Ausgabe 
22.12.1911 Erstes Blatt
 
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Die Reichslagrwahlbewegung.

Der Rücktritt Dr. Werners von seiner Kandidatur in Darmstadt.

Der Reichstagskandidat der Wirtschaftlichen Vereint- flmig, Dr. Ferdinand Werner, teilt uns heute mit, daß er am Dienstag ab Mb seine Zusage zur Kandida­tur tu Darmstadt-Groß-Gerau zurückgezo­gen habe. Er sei nickst in der Lage, auch noch in Darm­stadt eine E r n st k a n d i d a t u r zu übernehmen, als welche die Bewerbung in Darmstadt noch der Entwicklung der Verhältnisse dort oielerseits angesehen werde. Er handle deshalb im Sinne aller seiner Freunde in Oberhessen wenn er seine politische Arbeit in der Reichstaaswabl;eit auf den Gießener Wahlkreis beschränke

Unser Darmstädter Mitarbeiter schreibt uns noch:

bS. Darmstadt, 21. Dez. In einer Vertrauens­männerversammlung des Bundes Ser Landwirte im Reichstagswahlkreise Darrn st adt-Groß-Gerau wurde beschlossen» der» Kandidaten der sogenannten rechrsstehen-

wie immer mustergültig. Die Truppen hielten gegen­über einer mindestens dreifachen Uebermacht im offenen Felde sich glänzend.

Ein Angriff der Türken bei Derna.

Dern-a, 21. D^. (Agenzia Stefani.) Ein infolge des schlechten Wetters verspätet eingetroffenes Fun- rentelegramm meldet: Heute morgen wurde ein B a- itaillvn Alpenjäger mit Maschinengewehren, das sich auf der Hochebene vor der Stadt zum Schutz der rings um den Ort ausgeführten Befestigungen befand. Plötzlich mit lebhaftem Gewehrfeuer angegriffen. Un terstützt von zwei Sektionen Gebirgsartillerie, die hinauf geschickt wurden, erwiderte das Bataillon das feindliche Fouer, das sich nach und nach abschwächte und um 10 Uhr 30 Min. vollständig aufhörtc. Nachdem die Arbeiten wie­der ausgenommen worden waren, fand um 1 Uhr ein »neuer, mit großer Kraft ausgeführte r An­griff aus die italienischen Truppen statt, an dem sich seitens des Feindes ungefähr 2000 Mann beteiligten. Um den Angriff abzuschlagen, wurden die Alpenjäger auch durch die bei den Befestigungsarbeiten beschäftigten Sol­daten und fünf Kompagnien, die von der Stadt heran­gezogen wurden, durch eine weitere Sektion Gebirgsartil­lerie und zwei Sektionen Feldartillerie verstärkt. Da der Kampf sich in die Länge zog, machte der italienische rechte Flügel einen entschlossenen Gegenangriff, wodurch der Feind gezwungen wurde, sich zurückzuziehen. Ms sie­ben andere Kompagnien zur Verstärkung auf der Hoch* fläche ankamen, hatte sich oer Feind bereits außer Schuß­weite zurückgezogen. Die italienischen Truppen hatten drei Tote und 2 4 Verwundete, darunter einen leicht verwundeten Offizier. Die Verluste des Fein­des sind beträchtlich und üoertrafcn die italienischen zwei­fellos um das dreifache.

Konstantinopel, 21. Dez. Nach einer Mitteilung des Oberbefehlhabers in Tripolis' bombardierte ein ita­lienisches Kriegsschiff am 8. Dezember S i r t und zerstörte einige Häuser.

Die egyptisch-englischrn und franzöfischeu Besitzergreifungen in Tripol'tanien

überraschen, so schreibt man uns aus Paris, hier die Meinung augenscheinlich, da sie recht unerwartet kommen und in London und Paris verabredet gewesen zu sein scheinen.

