Ausgabe 
30.8.1911 Zweites Blatt
 
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Kreis Schotten.

0 Laubach, 29. Aug. Am Sonntag und Montag hielt der Schützenverein sein Hauptschießen ab, zu dem Gäste von Gießen, Wetzlar, Grünberg und Schotten er­schienen waren. Am Sonntag errangen die Ehrenscheibe und 1. Ehrenpreis Arnold Enders-Laubach, den 2. Ehrenpreis Friedrich Döll-Laubach. Montag waren Sieger auf der Ehrenscheibe I Friedr. Rud. Stotz, II Heinr. Hägy-Laubach, III EbertS-Wetzlar. Auf dem 100-Meter-Auflege-Stand: Rud. Ritter-Laubach, Appel-Gießen, Adolf Enders, Otto Schmidt, Friedr. Rud. Stotz-Laubach. Auf dem 100-Meter- Freihand-Stand: Heinrich Schmidt-Gießen, Nicolaus-Gießen, Hrch. Högy-Laubach, Wilh. Jost-Laubach, Arnold EnderS- Laubach. Auf dem Wildstand: Pascoe-Gießen, Appel-Gießen, üilbingcr und Nicolaus-Gießen, Göbel-Schotten. Auf den, Zentrum-Stand waren die fünf besten Schützen: Arnold Enders, Hrch. Hägy, R. Ritter, Friedr. Rud. Stotz-Laubach und Lreuder-Grünberg. An beiden Tagen wurden zirka 4000 Schuß abgegeben. Am Montag mittag 1 Uhr fand im ,Schützenhof* ein Festessen statt. Schützenmeister Ritter begrüßte die Gäste und brachte gedenkend des Geburtstages der Gräsin-Mutter ein Hoch auf sie aus. Im Namen der Gäste sprach Oberschützenmcister Seibert-Wetzlar. Der

Verlauf des Festes war recht schön.

Kreis .Friedberg.

x Bad-Nauheim, 29. Aug. Ein beliebter, all­jährlich bei uns weilender Gast war heute abend zum zweiten Mal in der heurigen Saison bei uns: Robert Kothe, der im Kurhaussaal wieder seine schönen alten Volkslieder und Balladen zur Laute sang und dafür reichen Beifall erntete. Kastanienbäume stehen auch hier gegen­wärtig in zweiter Blüte uni) zwar an der Kurhaus­terrasse und aus, dem Stadtschulhofe^

Lustjchiffahrt.

Petersburg, 29. August. Gestern abend stürzte der Blöriotfliger Leutnant Z o l o t u ch i n mit seinem Apparat so un­glücklich ab daß er in der Nacht starb.

Nischen, einer griechischen und einer armenischen Nationalpartei wird lebhaft agitiert, so daß manche glauben, die Jungtürken könnten sich schon bald nach Parlamentsbeginn einer geschlossenen nationalistischen Mehrheit gegenüber besinden, was der politischen Entwicklung eine ganz neue Wendung geben würde.

Line Lo^atenmeuterei in Norwegen.

Kristiania, 29. Aug. Vorgestern nachmittag kam es auf dem Exerzierplatz Stenkjärsande zu Soldatenunruhen. Ein jungsozialdemokrattscher Soldat hatte sich trotz wiederholter Befehle geweigert, seine Reservestiefel mitzunehmen. Er erhielt zwei Tage Arrest. Mehrere Kameraden, bar unter einige Jungsozialdemo­kraten, hielten die Strafe für zu hoch: sie stellten eine Fahne mit einer Inschrift her, in der die Freigabe des Gefangenen gefordert wurde. Einige hundert Soldaten sammelten sich um die Fahne vor dem Wachtzimmer, erbrachen die Tür des Arrestlokals und befreiten irrtümlich einen anderen. Tie Wache verhinderte mit dem Bajonett die Befreiung weiterer Sol­daten. Die Personalien der .Anstifter sind festgestellt.. Das Ver­hör begann heute.

