Drittes Blatt
Nr. 100
161. Jahrgang
Giehener Anzeiger
Erscheint läßlich mit Ausnahme deS Sonnta-S.
General-Anzeiger für Oberhessen
Die „Gietzener Samilicnblätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblflti für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Truderei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag:
Redaktion: 112. TeU-Adr.: AnzeigerGie-en.
Zamstag, 29. April sOY
Rotationsdruck und Verlag der Vrubl'schen UniversuätS - Bi»ch- und btemdruckerei.
R. Lange, vielen.
Lin Rückblick auf die oberhessische Landwirtschaft vor 60 Zähren.
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Auch im 3abte 1846 wurde das von unseren Landwirten gezogen.' Bich prämiiert. Es bestanden sogen. Preisstationen in Lauterbach, Ortenberg und Friedberg. An Preisen wurden in diesem Jahr ausgegcben 602 fl. 49 fr., für die damaligen Ver hältnisse eine große Summe.
Auch Bestrebungen, die auf die bessere Verwertung der Milch zielten, tauchten auf. Ter Vizepräsident Großh Rentamtmann Schneider verhandelt in Lich mit einem Herrn Mnot über die Fabrikation von französischen Käsen. Tamil scheint die Angelegenheit aber auch erledigt gewesen zu sein.
In der richtigen Erkenntnis, daß Hand in Hand mit der Hebung der Rinderzucht die des F u t t c r b a u e s gehen müsse, tat der Provinzialverein sehr viel zur Verbesserung der Wiesen, für Ent und Bewässerung und zu dessen Tüngung. Es wurde in Gießen eine W iescnba n schu l e gegründet. Unter sachkundiger Anleitung wurde theoretischer Unterricht in den Wintermonaten erteilt. In der guten Jahreszeit nahmen die Wicsenbauschul-n an den matt neben Arbeiten in den Wiesengründen teil. Es wurden mit den Schülern auch Ausflüge in das Siegerland unter nommen, um die dort damals schon bestehenden berühmten Wiesen kultnren kennen zu lernen. Wiesenverbesserungett wurden borge nonunen in der Gemeinde Oppenrod. Den Wiesenarbeitern, die im .Streife Büdingen tätig gewesen waren, wurde bei Einsichtnahme der Arbeiten eine Gratifikation von 35fl. 30 fr. bewilligt in besonderer Anerkennung ihrer Leistungen. Ter Wiesenbaumeistei tzeiueck in Alsfeld liquidiert für die Aussicht bei Wiesenverbes serungen eine größere Summe, ebenso der Geometer Krauskopf in Königsberg für seine Tätigkeit im Kreise Biedenkopf. In der Gemarkung Crumbach ist es der Geometer Schwarz in Gießen. In Büdingen war der Kreisrat Dr. Spamer für den Wiesenbau sehr interessiert. Ein Mechanikus Fuhr in Gießen bringt die Mivellierungsinstrumente für bejt Wiesenbau in Ordnung, auch ent Gürtlermeister Messer in Gießen stellt Kanalwagen aus Messing ber. Jin Jahre 1846 werden 46 Gemarkungen der Provinz Oberhessen genannt, in denen Verbesserungen in der Siefcntultur vorgenommen wurden Darunter werden auch genannt die Großh. Hess. Wiesengründe in Neu-Ullrichstein. Der landwirtschaftliche Provinzialverein verausgabt in diesem Jahre zur Hebung des Wiesenbaues 1004 fl. 54 Ir. Mancher oberhessische Landwirt, der heute stolz ist auf die von den Vätern ererbte Wiese, die ihm gutes und reichliches Futter bringt, ahnt gar nicht, daß er dies der aufopfernden Tätigkeit des Provinzial- vereins zu danken hat, dessen Mitglieder ehrenamtlich sich den Mühen der damaligen Reisen in der Provinz unterzogen.
