburger Presse ist einsilbig und vielleicht ettvas ratlos geworden; einige Blätter, die der Allslawenpolitik dienen, haben zwar angedeutet, die Lage sei ernst geworden, enthielten sich aber aller herausfordernden Wendlmgen. Dagegen spreizte der gallische Hahn sein Gefieder. Deutschland will, wenn nötig, sich entschlossen auf die Seite seines Bundesgenossen stellen; da mußte es unseren westlichen Nachbarn notwendig erscheinen, mit dem russischen Verbündeten ebenfalls einen Händedruck zu wechseln. Aber während die französische Presse an der Bethmannschen Rede den barschen Ton tadelte und Deutschland als Störenfried hinzustellen suchte, hat der Ministerpräsident Poin- care in seiner gestern mitgeteilten Rede große Zurückhaltung geübt. Er erklärte nur, daß die französischen Bündnisse und Freundschaften auch „neuerlich Kraft und Wirksam leit beweisen" würden. Das klingt sehr friedlich, wie überhaupt die ganze Rede beweist, daß der Optimismus der deutschen Regierung diesmal berechtigt scheint. Neu war die Mitteilung, daß ein französisch-russischer Gedankenaustausch über „ernste Schwierigkeiten auf dem Balkan" schon im vergangenen Januar eingesetzt hat und daß Rußland freiwillig den Herren an der Seine die Zusicherung gab, cs wolle den: Status quo auf dem Balkan treu bleiben. Wie mir in Deutschland ein Interesse daran haben, daß Oesterreich keine Balkanabenteuer s u ch t, so könnten Frank reich ebensolche russische Treibereien nur ungelegen kommen. Wir haben mit Freuden aus der Rede Poincares er- slchen können, daß Frankreich weit davon entfernt ist, eine Erschütterung des Weltfriedens zu wünschen. Es l)at die Türkei sogar auf die neue nahende Gefahr schon im Frühjahr aufmerksam gemacht. Die interessante Enthüllung aus der Vorgeschichte der jetzigen Balkanhändel sollte dartun, daß Frankreich eine konsequente Friedenspolitik getrieben hat, und wenn es richtig ist, daß auch Rußland keine Kriegspolitik beabsichtigte, so würde man heute wirklich der Annahme näher rücken, daß England bei dem Balkanbergrutsch ein bißchen die Hand im Spiele hatte. Auch in London hat man an der Lokalisierung des Balkankrieges mitgewirkt, und man begnügt sich heute über dem Kanal damit, daß die auf den: Balkan neu erstandene Slawenmacht der Berliner und Wiener Politik zu schaffen machen wird, mährend England unter den: abnehmenden türkischen Halbmond in Afrika und Asien seinen Einfluß stärkt. Schon ist, ivie gestern mitgeteilt wurde, am Donnerstag im englischen Unterhaus die Zukunft Eyperns besprochen worden, und Sir Edward Grey hat nicht etwa in dlbredc gestellt, daß solche Fragen die Londoner Konferenz auch bcscl)äftigcn werden. Man ivird sich mit der östlichsten Mittclmeerinsel, deren Verwaltung England bekanntlirb. schon im Jahre 1878, beim Berliner Kongreß, von der Türkei sich gesichert hat, nicht etwa ^begnügen. Der Islam wird weiterhin in Afrika und Asien dem britischen Jnselreich tributpflichtig gemacht. Vor einigen Tagen berichtete die „Evening News", eine Bevorstehende deutsch-englische Verständigung werde nicht nur Mittelmeer fragen, sondern auch „die afrikanische Frage" regeln. Hat Herr v. Kiderlen-Wächter solche Aussichten im Auge gehabt.
als er die guten deutsch-englischen Beziehungen lobte? Man wird die Ergebnisse abwarten müssen, um zu beurteilen, ob die bevorstehenden Friedcnsvcrhandlungen zu einer Schwächung Deutschlands und des Deutschtums führen, oder ob neue Vorteile und Aussichten uns für die Veränderungen auf dem Balkan entschädigen werden. Für ein dauerndes deutsch-englisches Einvernehmen stehen die Zeichen im übrigen nicht sehr günstig. Die Jnvasionsfurcht unserer Vettern, ihre argwöhnische Ausschau nach Luftfahrzeugen und die Ermunterung der englischen Kolonien, dem Mutter- landc wegen seiner schwieriger werdenden Lage zur See Kriegsschiffe erbauen zu helfen, das alles sieht nicht nach einer Aufheiterung des Himmels aus.