eingeführten Warenmuster statt. Der Grund der Ver­einbarung ist, daß fortan die von den deutschen Zollbehörden an den nach der Türkei einzuführenden Warenmustern an­gebrachten Jdentitätszeichen von den türkischen Zollbehörden anerkannt werden. Die Einfuhr der Warenmuster nach »er Türkei erfolgt auf Grund einer von der deutschen Zoll- »ehörde beglaubigten oder von dem türkischen Einfuhrzoll­amt zu errichtenden schriftlichen Deklaration in doppelter Ausfertigung, wovon ein Exemplar dem Handlungsreisen- ren weiterhin als Zoll-Legittmation gegenüber den übrigen Zollämtern dient und gegen dessen Vorweisung ihw bei »er Wiederausfuhr der Muster, die innerhalb sechs Monaten zu erfolgen hat, der bei der Einfuhr als Sicherheit hinter­legte Zollbetrag ohne Abzug zurückerstattet wird. Die Ver- einbarung erstreckt sich auch auf Muster von Bijouterie-, Gold- und Sitberwaren, die bisher von der für Warenmuster üblichen Zollbehandlung ausgenommen waren.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 30. August 1911.

** Vom Johanniterorden. Der König von Preußen hat den Hauptmann und Kompagniechef im Leib- garde-Jnfanterie-Regiment (1. Großh. Hess.) Nr. 115 Ernst v. Eickstedt, nach Prüfung durch das Kapitel und auf Vorschlag des Herrenmeisters Prinzen Eitel Friedrich von Preußen zum Ehrenritter des Johanniterordens ernannt.

** Militär-Sonderzüge. Am 31. Aug. treffen mit Sondcrzug Geschütze und Mannschaften des Fußartillerie- Regiments Nr. 3 um 1036 Uhr vormittags in Butzbach ein. Diese Truppen fahren am 4. Sept, von Gräven­wiesbach über Weilburg nach Diez, wo sie um 8 Uhr abends eintreffen. Am 6. Sept, wird das Infanterie- Regiment Nr. 87 in zwei Sonderzügen von Mainz-Kastel nach Rödelheim befördert. Am selben Tag trifft das Jnf.-Regt. 88 mit Sonderzug von Mainz-Kastel kommend um 216 Uhr nachmittags in Friedberg ein.

* Vom Winter-Fahrplan. Der Personen-Jahr- plan vom 1. Oktober 1911 bleibt im Eisenbahn-Direktions­bezirk Frankfurt a. M. ziemlich unverändert. Die Eilzüge 69 Frankfurt ab 827 abends, Elm an 1016, sowie 66 Elm ab 737 morgens, ebenso Schnellzug D 89 Elm ab 428 nachmittags, Bebra an 551, die ursprüng­lich nur für den Sommer vorgesehen waren, werden auch im Winter beibehalten, gleichwie die Personenzüge 251 He rSfeld ab 940 morgens, Bebra an 957 und 250 Bebra ab 900 morgens, Hersfeld an 928. Die Bäder­züge D 27 und D 28 WiesbadenHomburg v. d. Höhe Bad-NauheimBerlin Potsdamer Bahnhof und zurück und ihre Anschlußzüge 27a und 28a FrankfurtBad-Nauheim und zurück werden anstatt wie vorgesehen vom 1. Mai bereits vom 1. März ab gefahren. Die Triebwagenfahrten 866 und 867 werden auch im Winter zwischen Michel- bach und Langenschmalbach durchgeführt. Der Eilzug 72 erhält von jetzt ab Aufenthalt in Niederwalgern.

** Ausgabe einer Sechzig-Psennigmarke. Am 1. Oktober trittj zu den im Reichs-Poslgebiete geltenden Postwertzeichen eine Freimarke zu 60 Pfg. hinzu. Sie wird ans weißem Papier in violetter Farbe in der Ausführung der übrigen Pfennigwerte hergestellt. Freimarken zu 60 Pfg. werden bei den Postämternchereitgehalten werden, wo sre häufig zur Frankierung von Postsendungen gebraucht wer­den. Auch bei den .Postanstalten in Bayern und Württem­berg werden von dem genannten Tage ab Freimarken zu 60 Pfg. erhältlich sein. >' ... * \ '

Landkreis. Gießen.

!= Burkhardsfelden, 28. Aug. Am nächsten Sonntag, 3. "Sevt., feiert der hiesige TurnvereinGut Heil" sein erstes Stiftungsfest, verbunden mit Ab­turnen und anschließendem Konzert und Tanz in der neu­erbauten Turnhalle der Hosfmannschen Wirtschaft. In­folge der lang anhaltenden Trockenheit und dadurch ent­standenen Futtermangel 'fällt das. diesjährige Kirch­weihfest I

Vermischtes.