In unseren Dörfern muß es damals in Bezug auf die Tüngerstättcu traurig ausgesehen haben. Das zusammen- stießende Regenwasser sammelte sich infolge der ungünstigen An läge der Düngergrube in dieser, laugte den Stalldünger aus und das überschießende Wasser entführte die wertvollsten Bestandteile des Düngers in den nächsten Bach, während die Aecker nach Dünger hungerten. Darunter litt die ganze Bauernwirtschaft. Um dem Hebet abzuhelfen, prämiierte der Provinzialoerein gut angelcglc Düngerstätlen. An den Prämiierungen nahmen sämtliche M reife teil. Unter den Prämiierten befindet sich in der Regel auch Der Bürgermeister Das läßt den Schluß zu, daß die Dünger- gruben bei den meisten Ortsbürgern in kläglicher Verfassung waren. Für solche Prämien gab der Provinzialverein 319 fl. 18 fr. aus.
Der Provinzialverein tat für die Anlagen ordentlicher Düngergruben noch mehr. Er schickte auf seine Kosten Techniker in die Dörfer des Vereinsgebietes, ließ da, wo es nötig erschien, neue Düngergruben abfteden und die Anlage zur Ausführung bringen. Der Landwirt hatte das Material und die Arbeiter zu stellen. Tank bici r Maßnahmen blieb den Aeckern der notwendige Dünger erhalten, die Ortsstraßen wurden mehr oder weniger fchmutzfret, Ordnung und Sauberkeit in den Bauer nstösen gewannen.
Dos waren die Hauptaiimaben, die sich der Provinzialverein gestellt hatte: Hebung ber leucht, Hebung des Futtexbaues, besseres Zusammenhalte» dec Stalldüngers für dre dessen bedürftige!' Aecker. Aber darauf beschränkte sich der Provinzial- verein nicht. So beschwerlich es damals — ohne Eisenbahnen — war, Bezüge aus größeren Entfernungen zu machen, so übernahm es der Verein doch, Sämereien für seine Mitglieder zu beziehen. Mleci'antcn wurde aus Mainz von der Firma Eberhard Röder n. Söhne bezogen. Tie Frachtfuhrleute Leng, Finkernagel, Phil. Euler mürben damit betraut. Man war gewohnt, den damaligen Fuhrherren Geld und Gut, Weib und Kind an - zuvertralieu, es tarn durch ihre Gewissenhaftigkeit alles an ferne Stelle wenn auch langsam. ________
Line Abenimnterhaltung in Zez.
Wieder sind die Augen der zivilisierten Welt auf Fez, die rn den lebten Jahren so berühmt geworbene Hauptstadt Marokkos, gerichtet, und mir Spannung verfolgt man die Aktion der rrran- zoscn. Wer nie m Fez geweilt hat, wird mit der Lultanftadt m Marotio die Vorstellung von einer ärmlichen, und völlig tultur- loieit Anhäufung von Hütten und weißen Häusern verbmden, und in der Tat empfängt der Reisende beim Betreten von ,xez ten Eindruä von Not, Armut und Schmutz. Nur wenigen rft es vergönnt, wirklich einen Einblick in die Lebensweise der vornehmen Marolkaner zu tun, und nur wenige ahnen, dast hinter den unscheinbaren Mauern und Wänden sich die prachtvollen Reste einer raffinierten orientalischen Kunst und Kultur verbergen, inmitten derer die Vornehmen des Landes ihr Leben genießen.
