Ausgabe 
7.10.1911 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nach einer Reihe von Anfragen über die gestrigen Vor­fälle in der Säulenhalle und dem Sitzungssaal, wobei es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemo­kraten und Deutschen kam, wurde die Sitzung geschlossen, und die nächste Sitzung auf Dienstag anberaumt.

*

Anschlag auf brn Justizminister.

Wien, 6. Oktober. Die polizeiliche Untersuchung gegen Njegus und Paulin i)t abgeschlossen. Njegus, der die Absicht batte, den Justizminister zu erschießen und dies unumwunden zugab, wurde wegen Mordversuchs, Paulin wegen Verdachts der Mitschuld in das Landgericht eingeliefert.

Der Bürgermeister von Sebenico teilt derNeuen Fr. Presse"' über den Attentäter Njegus folgendes mit: Der Vater des Attentäters war Gastwirt. Njegus zeigte sich immer unruhig und gewalttätig. Nach der Wahlkampagne bedrohte er den Bürgermeister von Sebenico, weshalb er gerichtlich bestraft wurde. Auch sonst geriet er wiederholt mit den Behörde^ in Konflikt und wurde des öfteren bestraft, ebenso erlitt er während der Militärzeit Strafen. In Sebenico war er Korrespondent mehrerer sozialistischer Zeitungen.

Die gescheiterte liberale Einigung. DaS Sekretariat der fortschrittlichen Volkspartei in Hessen bittet uns um Aufnahme folgender Notiz:

Es ist unrichtig, daß E i n i g u n g s v c r h a n d l u n g e n für die Landtagswahlen zwischen den Lantesvorständen der national liberalen Partei und der fortschrittlichen Vo:kspartci gescheitert seien, da Verhandlungen solcher Art überhaupt nicht stattgefunden haben.

Ebensowenig ist es richtig, das; der Darmstädter freisinnige Verein eine Einigung prinzipiell abgelehnt hat. Er hat sich nur geweigert, den bereits nominierten, um die freisinnige Sache hochverdienten, Stadtverordneten Henrich fallen zu lassen.

Vilbel, 6. Okt. Eine Vertrauensmännerversamm­lung der nationalliberalen Partei stellte am Sonntag für den Landtagswahlkreis Vilbel den Lehrer Will-Rendel als Kandidaten für die kommende Wahl auf.. Der Kandidat, der ursprünglich angenommen hatte, hat nun doch wieder abgelehnt. Die Freisinnigen und Sozialdemokraten haben bereits Kandidaten im Wahlkreis aufgestellt.

rb. Darmstadt, 6. Okt. Der verdienswolle Präsident der Zweiten Kammer, Geh. Regierungsrat Haas, der während der letzten Kammertagungen durch sei ne schwere Erkrankung fast voll­ständig an der Führung der Präsidialgeschäfte verhindert war, hatte die Absicht gehegt, in Rücksicht aus s inen leidenden Zustand und sein Alter er hat die siebzig bereits überschritten auf eine weitere parlamentarische Tätigkeit zu verzichten. Nachdem sich aber inzwischen sein Gesundh.itszustand wieder gebessert hat, scheint er sich nun neuerdings doch entschlossen zu haben, von Neuem ein Landtags Mandat anzunehmen. Im Landtags­wahlkreis BensheimLindenfelsFürth ist aber schon von den Nationalliberalen der Postverwalter Mergelt-Rcichelsheim zum Kandidaten ernannt worden und die Vertrauensmänner sollen ent­schlossen sein, an dieser Kandidatur festzuhalten; ebenso gedenken die Baucrnbündler von ihrer Kandidatur Si fert nicht, abzugehen. Infolgedessen sind nun Schritte eingeleitet worden, ihm sein langjähriges früheres Kammermandat als Vertre er des Kreises P f un g st a d tG e r ns h c i m ui der zurückz- g winnen, da? nur in der verflossenen Landtagsp.'riode durch den sozialdemokratischen Abg. Raab ausgcübt wurde.

der Eintritt verboten worden. Ausländische Aerzte ver­sehen den Dienst ganz allein, da die Krankenschwestern nicht unter tiirkischen Vorgesetzten dienen wollen und sich zurück­gezogen haben. Zahlreiche Italiener sind nach Serbien abgereist.

