16<. Jahrgang
Zweiter Blatt
Nr. 96
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gberhesien
Tie „Gießener Zamilienblätter- werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Hüllblatt für den Kreis riehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Lett- fiagen** erscheinen monatlich zweimal.
Dienstag, 25. April 1911
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'lchen UnwersitätS - Buch- und Steindruckerei.
91 Lange, Dreßen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: bl.
Redaktion: 112. T.el.-Adr«Anzeiger<Lieben.
Zur Zrage der preuhisch-hesslschen Lisenbahngcmeinschast.
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Prof. Luley fährt in seiner Zuschrift fort:
Herr Gkoof* verschweigt ferner, was von den Ministern und namentlich dem Abg. Saas, gesagt wurde, der Mitglied des Eisenbahnrats war, über die d a nr a l s b e st e h e n d e Abhängig- leit der Hessischen Bahnen bei Aufstellung von Fahrplänen und dergl. und namentlich auch von dem Mangel an (Entgegen komm en gerade der Vertreter der Hessischen Ludwigs- bahn. Er verschweigt, ioas Abg. Ulrich u. a. über das Hessi- sche Ludwigsbahn-Elcnd sagte: Den Abg. Mrich tut er mit acht Zeilen ab, behauptet, er habe die ganze Situation und die fernere Entwicklung richtig aufgefaßt und zitiert ein paar Liebenswürdigkeiten dieses Abgeordneten gegen die Nationalliberalen und die Negierung, aber ec verschweigt, daß Ulrich tagte: „Wenn man aus bent Standpunkt steht, daß man diesen Vertrag machen müsse, um Geld in den Beutel zu bekommen, sokannmanden Pertragnichtablehne n." Er hütet sich, mitzutcilen, daß Ulrich gegen den Vertrag war, weil die Aktionäre zu viel bekommen sollten, denen doch Herr Grooß noch weit mehr geben wollte, und weil er fürchtete, die Arbeiter und Beamten würden gerade so schlecht bezahlt und behandelt, als bei der Hessischen Ludwigsbahn.
Er hütet sich zu sagen, daß Herr Ulrich crNärte: „Wenn ich also sonst nichts auszufetzen hätte als das, was Herr Kollege Schröder vorgctragcn hat, und ivas die Herren Kollegen Metz und Schmitt vorgctragcn haben, dann würde ich mich nicht besinnen, für den Vertrag zu stimmen." Herr Grooß erzählt auch nicht, daß Tr. Osann u. a. den Gegnern vorwarsen, sie, bczw. ihre Parteien (Zentrum, Demokratie, Fortschrittspartei) hätten 20 Jahre vorher fast mit denselben Gründen und Worten die Reichseisenbahn bekämpft, wie sie heute den Vertrag bekämpften. .
Wolfskehl und Tr. Osann, über den er die ganze Schale seine» Zornes ausgicßt, tut er mit ein paar Phrasen ab.
Herrn Schmitt preist er als den besten Kenner der, Verhältnisse; aber Herr Grooß hätte auch anführen sollen, daß sich die 3 bczw. 4 Punkte, die er als die entscheidenstcn für seine Ab- srimnrung bezeichnet hat, sich eigentlich als Lappalien erwiesen hoben, und was Herr Gr. über Schmitts angebliche völlige Verwerfung der vom Reinertrag abzuzichendcn 8 Prozent mitteilt, iß eine Entstellung seiner ivirtlid^m Ausführungen. Daß Herr Schmitt mit seinem angekündigten wirtschaftlichen Vernichtungs- !ampi gründlichst daneben gehauen hat, kann heute kein objektiver Mensch leugnen. Und die finanzielle Seite? Hat nicht Dr. Schmitts Parteifreund, Abg. Molthan, am 26. Februar 1909 in der Kammer gegenüber den Behauptungen des Herrn Grooß gesagt: „Eine solche Verurteilung unserer Gemeinschaft mit Preußen ist ungerecht angesichts der unbestreitbaren wirt- ,ch östlich enundfinanziellenVorteile.welcheder Eisenbahnvertrag unserem Lande gebracht hat. sVielsache Zustimmung. 1 Sie wissen, daß meine politischen Freunde bei der Beratung des Vertrags zu seinen Gegnern zählten, weil sie der Ansicht waren, es sei nicht genug zu gunsten Hessens bei dem Vertrag erzielt morden; aber in der Wertschätzung der nnanziellcn und wirtschaftlichen Vorteile, welche der Eisenbahnvertrag für unser Hessenland brachte, nähern wir uns der Auffassung derer, die im Reichstag kürzlich zu gunsten des Vertrags das Wort ergriffen haben." (Beifall.)
