Ausgabe 
5.10.1912 Viertes Blatt
 
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Nr. 235

viertes Blatt

162. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Tie ^Giehener Zamtlieablätler" werden dem Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt fir den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Samstag, 5. Gttober tys2

Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universuäls - Buch- und Sreiudruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition imb Verlag: 51.

Redakt:on:^^112. Tel.-Adr.:?li»zeigerGießelu

Diener und Heizer bei der Laut er Universität.

Man schreibt uns:

In Nr. 228 Ihrer werten Zeitung hat ein Herr durch eine Zuschrift die Oeffentlichkeit darauf aufmerksam ge macht, das; bei der Besoldungsresorm die nichtangestellten Diener bei der Universität nicht bedacht worden seien.

Aur heften.

Tie Erste Kammer und hie BeloldungSvorlaqe.

bs. Darmstadt, 4. Okt. Noch ehe der Regierungs­entwurf zur organisck)en Regelung der Bcamtengehältcr bekannt ist, hat bereits der Finanzausschuß der Ersten Kam­mer, wie wir gestern schon telegraphisch meldeten, Stellung zu der ungeborenen Vorlage genommen. Einfacher als es ge­schehen aue-gedrückt heißt das also, daß sich die Erste Kammer auf eine Steuererhöhung nicht einlassen will, deren Not Wendigkeit in der Sitzung der Zweiten Kammer vom 8. Mai d. I. von allen Parteien mit Ausnahme des Bauernbundes anerkannt wurde. Auch will sie für die organische Regelung keinen höheren Betrag aufgewandt wissen, als für die provisorische Regelung erforderlich war, nämlich rund 2s . Millionen Mark. Im übrigen aber enthält dieseEr­klärung" eine ganz selbstverständliche Forderung insofern, als die zu erwartende Regierungsvorlage auch gleichzeitig Deckungsvorschläge machen wird. Denn einzig und allein aus den Ersparnissen im Staatshaushalt wird man die Mittel zur Erhöhung der Beamten- und Lehrer- usw. Ge- I)äiter nicht aufbringen können.

Interessant ist auch

die Begründung, die dieser Erklärung beigegeben ist. Hier heißt es:

Die Notwendigkeit der Gehaltserhöhung der (Staatsbeamten und Lehrer wurde voa der Ersten .Hammer bereits in der Adresse auf die Thronrede vorn 20. Dezember 1911 anerkannt, weiter aber vor allem durch die Beschlüsse, die sie im Sommer dieses Jahres bei der vorläufigen Regelung der erhöhten Gehalte faßte. Daß jedoch diese Verbesserung der Bezüge der Beamten und Lehrer nur ihm Nahmen der finanziellen Leistungsfähig­keit des Landes erfolgen könne, ist vom Ausschüsse bereits in dem damals erstatteten Bericht ausdrücklich erklärt morben. Zur Bestreitung des Bedarfs, der sich zur Erhöhung der Zivilliste des Großl-crzogs, zur Verbesserung der Bezüge der Beamten und Lehrer, der Staatsdienstanwärter und Schulverwalter, sowie der Pensionäre und der Hinterbliebenen von Beamten und Lehrern ergibt, ist nach den Beschlüssen der % am ment und dem Gesetz vom 17. Juli 1912 ein Betrag von rund 21/3 Millionen Mark er­forderlich. Durch diese Bewilligung, die eine dauernde Belastung des Budgets bedeutet, dürften dem Lande zur Bestreitung dieser Vedürsnisse bereits genug Opfer auferlegt werden: im übrigen setzt diese Bewilligung eine Verständigung über die vom Ausschuß gebilligten Vorlagen über die Beiträge an die Konrmunen zu den Kosten der höheren Schulen sowie zu den Gehalten der Volksschul- lehrer voraus. Der Ausschuß glaubt das Verlangen aus- sprecheu zu sollen, daß, falls die bevorstehenden Vorlagen die Aufbringung weiterer Mittel über die für das Jahr 1912 be­willigten 2' _ Millionen Mark hinaus erforderlich machen sollten, dieser Mehrbedarf zu einem erheblichen Teil durch Ersparnisse auf den verschiedeneit Gebieten der Staatsverwaltung aufzubringen ist. Die in der Vereinfachungskommissiou gemachten Vorschläge über die Vereinfachung und Verbilligung des Steuerveranlagungs- Verfahrens, loeitcr bei der Erhebung der staatlichen Gefälle und Steuern, foivic die andere Organisation der Baubehörden lassen mit anderen möglichen Vereinfachungsmaßnahmen nennenswerte Er­sparnisse erwarten. Im übrigen sei auch darauf hingewiesen, daß bereits bei früheren Veranlassungen, so zuletzt bei Beratung des Budgets 1912 (Prot. Nr. 3) vom Finanzausschuß und seinen Referenten darauf hingewiesen wurde, daß man an die Verein­fachung auf den verschiedenen Gebieten der Staatsverwaltung bic Hoffnung knüpfe, die beredüigten Wünsche der Beamten und Lehrer zur Verwirklickzung zu bringen. Allerdings müssen solche Dereinsachungsmaßnahmen ohne Rücksicht aus die vielleicht davon betroffenen Beamten und ohne Rücksicht auf die Stadt oder das Städtchen, das vielleicht hierdurch einen Beamten ober Amt ver­liert, zur Durchfül-rung gebracht werden: diese Opfer sind der Allgemeinheit sowie den Beamten und Lehrern, die diese Ver­besserung dringend erstreben, zu bringen."