Man nagt sich an die Besprechung ter Ideen und Gedanken Verbindungen, die dadurch hervoraernfen kerben, in den Pariser Blättern nicht recht heran und befleißigt sich hauptsächlich, die Besetzung der Oase Dj a ne t, der die von Bl i in i bald folgen sock, als harmlos und vor allem als berechtigt hinzustellen. An und für sich habe Frankreich auf diese immer ein Eigentums recht beansprucht, was ja bekanntlich schon zu mehrfachen scharfen Auseinandersetzungen mit der Pforte geführt habe. Und da er­lauben sich einige Organe die ziemlich freimütige Bemerkung, daß es besser ist, sofort dort die französische Flagge zu Hitzen Um dann allfälligen italienischen Reklamationen mit einer voll endeten Tatsache entgegentre en zu können. Nachdrücklich wird er­klärt, daß an dein Besitzrechte Franlreichs auf diese Oasen, die für die Verbindung der nordafrikanischen Besitzungen mit dem Niger und dem Tschadsee von großer Bedeutung lind, nach den Ab- machungen mit England über die innerafrikanischen Gebiete kein Zweifel erhoben werben könne. Man gibt sieh auf den Anschein, als erwarte man seitens Italiens keinerlei Einspruch gegen diese französische Aktion, von der sogar einige behaupteten, sie sei iin (Sintiernennen mit der römischen Regierung vor sich gegangen. Nur bleibt sie die Beweise dafür schuldig.

Eifrig dagegen wirb bie Besetzung Solums durch Egypten oder richtiger England zum Gegenstände inter essanter Betrachtungen herangezogen. In dieser Hinsicht kann inan natürlich nicht mehr von einem vorhergegangenen Einvernehmen der Entente Cordiale mit Italien sprechen, da bie E n t r ü st u n g der italienischen Presse darüber zu laut und zu aufrichtig ist. Aber man sucht bie Bedeutung des egyptisch-englischen Vor gehens mit mehr guten Mitteln als Erfolg herabz-uminbern, und die Besorgnis tritt recht wahrnehmbar hervor, daß ein Scheiter» der schönen Pläne eines Einbeziehens Italiens in die Entente Cordiale danach zu gewärtigen wäre. Selbstverständlich versäumt seinerseits der geschworene Engländerfeind Ernest Judet im Eelair" nicht, an diese Besetzung Solums w-eilausgreifende Koni mentare über die ganze englische Weltpolitik zu knüpfen:

Die englische , Regierung hat blitzschnell die italienischen Prahlereien, daß sie Tobruck in ein italienisches Bizerta nur zuwandeln und somit die englischen Verbindungen zwischen dem Mutterlande und Egypten, füiuie dem Suezkanale beherrschen wollten, durchkreuzt. Ohne auf Beziehungen oder Sympathien Rücksicht zu nehmen, nimmt sie plötzlich ein Faustpfand, das sie gegen jede Nebenbuhlerschaft oder künftige Feindselig­keit behalten luirb. Klagen wir, wenn es uns behagt, diese Politik des Egoismus und der Brutalität au, bie absolut gleich Mltig gegen die Anstandsregeln und die fremden Interessen ist Sie ist nun einmal so und wird sich so bekräftigen, solange sie die Macht hat, sich in dem Sinne ihrer beständigen und Unwandelbaren Ueberlieferungen auszudrücken. Es springt doch in bie Augen, baß England in Marokko ebenso handelt, um Herr des Mittel,neeres zu bleiben, batz die ganze Affäre, deren Initiative Delcassä sich lügnerisch zuschreibt, in den Bureaus des Foreign Office geboren wurde, baß wir nur seinen An­regungen oder seinen Anordnungen gehorcht haben, statt die Operation selbst zu leiten. Von Anfang au bis zu her End- liguibation, die gegenwärtig erörtert wird, haben wir uns führen absorbieren unb durch einen überlegenen Willen täuschen lassen, der uns als Feinde bel>artbelte, wenn wir widerstanden unb als Nebenpersonen, wenn wir nachgeben. Das ist kurz zusammen gefaßt die ganze Gescknchte des marolkanischeii Abenteuers. E n g land denkt nur an bic See Verbindungen seines ungeheuren Reiches, es opfert ihnen zuerst seine Ver­bündeten und bie famose Entente Cordiale ist nur eine diplo- matis che Wolke, bic unsere untergeordnete Haltung ver­hüllte oder verbarg. Weit davon entfernt ein Meisterwerk zu sein, erweilt sich die Operation als ungeschickt unb gefährlich von der ersten bis zur letzten ©tunbe."

Etwas Wahres ist an dieser Charakterisierung der ena- kischen Machtgier.