Die Ausweisung der Italiener.

DieKöln. Ztg." meldet aus Konstantinopel: Die deutsche Botschaft hat der türkischen Regierung empfohlen, bei der Ausweisung der Italiener aus der Türkei Mäßigung walten zu lassen. DieKöln. Ztg." meldet weiter, daß sich die Pforte infolge der Ver­mittelung der Botschafter veranlaßt gesehen habe, die Unter­sagung der Kohlenübernahme von Handelsschiffen in den ottomanischen Häfen wieder aufzuheben.

Konstantinopel, 6. Okt. (Wiener Korr.-Bureau.) Der französische Botschafter traf gestern hier ein und hatte mit dem Großwesir am Nachmittag eine Be­sprechung. Die Ausweisung der Italiener aus der Türkei soll bevorstehen. Gestern ereignete sich auch der erste Fall von Boykott gegen Italien., Er betraf italienische Waren, die mit einem bulgarischen Dampfer eintrafen.

Konstantinopel, 7. Okt. Morgen soll, wie ver­lautet, ein Kommunique der türkischen Negie­rung erscheinen, das einige Ueberraschungen bringen werde. Angeblich sollen darin alle Repressalien angekün digt werden, die die Türkei nunmehr gegen italienische Untertanen, italienische Waren und den Besch von Italienern anzuwenden gedenkt. Es heißt sogar, das (Kommunique werde den Krieg bis zum äußersten versprechen.

Eine Landung der Türken auf Samos.

Athen, 6. Okt. Nach einer Meldung der Agence d'Athenea landete die Türkei gestern 500 Sol­daten bei Sarnos und machte sich dadurch einer Ver­letzung des von Frankreich, England und Rußland garan­tierten völkerrechtlichen Status der Insel schuld.

Ein englischer Dampfer von den Türken anaehalten.

Saloniki, 6. Okt. Der englische DampferOehris" wurde unterwegs von dem türkischen KüstenpanzerschiffFeth-i-Bulend" angehalten. Bei der Durchsuchung der Ladung wurden vierzig Fässer Schießpulver gefunden, weshalb der Dampfer nach dem Hafen von Saloniki gebracht wurde. Er wird vorläufig alß Prise betrachtet.

Der neue türkische Minister des Auswärtigen.

Berlin, 7. Okt. DieVossische Zeitung" meldet aus Konstantinopel: Der neue Minister des Aeußern R e s ch i d Pascha ist stets für Anl ehnung der Türkei an DeutschlandundOe st erreich eingetreten. Seine Be­rufung erfolgte zwar nicht aus diesem Grunde, darf aber als Gewähr gegen eine Abkehr der türkischen Politik vom bisherigen Pfade gelten. Trotz der den Deutschen gegenwärtig unfreundlichen Volks st immung genießt der deutsche Botschafter Freiherr v. Marschall unver­ändert das alte unbegrenzte Vertrauen der maßgebenden Personen.

Die türkische Mobilisierung.

Konstantinopel, 6. Okt. Die Meldung eines Ber­liner Blattes über die Mobilisierung von 600000 türkischen Soldaten ist unzutreffend. Die gesamte Mobilisierung der europäischen Türkei umfaßt sieben Divi sionen. In Anatolien fand überhaupt keine Mobilmachung statt, sondern nur eine Verschiebung der aktiven Truppen aus dem Innern nach den Hafenplätzen.

Eine Erklärung der griechischeu Negierung.

Athen, 6. Okt. Die Agence d'Athönes veröffentlicht folgende Erklärung : Wir sind ermächtigt, in der entschieden- sten Weise die Meldung der Aaence-Ottomane als u n w a h r zu bezeichnen, nach welcher zwei Banden unter dem Befehl hellenischer Offiziere zwischen Elasfona und Diskata sowie zwischen Elassona und Serfidje bemerkt worden seien und daß sich andere Banden in Grie­chenland bilden wollen, um in ottornanisches Gebiet einzufallen. Es ist allgemein bekannt, daß Räuberbanden das gesamte Gebiet ständig verheeren und der griechischen Bevölkerung das Leben unmöglich machen, da die ottomanischen Behörden nicht den Willen zeigen oder unfähig sind, sie zu verfolgen.