In der inneren Politik Deutschlands ballen sich über dem Haupte des Herrn v. Bethmann-Hollweg schwarze Wolken zusammen. Das Zentrum hat ihm durch Herrn Peter Spahn im Reick)stag wegen seiner Haltung in der Jesuitenfrage den Krieg erklärt. „Schwarze Dämpfe, ent steiget, entsteiget qualmend dem Abgrund! Verschlinget des Tages lieblichen Schein". Auch das angebliche scharfe Wort des Kanzlers über die anmaßende Politik des Vatikans und die angedrohte Zurückziehrmg der diplomatischen Vertretung ist noch nicht unzweideutig dementiert worden. Trotzdem darf man mit mehreren Rednern der Parteien im Reichstage annehmen, daß die schwarzen Wolken sich nicht entladen werden. Die Vermutung, daß das Zentrum mit diesen: plötzlichen, überlauten Eintreten für Loyolas eifrige Scharen sich nur das Herz des Heiligen Vaters wiedcrgewinnen will, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die angeblich „interkonfessionelle" Partei war dem Papste bekanntlich verdächtig geworden, und wie er die interkonfessionellen Gewerkschaften zwar nicht mißbilligte, aber die rein katholischen Vereine lobte und segnete, so hat er mehr als einmal auch dem Zentrum nahe legen lassen, daß eS in allen Lagen der höheren Weisheit Roms folgen möge. Dagegen wehren sich nun die Leute um Spahn und Groebcr. Sie sind die klügeren Taktiker, und sie wissen wohl, daß das laute Jammern nach den lieben Jesuiten den strengen Modernistenverfolgcrn in Rom als sehr zeitgemäß und erfreulich für den kirchlichen Geist in Deutschland erscheinen wird. Die schlichte, stille Abschaffung des verhaßten Gesetzes im deutschen Reichstag würde diese Wirkung nicht ganz erzielen, denn sie wäre im Grunde ein Geschenk von der gewachsenen Zahl der „Genossen". Darum mußte in der gestrigen Reichstagssitzunig Herr Groeber noch einmol wirkungsvoll die Fäuste ballen. Aber es scheint, daß im ganzen Reichstag außer den Zentrumsreihen kein Mensch diese Drohungen gegen die Regierung recht ernst nimmt. Und trotz bombastischer Entrüstungsausdrücke legt die Partei der römischen Kircheninteressen ihre Worte sehr auf die Wagschale, bevor sie hinaus in die Welt geschickt werden. Auf der einen Seite will man dem Papste wohlgefällig erscheinen, auf der andern aber ist man ängstlich bemüht, den Schein aufrecht zu erhalten, als vertrete man im deutschen Parlament nicht lediglich konfessionelle Interessen. Man wird aber die Zentrumspolitik für die Zukunft sehr sorgfältig beobachten müssen.
Die Zeit der Vorbereitung.
Nun gibt es, wie es scheint, außer dem serbischen auch noch einen griechischen Konflikt. Auch Griechenland trotzt den Mächten. Die Spannung der Welt ist jetzt darauf ge
richtet, ob es den deutlicher werdenden Mahnungen Oesterreichs und Italiens folge,: und von der Besetzung Dalonas Abstand nehmen wird. Daß die provisorische Regierung Albaniens ein Werk Oesterreichs ist, wird mit jedem Tage greifbarer. Griechen und Serben werden schließlich trotz allem mit langen Nasen abziehen müssen.