Kairo, 21. Dez. (Agence Havas.) Die ägyptischM Truppen besetzten Solurn.

den Parteien, Dr. F. Werner, im hiesigen Wahlkreise nicht zu unterstützen, sondern mit aller Kraft für den nationalliberalen Kandidaten Dr. Osann cinzutre- t en. Offenbar sind also bie Vertrauensmänner des Bundes der Landwirte von der durchaus richtigen An­nahme ausgegangen, daß eine jede Zersplitterung der Stim- meu im Wahlkreise Darmstadt-Grotz-Gerau der Sozial­demokratie Vorteil bringen müsse.

D a r m st a d t, 21. Dez. Wie dieDarmstädter Zei­tung" erfährt, hat das' Großherzogliche Staatsministerium die Wahll'ommissare angewiesen, den Termin für etwa not­wendig werdende Stichwal) len auf Montag den 22. Ja­nuar anzuberaumen.

Aus Staöt und Cand.

M i e en, 22. L czcinber 1911.

* * Tageskalenber. Stadttheater. Freitagabend 8 UhrUriel Acosta". Samstag nachmittag Z'/^UHr Kinder­vorstellung :Dornröschen".

*

* * Von der Gendarmerie. Der Grotzherzog hat den mit der Versetzung der Stelle eines zweiten Offiziers des Gen- darmeriekorps beauftragten Hauptmenn a. D. Alfred Mootz zum zweiten Offizier des Gendarmeriekorps mit dem Diensttitel Rittmeister ernannt.

* * D i en stju biläum. Am 1. Weihnachtsseiertag begeht Herr Johannes Weiß sein 25jähriges Dienstjubiläum in voller Rüstigkeit.

* * Stadttheater. Um mehrfachen Wünschen zu ent­sprechen, wird die Direktion bei der Vorstellimg am 1. Weihnachts- feiertag, bie Gerhart Hauptmanns TraumbichtungHan neles H i m m e l s a h r t" zum ersten Mal für Gießen bringt, Gut­scheine gelten lassen. Doch sie bemerkt, daß bas Werk auch im Abonnement gegeben wirb.

* * Belohnung für Ermittlung von Obstbaum- frebtern. In letzter Zeit sinb wieberholt Obstbäume an Kreis- stratzen von roher Hand beschädigt worben. So würben in ber Nacht auf Montag, 18. Dezember, an der K r e i s st r a ß e Burk­hardsfelden Albach wieder vier Aepfelbäumchen ab» geschnitten. Das Kreisamt Gießen setzt wiederholt eine Belohnung von 50 Mk. für den aus, der bie rohen Gesellen ihm derart namhaft macht, baß bereit Bestrafung veranlaßt werden kann.

Kreis Buüingcn.

O Hirzenhain, 21. Dez. Die Buderusscheu Eisenwerke Hirzenhain vergrößern sich ständig. Nachdem in diesem Jahre fortgesetzt gebaut worden war, sollen im kommenden Jahre an der Kreisstraße Hirzenhain' Merkenfritz mehrere neue Gebäude errichtet werden.

Kreis Alsfeld.

* * Alsfeld, 20. Dez. Am Mittwoch fand imDeut­schen Hause" hier eine B ü r a e r m e i st e r v e r s a m m- lung des Kreises Alsfeld unter dem Vorsitz des .Kreisrats Dr. Heinrichs statt. Bürgermeister Dr. Völ- sin g-Alsfeld hielt einen Vortrag über die neue Land­gemeindeordnung. Tierarzt Dr. Stein von Groß- Felda sprach über Krankheiten des Rindviehs. An beide Vorträge schloß sich eine rege Aussprache an. Sodann kamen noch Fragen der Verwaltung zur Be­sprechung, die eingehend erörtert wurden. An bie Sitzung schloß sich ein gemeinsames Mittagessen im HotelZum Deutschen Hause" an, bei bem Kreisrat Dr. Heinrichs das Hoch auf den Landesherrn ausbrachte.

s. Homberg, 21. Dez. Bei der heutigen Bür­germeisterwahl wurde unser seitheriger Beigeord­neter Wilhelm Spanier mit 219 Stimmen gewählt. Herr Spamer hat seit zwei Monaten 'bie Geschäfte für die Bürgermeisterei- versehen unb es wird ihm nicht schwer fallen, das Amt zu versehen.

Kreis Lauterback.

