Ausgabe 
29.4.1911 Drittes Blatt
 
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imb billiges Wohnen zu erreichen und bieten auf diese Weise dem Mittelstände die beste Gelegenheit zur Entwicklung und Wahr­nehmung seiner Eigenart. Die Gartenstadtbewegung hat auch bewiesen, daß ein Alleinwohnen unter eigenem Dache sehr wohl, selbst unter bescheidenen Geldverhältnissen, erreichbar ist. Die Durcharbeitung solcher Projekte hat ergeben, daß Einfamilien­häuser, mit einem kleinen Gärtchen, für 12 000 bis 20 000 Mk. einschließlich der Straßenbaukosten ausführbar sind. Und hier dürfte auch wohl der Hebel der Gießener Garten st adt- bewegung einzusetzen haben.

Tie gegenwärtige Ausstellung künstlerischer Baupläne des Hess. Architektenverbandes besitzt eine große Anzahl Entwürfe im Charakter der Einfamilienhäuser, die in jeder Hin­sicht sehr beachtenswert sind. Deshalb kann der Besuch der Aus­stellung nur empfohlen werden, da die dort gegebenen Gedanken zum Bau von Einfamilienhäusern sehr geeignet erscheinen, der ganzen Bewegung Nutzen zu bringen und fördernd zu wirken. Für die Gießener Verhältnisse sind allerdings durch eine über­mächtig gewordene Bodenspekulation die Geländeprcise für diesen hehren Zweck ins Unendliche getrieben. Es ist schon eine tat­kräftige Mitarbeit der Stadtverwaltung notwendig, um durch geeignte Bebauungspläne und Ortsbaustatuten in jetzl noch bUligen Lagen vorteilhafte Ansiedelungsplätze zu beschaffen.

Als eines der wenigen, noch zur Verfügung stehenden, preis­werten Gelände dürfte sich wohl das an der oberen Marburaer- straße empfehlen. Dort ist iroch eine Wohnlage auf südöstlichem Abhange zu schaffen, die einen anmutigen Plick auf die Stadt ge­stattet und durch die Straßenbahn beguem zu erreichen ist. Das Fernbleiben von Mietskasernen und rauchenden Fabrikschloten kann durch Ortsstatut leicht geregelt werden. Es wäre sehr begrüßens­wert, wenn die Gießener Stadtverwaltung, ehe es zu spät ist, in dieser Sache die Führung übernehmen würde.

Sinspruchrversammlung gegen die Reichsversicherungs- ordnuug.

* Gießen, 29. April.

Die in Steins Garten zwecks Stellungnahme zu der von der Regierung dem Reichstag unterbreiteten Reichs­versicherungsordnung auf gestern abend einberufene Ver­sammlung war besonders aus den Kreisen der Arbeiter­schaft ziemlich zahlreich besucht. Nachdem der Vorsitzende die Anwesenden begrüßt und durch Verlesen des betreffen­den Schreibens bekannt gegeben hatte, daß der Reichs­tagsabgeordnete Dr. Werner-Bichbach am Erscheinen ver­hindert sei, ergriff der Reichstagsabgeordnete Busold- Friedberg das Wort zur Beleuchtung des in Frage stehenden Gesetzentwurfs, der nach seiner Ansicht einen bedeutenden Rückschritt in der sozialen Gesetzgebung darstellt.. Wir ent­nehmen seinen Ausführungen das Folgende: Dieinfolge der Erfindung und Anwendung der Maschinen in den gewerb­lichen und anderen Betrieben hervorgerufenen geänderten Verhältnisse, durch die der Arbeiter mehr auf sich gestellt und der Gefahr der Erkrankung und Arbeitsunfähigkeit in erhöhtem Maße ausgesetzt war, machten in den letzten Jahrzehnten des verflossenen Jahrhunderts eine größere soziale Fürsorge der arbeitenden Klassen notwendig. Die in jenen Zeiten durch die Arbeiterschaft gegründeten Kassen auf Gegenseitigkeit kamen nur dem intelligenteren Teile der Arbeiter zugute, keineswegs aber dem Proletariat, das abseits dieser Bestrebungen stand. Sie konnten also natur­gemäß ihre Aufgabe nur unvollkommen erfüllen. Der von den Armenverwaltungen und Kommunen im Verein mit der Sozialdemokratie geschehenen Anregung und ständigen Agitation war es zu verdanken, daß in den 80er und 90er Jahren die verschiedenen Fürsorgegesetze erschienen: das Kranken-, Alters- und Invaliden- uno das Unfallversiche­rungsgesetz. Die Beteiligung der Arbeiterschaft bei der .Ausführung dieser Gesetze ist von hohem Werte für die politische Erziehung der Massen, und die Regierung sollte dieses berechtigte Verlangen der Arbeiter freuoig begrüßen. Alle diese vorgenannten Gesetze litten von vornherein an dem Mangel der Einheitlichkeit: die Beiträge der Kranken­kasse werden zu 2/3 von dem Versicherten, Vs von dem Arbeitgeber aufgebracht, bei dem Jnvalidengesetz sind die Beiträge halbiert, während der Arbeitgeber die Bei­träge zur Unfallversicherung allein aufbringen mußte. Analog den Beiträgen gestaltete sich der Einfluß auf die Verwaltung. Wie soll das in Zukunft werden? Ohne be­sonders nennenswerte Vorteile zu gewähren, beschneidet man die deutsche Arbeiterschaft an dem ihm seither ein- geräunrten Rechte der Mitverwaltung und nimmt ihr das Recht, sich zu betätigen. Und nicht dem Arbeitnehmer bloß, aud) den meisten Arbeitgebern. Einen Vorteil hat nur der Großunternehmer, der Großindustrielle. Man will die Versicherung bureaukratisieren, die Behörden an Stelle der Versicherten ausschlaggebend sein lassen, denn in den meisten Fällen hat die Regierung das letzte Wort. Bei der Wahl des Vorsitzenden, ebenso bei der Bestellung der Beamten