Also auch Herr Schmitt hat sich Wolfskehl, Tr. Osann senior genähert!! ...
Obwohl noch vieles an dem Zerrbild zu fomgteren wäre, nur noch einen damit zusammenhängenden Punkt:
Bei Besprechung der vertragsmäßig zu tilgenden 600 000 Mk. jährlich leistet sich Herr Grooß folgendes. Er schreibt: „Diesem Antrag der Ersten Kammer allein verdanken wir unsere seitherige nicht im entferntesten ausreichende Schuldentilgung ... Zu einem solchen Ausblick in die Zukunft haben sich die betreibenden Herren der Zweiten Kammer nicht verstiegen." Tas erlaubt sich Herr Gr., obwohl in den Kammerverhandlungen nicht nur der Munster Tr Weber-, sondern die Abgeordneten Haas und Wolfskehl eine jährliche Schuldentilgung von 600 000 Mk. in Rechnung gesetzt haben. Hat er auch nicht gelesen, warum Herr Haas gegen die Ausnahme dieser Bestimmung ins Gesetz sprach, nämlich wegen der bevorstehenden Konversion der 4prozeittigen Anlcilsen unb der Steuerreform? Herr Haas erklärte sich im Prinzip für regelmäßige Schuldentilgung. w ,r , „ w
Herr Gr. weiß anscheinend auch nichts von Wolsskehls Ausführungen als Berichterstatter zu st 5a. 9lbg. W. führte aus: „Als der diesseitige An->n1>us- über bicic Angelegenlmtt nut der
Regierung beraten hat, ob man nicht wegen Schuldentilgung der sehr bebeutenben Staatsschuld, die wir übernehmen müssen, etwas im Wege der Gesetzgebung tun sollte , wurdedas auch von mir angeregt. Es wurden verschiedene Bedenken erhoben, einmal das Bedenken, daß man sich nicht im voraus binden könne, bis man die Sache genau übersehen könne. Schließlich waren wir ja alle einig, daß getilgt werden müsse und wir haben auch bei Berechnung der in Aussicht stehenden Einnahmen aus der Verstaatlichung die Ziffern 600 000 Mk. mit in Rechnung gezogen."
Das Urteil über die Berichterstattung des Herrn Grooß überlasse ich nach dem Gesagten dem Leser.
Als Fazit meiner Darlegungen darf ich wohl das sagen, daß den Ausführungen des Herrn Grooß eine solche Reihe von Mängeln anhasten, daß ihre Lektüre, man mag sich zu der Beurteilung der „Revisionssragc" stelleit wie man will, mit größter Vorsicht zu treiben ist, daß cs eine sehr gewagte, ja gefährliche Sache ist, sich der Führung dieses von durchaus einseitigen Gesichtspunkten geleiteten und von einem wahren Parteifanatismus getriebenen Herrn anzuvertrauen.
Haben die vorstehenden Ausführungen, die nur eine Auswahl sind und sein sollen, dargetan, daß Herr Grooß sowohl in bezug auf Zahlen mitunter sehr unzuverlässig ist, und das namentlich im Sinne seiner Ansichten, als auch in seiner Darstellung von Tatsachen und Reden, so wird folgendes Beispiel ihn auch als einen schlechten Propheten kennzeichnen und zwar aut seinem ureigensten Arbeitsgebiet. In seiner Schrift: Die Finanznot Hessens nsw., erschienen 1910, schreibt er auf Seite 5:
„Für 1910 ist nun in dem Voranschlag ein Eisenbahn ertrag von rund 12 Millionen vorgesehen, für dessen Höhe auch jetzt noch wenig Wahrscheinlichkeit vorliegt. Aber trotz dieses wohl zu hoch gegriffenen Ansatzes schließt dieser Voranschlag mit einem Defizit ab uff."