~ Großenlüder, 20. 2)ej. Dem seither in Lauter­bach, jetzt iu Großenlüder wohnhaften früheren Rechtsanwalt Dr. Herrmann, der in vorigem Jahr von der. Strafkammer in Gießen wegen Unterschlagung und Untreue zu zwei Jahren Ge­fängnis verurteilt und deshalb durch ein ehrengerichtliches Ver­fahren vor dem Ehrengerichtshof in Leipzig von bet Ausübung des Berufs als Rechtsanwalt ausgeschlossen wurde, ist jetzt auch von dem Kreisausschuß in Lauterbach die gewerbsmäßige Besorgung fremder Re cht s a n g eleg e n hei t en untersagt worden. Dr. Herrmann hatte seit einiger Zeit das Gewerbe als Rechtskonsulent ausgeübt und neben seinem hiesigen Wohnsitz sein seitheriges Bureau in Lauterbach beibehalten.

Kreis Schotten.

i. Gedern, 21. Dez. Ein hiesiger Geschäfts­mann, der bei dem! Eisenbahnunfall zu Hungen am 8. Juni gesundheitliche Schädigungen erlitt, erhielt vom Eisenbahnsiskus eine einmalige Abfindungssumme von 25 000 Mk.

Starkenburg und Rheinhessen.

(ch) Bingen, 21. Dez. In ber heutigen Sitzung der Stadtverordneten brachte Bürgermeister Neff ein Schreiben des Kreisamtes Bingen wegen der Erbaupng einer Brücke über den Rhein zwischen Bingen unb Rüdesheim zur Vorlage. Diese Brücke soll 3Vs Kilometer oberhalb Bingen zwischen Kemp­ten und Gaulsheim erbaut werden. Auf den Pfeilern, die von der Eisenbahnbehörde erbaut werden, läßt sich eine Straßenbrücke noch anbringen, freilich müßten die Kosten die beteiligten Inter­essenten aufbringen. Diese betragen für die 1200 Meter lange Ucke allein 4 400 000 Mark die Wormser Brücke, die nur 930 Meter lang ist, kostete 2 223 000 Mark. Tie Mehrkosten lür die Straßenbrücke würden 3 200 000 Mark betragen, die zum Teil vom hessischen Staat, der Provinz, dem Kreis und den Gemeinden aufzubringen sein würden. Auf den Staat würden drei Achtel, die Provinz und den Kreis je zwei Achtel, die Gemeinde Bingen em 9lchtel entfallen und zwar von der Summe von 1 710000 Mark. Tie Stadt hätte etwa 213 750 Mark cn?1» Kosten der ganzen Brücke würden sich auf etwa 7 317 000 Mark belaufen. An die Eisenbahnbehörde wurde das Ansuchen _ aestellt, einen Fußgängersteg der Brücke anzufügen. Dieser wurde bet Nebel und Eisgang, wie man annimmt, sehr von Vorteil sein. Die Stadtverordnetenversammlung überwies die Angelegenheit an den Finanzausschuß zur Vorberatung.

Hessen-Nassau.

k °mm, 22. Der bieftge Kriegerverein

feiert kommendes Jahr un Juni sein Fest der Fahnenweihe. Die Lieferung der Fahne wurde dieser Tage dem Fahnenlieferanten Hermann Hisgen-Lich übertragen.

.. K.?i"brich a. Rh 21. Dez. Im Herbst 1913 wird lcf!n Jülich nach hier per- Garnisml S8iebrtc^cr Unteroffizierschule kommt nach Wetzlar in

'm 1' ?!Dez. Der Primaner Di ttmar vom Staduschen Realgymnasium v e r g l f t e t e s i ch. Von der Schul­leitung wird erklärt, der Selbstmord sei nicht auf irgendwelche Differenten in der Schule zuruckzuführen. Die Maschinenfabrik Henschel verteilte aus Anlaß der Fertigstellung der 11000 Lokomotive Gratifikationen an sämtliche Beamten und

eingedrückt unb außerdem den Hals durch einen Leinen-, streifen zugeschnürt hatte. Die Tat. erregte umsomehr Auf­sehen, als sie am hellen Tage ausgeführt worden war. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die ganze Bevölkerung. Schon nach wenigen Tagen wurden die Täter in der Person des 21 Jahre alten Schlossers und Chauffeurs Wilhelm Erbe aus Frankfurt a. M. und des 15 Jahre alten Schmiedelehrlings Heinrich Wolf von Niedernrörlen er­mittelt und festgenommen.

