Ausgabe 
31.3.1911 Zweites Blatt
 
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Seit Jahren ist die Stadt Grost-Geran beim Schönauer

Neun Zehntel der Verträge der WieSbadenei Milchhändlcr mit den Landwirten laufen am 1. April ab.

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Und Jahr Wohnung und Berköstigiing bol, NI dem Gräsl. Rent­meister Pückel über, der mit Frau und drei Töchtern diePückels- bürg" bewohnte und für 120 Gulden jährlich gute Kost mtb bim Behandlung bot. gab morgen« Kaffee mit Brötchen, um 10 Uhr Butter- ober Honigbrot, um 12 Uhr guten bürgerlichen Mittag«- tisch, um 4 Uhr Kaffee mit Zutat und um 7 Uhr Abendessen in allen möglichen Kartosfelformeii, ansterdem Obst in beliebiger Menge. Fast alle Büdinger Bürger verfügten über eine reich- Kärtosselenite, die sie aus möglichst vorteilhafte Art yn verwerten fudyten. Ein Bürger geriet in Zweifel, ob er ein Sdnveinchen mäflcn ober einen (Gymnasiasten aufnelnnen sollte, er entschied fid) schließlich aus Zureden seiner Frau für da« leidere. Tic Ae »eidynung der Büdinger »Pennäler warKartosselstudcnten", iver aber den An-druck in Gegenwart der Wimmafiaflcn brauchte, bekam Brügel. Ein" abzieheudei Gymnasiast schrieb einem Logiswirt an die Stubentier: ,.Kartoffel zu viel, Alcifdj zu wenig, adieu du alter Kartosselkönig!" Zn einem Megger haue,, in dem es ?fleisch nicht fit wenig gab, zahlten hu Brüder ic 90 Gulden (etwa

55 Mark) fürs Jahr! Fm übrigen befall en s

bet kräftiger Kost, guter vom Vogelsberg herabströmender Luft und vorzüglichem Trinkwasser wohl. Die Stadt selbst, durch ihre Lage zwischen bewaldeten Bergen und obstreichen Abhängen, bol des Schönen viel, da« Gräfliche, später Fürsttid)e Schlost mit Park, Nuügartcu und Treibl-anS, durch eine Reihe alter Steingebäude, die noch heute von Fremden viel besichtigten Befestigungen mit ihren Türmen und Toren, die grobe Kirche und das Gymnasium, da« nach Erbauung eines neueren Gymnasiums da- Amtsgericht auf nahm. Die Leitung der Schule lag in der Hand des Direktor« Dr. Georg Thudichnm, des damals schon berühmten UeberseNers griechischer Dichter, vor allem das Sophokles. Neben Thudichum lehrte Dr. Haupt Griechisch und Latein, sowie Physik, er folgte spater Thudichum als Direktor der Schule. Als dritter Lehrer iuirlle Dr. Friedrich Zimmermann, der einen ausgezeichneten Geschichtsunterricht erteilte und die Schüler durch Deklanrationen und schriftliche Arbeiten sprachgewandt machte. Als Lelwcr bei französischen Sprache und der Mallicmatik wirkte Gambs. Di damaligen maugell-asten Geldvcrhältnifse gestatteten nicht, cm f öhercS Lehrperfonal an die Schule zu fesseln, unb so nahm