Ich habe s. Z. meinen Augen nicht getraut, als ich dies las. Wußte ich doch aus den allmonatlich veröffentlichten Einnahme- bcrichten, daß diese Einnahmen jeden Monat um mehrere Prozent (etwa 5) höher warm, als die entsprechenden von 1909, das schon einen wesentlichen Fortschritt gegenüber dem K-riscnjahr 1908 gebracht hatte. Tiefe Tatsachen kämm doch schon im Februar 1910 in der Ersten hessischen Kammer, die sich überhaupt besser unterrichtet als die Zweite Kammer erwies, (siehe Gieß. Anz. 16. 2. 1900) zur Sprache. Ferner hatte Finanzminister Tr. Gnauth in seiner Erwiderung zugegeben, daß unsere Rcineinnahme für 1909 etwa 12 400 000 Mark betragen werde. Herr Grooß müßte doch wissen, das; bei Hebung der wirtschaftlichen Konjunktur die Einnahmen der Eismbahn steigen mußten. Und was den Ausgabekocffizienten anlangt, so müßte Herr Grooß aus seiner Erfahrung doch wissen, daß bei Verminderung der Einnahmen und Beibehaltung des gesamten Betriebes der Aus- gabclocffizient größer werden und bei Steigen der Einnahmen er wieder fallen muß, um so mehr, als ihm auch hätte bcFanitt sein dürfen, daß der preußische Eiseubahuminister in der Krisenzeit (1908) aus sozialen Gründen ausdrücklich bestimmt hatte, daß fein Beamter und kein Arbeiter entlassen w e r d c n d ü r f e. Bei ausgiebigerer Beschäftigung in dm besseren Geschäftsjahren 1909 und 1910 mußte ja das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben ein günstigeres werden. Das weiß jeber Kaufmann, das wissen auch andere Leute, und auch Herr Grooß hätte es wissm dürfen. Er hat auch nicht einmal die Entschuldigung eines Finanzministers für sich, der sich vorher eine U c b c rschätznng der Reineinnahmen geleistet hatte.
Tie Erste Kammer unter Führung der Herren v. Heyl und Bantdirektor Parkus setzte dann auch durch, daß in das Budget nicht die von Finanzminister Tr. Gnauth vorgcschlagenm 12 Millionen — die Herr Grooß aber noch für zu hoch hielt — eingesetzt, sondern 12 650 000 Mark eingestellt wurden. Tazu wurde feiten» dcr Ersten Kammer bemerkt: „Wmn man sehr vorsichtig einstellt" (Gieß. Anz. 16. 2. 1910). D i e Wirklichkeit hat bekanntlich diese Erwartungen weit übertroffen Unsere Reineinnahme aus den Eisenbahnen für 19 10 beträgt bekanntlich 15 200000 Mark, also 3200 000 Mark mehr als der von Herrn Grooß an gezweifelte Etatvorschlag. Sollten solche Tange die Leser- nicht bedenklich stimmen gegenüber den Darlegungen des ehemaligen Tirektors der Hess. Ludwigs- bahn, der doch stets auf seine Autorität pocht und seine Widersacher, wie z. B. Herrn Quaatz, als Personm betrachtet, die sich eigentlich an ihn nicht hevanwagen füllten? Herr Grooß scheint in seiner Schwarzseherei in allem, was den Eisenbahnvertrag be-
trifft, so befangen, daß cs ihm kaum noch möglich ist, die Tat» achen und die Personen objektiv zu würdigen.