geriet in Streitigkeiten mit der Polizei, wurde aus Frankreich ausgewiesen. Nach seiner Heimat zurückgekehrt, gründete er in Neapel eine Duodez-Spielhölle Circolo del Mezzogiorno und hatte die Genugtuung, Aristokraten und hohe Staatsdiener bei sich ein- und ausgehen zu sehen. Diesen Selfmademan wagt die Staatsanwaltschaft als den geistigen Urheber der Ermordung der Eheleute Cuocolo hinzustellen!

Keiner dieser eigenartigen Käuze nimmt jedoch Unser Interesse derart in Anspruch wie der hochwürdige Don Ciro Vitozzi. Die Staatsanwaltschaft malt ihn mit den grellsten Farben als Schürzenjäger, Trunken- und Raufbold, Wucherer, Grabschänder; er selbst tritt so unschuldig auf, als 00 er statt in dem eisernen Käsig auf der Kanzel sich befände, wohlwollend, salbungsvoll, gottcsfest; als er von den Mißhandlungen berichtet, die er sich trotz seines geweihten Charakters seitens der Carabinieri gefallen lassen mußte, weil er nicht zugeben wollte, Polizeikommistare zu Mithelfern gehabt zu haben, versteht er es, die Zuhörer sogar zu rühren. Die Schlagfertigkeit, die Beredsamkeit der Angeklagten, der Bilderreichtum ihrer Sprache, ihr ganz ungewöhnlicher Men­schenverstand müssen jedenfalls in Erstaunen setzen. Sie habm denn auch, soweit es sich bis jetzt übersehen läßt, gar nicht schlecht abgeschnitten. Der berüchtigte M a n d r i e r e, der sich den Diamantring des Ermordeten angeeignet haben soll, bewnst ad ocolus, daß er. Weil er viel schmächtiger als sein angebliches Opfer, diesen Ring gar nicht anstecken kann. An der Haird seines beschlagnahmten Notizbuchs weist Don Vitozzi nach, daß er zu derselben Zeit, zu der er sich an einem Verbrccherkonvent be­teiligt haben sollte, eine Totenmesse auf dem städtischen Friedhof las auf Antrag eines Verwandten des Verstorbenen. Be­stätigt der Auftraggeber diesen Umstand, so ist die Anklage, was Don Vitozzi betrifft, nur noch ein Schemel mit drei Füßen. Ob eS ihm ebenso leicht gelingen wird, den Beweis zu liefern, dre unter seinen Papieren gefundene Frauenlocke rühre nicht von seiner Geliebten, sondern von seiner Mutter her?