sarrer Meyer den geographischen llntcrrid)! mit Religion, Del an chmidt den Untcmd)l im Zeichnen unb iprivat) im Englischen, Lehrer Fix in^ben unteren Klassett Schönschreiben unb Mathematil, Lehrer Flad) Singen und Musik an. Neben dem Unterricht wurde für Gesundheit und Behagen bet Schüler von den Lehrern unb der Bürgerschaft gesorgt. Die herrliche Umgebung der Stadt, der Wildcstein, die Weinberge, Gärten und die Wälder luden zum Aufenthalt ein. Gepflegt wurde auch das turnerische Spiel. Zwei Bibliotheken, eine vom Gymnasium und eine im gräflichen Sclstost, reichten ihre Schäpe den jungen Leuten gern. Im. Käsiiw sanden die Schüler sreundliche Aufnahme, und selbst im Schl ost wurden sie zu Losbällen einacladen. Die Grasen, bereit Vorfahre Ernst Easimir da« Gymnasium gegründet hatte, mufften auch sonst die Schule nach Kräften zn stüsten und wurden banl'bar verehrt, zumal auch die Damen sich lebhaft für da« Gyrnna tum interessierten. Mit Vorliebe beteiligten sich die Gymnaftasten an den Ausflügen in die Umgebung, wie Selters, Düdelsheim, Meerholz, Wachters bad?, Gelnhausen, iyerrnhaag. Ronneburg, Leisenwald usw., zumal dabei ein frifdjer Trunk erlaubt war. In der Stadt war der WirtShauöbesuch verboten. Aber dasBahenhaus" übte feine Anziehungskraft durch fein Krugbier und feine Siedwürstcl-en au«. Heimlid) zog man in die £>intcrfliubc, aus der man bei drohender Gefahr zum Fenster hinaus nadji dem Wilbenstei.it entweichen konnte. Die Folge solcher Bierreisen war aber zuweilen cnU)finblid>c Mrzer strafe, aber auszurotten waren diese Bierreisen nicht, sie wurden and) am 300 jäln'igen Stiftungsfest des Gymnasiums mit Jubel anSgesührt.

Universitätr-Nachrichtei».

hc. H a n n o v c v, SO. Wtärz. Geh. Rat Pros. Dr. Karl Roben berg, Vertretet der darstellenden Geometrie an der hie­sigen Technischen Hochschule, begeht am 1. Avril seinen 60. Geburts­tag. Er ist ein geborener Hamburger. Von 18707» war er Oberlehrer am Gymnasium in Planen, wurde Michaelis 1870 ort). Prozessor in Dar m st a d t und kam 1884 al« Nachfolger v. BrnnS nach Hannover.

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-o. Mainz, 30. März. Mainz aus der Wasscrsuche. Bei Hof, Ivo schon längere Zeit 9

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gönnen luerben unb zwar werden die Pumparbeiten solange forlaefestt, bis sie ein greifbare« Ergebnis bezgl. der Er­giebigkeit der Quellen geliefert haben, das zur Gruudlage mastgebeuder Berechnungen genoniinen werden kann. Der Oberbürgermeister fügte hinzu, die ganzen bisherigen Ver- sucl)e berechtigten zu den besten Hoffnungen unb wenn er sich früher vorsichtig aub gebt iieft habe, so nur bar um, weil er nicht mehr versprechen wolle, als verwirklicht werden kann. Tatsächlich glaube man nun, vorn Schönauer Hof aus auch den aauzen Kreis Groß-Gerau mit gutem Wasser versorgen zu tonnen. Die Härtegrade deö dortigen Wassers entsprechen ungefähr denen des jeht von der Rheinischen Brauerei bezogenen WassvLS.

Hessen-Nassau.

ho. Marburg, 30. März. Aus eine 25jädrige Tätig­keit im.Bibliotheködienste kann am 1. April b. I. der Ober­bibliothekar an der hiesigen UniversitätSbiblinthek, Pro­fessor Dr. Arthttr Kopp, zurückblickcn. Er stammt auS Insterburg, promovierte 1883 in Königsberg, war vorüber­gehend int Schuldienst tätig und trat am 1. Avril 1886 als Hilfsarbeiter bei der Königsberger Universitätsbiblio- tbet ein. 18871909 wirkte er an der Königlichen Biblio­thek in Berlin. Seine schriftstetterischen Arbeiten beziehen sich uleistenS auf das deutsche Lied. Der Privatdozent Professor Dr. Guido Fischer in GreisSwald wurde vom 1. Avril 1911 ab zuin Lehrer der Zahnheiikunde unb Dirck tor des Zahnärztlichen Instituts der hiesigen Universität ernannt.

