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Zweiter Blatt
161. Jahrgang
Nr. 4
Erscheint K-Nch mit Ausnahme der Sonntag».
DK „Glehener KcnniliendlStter" werden dem ,9lnj<eigcr' viermal wöchentlich beigelegt, das „Krdsblatt fÄr den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschafllichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweunal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Donnerstag, 5. Zannar 19Y
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläts - Blich- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion. 112. Tel.-Adr.:AnzergerGießen.
Adel und Grden im Zn- und Anslanüe.
Die „Frankfurter Ztg." hat mit einem merkwürdigen Eifer jüngst die Ordensangelegenheiten zweier Lehrer hm» und herdesprochen. Daß demokratische Zeitungen an Ordens- auSzelchnungen so grobes und ernstes Interesse nehmen, ist jedenfalls nicht ohne Humor. Jetzt regt sich dasselbe Blatt wieder darüber auf, warum der Geh. Oberschulrat Nodnagel daS Komiurkreuz zweiter Klasse erhalten habe, was doch mit den hessischen Ordensregeln nicht übereinslimme. Wir halten eS für würdiger, derartig belanglose Sachen möglichst gar» nicht zu besprechen, möchten höchstens den Wunsch äußern, daß die Ordens „regeln" überhaiipt abgeschafft und die Verleihungen erheblich eingeschränkt würden. Uns konunt aber ein kleiner Aufsatz in der „Deutschen volksw. Kocr." zu Gesicht, der in diesem Zusammenhang gewiß nicht ohne Interesie ist!
Ungarn hat demokratische Einrichtungen und ist als liberaler Muslersläal oft geling gerühmt worden. Nach dem kürzlich erschienenen ungarischen Adelsalmanach sind in Ungarn seit 186 7 nahezu 1OOO Familien geadelt worden, davon mehrals 800 in den letzten beiden Jahrzehnten. In einzelnen Fällen erfolgte die Verleihung des ungarischen Adels auf Grund wirklicher Verdienste um den König oder um das Vaterland. In der Reget aber werden reiche ehrgeizige Leute belohnt, die größere Geldbeträge entweder für gemeinnützige Zwecke oder für Wohl- fahrlsanstatten oder aber auch für die große Zenlralivablkasse gespendet haben. Einigermaßen entrüstet zeigten sich etliche madja- rische Blätter, als kürzlich em reicher Fabrikant in den rmgarifchen Frelherrnnand erhoben wurde, nadibem er ans dem Judentum zum (Sbrifieuium und aus dem österreichischen Ltaalsverbande m den ungarüchen übergetreten war. Akit dem Adel erhalten diese Herren ivie in Oesterreich so auch in Ungarn neue, wohlklingende, auf Wnnich auch geschichtlich berühmt gewordene 91 am en — ohne Preiserhöhung. An derartigen Gejchäften waren in Ungarn alle L.ininerien ohne Unter*chicO der Parteislellung beteiligt, insbesondere auch das große demokratifche StoaUtiondminifterium Wekerle-2lvvoiiyi-Kossiith.
Stoch demokrali-cher als Ungarn ist ohne Zivei*el die französische Republik. Gle hivohl ist dort die O r d e n s i a g d lebhafter als in den Meißen Monarchien. Von dem Orden der Ehrenlegion dürfen satzungsgemäß nicht mehr als 14 320 Stück ausgegeben werden. Ohne diese Beschränkung würden Hundertlausende von Franzosen das rote Bändchen tragen. Als Ersatz dafür erstreben und erlangen die Oröensjäger die Palmen eines O'ftziers der Akademie oder des öffentlichen Unterrichts. Nach einem amtlichen Bericht wurden im Jahre 1909 b i e Palmen eines Offiziers der Akademie 30000 Male verlangt und 13 u 0 0 Male verliehen. Die Zahl dieser Ordensträger beläuft sich auf Hunderttausende! Tie Vorliebe der Franzosen für Orden hängt vielleicht mit jenen Eigen- schaßen zusammen, die Bismarck einmal an ihnen hervorhob; großartige Stellung, pompöse Redensart, imponierende Miene wie aus dem Theater.
