Nr. 254 Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Giehener Lamiliendlätter" roerben dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Krcisblotl für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
161. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Donnerstag. 5. Sttober (9U
Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen UniversttälS - Buch- und Cleindruckerei.
3t. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- ftraße 7. Expedition und Verlag: e^@51.
Redaktion: 112. Teü-Adr.: AnzeigerDießen.
Die Schaffung eines Goldmattte; in Berlin?
.MS eins der sichersten Mittel, den Goldbezug vom Auslande zu erleichtern und vor allem zu einem regelmäßigen und dauernden au gestalten, empfiehlt das Mitglied des Bankenquetc-Ausschufses, Herr Bankier Arthur Fische! (L Fa. Mendelssohn u. Co., Berlin-, die Schaffung eines Goldmarktes in Berlin. Tiefer Vorschlag fand schon in der Gesamtkommission vollste Zustimmung und größte Beachtung. Bei der eminenten Bedeutung, die diese Frage für unser gesamtes Wirtschaftsleben gewinnen kann, dürste es sich lohnen, die Ausführungen des genannten Sachverständigen der Mlgemeiicheit bekannt zu geben.
Als die Ursachen der Krisis von 1507 bezeichnet Herr- Fisch el die Auswüchse der sehr stark entwickelten vorher- aegangenen Hochkonzunktur und die u n g e n ü g e n d e A u s- slatlung Deutschlands mit monetären Mitteln. Als Beweis, daß wir in der Ausgestaltung unserer monetären Mittel zu sehr zurückgeblieben sind, führt Fischet die Metallschätze der Reichsbanl an. Im Jahre 1858 beließ sich dieser int Durchschnitt auf 850 Millionen, 1507 au 843 M illionen. Der "Notenumlauf belief sich im Durchschnitt 1898 auf 1124 Millionen, dagegen 1907 auf 1478 Millionen. Also eine Verminderung der Barmittel um 7 Millionen, dagegen eine Vermehrung des Notenumlaufes um 274 Millionen! Die Vermehrung der Noten beruht auf der naturgemäßen normalen Entwicklung des Verkehrs, zum Teil auch auf der Hochkonjunktur. Dieser Vermehrung der Noten muß aber auch eine entsprechende Stärkung oes Metallschatzes, der als Unterlage der Violen dient, gegenüberstehen. „Wir müssen meiner Ansicht nach uns dauernd daraus einrichten, mehr Gold zu gaben, als wir unbedingt benötigen, uiei mehr Gold. Denn wir müssen uns nicht nur auf etwa eintretenbe innere Krisen einrichten, die ja immer möglich sind in einem hochentwickelten und voranschreitenden Lande wie es Deutschland ist. sondern wir müssen auch auf die Störungen im wirtschaftlichen Leben anderer Völker vorbereitet sein, mit denen wir durch internationale Beziehungen dauernd verbunden sind. Nur auf diese Weise ist es möglich, daß Deutschland seine Stellung im Weltmarkt und als einer der großen zentralen Geldmärkte dauernd behauptet."
Tie Diskontpolitik bezeichnet Fischet als Hauptmittel, als ein weiteres die Schaffung eines.Goldmarktes. Hauptmarkt für Gold ist und wird London bleiben. 23 ef England vereinigen sich eine ganze Reihe natürlicher Vorzüge, daß ihm die Konzentrierung der Goldbezüge auf seinen Markt ein Leichtes ist. Fischet weist bann daraus hin, daß England aber außerdem auch günstigere Ankaufsbedin- guugen hat als wir. In England existiert keine Prägegebühr. Wer einen Barren Gold zur englischen'Münze bringt, erhält ohne irgendwelchen Abzug den vollen Wert in geprägten Souvereigns, das volle Gewicht, wieder zurück. Ebenso in Amerika! In Deutschland dagegen, wo wir von vornherein durch unsere geographische Lage und die höheren Transportkosten im Nachteile sind, auch durch das Fehlen direkter Beziehungen zu den Goldlandern, wir — machen einen Abzug durch diePräge- gedühr von 3 M k. per Pfund fein! Ist es zweckmäßig, einen solch unverhältnismäßig ungünstigen Preis (1392 per Pfund fein) als normalen Kaufpreis aufrecht zu erhalten?
