sehr lange und wartete das Eintreffen von Tepeschen aus Konstantnvopel ab. In den Konsulaten bereitet man die diplomatische Tätigkeit für die beiden Möglichkeiten vor, die durch die türfi)tf>e Antwort auf das Ultimatum go schaffen werden könnten. Heute morgen wurde der türkische Botschaftsrat Seifeddin Bei von San Giuliano empfangen. liebet die Unterredung wird strengstes Stillschweigen beobachtet. Heute vormittag fand ein Ministerrat statt.
Russische Stimmen.
Petersburg, 29. Sept. Tie „Nowoje W rem ja" schreibt:
Tie russische Politik in Nordafrika mutz in der Solidarität mit dem verbündeten Frankreich bestehen, das bereits lange Italien die Freiheit des Handelns in Tripolis überließ. Augenblicklich müssen wir uns der Handlungsweise der italienischen Regierung gegenüber völlig passiv verhalten. Tie Jungtürken säteri Sturm gegen Nutzland, jetzt kommt Rußland ihnen nicht 311 Hilfe.
„Rjets ch" schreibt: Es ist schwer, sich ein Dokument vorzustellen, das jeden Schamgefühls ebenso entbehrt, wie das italienische Ultimatum, das an die Epoche Cesare Borgias erinnert.
Eine Berliner Aeusjerung.
Berlin, 30. Sept. Der Berliner „Lokalanzeiger" äußert sich in einem zweiseltos inspirierten Artikel zu der italienischen .Kriegserklärung:
Man muß zu den Staatsmännern Italiens das Vertrauen haben, daß sie die ungeheure Tragweite ihres Entschlusses nach allen Seiten hin reichlich erwogen haben und daß, sie zur Kriegserklärung nur geschritten sind, weil ihnen eine freundliche Verständigung mit der Türkei gänzlich aus dem Bereich der Möglichkeit zu liegen scheint. Trotzdem dürfen sie sich aber nicht wundern, wenn ihr rascher Entschluß die öffentliche Meinung in Europa so unvorbereitet trifft und Die Kriegserklärung Italiens nirgends wo vorbehaltslose Billigung findet. Man kann es nicht begreifen, warum Italien seine Aktion so geführt hat, daß weder der Türkei selbst noch den anderen Großmächten das Feld für gütliche Vermitteln ngs- Vorschläge offen blieb. Die Türkei wurde vielmehr ohne Umschweife vor ein Ultimatum gestellt, das sie ablehnen mutzte, wenn sie ihr Ansehen in der Welt nicht völlig einbüßen wollte und die Regierungen der Großmächte mußten bei ihrem Versuch, in Rom begütigend cinzuwirkcn, sehr bald inne werden, daß sie unabänderlichen Entschlüssen gegenüberständen. Die ganze Arbeit der europäischen Diplomatie wird nun der Ausgabe gewidmet sein, den unausbleiblichen Kampf möglichst zu lokalisieren und seine Ausbreitung auf die ohnhin stets unruhigen kleinen Balkanvölker mit aller Kraft zu verhindern. Mer auch, wenn ihnen dies gelingen sollte, müsse man aus weitreichendere Folgeerscheinungen dieses Krieges zwischen einer christlichen und einer mohammedanischen Macht gefaßt sein.
Die neuesten Nachrichten ans Konstantinopel.