Hierauf erfolgte in Nr. 232 eine weitere Zuschrift der Heizer und Handwerker, welche darin ihre Lage schildern, was ja auch ihr gutes Recht ist: nur hätte der Einsender darin keine Angriffe gegen die Diener richten dürfen, um­somehr als von dieser Seite keine Veranlassung dazu ge­geben war. Auch zeugt es von wenig Einsicht, ttwnn Leute, welche doch gleich schlecht gestellt sind, sich auf diese Weise gegenseitig bekämpfen. Damit können sie ihren Interessen durchaus nicht dienen, wohl aber schaden.

Außerdem wird in dieser Zuschrift gesagt, daß es Diener gebe, welche ein ganz bedeutendes Nebeneinkommen hätten. Dies kann jedoch selbstverständlich den übrigen, die es nicht haben, nichts nützen. Die Sache stellt sich auch in Wirklichkeit wesentlich anders dar:

Der größte Teil der Diener hat tatsächlich neben dem Gehalt keine nennenswerten Nebenverdienste. Wohl gibt es einzelne, welche ein einigermaßen ansehnliches Neben einkommen beziehen. Letzteres aber wird nur für besondere Leistungen und für Arbeiten außer den Dienst stunden bezahlt. Das zuletzt Gesagte ist aber auch bei den Heizern und Handwerkern der Fall.

Ganz unbegreiflich ist der letzte Passus, in dem den Dienern vorgehalten wird, daß sie ihre Kinder in höhere Schulen schicken. Jeder verständige Mensch kann doch für solche Leute, die dieses meistens nur durch Einschränkung und Entbehrung ermöglichen, nur Achtung haben.

3m französischen Hauptquartier nach Wörth.

Den Wend des 6. August 1870 im französischen Hauptquartier schildert in packenden Bildern Emile Ollivier in dem neuen Bande seines Geschichtswerles, der in den nächsten Tagen erscheint^ Mac Mabon ist in Wörth angegriffen, der ganze Tag bringt dem -Haupt­quartier eine endlose Stelle dramatischer und sensationeller Nach­richten. Am Morgen gehl in der Umgebung Napoleons bas Ge­rücht von einem großen Siege, der errungen sei: um 10 Uhr folgt ein Telegramm Mac Mahons:Wenn Faillh zu mir ,stützt' konnte ich die Offensive ergreifen". Um 1 Uhr melbct Frossard: ,^Jch werbe heftig angegriffen". Um 3 Uhr ein Telegramm des Bahnhofsvorstehers von Reichshofen:M/tn weicht zurück, ich rette mich". Tann noch, gegen 5 Uhr, ein Hoffnungsstrahl, Frossard melbet:Ter Kampf scheint nachzulasscn, ich hoffe Herr des Terrains zu bleiben". Zwei Stunden maßloser Aufregung und Spannung, bis endlich um 7 Uhr das Präludium der Wahr beit und der Wirklichkeit ansetzl, Frossard schickt durch den Draht den Verzweiflungsruf: ,^Jch bin umgangen, gezwungen, mich auf die Höhen zurückzuziehen". Um 129 Uhr abends trifft im Hauptquartier Napoleons sJ)tac Mahons tragische Meldung ein: Heute morgen um 7 Uhr wurde ich von sehr starken Straftert angegriffen. Ich habe die Schlacht verloren; wir haben große Verluste an Menschen und Material erlitten. T-er Rückzug wird soeben ausgeführt." Und dazu, ein böses Omen, ein Satz, der Schlimmes durchblicken läßt:Unsere Leute haben den größten Teil ihres Gepäckes verloren."