Fische! schlägt vor, für die Reichsbank dauernd die Prägegebühr aufzuhebeu bzw. einen Preis von 2790 Mk. per Kilo Gold oder 1395 Mk. per Pfund fein sestzusetzen, weil bann auch bei geringeren Schwankungen der Wechselkurse Gold nach Teut,chlano fließen wird. Ein fester .Ankaufspreis in dieser Hohe wird dem Produzenten wie dem Verkäufer die volle Sicherheit bieten, in Deutschland einen günstigen Preis, den vollen Pariwert, zu erhalten. Fische! ist der Ansicht, daß dann ein Teil des Goldes, der jetzt nach England geht, nach Berlin geschickt wird, und zwar, ohne dag die Reicysbank genötigt wird, jedesmal eine besoirdere Kombination mit zinsfreien Vorschüssen vorzunehmen, welche manchmal für dieselbe recht kostspielig ist. Für außerordentliche Zeiten, wo wir rasch Gold in großen Quantitäten beschaffen müssen, soll diese Kombination als Ausnahmemaßregel bestehen bleiben.
Fischet führt dann weiter aus, daß wir durch einen deutschen Goldniarkt auch in die Lage gesetzt würden, andere Länder (z. B. Schweden, Norwegen, Rußland), denen wir durch untere zentrale Lage bequemer sind als London, zeitweise mit Gold zu versorgen, wenn wir zuviel haben.
Deutschland ein zweiter Go 1 dmarkt — hoffentlich, so schreibt zu diesen Vorschlägen die „Deutsche Volkswirts ch. Korresp.", hält der Herr Reichsbankpräsident sein Versprechen, dem Vorschläge des Herrn Fische! in Beratungen im engeren Kreise noch näher zu treten, um ju prüfen, ob und wie es möglich sein wird, ihn in die Praxis überzuführen. Und diese Zeilen veranlassen hoffentlich das Reicysbankdirektorium zu einer Aeußerung, wie weit diese Beratungen gediehen sind, denn der Gegenstand ist wahrlich wichtig genug für unser gesamtes wirtschaftliches Leben.
Präsidentenwahl in Meriko.
In Mexiko ift General M a d e r o zum Präsidenten gewählt worden. Tie Revolution in Mexiko, die wegen des diktatorischen Verhaltens des Präsidenten Porfirio Ttaz im November vorigen Jahres ausgebrochen war, endete im Mai dieses wahres mit dem Siege der unter der Führung Francisco Maderos stehenden Rebellen. Ter 81jährige Präsident Ttaz, der seit dem Jahre 1877, also feit vier- unddreißig Jahren, die Geschicke Mexikos lenkte, und der verhaßte Vizepräsident Corall mußten das Land räumen. Es bedeutet für mittel- und südamerikanische Verhältnisse ungemein viel, daß Francisco Madero sich nach dem Liege seiner Truppen nicht augenblicklich aus eigener Macht- volllommenheit zum Präsidenten Mexikos ausrief und sich nach dem Muster seiner Vorgänger nicht selbstherrlich mit -diktatorischer Gewalt bekleidete, um die Anhänger Por- jirio Tiaz', sowie icine zum Teil widerharigen Truppen -Hinter sein Regime zu beugen. Er übte eine schlaue Zurück
haltung, als er am 18. Mat ds. Js. dem damaligen Mi- nistet des Auswärtigen und früheren Gefandten della Barra das Amt eines provisorischen Präsidenten einräumte, ihm die Ernennung des Kriegsminifters und Ministers des Auswärtigen überließ und sich selbst nur das Recht sicherte, die übrigen Minister im Einverständnis mit della Barra zu ernennen, sowie bis zur definitiven Präsi- denteiiwahl als offizieller Berater des provisorischen Präsidenten zu fungieren. So blieb Madero der mächtige Mann hinter den Ktttlissen, brachte es aber gerade durch diese Zurückhaltung zuwege, daß ein Teil der Anhänger des Por- firio Tiaz, denen er übrigens einige Ministerposten einräumte, auf feine Seite trat.
Aus den am 1. Oktober stattgehabten Wahlen ist nun anscheinend Francisco Madero als Sieger hervorgegangen Zwar handelte es sich am Sonntag nur um die Wahl der Wahlmänner. Ta man aber ihre Stellungnahme bis zu einem gewissen Grade kennt, so ist man fast allgemein der Ansicht, daß auch bei der Hauptwahl am 11. Ctiober Madero den Lieg über seine Gegenkandidaten davontragen wird. Tenn derjenige Kandidat, der für Madero die größte Gefahr bedeutete, der hochangesehene General Bernardo Reyes, hat, teils aus gesundheitlichen Gründen, teils auch, weil er der Regierung keine Verlegenheiten bereiten wollte, am 29. September auf die Anwartschaft eines Präsidenten von Mexiko verzichtet und ist nach Neuyork ab gereift.