Im „Temps" schildert ein französischer Bcobacbter^eine Abcnd- unterhaltuug ut dem Hause eines reichen Bürgers von tfQ und gibt ein anschauliches Bild von dem unocrmittclteri, tait unheimlichen Kontrast, den der Europäer erlebt, wenn er aus den schmutzigen, engen Gäßchen plötzlich in das Innere eines vornehmen marotta- nischeu. Hauses tritt. Die Sonne sinkt im Westen, der Abend kommt, und von den Minarets der Moscheen tönt weithin hallend der Ruf des Muezzins, der sein „Allah afbaj" (Gott ist groß) gegen alle vier .Himmelsrichtungen erklingen läßt. Die -Liunde des Gebets ist gekommen, und in der ganzen Stadt beginnt plötzlich ein dumpfes Murmeln und Summen: die Gläubigen verrichten ihre Andacht. Wir sind bei unterem Gastgeber cingetroffen, schwingen uns au» dem Satte! und betreten die Gärten. Denn man aus den schmalen, staubigen Gassen, die zwischen halbverfallenen Häusern dahin führen, in so einen marokkanischen Garten tritt, bleibt man unwillkürlich flehen vor der Pracht, dem Luxus uird dem Raffinement, das einem hier cntqcgenlcudüct, nur durch eine dünne Lehmwand von dec Armut und der Unkultur getrennt. Marr wird plötzlich in eine Art Alhambra versetzt, wo alle Wunder und Feinheiten maurischer Kunst und maurischer Zivilisation sich auf tun. Drei Gärten reihen sich in terrassenförmiger Anlage aneinander, in jedem von ihnen steht ein zierlicher Kiosk, ber mit raffiniertem Formeminn in all seiner Zierlichkeit der Umgebung und der Vegetation angepaßt ist. In zahllosen kleinen Bächen rauscht und murmelt das Wasser, ber schwere, schwüle Duft üppiger Orangenblüten zieht durch die Lust, an den Seiten blühen Aprikosen, Pßir fische, Rosen und Jasmin. Langsam schreitet man durch diesen Mär-
Jerusalcmsgerste und amerikanische Gerste, zusammen 1'/, Simmcr, wurde von Lauterbach bezogen. Diese l1/.- Sirnmer ostete 5 fl. 10 fr. Fracht In dem Begleitschreiben aus Lauter- >ach heißt es: Jetzt ist die richtige Zeit (1. Mai 46) zu dieser öerstensaat und braucht nur den halben Samen gegen der »deren Gersten, jedoch muß das Land erst einmal übereggt »erben vor dem -säen.
An diesen Saatbezügen beteiligte sich sehr lebhaft für seinen lstzirksverein der Kreisrat Zimmermann in Vöhl. Er bezog orel Esparsettesamcn. Der Tarn von Eorbach (Waldeck). Auch viel weißer Kleefamen wurde bezogen, offenbar als WeideNee bei 5er starken Schafhaltung in der damaligen Zeit. Die Herrschaft Itter wird ost genannt. Bei den Rechnungen über Frachten .i'inmt häufig ber Fuhrmann Leng vor. Dieser lebte noch in )cn 70 er Jahren in Gießen. Er war der Schwiegervater einer )cr Brüder Lotz ins „Lotze". Ich habe oft mit ihm mich unter '.alten über bas Frachtfuhrwesen in der alten eisenbuhnlaseu Zeit.
Obgleich Liebig sckwn seit 1824 Professor in Gießen war inb bic erste Auflage seiner chenrischen Briefe im Juli 1844 in Gießen erschien, sein Ruhm über alle Lande strahlte, sah es mit der Anwendung seiner Grundsätze im Ackerbau noch sehr ..bei aus. Daß man dem Boden toicbergebcn muß, was man ihm durch die Ernten entzieht, glaubte man noch nicht. Es ehlten auch die Ersatzmittel damals fast noch vollständig. Es hat in der Provinz Oberhessen gedauert bis in die 80 er Jahre des vorigen Jahrhunderts, ehe die Anwendung künftlicher Düngemittel einigermaßen allgemein wurde. Heute weiß jeder Bauer in der entlegensten Ecke des Vogelsberges, was er dem Acker, ber Wiese schuldig ist, wenn er Erfolge erzielen will. Heute werden in der Provinz für vielleicht 5 Millionen Mark künstliche Dünger verbraucht, im Jahre 1846 dagegen für 227 fl. 36 fr. Diesen mineralischen Dünger — fein Mensch wußte, was er enthielt — bezog ber Provinzialverein von der Firma Pfeiffer und Schwarzenberg in Kassel. Mit keinem Wort wird erwähnt, was dieser mineralische Dünger enthielt. Heute würde jeder einfache Bauer vor dem Kauf fragen, wieviel Prozent Phosphor- läiirc.obcr Kali ober Stickstoff enthält der Dünger, wieviel Prozent sind wasserlöslich, was kostet das Prozent. Die damaligen Bezieher, ber Präsident des Vereins Herr v. Firnhaber-Iordis und die Gräs'l. Solms-Laubachsche Gutsadministration in Arnsburg, waren nicht so neugierig. Das können wir ihnen auch heute nicht übel» nehmen, wir, die Fortgeschrittenen. Uns ist es durch tausende von Vorträgen eingetrichtert — trotz allem passiven Widerstande, den wir dieser Eintrichterung viele Jahre entgegengesetzt haben.