Wie wird die Hiobspost im Hauptquartier bes Kaisers ber Franzosen ausgenommen? Kein Entsetzen, keine Panik, ja nickst einmal Bestürzung: nein. Schlimmeres: völliger Zusammenbruch, Verzweiflung, man ist vernichtet. Tic Offiziere in ber Umgebung bes Kaisers, bic Generäle, finben nicht jene starre Festigkeit, mit ber Solbalen im Kriege Unglücksbolschasten ertragen müssen. Tie sinnlosesten Gebanken werben laut.Am schlimmsten von allen ist der General Lebrun, der zum Teil für das Unglück ver­antwortlich ist, ber Mann, der hinter ber Kulisse denFeldzugs­plan" suggerierte, ber bie Theorie ber verteilten kleineren Truppen­mengen längs ber Grenze burchgesetzt hatte.Uns jüngeren Offizieren," so notiert Faverol de Kerbrcch in sein Tagebuch, machte er an biefem 9U>enb ben peinlichsten Einbruch In An­wesenheit des Kaisers ließ er seiner wilden Erregung ungezügelt Lauf, nannte feine unglücklichen Kameraden unfähige Gesellen und Ignoranten und sprach davon, sie erschießen zu lassen." Ich bewundere den Kaiser, ber inmitten bi cf er Verwirrung seine Ruhe zu bewähren wußte, und nicht ein Wort des Vorwurfes gegen die Generäle fanb, bic geschlagen worben waren." Unb er, Napo­leon, hat in biefem tragischen Augenblick keinen gefaßten. Har- benfenben, ruhigen Berater zur Seite, alle um ihn her geben sich wehrlos ihrer Entmutigung unb ihrer Wut hin. Unb nun kommen auch jene Herren -u Worte, bie,alles vorausgesehen haben", jene, bic nie positiv Rat wissen, nur bie Gefahren anberer Vorschläge

hervorzuhebcn verstehen und immer Recht behalten, weck pc nur kritisieren unb nie handeln. Am bittersten ist bie Kritik bes Prinzen Napoleon: er fdxmt nichts und niemanden unb tobt gegen bicUnteroffizierspolitik", die Frankreich zum Siri eg ge­trieben habe. Wer am tiefsten und größten ist der Pessimismus Napoleons, nur baß er seine Hoffnungslosigkeit hinter feiner eisernen Maske unerschütterlicher Rulw verbirgt. In dem kranken Körper erlischt in diesem Augenblick der letzte Funke von Willcns- frait. Und in dieser Stunde packt ihn jener Gedanke, der int tv eiter en Verlauf der Ereignisse aus einem Unglück ein unaufhaltsam fortwirkendes Verhängnis mackste. Er verliert das Vertrauen, Paris ist gefährdet, nur an Verteidigung ist noch zu denken, Elfaß' Lothringen und die Elstnnpagne müßten dem Feinde geräumt wer- ben: ber Rückzug nach Ehrckons ist bie einzige Rettung. ,X'om 6. August ab ist das Napoleons steter Gedanke: unter bem xrurf ber Umgebung scheint er manchmal barauf zu verzichten, aber immer wieder kommt er darauf zurück. Er ist nur febeinbar unentschlossen, in Wirklichkeit will er nur cinS: Metz verlassen unb zurück nach Echälons."