Francisco Madero ist sehr wohlhabend. Seine Bildung ift fragwürdig, er nennt sich Freidenker und ist außerdem noch Vegetarier und Spiritift. Dem brutalen Tatsachen- und Gewaltmenschen Porfirio Tiaz wird also wahrscheinlich ein Schwarmgeist folgen, der erst seine staatsmännischen Talente erproben muß, wenn ec das innerlich kranke Mexiko gesund machen will. Ueberdies würden auch unter seiner Regierung, ebenso wie unter der seines Vorgängers, die amerikanischen Interessen in Mexiko Trumpf sein, ganz abgesehen davon, daß Madero den in Mexiko zahlreich lebenden Deutschen nicht wohlgesinnt ist und in feiner Wahl sch ri st vom Jahre 1910 ein höchst ab sprechen des Urteil über den deutschen Kaiser fällte. Deutschland wird daher kaum Veranlassung haben, die Wahl Maderos zum Präsidenten von Mexiko freudig zu begrüßen. Madero soll ja über eine gewisse Beamtenschlauheit verfügen, keineswegs aber über staatsmännische Befähigung, politischen Takt und politische Zuverlässigkeit. Man darf von ihm Putsche aller Art erwarten, die, von dem ihm anhängenden Pöbel ausgeführt, sein Ansehen als Präsident von Mexiko verringern dürften und vielleicht sogar das Einschreiten der Mächte, oder wenigstens der Union, nötig machen.
Heue Erfolge öer persischen Hegierungstruppen.
Die Sache des früheren Schahs von Persien scheint nunmehr endgültig gescheitert zu sein. Die „Kölnische Zeitung" meldet aus Teheran: Ein Telegramm aus Täbris besagt: Nach der Nachricht von der Niederlage Salar ed Daulehs hat sich Schua ed Dauleh den Täbrisern ergeben. Er habe auf Pardon gehofft, sei aber gefangen genommen worden und solle nach dem Eintreffen Ain ed Daulehs, des neuen Statthalters, abgeurteilt werden. Sala r e d D a u l e h ist in Hamagan vondenRegierungstruppen eingeschlossen. In Jesd sind die Unruhen durch Emir Assam unterdrückt worden. Der Tod Schua Saltanehs, des 'Bruders des ehemaligen Schahs, infolge der Verwundung bei Sawadkuh wird erneut bestätigt. Gefangene aus den letzten Gefechten sind hier eingetroffen.
Mit den Zuständen in Südpersien aber können sich die Engländer noch nicht zufrieden geben. Ein Londoner Blatt meldet: Wegen der dauernden Unruhen in Südpersien wurde beschlossen, die Wachender verschiedenen britischen Konsulate zu verstärken. Zu diesem Zwecke erhielten zwei indische Kavallerieregimenter Befehl, fich zur Einschiffung nach dem persischen Golf be- reitzuhalten.
Daß die persische Regierung die Hände wieder ziemlich frei bekommen hat, beweift auch die Entsendung von Kosaken nach dem Süden, urtt einen berüchtigten Räuber zu bekämpfen. Vielleicht handelt es sich um ein .Entgegenkommen oder ein Scbein- manover gegenüber englischen Wünschen:
Teheran, 4. Okt. Unter der Führung zweier russischer Instruktoren rückten 3 5 0 persische Kosaken mit zwei Ge- ichützen und Maschinengewehren nach Kasch an aus, um den Räuber Naib Hussein zu verfolgen, gegen den die persische Regierung seit 30 Jahren kämpft. Vor kurzer Zeit fiel Naib in Oie Hände der Bachtiaten, entfloh aber wieder und besetzte abermals Kaschan, von wo er die Karawanen auf der Straße nach Jspahan plünderte.
Deutsches Reich.
In Berlin fanden am Mittwoch unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Kirschner im Rathaus Verhandlungen von Vertretern Berlins und der größeren Vororte über Maßnahmen gegendie herrschende Lebensmittelleuerung statt. Als Ergebnis der Beratung wurde feftgestellt, daß darin Einverständnis bestehe, daß ein gemeinsamer Einkauf von Seefischen für Berlin und die Vorstadtkreise anzusrreben ist. Ten einzelnen Städten bleibt es überlassen, sich dieferhalb mit Berlin in Verbindung zu setzen.
