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6.10.1911 Zweites Blatt
 
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Nr. 255 Zweiter Blatt

161. Jahrgang

Erscheint tSgllch mit Ausnahme deS Sonntag».

Tie«lefeenet Zamilievblätter" roerben dem »Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit« tragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gtehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Zreitag, 6. Gttober 1911

Rotationsdruck und Verlag bet Vtühl^chen Universität» - Buch- und Steindruckerei.

9L Sangt, Eichen.

Redaktion, Erpedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Rcdaktion:^^112.Tel.-Adr.:AnzeigerDieben.

3um Zusammentritt des österreichischen Neichsratr.

Im Schatten der Tripolis-Asfäre trat der österreichische Reichsrat, der sich Ende Juli vertagt hatte, am 5. Oktober zu einer etwa 75 Tage umfassenden Herbstsession wieder zusammen. Sein Arbeitsprogramm ist seit einiger Zeit be­kannt. Soll er sich doch beschäftigen 1. mit der Erledigung des WebrgesetzeS, 2. mit der Turchfährung einer großen wirtschaftlichen Aktion, wie sie während der Somnierscssion gelegentlich der Fleischnotbesprechung von der Regierung bereiiv angetundtgt und durch die Wiener Hungerrevolte zur Notwendigkeit geworden war, 3. mit der Durchführung einer neuen verbesserten Vorlage betreffend die Sozialver­sicherung und 4. mit der Lösung der Wasscrstraßenfrage durch eine Gesetzesvorlage, die Galizien, Niederösterreich, Böhmen und Mähren umfaßt, aber nur die dringlichsten Forde­rungen befriedigt, viujjcc der natürlich notwendigen Ver­abschiedung des Budgctprovisoriums tommcn weiterhin in Betracht: ein Lokalbahngesetz, die Beamtcngehaltsfrage, die Diätenfrage (Pauschalierung der ois jetzt im Abgeordneten­hause üblichen Tagegelder) und die Erneuerung der Gc- schäftsordnung, die, zur Abwehr der Obstruktion bestimmt, eine Verlängerung auf ein weiteres Jahr erfahren soll.

Lin solches Programm klingt natürlich sehr stolz. Mau müßte aus seinem Umfange entnehmen, daß der österrei­chische Ministerpräsident wirllich eine Zweidrittelmehrheit im Abgeordnetenhause hinter sich hätte auf die Erste Kammer kommt es hier weniger an. Man müßte danach auch annehmcn, daß Oesterreich ein nationales Ltaats- ganzes bildete, und man müßte völlig vergessen, daß es noch eine zweite Reichshälfte, nämlich Ungarn, gibt, das in Sachen der Wehrvorlage und der Durchführung der großen wirtschaftlichen Aktion, soweit davon die gemein­same Zollgesetzgebung berührt wird, ein sehr gewichtiges Wort milzusprcchen hat, das auf Oesterreich um so wir­kungsvoller ist, als es in seiner nationalen Zerklüftung dem in dieser Beziehung gefestigten Ungarn' ziemlich hilf­los gegenübersteht. Und unter diesem Gesichtspunkt be­trachtet, bedeutet das Arbeitsprogramm des Reichsrats nur Schall und Rauch.

Wer da beobachtet hat, daß von den 17 österreichischen Partikularlandtagcn nur 4 (Böhmen, Niederöslerrcich, Vorarlberg und Triest) wirklich zusammengetretcn sind, weil es in den übrigen 13 eine Obstruktion gibt, die jede er­sprießliche gesetzgeberische Tätigkeit unmöglich macht, der wird zugeben müssen, oaß es um Oesterreichs innerpoli- tisches Leben heute ärger denn je bestellt ist. Auch der böhmische Landtag, dessen Zusammentritt sich ja glücklich ermöglichen ließ, fristete nur ein Scheindasein; fein Erfolg besteht lediglich darin, daß es ihm gelang, die vom Statthalter Fürsten Thun wieder eingeleuete Ausgleichs- akrion insofern zu fördern, als sich Deutsche und Tschechen bereitfitiden ließen, den nationalpolitischen Ausschuß in Permanenz zu erklären, die Beratungen über den Ausgleich also auch nach Schluß des Böhmischen Landtags fortzu- s etzen.