Ich will es mir versagen, die Begebungs - und Unterlassungs- ünden des Herrn Grooß in seinen Broschüren und Zeitungsartikeln noch weiter aufzuzählcn. Tas Werk des Herrn Professor Biermer wird hofsmtlich in weite Kreise bringen und Aufklärung chaffcn und bieie bedeutsame Frage in bas Gebiet reiner Sachlichkeit zurückführen; denn wenn cs auch der Derdicnst des Herrn Grooß ist, die Frage in Fluß gebracht iu haben, so ist es auch eine Schuld, daß sie in da? Fahrwasser tendenziöser Partei- Politik gelenkt morben ist, daß die schwersten Irrtümer ins Puh- likurn, das zumeist keine Kontrollmittel hat, getragen und falsche Hoffnungen geweckt worden End, ja die Entwicklung der Unter - uchungen durch seine äußerst einseitigen Darlegungen in eine falsche Bahn gclenft worden ist. Unsere hessische Presse aber hat die Aufgabe, das von Herrn Professor Biermer gebotene Material ins Volk hineinzutragen, dafür zu sorgen, daß es diesmal nicht geht, wie mit den Materialien, die in der Denkschrift unserer Regierung von 1908, in dem großen Artikel von Ouaatz: „Ein Kapitel preußischer Vcrkehrspolitik" und einer hiesigen Doktordissertation — verfaßt unter Leitung des Herrn Professor Biermer — medcrgelegt sind, nämlich daß sie dem breiten Pub- likimr unbekannt geblieben sind. Vielleicht wird die Frage einmal hier öffentlich behandelt mit anschließender Diskussion. Leider geschah dies im Anschluß an den sehr interessanten Vortrag des Herrn Regierungsrats Dr. Eno res infolge Zeitmangels nicht.
Beim Kaiferpoar in Korfu.
Achilleion, 24. April. Tas österreichisch- ungarische Geschwader ist heute vormittag im Hafen von Korfu eingelaufen, nachdem es beim Passieren des Achilleions die Kaiserstandartc salutiert hatte.
Etwa vierzig Offiziere des österreichisch-ungarischen Geschwaders trafen unter Führung des Geschwaderchefs, Kontreadmirals Edler von Kunsti, gegen 4 Uhr hier ein und wurden vom Kaiserpaare auf der Achilleion- Terraffe empfangen, worauf der Tee genommen wurde. Der Kaiser verweilte im Kreise der Herren bis gegen 6 Uhr. Die Offiziere gingen hierauf durch den Park, an dem Denkmal der Kaiserin Elisabeth vorbei zum Pier hinab und kehrten auf dem Wasserweg zu ihren Schiffen zurück.
Heute abend war beim Kaiserpaar auf der „Hohen- zollern" Souper und Tanz. Es nahmen daran teil die Majestäten, Prinzessin Viktoria Luise, die griechische Königsfamilie mit Gefolge, die österreichischen Offiziere, die Kommandanten der drei deutschen Schiffe, der Kommandant des griechischen Kreuzers „Spctzsai", der Präfekt, der deutsche Gesandte Freiherr von Wangenheim und Gemahlin mit Tochter, der österreichische Generalkonsul in Korfu, Merle, der deutsche Konsul Spengelin mit seinem Bruder und Professor Doerpfeld.
Die Betrügereien in Zranireich.
Paris, 24. April. Gegenüber dem Einspruch der von vielen hervorragenden M ii u st lern, insbesondere Malern und Bildhauern, gegen die erfolgte Verhaftung des Architekten Ehedanne erhoben wurde, erklärte ein Beamter des Ministeriums des Aeußern einem Berichterstatter, die Urheber des Protestes schienen von einem Gefühl der Dankbarkeit beseelt zu sein. Ehedanne habe ihnen viele Bestellungen zutommen lassen. Dieser Architekt hat in der t o l l st e n W e i s e m i t d e n Staats- geldern gehaust, denn von allen Ausgaben sind 5 Prozent in seine Tasche geflossen. Es sind da gan.', unglaubliche Fälle vorgekommen. Sv verlangte der französische Gesandte in Christtania Vorhänge und beantragte, diese in Norwegen zu kaufen. Ehedanne berief sich auf die Pflicht des Patriotismus und kaufte sie in Paris. Als diese in Chriftiania eintrafen, konnte der Gesandte feststellen, daß die Vorhänge noch die deutsche Fabrikmarke trugen Ter Gesandte in Cetinje brauchte Bäume für seinen Garten und wollte diese in Montenegro kaufen. Ehedanne widersprach und kaufte für 6000 Franks Bäume in Frankreich, und als diese in Cetinje ankamen, waren sie selbstverständlich verdorben. Natürlich hat Ehedanne auch hier Kommissionsgebühr in Höhe von 5 Prozent bezogen.
Die Scharte von Düppel.
Ter Köln. Ztg. wird geschrieben: . .
