Ausgabe 
27.4.1911 Zweites Blatt
 
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stl- Jahrgang

Zweiter Blatt

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Gießener Anzeiger

Erscheint tiglich mit Ausnahme der Sonntags.

General-Anzeiger für Gberheffen

Tieiiebener Zamilienblätter" werden dem llnjeifler* viermal wöchentlich beigelegt, da- Krtlsblofl für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die .Landwirtschaftlichen Seit« fragen" erscheinen manatlich zwermal.

Donnerstag, 27. April f9N

Rotationsdruck und Berlag der vrfthlAcheu Unwrrfuöt« - Buch- und Steindruckerei.

9t Lange. Ließen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: bl.

Redaktion: 112. Del.-AdruAn,eiger«ießen.

Die deutschen poftdampfersuboentionen.

Die ^rragc dec Unterstützung ii b e r f e e i f d) e r Po st d a m p i e r l i n i e n a u » R e i ch s m i t t e l n ift im Reichstage bekanntlich wiederholt Gegenstand der Tcrhund-

- bei Bedeutung dieser Angelegen heil jur unsere kolonial- und wirtschastspolitischen, aber auch für unsere marincpolitischen Interessen (England zahlt z. B besondere Subventionen, um die Postdamvfcr im Kriegsfall als Hilfskreuzer verwenden zu können, ver­dient eine zusammenhängende Darstellung der Materie Beachtung, welche wir der soeben erschienenen 7 Lieferung desWörterbuches der Volkswirtschaft" (Jena, Gustav Fischer entnehmen. Danach suchte in Deutschland schon 18S1 die Reichsregierung die Notwendigkeit von Dampfer- subventionctt 511 erweisen Erst mit dem Gesetz vvnt <>. April 1885 wurde das Ziel erreicht. Es wurden jährlich 4,4 Mül Mark aus 15 Jahre zur Unterstützung von zwei monat­lichen Linien nach Astasien und Australien und der Zweiglinie Trieft Brindisi Alexandrien bewilligt. Auf Grund des Gesetzes vom 27. Juni 1887 wurde diese Zweiglinic durch die Linie Brindisi Port-Said ersetzt und als Anlegehafen der Hauptlinic Genua vorgesehen Laut Gesetz vvm 20. VLärz 1893 kam die Anschlußlinie im Mittelländischen Meer, für die eine lährliche Beihilfe von 400OOO Mark gezahlt worden war, in Wegfall: statt dessen sollten Beihilfen bis zum Höchst- betrage von 100 OOO Mark jährlich für das Anlaufen eines südeuropäischen Hafens bewilligt werden können Durch das Gesetz vom 13. April 1898 ist unter Erhöhung der Beihilfssumme um 1,5 Mill. Ml jährlich eine Erweüe- rung des ostasiatischen Dienstes durch eine 1 41 ä g i g c Verbindung mit China vorgesehen.

| Für das erweiterte Gesatntunternehmen wurde 1898 der Vertrag mit dem Norddeutschen Lloyd auf 15 Jahre erneuert. Hiernach sollten zunächst abwechselnd vom Bremerhaven und Hamburg je eine Hauptlinie nach Schanghai und nach L) 0 k 0 h a m a gehen und auf Ver­langen einen belgischen oder holländischen Hafen anlmifcn, und eine Anschlußlinie von Hongkong nach Schanghai Die Fahrten dieser drei Linierr sollten in jeder Richtung alle vier Wochen derart erfolgen, daß dadurch eine 14tägige Verbindung mit China erreicht würde. Daran sollte sich eine Anschlußlinie von Singapore nach Neu G u i n e a alle 8 Wochen - und eine Hauptlinie von Bremerhaven über einen belgischen oder holländischen Hasen nach Sydney alle 4 Wochen schließen. Die jährliche Beihilfe für diese Linien roar aus 1590 OOO Mark festgesetzt. A n demjenigen Gewinne, der über eine bestimmte Grenze hinausgeht, sollte das Reich t e i l u e h ni e n und bis zur Höhe eines durch-- jchnittlichen GewinnanteüS der letzten drei Jahre weitere ober erhöhte Leistungen von dem Unternehmen fordern können. An Stelle der zuerst genannten beiden Linien ist später auf Grund besonderer Vereinbarung eine vier- zehntägige Linie über Schanghai nach Japan getreten, die abwechselnd von Bremerhaven und Hamburg aus geht Die australische Hauptlinie wurde für einen Teil des Jahres zu einer dreiwöchentlichen Verbindung erweitert Seit Juli 1900 wurde noch eine Anschlußlinie von Honkong über L) a p und Neu Guinea nach Sydney eingerichtet und die Anschlußlinie SingaporeNeu-Guinea bis Sydnet ausgedehnt. Die erstgenannte Anschlußlinie Hongkong- Sydneu kam 1902 wieder in Fortfall; die Fahrten der Anschlußlinie Singapore- Neu-GuineaSydney wurden so vermehrt, daß eine sechswöchentliche Verbindung zu­stande fam.