Ter österreichische Reichsrat ist nur dann arbeitsfähig, wenn die Tschechen seine Arbeit nicht durch Obstruktion stören. Tenn mit Sicherheit vermag Herr v. Gautsch heute nur auf die Polen und den Deutschen Nationalverband zu rechnen, nachdem die Ehrisilich-Loztalen, die bei den Juni­wahlen zusammengebrochen sind, erklärt haben, eine Politik der freien Hand führen zu wollen, und die im neuen Reichs­rat verstärkte Sozialdemokratie, trotz innerer Zerklüftung, noch immer Manns genug ist, Herrn v. Gautsch Steine in den Weg zu legen. Unter diesen Umständen wirft natür­lich der Ministerpräsident Köder nach allen Seiten aus. Aber er scheint dennoch dem Frieden nicht zu trauen. Tenn vor wenigen Tagen wußte dieNeue Freie Presse" zu melden, daß Frhr. v. Gautsch die Absicht habe, einen deut­schen und einen tschechischen Landsmannminister zu er­nennen, ja, er wolle sogar, wenn sich die parlamentari­schen Verhältnisse im Laufe der Session klären sollten, sein bisheriges Ministerium vollständig parlamentarisieren. Ge­setzesvorlagen, wie die Ausbesserung der Beamtengehälter, die Erweiterung des Lokalbahnnetzes, sowie vor allem die große wirtschaftliche Aktion zur Linderung des Notstandes, fallen hier, auch was die Stellung der Sozialdemokratie anbelangt, natürlich sehr ins Gewicht, so daß Frhr. von Gautsch zweifellos sein Bestes getan hat, um die Arbeits­fähigkeit des österreichischen Reichsrats wenigstens bis Weih­nachten zu sichern.

Gin Revolveranschlag in der ersten Sitzung.

Tie erste Sitzung des österreichischen Abgeordneten­hauses war wegen eines glücklicherweise unschädlich ver­laufenen Redolveranschlages auf den Justizminister stür- nlisch erregt, lieber den Fall Cartwright gab der Ministerpräsident eine Erklärung ab, die in Deutschland wenig befriedigen wird. Es ist doch recht fraglich, ob er sich darauf stützen konnte, es seien durch die Angelegenheit weder innere noch äußere Verhältnisse der Monarchie berührt" worden.

Wien, 5. Okt. Das Abgeordnetenhaus ist wieder zasammengetreten. Es begann heute die Beratung der Teue- rangsanträge. Der Sozialdemokrat Adler griff den Justiz­minister Ritter von Hohenburger wegen der harten Urteile in dem Prozeß gegen die Ollakringer Umzügler heftig an. (Leb­hafte Protest- und Unterbrechungsruse durch die Sozialdemokraten.) Währe ndderLärms zenenf euerteplötzlicheinJn- d-ividuum von der linken Seite der zweiten Ga­lerie gegen die M i n i st e r b a n k, aus der sich der Justiz­minister uiid der Unterrichtsminister befanden, vier Schüsse mb. Es wurde niemand getroffen. Tes Hauses bemäch­tigte sich eine unglaubliche Aufregung. Sofort wur- d»m sämtliche Ausgänge des Hauses geschlossen und die Suche mach dem Täter aufgeiwmmen. Tie Sitzung wurde unterbrochen. 2er Täter wurde schließlich in der Person eines neunzehn­jährigen Dalmatiners ermittelt. Er gab an, Sozialist z i sein, und er habe den Justizminister erschießen wollen.

