Ausgabe 
25.3.1911 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaßt 22 Seiten.

K

vernünftige

svänben ein

nehmen. Nach einigen englischen Pressestimmen scheint man sich von der Erschießung Mesopotamiens und der Länder am persischen &ol| durch die Bahn nicht hervorragend viel Au versprechen. Aehnliche Bedenken haben ja aber auch früher bezüglich der andern Teile der Bagdadbahn geherrscht, und doch ist heule sestzustellen, daß die Rentabilität außer­ordentlich gut ist.

Eine neue Erfindung Marconis. Marconi ist, wie aus London gemeldet wird, mit der Vollendung eines neuen Apparates beschäftigt, der eine bedeutungsvolle Erfindung darstellen soll, lieber die Einzelheiten wird läufig noch strengstes Stillschweigen bewahrt, und man weiß nur, daß der Apparat es ermöglicht, das gesprochene Wort sofort in das g e s ch r i e b e ne zu verwandeln. Tie Schrvinguivcn, die durch die)allwellen auf die Ausmchmeplattc hervorgerusen werden, sind den verschiedenen Buchstaben des Alphabets ab- genimnrt, daß sie aus elektrische Ströme, die mit freier Platte in Verbindung stehen, verschrei)ene Wirkung üben. Tie Ströme

der Linken so sehnlich erwartet werden, erst im nächsten Jahre stattzufinden haben.

diese Weise wird den je&igen, in jeder Hinsicht unwürdigen Zu- Ende bereitet werden.

Arbeit zulassen. Tiefen aufgeforDrnen Ztünstlern bezahle man eine Entschädigrmg für die aufgewandte Arbeit. Auf

Professor Ketule v. Stra-onitz f.

Der berühmte Lehrer der Archäologie an der Berliner Universität, Geheimrat Professor Dr. Reinhard Kekule von Stradonitz, ist in einer Berliner Privatklinik nach längerem schweren Leiden im Alter von 72 Jahren gestorben.

In Kekule.von Stradomtz, der einer böhmischen, im Dreißigjährigen Kriege eingewänberreu Uradelsfcmrilie ent-

Der bankrott der tünstlerischen Wettbewerbe.

Im Türmer lesen wir:

Tie Ergebnisse der letzten künstlerischen Wettbewerbe müßten jebermann davon überzeugt liaben, daß diese Einrichtung sich völlig überlebt hat und nur noch ein isck»adcn ist. Ei» ^schaden für die Kunst und für die Künstler. Die Ergebnisse des Wettbewerbes für das Bismarckdenkmal bei Bingerbrück sind künstlerisch denkbar kläglich und bewegen sich auch in gedanklicher Hinsicht m ausge­tretensten Bahnen. In der Künstlerschaft herrscht größte Unzu­friedenheit, die durch äußere Maßnahmen des Komitees noch frer* mehrt wird. X)at dieses sich doch veraiilaßt gesehen, nachträglich für eine Veröffentlichung der EntwürfeVerbesserung an denselben ' ju gestatten. Vielleicht fdtämi man sich, ohne solche Verbesserungen die Bloßstellung unserer Bildluinerei aller Welt noch mehr bekannt zu machen, als es durch die Ausstellung in Düsseldorf geschehen ist.

Ter Wettbewerb für das Bismarckdenkmal in Stettin ist ebenso kläglich verlausen, und damit aller guten Tinge drei sind, hat sich jetzt auch nachträglich lserausgestellt was Einsichtige übrigens damals gleich» betont haben, daß die Entscheidung für das Denk­mal, welches die Teulüben zur Jahrhundertfeier Brasiliens stif­teten den donigcn Stiftern keineswegs gefällt, weil es gar nicht für den vorgesehenen Platz paßt. Man har sich also jetzt nach- träglich entschließen müssen, den Preisträger hinuberkommen zu lassen, damit er überhaupt erst die Vorbedingungen für die künst- terifrfjc Arbeit studiere.