Wenn sich in Deuts cb land Blätter luftig machen über die Verleihung von Adel und Orden, so mögen sie sich zweierlei gefügt fein lassen: In gewissen liberalen und demokratischen Ländern bestehen bei der Verleihung von Adel und Orden Mißbräuche, wie sie in Deutschland unbekannt sind.
Die Aerzte in Deutschland (910.
In der „Deutschen medizinischen Wochenschrift" veröffentlicht San.-Rat Dr. Friedrich Prinzing in Ulm au Grund des von Prof. Dr. I. Schwalbe herausaegebenen „Reichsmedizinalkalenders für Deutschland auf das Jahr 1911" eine Uebersicht über die statistischen Verhältnisse der Aerzte Deutschlands im Jahre 1910. Die Zahl der AerzteinDeutschlandbetrngdanachindiesem Jahre 32449. Es kommen auf 10030 Einwohner 5,01 Aerzte. Ihre Zahl hat gegen das Vorjahr um 4 80 zugenommen. Künftig ist wieder ein Ansteigen der Verhältnisziffern der Aerzte zu erwarten, da die Zahl der
Medizinstudierenden sehr gestiegen ist, so von 9239 in 1939 auf 11125 in 1910. Aus die einzelnen Landesteile ver-
teilten sich bie Aerzte folgen
bermafjen:
1909
1910
19.9
1910
Ostpreußen . .
694
715
Bayern . . .
3 570
3 608
Weüvreußen . Berlin lohne
528
536
Sachsen . . .
Würlleinberg .
2 294
1 0'4
2 281
1 077
Vororte . .
2143
2 071
Baden . . .
1 272
1 289
Chorloitenburg
6 7
718
Hessen ....
745
764
Brandenburg .
2 056
2 170
Beide Mecklenb.
362
359
Ponunern . .
662
658
Oldenburg . .
166
173
Polen ....
613
625
Braunschweig .
263
275
Schlesien . .
1964
2 020
Thürmgen . .
695
7u8
Snchien . . . Schlesiv.-Holst.
1342
1 376
Anhalt . . .
148
145
814
828
Waldeck . . .
45
53
Hannover . .
1 455
1 459
Beide Lippe. .
71
72
Wesiialen . .
1 497
1541
Lübeck ....
75
81
Hesien-Nassau.
1 533
1 561
Bremen . . .
213
237
:)ihemprvvmz .
Snnnaringen .
Ganz Preußen
3 3« 6
3 369
Hamburg. . .
7.3
754
25
19319
-4
19 671
Elsaß-Lothrlngen
917
9U2
Die Zunahme entfällt auch diesmal überwiegend auf die Großstädte, 329 von dem Plus von 48J Aerzten. Ihre Zahl betrug in Groß-Berlin. 3894, in den übrigen Großstädten 9367. Auf 1010J E.nwohner Famen in Gr ß- Berlin 12,32, in den übrigen Großstädten 9,10. im übrig.n Deutschland 3,74 Aerzte. In den Großstädten kamen auf
10 000 Einwohner
4,3
4,0
Wiesbaden München . Straßburg
Wachen . . Mannheim. Doilmund . Alioua . . Elbereld .
Crefeld . . Chemnitz .
Bannen Bochum. .
Blauen . . Essen . . . Duisburg .
Gel'enkirchen
9,7
9,7
9,2
9,1
8,7
8,4
8,3
8,1
8,1
8,0
7,7
7,7
7,7
. 22,«;
. 16,6
. 13,9
12,3 11,8 11,8 11,5 11,5 11,3 11, l 106 K',1
9,8
Aerzte
Sianel. . .
Stuttgart . Dresden Danzig . .
Braunschweig Erfurt . .
Leipzig . .
Nürnberg .
Bremen . . Magdeburg Stettin .
Düsseldorf .
Hamburg .
7,6
6,8
6,2
5,9 5,^
5,6
5,6 :>,3
5,0
4,8
Groß-Berlin. Königsberg . Halle a. S. . Riel .... Frankfurt a.M. Breslau . . Hannover. . Bosen . . . Karlsruhe Köln . . .