Nach einer anderen Meldung ist der Täter ein 2 6 j ä h r i g e r Arbeiter namens Negus Bavrack aus Sobenice in Dal-

maticn. Er riet bei der Abgabe des Schusses:Hoch der So­zialismus!" Tie ungeheure Erregung, welche sich des Hauses bemächtigte, dauerte auch nach der sofort vom Präsidenten an« geordneten Unterbrechung der Sitzung fort. Ter Justizministcr war Gegenstand lebhafter Beglückwünschungen von allen Seilen. Während der Pause kam es zu ununterbrochenen sehr heftigen 5t o n t r o o e r t c n zwischen Sozialdemo­kraten und C h r ist l i ch s o z i a le n. Auf die 5Vunbc von dem Attentat erschien der Mini st c r p r ä s ident und die übrigen Mitglieder der Regierung im Sitzungssaalc. Auch der Polizeipräsident von Wien begab lieb in das Abge­ordnetenhaus. Tie Spuren dec Schüsse sind an der Minister­bank und unterhalb der Prasidcntencstrade sichtbar. Eine Kugel wurde aus der Estrade gesunden. Sämtliche Eingänge des Parla­ments werden von der Polizei streng bewacht und gesperrt. Nach der Festnahme des Täters wurden die Galerien ge­räumt. Nach über einstündiger Pause wurde die Sitzung wieder ausgenommen. Ter Präsident sprach das tiefste Bedauern über den Vorfall aus und erklärte, es seien strenge Maßnahmen angeordnet, um eine Wiederholung unbe­dingt zu verhindern. (Lebhafter Beifall.)

Es folgen neue lärmende Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Abgeordneten der deutschen Par­teien. Ter Präsident unterbricht neuerdings die Sitzung und be­ruft eine Obmännerlonserenz ein. Nach Wiederausnahme der Sitzung nach 3 Uhr nachmittags, setzte der Abg. Adler seine Rede unter immerwährenden itürmifchen Schlußrusen bei den Deutschen und Ehristlichsozialen fort. Adler drückte sein tiefstes Bedauern über das Attentat eines Unzurechnungsfähigen aus. Nachdem er unter lebhaftem Beifall seiner Parteigenossen und lärmendem Protest der anderen Parteien seine Rede beendete, ergrin Ministerpräsident Gautsch das Wort und er­klärte, der verbrecherische Anschlag war nicht bloß gegen die Minislerbank, sondern gegen das Haus und gegen den Parla­mentarismus gerichtet. ^.Stürmischer Beifall.) Der Präsident weist auf die täglich in öffentlichen sozialdemo­kratischen Versammlungen gehaltenen auf­reizenden Reden hin, welche eine unverkennbare Aehnlich- feit mit der heute gehaltenen Rede des Abg. Adler hätten. Er könne sich schließlich nicht wundern, wenn es zu solchen Der» brecheriichen Attentaten komme. Ter Ministerpräsident verliest unter stürmifchem Beifall der Sozialdemokraten und unter Protest- rufcn bei den Deutschen, die gestern von dem Abg. Adler in einer Voltsversammlung gehaltene Rede und schließt: Sie sürchten sich nicht und ich lürchte mich auch nicht. Wir werden uns absolut nicht abbringen lassen, die Ordnung und die Gesetzlich- keir ausrechtzuerhaltcn. (Lebhafter anhaltender Beifall bei den Ehristlichsozialen und Deutschen.)

Ter Fall Cartwright im Abgeordnetenhause.

Am Schluß der Sitzung beantwortete der Ministerpräsident die Anfrage Sommer und Ge.'nossen über das in derNeuen Freien Presse" veröffentlichte, dem englischen Botschafter Cartwright zugeschriebene Interview. Der Mi­nisterpräsident erklärte: Namens der Negierung muß ich dem Be­dauern darüber Ausdruck geben, daß der Vertreter einer befreundeten Macht hier zum Gegenstand von Erörterungen und Angriffen gemacht wurde. Durch die in Rede st ah ende Angelegenheit sind weder innere noch äußere Verhältnisse der Monarchie berührt. Tie Regierung ist infolgedessen nicht in der Lage, zu der Angelegenheit Stellung zu nehmen oder weiteres zu veranlassen.