Man kann sich einen schlimmeren Hohn auf das ganze Wett- bemerbe-infteni gar nickt oorstellen. Stelch es mm um unsere deutsche Biidbanerci wirklich so jämmerlich, rote man aus diesen Wett­bewerben schließen könnte ? Keineswegs! Aber Fann man sich darüber wundern, wenn Künstler, die es wirklich ernst mit ihrer Kunst nehmen, die Lust verloren haben, sich an derartigen Wett- bennrben zu beteiligen? Eine bunt zusammengesetzte ^char von Preisrickrtern, die meistens gar keine Gelegenheit gehabt oder sic nicht genügend wahrgenommen haben, sich selber tief in die gestellte Ausgabe zu versenken, sieht sich plötzlich vor eine Unzahl von Ent­würfen gestellt und soll nun hier in wenigen Ltynben eine Ent­scheidung treffen. Es ist ganz klar, daß da üoji einem Hineinleben in üünfllcrQvbeit feine Rede sein kann. Es ist denn auch nicht zu verkennen, daß sich bereits eine besondere Wettbewerbstechnik herausgebildei hat. Man strebt Arbeiten an, die durch ihre Sil­houette, durch ihre ganze äußere Aufmachung die SLufmmiamfcit auf sich ziehen. Tie Folge davon ist, daß gerade Arbeiten, die »das Ergebnis tiefen Nachdenkens, und darum in der Regel zu hoher

fingen.

W i e n, 24. März. Die B l ä t t e r begrüßen das deutsche K'aiferpaar, das mit seinen beiden jüngsten Kindern zu kurzem Besuche hier eintrif t, herzt ch. Mit großer Sc।riebi qung wird von den Blättern hervorgehoben, daß der Thronfolger mit Gemalliu se nen E.ho ungs.ufenthalt in Brioni unterbrach, um zur Begrüßung der kaiserlichen Familie in Wien anwesend zu sein.

DasF r e m d e n b l a t t" schreibt:

Der Stilndc des Besuches der Majestäten wird natürlich alle Politik fcmbleiben. Aber für zwei Reick>e, wie es das Deutsche und die österreichisch-ungarische Monarchie, in denen die Monarchin die starken Träger der auswärtigen Politik und.die sickeren Bürgen ihrer Kontinuität sind, haben so innige Beziehungen, wie sie zwischen den Häusern Habsburg und Hohenzollcrn bestehen, sicher­lich auch hohe politische Bedeutung, zumal die den beiden Thrinen zunächststehenden Mitglieder dieser HerrschiHhäuser, indem sie von .Herzen diese Beziehungen pflegen helfen, auch für die ferne ZukunftBürgschaftenfürdieDauerderseitJahr- sehnten bewährten Politik geben. Darum mag es ge­stattet sein, auch bei einem ganz intimen Besuch fürstlicher Pcr- sönlickcheiteu nicht bloß Verehrung auszujprechen, die ihren hohen Eigenschaften gezollt werden, sondern in dem deutschen Kaiserpaar auch den Repräsentanten der verbündeten Großmacht zu begrüßen und das Bündnis zu feiern, das in der Gesinnung der Völker ebenso fest ist, wie es in denen der Herrsch-erläuser verankert ist.

DieNeue Freie Presse" schreibt:

Die Beziel-ungen des deutschen Kaiserlxruscs zu dem Hause .Habsburg verstärken unzweiselhast die Grundlagen des Bünd­nisses ivtb bringen in das Alliance-Verhältnis, das für einen Teil der Bewohner des Reiches ein Herzensbedürfnis und für alle, auch für diejenigen, die es bekämpfen, ein tiefes poli­tisches Bedürfnis ist, ein persönliches Moment, dessen Wert jeder, der die tasächlichen Kräfte abzuschätzen wetß> sehr hoch anschlagen muß.

DasNeue Wiener Tageblatt schreibt:

Tie wiederholten Begegnungen des Deutschen Kaisers mit unserem Monarchen sind nickst politische Einzelerscheinungen, son­dern historische Ereignisse, die Zeugnis geben von der

Das deutsche Naiserpaar in Wi n.

Wien, 24. März. Bei herrlichem Wetter sind heute vormittag das deutsche Ka i s e r p a a r mit den beiden jüngsten Kindern hier angekommen. Kurz nach 10Uhr mar Kaiser Franz Josef in der preußischen Feld- marschall-Uniform mit dem Bande des schwarzen Adler-

Eünftlerifd>er Vereinfachung gediehen sind, über(?am)t nicht gesehen werden. Dann gibt es Spezialisten für Wettbewerbe, Künstler, Die nur daraus ausgelien, einen Preis zu gewinnen, die also nach erprobtem Schema arbeiten. Ernste Künstler, die feine Zeit zu verlieren haben, haben feine Lust, sich dieser Art der Beurteilung ihrer Arbeiten ccuszusetzen, noch die immerhin unangenehme Wir­kung in der allgemeinen Wertschätzung zu tragen, die eine völlige Nichtbeachtung seitens der Preisrichter für sie hat. So halten sie sich eben grundsätzlich von Wettbewerben fern.