Die ganze Anklage steht und fällt mit dem Ankläger Abbate- maggio. Die auf ihn gesetzten Hoffnungen hat er bis zur Stunde arg getäuscht. Er hatte sich anheischig gemacht, die Hauptbeschuldigten ohne weiteres zu überführen. Die Eingeweihten meinen, Mbatemaggio, trüge sich mit dem Plan, seine Wider­sacher durch das Geständnis, er selbst habe in ihrem Auftrage bei der Ermordung der aus so schreckliche Art zu einem Weltruf gelangten Eheleute CuocoloSchmiere gestanden", zur Strecke zu bringen. Vis zur Stunde hat der Prozeß lediglich dazu ge­dient, den Gegensatz zwischen der Polizei, die alles vertuschen wollte, und den Carabinieri, die die ganze Geschichte an die große Glocks gehängt haben, im grellsten Lichte erscheinen zu lassen.

weitere Mitarbeiter zu sichern. Die Versammlung stellte dem Vorstand die eingehenden Mitaliederbeiträge zu Unter­stütz ungszw ecken für Krüppel zur Verfügung. In der an- fchlietzenden Vorstands,i. ung wurde Geh. Regftrungsrat Dr. Dietz zum Vorsitzenden gewählt. Gesuche unu Zuschriften an den Verein werden unter der Adresse des Vorsitzenden oder: Hessischer Fürsorgeverein für Krüppel, Darmstadt, Wilhel> minenstraße 34, erbeten.

d. Mainz, 28. April. Die Ortskrankenkasse schneidet mit ihrer diesjährigen Rechnungsablage gut ab. Der Ueberschuß beträgt 150 000 Mk. Heute morgen fand ein Arbeiter auf dem Gleise der Rangierabteilung am Neutor vier umgestürzte Eiswagen eines Italieners, der in der Nähe einen Lagerplatz besitzt. Der Arbeiter benachrichtigte sofort die Eisenbahnverwaltung und konnte noch kurz vor dem Eintreffen eines Rangierzuges das Hindernis beseitigt werden. Anscheinend haben die Nacht über Obdachlose auf dem Lagerplatz des Italieners genächtigt und bevor sie morgens den Platz verließen, die Eiswagen auf das Gleise gestürzt.

£uftfd)iffahrt

Eine reichsges etzl'che Regelung des Verkehrs mit LuNiahrzeuqen. Man schreibt demB. B.-C.*: Es ist vor wenigen Tagen vo mehreren Blättern behauptet worden, daß nn nächsten Monat voraussichtlich die Fortsetzung der internationalen Beratungen über die Regelung der Luüschiffahrt in Paris statt» nnden würde. Diese Annahme ist nicht znt reis end. Denn Frankreich hat zu einer Fortsetzung der im vorigen Jahre be­gonnenen Beratungen nicht eingeladen und es erscheint sehr wohl möglich, daß die vorjährigen Beratungen überhaupt zu einem Ab» schliiß nicht kommen werden. Diese Frage ist für Deutschland von Bedeutung, weil die in Aussicht genommene reichsqesetzliche Regeliing des Bertehrs mit Lusiiahrzeugen erst nach Abschluß der inter­nationalen Verhandlungen in Angriff genommen werden sollte. Wenn Preußen im vorigen Herbst auf dem Verwaltungswege eine Regelung der Frage vorgenommen hat, so geschah dies, iveil aus Anlaß einer Reihe von Ungkücks<ällen eine schleunige Regelung angemessen erschien. Aus diesem Grunde kann man wohl an- nehmen, daß man auch eine reichsgesetzliche Regelung nicht lange hinausschieben wird, sobald endgültig feslsleht, daß internationale Vereinbaruiigen nicht zustande kommen.

ist eine Zweidrittelmeh rheit der beiden Gruppen, Arbeit­nehmer und Arbeitgeber, erforderlich. Da bei diesem um­ständlichen Verfahren gewöhnlich nichts herauskommt, so bestimmt die Behörde zuletzt die betreffenden Personen. Ein weiteres Beschwerderecht gegen die Entscheidungen des Oberversicherungsamtes gibt es nicht. Von einem Ausbau der sozialen Fürsorge ist in dem ganzen Gesetze keine Spur. Der einzige Erfolg auf dem Gebiete der Jnvalidenfürsorge besteht darin, daß die Invalidenrenten für jedes schul­pflichtige Kind des Jnvalidenrentenempsängers um ein Zehntel erhöht werden. Alles in allem genommen kann die Regierungsvorlage in keiner Weise beftiedigen. Darum ist es Pflicht der deutschen Arbeiterschaft, gegen das Zu­standekommen eines solchen Gesetzes energischen Widerspruch einzulegen.