Nachdem noch der Abg. B a e ch l 6 (Christlichsozial) die Mi­nister zu dem glücklichen Ausgang des Nevolveranschlags beglück­wünscht und die Verantwortung für die Tat den Sozialdemo­kraten zugewiesen hatte, wurden die Verhandlungen nach einer Reihe von Anfragen bezüglich der heutigen Vorfälle abgebrochen und die Sitzung geschlossen. Nächste Sitzung morgen.

Die polizeiliche Untersuchung über den Re­volveranschlag im Abgeordnetenhause hat bisher folgendes ergeben: Der Täter ist ein vor drei Tagen zugereister Tischlergehilfe Njegus. Er kam eigens in der Absicht, den Jusrizminister-zu erschießen nach Wien und setzte sich bereits vorher in den Besitz einer Browningpistole. Mittwoch nachmittag verschaffte ein Bekannter, namens Paulin, der der sozialdemokratischen Organisation an­gehört, für beide Eintrittskarten für das Parlament durch Vermittlung des sozialdemokratischen Abgeordneten Wid­holz, ohne daß dieser wußte, für wen die Karten bestimmt waren. Njegus ließ sich durch Paulin den Präsidenten und den gerade aus der Ministerbank sitzenden Minister von Hochenburger und Graf Stürgkh zeigen.. Während der Rede »des Abgeordneten .Adler gab Njegus fünf Schüsse ab, von denen einer zwischen den beiden Ministern hin durch ging. Kein Schuß traf. Einer versagte. Paulin wurde ebenfalls verhaftet. Ob er von dem Vorhaben Njegus wußte, ist unbekannt.

Eine Aufforderung des bosnischen Landtags an den Grafen Aehrenthal.

Serajewo, 5. Okt. Ter Landtag wandte sich heute telegraphisch an den Minister des Aeußern Grafen Aehrenthal mit der Bitte, alle zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um jedes weitere Blutver­gießen ini türkisch-italienischen Kriege zu verhinder n.________________________________

Deutscher Protestantentag.

~ Berlin, 5. Okt.

Unter sehr zahlreicher Beteiligung wurde heute in den Fest­sälen des Landesausstellungsparkcs der 25. Deutsche P ro­te st a n t e n t a g eröffnet. Anwesend waren SB er tretet des freien Protestantismus aus den verschiedensten Teilen des Reiches, ferner solche aus Belgien, Holland, England und der Schweiz.

Ter Vorsitzenbe Reichstagsabg. Schrader wies in seiner Begrüßungsansprache auf die Bedeutung der gegenwärtigen kirch­lichen Kämpfe hin, welche der inneren Gesinnung die ihr zu­kommende freie Bahn verschaffen wollen. Zuerst sprach Pfarrer D. Kirmß (Berlin) über

Religion als Kulturmachi.

Ter Redner führte u. a. aus: Man wird uns sonderbare Schwärmer nennen, uns Leute des treten Protestantismus, die wir zusammengekommen sind, um uns zu erbauen an dem Ge­danken, daß die Religion nicht an der Kultur sterben wird, sondern im Gegenteil im höchsten Sinne kulturschaffend ist, die höchste Kulturmacht. Tas ChristeMum weicht nicht vor der neuen Kultur, sondern will und wird eine neue Kultur schaffen, ^a zu der Kultur, wie sie ist, zu der Kultur, auf die die heutige I Zeit so stolz ist, hat das Christemum das beste beigetragen.

Freilich: nicht alle Religion ist kultnrbildend. Es gibt Religionen, die in dieser Hinsicht sehr zurücktreten, sogar direkt kulturfeind­lich sind. Andererseits gibt es auch außer dein Christentum Religionen, welche kulturbildend gewirkt haben. Deshalb lautet unser Thema nicht:Tas Christentum als Kulturmacht", son­dernTie Religion als Kulturmacht", damit nicht der Ansa-ein entsteht, als wollten wir behaupten, das Christentum allein wirke kulturschaffend. Gemeint ist in unserem Thema die fulturbilbenbe Macht des religiösen Prinzips. Ta aber bas religiöse Prinzip seine höchste Tarstellnng und Verwirklichung im Christentum gc- funben hat, so haben wir es hier mit dem Christentum, genauer dem Protestantismus als Kultnrmacht zu tun.