Konstantinopel, 30. Sept. Mit großer Bestimmtheit erhält sich hier das Gerücht, daß türkische Truppen be- reits in Thessalien einzurücken begonnen haben. Tatsächlich wird in unterrichteten Kreisen ernstlich mit dem bevorstehenden Einmarsch türkischer Truppen in Thessalien gerechnet. Man weiß, daß die Mächte dagegen protestieren werden, w i l l s i ch aber auf das Beispiel berufen und rechnet damit, daß eine gemeinsame Aktion der Mächte für Griechenland doch unwahrscheinlich ist. Die Türkei habe auch die Möglichkeit einer Okkupation Kretas durch Griechenland im Auge. Es liegen Nachrichten vor, daß Griechenland die Besetzung von Tripolis zu einem Handstreich benutzen will, aber in der Hoffnung, daß die Großmächte einen Einmarsch der Türkei in Thessalien nicht gestatten würden. Die Türkei ist aber fest entschlossen, gerade Griechenland gegenüber sich schadlos zu halten und eventuell dem italienischen Beispiel eines räuberischen Uebersalles zu folgen. Vor Trapezunt soll ein russisches Geschwader erschienen sein. Eine Mitteilung, an die Mächte von Seiten der Türkei ist bisher nicht erfolgt. DieStimmung der Bevölkerung ist kriegersich und patriotisch. Man befürchtet in türkischen Kreisen, daß mit der Besetzung von Tripolis weitere Verwicklungen entstehen werden. Eine größere Zahl von türkischenOffizieren, hauptsächlich Tri- politaner, reisten über Marseille nach Tripolis ab, um an dem bevorstehenden Guerillakrieg teilzunehmcn. 50 000 Mausergewehre befinden sich angeblich in Tripolis, mit denen die dortigen Stämme bewaffnet werden sollen, so daß den Italienern schwere Arbeit bevorsteht.
Der Sieg der Sozialdemokraten in Düsseldorf.
Düsseldorf, 29. Sept. Bei der heutigen Reichstags-Ersatz-Stichw ahl erhielt Haberland (Soz.) 39 264 Stimmen, 'Dr. Friedrich (Ztr.) 36111 Stimmen. Haberland ist somit gewählt.
Bei'der Hauptwahl erhielten: Friedrich (Ztr.) 29 291, Haberland 34 071, Dr. Breitscheid (Dem.) 3315, Herkenrath (Nationale Vgg.) 3148 und C h 0 z i s - zewski (Pole) 329 Stimmen.
In der Stichwahl hat der Sozialdemokrat einen Zuwachs von 5193 Stimmen, der Zentrumskandidat einen solcyen von 6820 erhalten. Wenn die Wählerstimmen von der Nationalen Vereinigung und die Polenstimmen dem Kandidaten Friedrich zugute gekommen sind, so hat er noch etwa 3300 Stimmen aus dem liberalen Lager erhalten. Im Jahre 1907 waren bekanntlich 14 664 natwnalliberale und 593 freisinnige Stimmen abgegeben worden. Der Sozialdemokrat 5^aberland hat in der Stichwahl außer den demokratischen Stimmen noch beinahe 2000 Stimmen gewonnen.
Bei der Stichwahl im Jahre 1907 hatte das Zentrum mit 33 317 gegen 25 233 Stimmen gesiegt. Die rote Flut wächst, das ist auch die Lehre aus der neuesten Ersatzwahl.
Arbeiterbewegung.
Der Aus st and der Straßenbahnführer in Saarbrücken scheint sich in die Länge zu ziehen. In einer Versammlung der Ausständigen wurde beschlossen, im Ausstande zu verharren, obwohl die Straßenbahndirektion behördliche Entlassung und Einbehaltung der gestellten Kaution angedroht hat, falls die Ausständigen nicht binnen 24 Stunden den Dienst wieder antreten. Erst wenn die Direktion ibreit vertraglichen Verpflichtungen nachkomme, soll nach dem Beschluß der Versammlung der Ausstand beendigt sein.
Ans Stadt und Land.
Gießen, 30. September 1911.
Die Bluttat von Nieder-Mörlen.
