Ausgabe 
26.7.1911 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Rr. 175

Zweites Blatt

M Jahrgang

LrjchekU tLgllch mit Au-nohme bei Sonntags.

Dieitfrrner JamlUenblätter'' werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich betgelegt, dal KrelsNatt fir bee KrellIcfcen zweimal wöchentlich. Diekavdwfttfchaflllchen Zelt- fragen erfchemen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Mittwoch, 26. juH 19U

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ichen Unioersuats - Buch- und GteinbrucfenL R. Lange, Dietzen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­flratze 7. Expedition und Verlag: bl.

Redallion:LElir.Te1.-AdruAnzeigerDretzen.

Nacht Feuer-eichen zur Benackrickuigung der Feuerwehr. Nun weis» die tfeuenoebr Bescheid, alsbald öttnen sich ihre Tore und beraufiprengt nicht etwa der 3pnyenmagtn nut den Hilismann- schonen sondern cm einzelner Neuer, tiobin? 3um Pa la ne bet- suttans, denn ohne den Willen des l'trpBberrn bart die Ällnöricuerwebr um diese handelt es sich tr.er Nicht aus­rücken, und eru wenn der Neuer baj Iaihriid>c Jradc zurück- bringt, bari die Fcucrivehr ihre Pinckt erfüllen l Monftontinopd hat noch eine Feuerwehr, die freiwillige.

gegen tue he selbst machtlos ist, io gut eingerichtet, wie es in der Türkei eben denkbar ift und arbeitet auch redit wacker Tic frei' willige Feuerwehr dagegen ist eine höchst zwei sei Hail e Gesellschaft, und es gibt Leute, bic behaupten,^oas Feuer selbst sei weniger zu hirchten. als diese freiwillige Feuerwehr. Ihre MilgUeder iinb »nur verwegene Gesellen, lecher aber lonnnt zu dieser höchst schätzenswerten Eigenschaft eine zweite, ctc olles Gute, was die wieder hrnfallig macht: toad

Spritz enlcute such nämlich von großer B e u t e g i e r beiessen, unb wo ihnen etwas gefällt, scheuen sie durchaus nicht davor zurück, es nntgehen zu heißen TieTulilrnbadsckics", wie diese wackeren Gesellen lieißen, stellen sich bei genauer Betrachtung alS eine Lwrdc halb nackter Silber bar; es sind Tagediebe mit höchst zweibentigen Gesichtern, die, sobald der 5cuerruf ertönt, sich mit spießen, Strasken, Vierten und Picken bewaffnen, um der Bratid' statte iuiuiilen. 3ur Ausrüstung Der Fenernxhr gehört nach curo- pöischen Begriffen auch eine Feuerspritze. Tiefe, Tulumda ge- . and), aber sie ifl Nicht der Rede wert, denn ne faßt nur wenige Liter Wasser, so das; sie »um Besprengen von Blumengarten zioar vortrefflich, »ur Löschung einer Feuersbrunst dagegen weniger tauglich ist. Mit der Wasserbeschaffung hapert cs in Konstantinopel bei Bränden überhaupt. Zuweilen sind die Schlüssel zu den XtDbranten nicht zu finden, und bei dem iHicienbrauöe im Fahre 1908 mußte die freiwillige Feuerwehr in allen möglichen Gesäßen das Wasser aus den benachbarten Privat- Häusern herbeischafien Tiefes Wasser aber mußte sie erst bezahlen. K. F.

Ein amtlicher Bericht.

ftonstantinopel, 25. Juli. Amtlich wird bestätigt, baß der Kriegs in ini st er gestern durch einen hcrab- sallcnden Ballen eine drei Zentimeter lange Verletzung im Gesicht und mehrere leichte Kontusionen erlitt. Man hofft, daß der Minister in drei bis vier Tagen völlig wieder her- gestellt ist. Gegen Mitternacht wurde ein Brand in dem auf dem asiatischen User des Bosporus gelegenen Stadtteil Skulari gemeldet.

Weitere Einzelheiten.