Erstaunen wird es in landwirtschaftlichen Kreisen erregen, wenn ich mitteile, daß der landwirtschaftliche Provinzialverein in Gießen eine Niederlage von landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten unterhielt. Solchen Unternehmungsgeist haben wir ja heute nicht! Ta waren uns unsere Väter über trotz der heutigen Verkehrsmittel, die ein solches Unternehmen so sehr begünstigen. Da gab es zu kaufen eiserne Schrotmühlen, Flachs- bereitungsmaschinen, amerikanische Sägen, Biehentblähungsröhren, Bullcnnasenringe, Geräte aus Siegen für den Wiesenbau, Pflüge, Flachshecheln, Werkzeuge aller Art. Der Verkauf, die Verwaltung des Lagers war dem Bereinstechniker anvertraut.
Für die landwirtschaftliche Zeitschrift, die jedes Mitglied umsonst erhielt, opferte der Verein 943 fl. 28 fr. — Der Sekretär und Bereinstechnifer Tr. Fries war zweifellos ein sehr vielseitiger Herr. Er war Sachverständiger beim Zuchtviehankaus, Leiter der Prämiierungen bei landwirtschaftlichen Ausstellungen, Verwalter der Maschinenniederlage, Leiter der Wiesenbauschule,. Schriftführer bei den landwirtsäwftlichen Versammlungen und Sekretär des Präsidenten. Sein Gehalt betrug 650 fl., für die damalige Zeit ein gutes Gehalt. Dazu tarnen Reisekosten und Diäten. . . .
In der Schlußabrechnung stellen sich die Bureaukosten auf 510 fl. 27 kr. Für ein Denkmal, das dem Vater der deutschen Landwirtschaft Professor Dr. A. Thaer in Leipzig errichtet wurde, steuerte der Verein 50 fl. zu.
Der Verein stand in geschäftlichen Beziehungen mit der Buchdruckerei Brühl I., mit ber Lithographic-Anftalt Johann Kraft Brühl IV., Neuen Bäue Lit. B. Nr. 62, mit der Druckerei Joh. Conr. Herbert in Darmstadt, der Buchhandlung Friedr. Heyer Sohn, der Rickertschm Buchhandlung und mit der Buchender ei Hoffmann.
Die Belege für alle Ausgaben des Vereins nnb sorgfältig geordnet und füllen einen dicken Band. Man findet darin manches, was kaum Bezug auf den Verein hat, aber doch für die Lokal- geschichtc nnb die damaligen Zeitverhältnisse von Interesse ist. Ich lasse solche Notizen in bunter Reihe, wie ich he finde, folgen.