* lieber die Persönlich reit des in Plymouth verhafteten angeblichen Spions Max Schulz aus Frankfurt a. M., gegen den augenblicklich vor dem Gericht in Plymouth verhandelt wird, erfährt dieFranks. Ztg" von kompetenter Stelle folgendes: Der angebliche Spion Max Schulz ist! niemals im Dienst der deutschen Re­gierung tätig gewesen; er war nie Oberleutnant der Reserve des 13. Husaren-Regiments und war überhaupt nie Soldat. Auch seine Behauptung, er sei Tr. phil., ist Schwindel. Schulz ist lediglich ein Hochstapler, der stets groß­zügige Schwindelpläne ausheckte. Er ist am 20. Juni 1880 hier als Sohn des verstorbenen Telegraphensekretärs Schulz geboren und absolvierte das Gymnasium. Einen bestimmten Lebensunterhalt kann er nicht nachweisen; ein­mal wirkte er vorübergehend als Privatlehrer; im übrigen lebte er von Schwindeleien. Schulz ist wegen Betrugs und Diebstahls in Düsseldorf, Köln, Königswinter, Aachen und Antwerpen abgeurteilt. Seine letzte Strafe erhielt er in Aachen mit sechs Monaten. Die übrigen Strafen sind zwei Wochen bis drei Monate. Im Jahre 1905 bis 1906 beging er hier Heiratsschwindeleien; ein Verfahren ist je­doch nicht anhängig gemacht worden. Im Februar 1906 wurde Schulz einmal als geistesgestört der Irrenanstalt überwiesen, wo er bis Mai blieb. Von da ab ist Schulz aus Frantsurt verschwunden und hat sich nicht wieder sehen lassen. Gegen Schulz wird, nach einer neuen Mel­dung aus Plymouth, das Gerichtsverfahren wegen ver­suchter Spionage durchgesührt.

* Feuersbrün st e. Eine große Anzahl von teüs sehr folgenschweren Bränden ist wieder zu verzeichnen: u. a. brannte bas chem.-physikal. Institut in Athen nieder, wodurch ein Schaden von 2 Mill. Mr. verursacht sein soll. Auch sonst wurden teilweise große Werte von den Flammen vernichtet. Dagegen wird von mehreren Punkten des Kreises Erkelenz an der hol­ländischen Grenze gemeldet, daß der dortige große Waldbrand auf gehört hat. Tie Ausdehnung des Brandes war noch mchc festzustellen; die erstmaligen Angaben, es handle sich um 50 0UV Morgen, sind unzutreffend. Weiter wird uns gemeldet. Tie Ortschaft Nadasd in Ungarn brennt leit heute mittag. Man befürchtet, daß das ganze Torf dem Brande zum Opser- fallen wird. In den fisäüischen Wäldern bei Lingen (Reg.« Bez. Osnabrück) wütet seit gestern nachmittag ein großer Bra no^ dem bisher etwa 200 Hektar. Fichten-? Md Kiejernbestand zu«

0 Münz enD erg, 29. Äug. Die Mau^l- und Klauenseuche wütet hier geradezu schrecklich. Täglich fällt Vieh, so daß der Wagen der Friedberger Kreisabdeckerei eine bekannte Erscheinung geworden ist. Vergangene Woche mußten die drei Faselochsen der Gemeinde an Frankfurter Metzger für den Preis von nur 1135 Mark verkauft und an Ort und Stelle geschlachtet werden. Auch auf dem Hofgut Leipold ist die Seuche ausgebrochen; sämtliches Vieh liegt darnieder.

0 Aus der nördlichen Wetterau, 29. Aug. Im Wettertal von Muschenheim'bis Steinfurth ist man seit tzoriger Woche am Grummetmachen. Tie Ernte, die dieser Tage schon beendet wird, ist auf den feuchte» Gründen, die dazu ab> und zu einen Gewitterregen hatten, für fe diesjährigen Verhältnisse immer noch einigermaßen zufriedenstellend ausgefallen. Ganz anders sieht es aber aus, wenn man von Muschenheim über den Bergrücken in die weiter nördlicheren Teile des Wettertals kommt, in die ausgedehnten Licher und Bessinger Gründe. Dort ist die Grummeternte, die erst diese Woche beginnt, recht lläglich. Auf vielen Wiesen ist der Graswuchs dort so dürftig, daß ein zweiter Schnitt überhaupt nicht erfolgen kann. Dabei sind die Heuvorräte teilweise schon aufgezehrt.