Die Zahl der Aerztinnen ist erheblich gestiegen; während 1908 £5 und 1909 69 verzeichnet waren, sind es jetzt 102 Aerztinnen; davon kommen auf Berlin 32 (1909 21), München 6 (wie im Vorjahre), Frankfurt a. M 6 (1909 5), Dresden 6 (4) und Hamburg 4 wie im Vorjahr). In zehn Städten sind zwei Aerztinnen aufgeführt, in 23 Gemeinden je eine. Die Zahl der weiblichen Medizinstudierenden ist von 371 auf 512 gestiegen.
Die Plädoyers im Mcabüer Ltrahenirawall.
4- Berlin, 4. Jan.
Am heutigen 38. Verhandlungstage des Moabiter Krawall- pvozesses soll nunmehr endlich die langwierige Beweisaufnahme zu Ende geführt werden und in Erwartung der Schlußakte des Riesenprozesses hatte sich nicht nur die Anklagebank und der Verteidigertisch wieder vollkommen gefüllt, sondern auch der Zuhörerraum wies wieder eine vollständige Besetzung auf. Ter Gerichtshof ließ zunächst sehr lange auf sich warten, da er noch die verschiedenen Anträge der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung auf weitere Beweiserhebungen, auf Abhaltung eines Lokaltermins in dem Geschäft des Angeklagte, Gastwirts Pilz u. a. m. zu beraten hatte. — Erst gegen %11 Uhr erschien bei Gerichtshof im Saal.
Ter Vorsitzende Landgerichtsdirektor Lieber gab zunächst bekannt, daß die Lokalbesichtigung bei Pilz abgelehnt worden sei, da der Verteidigung zugegeben werden könne, daß die in Frage kommenden Oertlichkeiten mit den Bekundungen der Zeugen übereinstimmten. Ebenso lehnte das Gericht die Hinzuzlehung eines psychiatrischen Sachverständigen zur Beobachtung des Geistes zustandes des Zeugen Blechschmidt ab, der den Angeklagten Pilz i belastet hatte. Schließlich wurde auch die Ladung der Redaktionsund Expeditionsmitglieder des „Vorwärts" abgelehnt, die dar
I über vernommen werden sollten, daß im Vorwärts vorher von
den Krawallen nichts bekannt gewesen sei und auch während dieser keine Beziehungen zwischen der Redaktion und den Krawalle machern bestanden hätten.
seinem
Plädoyer:
Vom Polizeipräsidenten von Jagow lag ferner die Mitteilung vor, daß er nach wie vor die Genehmigung, feine Beamten über die Maßnahmen während der Krawalltage zu hören, verweigere.
Ter Erste Staatsanwalt Steinb'recht sagte in
Er behandelt den allgemeinen Teil der Anklage, während Staatsanwalt Stelzner das Ergebnis der sechswöchentlichen Beweisaufnahme in Bezug auf die einzelnen Anklagen erörtern wird. Einleitend weist der Erste Staatsanwalt die Behauptung zurück, daß jemals auf Seiten der Staatsanwaltschaft die Absicht bestanden habe, die Sozialdemokratie oder die Gewerkschaften, oder den „Vorwärts" für den Moabiter Krawall verantwortlich zu machen. Weder vor noch während des Prozesses sei das zum Ausdruck gekommen. Allerdings habe die Verteidigung sich bo bemüht, durch Vernehmung von Mitgliedern der Partellcllung den Anschein zu erwecken, als wenn die Anklagebehörde bemüht gewesen wäre, der Sache ein politisches Mäntelchen umzuhängen, und da das Gericht die dahingehenden Beweisanträge nicht ablehnen konnte, so sei natürlich jetzt der Jubel in der sozialdemokratischen Presse groß, daß die Beweisaufnahme nach dieser Richtung hin negativ ausgefallen sei. Leider sei dies sozial- demokratl'sche Schein Manöver einem Telle der bürgerlichen Presse nicht klar geworden, und er erkläre deshalb nochmals ausdrücklich, daß die Staatsanwaltschaft niemals die Sozialdemokratie für die Moabiter Unruhen verantwortlich, gemacht, noch einen Tendenzprozeß geführt habe. Wohl aber müsse daran festgehalten werden, daß die sozialdemokratische Behauptung durchaus nicht zutreffe, daß nur der Janhagel die Unruhen verschuldet habe. Ein Blick auf die Anklagebank beweise das Gegenteil. Auch unter den Zeugen habe man Arbeiter unÄ ihre Frauen gesehen, deren Schuldlosigkeit nicht immer einwandsfrei festgestellt sei. Das Gesamtbild zeige ferner, daß ein ungeheurer Daß gegen die Polizei in 50bva- b i t bestand, ein Daß, der nicht zum geringsten Tcll am die sozialdemokratische Verhetzung zurückzuführen sei. Dieser Daß sei