Man wird deshalb aus den zahllosen Wettbewerben der letzten Jahrzehnte kaum zwei oder drei Fälle aufzählen können, in denen diese ein günstiges Ergebnis gehabt haben. .Hält man dagegen die Unsumme von verscksvendeter Arbeit und von verschwendetem Kapital, das z. B. für die Bingerbrücker Konkurrenz mit einer halben Million sicher noch viel zu niedrig eingeschätzt ist, so will der immer erhobene Einwand, daß aus diese Weise doch vielleickst einmal ein sonst ganz im Verborgenen arbeitender junger Künstler entdeckt werden könnte, gar nichts bedeuten. DieseEntdeckung" kann man viel einfacher machen. Freilich ist es weniger bequem, als die jetzige Art der Wettbewerbe. Es setzt voraus, daß sich die zur Entscheidung über ein neues Denkmal Berufenen wirklich in die zeitgenössisch- Sun ft bineinlebcn, daß sie z. B. die Ausstel­lungen von ein, zwei Jahren gründlich daraufhin studieren, ob sich in den hier ausgestellten Werken nicht Talente zeigen, die für die in AusiickN genommene Aufgabe besonders geeignet sind. Mit einer beschränkten Zahl von ihnen, die mit der Höhe der für die Vorder ei tungsarbciten verfügbaren Summe in Einklang steht, setze man sich für einen engeren Wettbewerb in Verbindung. Von diesen Künstlern kann man verlangen, daß sie die örtlichen Verhältnisse, Die für die Aufstellung des Denknals maßgebend find, genau Kubieren, und daß sie Entwürfe einreichrn, die soweit durchge- arbeilet sind, daß li? wirklich ein Urteil für Die später auszuführende

Im Auslande haben die Ministerkrisen in Italien und Rußland einige Aufmerksamkeit erregt <^viamenlarifc7 regierte Länder haben von ehrgeizigen Parteipolitikern oft die umgrcienbften Ueberraschungen zu g?wärtigen, dcS zeig! nd) heute wieder in Rom vor den dortigen Jubilaums- cstlichkcifen: auf Luzzati folgt walirschein ich wieder Gw» litti, wobei freilich keine großen "Kenterungen in Der bis­herigen Regierungspoli.il zu erwarten find ^n Rußland icheint Stolypin, der das unbestreitbare Berdtenft hat, einem Lande rußigere Zustände verschafft zu haben, vor läufig noch am Ruder zu b.eiben, obwohl offenbar allerlei Jntriguen gegen i n verjucht worden s.nd Wichtiger und intereisauter als diefe Dorkommnßse sind fär uns Deutsche die neuen Vertrage, die in Konstantinopel über den 93au der Bagdadbai n abge chlossen worden find In fünf Zähren wird man von K nstau.iuopcl bis Bagdad fahren lönnen. Die bis jetzt fertig gefieLtcn Bahnstrecken haben ein gutes finanzielles Erträanis abgeworfen, so daß die deutsche Gc- .eUscha.t aus die itecprozcnlig.' Zollerl.ö.jung als r.)eit für die Kilometergarantie des W.iierbaues verzi.! . .onnle. Dadurch konnte das große Werk bcschleun.gt wero u, denn die Zolleri öhung durch die Türkei ist an die Zustimmung der beteiligtest' Mächte gebunden. Nach der Veröffent­lichung derNordd. Allgem. Ztg." sind der Gesellschaft statt des Anspruchs aus den Ertrag der Zoberlfohung Pfänder zugcwiejen worden; worin diese bestehen, ist nicht gesagt worden Gleichzeitig wurde der dcuischcn Bagdadba.,n- e.el.schast die Lrbauung einer Zw.igl nie von Osmanje nach Alerandrette übertragen (ohne Kckometer- garantie), womit ein guter .Handelsweg nach dem Ntiilel- meer geschaffen wird. m