In später Abcndstunbe beginnt bic Beratung über bie For- terungen bes Augenblicks. Sofort entwickelt der Kaiser seinen Gebanken: er will sich zwischen ben Feind utid bic Hauptstabt legen, sich erst in Metz unb bann auf ElKlons konzentrieren. Unb nun bricht jener stets latent vorhanden gewesene verhäng­nisvolle Gegensatz zwischen Napoleon und dem Gencralstabschcf Leboeuf aus. Leboeuf, der für alles die Verantwortung trageir soll, widerspricht: der Kaiser habe sich in Metz schon zu lange verzögert, er gehöre in die Mitte seiner Truppen, müsse selbst leiten: der Rückzug auf ElHlons sei Ohnmacht: in Elsasz-Loth- ringen müsse Paris verteidigt werben. Unb er entwickelt einen kühnen Offcnsivplan, sofortige Sammlung, sofortiger Gegenschlag, bic rasch vorgestürzten deutschen Armeen müßten erschüttert fein, er will sie anpacken, ehe die in ben Vogesen riitgcnbc Dritte Armee herbeifommen kann. Die Offensive sei bie einzige Chance, xer Plan ist kühn, aber ber einzige Ausweg. Prinz Napoleon, der erst für Chillons war, stimmt nun bei: nur Napoleon ist nicht zu überzeugen. Alle Vorstellungen, Bitten und Gründe sind vergeblich. Er vervielfacht seine Einwände, es sei schwer-, sofort* Instruktionen zu geben: gegen 11 Uhr steht er plötzlich auf: Auf morgen, meine Herren." Leboeuf überlegt einen Augen- -blick, dann bestürmt er den Prinzen Napoleon:Sie müssen noch einen letzten Versuch machen."Nein, Sie sind General- stabsck-ef. Sie müssen noch einmal anfangen." Und Leboeuf eilt noch einmal zum Kaiser in dessen Zimmer: bald kehrt er wieder, völlig verzweifelt, er hebt ratlos die Arme gegen den Himmel:Es ist nichts zu erlangen!"Gehen wir schlafen," sagt der Prinz,jedenfalls sind wir sicher, diese Nacht noch nicht aufgehoben zu werden". Am nächsten Tage wird Napoleon von neuem bestürmt, weigert sich, gibt fckxrinbar nach, Leboeuf wird nach St. Avold geschickt: in seiner Abwesenheit gibt Napoleon die Befehle zur Konzentratton auf Chälons. Zwei Tage sinh inznnschen verloren.

Als Leboeuf zurückkehrt, und von dem Geschehenen erfährt, telegraphiert er dem Ministerium seine Abdankung. Ter Kaiser nimmt sie nickst an, Leboeuf denkt an Selbstmord, aber er harrt schließlich aus uno übernimmt die Verantwortung für das, was er nie wollte, was er für ben Ruin hielt, und was geschah, ohne daß fein Rat geachtet wurde. . .__________________________________

Börsen-Wochcnbcricht.

Frankfurt a M., 4. Okt.

Die Börse hat -eine bewegte Woche hinter sich. Die M 0 b i t * machung ber Balkan staaten hat eine Bestürzung her- oorgerufen, wie man sie schon lange nicht mehr erlebte. Bet ben lebhaften wirtschaftlichen Beziehungen, die alle Großmächte mit ben Balkanstaaten unterhalten, muß ber Ausbruch eines Krieges zwischen diesen die ftonjunftur stark berühren unb ben Geldmarkt ungünstig beeinflussen. Das kam der Börse mit einem Schlage zum Bewußtsein unb ber Einsluß ber Kriegsgefahr mußte um so einschneidender werden, als die Kapitalistenwelt von ber Zuspitzung der Balkankrisis mitten in ben frohesten Hoffnungen, bic sich auf bie glänzende Wirtschaftslage grünbeten, überrascht worben ist. Im Zeichen ber Hausse war man über bic Kriegs- ftimmung leichten Sinns hinweg gegangen unb es traf jetzt eine Börsen betonte ein, wie sie selbst beim Ausbruch bes russisch- japanischen - Krieges nicht zu verzeichnen war. Es fehlte jebe Kontremine, und so fand das stürmische Angebot keinerlei Nach­frage. Besonders am Kassaindustrieaktienmarkt war eine förmliche Verwüftung zu verzeichnen, die in Monaten er­rungenen SVur3fteigerungcn wurden mit einem Schlage sortge- wischt und große Gewinne haben sich in größere Verluste ver-

Lrauen-Feuilleton.