Starkenburg und Rheinhessen.

m. Offenbach, 29. Aug. Der aus der Mordaffäre in Niederrad bekannten Frau Schreiber, deren Ehemann feiner» zeit mehrere seiner Kinder tötete, wurde wegen ihres liederlichen Lebenswandels das Erziehungsrecht ihrer beiden überlebenden Kin­der entzogen. Vor einigen Tagen hatte die Fran ihr zwölf­jähriges Mädchen, das bei einer Familie in der Rechnei­grabenstraße in Frankfurt untergcbracht, als es aus der Schule kam, abgefangen und entführt. 'Sie Mutter hatte das Kind zu ihrem Geliebten, dem Arbeiter Junker, gebracht, der in der Ziegelei in Bürgel in Arbeit steht. Der Schutzmann Breidert entbedte heute das Kind und nahm es an sich; Junker gab an, seine Geliebte sei bei Maron in der Scheffelstraße in Frankfurt beschäftigt, wohin er das Kind wieder bringen wolle. Diese 5111» gaben erwiesen sich als falsch, die Ermittelungen ergaben vielmehr, daß das Kind nach Nürnberg gebracht werden solle. Das Kind wird wieder in Fürsorgeerziehung gegeben werden.

ch. Bingen, 29. Aug. Heute vormittag wurde hier der Schwindler, der aus der Gemeindekasse von Mons­heim eine Kassenrevision veranstaltete und dem Gemeinde­rechner dabei 2080 Mark stahl, fest genommen. Es ist der Julius Dahin en 'aus Aachen, der im November 21 Jahre alt wird, jedoch genug unterrichtet war, um eine solche Köpenickiade rn Szene setzen zu können, denn er war schon auf verschiedenen amtlichen Bureaus und zuletzt seit Januar 1911 aus dem Kreisamt Bingen in Stellung. Vor­her arbeitete er an den Kreisämtern Oppenheim und Schotten. Von Oppenheim ist er nach Bingen gekommen. Dahmen hatte dem Gemeinderechner einen Abdruck eines Amtssiegels vorgezeigt, den er sich aus dem Kreisamte Worms verschafft haben soll.

Hessen-Nassau.

n. Langenselbold, 27. Aug. An der ehemaligen Leip» ziger Straße liegt auf 199 Meter hoher Warte das sogenanme Weinberg- oder Wingertshäuschen, von dem man eine herrliche Aussicht nach dem Vogelsberg und der Wetterau, nach dem Taunus, dem Odenwald und dem Spessart genießt. Das dem Verfall nahe gewesene tempelartig gebaute Häuschen wurde nebst dem umliegenden Grundstück von der hiesigen Ortsgruppe des Vogelsberger Höhenklubs käuflich erworben, bau­lich wiederhergestellt und dem Gesamtverein des V. H.-K. zum Geschenk gemacht. Bei der heute erfolgten feierlichen Einweihung des Weinberghäuschens waren die Zweigvereine Hanau, Geln­hausen, Schotten und Offenbach zahlreich vertreten, während Frank­furt telegraphisch seine Glückwünsche übermittelt hatte. Der Vor­sitzende der hiesigen Ortsgruppe, Lehrer Kircher, hielt die Weihe­rede, Heusche - Hanau bot einen Rückblick auf die Geschichte des Häuschens, während Lehrer Dem- Offenbach als Mitglied des Gesamtvorstandes dessen herzlichen Dank für das hochherzige Ge­schenk überbrachte und im Namen des Vl H.-K. von dessen erstem Grundbesitz auf preußischem Gebiet Besitz ergriff. Im Isenburger Hof" fand dann eine Nachfeier statt, die äußerst anregend verlies.

? Ehringshausen (Dill), 28. Aug. Zur Fertigstellung des hiesigen Kai seri n-V i kto r i a-A u g u st a-H au scs übersandte die Kaiserin dem Geschäftsführer des Kreisverbandes' der Frauenhilfe, Pfarrer Nacke-Altenkirchen, eine kostbare Bibel mit eigenhändiger Widmung. Die Gönnerin hat für das Kranken­haus einen Zuschuß von 35 000 Mk. geleistet. Sanitätsrat Dr.^ Stein und Oberschwester Marie Linz haben bereits den Dienst! bei den Kranken übernommen.

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politische Tagesschau.