1904 ging im Einverständnis mit der Reichsverwaltuug

Das Pnvatbeamlenpenswnsgesetz

wird dem Reichstage Anfang Mai zu gehen. In der amt lichen Presse wird die Hoffnung ausgesprochen, daß der Reichstag diefes Gesetz noch int Herbst erledigen möge. Wie man uns aus parlamentarischen Kreisen schreibt, dürfte sich dies kaum durchführen lassen. Die erste Lesung des Privatbeamtertpensionsgesetzes noch vor der Sommerpause in der Vollversammlung vorzunehmen, läßt sich nicht durch iübten, so daß also ein Ausschuß für die Vorberatung dieses Entwurfes erst im Herbst zusammentreten kann. Ob die Vollversammlung bei der Fülle des vorliegenden Stoffes ein so spät eingebrachtes Gesetz, zu dessen Beratung der Bundesrat mehr als drei Monate Zeit gebraucht hat, in ?iner kurzen Herbsttagung erledigen kann, erscheint äußerst zweifelhaft. Ter Reichstag dürfte sich darauf beschränken, jor den Neuwahlen nur eine allgemeine Besprechung dieses Gesetzes vorzunehmen, bei der sicherlich die großen Schwic- cigkeiten dieser Frage zutage treten werden.

Konferenz für evangelische Gemeindearbeit.

R.B. Darmstadt, 36. Avril. Hier bat gestern und heute, wie wir schon mittcilten, die zweite Konferenz f ü 1 vangelischc Öcmeinbearbeit stattgefunden. Der seht zahlreich von Teilnehmern aus allen Teilen des Reiches, baruntei viele Geistliche und Frauen, besuchten Tagung wohnte auch Ober konsistorialvräsident D. Nebel bei. Nach Einleitung der Ver sammlnng durch Pfarrer Belte übernahm Pastor Stock- Gros; Lichterfelde den Vorsitz und erläuterte die hauptsächlichsten Ans gaben und Ziele der Konferenz, wobei er bci'oiiber* der Verdienst

die Anschlußlinie SingaporeNeu-GuineaÄ)dney ein zu­gunsten einer sechswocksentlichen Verbindung von Sydney über Neu-Guinea nach Hongkong und Japan (KvbeVoko- hamaV DaS Gesetz vom 3. Juli 1908 jab eine vier- wöchentliche Verbindung des Schutzgebiets von Neu-Guinea mit Hongkong und dem australischen Festlande sowie eine Erhöhung der Beihilfe um 230 OOO Mark iahrlich unter Wegfall der Anschlußlinie von Singa­pore nach Neu-Guinea vor. Der Norddeutsche Lloyd lehnte es aber ab, die dementsprechende Verpflich­tung für die Restdauer des Hauptvertrages (bis 1. Oktober 1914) zu übernehmen. Das Gesetz vom 8. März 1909 setzte deshalb die Erhöhung der Beihilfe für die vierwöchentliche Verbindung des Schutzgebiets Neu-Guinea mit Hongkong und dem australischen Festland auf 500 000 Mark herauf und schrieb die Wiedereinnchtung der Anschlußlinie von Singapore nach Neu-Guinea vor. Im ganzen stellt sich hiernach jetzt die Beihilfe für die P 0 ft d a m p f e r ver­bi n d u n g mit Osvasien und Australien auf 6 090 000 M a r k.

Durch Gesetz vom 1. Februar 1890 wurde ferner auf zehn Jahre eine jährliche Beihilfe von 900000 Mk. an die Deutsche O st a f r i k a l i n i e für die Fahrten nach Ost­afrika -- alle vier Wochen eingeftihrt. Durch Gesetz vom 25. Mai 1900 ist eine vierzehntägige Verbindung mit Ostafrika vorgesehen und dazu noch eine monatliche Linie nach Südafrika hinzugefügt und für das so erweiterte Unternehmen für 15 Jahre die alljährliche Beihilfe auf 1350 000 Mk. erhöht worden.