Ten Jungen, bitte . .

Aus einem Frauenleben von Georg Müller-Heim (Dresden).

Ach, nun hab' ich mich umsonst gefreut!" ruft die acht­jährige Irmgard, als man ihr das neugeborene Schwesterchen zeigt,es hat ja schiefe Augen!"

Du bist ein unartiges Kind, weißt du?" fällt ihr Vater ins Wort.Freu' dich lieber, daß die Kleine so munter ist unb daß es Mama gut geht!"

Aber in ben strengen Ton ber väterlichen Ermahnung mischt sich ein leiser Unmut. Man hatte einen strammen Jungen er­wartet, unb nun war ein Mädchen angenommen mit einem so fatalen Augenfehler. Zu dumm! Woher dem? eigentlich? Weber in seiner, noch in seiner Gattin Familie war so etwas bisher vorgckommen. Tie Vcrwanbtcn würben reben unb ihr Mit­leid ausbrücken. Tas konnte er nun gcrabe leiben! Eine Ope­ration hm wirb viel Geld kosten. Unb bann weiß man noch nicht mal, ob's was nützt. Ach, bas warne bummc Geschichte! Wenn's nur wenigstens ein Junge wäre! Den gc niert's weniger. Der kriegt allemal 'ne Frau, wenn er nur sonst tüchtig ist. Aber ein Mädchen s . . Ja, wenn man ben Fehler mit Gelb decken kann. Aber so? Na, sie wird halt einen Beruf ergreifen müssen, mag sich ber Frauenbewegung anschließen. Da fragt man Gott sei Dank nicht nach Schönheit.

Also ein befignierter Blaustrumpf im Wickelbettchen. Donner Wetter! Wenn doch erst die Taufe vorüber wäre!ne rechte Freude würde es ja doch nicht!

Weinend kommt Irmgard heim.

Nein, Mama, ich fahre den Wagen nicht mehr. Alle Nach­barn schlagen bic Vorhänge zurück unb sehen sich bie Ilse an. Und bann rufen sie allemal:Ach, wie sckwbe! Das arme Kind!" Unb bann tätscheln sie mir bie Wange unb sagen:Du wolltest wohl gern ein anderes Schwesterchen haben?" Ich hab' so stolz fein wollen auf meinen Kinderwagen. Und nun . . . unb nun bebauern sie mich alle uhuuuu . . Große Perlen tauen aus ben Kinberaugen.Ich fahr' bie Ilse nicht mehr! Ich mag sie gar nicht mehr sehen!" Unwirsch stampft bas Kinbertüßchen ben Boben.

Pfui, schäm' dich, Irmgard!" Mehr aber als cm ver­weisendes Wort hat bic Mutter nicht für bas ungezogene Kind. Ach, ihre sehiilick>c Hoffnung ist ja schnöde enttäuscht worden. Alle ihre Schwägerinnen haben schon Jungen. Nur sie nicht. Und nun noch das! . - .

Die ganze Klasse sitzt heute eine Stunde nach! Ilse Trautner kann heimgehen. Sie allein hat das Gedicht gelernt."

Die freundliche Lehrerin gibt der knixenden Ilse die Hand zum Abschied, bann besteigt sie wieder das Pult und schlägt die Hefte zum Korrigieren auf.

Also, jetzt lernt ihr das Gedicht," wendet sie sich noch einmal an bic Schar ihrer elfjährigen Schülerinnen.Ich werbe pünktlich um eins abhören."

Mit einem Ruck stützen sich zehn Paar Ellenbogen auf die Pulte, zehn Paar Hände halten bie Ohren zu und zehn Mündchen sprechen im Flüsterton:

Zum Hannele der Engel sprach: Schließ' deine Augen, folg' mir nach! Hast viel geduldet hier auf Erden, Sollst nun dafür ein Engel werden."

Auf der letzten Bank aber stecken zwei heimlich bie Köpfe zusammen unb tuscheln:

Das hat uns bie Trautner eingebrotft. Na warte!"

Sie ist aber doch jetzt brei Tage krank gewesen. Da hat sie doch gar njcht wissen können, daß wir das Gedicht bis heute nicht lernen wollten."