) ( Marburg, 30. März. Die Vorbereitungen zu dem vom 1.3. April hier ftatlfüibcnbcn, vom Kauf­männischen Verein veranstalteten Schaufensterwett­bewerb sind nahezu vollendet. ES beteiligen sich 75 Firmen; dem PreiSrichter-Koilegiuin gehören hiesige Künst­ler sowie hiesige unb Gießener Kaufleute an. Durch Promenaden- und Saalkonzerte, Theatervorstellungen usw. wird für Unterhaltung reichlich gesorgt. Der Zutritt zu den verschiedenen Sehenswürdigkeit luic Schloss, Eiifabeth- kirche, Universität usw. ist frei. Die Geschäfte bleiben am Sonntag bis 6 Uhr nachmittags geöffnet.

fc. Wiesbaden, 30. März. Die Milchhündter von Wiesbaden unb Umgegend werden voraussichtlich den von den Landwirten geforderten P r e t ü v o n 1 < P f e n n i g e n für daü Liter Milch zahlen, aber selbst von ihren Abnehmern keinen Aufschlag fordern. Doch kann ein Zu­sammengehen mit den Milchhäudlern in Frankfurt, denen es möglich ist, den Bedarf durch dänische Mitch zu decken, noch erfolgen: in diesem Falle werden die Händler den Landwirten die Milch am 1. April zur Verfügung stellen.

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Die Gkadiverordneten stimmten ferner für den Beitritt der Stadt (Offenbach zu dem Verband Deutscher Krematorien und bewilligte für die Neubearbeitung der Stadtentwässe­rung 24 000 Mark.

b. Mainz, 31. März. In der gestrigen Sipung der Stadtverordneten luurbe bei der Feststellung der Haushaltsvorschläge ans Antrag des FinanzauSschNsses beschlossen, in den nächsten zwei Jahren von her Er­höhung der G e m e i n b e st e u er abznse h e n und den Fehlbetrag von 440000 Mark au« den Betriebsüberschüssen früherer Jahre, die 7424.67 Mk. betragen, zu decken. ES wurde darauf hingewiesen, daß die Nachbarstäbie Wiesbaden, Frankfurt, Mannheim gleichfalls von einer Erhöhung ihrer Gemeindesteuern absehen; Mainz dürfe diesen Städten nicht nackistehen.

Sch. Zuftizrat Dr. vaist.

Geh. Justtzrat Theophil Ba ist Hal Ende März.die Zulassung yur Rechtsanwaltscl)ast nm Landgericht Giesten auf gegeben und tfl hiermit and» von der Vertretung her evangelisctieii Stiftung«^ mik>nltfd)Qft jur-üefgetreten. Seine Absicht Hal Herr Barst dem Vorstand der oberhessisdien Nedüsanwälte mitgeleilt, unb er ist gleidMcilig aus bicfcnt Verein ansgefchieben. Der Verein l-at hiervon Kenntnis genommen, aber sofort einstimmig besdüosscn, den Kollegen Baift znm Ehrenmitglied zu ernennen. Der Vorstand hat beut Jubilar diesen Beschlust mündlich eröffnet mtb ihm eine künstlerisch auSgestattel« Urkunde überreicht, die folgenden Wortlaut hat:

Herrn Geh. Justiz rat Tlieophil Baist, Giesten. Sehr geehrter Herr Geheimer Justizrat!