Am 29. September l. Js. wurde nach zweitägiger Schwurgerichtsverhandlung Erbe wegen Raubmords zum Tode, der minderjährige Wolf zu einer elfjährigen Ge­fängnisstrafe verurteilt. Außerdem erhielt die Geliebte Erbes, eine Schwester des jungen Wolf, namens Kätchen Wolf, wegen Beihilfe zum Raub 2 Jahre Gefängnis. Erbe legte Revision ein, sie wurde aber vom Reichsgericht als unbegründet zurückgewiesen. Das letzte Mittel, das ihm offen stand, war die Begnadigung durch den Großherzog. Aber weder in der Tat noch in der Person des Schuldigen lagen irgendwelche Momente, welche zugunsten des Ver­urteilten gesprochen hätten. Erbe selbst wünschte keine Be­gnadigung. Er zog ein schnelles Ende einer lebensläng­lichen Zuchthausstrafe vor. In eingeweihten Kreisen war man deshalb durchaus nicht überrascht, als man vernahm, daß die vom Verteidiger und der Mutter des Angeklagten eingereichten Gnadengesuche abschläglich beschießen worden seien.

Gestern morgen kurz vor 8 Uhr wurde Erbe in die sog. Delinquentenzelle gebracht, in der die zum Tode Verurteil­ten gewöhnlich die letzten 24 Stunden ihres Lebens zu verbringen pflegen. Als er hier des Oberstaatsanwaltes und eines weiteren Gerichtsbeamten ansichtig wurde, rief er:Ich weiß schon, was Sie mir birnogn, Sie brauchen mir gar nichts zu sagen!" Der Oberstaatsanwalt eröffnete ihm hierauf, daß der Großherzog von seinem Begnadigungs­rechte keinen Gebrauch gemacht habe und daß die Strafe genau 24 Stunden später vollstreckt werden würde. Erbe sagte:Gott sei dank, daß es soweit ist!" Es wurde ihm bekanntgegeben, daß seine Mutter benachrichtigt sei und jedenfalls im Laufe des Tages eintreffen werde. Er bat, auch seine Schwester telephonisch benachrichtigen zu lassen. Andere Wünsche erklärte er vorerst nicht zu haben. Erbe trug hierbei das gewöhnliche, von der Schwurgerichtsver­handlung her betonnte freie Betragen zur Schau. Herr Pfarrer Ausfeld von hier verblieb darauf längere Zeit bei dem Verurteilten, der sich für den Zuspruch des Geist­lichen empfänglich zeigte. Er war hierbei sehr lebhaft, lachte sogar und bemerkte:Ich bin nun halt mal so 'n Kerl!" Kurze Zeit darauf empfing Erbe den Besuch seines Verteidigers, des Rechtsanwalts Kaufmann. Als dieser die Zelle betrat, rief er ihm zu:Morgen beginnt die Wand zu wackeln, und Weihnachten feiern wir oben, da ist's schöner!" Später wünschte Erbe Zigaretten zu rauchen, die ihm verabreicht wurden. Auch sprach er Speise und Trank im Laufe des Tages zu. Gegen 11 Uhr fanden sich seine Mutter und eine in MainA wohnende Schwester ein (diese siel durch ihre elegante Toilette auf), von denen er sich verabschiedete. Ueberhaupt ist die Anhänglichkeit an seine Verwandten ber einzige Zug im Charakter Erbes, der sympathisch berührt. Im übrigen ist er das rechte Kind der Großstadt. Genußsucht und Müßiggang brachten ihn bald auf die schiefe Ebene, auf der es dann mit Riesen­schritten bergab ging.