Den Gegenvortrag hatte Prof. D. Bousset (Göttingen) übernommen, dessen 'Ausführungen sich aus der gleichen Bahn bewegten.

Von stürmischem Beifall begrüßt, verbreitete sich sodann Pfarrer Lic. Traub über die Theodizee, welche Boussct al3 Wissenschaft abgelehnt habe. In die Theodizee aber treibe den Menschen nichts anderes als das Vcrhälmis von ^Kultur und innerer Kraft und Selbständigkeit der, einzelnen Seele. Der Geist ist an die Materie gebunden. Diese Zusammenbindung sei etwas von dem Undenkbaren an der seltsamen Weisheit Gottes. Warum ist der Menscl-engeist in den Leib hincingesetzt und von dessen Funklicnen abhängig? Tas gleiche Verhältnis besteht zwischen Menschheit und Zivilisation. Wenn Gott diesen merk­würdigen Gang mit der Menschheit gehe, dann müsse er ihr damit auch etwas sagen wollen. Ter Mensch befindet sich bann auf der Höhe, wenn er sieht, wie wenig er braucht, sobald wir oben' miteinander leben, kommen Vechälttrisse und kulturelle Forderungen an uns heran, über die wir nicht hinauskönnen. Der Redner sagte, er wolle keine Kulturscligkeit predigen, aber er mache täglich von dieser Kultur selbst Gebrauch unb könne sich bie Er-' scheinnngen des täglichen Verkehrs ohne unsere kulturellen Fort- Ichritte überhaupt gar nicht denken. Kulturrausch sei ein Unsinn, Kulturseligkeit dagegen ein ästhetisches Gefühl, bas nichts taugt. Man dürfe nicht durch theoretisches Gegenüberstellen von Wirk­lichkeiten die innere .Wahrhaftigkeit des unmittelbaren Lebens verlieren.

Professor Schmiedel (Zürich) hob hervor, daß das Christen­tum die Wahrheit des Menschentums, also dessen Blüte sei. Die Kultur dürfe nicht Selbstzweck werden. Ter Mensch, der fein Inneres der Religion öffnen will, muß sich selbst so hohe Ziele stecken, daß die ilUltur selbst nicht mehr genügt. Demut ist tat- sächlich eine der wesentlichsten Seiten der Religion. Dann sollte es aber auch gelingen, für das Problem der Theodizee eine reli­giös befriedigende Löfung zu iinben. Die Religion ist die beste Kulttir des Menschen, sie nruß sich aber seinem Innenleben so anpassen, daß seine Natur nicht unterdrückt wird. Wir sind alle Subjettivisten, unb wenn wir unseren Geist ber Hebung unb Forderung durch bie Religion hingeben wollen, bann bars die Religion nicht mit Forderungen an uns herantreten, bie für unseren Geist unb seine Subjektivität unannehmbar finb. Ueber- zeugungen, bie unser Eigentum werden sollen, müssen wir uns selbst erwerben können. Nicht jede Form des Christentums ist daher geeignet, diese höchste Kultur eines geistigen Innenlebens! zu wecken, sondern nur jene Form, welche dem wirklichen Christen­tum entspricht. Wenn in der theologischen Welt mehr von Reli­giosität und weniger von Religion gesprochen würde, wären wir weiter und einiger.