In der sich daran anschließenden freien Aus­sprache wurde das schöne Verhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitgeber in der Ortskrankenkasse Gießen hervor- gehoben. Eine von Fourier-Gießen entworfene, an den Reichstag zu schickende Entschließung, worin die Nach­teile der von der Regierung vorgelegten Reichsversicherungs­ordnung dargelegt waren, fand fast einstimmige Annahme.

Ans StaOt und Land.

G eben. 29. April 1911.

** Die studentischen Unterrichtskurse für Ar­beiter und Unterbeamte sollen auch in diesem Semester rortqefübrt werden. Beabsichtigt ist ein Kurs im Deutschen, Rechnen, Französischen und Englischen einmal in der Woche. Für Deutsch und Rechnen sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Die Vorkenntnisie für die beiden Fremdsprachen können durch Besuch des Deutschkursus erlangt werden. Außer einer ein­maligen Einschreibegebühr von 50 Pfg. erwachsen den Teil­nehmern keinerlei Unkosten. Beabsichtigt sind ferner wieder Führungen und Vortrage. D:e Eröffnung der Kurse findet statt Dienstag den 2. sDZai. Dabei werden Anmeldungen und Wünsche entgegengenommen.

Im Museum für Völkerkunde gelangen zurzeit die von Herrn Dr. Gail aus Indien, vom malayischen Archipel und Ostasien gesandten Gegenstände zur Aufstellung. Die Besuchszeit ist bis auf weiteres nur Sonntags von 11 bis 1 Uhr.

** Die Sterb ekass e für Mitglied er des Hess. Landesgewerbevereins und des Ver­bandes deutscherGe Werbevereine hält ihre dies­jährige Vertreterversammlung am Sonntag, 30. April, in Oppenheim ab. Für das Jahr 1910 ist zu berichten, daß das Jahr nicht nur mit einem überaus gün­stigen finanziellen Ergebnis, sondern auch mit einem be­friedigenden Mitgliederzugang abgeschlossen hat. Der Mit­gliederstand betrug am 31. Dezemoer 1910 1158, zuge- gangen waren 40 Mitglieder im Berichtsjahre. Der Stand oer versicherten Kapitalien betrug 654 900 Mk. Das Ver­mögen belief sich nach dem Kurswert auf 117 423,59 Mk. und hat sich 1910 um 12 938,61 Mk. vermehrt. Der Ueber­schuß für das Jahr 1910 betrug 4 431,45 Mk. Als Divi­dende kommt für alle Mitglieder der Erlaß eines Monats­beitrages zur Verrechnung. Die Sterbekasse des Landes- aewerbevereins, die sich durch eine billige Verwaltung, billigen Prämiensatz mit Dividendenbezug und künftige Zahlungsbedingungen aus^eichnet, kann als die günstigste Versicherungsgelegenheit für die Mitglieder deutscher Ge­werbevereine angesehen werden. Die Mitgliedschaft können erwerben dem Verbände deutscher Gewerbevereine ange- börende gesunde Personen und deren Ehefrauen, welche das 20. Lebensjahr vollendet und das 50. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Die Verwaltung der Kasse zu Darmstadt, sowie die Ortsrechner der Kasse sind jederzeit zur Erteilung von Auskünften und Annahme von An­meldungen gerne bereit.

Landkreis Gießen.

Lang-Göns, 28. April. Auch in unserer Ge­meinde bildete sich auf Anregung der Frau Dr. Reifs unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Rompf ein Komitee, um Vorbereitungen zu treffen, den Blumentag am 7. Mai zu einem Gemeindefest anSzugestalten. Sämtliche Vereine haben ihre Mitwirkung zugesagt. Es ist ein Waldfest, verbunden mit musikalischen und gesanglichen Vorträgen, ausgeführt durch den Posaunenchor und die Gesangvereine, geplant, vor dem und während dessen der Blumenverkauf durch über 20 junge Damen stattfindet. Sollte das Wetter für ein Waldfest nicht günstig sein, würden die Veranstaltungen unter den Linden auf unserem Kirchenplatz stattfinden. Bei günstigem Wetter wird sicher ein genußreicher Nachmittag geboten.

v. Weickartshain, 28. April. Bei der hentigen Bürgermeisterwahl wnrde der seitherige Bürgermeister Karl Knöß I. mit 74 Stimmen einstimmig wieder­gewählt. Die Zahl der Wahlberechtigten betrug 85.