Dies entsetzliche Drama, dem am 6. Juli in Nieder- Mörlen ein Menschenleben zum Opfer fiel, hat nach zweitägiger Verhandlung am Schwurgericht seine Sühne gefunden. Es darf wohl gesagt werden, daß die Strafe, die den Hauptschuldigen Erbe betroffen hat, im allgemeinen dem Volts empfinden entsprochen hat, wenn auch der Unterschied zwischen feiner Strafe und der seines Mitschuldigen Wolf sehr groß erscheint. Dg hex Verteidiger
Erbes', dessen Plaidoyer übrigens ebenso wie das des Oberstaatsanwaltes rednerisch wie juristisch hervorragend war, im Einverständnis mit seinem Klienten Revision gegen das Urteil einzulegen beabsichtigt, wird zunächst das Reichsgericht und möglicherweise noch ein anderer Schwurgerichtshof sich nochmals mit der Sache zu beschäftigen haben. Erbe hat während der Urteilsverkündigung seine Fassung in einer Weise bewahrt, als ob ihn die ganze Sache nichts anginge. Als er nach dem Urteilsspruch den Saal hinausgeführt wurde und an seiner früheren Geliebten Kath. Wolf vorüberkam, rief er ihr mit unterdrückter Stimme ein unflätiges Schimpfwort entgegen und fuhr dann fort: „Du hast keine gute Stunde mehr ausf der Welt. Wenn ich dich nur fünf Minuten h ä t t c." lieber Nacht scheint ihm dann seine Lage erst recht klar geworden zu sein, denn heute früh weint und schluchzt er in seiner Aelle wie ein Kind. Ob es übrigens, auch wenn die Revision leinen Erfolg haben sollte, zur Hinrichtung Erbes kommen wird, steht noch dahin. Bei oer Entscheidung hierüber fällt jedenfalls sehr ins Gewicht, daß sein Mittäter wegen seines jugendlichen Alters verhältnismäßig gut hinweggekommen i|t. Andererseits ist daran zu erinnern, daß der jetzige Großherzog bis jetzt ebensowenig wie sein Vater einen zum Tode verurteilten männlichen Verbrecher begnadigt hat.
Schließlich noch einige Worte über eine unerfreuliche Begleiterscheinung dieser wie feder anderen sensationellen Gerichtsverhandlung. Wir meinen das Verhalten des P olikums. Wenn es auch erklärlich ist, daß ein solcher Fall ungewöhnliches Interesse hervorrust, so s.l tc di? Verhandlung doch nicht vom Publikum unter dem Gesichtspuntt eines interessanten, wenn nicht amüsanten Schauspiels, betrach- iet werden. Tie Szenen, die sich namentlich bei der Oefsnung des Saales abspielten, spotteten jeder Beschreibung; während der Verhandlung stellten sich Neugierige rücksichtslos auf die Heizungsanlagen usw., so daß es sogar zu Sachbeschädigungen kam. Daß so viele Frauen uno Mädchen Lust und Zeit hatten, zwei Tage lang die unerfreulichen Bilder der Verhandlung an sich vorüberziehen zu lassen, ist ein durchaus unerfreuliches Zeichen der Zeit.
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** Der Taschen fahrplan des Gießener Anzeigers wird heute der Stadtanflage des Blattes beigelegt. Die auswärtigen Abonnenten erhalten ihn in den ersten Tagen der nächsten Woche.
" Tageskalender. Stadttheater: Sonntag abend 71/» Uhr Eröffnung der Svielzeit: „Ter Meister von Palmyra".
Kolosse uni: Samstag abend Beginn der Spezialilaten- 6orstellungen.
K i n e m a t 0 g r a v h: Täglich Vorstellung. Biograph: Täglich Vorstellung.
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*• Sta dtthcater. Tie morgige Eröffnungsvorstellung der Spielzeit, die bekanntlich Adolf Wilbrandts dramatische Dichtung „Der Meister von Palmyra" bringt, beginnt, ivorauf hingewiesen sei, um V28 ll h r.
**DieelektrischeStratzenbahn verkehrt von morgen ab nach dem Winterfahrplan. Er entspricht int allgemeinen dem Sommcrfahrplan, nur fallen auf beiden Linien morgens einige der ersten Fahrten aus und mehrere seither täglich verkehrende Wagen fahren im Winter nur cm den Wochentagen. Der letzte Wagen zum neuen Friedhof fährt 4,37 Uhr vom Bahnhof ab, vom neuen Friedhof tarnt man 5,05 Uhr zum letztenmal abfahren. Auf der roten Linie verkehrt der Wagen, der um 10 Uhr abends am Bahnho sabfährt, nur bis zum Siechenhaus. Der seither um 10,27 Uhr abends vom Schützenhaus abfahrende Wagen fällt aus.
"Die Anlage musik am Sonntag, den 1. Oktober, fällt aus.