In der 2. Hauptversammlung am Nachmittag sprach Pxoll D r. .G ustav Krüger (Gießen) über

Christliche Freiheit

in Glauben und Lehre auf dem Grunde des Evangeliums".- Er suchte in feinen Ausführungen bie Frage zu beantwortens Berttägt sich recht verstandene christliche Glaubensfreiheit mit ben Anforderungen, bie unsere Landeskirchen an ihre geistlichen unb weltlichen ©lieber stellen, unb wenn nicht: kann Raum geschafft werden für das richtige Verständnis der Glaubensfreiheit inner­halb ber Kirche, ober muß sic weichen unb sollen ihre Anhänger sich außerhalb ber Kirchenmauern für ihren Glauben eine neue Heimat suchen? Diese .Fraae aber sei gleichbebeutend mit der anderen: Wie stellt sich bie Kirche unb wie soll sic sich zum Be­kenntnis stellen? Diese Stellung zum Bekenntnis sei innerhalb der preußischen Landeskirche nicht so einfach unb durchsichtig.- Zwar seien bie altkirchlichen Bekenntnisse im Orbinattonsvorhalt ber Geistlichen nur als Zeuge für bas in der Heiligen Schrift enthaltene Gotteswort aufgerufen, unb ber Oberkirchenrat habe noch vor kurzem erklärt, baß ber Gebrauch des apostolischen Glaubensbekenntnisses bei ber Konfirmation nicht als gesetzltche Verpflichtung auf ben Wortlaut einer Bekenntnisformel gemeint sei. Aber bem stehe nicht bie Auffassung unzähliger Geistlichen und Laien entgegen, die gerade in diesem Wortlaut Eckstein unb Funbament bes Christentums erblicken wollen, foftbern auch eine frühere Aeußerung bes Kirchenrats selbst, wonach bie Erzählung von der jungfräulichen Geburt des Erlösers das teure unb un­antastbare Heiligtum ber Gemeinbe fei, enblich auch ber Charakter; des Bekenntnisses als einer wohlüberlegten und feftgefügten Formell Eine geschichtliche Prüfung der Sätze des sogenannten zweiten- Artikels, die sich als geschichtliche Tatsachen geben, zeigen nun freilich, daß ber Glaube an die Jungfrauengeburt nicht Bestand­teil der ältesten christlichen Heilsprebigt gewesen sein könne, und schon baruin sei es ausgeschlossen, bie Anerkennung dieser lieber* licferung als für einen evangelischen Christen heilsnotwendig zu bettachten. Aber das ganze Dogma von ber Gottmenschheit/ das bie katholische Kirche geprägt habe, sei von dem Weltbilbe und von ber Weltanschauung der Antike unabtrennbar. Wer dieses Wellbilb und diese Weltanschauung nicht mehr besitze, für ben sei notwenbig auch das Dogma babingefallen. Der Vor- tragenbe meint, daß ber Ewigkeilsgedanke der christlichen Reli- gion vom ieroeiligen Weltbilde uno der jeweiligen Weltanschauung unabhängig sei und zieht ben Schluß, daß eben darum Weltbild und Weltanschauung unmöglich ben Maßstab für die Zugehörig­keit zur evangelischen Kirche bilben können. Wie man es nie* manbem im Namen bes Christentums wehren dürfe, baß er an Engel glaube, obwohl ber Glaube an Engel mit bem Christen­tum gar nichts zu tun habe, so wenig könne man jemandem im Namen des Christentums wehren, sich seinen Gott und Christus in Formen vorzustellen, die mit dem alten Weltbilde unb mit der alten Weltanschauung unverträglich stnb. , Nur wenn das an­erkannt würbe, sei Hoffnung vorhanden, daß sich bie evangelischen Christen in einer unb berfelben Kirchengemeinschaft zusammen-.

iinben. .(Beifall.)

Den Gegenvortrag über bas gleiche Thema hatte Pfarrer Freberking ».Berlin- übernommen.

Am Abenb fanden eine Sonderversammlung freigefinnter Mit­glieder ber Gemeindekörperschaften ^Presbyterien) unb Synoden, sowie eine Sonder versammluitg von Geistlichen statt.

5(. Hauptversammlung der deutschen Philologen und Schulmänner.

' ~ Posen, 5. Oft.

III.

«m heutigen dritten Verhandlungstage der 51. Hauptversamm­lung Deutscher Philologen unb Schulmänner sprach Professor Tr. Eckart Freiburg l B - überDie Reformation im' Spiegel des gleichzeitigen englischen Dramas". Schulrat Pro-