Im ganzen gibt das Deutsche Reich hiernach für Postdampfersubvention jährlich 7,44 Mill. Mark aus, während in Großbritannien und seinen Pflanzstaaten rund 30 Millionen Mark, in Frankreich über 22 Millionen Mark, in Italien rund 15 Millionen Mark, in den Ver­einigten Staaten annähernd 8 Millionen Mark, in Japan etwa 15 Millionen Mark für gleiche Zwecke aufgewendet werden, so daß also Deutschland auf diesem wichtigen Ge­biete fast hinter allen seinen Wettbewerbern auf dem Welt- markte sehr erheblich zurückbleibt.

des anwesenden 80 jährigen Pfarrers D. Sülze aus Dresden gedachte. r . .

Dann hielt Kons istorial rat Pros. D. Rendkorss - Leipzig! einen Vortrag Über ,,V 0 l k s k i r ch e, K i r ch e n g e m e i n d c u n d Öi cm c x n f cha f t." Der Redner legte dar, daß die Kirche rm Sinne der ..Nachwnäis- oder Kiiibcrtmtf-Kirche" im Unten chied von der durch Zuwachs von Freiwilligen sich rekrutierenden Shrtbe von den Reiornratoren um ihres volkspädagogischen Wertes wegen mit Entschlossenheit festgehalten wurde, in der Folgezeit in Getohv geraten sei, zu einem staatlich organisierten unb regierten Ver­waltungsobjekt und zu einer klerikal geleiteten geifttichen Ver- sorgungsanstalt zu nrerben. Es müsse an der Bolkskirche in Ge- talt einer Landeskirche sestgchallen iuii> in ihr die Entwicklung der Gemeindekirche beförbert werden, lvas namentlich dadurch ge­schehe, daß die einzelnen Gemeinden zu selbsttätigem unb selbst- verantwortlichem Leben erweckt werden Für die Lebendigmachung der .üirchengememde habe die modcrnc, in ihrer Wurzel durchaus dexttsch-evangclische Gemeinsckmftsbewegung als religiöse Laien­bewegung mit deut Ziel der Beteiligung der Laien axx der Wort» Verkündigung, der Pflege religiöser Gemeinsäiaft unter den Ge- örderlen, des stärtungsbewußlen, ernsthaften Ehriftenttnns und der Heiligung aus deux Grund der Heilsgetvißhcft, der Evange­lisierung der Volkskirche unb der Wiederausrichtung des Charisixra als des zu kirchlichem Fuhrerdienst Berufenen einen holten Beruß den nur sektenhaste Rechtgläubigkeit leugnen könne. Sie durch die Fruchtbarkeit ihres Einflusses auf die Kirchengemeinden vor der Gefahr außerknchlicher Versandung ui bewahren unb als heilsames Salz der Volkskirche {elfjubelten, müsse ein ernstes Anliegen aller derer sein, denen an der Belebimg der Kirchens gemeinde unb an der Verjüngung der Volkskirche gelegen fei..