In Athen mißt man der Einberufung der Re­servisten zweier Bataillone, zur Bewachung der Grenze von Epirus, keine Bedeutung bei. Die Türkei hat im Vilajet Janina die Reservisten von 22 Bataillonen unter die Fahnen einberufen. Dieses ungeheure Mißverhältnis kennzeichnet, so heißt es in einer amtlichen Veröffentlichung, die friedlichen Absichten der hellenischen Negierung. Tas Kabinett in Athen hat den Mächten von den durch Griechen­land getroffenen militärischen Maßnahmen Mitteilung ge­macht, damit diese für den Fall, daß über diese Maß­nahmen in der Presse ungenaue Angaben gemacht würden, unterrichtet seien.

Aus dem österreichischen Abgeordnetenhaus.

Wien, 6. Okt. Bei Beginn der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses ergriff der Finanzminister das Mort zur Einbringung des Budgets für 1912. Der Staatsvoranschlag für 1912 weist an Gesamteinnahmen in Höhe von 2 916 990 344 Kronen auf, also 35,2 Millionen mehr als im Jahre 1911; an Staatsausgaben 2 916 685 263 Kronen, 34,9 Millionen mehr als im Jahre 1911. Der Ueberschuß beträgt 305 081 Kronen. Außerdem brachte die Regierung im Abgeordnetenhause einen Gesetzentwurf ein, durch welche die Aktivitätszulagen der Staats­beamten von der sechsten Rangklasse abwärts, sowie die der Unterbeamten und Diener erhöht werden.

Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurden die bis­herigen Vizepräsidenten wiedergewählt, darunter der So-- zialdemokrat P ernerstvrfer. Bei der Verkündigung oer Wahl Pernerstorfers wurden vereinzelte Pfuirufe auf Seiten der Deutschen laut, worauf die Sozialdemokraten mit lautem, anhaltendem Beifall und Hochrufen erwiderten. Bei der Wahl des definitiven Präsidiums wurde Präsident Sylvestre wiedergewählt.

Zum Schluß fernes Exposes betonte der Finanz­minister, angesichts der vielfachen Anzeigen der Ent­wicklungsfähigkeit des Erwerbslebens der ö st er­reich ischenVolkswirtschaft, der Vergrößerung des Gesamtumsatzes des Handelsverkehrs, der günstigen Ent­wicklung der Banken, Sparkassen und des Genossenschafts­wesens und der, wenn auch nicht auf allen Gebieten, ver­stärkten Industrie, glaubten die Minister sagen zu können, Oesterreich habe keinen Grund, den Mut sin­ken zu lassen, dürfe vielmehr getrost, wenn auch mit Vorsicht und Geduld, an die großen Aufgaben herantreten, welche die Existenzbeding­ungen der Volkswirtschaft und der Sozialpolitik stellten. (Lebhafter Beifalls

5<. hauptvcriammllng der deutschen Philologen und Zchulmümier.

~ Posen, 6. Okt.

In der allgemeinen Sitzung der 51. Hauptversammlung deut­scher Philologen und Schulmänner sprach heute der bekannte Forscher auf dem Gebiete der Ameisenkunde, Pater Was mann (Valkenberg in Holland) über

Das Seelenleben der Ameisen".