Für Nieberwöllstabt gibt der Verein zwei Zuchtftlere ab tm Werte von 220 fl., dazu kommen für Transport und Unterhaltungskosten ie 65 fl., zusammen 130 ft. — Eine Wirtshaus- rcchnuiig von H. W. Seums Ww. zum Kurhaus in Salzhausen, die für unseren jungen Georgi ausgestellt ist, lautet: 1 Abendessen, 1 Schopp. Wein 48 kr., Kaffee, 1 Sch. Wein, 1 Mtttag-
essen, 2 Sch. Wein 2 fl. 10 fr., eine Ucbernadjhing 36 kr. —> Tas Bier spielte im Wirtshausleben damals gar keine Rolle. Entweder wurde in den besseren Gasthäusern Wein getrunken oder auch Oualitätsbranntwein. Eine Postfahrt von Gießen nach Frankfurt kostet 3 fl. 12 kr Es wirb in ber Großh. Hess. Zeitung in Darmstadt von der in Aussicht stehenden Eröffnung der Main—Nackarbahn gefdnieben. Die pfälzische Ludwigsbahu soll im Laufe des Jahres eröffnet werben, vielleicht febon Mitte Oktober. — Von Bensheim, baß bie Traubenlese am 5. Oktober beginnen wirb. Eine ganz vorzügliche Cuahtät wird erhofft, auch die Quantität soll wenig zu wünschen übrig lassen. Bei den hohen Preisen der unentbehrlichen Lebensrnittel sei das sehr zu begrüßen. — Aus Darmstadt wird gemeldet: Heute nachmittag gegen 2 Uhr bestiegen S. G. H. der Prinz, und I. M. H die Prinzessin Karl bic Lubwigssäule unb erfreuten sich ber Herr lichen Aussicht, welche man von ba über Stabt unb Umgegend genießt, bie gerabe burch ben von Hcibelberg ankommenbcn stark besetzten Eisenbahnzug belebt war.
Was öem Mittelstände fehlt.
Von einem Gießener Architekten wirb uns geschrieben:
Allgemein ist ber Wunsch, „ein Hänsle" zu besitzen, ein Hänsle, wenn nicht gar ein Haus, mit einem Blumen- und einem kleinen Gemüsegarten. Ja, aus bem Wunsche ist ein starkes Verlangen geworben, bas mit Energie aus bem Stadt- gcroirr ins Freie will. Im Freien, als ein Freier wohnen, leben unb sich erholen können, um bort ganz unter sich — sich selbst unb ben Seinen zu leben. Das ist der Herzenswunsch einer jeben Familie.
Dem Besserbemittelten lag nach dieser Seite jederzeit bie Welt offen. Er konnte sich einen Flecken Erde suchen und — erwerben. Ihm standen die größeren Mittel zur Verfügung, um seine Wünsche in die Wirklichkeit umzusetzen und so verfügt heute wohl jedes Stadtbild über einen schmückenden Gürtel von herrschaftlichen Landhäusern. So haben auch viele Städte durch gemeinnützige Vereine für Einfamilienhäuser der Arbeitcrbevölke rung gesorgt. Man legte größere Gcländeslächcu, zu billigem Preise, bereit, baute ganze Wohnviertel, bie mit landschaftlichem Grün reichlich umgeben, jeder Stadt zur Zierde gereichen.
Reich unb Arm fand badurch einen Fortschritt im kulturellen Wohnen, nur der Mittelstand, ber sich mit bescheidenem Kapital noch einer gewissen Selbständigkeit erfreut, fehlt das, ben anderen Ständen zur Seite stehende Hilfsmittel nach vielen Richtungen. Auch ihm ist es ein Herzenswunsch, ein eigenes Heim zu besitzen, ein Stückchen Erbe, bas ihn, zu eigen ist und auf dem er, seinen Neigungen entsprechend, sich entwickeln unb bie Erziehung seiner Nachkommen in gesundheitlich einwand- freier Weise, nicht nur in ben vier Wänben, bewirken kann. Der Wunsch, ben Kindern das Leben der Natur in ihrem Kommen unb Gehen näher zu führen, ist heute so mächtig geworden, baß in allen Gauen unseres deutschen Vaterlandes kaum ein Gedanke so bas Sehnen bes Volkes ergriffen hat, wie — das Wohnen, das 'Alleinwohnen in einem, wenn auch noch so bescheidenen aber eigenen Heim. Dieses allgemeine 'Sehnen hat seinen natürkichen Grund in bem nervenzerrüttenben Wesen, bas bic Woge der wirtschaftlichen Arbeit unserem heutigen Geschlecht aus gebrückt bat. Jede Tagesstunde, und noch darüber, ist durch bic gewaltig sich äußernde Gelbentwertung zum Verbienen notwendig geworden. Nicht, daß ber Mittelstanb von der Habsucht befallen sei, nein, sein Ringen um die einfache, nackte Existenz beschäftigt ihn dermaßen, haß er mit allen ihm zu Gebote stehctiben Mitteln arbeiten muß, um sein Leben unb bas ber Seinen in geordneten Bahnen erhalten zu können.