Wahlkompromißverhandlungen in Posen.

- Die seit vielen Monaten zwischen allen deutschen Par­teien in der Provinz Posen über ein gemeinsames Vor­gehen bei den kommenden Wahlen gepflogenen Verhand­lungen scheinen, wenn nicht im letzten Augenblick die Kon­servativen noch Entgegenkommen zeigen, als gescheitert betrachtet werden zu müssen. Die Konservativen haben nämlich plötzlich die bei den Verhandlungen in Aussicht gestellten Zugeständnisse gegenüber den liberalen Wünschen zurückgezogen und die Gewährung ihrer Wahlhilfe an Be­dingungen geknüpft, die für die Liberalen völlig unannehm­bar sind. .Einem Artikel derKöln. Ztg." entnehmen wir darüber:

Aul Grund eines vor elf Jahren abgeschlossenen und dann bei späteren Wahlen erneuerten Abkommens zwischen Konser­vativen und Freisinnigen sind von den im deutschen Besitz befindlichen vier Reichstags- und 20 Landtagsmandaten sämtliche Reichstags- und 13 Landtagsmandate zurzeit konser­vativ, sechs Landtagsmandate freisinnig und eines nationalliberal besetzt. Die beiden liberalen Parteien verlangten nun für sich mit Recht eine stärkere Berücksichtigung in dem neuen Wahl­abkommen. Hierzu lag besondere Veranlassung auch darum vor, weil die Nationalliberalen, die mangels einer selbständigen Organi­sation an dem früheren Wahlabkommen nicht teilgenommen hatten und darum äußerst stiefmütterlich behandelt worden waren, sich inzwischen in der Provinz eine ausgebreitete Organisation ein­gerichtet hatten. Im Laufe der Verhandlungen verständigten sich die beiden liberalen Parteien untereinander und ermäßigten im Interesse des Friedens unter den Deutschen ihre Forderungen auf die Ablassung des bereits früher durch ein besonderes Lokal­abkommen zugesicherten Reichstagsmandates Fraustadt-Lissa an die Fortschrittliche Volkspartei und des bisher konservativ besetzten Landtagsmandates in Meseritz-Bomst an die Nationalliberalen. Die Nationalliberalen sollten daneben einen deutschen Kandidaten in dem bisher polnisch vertretenen Reichstagswahlkreise Wirsitz- Schubin-Znin aufstellen. Den Konservativen wurde die Aufgabe eines Landtagsmandats dadurch erleichtert, daß die Freisinnigen auch ihrerseits die Abtretung eines Landtagsmandats aus ihrem Besitzstand an die Nationalliberalen unter der Bedingung zu- fagten, daß die Konservativen das Gleiche täten. Diese liberalen Forderungen waren wirklich äußerst bescheiden, wenn man be­rücksichtigt, daß die Konservativen ganz außerstande find, auch nur ein einziges ihrer Reichstagsmandate ohne liberale Hilfe zu halten, und auch die weit überwiegende Mehrzahl ihrer Land­tagsmandate liberaler Unterstützung verdanken.