Ihre Zuschrift an den Verein her Oberheffischen Anwälte vom 10. b. Mts. hat der unter-eiicl)-nete Vorsitzende in der Hauptversammlung vom 12. l. Mt«. zur Kenntnis der Ver- eiiiiSniitnlieber gebracht. Die Versamncknng nahm davon Kennt­nis, bau Sie nack) einer langen ehrenvollen und ctfolgrcidjcn Tätigkeit in unserem Beruf am 31. März die Rechtsanwaltfd>ast nicberlcgcii werden. Die Versammlung beschlost sodann ein- stimmig, Ihnen bei Ihrem Ausscheiden an« der Anwaltschaft nochmals bell herzlichsten unb wärmsten Tank ciuüzuspred-en für das grobe Interesse, welcl^s Sie dem Verein feil dessen nunmehr 42jährigen Bestehen ununterbrochen bezeigt, und für die hervorragenden Verdienste, welchc Sic fid) um die Förderung unseres Standes und dem Verein als Mitglied und langjähriger Vorsipender des Verein«, sowie als langiäbrigeö Mitglied des Vorstandes der Anwalt«lammer erworben haben. Der Verein möchte aber auch für die Zntuust Ihren Rat und Jlwe Unter- Hübung in den Vereiiwangelegenl,eilen, sowie Ihre Teilnahme an den kollegialen Verattswltungen des Vereins nid/ vernussen, unb Hat deshalb die Hauptversammlung vom 12. I. Mts. ein- stimmig beschlossen. Sie in Anerkennung Ihrer Verdienste mn den gesamten Anwall stand unb insbesondere um unseren Verein -um Ehrenmitglied des Vereins zu ernennen.

Indern wir Sie auttraggemäst von dieser Ernennung be- nachridstigen, geben wir uns der aitpenehmcn Hoffnung hin, da st e« Ihnen vergönnt sein möge, sich auch für die Zukunft noch recht lange in Ihrer heutigen Regsamkeit unb Frische an den Angelegenheiten des Vereins mtb dessen Versammlungen zn beteiligen.

Mit vorzüglidter Hodtachtung und freundl. kollegialem Grust Der Vorstand de« Vereins der Oberhefsischen Anwälte

M e b, Mendelsohn,

Borsibender. Sd)riftfül)rer.

Giesten, den IG. Zannar 1911.

Zum Verständnis der Urkunde >ei bemerkt, dast Herr Baist ein geborener Grünberger, der sethste Sohn des dortigen Land­rats I. E. Baist, 84 Jähre alt, feil 1848 int Justizdienst, seit 1854 Anwalt in Giesten ist, hier zum Justizrat, dann zum Geheimen Justizrat ernannt unb gelegentlich feilte« fünfzig­jährigen Anwaltsjnbtläumü mit dem Verdienstorden Philipps des Grostnrüligen erster Klasse mit der Krone ausgezeickmet wurde. Wer den Jubilar sieht, denkt nicht, dast er schon int 85. Lebens­jahre steht. Roch sei bemerkt, dast Herr Baist 15 Jahre lang Stadtverordneter war unb nur deshalb au« der Versammlung anstrat, weil er wegen schwerer Krankheit längere Zeit arbeits­unfähig war.

Interessant dürfte für die Leser unsere« Blattes sein, was Herr Baist über feine in Büdingen verlebte Gymnäsialzeit -u berichten weist. Seine Eltern lebten, als er vom 14. Lebens- iahte ab (1841) da« Gymnasium besuchen wollte, in Altenstadt. Bei der kurzen Anfnahmeprüfuiig zeigte fid), dast feine Vor- lülbung, abgesehen von der lateinischen Sprache, eine recht mangel­hafte war, so dast fid» der Direktor zu dem Aussprud) verstieg.- ,,Es ist erstaunlich, mit welcher Fülle von Unwissenheit der Junge hierher kommt!" Es folgte die probeweise Aufnahme in die zweite Ordnung der Sekunda. Th. Baist bezog mit seinem älteren Bruder eine Wohnung bei dem Kupferschmied Beier. Da aber die Kessel- schmiedemufil' dem Studium der Klassiker und der Erledigung der torifllidjen Arbeiten hinderlich war, siedelten die Brüder ans dem sonst guten Hause, da« ihnen für 100 Gulden pro Kopf

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