Die Pflichten innerhalb der Familie, soweit sie die Kindererziehung unb die Pflege bes Familiensinnes betreffen, gelangen nicht mehr zu einer Innigkeit un Ausbau, wie sie von jeher dem Charakter bes bentschen Volkes zugigen war. Es fehlt an einem bauemben Ruhepunkt, ber es gestattet, bic Gedanken der einzelnen besonders bemerkenswerten Lebensstunden unb Ereignisse ein pietätvolles Anbeuten zu sichern. Ein einziger Wechsel der Wohnung raubt den Familiensinn, den Charakter der Be ständigkert, her Treue. Unb doch ist dieser ein ganz wesentlicher Punkt der Erziehungskunst, nicht nur auf bie Kleinen angewandt, sondern auch auf die Erwachsenen, denn diesen geht das häusliche Wohlbefinden, die Gemütlichkeit verloren unb — cs entsteht der Trieb, biefe außer ber Familie zu suchen.
Diesem Allen sucht bic Garten st abtbewegung entgegen zu arbeiten. Hierin ist ein Hilfsmittel für die Erhaltung unb Hebung des Mittelstandes gefunden. Alle Vorzüge einer gesunden Gerneinde-Bodenpolitik unb bes zeitgemäßen Wohnungswesens vereinigen sich, um bic bisher begangenen Fehler toieber gut zu machen. Gemeinden und Gesellschaften legen den größten Wert • auf bie Erlangung eines gesunden und billigen Baugeländes. Sie suchen durch eine zweckmäßige Bebauung ein gesundes, schönes
chengarten, über Treppen unb Treppchen zu dem eigentlichen Haufe, und betritt ben großen, viereckigen Hof, um den sich das maurisckc Heim gruppiert. An der einen Seite plätschert ein kunstvoller Springbrunnen, zehn kleine, malerisch verschlungene Kanäle leiten bas Wasser zu einem Bassin; überall sind die Manern von schlechthin prachtvollen Mosaiken bedeckt, deren bunter Widerschein im Wasser sich spiegelt und hundertfach zu vervielfältigen scheint. Der Boden des Hofes ist mit großen, leuchtenden Marmorplatten ausgelegt, um deren Ränder sich als pikante Farbengirlandcn kapriziöse Mosaikarbeiten schmiegen, überall wirbeln, drehen und leuchten farbenfrohe Ornamente, und an den Wänden kehren jene seltsamen Stuckverzierungen wieder, wie die Alhambra sie zeigt. Auge und Ohr mer ben durch rastlos wechselndes Formenspicl berauscht, der Lärm des Alltags scheint wie durch ein Wunder von dieser Stätte o erbarmt, die milde, kühlende Abendluft und das sinnende Rauschen der kleinen Gewässer laden zur Ruhe, ^n ben Räumen ber gleiche raffinierte Luxus. Der Plafond der Gemächer ist mit zierlichen Holzschnitzereien bedeckt, von denen wunderliche Malereien sich abheben: die Villen der römiidwn Lebcnskünstler können diese köstlichen Früchte der jahr- tairicnbalten maurischen Kultur nicht übertroffen haben. Unb in dieser Umgebung sieht man die vornehmen Marokkaner, seine, stille Leute, bic im Laufe der Jahrhunderte gelernt haben, die schwindende materielle Kraft durch Wunder der Geschicklichkeit, der Sd)laul)eit unb des Raffinements zu ersten. Welche Diplomatie mag nickt dazu gehören, solche Kunstschätze und eine solche Lobens- führuiig gegen die Eifersucht eines Herrschers oder die Habgrer seiner Untertanen zu verteidigen.