Ein dritter Vertrag, der aber nur einen Vorschlag be- bcutet, betrifft den Wei.erbau der Bahn von Bagdad bis an den persischen Golf. Tie deutsche Gesellschaft hat auf den Bau die,er Strecke verzichtet und wiederholt ihr An­erbieten vom Jahre 1503, wonach eine neue Gesellschaft gebildet werden könnte, in der sowohl die türkische Regie­rung wie fremdes Kapital vertreten fein dürste, fremdes Kapital a.lerdings nur im Höchstbctraye des deutschen An­teils. Tie Türkei hat also die Mög.ichkeit, mit England deshalb in Verbindung zu treten, unö im englischen Parla­ment ist der neue Stand der Tinge schon ziemlich ein-| nehenb besprochen worben. Staats »akret-ur Grey hat cr- llart, baß eine Verständigung über bie gemeinsamen Interessen geboten erscheine und daß die türkische Regierung schon vertrauliche Vorschläge gemacht habe. Welcher Art diese Vorschläge waren, darüber hüllte sich der Minister in geheimnisvolles Schweigen Falls niemand Lust hat, will die deutsche Bagbadbahn-Gescl.schast, wie sie erklärt hat, den Weiterbau bis an den persischen Meerbusen allein vor-

ordens, vom Publikum mit brausenden Hochrufen emp­fangen vor dem Nordbahnhof vorgefahren und von den leitenden Beamten der Dahn in den Hoswartesalon geleitet worden. Als die Einfahrt des Zuges gemeldet wurde, betrat der Kaiser den "Perron. Bald daraus machte der Wagen, der die Mitglieder der deutschen K'aisersamilie be- herbergte, vor dem Kaiser Halt. Kaiser Wilhelm, der den Monarchen vom Wagenfenster aus erst militari)d) salutierend, bann freundschaft ich zuw.ulend begrüßt hatte, verließ raschen Schrittes den Wagen und eütc auf Öen'..ion> ardjen zu. Die beiden Herrsckser umarmten und fußten einander und schüttelten sich herzlich die Hand Sodann entstiegen dem Wagen die Kaiserin, Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Joachim mit Gefolge. Nachdem Kaiser F-ranß Joses bie Kaiserin und die Prin­zessin herzlich begrüßt hatte, stellte Kaiser Wilhelm dem Monarchen den Prinzen Joachim vor. Kaiser ,>rinz Joies reichte seinem Patenkind die Hand, die der Prinz ehr­erbietig küßte. Kaiser Wilhelm begrüßte hierauf den Generalad utanten Gra'en P ar und nahm die Vorstellung der hohen Beamten entgegen, worauf Kaiser Wilhelm Kaiser Franz Joses sein Gefolge vorstelltc. Hieraus reichte Kaiser Jranz Joses der Kaiserin den Arm und die Fürstlichkeiten begaben sich in den Hosivartesalon, wo sie etwa fünf Mi­nuten im Gespräch DCib ieben. Sodann wurde ber Salon­wagen bestiegen unb bie Fahrt nach Penzig sort- ge^ötzt. Von den Häusern, an denen die Verbind.ingsbahn vorbeisührt, wehen Falinen in deutschen und österreichi­schen Farben. Tie Fenster waren dicht vom Publikum be­setzt, das dem Hofzuge zuwinlte, während alle ihn an den dem Ba n ürper zugängl.chen S e.len mt: Hochru^eii emp-

stammt, verliert die archäologische Wissenschaft einen ihrer hervorragendsten Vertreter, die Berliner Universität eine ihrer größten Zierden. In Darmstadt 1839 geboren, studierte Kekulö von Stradonitz in Erlangen, Göttingen und Berlin, wo er 1861 zum Doktor der Philosophie promo­vierte. In den Jahren 1863 bis 1868 machte er an den, klassischen Stätten Italiens und Griechenlands archäo­logische Studien, die er in zahlreichen, seinen Weltruf begründenden Schriften niederlegte. $n Berlin war unser Kaiser, der damalige Prinz Wilhelm, fein eifriger Schüler, und auch häufig Gast im Hause des Professors. Seit seiner Berufung nach Berlin (1887) gehörte denn auch Setule von Stradonitz zu dem engeren Kreise derjenigen, die der Kaiser seiner besonderen Freundschaft würdigte. Alljährlich überraschte der Kaiser seinen einstigen Lehrer durch eine Weihnachtsaufmerksamkeit, und vor zwei Jahren lud er ihn nach Korfu ein. Der Gelehrte war im Studien­jahr 1901/02 Rektor der Universität Berlin, gehörte der Preußischen Akademie der Wissenschaften und zahlreichen gelehrten Körperschaften des Auslandes an, war Vor­fitzender der Archäologischen Gesellschaft in Berlin und Mitglied des Kaiserlich Deutschen Arckstiotogischen In­stituts. Ter Gelehrte erkrankte, wie derTag" meldet, tm Januar an Influenza. Eine eitrige Mittelohrentzün- duna trat hinzu, die am Montag eine Operation nötig machte. Da der Patient außerdem an Zuckerkrankheit litt, besaß sein geschwächter Körper nicht mehr die nötige Wider­standskraft; eine Blutvergiftung beschleunigte den Tod. Tie Beisetzung erfolgt in der Familiengruft in Bonn.

politische Wochenschau.