X Hungen, 28. April. Nächsten Mittwoch den 4. Mai findet im Gasthaus zur Traube dahier eine gemein­schaftliche Konferenz der evangelischen Geistlichen aus den Dekanaten Gießen, Grün berg und Hungen statt. Gegenstand der Verhandlungen ist vormittags 9l/2 Uhr ein Vortrag des Oberkonsistorialrates Dr. Bernbeck- Darmstadt über die Bedeutung und Verwaltung der Pfarr­pfründe; nachmittags P/2 Uhr spricht Professor Dr. K 0 epp e - Gießen über die Mitarbeit der Geistlichen bei bar Mutter- und Säuglingssürsorge auf dem Lande.

A Ettingshausen, 28. April. Ein schönes Bild der Einmütigkeit zeigte die heutige Bürgermeisterwahl. Der bisherige Bürgermeister Heinrich Keil V. wurde auf weitere 9 Jahre mit 132 Stimmen einstimmig wieder- zewäblt. Ein mächtiger Tannenbaum wurde vor dem Hause deS Neugewählten aufgerichtet.

Starkenburg und Rheinhessen.

--Darmstadt, 28. April. Am 26. d. Mts. fand hier im Sitzungssaale der Landesversicherungsanstalt die erste Mitgliederversammlung des Hessischen Für­sorge-Vereins für Krüppel unter zahlreicher Be­teiligung der aus allen Teilen des Landes erschienenen Mitglieder statt. Der erst kürzlich gegründete Verein zählt zurzeit nach einem Bericht des Geh. Regierungsrats Dr. Dietz schon 510 Mitglieder, Private, Gemeinden und Kor­porationen haben außerdem noch chren Beitritt in Aussicht gestellt. Die Mftglieder verteilen sich auf alle Gebiete und alle Bevölkerungskreise, ein erfreuliches Zeichen, daß der Vereinszweck von weiten Kreisen gewürdigt wird. Es wurden von der Versammlung 15 Vorstandsmitglieder ge­wählt und dem Vorstand anheim gegeben, sich durch has ihm fatzungsgemäß zustehende Köoptionsvecht auf etwa die doppelte Zahl zu verstärken und sich damit namentlich aus den Kreisen der Aerzte und der Geistlichkeit Hessens noch

Der Zusammenbruch von Heiligendamm.

Rostock, 28. ApriO

Ueber das Geschäft mit Heiligendamm sagt der Angeklagte John-Marlitt weiter folgendes aus: Ich erkundigte mich bei meinen Freunden an der Berliner Börse, die mir sagten, Heiligendamm würde schon seit Jahren wie Sauerbier ausgeboten und wäre nichts wert. Grade das aber veranlaßte mich, der Sache näher zu treten, denn diese Berliner betrachten alles, was außer­halb des Grunewaldes liegt, für etwas Exotisches. Die Verhand­lungen gingen weiter, ich erklärte sofort, daß ich im Verhältnis zu dem Objekt über keinen Pfennig Bargeld verfügte, aber im übrigen in der Lage wäre, Kundenwechsel zu geben und auch Ge­fälligkeitswechsel von meinen Bekannten. Ich führte weiter als meine Vermögenswerte auf Anteilscheine derTamenwohnung G. m. b. H.", Michendorf und die Suhler Villa. Die Verhand­lungen gingen hin und her, es kam nun auch der Verkäufer von Heiligendamm zu mir, Herr von Kahlden, der sich bereit erklärte, die AnteilscheineDamenwöhnung G. m. b. H." zu nehmen. Vors.: Was verlangte er für Heiligendamm? Ange kl.: Un­gefähr 2 800 000 Mk. Vorst: Wie hoch war Heiligendamm hypothekarisch belastet? Angekl.: Mit 1 310 000 Mk. Vors.: Auf welcher Basis kam der Kaufvertrag schließlich zustande? Angekl.: Auf der Basis von 2 155 000 Mk. Dafür bekam ich das Kurhaus, die Villen und das tote und lebende Inventar. Es sollten 200 000 Mk. bar angezahlt werden und diese 200 000 Mk. ver­mittelte Faulmann von der Firma Louis Wolff in Lübeck. Vors.: Sie haben also immer betont, daß Sie keine eigene« Mittel besaßen, sondern sie sich erst von dritter Seite beschaffen mußten! Angekl.: Jawohl, das habe ich immer wieder gesagt. Ter Angekl. Faulmann äußert sich zu dieser Angelegenheit: Er habe John-Marlitt für einen vermögenden Mann gehalten, sonst wäre er nicht wegen des Verkaufs von Heiligendamm zu ihm gegangen. Hierauf beginnt die Zeugenvernehmung.