Inzwischen hat das Mahl begonnen, wundervoll gewachsene, schlanke junge Negcriitnen, die lvic Bildwerke aus Ebenholz anmuten, kommen lautlos und verschwinden, wir sitzen auf seidenen Kissen um einen flachen, ganz niedrigen Tisch und tauchen unsere Hände in die feinziselierten alten Bronzegesäßc mit parfümiertem Wasser, die zu Beginn des Mahles jebem Gaste gereicht werden. Da einige Europäer anwesend sind, sind Messer und Gabeln auf dem Tische erschienen, aber die Mehrzahl der Anwesenden zerlegt die endlosen Reihen von Fleisck)gerichten geschickt mit den Fingern, bic Tauben wie bic Hühner, bas Hammelfleisch wie ben Braten. Die Zahl der Gerichte, Braten und Ragouts nimmt kein Ende, wundervolle Früchte, süße, schwere Konfitüren und exotische Leckerbissen schließen sich an. Unb dann, wenn das Mahl beendet ist, kommen die Sanger und Tänzerinnen, Durch die Stitte wfcda
plötzlich die Schlage bes Tamburins, unb eine bronjefarben.' marokkanische Sängerin mit rounberooll metallischer Stimme beginnti eine alte, schwermütige Romanze zu singen, bic an bic Volksweisen Andalusiens gemahnt. Eine düstere Schwermut, ein leib- voller Weltschmerz durchzieht diese alten Dichtungen, unb sinnend, lauscht man den Klängen, die von dem Werden, Blühen und unaufhaltsamen Welken einer kostbaren alten Kultur Trauriges und Ergreifendes erzählen.
Der Prozeh von Viterbo.
Lr. Ne apel, im Avril.
In Viterbo wird ber Camorra, wird Neapel selbst der Prozeß gemacht. An fünfzig Beschuldigte sind in einem riesigen: Eisenkäfig, zusammengepfercht, nur A b b a t e m a g g i o , der ;um Angeber gewordene Genosse, lauen allein in en,cm ileiiicrcn Käfig daneben. Seine Mitschuldigen überhäufen ihn mit den giftigsten Schmähungen ober sie wenden sich an ihn mit den pathetischsten Ermahnungen Vielfach sind sie alle wie ein einziger Mann, wie ein rm'end gewordenes Tier gegen ihn aufgesprungen.
Noch ist es nicht möglich, ein klares Bild von ber Schuld oder Unschuld der einzelnen, geschweige ber ganzen Camorra bei der Ermordung des Ehepaares C u o c o l o , zu gewinnen. Alle Haden bisher jede Beziehung zu der Camorra, zu den ermord.'ten Eheleuten Cuoeolo und zueinander oemeint; die Camorra ipollcn sie höchstens als eine freie Vereinigung von "Männern von Geist und Ehre gelten lassen, die cs nicht dulden, daß eine Fliege sich ihnen zu Unrecht auf die Nase setzt! Eine ganz merkwürdige Gemeinde! Schon Erricone ist in seiner marktschreierischen Eleganz und unerschütterlichen Seelenruhe nicht übel. Auch der ehemalige Volksschullehrer Ravi, „il professore", kann Anspruch erheben, als ein ganzer Kerl angesehen zu werden! Sobald er sein geistiges Scherslein besser an legen zu können glaubte, machte er sich nach Paris auf den Weg, wnrr- dort rasch zu einem wohlhabenden Herrn, angeblich durch einen blühenden Handel in Straußfedern und Sekt, in der Tat am Spieltisch Er verspielte in Montecarlo feine ganze Barschaft, erhielt ein SchmerzensgeÜ» von 4000 Franken, selbstverstanblich nach Ausstellung des üblichen Reverses, wodurch er sich verpflichtete, nie wieder ben Fuß über bic Schwelle des Glückstempels zu setzen. T-ies kümmerte ihn aber nicht tm geringsten; er wurde bald darauf wieder bei trente et quaranse augerrstzeu, rocigfflx sich, das Wegegeld zurückznzMen,