An die Leser!
Das neue Vierteljahr wird -schwerwiegende Umwälzungen bringen. Mit lebhaftester Spannung wird man täglich die Zeitung zur Hand nehmen. Der Gießener Anzeiger wird eine lückenlose, sorgfältige Berichter st attung sich angelegen sein lassen, nicht nur über die kriegerischen Auslandsnachrichten, sondern auch über alles Wissenswerte im Reich und unseren hessischen Provinzen. Gerade jetzt wird der Leser sich von den sensationellen, unwahrhaftigen Blättern abwenden und gediegenen Lese ft off, wie ihn der Gießener Anzeiger vermittelt, vorziehen. Mr laden zum Bezug für das 4. Vierteljahr ein und bitten unsere Freunde, in der Empfehlung und Verbreitung unseres Blattes uns behilflich zu sein.
Alle Briefträger, unsere Zweigstellen und die Geschäftsstelle des Gießener Anzeigers nehmen Bestellungen auf den Gießener Anzeiger entgegen.
Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers.
Landkreis Gießen.
-c-. Wieseck, 27. Sept. In der heutigen Gemein de- ratssitzung wurde der Rest des O r t s b a u st a t u t s durchberaten. Es soll nach einigen Abänderungen genehmigt werden. Ferner wurde der Ortsbauplan, an dem durch das Ministerium einige kleine Abänderungen gewünscht wurden, durch den Gemeinderat genehmigt. In nicht öffenckicher Sitzung wurde über die Frage der Wahl eines Berufsbürgermeisters beraten. Der Gemeinderat kam zu dem Entschluß, von diesem Rechte sofort Gebrauch zu machen. Es wurde zur Aufstellung von Satzungen geschritten, die später bekannt gegeben werden. Sodann wurde unter Vorsitz des Beigeordneten Schäfer zur Wahl geschritten. Sämtliche anwesenden Gemeinderatsmitglieder äußerten sich dahin, daß unser seitheriger Bürgermeister Scho mb er der rechte Mann zu diesem Posten sei, daß er ein Mann sei, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke habe und jedermann gerecht zu werden suche. Das Ergebnis der geheimen Abstimmung war die einstimmige Wahl des seitherigen Bürgermeisters Karl Schomber. Hiermit ist die öffentliche Bürgermeisterwahl, durch alle Wahlberechtigten, die für so viele Landgemeinden Hessens ein so großes Schmerzenskind ist, für Wieseck auf immer beseitigt.
O Lich, 28. Sept. Tie Stadt hat bei den kürzlich vorgenommenen Obstversteigerungen an der Hattenröder- und Nonnen- röther Straße rund 800 Mark vereinnahmt. Gute Ernten waren auf den Kreisstraßen zu verzeichnen, wo vergangene Tage die letzten^ Versteigerungen vorgenommen worden sind. — Kommenden Sonntag und Montag wird hier die Kirmes gefeiert; in mehreren Lokalitäten »inden Tanzvergnügen statt.
s. Lollar, 29. Sept. Ein Arbeiter der Eisenwerke erlitt heute morgen dadurch einen Beinbruch, daß ein Formkasten aus ihn fiel. Er wurde nach Gießen in die Klinik verbracht.
Kreis Friedberg.
b. F r i e d b e r g , 29. Sept. Tie Stadtverordneten beschlossen, daß bei der Anlegung des Grundbuches für die Gemarkung Schwalheim dahin zu wirken, daß das Holen von Wasser aus dem Schwal- heimer Sauerbrunnen für den Hausgebrauch erhalten bleibt. Zur Frage der Einsühmng eleftrifd)er Energie für Licht- und D:aft- zwecke beriet man über zwei Stunden. Zwei auswärtige Sachverständige berichteten über den Anschluß an das Wölfersheimer Werk und über die etwaige Anlage eines eigenen (SIcf trt» zitätswerks. Sic wurden beauftragt, ihr Material schriftlich der Versammlung einzureichen. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt; zunächst sollen sich die zuständigen Ausschüsse mit der Sache beschäftigen.