sehr bald nach dem Ausbruch des Streiks bei der Firma Kupfer u. Co. in die Erscheinung getreten, als es sich für die Polizei darum handelte, die Arbeitswilligen dieser) Firma vor den Ausschreitungen der Streikenden und der vow ihnen ausgestellten Streikposten zu schützen. Darüber herrscho wohl heute kein Zweifel mehr, daß von dieser Seite der erfta Anstoß zu den Unruhen gegeben worden sei. Es stehe fest, daß fdie Streikenden die Arbeitswilligen b er Firma Kupf er in oft brutaler Weise mißha ndelt hätten, daß sie mit Revolvern ausgerüstet waren und! den Kampf mit Pflastersteinen zu führen begannen. Als dann die Polizei zunächst in durchaus ruhiger und sachlichen Weise den Schutz der Arbeitswilligen organisierte, wurde sie von demselben Schicksal wie die Arbellswilligen selbst betroffen. Der Erste Staatsanwalt erinnert daran, von welchem Hohngelächter die ausfahrenden Wagen von Kupfer u. Eo. durch ganz Moabll geleitet worden, obwohl Schutzleute hoch zu Roß sie begleiteten und wieviele von Steinwürfen zerbeulte Schutz- mannshelme heute den Gerichtstisch zierten. Als, einen der Führer im Kampfe gegen die Polizei schildert der Erste Staatsanwalt dann den Angeklagten Pilz, in dessen Lokal offenbar eine Zeirtralauskunftsstelle über den Streik und die habet Be- teiligten bestanden habe. Er sei fest davon überzeugt, daß die Zeuges richtig gesehen hätten, die im Pllz'fchen Lokal die Streikposten ans- und ein geben sahen, und er zweifle auch keinen Augenblick) daran, daß sich die geschilderten Prügelszenen dort ereignet hätten, ici denen Arbeitswillige die Opfer waren. Es unterliege auch deinem Zweifel, daß während dieser Zeit im Pllz'scksen Lokal ein führendes Mitglied des sozialdemokratischen Transportarbeller- ^erbandes verkehrt habe, unb daß ein großer Teil der Locwe'schen Arbeiter zugunsten der Streikenden operiert habe, wie denn ja chließlich überhaupt die gesamte Arbellerschaft des Moabiter Stadt- .ells für die Streikenden unb damit gegen die Polizei Partei [cnommcn habe. Der Staatsanwalt schildert bann eingehend ie einzelnen Phasen int Moabiter Krawall unb gibt zu, baß >ie Polizei, gereizt und erbittert burch bie ungeheuerliche Entstellung, des wahren Sachverhalts und bie immer infamer
Aus pariser Briefen Wilhelm von QumbolMs an Schiller.
Bielleicht spricht nichts stärker für Schlllers ganz modernen Dicht erblick als das leidenschaftliche Interesse, das tn ihm der gewaltige Organismus der Weltstadt Paris erregte. Was Balzac ünb Zola später in riesigen Romanzyklen versuchten, das hat er in seiner Tragödie „Die Polizei" gestalten wollen: „Parts in seiner Allheit". Wenn dieser grandiose Plan, der das verwirrend vielgestaltige Getriebe dieses „Zentrums der Welt" nt den Rahmen eines Dramas pressen wollte, wie vorher die wimmelnde Fülle der Wallensteiner, über die erste, hochmter- essante Skizzierung des Stoffes nicht hinaus kam, so lag das eben an der tragischen Größe dieses Entwurfes, der das ganze Leben der Gegenwart allein durch die Macht der Phantasie beherrschen Wollte. Schon früh hatten sich Schillers Blicke mll aller Selm- suckst nach Paris gelenkt. „Wer Sinn unb Luft für die giof>j Meilsck-enwelt hat, muß sich in diesem weiten, großen Element gefallen; wie klein intb armselig sind unsere bürgerlichen zull) politischen Verhältnisse dagegen!" So schrieb er bereits 1788. Durch eine ausgebreitete ßeftüre suchte er sich über die Etnzek- Hellen des Pariser Lebens zu orientieren; aber in eine eigentliche lebendige Berührung kam er mit der Sonnenstabt erst, als fein Freunb Wilhelm von Dnmbolbt bort für längere ~*it Aulenthalt nahm und ihm seine Einbrücke von ber franzö- chen Hauptstadt in ausführlichen Briefen mitteilte. Man bar, di.'*er wohl annehmen, baß gerabe biese anschaulich und scharf analysierenden Schilderungen ans der von ihm so sehr bewunder-- ten „Sonnenmetropr'e" befruchtend auf die dichterischen Pläne wirkten, bie uns in oen Auszeichnungen zur „Polizei" unb den „Kinbern des Dauses" erhalten sind.
