Ausgabe 
3.3.1911 Zweites Blatt
 
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An die Wühler

des ersten hessischen Reichstagöwahlkreises!

Der Wahltag naht! Ein Tag der politischen Pflichterfüllung für jeden ernsthaften Mann in unserem Wahlkreis.

Unser Kandidat ist Herr Pfarrer Karell in Königstüdten.

Hören Sie ihn, wenn es Ihnen irgend möglich ist, selbst, hören Sie auch die anderen Kandidaten, prüfen Sie ohne Voreingenommenheit das Programm jedes einzelnen und dann wählen Sie! . '

Wir stehen im Kampf mit einem antisemitischen Bündler, mit dem Vertreter des hessischen d. h. Heyl'schen Nationalliberalismus, und dem Kandidaten der sozialdemokratischen Klassenpartei.

Wir sind national! Stolz auf unser Volk und seine Kultur wollen wir es kräftig erhalten inmitten des Wettbewerbs der Nationen. Ohne nationalen Fanatismus und ohne nationale Beschränktheit wollen wir dem Staate geben, was er braucht, um sich behaupten zu können.

Wir sind sozial! Der Staat soll die Ausbeutung der einzelnen Arbeitskräfte durch öffentlich-rechtliche Bestimmungen verhindern, er soll die Schwachen schützen um der Schwachen willen und um des gesamten Volks willen, das in seiner geistigen und wirtschaftlichen Entwickelung leidet, wenn es nicht für die Gesundheit aller seiner Schichten sorgt. Wir anerkennen willig die Notwendigkeit des Großbetriebes und des Kapitals - aber wir wollen nicht, daß sie in der Gestalt von volksschädigenden Trusts oder arbeitsschädigenden Spekulation zum Unsegen werden. Die Selbständigkeit der Menschen ist oberstes Gesetz der Volkswirtschaft. Wir ver­treten darum die Organisation der verschiedenen Berufsstände und sind von der Möglichkeit eines ehrlichen wenn auch unter Kämpfen errungenen Friedens unter ihnen überzeugt.

Wir sind liberal! Wir wollen, daß der Staat Duldsamkeit übe gegen alle Konfessionen und geistigen Bewegungen, gegen alle Parteien und Bevölkerungsschichten. Keine Ausnahme­gesetze, keine kleinliche Bevormundung des Volkes. Das ist unseres großen Reiches nicht würdig.

Wir stehen fest zum Reichstagswahlrecht und zum Ausbau der verfassungsmäßigen Rechte unseres Volkes. Neberzeugte Anhänger der Monarchie wollen wir in Wahr­heit konstitutionell regiert wissen. Der Staat soll seine Aufgabe in der wirtschaftlichen und geistigen Hebung aller seiner Angehörigen sehen.

Unser Kandidat vertritt auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik die Berücksichtigung des Bauernstandes mit allem Nachdruck; er bekämpft beim Bunde der Landwirte das Vor­wiegen der Großgrundbesitzerinteressen und die verhetzende Klassenpolitik, welche zuletzt auch die Interessen der Bauern schädigen muß.

Wir erstreben eine gerechtere Verteilung der Lasten als sie unter der Führung des schwarz-blauen Blockes ftattgefunden hat. Diese Reichsfinanzreform war eine Versündigung an den Interessen des deutschen Volkes.

Dafür gebührt denen, die zum schwarz-blauen Blocke stehen, bei der Wahl die Quittung.

Daß unser Kandidat

Pfarrer Karell aus Königftäöten

der Mann ist, um mit Kraft und Würde diese Ziele zu vertreten, wissen alle, die ihn kennen oder gehört haben. Darum geben Sie ihm Ihre Stimme und werben Sie für ihn.

Jetzt muß jeder liberale Mann auf seinem Posten sein. Was auch der Kampf noch bringen mag an Angriffen und niedrigen persönlichen Verdäch­tigungen unseres Kandidaten: wir stehen treu zum Liberalismus und seinem Vertreter

Pfarrer Kord! aus KönigsMen

Der Wahlausschuß der fortschrittlichen Volkspartei.