Er wies darauf hin, daß schon vor vielen hunderttausend Jahren im ersten Drittel der Tertiärzeit ein reiches Ameisenleben aus unserer Erde sich entfaltet habe und kam zu dem Schluß, daß dieses älteste Amcisenleben demjenigen der Gegenwart in seinen Hauptzügen entsprach. Nirgendwo int ganzen Tierreich treffen wir so menschenähnliche Gescllschaftseinrichtungen wie namentlich bei den Ameisen. Einzelne kühne Sozialreformer sind deshalb sogar auf den Gedanken gekommen, die Ameisenrepubliken als Vorbild für die Menschenstaaten aufzustellen. Ameisen und Men­schen sind grundverschiedene Wesen nicht bloß körperlich, sondern auch bezüglich des Seelenlebens und doch finden sich viele über­raschende Äehnlichkeiten. Der Vortragende gab hierauf eine Schil­derung der einfachen Ameisenkolonien und ihres Gesellschafts­lebens, sowie der gemischten Ameisenkolonien, in welchen Ameisen verschiedener Arten beisammen leben. Es sind dies die Kolonien der paraschischen Und der sklavenhaltenden Ameisen. Den Höhe­punkt der Sklavenzucht in den Ameisenstaaten stellen die Ama- zonen-Ameisen dar, die das glänzendste Kriegertalent mit gänz­licher individueller Hilfslosigkeit verbinden. Sehr mannigfaltig und interessant sind die Beziehungen der Ameisen zu fremden Nestinsassen oder Gästen aus anderen Ordnungen und Klassen des Gliedersinns. Die psychologisch merkwürdigste Kategorie bilden die echten Ameisengäste, da sie die Pflege, die sie von den Ameisen erhalten, durch ein narkotisch berauschendes Sekret ver­gelten, nicht selten zum schweren Schaden ihrer geprellten Wirte. Mannigfach ist der Nahrungscrwerb der Ameisen, der an Vieh­zucht und Jagd, Ackerbau und Gemüsekultur der Menschen erinnert, aber doch nur auf instinktiven Grundlagen beruht. Der Nestbau der Ameisen weist in spezifischer Beziehung die größte Mannig­faltigkeit auf. Bei manchen Ameisenarten dienen bei der Her­stellung der Gespinftnester die eigenen Larven äls Webschiffchen, ein einzig dastehender Gebrauch von Werkzeugen im Tierreich. Tie Annahme einer Ameisenintelligenz wurde sodann vom Redner an einigen Beispielen beleuchtet, die aus den Beziehungen der Ameisen zu ihren echten Gästen entnommen waren. VonIn­telligenz" im philosophischen Sinne des Wortes kann keine Rede sein. Der Redner schloß mit einem Hinweis auf Albertus Magnus und die gläubige Naturauffassung, die mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, auch heute mehr als je vollkommen vereinbar fei.

In der pädagogischen Sektion, verbunden mit der historisch- geographischen, sprach Dr. Friedrich (Leipzig) über Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht.

Er betonte, die innere Gemeinsamkeit zwischen historischer Wissenschaft und historischem Unterricht, die auch ein reges äußeres Zusammenarbeiten erwünscht machen. Dann behandelte er die in der teilweisen Verschiedenheit der Zwecke begründete Verschieden­heit von Forschung und Unterricht, wie sie in der Auswahl und Verarbeitung der Stoffe deutlich werden. Eine soziologische Ge­schichtsbehandlung in der Schule, welche die Bedeutung des Faches innerhalb der Organisation des Unterrichts ganz ver­schieben müßte, lehnte er ab. Quellenbenutzung forderte er nicht als heuristische Grundlage, sondern als illustrierende Begleit­erscheinung des Unterrichts, wünschte jedoch, daß neben den Quellen die Lektüre klassischer Geschichtswerke zu ihrem Rechte komme.

Direktor Dr. Matzdorff (Berlin) sprach überStellung der Biologie im Organismus der höh. Schule n", in die jene einzugliedern ist, nachdem seit 10 Jahren für ihre Ausnahme eine starke und erfolgreiche Bewegung stattgefunden hat. Ihr Betrieb wird sich, sei es von der Selbstbetätigung aus­gehend oder an der Hand voü Unterweisungen namentlich auf eigen» Beobachtungen und Versuche stützen müssen. Unter den Lehr­

mitteln nehmen tobende Tiere Die er,re stelle ein, dann..können Präparate, Modelle und Abbildungen in sparsamer Weye Der* wendet werden. Das Lehrbuch soll niemals Anweisungen für den Lehrer erhalten. Schwierig ist die Frage der Lehrzeit für einen durchgehenden biologischen Unterricht. Vielfach wird auch wahl­freier Unterricht vorläufig noch zu empfehlen fein. Vor aUem mögen überall die Vertreter {Der biologischen Naturwissenschaft bartun, was sie können. r .