TaS junge Regiment kehrte aus ^djlcdimg-^olftem ruhmbedeckt zurück Tcr Tag von Tüppcl hatte leuchtende Kranze um feine Fahnen geschlungen! Vier Orden pour le merite, 24 Adler- Lrden mit Schwertern, 11 Militär-Elirenzeichen der 1. Klasse und 127 der 2 Klasse waren dem Regiment zuteil geworden. Den höchsten Stolz aber erblickte das Regiment bann, datz cs den ftronprinj Friedrich Wilhelm nun seinen Chef nennen durste! Die Ausbeute der Tage von Tüppel-Älsen war,danach angetan, datz bei diesen Namen die Brust jedes 53 crs sich hob. <jn feinem Standort Münster marschierte bas Kriegsregiment vor )einem hohen Chef noch einmal vorbei im Schmuck bei Vollbarte und weißen Armbinden. Tie Demobilmachung trat ein Sie junge Mannschaft des Ersatzbataillons trat in die Lücken derer, die nun das bürgerliche Kleid anzogen. So fuhr am Id. Dezember 1664 bas Regiment seiner neuen Garnison Mainz entgegen, xtc Fahrt war endlos. Etwa 36 Stunden hatten die Mannichatten in den kalten Wagen gesessen. Sie waren, wie der WeM.ale lagt, Namm. Tas ist eine Körperv ersaß ung, tn welcher sich ferne Truppe vorteilhaft präsentiert. Zumal eine -truppe. Die nicht einmarschiert ist, wo Neben- und Borderleute lieb nicht kennen. Ein gutes Drittel waren ja „Neue" vom Erwv-Bataillon. Zn Mainz wurde das Regiment von dem Inspekteur der Besatzung der Bunbesfestungen emvfangen. Nach eiligem Auslticg formierte sich baA Regiment zum Vorbeimarsch. Der mag nun wohl nicht ganz so gewesen sein, wie er bet einer Truppe, bic emgeichnlt, m festem Tages-Drill, sich dem Auge barstellt. Nicht so, wie man in Mainz auf der „Großen Bleiche" ober ui Köln auf dein Ncumarlt bei Paraden die Regimenter zu sehen gewohnt ist. Dm: Inspekteur schloß bann auch feine Ansprache, worin er bas Regiment wegen seiner ausgezeichneten Haltung vor dem iveuibe beglückwünschte, mit einem Hinweis darauf, datz es nun harter Arbeit gewärtig sein müsse, um wieder in voller Dressur und Eleganz — „von welcher er sicher sei, sic türm kurzer Zeit bei einem so tüchtigen Regiment zu finden" — aur dem Exerzierplatz zu erscheinen! ... In angestrengtem Dienst war denn auch dies Ziel bei dem durchweg guten Material von Leuten und dem sich hingebenden Offizierskorps bald erreicht. Stramm, fest, aufrecht marschierten sowohl die „Alten" mit dem L-üppelkrcuz auf der Brust, als bic „Neuen", bic es jenen gleich tun wollten.
Kurz, die Besichtigung verlief glänzend! Tas Regiment wurde, wie der Soldat sagt „über die Hutschnur" gelobt — „es fei tabcllo*'" „Man könne," so lautete der Schluß der Kritik, „es dem Regiment nicht mehr ansehen, daß es jüngst vor dem Feinde gestanden!" Der inspizierende Vorgesetzte meinte es gewiß gut. Wer ich kann nicht leugnen, baß bei dieser Fassung des Zeugnisses la in manches Auge ein gewisses Blinzeln trat, welches ahnet ließ, daß der berühmte Vers: Leutnants, sehr vcrbrecherlich, — finden manches lächerlich" sich hier bewahrheitete. . . Dir traten den Heimweg an vom ParakÄlatz — in eigener Stimmung! Da sand der „Spaßmacher" der 8. Kompagnie, hinter welcher ich einherritt, Gcerd Rölfink, das befreiende Wort. „Bennatz!" (Bernhard) rief et, über einige Sektionen weg, einem_Seelenfreundc zu: „Bcnnatz! Nu hewt wi i o d c Schaat Scharte) von Düppel wieder ut wett'!" (crusgewetzt).,