In den Reihen der Konservativen standen und stehen zwei Richtungen in lebhaftem Widerstreit miteinander: der besonnene, kompromißfreundliche Teil und die Extremen vom Bunde der Landwirte. Am 30. Mai tagte in Posen der konservative Pro­vinzialvorstand. In dieser Sitzung siegten die besonnenen Ele­mente. Mit großer Mehrheit wurden die liberalen Forderungen, insbesondere auch die Abtretung eines Landtagsmandats aus konservativem Besitz an die Nationalliberalen grundsätzlich gut­geheißen. Nur sollte noch mit den örllichen Vertretungen ein­zelner Wahlkreise verhandelt werden, um das den Nationalliberalen zu überlassende Landtagsmandat zu bestimmen. Diese Verhand­lungen sind nun anscheinend so geführt worden, daß sie schließlich mit einem vollen Sieg der von dem bekannten Major Endell geführten extremen Bündler und mit einem Verlassen des Be­schlusses vom 30. Mai geendet haben. Denn am '15. August wurde den Vertretungen der beiden liberalen Parteien von dem Vorsitzenden des Zentralvereins der bereinigten Konservativen der Entwurf eines Vorschlags für ein Wahlabkommen übersandt, der die bisherige Grundlage der Verhandlungen völlig aufgibt, die Ergebnisse dieser Verhandlungen über den Haufen wirst und den liberalen Parteien, namentlich den Nationalliberalen, die Annahme von Bedingungen zumutet, die für fie geradezu belei­digend sind. Insbesondere wird nicht nur für die Person des nationalliberalen Kandidaten, der in dem bisher polnischen Reichstagswahlkreis Wirsitz-Schubin aufgestellt werden soll, zur Bedingung gemacht, daß er auf dem Boden der Forderungen des Bundes der Landwirte zu stehen erklärt, sondern sogar die konservative Wahlhilfe bei der bevorstehenden Landtagsersatz­wahl in Hohensalza-Schubin-Sttelno (an Stelle des national­liberalen Abg. Lusensky) wird davon abhängig gemacht, daß der nationalliberale Kandidat an den Grundlagen des preußischen Wahlrechts festhält und dem Hansa-Bund als Mitglied nicht an- gehött. Von der Abtretung eines konservativen Landtagsmandats an die Nationalliberalen ist keine Rede mehr. Auch soll das Wahlabkommen sich nicht auf die ganze Provinz erstrecken, sondern der Wahlkreis Kolmar-Czamikau-Filehne von dem Wahlabkommen ausgeschlossen werden, und schließlich wird das Abkommen von der vorbehaltenen Zustimmung der konservativen Provinzial­vertretung abhängig gemacht, die erst eingeholt werden soll, nach­dem die nationaltiberalen Kandidaten für Wirsitz-Schubin und Hohensalzw-Schubin-Strelno benannt fein würden.

Diese Vorgänge bestätigen wieder ernmal, daß der .Einfluß der besonnenen Elemente in der konservativen Partei immer geringer wird und daß überall ba# Extrem ausschlaggebend ist. * \

Die dänische Preßflegelei.

Wir haben vor einiger Zett Proben davon mttgeteM, toie die dänische Presse deutsche Reisenden in Dänemark be­schimpft und verhöhnt hat. Die amtlicheNordd, ANg. Ztg." ergreift jetzt das Wort dazu:

Kommen uns dänische Zeitungen auf den Tisch geflogen, so finden wir manchmal, daß man in Dänemark die Deutschen, einerlei, ob sie als Handlungsreisende, Touristen oder Sommer­frischler ins Land kommen, recht unfreundlich aufnimmt, im günstigsten Falle aber allerlei au uns auszusetzen hat. Eigentümlich genug. Unsere Geschäftsreisenden sind den Dänen ziemlich unentbehrlich und haben überall in der Welt den Ruf, höflich, bescheiden und manierlich aufzutreten und da­durch in einem guten Gegensatz z. B. zu ihren eng­lischen Berufsgenos sen, zu stehen. Von ausländischen Touristen wird Dänemark nicht allzusehr geplagt, nur Deutschland sendet jährlich seine Hunderttausende. Will man uns nicht haben, so können mir unser Geld auch anderswo los werden Latwschaftlich bieten manche Gegenden Deutschlands genau dasselbe wie Dänemark.

Fragen wir uns nun, woher das eigentümliche Gebaren der Dänen uns Deutschen gegenüber kommt, so geraten wir an die trübe Quelle der n o rd s ch le s w i g s chen Tänenpresse. Selbst die größeren dänischen Zeitungen, die sich wohl besser informieren könnten, glauben es ihrem Patriotismus schuldig zu fein, die Presse als lautere -Quelle zu berücksichtigen. So be­kommen denn die Dänen über Deutschland und deutsche Verhält­nisse eine ganz falsch Vorstellung. Deutschland ist der Inbe­griff alles Lächerlichen und Schlechten, der geschworene Feind alles dessen, was dänisch ist. Koncmt nun der Deutsche nach Dänemark, so ist er von vornherein von Vorurteilen umgeben, und eine gerechte Beurteilung wird den Dänen schwer. Auch die Verbrüderungsbefuche der Nordschleswiger in Dänemark trugen dazu bei, in Dänemark falsche Vorstellungen über Deutschland und die Teutfä-eu zu nähren.

Die Zollbehandlung von Warenmustern in der Türiei.

B e r l i n, 29. Aug. Zwischen dem kaiserlichen Geschäfts- träaer in Konstantinopel und der türkischen Regierung sand, wie die9tordd. Allg. Ztg." mitteilt, ein Notemoecbsel. Hürr die Zollb.eLand.lung der von Handlungsreisenden