Der österreichisch-italienische Protest,
Wien, 6 Dez. Die Gesandten Oesterreich-, Ungarns und Italiens in Athen unternahmen gestern, wie der Vertreter des Wolff Bureaus von zuständiger Seite erfährt, bei der griechischen Regierung Schritte, wobei sie mittcilten, daß ihxe Regierungen in die Besetzung Valonas und der Insel Saseno nicht ein Willi gen könnten.
Valona, 6. Dez. (Agenzia Stefani.) Die provisorische Regierung bildete das neue Kabinett folgendermaßen: Präsidium und Aeußeres Ismail Kemal Bey, Vizepräsident ohne Portefeuille Monsignore B a c c i 0 n i, Krieg M e h m ed Pascha D c r h a l l a , Inneres Mufid Bey, Finanzen Abdi Bey Toptani, Justiz Pitteo Togra, Unterricht Guracuc Chi, öffentliche Arbeiten Midmat Bey Frashcri, Post und Telegraphen Lefnosi, Ackerbau und Handel Pandelitzali. Ein Senat, der bis jetzt aus achtzehn Mitgliedern besteht, ist eingesetzt worden, zum Präsidenten wurde Zefnel Bey aus Ipek gewählt. Zu Kommandanten der nationalen Miliz wurden ernannt Issa Boljetinaz und Riza Bey. Sämtliche Wahlen erfolgten in der Nationalversammlung. Das Kabinett setzt sich aus zwei Katholiken, drei Orthodox e n u n d fünf M u s e l m a n e n z u s a n: m c n. Sämtliche Gewühlten sind einflußreiche Persönlichkeiten.
Dem „Matin" wird aus Belgrad telegraphiert: Die Ansicht der Serbe,: über das künftige Albanien sei, daß Albanier: inbetreff Serbiens und Grieck>enlands in ähnlicher Weise abgegrenzt werden möge, wie Dalmatien bezüglich der Herzegowina. Alle Flüsse und deren Nebenflüsse, die in das Adriatische Meer münden, sollen Albanien gehören, alle Flußläufe, die in der: Ochrido-See münden, sollen Ser- bien und Griechenland gehören. Danach würde die Nordgrenze Albaniens durch eine vom Kap Rodini längs des Matti-Flusses nach Dibra durch das Drin-Tal an dem Westufer des Ochridcrsees gezogene Linie gebildet wer-, den und der See selbst Serbin: und Bulgarien zufallen. Die Ansicht Griechenlands bezüglich der Süd und Südost- Grenze sei noch nicht bekannt, doch würde auch diese Grenze nach dem Grundsatz der Wasserläufe bestimmt werden.
Aus Saloniki.
Die „Voss. Ztg." meldet aus Sofia: Angeblich sollen die Griechen den bulgarischen General Theo- dorow aufgefordert haben, seine Truppen aus Saloniki zurückzuziehen.
Serbischer Nebermut.
Die „Deutsche Tageszeitung" berichtet aus Semlin: Das serbische Regierungsorgan „Samouprava" kritisiert die Kanzlerrede höhnisch. Andere Blätter ergehen sich in nicht wiederzugebenden Ausfällen gegen den deutschen und den österreichischen Kaiser. Für die nächste Woche werden hier allgemein schwerwiegn:de Ereignisse erwartet.
Nach Pariser Meldungen aus Belgrad erklärte Ministerpräsident Pasitsch, Serbien wolle keinen neuen Krieg an fangen. Er hoffe auf einen fried-, lichen Ausgleich. Serbien soll tatsächlich entschlossen sein,
Als Mutter offenbarte Fräulein Brehm herzliche, schlichte Beredsamkeit und innige Empfindung. Ten Bürgermeister gab Herr Goll in einer prächtigen Maske sicher und treffend. Dem braven Lorenz lieh Herr Bruchwitz eine schlichte Kraft und den Pfarrer spielte Herr Vvlck mit salbungsvoller Würde. Von den übrigen Darstellern sind Fräulein Scholz als Barbara, sowie die Herren Grosser-Braun als Martin und Paul Gerhardt als Johann zu erwähnen. N.
Das Theater in der Sonne des Humors.