In der kostbaren Veröffentlichung der neuen Briefe Humboldts an Schiller, bie uns Friedrich Clemens Ebrard in der Deutsck)en Runbsckiau barbietet, werden uns nun auch bisher unbekannte Briefe aus Paris mitgeteilt, deren gewaltigen Eindruck auf Schiller man sich wohl vergegenwärtigen kann. Humboldt! berickstet am 7. Dezeinber 1797, wie seht er von dieser Zeit ergriffen sei, „die ein so buntes Gemisch verschiedenartiger Elemente, so viel Stoss für das mannigfaltigste Interesse in fid) enthält". „Besonders in dem jetzigen Augenblick findet man hier vereinigt, was man sonst nirgends antrifft, und für mich zählt schon bloß die Menge ber Menschen, aus ben verschiedensten Gegenden, die Zusammenkunft mannigfaltiger Talente in der Gesellschaft unb bie rege Bewegung, in welcher dies alles in unb durch einander wirkt. Sollten sie darin vielleicht ein einseitiges Interesse des Verstandes Hüben, so müßten Sie einmal aus einer ber Seine Brücken ober in ben Tuilerien stehen, um burch ben Anblick bieser Schonhell ber Stellst auf einmal auch Ihre Phantasie begeistert zu
üblen. Ich habe in ber Tat nie einen Punkt gesehen, der soviel Größe, Pracht und Schönhell auf einmal in sich vereint. . . Ohne noch ber Erinnerungen zu erwähnen, bie sich bei biefen Orten, diesen Namen von selbst herbeibrängen, frage ich Sie, öb leicht irgenb eine Ansicht in einer aoberen Stabt bie Einbilbungskraft so zu begeistern im Stande ist? Jenseits des Pont Neuf nach dem Pont St. Michel zu, sieht man nichts als schmale, schlechte, hohe Däuser mit ungeheuren Feuermauern, kleinen und vielen Fenstern, enge dich gedrängte Gassen, gothische Bauart, nach und nach an ben Quais werben die Gebäube schöner unb größer, die Straßen weiter, bis am Ende das Auge, wenn es ben Fluß verfolgt, auf den freien Horizont unb bie schönen Wälder jener großen Spaziergänge trifft. Unwiderstehlich wird der Blick durch das Interesse, das eine solche Menschenmenge immer mit sich führt, in bie Mitte ber Stabt hingerissen, unb wiederum so gern unb willig rettet er sich in die freie und liebliche Natur."
Starke Eindrücke empfing Humboldt auch von dem Pariser Theater, und er spricht dem Freunde gegenüber ausführlich seine Ideen von französischer Schauspielkunst unb französischem Tanz aus, bie er dann später in feinem für Goethes Prpyläen geschriebenen Aufsatz über das französische Theater verwertete. Dabei erwähnt er auch des (Änflusses, den Schiller auf bie französische Bühne gewonnen hatte. „Von Ihnen hört man hier nicht selten sprechen. Ihre Räuber sind in einen Robert, ches des brigands umgeformt, der zu einer gewissen nicht guten Zeit ber Revolution viel Glück gemacht hat. Mir ist biese Mißgeburt benn bazu ist es gewiß geworden) noch nicht zu Gesichte gekommen. Haben Sie damals das Unglück gehabt, wild und roh behandelt zu werden, so droht Ihnen nun vielleicht eine noch schlimmere Gefahr in eine recht eigentlich französische Tragödie in Alexandrinern und selon toutes les regles umgefchaffen zu werden. Ein junger Dichter, Jolly, hat sich Ihren Karlos von, einem Deutschen meiner Bekanntschaft übersetzen lassen, und ist nun daran, darnach ein Stück zu machen."