.Die Hinrichtung selbst war auf heute morgen 8 Uhr angesetzt. Pünktlich um 8 Uhr erschien Ober­staatsanwalt Hofmann, begleitet von Staats­anwalt Dr. Brill sowie Landgerichtsräten Schmahl und Schnitzspahn und Gerichts- AssessorSeibert. Außerdem war der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Kaufmann, erschienen. Erbe wurde vovgeführt, vom Geistlichen begleitet. Die Festig­keit, die er noch tags zuvor gezeigt hatte, war gewichen Er weinte bitterlich uno rief verzweiflnngsvoll: Meine Mutter, meine arme Mutter! Meine Schwester!" Der Geistliche sprach darauf einige kurze, zu Herzen gehende Worte. Hierauf erklärte der Oberstaatsanwalt, daß, nach­dem der Großherzog von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemacht habe, er den Angeklagten dem Nachrichter übergebe, um ihn vom Leben zum Tode zu befördern. Erbe hielt bewegt dem Oberstaatsanwalt die 5^and hin und sagte: Adieu, Herr Oberstaatsanwalt!" Der Oberstaatsamvalt ergriff die dargebotcne Hand. Darauf faßte der Scharf­richter, ein alter Herr in grauen Haaren, den Angeklagten an dem Arm und führte ihn die Stufe zu dem Schafott hinan. Ms Erbe bereits angeschnallt war, rief er noch bewegt und mit lauter Stimme:Ehre sei Gott in der Höhe!" Im nächsten Moment war das Brett vorgeschoben, das Beil sauste nieder.

Vermachtes.

* Das Unwetter der letzten Tage hat in ganz Europa Schaden angerichtet. In Köln verursachte der Weststurm be­deutende Schäden. Die Nebenflüsse des Rheins führen Hoch­wasser. Verschiedene Betriebe im Industriegebiet stellten des­halb ihre Arbeiten ein. Weite Strecken sind übeffchwemmt. Auf dein Bahnsteig des Wriezener Bahnhofes wurde ein Bahn­arbeiter vom Sturm in dem Augenblick auf die Schienen geschleudert, als ein Zug die Station verließ, und auf der Stelle getötet. In ganz Belgien herrscht ein starker Sturm, begleitet von heftigen Niederschlägen. Von überall werde» Einstürze von Neubauten gemeldet. Eine in Gent im Ban begriffene Halle der künftigen Weltausstellung ist ein- gestürzt. Viele Ostender Fischerbarken luerben vermißt. In Waereghem tötete ein einstürzender Fabrikschornstein einen Arbeiter, mehrere wurden verletzt. Während des gestrigen hef­tigen Sturmes stockte der Schiffsverkehr im Aermelkanal nahezu vollständig. An der Küste von Calais und Dieppe wurden zahlreiche Fischerboote an den Strand geworfen, die zer­schellten. In Paris stürzten Schornsteine herab, die Vorüber­gehende trafen und sie mehr oder weniger verwundeten. Von einem Neubau fiel ein hinaufgewundener Stein herab und verletzte fünf Arbeiter schwer. Aus London wird gemeldet: Durch die seit einigen Tagen niedergehenden Regenmassen sind bereits weite Strecken des Landes u n t e r W a s s e r gesetzt worden. Bei R e s o l v e n .(Wales) b rach ber Damm des Flusses und überflutete die Stadt. Die Einwohnerschaft flüchtete.

Kleine 2age$d}ionit

In der Rixdorfer Stadtvewrdnetentierscunmlung kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen wegen des Antrages, an minder­bemittelte Familien 'Diphtherie-Heilserum auf städtisckw Kosten ab-> zuaeben. Schließlich lirurbe beschlossen, Heilserum gratis zu ver­abfolgen an alle, die nicht über 2000 Mark an Einkommen haben.

Erbe; hinrichtuni.

Das Abkommen der Stadt Köln mit der Allgemeinen Elek­trizitäts-Gesellschaft und den Siemens-Schuckert-Werken wegen Errichtung einer elektrisckjen Schnellbahn zwischen Köln und eIb^.rrf ^abgeschlossen. Das Abkommen wurde heute von der Kölner >Ltadtverordnebenversammlung genehmigt

Aus $0 l a wird gemeldet, daß in der Kohlengrube Co spa nv eine mit Dynamit geladene Sprengpatrone zu früh los ging. Von den fünf Arbeitern, die schwere Brandwunden erlitten- gestorben.

nr s. Gießen, 22. Dez

Am st. Juli 1911 wurde zu Niederrnörlen bei Bad-Nau- heim. dre Ehefrau des Zigeleiarbeiters Georg Walther ermordet unb beraubt. Den Tätern waren etwa 350 Mk bares Geld tn bic Hände gefallen. Der Tod war dadurck ___ M, c,.

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