Unter dem obigen Titel hat Dr. W. Ahrens, der Herausgeber einer bekannten Sammlung „Gelehrten-Anekdoten", soeben im Verlage von Hermann Sack, Berlin W. 35, eine reichhaltige Sammlung kleiner fcitcrcr Theatergeschichten erscheinen lassen und in dem mit vortrefflichen Bildern geschmückten Buche ein Werk geschaffen, das für Jung und Alt eine anziehende und höchst amüsante Lektüre bilden wird. Wir entnehmen dem Buche folgende Proben:
Johann Nestrop, der bekannte Komiker und erfolgreiche Possendichter, verabscheute die oft recht spießbürgerlichen Jfflano- schen Stücke. Unsäglich kleinlich erschien cs ihm, daß in diesen Stücken ost der ganze dramatische Knoten um eine Bagatelle von einigen Dutzend Talern geschürzt ist, die irgcndeinein braven Manne des Stückes sehlen.
Da äußerte Nestroy denn einst, als auch ivieder ein solches Stück ausgeführr wurde, in seiner drastischen Weise: „Wanns in die erschien zwei Parkettbänk eine Kollekte machen, so is a jedes von diese Stuck schon im erschien oder zweiten Akt aus."
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Theodor Döring, der berühmte Berliner Sckfauspieler, folgte Einladungen in andere Familien fast nie. Auch sein Freund Friedrich Haase mußte nach Begründung seines Familienheims in Berlin lange vergeblich bitten, Döring möchte doch einmal bei ihm speisen. Schließlich kam aber Döring doch, und es mußte ihn, wohl behagt haben: denn zu Haases Freude kam er jetzt häufiger. Ta sagte denn Frau Elise Haase eines Tages in herzlichem Ton zu ihm: „Kommen Sie, lieber Freund, morgen mittag; wir machen gar keine Umstände." Mit liebenswürdigem und schelmischen Lackeln antwortete Töring: „Nein, Frau Elise, Umstände lieb' ich!"
Moritz Saphir wurde einst, als er in Begleitung eines Neffen über den Roßmarkt in Prag ging, von einem sehr albern aussehenden, geschniegelten jungen Menschen angesprochen. Hinterher fragte der Neffe, wer der junge Mann gewesen sei. „Ein Schauspieler," lautete die Auskunst. „Das sieht man ihm auf
der Strotze gar nicht an," meinte der Neffe. — „Auf der Bühne sieht man es ihm noch weniger a n," entgegnete der boshafte Kritiker.
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August Iunkermann, der berühntte Reuterdarsteller, wurde auf Befehl Kaiser Wilhelms I. nach Wiesbaden berufen, um. dem Kaiser seine Reuterrollen vorzuspielcn. In „Onkel Bräsig", einer Bühnenbearbeitimg der „Stromtid", kam eine Stelle vor, an der der kaiserliche Zuschauer Anstoß nahm. Axel von Rambow, der frühere Offizier, der schuldenhalber den Dienst Quittiert hat und nun infolge seiner Mißwirtschaft auch mit dem vom Vater ererbten Gut völlig ferttg ist, sagt in seiner Ver- zweislung: „Ich werde wieder in die Armee eintreten". Ta lehnte der Kaiser, der vorn in der Prosceniumsloge saß, sich entrüstet über die Logenbrüftung und sagte: ,^Jch nehme ihn aber nicht ivieder."
Am anderen Morgen kam ein Adjutant des Kaisers auf die Bühne und meldete, der Monarch merbe abends nochmals zu derselben Vorstellung das Theater besuchen: mm: möge die Worte, die ihn vielleicht verletzt hätten, streichen oder ändern. So sprach denn der Darsteller des 9lref von Rambow statt der anstößigen Textstelle an diesem Abend die Worte: „Ich werde mir einen tüchtigen Inspektor wieder nehmen und hoffe, es bann in der Landwirtschaft noch zu etwas zu bringen." Ta nickte der Kaiser freundlich mit dem Kopse und sagte: „Ah ja — so lasse ich mirs gefallen!"