Dem bisherigen Präsidenten des Norddeutschen Lloyds, G. Plate, wurde zu seinem Rücktritt vom Kaiser der Stern des Roten Adlerorden zweiter Klaffe.verliehen. Staatssekretär Tr. Delbrück sandte an Plate ein Sch.reiben, in welchem Plates tatkräftiger, großzügiger Schisfahrtspolitik und feiner Verdienste um den gemeinsam mit dem verstorbenen Generaldirektor W t e g a n d vorgenommenen Ausbau der deutschen Reichspvst- dampferlimen besondere Anerkennung grollt wird.
Tie feit langem zwischen Preußen und Bremen schwebenden Verhandlungen über eine gemeinsame Regulierung der Geeste von der Mündung bis oberhalb der Drehbrücke find einen großen Schritt vorwärts gekommen. Beide Staaten haben, wie wir vernehmen, sich grundsätzlich über die Aufttellung eines Bauprogramms geeinigt, so daß begründete Hosftmng für eine baldige Inangriffnahme der vornehmlich den an der Geeste liegenden Werften zugute kommenden Arbeften besteht.
Ausland.
Ter spanische Mi nist errat beschäftigte sich am Dienstag mit der monarchistischen Erhebung in Portugal. Ter Minister des Innern legte dar, welche Maßregeln an der Grenze
getroffen wurden, um strenge Neutralität aufrecht zu erhalten. Ter Minister teilte mit, daß an der Grenze von Galicien die Festnahme eines Automobils erfolgte, mit dem 40 Personen in Portugal einzudnngcn versuchten.
Wie die „Temps" meldet, ift General Moinier in Marseille eingetroffen.
Ter Aus ft and der irischen Eiscnbahnarbciter wurde am Mittwoch beigelegt.
lieber die chinesischen Unruhen wird neuerdings auS Peking gemeldet: Tie Unruhen in den östlichen Teilen der Provinz Szcchuan wachsen und bedrohen die Stadt Tschungking. Truppen aus Punan und Hupe sind unterwegs. Tie Regierung beabsichtigte, Truppenteile aus der Provinz Kwangtung zu entsenden, doch erklärte der Vizekönig, dies sei angesichts der geringen Truppenzahl dieser Provinz unmöglich. Die chinesische Vicgicrung erleichterte die Bedingungen für die Erteilung der chinesischen Untertanenschaft an die Koreaner. Bisher war zehnjähriger Aufenthalt auf chinesischem Gebiet notwendig; zukünftig genügt ein einjähriger.
Deutsche Kolonien.
v- Di e Betriebsergebnisse der Südbahn in Deutsch-Südwestafrika haben samt dem Landungsbetriebe in Roberthafen während des Rechnungsjahres 1910 einen erfreulichen Aufschwung genommen. Denn es wurden nach einer im neuesten „Kolonialblatte" veröffentlichten Nachiveisnng aus dem Personenverkehr rund 323 000 Mk., aus dem Güterverkehr rund 3,5 Millionen Mark, anS dem Viehverkehr rund 51000 Mark und aus sonstigen runb 333 000 Mark, insgesamt also 4,3 Millionen Mark vereinnahmt. Zum Vergleich sei erwähnt, daß die vorangegangenen ersten 6 Betriebsmonate eine Einnahme von 1,5 Millionen Mark gebracht hatten. Ta die Betriebsausgaben im Jahre 1910 runb 3,2 Millionen Mark betrugen, stellte sich der Ueberschuß auf 1,06 Millionen Mark, wovon dem Gouvernement nach Abzug der Pachtentschädigung usw. 928 000 Mark zusallen. Für die Zukunft ist mit einer starken Verringerung des Güterverkehrs zu rechnen, weil der später fortfallende Bau gu Werke Iw für die Strecke Keetmannshoop—Knb mit runb 1,3 Millionen Mark etwas über 49. Prozent der Gesamteinnahme des Güterverkehrs erreichte.
— Der ftänbige wirtschaftliche Ausschuß der Kolonialverwaltung erledigte, der „Norddentsckfen Allgemeinen Zeitung" zufolge, den ersten Punkt der Tagesordnung „Aufgaben der Kreditorganisation in den Sckstitzgebieten, mit besonderer Berücksichtigung von Südwestaftika". Es wurde allgemein anerkannt, daß ein dringendes Bedürfnis vorliege, den Farmern von Südwestaftika Kredit zu verschaften. Empfohlen wurde die Förderung des ratenweise unb unter Kontrolle des Verwendungszweckes und gegen reale Sicherheit zu gewährenden langfristigen Meliorationskredits, ebenso die weitere Ausbildung der kurzfristigen Betriebskredite ohne eine solche Sicherheitsleistung. Die zu»diesem Zwecke zu entwickelnde Kreditorgam- sation soll ein ganzes Land als genossenschaftliche Crganiiatiom umfaüen. Auch bezüglich der Kreditorganisation von Ostasrik« und Samoa wurde eine Einigung erzielt und der Ausbau der Organisationen einem Unterausschuß überwiesen.