In der Sitzung am Freitag sagt der frühere Besitzer von Heiligendamm Baron v. Kahlden aus: Die Auskünfte über John-Marlitt lauteten sehr günstig, er verfüge über gute Be­ziehungen. Daraufhin eckst habe ich das Geschäft abgeschlossen, denn daß er selbst kein bares Geld besaß, merkte ich bald. Aller­dings meinte er, daß seine Kundenwechsel so gut wie bares Geld wären, aber ich wollte da doch nicht so recht heran. Die bare Anzahlung erfolgte dann durch das Lübecker Bankhaus Wolff. Vors.: Fühlen L-ie sich nun durch den Angeklagten geschädigt? Zeuge: Jawohl, sogar etwa um eine halbe Million. Zeuge Agent Fredrich-Greifenberg war beim Verkauf von Hei­ligendamm mit tätig und hat über John-Marlitt von bett ver­schiedensten Firmen Auskünfte eingeholt. Die Auskünfte bezifferten sein Vermögen auf mindestens V/s Millionen Mark. Der Zeuge nahm daher auch an, daß Marlitt Vermögen hatte und der richtige Mann war, um Heiligendamm wieder in die Höhe zu bringen. Vors.: Wie lwch sollte Ihre Provision sein? Zeuge: 75 000 Mark. Man drückte meine Forderung aber auf 40 000 Mk. hprab. Vors.: Haben Sie diese Summe bekommen? Zeuge: Nicht einen Pfennig. Bert. Nechtsanw. Wolff: Es ist doch nicht üblich, daß der Käufer die Provision zahlt. Zeuget Der Kaufpreis war gedruckt und daher hielt ich mich an den Käufer. Von einem mußte ich die Provision doch bekommen. Angekl. John-Marlitt: Es ist nicht richtig, daß der Zeuge von mir nichts bekommen hat. Ich habe ihm einen Wechsel in Höhe von 25 000 Mk. gegeben. Zeuge: Ich habe noch mehr Wechsel bekommen, aber keiner ist honoriert worden.

vermischte».

Diekommandierende Generalstochter". AuZ Jena wird demTag" geschrieben: Die standesamtlichen Nach­richten, besonders die Aufgebote, bilden häufig eine Quelle heiterer Titelstudien. Eine Bezeichnung, die neuerdings hier Eingang gefunden hat, ist dieHaustochter". Wer annimmt, daß babet die Tochter des Hauses, also die Tochter des Hausbesitzers, in Frage kommt, ist schlecht unterrichtet. Vielmehr ist damit ein junge» Mädchen gemeint, das Hausarbeiten verrichtet, dessen! Eltern zur Miete wohnen. Dienstmädchen und dergleichen, selbst Stütze, ist in manchen Fällen nicht vornehm genug. Die letzte Ausgabe der standesamtlichen Nachrichten in Jena zeigt eine besonders gewagte Zusammenstellung. Unter den Aufgebotenen befindet sich da ein Universitätsprofessor mit einerkomman­dierenden Generalstochter".

* Die automvbilfeindliche Schweiz. Nachdem im Kanton Graubünden schon vor längerer Zeit der Verkehr von Automobilen durch Volksabstimmung verboten wurde, ist jetzt auch im Kanton Bern eine Volksbewegung gegen die Automobile im Gange. Der Automobilbetrieb soll im genannten Kanchn an den Sonntagen gänzlich verboten werden, ausgenommen sind die Kraftfahrzeuge der Aerzte imd Tierärzte. Ferner sollen nur Personen, die sich seit drei Monaten im Kanton Bern ausgehalttN haben, Fahrbewilligungen erhalten. Die Volksbewegung richtet sich vornehmlich gegen die Luxusautomobile. Wegen der Staub­entwicklung und der Gefährdung der Straßensicherhett sind dre Kraftfahrzeuge in Stadt und Land sehr wenig beliebt, und wahr­scheinlich wird die automobilfeindliche Bewegung auch nach anderen Kantonen übergreifen. ,

* Ein m erkwürdig es Gesundheits gesetz ,in London. Aus London wird geschrieben: Ein eigenartiges sanitäres Gesch wird der Stadtrat des Londoner Stadtteiles Paddington demnächst in Kraft treten lassen, nach welchem dre Bewohner von Mietskasernen gezwungen sein sollen, täglich für eine gewisse Zeit die Fenster ihrer Wohnungen offen zu halten Diejenige», die das Gesetz nicht boooachten,