Hk. Photographische Ausnahme des Sternenhimmels. Wie die „Umschau" meldet, wird binnen kurzem Don dem Astronomen Cyapm an von der Sternwarte Greenwich ein vor ungefähr 23 Jahren begonnenes astronomisches und inter» nationales Riesenunternehmen zu Ende geführt sein, das die photographische Aufnahme des gesamten Sternenhimmels und zugleich die Zählung der Sterne betrifft. Auf die verschiedenen Sternwarten der Erde verteilt, werden alsdann über 50 Millionen Sterne bis zur 15. Größenklasse auf über 20 000 photographischen Platten festgelegt sein, von denen ungefähr 3 Millionen bis zur 11. Größenklasse, außerdem in einem großen Fixsternkatalog zusammengestellt oorlii ,,en werden.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissenschaft. Wie aus München gemeldet wird, sind die berühmten Fresken Hans von Marecs, die der Künstler für seinen Freund Dohn im Bibliothekssaal der Zoologischen Station in Neapel gemalt hat, vom baverischen Staate für eine 100000 Mark weit übersteigende Summe angekauft worden.
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empfiehlt
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Gieszener Ktadttheater.
Magdalena.
Volksstück von Ludwig Thoma.
Gießen, 7. Dezember 1912.
Ludwig Thoma hat einige Komödien geschrieben, die recht ergötzlich waren: nun kommt er mit einem Drama Magdalena, das er in genauer Kenntnis seiner Fähigkeiten und mit einer erquickenden Offenheit ein Volksstück nennt. Es handelt von einem wackeren Ehepaar, das siebenunddreißig Jahre lang tapfer mit dem harten Leben gekämpft hat und dem nur das eine Unglück widerfahren ist, eine nichtsnutzige Tochter zu haben. Sie hat sich in München so hübsch benommen, datz ne nach Verbüßung ihrer Strafe „per Schub" nach Hause gebracht wird, und hier trisft sie eine verzeihende Mutter und einen harten, polternden Vater Tas ganze Darf bebt vor sittlicher Entrüstung, selbst der Kooperator und der brave Knecht Lorenz D erläßt das verpestete Haus, aber allen scheint es im Grunde so zu gehen wie dem Zuschauer: keiner weiß eigentlich, was das Mädchen verbrochen hak. iMttlerweile hat das dumme Ding aber einen Burschen zu sich gelassen, und da sie heimlich slüchten will, bittet sie ihn um ein paar Mark. Darob neue (rntrültung, eine Verschwörung des ganzen Dorfes und in einem Wutanfall bringt der Vater sein Kind um. .
Diese einfache Episode hat Thoma mit einem scharfen Blick für das Zuständliche klar und planmäßig entwickelt; ohne alle Umschweife wandelt er die Fabel ab, aber sein Drama erhält dadurch nicht etwas knappes, sondern mehr etwas dürftiges. Und doch packt es den Zuschauer, denn neben der sicheren Zustands- sclnldcrung sind auch die Menschen gut und anschaulich geschildert, ist die Handlung spannend durchgeführt.
Wie überall, wo es seither aufgeführt mürbe, hat es gestern auch hier, wo es so dankenswert rasch nach der Uraufführung herauskam, einen starken Beifall gefunden, und es wird sicher noch manchesmal über unsere Bühne gehen, die dem Werke (SBerlag von A. Langen) eine sehr fein einfühlende Darstellung angedeihen ließ. Herr Direktor Steingoetter, der die Vorstellung leitete, hat mit guten und schönen Mitteln eine klar durchgearbeite Aufführung geboten, die den Gehalt des Werkes völlig erschöpfte und eine durchaus erfreuliche Einheit zuwege brachte. Auch die Darsteller zeigten sich von ihrer besten Seite. Fräulein de Bruh n schuf eine Magdalena, der man trotz ihrer patzigen Verderbnis das Mitgefühl nicht versagen konnte, eine Frauenfigur, die bis ins kleinste sein und sauber ausgeführt war. Herr K l i e w e r gab dem alten Paulimann eine handfeste, ge iunbe Derbheit, war aber mitunter nicht ganz leicht verständlich, wozu allerdings der T^ichaMr Dialekt beigetragen hoben mag.