Geheimer Archivrat Professor Dr. Warschauer (Pofen) sprach über denSchulunterricht in der historischen Heimat­kunde". In der orientalischen Sektion sprach Profeßor Dr. a cob (Brvmberg) überDas Deutschtum im heutigen Palästina .

Professor Dr. Siebs (Breslau) berichtete über em inter­essantes Volkslied, das ein Testament Friedrich des Großen dar­stellt. In 18 Strophen, die nach der Melodie des Prinz Eugen gesungen werden, gibt der König Anweisungen, was mit ferner Leiche geschehen soll, und gibt seinem Nachfolger politische Er- Mahnungen. Tas Lied hat Professor Siebs im böhmischen Rresen- gebirge vielfach noch lebendig gefunden.

Weiter sprach Dr. Hermann Haack (Gotha) über Fortschritte her Kartographie in den letzten Jahrzehnte n".

Nur ein Fünftel her gesamten Landfläche erfreut sich, wie der Redner ausführte, einer genauen Angabe und Aufnahme in großem Maßstab, von den übrigen V5 ist weitaus der größte Teil topo­graphisch eine terra incognita. Besser steht es mit der Aufnahme der Küsten. Nur die Polarküsten sind für Schisfahrtszw.'cke noch unerforscht. Ueberraschend gering sind die Kenntnisse des Meeres­bodens. Als zuverlässigste Karte für unsere Kenntnis der Ober­fläche gilt jene im Maßstabe von 1 zu 100 000; eine in London zusammengetretene Konferenz, die von Deutschland, Oesterreich, Frankreich, Italien, Spanien, Rußland und den Vereinigten Staaten besucht war, hat sich über die Grundsätze der Herstellung dieser Karte geeinigt, so daß die Herstellung gesichert erscheint. Das lenkbare Luftschiff wird in Verbindung mit der Photo­grammetrie viel zur Erweiterung unserer Kenntnisse bertragen,

Professor Süpfle (Mannheim) berichtete noch überDie höheren Lehranstalten und die Schularztfrag e", Privatdozent Tr. Frischeisen (Berlin) überden gegenwär­tigen Stand der S p r a ch p h i l o l o g i e", Professor Lehmann (Posen) überUniversität und Schule".

Sodann wurde beschlossen, den nächsten Philologen- und Schul­männertag im Jahre 1913 in Marburg abzuhalten.

26. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Zrauenvereinr.

< Braunschweig, 6. Oktober.

Die Teilnehmer an der Tagung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins besichtigten im Laufe des gestrigen Nachmittags die verschiedenen Wohlfahrtseinrichtungen von Braunschweig.

Das große Interesse, das der Frauentag erweckt, zeigte sich in dem starken Besuch der gestern im Rathaussaale abgehaltenen Versammlung. Unter den Ehrengästen befanden sich Herzogin Elisabeth und die Staatsminister Hartwieg und Wolff. Helene Lange sprach über das Thema:Was verstehen wir unter Gleich­berechtigung der Geschlechter?" Gleichberechtigung bedeutet Frei­heit, und Freiheit war von jeher die höchste Idee der Be­strebung. So wurde die Frage der Gleichberechtigung eine sitt­liche Frage. Die Frauen müssen an den Gedanken der gleichen Rechte festhalten. Sie wollen es nicht auf allen Gebieten dem Manne gleichtun, aber man soll ihnen in Gemeinden und Staat eine Mitbestimmung zugestehen.

Heute vormittag wurden die Beratungen fortgesetzt. Frau Pauline Voigtländer gab den Geschäfts- und Kassenbericht der Charitas- und Luise-Lenz-Stiftung bekannt, deren Zinsen an Studentinnen gegeben werden.

Frau Apolant (Frankfurt a. M.) berichtete über die Aus­kunftsstelle für den Gemeindcdienft, welche der Allgemeine Deutsche Frauenverband eingerichtet hat. Nach dem Bericht ist die Zahl der Anfragen gegen das Vorjahr etwas zurückgegangen. Frau Apolant begründete sodann den Antrag der Ortsgruppe Frankfurt a. M., nach dem der Allgemeine Deutsche Frauen­verein für die Aufnahmen von Frauen in städtische Ausschüsse eintreten soll. . .