An beit mit lebhaftem Beifall belohnten Vortrag schloß sich eine längere Aussprache an, in der Prof. D. Schiau - Gießen dem Redner in der Hauptsache zustimmte und seinen Standpunk« ungefähr in den Sätzen fest!egte: Wir wollen keine absolute! Unabhängigkeit der Gemeinde. Vollskirä^e unb allgemeine Kirche tönnen sich sehr gut vertragen, und wir müssen zusammenstehen, um ein Ganzes zu bilden, wenn je einmal eine Trennung von Kirche und Äaat cintrctcn sollte. Im Verhältnis von Gemeiixda unb Gemeinschaft Tonnten die Gemeinden in ihrer Mitte viele Unterschiede vertragen, aber das nicht, daß ein Teil in ihnen sich abjonberc als die allein ivahren Christen. Prof. Dr. Schöll- Friedberg betonte, daß die ganze^ Gemeinde rechtlich nie eine Gemeinschaft werden könne. Die Frage^ sei, wie die, die ,.rechte Christen" fein wollen im weitesten Sinne, eine Gemeinschaft treiben können. Diesem Ziel stehe vor allem der Standeshochmut der Deutschen in allen Schichten entgegen. Deut Ziel ein« Glaubensgemeinschaft aber stehe es vor allem entgegen, daß die Theologen meist geneigt sind, theologisch.' Unterschiede als Glau- bensunterfchiebc zu verstehen und den Glauben des andern nicht als solchen anzwertetmen. Wir brauchen auch eine Lübesg^ iiietn- schait, Männer, die bereit sind zur Liebesarbeit. An der inciterat Besprechung beteiligten sich noch: Justiz rat Elze- Halle, Pfarrer D. Hafner- Elberfeld, Pfarrer W i b m a n n - Darmstadt, Prof. Dr. Rendtorff, Prof. D. Smian , Prof. Matthes,Pfarrer F r c un d l i e b - Vilbel u. a Der letztgenannte führte ans, die Kircke werbe über bas Mißtrauen der dem Staate feindlich ge­sinnten Nkafsen nie hiitauskommcn. Darum müsse man sich vor- bereiten auf die Trennung vom Staate. Keincrlex Organisation- sondern mir die Verkündxguiftl des Evangeliums bringt neues Leben.

In der heutigen Versamintlung, die mit Gesang und Gebet eröffnet wurde, sprach Professor D. Snrend - Straßburg über das Thema: ,,T e r Gottesdienst als G e m e i n b e f c i e r". Der Gottesdienst könne einmal als Gemefttdefeter, bann aber auch als Feier der Gemeinde aufgefaßt werden. Die Gemeinde iei als eine lokal begrenzte Gegenwartserscheinung anzusehen und in diesem Sinne autonom. Der Gottesdienst solle ein new zeitliches Gepräge tragen unb bie Predigt dürfe kein Monolog '.in lischt ein Einheitsgesangbuch, sondern ein Heimatsgesang- nid) müsse gefordert werben. Tie Predigt müsse Lokalfarbe haben unb dem Gegenwartsleben entsprechend sein; besonders sei der tumenische Zug zu pflegen. Tie .Kirchgänger dürften durch bie drebigt nicht verletzt ober abgestoßen werden. Ter (ssottesbienst nüsse ein wirkliches Fest fein, unb als Grundsatz die geistige 'tärfung für die Arbeit der Woche haben, den hauptsächlichsten Bert aber müsse er auf den Gebauten an ein inniges Zusammen^ irden mit Gott legen. Schließlich besprach der Rebner die Frage,

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Ein verhängnisvoller paukenschlag.

Richard Wagner über sein erstes HarvortretcnJ

Ans den Lebenserinnernngen Wagners, die in diesen Tagen bei F Bructtnann in München in zwei stattlichen Bänden erscheinen sollen, sei hier ein fesselnder Abschnitt ans der Jugend des Meisters reicher gegeben, die Geschichte seines eilten, künst- lerischen Hervortretens. Ter damals 17jährige Leipziger Student e>% war gegen Weihnachten 1830 hatte gerade eine schwere Lebenstrise überwunden. Svielwut hielt ihn 'Nacht für Nacht au den Spieltischen fest, unb erst als wider alles Erwarten er mit seinem letzten Taler einen großen Gewinn errang, der alle feine Schulden wieder wettmachte da war er von jetner Leidenschaft befreit.

Auch in dieser wildesten Periode meines Lebens, )o fahN Wagner fort,war meine mufilalische Entwicklung nicht gänzlich stillge-anden: vielmehr war bie Musik jetzt immer bcinmmter bic einzige Richtung geworben, in welcher mein geiltlxd) Lexstiges Leben sich bemerkbar machte. Nur ivar alles musikalische cstubxum mir gänzlich fremd geivorben Noch heute ist es mir aber un- bcgrcirJid), wie ich damals die Zeit fand, eine zxemlxche .Inzahl von.stompositionen zu beenden. Während ich von eft^r Ouvextnrre aus f'-bui '6,'s) und einer vierbänbigen Sonate in B dur, welch- letztere ich nut meiner Schtvester Ottilie einübte unb, da fie uns beiden gefiel, für das Orchester instrumentierte, feine deut liche Erinnerung behalten habe, knüpft sich an ein anderes 2verk aus dieser Zeit', eine Ouvertüre in B-dur, eine epochemachende Erinneräng. Tiefe ^ompofition war nämlich aus meinem ^tubiuni her neunten Swnphonie Beethovens ziemlich in Derselben^Weiic erwachset^ wieLeubald unb Adelaibe" aus dem Studium <Lhake- weares ''Besonders hatte sich hierbei die mpstische Bedeutung, die ich dem Orchester gab, ausgebildet: Dieses gliederte ich in drei untcrsÄnebliche, sich bekämpfende Elemente. Ich ging damit um, das Chsrakteriftische dieser Elemente dem Leser der Partitur sofort durch \ ein energisches Farbenfpiel vor die Augen zu bringen, unb\niir der Umstand, daß ich mir feine grüne Tinte zu verschaffen ü>ußte, verhinderte mich an der Ausführung meines malei-iimcn .^piergelüstes. Nur den Blechinstrumenten^wollte ich nämlich biet schn'arze Farbe der Tinte belassen: die Streich­instrumente üOlten dagegen rot und die Blasinstrumente grün gefdnieben werden. , ., t