Starkenburg und Rheinhessen.
rm. Tarmstadt, 29. Sept. Die Landwirtschaftskammer für Hessen hielt heute zum erstenmal wieder unter Vorsitz des 1. Vorsitzenden Geh. Regieriingsrat Haas eine Vorstandssitzung ab, in der u. a. die Verwendung der Voranschlags-' mittel für 1911 eingehend erörtert wurde. Eine Anzahl, Entschädigungsansprüche wegen Minderwertigkeit von Weidefohlen wurde abgewiesen, dagegen soll für die nächste Hauptversammlung der Antrag auf Selbstversicheriing der Weidetiere, Erhöhung der Prämien und Ausdehnung auf den Minderwert gestellt werden. Einige Ilmlagereklamationen wurden entschieden. Zu den Ankaufspreisen der eingeführten Fohlen aus Belgien und Oldenburg wurde ein Zuschuß von 10 Prozent gewährt. Der Vorstand sprach sich dann noch gegen jede Herabsetzung des Zolles auf Mais und Futtergerste aus, da, er glaubt, daß durch eine derartige Maßnahme der Reichskasse großer Schaden erwachsen würde, während nur die Händler den Vorteil haben würden, zumal bereits bekannt sei, daß eine Anzahl von Händler in den Verkaufsformularen jede Herabsetzung des Zolles zu ihren Gunsten ausbedungen haben. In der nächsten Sitzung soll über die Abänderungsanträge zu den Satzungen entschieden werden.
Schwurgericht.
! h. Gießen,' 30. Sept.
Verbrechen im Amt.
Heute verhandelte das Schwurgericht gegen den ehemaligen! Zuchthausrechner August Seid) n er vom Zuchthaus Marien- schloß bei Rockenberg wegen Verbrechens im Amt. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Dr. Brill. Verteidigt wird der Angeklagte von Rechtsanwalt Metz II. Es ist zur Sache ein Zeuge und ein Sachverständiger zu hören.
Nach dem Anklagebeschluß wird der 34 Jahre alte Leichner beschuldigt, zum Nachteile des Staates 12 551,34 Mk. in amtlicher Eigenschaft unterschlagen und die darauf bezüglichen Bücher, die zur Kontrolle dienten, verfälscht zu haben.
Ter Angeklagte erklärt, er habe, als er 23 Jahve alt war- bei einem geringen Gehalt heiraten müssen und habe Unglück gehabt, weil die Frau geistesgestört und in die Anstalt Hofheim untergebrad)t werden mußte. Er sei das zweitemal verheiratet. Mit seinem Sohn aus erster Ehe habe er auch viel durchgemacht; er habe ihm viel Geld gekostet, dazu kämen noch jährlich 400 Mk., die der Aufenthalt seiner ersten Frau in der Anstalt kostet. Der Angeklagte weist darauf hin, daß er, als er 1903 nach Rockenberg kam, Schulden von früher hatte; er bekam anfänglich 2300 Mark Gehalt, das sich im Lause der Jahre auf 3400 Mark steigerte. Auf Vorhalt des Vorsitzenden, daß man doch mit diesem Gehalt auf dem Lande sehr gut leben könne, erklärt er, daß in Rockenberg die Lebensmittel sehr teuer seien. Er gesteht auch zu, daß er seiner zweiten Frau gegenüber zu schwach war und einen gewissen Aufwand für Wohnung und Einrichtung getrieben habe. Der Angeklagte bestreitet, daß er selbst großen Aufwand getrieben habe. Er habe bei seiner Behörde 3000 Mk. Kaution stellen müßen und habe von einer Frau in dieser Höhe Staatspapiere überlassen bekommen, die er aber nach einigen Jahren ziirückgeben mußte. Da habe er das erstemal Geld, 3000 Mark, aus der Kasse genommen. Auf den Vorhalt des Vorsitzenden erklärt er, daß er sich aus falscher Scham nicht an seine wohlhabende Familie gewendet habe. Eine schwere Krankheit seines Kindes bat ihm mit Operation und Aufenthalt im Schwesternheim in Gießen und einer Badekur an 3000 Mack gekostet. Auf Befragen des Vorsitzenden stellt er entschieden in Abrede, daß er an der Börse spekuliert habe oder sonst große Ausgaben für sich gemacht habe.