Trotz all ber reichen Anregungen und Erlebnisse, die Humboldt in Paris findet, fühlt er sich doch fremd in dieser glänzenden Umwelt unb kann bie Sehnsucht nach der Heimat unb bem Freunbe nicht untcrbrücfen. „Ein sonderbares unb trauriges Gefühl gibt mir die Einsamkeit, in der ich mich mitten in Paris unb feitbem ich Dresden verließ, trotz aller mannigfaltigen Bekanntschaften befinde, lieber gewisse unb gerade die angelegensten Ideen nicht nur mit niemand reden zu können, sondern auch so gewiß zu seyn, daß niemand weit und breit ist, der nur irgend Sinn, nur irgend Lust oder Fähigkeit hätte, sie zu verstehm! Tennos.) glaube ich, würde ich den Mangel dieses geistigen Genusses nur wenig fühlen, der Reichtum an Stoffzu Reflexionen würde mich leicht vergessen lassen, daß es an Mitteln, die gc machten mllzuthellen fehlt, wenn sich nicht bei mir mit diesem
Gefühl zugleich das Entbehren ber Freundschaft verbände. Allein tote sehr ich Sie vermisse, lieber theurer Freund, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Ich denke unendlich oft an die Zeiten, bie wir miteinanber verlebten, jeder gehaltvollere Gedanke in mir erinnert mich so lebhaft daran: aber fast noch öfter fühle ich die Freude vorher, die ich empfinden werde, wenn ich zum ersten Mai wieder zu Ihnen zurückkomme, unb wir uns nach einer langen Trennung wieder vereinigt sehen ... In ber Tat rechne ich es zu den Vorzügen meines hiesigen Aufenthalts, daß mir bie Deutsche Natur in ihrem Abel und ihrer Vortrefflichkeit erst hier recht klar werden wird."
•
Bas vrockeiMspenst.
Das Phänomen jener merkwürdig beleuchteten Nebel- bilber, bie man zunächst auf dem Brocken beobachtet hak und die davon den Namen „Brockengespenst" erhalten haben, bietet ein so phantastisch arandioses Schauspiel, wie es sich bie Phantasie nicht wunderbarer und zauberhafter vorstellen kann. Der Brocken, seit altersher der Mittelpunkt mythologischen Hexen- unb Teuselswcsens, legte den Gedanken nahe, daß sich in diesen riefiaen, schattenhaften Gebilden der Geist des Zauberberges erhebe, der im Morgenbrauen oder in der Abenddämmerung über feine Gipfel schreite. Aber das Brockenaespenst ist nicht etwa nur auf ben Schauplatz ber Faustischen Walpurgisnacht beschränkt, fonbern finbet sich überall in ber Welt, hauptsächlich auf Bergen; es hat auch anbere Namen erhalten, wie z B. „Kreis von Ulloa", nach den sich bildenden eigentümlichen Lichtringen. Das erste Mal, daß dies atmosphärische Phänomen beobachtet wurde, ist wohl in das Jahr 1744 zu setzen, wie I. Loisel in einem Aufsatz über das Brockengespenst .in der „Nature"" an führt. Die Reisenden Bouguex und la Eon- b am ine beobachteten eine solche Erscheinung während ihres Aufenthaltes in Peru auf dem Gipfel des Pambamarea. „Eine Wolke, die uns zunächst ganz eingehüllt hatte und sich bann zerstreute, ließ uns die aufsteigende Sonne sehen, bie sehr strahlend leuchtete. Eine Nebelwand wogte von der anderen Seite herüber; sie war nicht dreißig Schritt entfernt, als jeder von uns seinen Schatten auf ihr projiziert sah und zwar nur seinen eigenen, weil die Wolke keine einheitliche Oberfläche darbot. Die geringe Entfernung erlaubte uns, alle Teile des Schattens zu unterscheiden: mau. fach die Arme, die Beine, den Kopf; aber was uns in Erstaunen setzte, war, daß dieser letztere Teil des Körpers