Diese fonbttrbarc Partitur legte ich dem damaligen NLufxi- biretioi des Leipziger Theaters Heinrich Dorn vor, roeldxer, noch ein sehr jmigexf "Mann, als besonders gewandter Musiker und nri&iger Lebemctnn mir tote dem Leipziger Publikum angenehm imponierte. Nosch heute vermag ich jedoch mir nicht zu erklären, »vas ihn bewogf, meinem Wunsch einer öffentlichen Aufführung biefw Ouvenürb zu entsprechen. Ich war spater mit anderen, welche Dorns Gefallen an spöttischer Unterhaltung tonnten, der

Annahme nicht abgeneigt, daß er bei dieser Gelegenheit -sich habe einen Spaß machen wollen, wahrend er stets dabei verblieb, das Werk sei ihm intereyant erschienen und es würde nur der Ankündigung eines unbekannt gebliebenen Werkes Beethovens be> dürft haben, um es vom Publikum, wenn auch ohne Verständnis, dennoch aber mit Respekt ausgenommen zu sehen. Es war zu Weihnachten des verhängnisvollen Jahres 1830, wo am Heiligen Abend, wie üblich, das Schauspiel anKsiel und dafür ein stets wenig besuchtes Armenkonzert im Leipziger Theater veranstaltet war. Als erste Nummer des Programms figurierte die auf­reizende Benennung:Neue Ouvertüre": nichts weiter. Ich hatte unter großen Besorgnissen in einem Versteck der .Probe beigewohnt unb von bet Kaltblütigkeit Dorns eine sehr vorteil­hafte Meinung gewonnen, der ber)entliehen Bewegung der Orchestermusiker gegenüber, als er sie mit dem Vortrag der rätselhaften Komposftion befaßte, eine außerordentlich sichere Fassung bewahrte. Tas Hauptthema des Allegros war vier- taltiger Natur: nach jedem viertm Takte war jedoch ein gänz- lid) zur Melodie ungehöriger fünfter Takt eingeschaltet, welcher sich durck) einen besonderen Paukenschlag auf das zweite Takt- viertel auszeichnete. Ta dieser Schlag ziemlich vereinzelt stand, wurde der Paukenschläger, welcher sich stets zu irren glaubte, befangen unb gab dem Akzente nicht die in der Partitur vor­geschriebene Schärfe, womit ich, über meine Intention selbst erschrocken, in meiner Unsichtbarkeit nicht unzufrieden war. Zu meinem wahren Mißbehagen zog jedoch Dorn den verschämten Paukenschlag an das helle Licht und bestand daraus, daß der Musiker ihn stets mit der vorgeschriebenen Stärke zur AusUhrung brächte. Als ich dem Musikdirektor nach der Probe über diesen bedenklichen Punkt meine Besorgnis mitteilte, gelang es mir nicht, ihn zu einer milderen Auffassung des fatalen Paukenschlags zu bewegen: er blieb dabei, daß die Sache sich sehr gut machen würde. Trotz dieser Beruhigung blieb meine Befangenheit groß, unb ich getraute mich nicht, meinen Bekannten mich als den Äomponisten dieser Ouvertüre im voraus zu bekennen. Nur meine Schwester Ottilie, welche bereits die heimlichen Vor­lesungen vonLeubald und Adelaide" zu überstehen gehabt hatte, bewog ick, mit mir zitr Anhörung meines Werkes sich anftü- machen.