Hierauf folgte ein Vortrag über die Erziehung der Mädchen für das Berufsleben. Ein Drittel aller Berufe wird in Deutschland bereits von Frauen ausgefüllt. Die Forderungen, allen Frauen eine Fachausbildung zuteil werden zu lassen, würde aber den Arbeitsmarkt mit Kräften überladen. (?) Die Erziehung zum Berufe muß Hand in'Hand mit der Schule gehen. Die Mädchen müssen auch den nötigen Berufsernst lernen. Sehr fraglich fcfyeinc es, ob die jungen Mädchen auch hauswirt­schaftliche Ausbildung erhalten sollen. Geschichts- und Bürger­kunde sei dringend notwendig. Hierauf wurde eine Entschließung angenommen, die sich mit der Ausgestaltung der weiblichen Be­rufsbildung im Sinne der Gleichstellung beschäftigt.

Ein Antrag Hamburg wurde sodann nach kurzer Beratung angenommen und beschloßen, für die Reform der Privat­wohltätigkeit und zwar sowohl der korperativen, wie der­jenigen von Einzelpersonen, einzutreten. Den Mitgliedern der Vorstände wurde empfohlen, sich aller Beteiligungen an Privat- wohltätigkeitssesten, Blumentagen usw. zu enthalten, ferner durch Mahnungen an der Teilnahme abzuhalten.

Damit war die Tagesordnung erschöpft und der Kongreß mit den üblichen Dankesworten geschlossen.

Aus Statt mit Laut.

Gießen, 7. Oktober 1911.

* Tageskalender. Stadttheater: Sonntag nach­mittag Uhr:Charleys Tante"; abends Uhr: .Es lebe das Leben."

Kolosseum: Täglich Dorstellung.

Kinernatograph: Täglich Vorstellung.

Biograph: Täglich Vorstellung.

Öl i l i l ä r k o n z e r t auf derLiebigShöhe" Sonntag nach­mittag 4% Uhr.

Aulagemusik am Sonntag vormittag 11% Uhr in der Sud- Anlage. Spielpinn: 1. Parademarsch von Mollendors. 2. Ouver­türe zur OperetteTie schöne Walatbe" von Fr. v. £irpp6. 2. Fantasie a. d. OperFaust" (Margarete) von Gounod. 4. Kösener 8.-0.- Marsch von H- Metz in Gießen.

* Landesuni oer sität. Der ordentliche Profesior der Archäologie Dr. Watzinger hat einen an ihn ergangenen Ruf nach Innsbruck erfreulicherweise abgelehnt. Auch der ordentliche Profesior für alte Geschichte Dr. Max Strack hat einen Ruf und zwar an die Universität Kiel erhalten.

Pfarrpersonalien. Der Großherzog hat dem Vfarrverwalter Karl Frank zu Hutzdorf die eoang. Pfarr- 'telle zu Crainfeld übertragen.

** Eine Sitzun g des Provinzial - Aus­schusses findet am Samstag, 14. Oktober, vormittags y49 Uhr, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Klage des Ortsarmenverbandes Gießen gegen den Landarmenver­band Gießen wegen Unterstützung des Josef Wagner von Schöckingen. 2. Klage der LandesversicherungsanstaltGroßh. Hessen in Darmstadt gegen die Ortskrankenkasse Gießen ;pegen Ersatz von Pflegekosten für Johannes Plösser IX. 3. Klage des Ortsarmenverbandes Hanau gegen die Orts- rankenkasse Gießen wegen Unterstützung des O. Hilpert von Bamberg. 4. Gesuch des Christian Sch unk zu Butz- o a ch um Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft. "). Aufnahme des Religionslehrers I. I. Isaak zu Hungen in die Fürsorgekasse für Kommunalbeamte.

* * Stadttheater. Normals sei darauf hin- gewiesen, daß die Vorstellungen des Sonntags, nachmittags der bekannte SchwankCharleys Tante",, abends da--.