Sie hats aber gekonnt!"

Ja, für sich hat sie's gelernt, weil es ihr so gefallen hat."

Das sagt sie doch bloß, weil fie Angst vor uns hat, bic Falsche!"

Nicht wahr, bie Schieligen sinb alle falsch?"

Da kannst bu Gift braus nehmen; bie Schieligen sinb vom Himmel gezeichnet, bamit sich die anbern vor ihnen in acht nehmen sollen. Na, bas hab' ich ihr am Montag direkt ins Gesicht gefagt."

Nicht so laut lernen, da hinten! Das stört die andern!" crHingt es vom Pult.

Tiefrot beugen sich zwei Köpfe über die Bücher. . . . hast viel erduldet hier auf Erden, sollst nun dafür ein Engel werden."

Ter Fledermauswalzer lockt zum Tanz. Siebzehnjährige Jugend schwebt mit hochklopfendem Herzen vorüber, in ben Augen ben Glanz ber ersten Ballnacht. Hinter ber Säule strahlt ein Paar braune Augen voll Sehnsucht in ben Saal.

Kommt benn feiner, mich zu holen? Ach, ich tanze ja so gern! Jst's mit meinem Auge gar so schlimm?" Ein aufwal- lenbes Weh gräbt die weißen Zähne unbarmherzig in die vollen Lippen.

Um zwölf gehen Trautners heim. Nur Irmgard mit ihrem Gatten bleibt. Was soll man länger sitzen? Ilse tanzt ja doch nicht. Warum sich noch mehr blamieren!

Zu Hause aber wendet sich Frau Trautner an ihren Gatten k Wir müssen etwas tun, Otto. Das arme .Kind wird verbittert« Ich gebe gleich morgen mit ihr zum Arzt."

Die Operation wird nicht billig, Helene!"

Aber es muß eben sein!"

*

Als nach vierzehn Tagen der Arzt erwartungsvoll die Binde von dem operierten Auge nimmt, da zeigt es sich, daß der Muskel zu kurz gebunden ist. Ter Fehler ist zwar geringer) geworden, aber doch noch sichtbar.

Eine zweite Operation mit all ihren Schmerzen und Gefahren lehnt Ilse ab. Es hat nicht sein sollen. Jetzt gilt es, das Schicksal ruhig hinzunehmen und die neugierigen Blicke gefühl­loser Menschen auch fernerhin zu ertragen.

*

Da trat ein Mann in ihren Lebensweg, erkannte in dem kranken Auge ihre reine Seele und bot ihr ehrlich feine große Liebe an.

Frühlingswärme flutet ins Zimmer. Die Nacht ist um, die Schmerz und Glück gebracht. Auf zwei breiten Lichtbahnen schickt die Sonne wirbelnde Stäubchen zum weißen Bette, die ersten Gratulanten für die junge Mutter. Ein wonniger Schim­mer liegt über ber Stube, bic Erlösung ber ersten Mutter­schaft. Der Schmerz ist vergangen, bas Glück aber blieb.

Da huscht ein Schatten ber Angst über Ilses bleiches Gesicht. Matt, zögemb wendet sie ben Kopf. Wenn fie ihrem Söhnchen doch einmal ins Auge schauen könnte! Ob sie ihm etwa ihr Auge .... O Gott, bas wäre enttetzlich! Jetzt erlischt ber Sonnenstrahl über dem Linnen. Das Antlitz des Gatten beugt sich nieder, unb ein Kuß voll Mitleib, Dank unb Glück kost ihre Lippen.

Den Jungen, bitte. . . ."

Sorgsam umfassen zwei Manneshänbe bas weiche Wickel bettchen, aus dem sich zwei rosige Fäustchen hilflos emporsttccken.

Nun hält ber Mann das quiekende Paketchen vor die Mutter. Zwei gerade braune Augen blicken daraus voller Neugier auf fie nieder. Ein Freudenleuchten verklärt ihre Züge. Ein Tankesblick zum Himmel, langsam hebt sich die Brust, und bie schmalen Hände tasten sich jubelnd zu Mann unb Kind hinaus.

lieber bie Schieligc ist die erste, große Seligkeit gekommen!