Der Angeklagte ist geständig.
Direktor Borne mann vom Landeszuchthaus Marienschloß erklärt, er sei mit dem Angeklagten sehr zufrieden gewesen. Der Zcuge hat nadjträqlidj gehört, daß die Krankheit in der Familie, die viel Geld gekostet habe, zu dem Verbrechen geführt habe. Der Zeuge ist aber der Ansicht, daß Leichner schon mit Schulden zu ihm gekommen sei. Er hätte nicht das Recht, die Zud)thauskasse zu revidieren. Die Kontrolle finde alle 5 Jahre statt. Auf Befragen des Vorsitzenden erklärt Direktor B 0 r n e m a n u, daß bei den gegenwärtigen Verhältnissen der Kasse in Marienschloß der Rechner 5 Jahre lang Gelder unterschlagen und falsche Bücher führen kann, ohne daß dies jemand merken kann. Richtig sei, daß nach der Entdeckung der Angeklagte alles getan hat, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen. (Die Verhandlung
Das Urteil lautete auf IV? Jahre Gefängnis, worauf 3 Monate her erlittenen Untersuchungshaft angerechnet wurden.
Hoöesftur) Oes Kapitäns Engelhardt.
Johannisthal, 29. Sept. Der Teilnehmer an der Berliner Flugwoche, Kapitän Engelhardt, stürzte ab und erlag bald darauf seinen Verletzungen.
Engelhardt legte die letzte Runde wieder in geringer Höhe von etwa 20 bis 30 Metern zurück, als plötzlich die Maschine stark schwankte und sich gleich darauf seitlich nad) vorn herabneigte. Obgleich sich der 2lpparat nur in verhältnismäßig geringer Höhe befunden hatte, bildete der Doppeldecker einen Trümmerhaufen. Engelhardt lag unter den Trümmern. Der Mit
fahrer Sedlmaver lag daneben. Bei Sckstmaper wurde ein Schädel- und Armbruch festgestellt. Er wurde ins Krankenhaus geschafft. Bis zum Wend chatte er das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt. Für Kapitän Engelhardt kam die ärztliche Hilfe zu spät. Eine der abgebrochenen Streben, welche die beiden Tragflächen des Doppeldeckers miteinander verbinden, war ihm in den Leib gedrungen und hatte diesen vollständig aufgeriffen. Im Aerztezimmer, bei den Tribünen, starb er in wenigen Minuten.
Handel.
— Bankkrach in Göttingen. Die Göttinger Bank, ^Akt.-Ges., stellte ihre Zahlungen ein. Tie Treuhandgesellschaft ist beauftragt, den Status festzustellen. Die Bank hofft, bei ruhiger Abwicklung der Tepositenspargelder den größten Teil ihres Aktienkapitals zu retten. Wenn die Anlehnung an eine andere Bank unmöglich sei, soll die Liquidation erfolgen.
Amtlicher Wetterbericht.
Wetteransficbten in besten am Sonntag, t>en 1. Oktober 1911: Trüb, geringe Niederschläge, Temperatur wenig verändert.
Letzte Nnebricbten.
Der Krieg.
Rom, 29. Sept. Die „Tribuna" schreibt: Die italienische Negierung iwtifizierte die Kriegserklärung in Konstantinopel telegraphisch und erteilte dem italienischen Geschwader heute abend den Befehl, in Aktion zu treten, „(y io male d'Jtalia" meldet: Tie ,Antwort der Türkei sei heute nachmittag 5 Uhr in Nom eingetroffen und antwortete auf die unaufschiebbaren Forderungen Italiens nicht. Das Verhalten der Pforte wurde vorausgesehen. Der Entschluß der Regierung, den Krieg zu erklären, sei das einzig Jogifd) Notwendige.
Em türfndie» Torpedoboot zerstört.
Paris, 29. Sept. Die „Agence Havas" meldet aus S a 10* n j'l_:. . Ei" italienischer Kreuzer zerstörte ein türkisches Torpedoboot im £>afen von Preseva