Es roar der Abend der Weihnachtsbeschermtg im Hause meines .Schwagers Friedrich Brockhaus: ich, wie meine Schwester hatten ein Interesse, dieser Bescherung beizuwohnen. Sie, als zum Häuft meines Schwagers gehörig, war besoixders dabei beschäftigt, und konnte nur mit Mühe auf kurze Zeit sich entfernen, weshalb der freundliche Verwandte sogar^den Wagerx anspannen lassen mußte, um die Wiederkunft der Schwester zu beschleunigen. Ich benutzte diese Gelegenheft, um mit einer gewissen Feierlichkeit? meiner ersten Einführung in die musikalische Welt beizuwohnen: der Wagen brauste vor bau Theater an; Ottrfte begab sich in

bie Loge meines Schwagers, ivogegen ich mein Unterkommen im Parterre zu suchen genötigt war. Ich hatte vergessen, mir ein Billett zu besorgen, und warb vom Türsteher zurückgewiesen: da hörte ich das Orchester immer intensiver cinstimmen, ick glaubte den Beginn meines Werkes vexyanmen zu müssen und ging in bet Angst deshalb so reeit, mich bem Türsteher als den Autor derneuen Ouvertüre" zu entdecken, um ihn, wie cs mir denn auch gelang, zu bewegen, mich ausnahmsweise ohne Billett zuzulassen. Ich drang bis zu einer der vorderen Bänke des Parterres vor und ließ mich dort in sinnloser Unruhe nftder- Tie Ouvertüre begann: nachdem sich das Thema derschwarzen" Blechinstrumente bedeutungsvoll tunbgetmx, trat dasrote" Allegrothema ein, welches, wie gesagt, mit jedem fünften Takt durch den Paukenschlag aus derschwarzen" Welt ustlerbrochen wurde. Welche Wftkung das »päter hinzutretendegrüne" Motiv der Blasinstrumente unb endlich das Zusammenwirken be5 schwarzen, roten und grünen" Themas auf die Zuhörer machte, ist mir undeutlich geblieben, da jener fatale Paukexxschlag, mit harnxscher Brutalität produziert, eine so aufregende Wirkung her- vortrachte, daß ich hierüber alle weitere Besinnung verlor. Be^ sonders dre längere Zeit andauernde, regelmäßige Wiederkehr dieses Eftektes erregte bald die Aufmerksamkeit und endlich die Heiterkeit des Publikums. Meine Nachbarn hörte ich diese Wieder--! kehr im voraus berechnen und ankündigen; was ich, der ich die Richtigkeit ihrer Berechnung kannte, hierunter litt, ist nicht zu schftdern. Mir vergingen die Sinne. Ich erroad)ie schließlich- als. die Ouvertüre, zu welcher ich alle banalen Schlußformen, verschmäht hatte, ganz unversehens abbrach, wie aus einem un­begreiflichen Traum: alle Wirkungen eines Hoffmannschen Phan­tasiestückes auf mich erblichen gegen den sonderbaren Zustand, in welchem ich zu mir kam, als ich das Erstaunen des Publikiuns am Schlüsse meines Werkes gewahrte. Ich hörte keine Mißfatts-- bezexgung, kein Zischen, kein Tadeln, selbst nicht eigentliches Lachen, sondern nahm nur bie größte Verwunderung aller über einen so seltsamen Vorfall wahr, der irbern, gleich wie mir, wie ein unerhörter Traum vorzukommen schien. Tas Schmerzliche roar, daß ich nun eiligst wieder das Parterre zu verlassen hatte, da ich meine Schwester sofort nach Haus zu begleiten gehalten war. Mich erheben, durch die Bänke des Parterres mich dem Ausgaitge zu bewegen 51t müssen, roar furchtbar. Nichts glich aber ber Pein> mit welcher ich jetzt dem Türsteher wieder unter die Augen trat: der sonderbare Blick, den dieser auf mich wart, lnnterlxeß einen! unauslöschlichen Eindruck auf mich, und für lange Zeit bliev idf bem Parterre des Leipziger Theaters fern. Jetzt war noch die Schwester abzuholen, mit ihr, die den Vorgang mitleibenbi erlebt hatte, einsam nach Haus zu fahren, um dort dem Glans eines Famxlxenfestes entgegenzugehen, welches wie eine grelle Ironie <in bie Macht meiner Betäubung hineinleuchtet«."