— Wenn in Gießen der Storch kommt... Die „Wormser Bolksztg." schreibt: „In Gießen gibt es eine strenge Zensur der Vornamen. Tie Behörde hat da herausgefunden, daß man mit der Verkürzung von Namen wie Erna und Minna, Fritz oder Klaus der Sprache Gewalt antut; und wenn die Gießener schon im Reden solchen Mißbrauch nicht lassen können, dann soll er wenigstens nicht mehr im standesamtlichen Register beglaubigt werden. Wie schön und feierlich klingt dagegen Nikolaus und Friedrich ober auch Ernestine und Wilhelmine. Es soll auch nicht .Lieselotte" heißen, sondern „Elisabeth Charlotte". Renitente Väter und Mütter haben selbstverständlich nichts dreinzureden. Aber die Sache könnte überhaupt noch viel einfacher gemacht werden: das Standesamt teilt die Namen der jungen Weltbürger selbst aus. Wenn irgendwo der Storch ins Haus kommt, so geht der junge Vater £um Beamten und bekommt eine Bescheinigung: „Ihr Sohn heißt ftafimir". Oder: „Ihrer Tochter ist der Name Euphrosine verliehen worden". Das wäre das Richttge: denn es ist keineswegs gut, dcpß jedermann die Namen seiner Kinder ohne alle Konttolle willkürlich ausheckt. Das hat schon Goethe geahnt, als er die nachdenkliche Frage tat: „Wer barf das Änd 'beim rechten Namen nennen .
— Wie Theater ii am en entstehen, darüber erzählt eine „Abonnentin" im Wiener „Extrablatt" folgendes amüsante Beispiel: Teresina Gcßner, die geschätzte Schauspielerin unb Gattin bcs Schauspielers Otto Sommerftorff, wurde als die Tochter eines österreichischen Majors in der Lombardei geboren. Ter Vater hieß Bielolab.vek, unb bis zu ihrem zehnten Jahre verstand die kleine Teresina fein Wort deutsch Als sich dann Teresina der Bühne widmete und auf einer reichsdeulschen Buhne debütieren sollte, beschloß sie, den Namen Bielolahwek durch einen anderen Namen zu ersetzen. Freunde und Freundinnen des Hauses beeilten sich, Ratschläge zu erteilen, bic verschiebensten Vorschläge tauchten auf — schlichte unb aufgedonnerte Namen wurden empfohlen. Doch kein einziger fand Gnade. Teresina schlug nun einen originellen Weg ein. c-ie ging in eine Buchhandlung unb verlangte ein Bändchen aus der Reklam-Bibliolhek. Ten ersten Dichternamen, den ihre Augen treffen würden, wollte sie annektieren. Und was ging aus dieser kuriosen Lotterie hervor? Salomon Geßners .^Idyllen". Ten Salomon ließ Teresina beiseite, der Geßner wurde annektiert, und unter dem Künstlernamen Teresina Geßner erfüllte die junge Künstlerin halb ganz Tcutsch- lanb mit ihrem Ruhm.
— Kurze Nachri chten aus Kunst unb Wissenschaft. In Franksutt a. M. hat sich ein Ausschuß zur Errichtung eines Denkmals für Heinrich Heine gebildet. Es sind bereits 18 000 Mark gesammelt worben. Die Stabt selbst hat einen geeigneten Platz für bas Tenkmal zur Verfügung gestellt. — In B c r l i n st a r b am 21. b. M. der frühere Kurator bet Uniuerfität Göttingen Geh. Oberregierungsrat Tr. Ernst von Meier im 79. Lebensjahre, v. Meier war bis 1886 Professor in Halle, wurde bann unter Verleihung des Charakters als Geheimer Regierungsrat zum Kurator der Universität Marburg ernannt unb fiebelte am 1. Mai 1888 in gleicher Eigenschaft als Nachfolger des Geh. Rats von Wamstebt nach Göttingen über. Am 1. Zuli 1894 trat er in den Ruhestand. — Caruso ist mit dem Dampfer „Kaiser Wilhelm II." aus Ncw - York in London angekommen und klagt über eine Stimmbänderlahmheit Er will angeblich den Sommer über in Florenz ausschließlich der Herstellung feiner Stimme leben. —, Zn Rom wurde in Anwesenheit des Königs und der Minister für Ackerbau und Unterricht und Vertreter der Behörden die Ausstellung für internationale photographische Kunst eröffnet.