Gießen, 25. März.

Die Gießener Wahl, deren Ausgang ja eine allgemeine Ueberraschung hervorrief, hat, wie selten eine Reichstags- ersatzwahl, die Gemüter in Deutschland stürmisch bewegt Unsere kampffrohe Zeit bringt das so mit sich. Jeder, der von der Reichssinanzreform her Erbitterung gegen denschwarz blauen &locf" im Herzen trägt, wünscht Vergeltung, Ab rechnuna, und der Sturm auf die roten Parteischanzen, wie er im Jahre 1907 mit so viel Begeisterung einmütig ausgeführt wurde, ist der Vergessenheit anheimgefallen In ruhigeren Zeiten wäre es für nationalliberale Politiker wohl selbstverständlich gewesen, für den deutsch-sozialen unb gegen den Sozialdemokraten die Parole auszugeben. Heute gibt es darüber in der nationalliberalen Partei schroffe Meinungsverschiedenheiten. Am heftigsten stritt dieKöln Ztg." für die ParoleGewehr bei Fuß!" Aber auch Blatter wie derHannoversche Courier", dieMünchener Neuesten Nachrichten" rieten davon ab, den deutsch-sozialen Kandidaten in der Stichwahl zu unterstützen, wahrend außer der parteiamtlichenNationalliberalen Korrespondenz" von größeren nationalliberalen Zeitungen dieNatioikalztg ", dieBraunschw. Landesztg.", derSchwöb. Merkur" die Stimmabgabe gegen den Sozialdemokraten befürworteten. Selbsiverständlickf geschah dies letzte nicht, um irgendwelche antisemitische Regungen zum Ausdruck zu bringen, im Gegenteil, die nach ernster Gewissensprüfung getroffene Ent- scheidung wurde in der Regei mit vernehmbaren Seufzern verkündet. Auch Herr Bafsermann hat ja in Kassel den Großblock bis Bebel abgelehnt und den Kampf auch gegen die Sozialdemokratie gefordert. Unter diesen Umständen sollte man, umsomehr, da auch so viele fortschrittliche Stimmen Herrn Dr. Werner zugefallen sind, im liberalen Lager das Feuer der Zwietracht nicht weiter schüren. Poli­tik ist nicht nur eine nüchterne Rechenkunst. Im Falle Werner-Beckmann spielten die widersprechendsten Empfin- bmißcn mit: Widerwille gegen das sozialdemokratische Joch, Abneigung gegen judenfeindliche Bestrebungen, der Libo ralismus oes ruhlosen Vorwärtstreibens und die gemäßig­tere liberale Auffassung, daß man das Leben nicht völ­lig zum Kampfball der Parteien machen solle und bei allen liberalen Ueberzeugungen doch die Gemeinsamkeiten der national Gesinnten pflegen könnte. Manchem schien es wohl auch, der drängenden Katastrophenpolitif winke in der Ferne schon das Gespenst der Reaktion entgegen. Die Bevölkerung des Gießener Wahlkreises hat den Groß- blockgedanken lebhaft abgewehrt, und die liberalen Par­teien, die sich jetzt zur notwendigen Einigung aufzuraffen scheinen, werden diesen nationalen Zug der Wähler ge­bührend in Anschlag bringen müssen.

Am Wahltage in Gießen hat auch der Frühling in den deutschen Landen feinen Einzug gehalten.Tie linden Lüste sind ertvacht", aber im Reichstag spürt man davon noch nichts. Die politische Nahrung, die uns gereicht wird, ist überreich. Die Erledigung der Voranschläge wird den Reichstag bis Ostern beschäftigen, und nach den Osterferien soll der schöne Maimonat mit Beratungen der Reichs- versicherungsordnung, des elsaß-lothringischen Verfasiungs- gesetzes unb bes Schiffahrtsabgabengesetzes ausgefüllt wer­den. Höchstes Aufsehen aber hat der Beschluß des Aelteslen- rates hervorgerusen, eine Herbsttagung vorzusehen, in der die Justiz- und Gewerbegesetze behanbett werben würben. Demnach würben bie Neuwahlen zum Reichstag, die von

Nr. 72 Erster Blatt W. Jahrgang Samstag, 25. Marz> M

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