Arbeiterbewegung.
Der Bewegung der Berliner Eisenkonstruk-, teure für einen besseren Dienstvertrag haben sich auch die im Deutschen Techniker-Verband organisierten Ange- ftellten angeschlossen und ihre Kündigung zum Oktober eingereicht.
lieber eine erneute Lohnbewegung der Bergleute meldet der „Vorwärts": Der Hirsch-Dunckersche Gewerk- verein Hal in drei Konferenzen in Dortmund, Wanne und Oberhausen beschlossen, infolge der Teuerung bei den übrigen Bergarbeiter-Organisationen anzuftagen, ob sie gemeinschaftlich in eine Lohnbewegung eintreten wollen. Der Deutsche Arbeiterverband habe bereits zugesagt.
51. tjauptveriammlung öer deutschen Philologen und Schulmänner.
; Posen? A. Okt.
Am,zweiten Tage beschäftigte sich die 51. Hauptversammlung der deutschen Philologen und Schulmänner zunächst mit den Sek- tionssitzungen. An erster Stelle sprach Professor K ö t s ch k e (Leipzig) über Ostdeutsche Kolonisation in mittelalterlicher und neuerer Zeit.
Universftätsprosessor Stern (Breslau) sprach über Moderne Jugendpsychologie in ihrer pädagogischen Bedeutung.
(ft schildert den gegenwärtigen Stand und die Methode der Wissenschaft, welche das Seelenleben mit der Jugend durch systematische Beobachtung und,experimentelle Untersuchungen erforscht und gibt bann eine Auslese aus pädagogischen Problemen, bei denen die Jugend durch Forschungen belehrt unb geleitet, zum Teil aber auch reformiert werden soll. Die tattischen Folgerungen sind aus den Untersuchungen über die Psychologie des Lernens außer psycho- logifchen Analysen der Sprachwelt und zeichnerischen Tarstellungs- fähigkeit beziehen. Das Studium der Entwickelung muß dazu führen, daß der Lehrplan eine bessere Anpassung an Die jeweilige geistige Verfassung der verschiedenen Klassen gewährt. Die Hauptfach e ift das S t u d i u m d er i nd iv idu e l l e n V e r- anlagung, der Intelligenz, der Willens- und Gemütseigen- sck-aften, und menrift jetzt dabei, eine exakte Methode auszuarbeiten. Lies wird um so wichtiger werden, als sich die Reformforderungcn im Sinne einer psychologischen Gliederung der Schüler geliiiib -st machen beginne. Das große Interesse, welches von den Studierenden den Hebungen entgegengebracht wird, beweist, daß die Kenntnis der Schülerpsyche und der Einfluß dieser Kenntnis auf Den Unterricht steigen werde.
Ueber die
ßlntimoberne Tendenz der höheren Schule sprach Professor Tr. Grünwald (Berlin): Aus den scharfen Gegensätzen unseres f)einigen wirtschaftlichen und politischen Lebens ergibt sich Die Unmöglichkeit, Der Gegenwart die Ziele des Jugend- unternchts zu entnehmen. Daß die Schule das Recht und die Pflicht auf Die Zeitströmungen einzuwirken hat, zeigt der Vortragende an verschiedenen Beispielen. Bezüglich der Untersuch- ungsfwffe betont er den Wert des Wissens ohne Gedächtnisüberlastung, fordert gegenüber einer Heberschätzung der Naturwissen- fchaft Die Anerkennung des Berufes Der Geisteswissenschaften. In Den modernen Weltsprachen hält er Die Parlierfähigkeit für eilt untergeordnetes Ergebnis des Unterrichts gegenüber Der durch die etiuien bee fremden Volkstumes erstrebter Bereicherung unseres eigenen Er tritt nachdrücklich für das humanistische Gymnasium ein, das dein Vaterlande bisher große Dienste geleistet habe und noch leisten tonne, Len staatsbürgerlichen Unterricht hält er für angebracht, aber nicht als ve,onderes Lehrfach. Er wünscht eine ebanere 2-chei ung der Geister auf der höheren Schule, und einen humanen Schulbetneb.
. Gymnasialproseft'oc Tr. Hartmann (Schöneberg) sprach über baS Thema „Was kann Die Sprachwissenschaft tun, um die Ein-