Nach einem amtlichen Bericht sind bei dem Riesen­brand 2224 Häuser, über 300 ft auf lägen, 16 Moscheen, zwei Negeriungsgebäude, zwei Bäder, ein Mausoleum, zwei Ter- wijchklöster und einige Schulen und Gendarmeriewachthäuser niedergebrannt. Ter Bericht stellt fest, daß das Feuer durch die Unvorsichtigkeit eines Persers, namens Mahntet, entstanden ist. Mehmet und sein ft am er ab Muytar wurden verhaftet. Bei dem Brande sind zwei neunjährige Mohammedanerinnen aus ttreta und ein Ärmeuicrumgekomme n Tas jungtürkische Komitee stellte ihre Klublotaie zur Unterbringung der £b- bachlosen zur Beringung, bic auf den Höfen Der Moscheen und beit freien Plätzen kampieren. Tas .Komitee verteilte Lebensrnittel. Tie Regierung spendete 5000 Pfund für die Betroffenen. Tic meisten tur rischen Zeitungen eröffneten Substrivtionslisien. Ter Zustand des ftriegsministers ift befriedigend.

Tie Stätte des Brandes, die sich unweit vom Goldenen Horn bis dicht an das Marmara^Mccr ausdehm, bietet einen schrecklichen Anblick. Soweit das Auge reicht, ficht man nur rauchende Trümmer. Tie Obdachlosen, die üOOOU Mann überfteiaen, läger'n im Freien. Bi.her hat die Polizei keine Anhaltspunkte dafür, daß Brand-

stiftung vorliegt Ter Brand Dürfte einem un­glücklichen Zufall zuzuschreiben fein Tic riesenhafte Ausdehnung ift auf SB a | f er mangel und ungenü­gende Organisierung der Feuerwehren zurück- zuführen Tic Polizei nahm heute mehrere Verhaftungen vor, größtenteils von Personen, die gerettete Obselte zu rauben versuchten. Tie Zahl der verwundeten Soldaten. Feuerwehrleute und Privatpersonen durfte 30 betragen Tie Polizei gibt die Zahl der niedergebrannten Häuser mit 3000 bis »000 an: her Gesamtsckiaden übersteigt 11 Millionen Pfund. Ter Schaden der Pcrsicherungsgesellfchasten belauft sich auf 25000 Pfund.

Einern Rundschreiben des fttiegsministcrs zufolge wür­ben bei dem Brand sämtliche To turne nie des Gene­ralstabes gerettet, nur einige unbedeutende Papiere sowie einige Generalstabskarten gingen verloren Bon frem­den Herrschern und Regierungen liefen Kondolenzdepeschen ein. Eine Hilfsaktion ist eingeleitet. Der Sultan fpenbete 2500, die Ottomanische Bank und die Leuchtturmverwaltutig je 2000 türkische Pfund. Unter dem Vorsitz deö ftantnter Präsidenten bildete sich ein Hilfskomitee. Gestern sand die Polizei unterhalb der Galatabrucke brennenbe Zündstoffe, welche sosort gelöscht wurden.

Während die seit gestern nachmittag gegen 2 Uhr wahr­scheinlick) im JnvalidenhospiLal in dem am goldenen Ho tu gelegenen Jsraelitcnvtenel Balat auSgebrochene Feuers­brunst sich nach zwei Richtunaen sortpslattzte, brach gegen 4 Uhr in dem unweit der Brandstätte gelegenen Bienet Jussus Pascha ein dritter Brand aus, der jedoch nach einer Stunde gelöscht werden konnte. Der Schaden ist nicht bedeutend. Die unteren Bevölkernngsschich ten fassen die Katastrophe als Strafe Gottes auf. Tie Gegner des jetzigen Regimes nützen die Kata­strophe gegen die Regierung aus.

e

Weitere Brande.

Straßburg, 25. Juli. In Fluxburg sftreis Mols- heim) iinb gestern abend neun Hauser, zehn Scheunen und Stallgebäude abgebrannt. Die Kirche fonnle nur durch das energische Eingreifen der Feuerwehren der de nadibartcn Orte gerettet werden. Das Feuer ift durch Fahr­lässigkeit von Leuten beim' Honigschleudern entstanden.

Erfde «Schleswig-Holstein), 25. Juli. Seit heute morgen ist hier Großfeuer: bisher sind 6 Wohnhäuser nieder gebrannt. Man Hof st letzt das Feuer in der Gewalt zu haben; die Entstehungsursache ist unbekannt. Der schaden ist bcbcutcnb. _____________________________

Der Streit über den Oberbefehl über das französische Heer.

Paris, 25. Juli. Ter nationalistische Deputierte von Nancy, Major Drrant, kündigte dem Kriegsminister an. daß er beim Wiederzusammentritt der Kammer eine Anfrage an ihn richten werde über die politischen Einflüsse, bic sich nqch dem Rücktritt des Generals Tremeau gelicni» gemacht hätten, um der Armee einen Generalissi­mus auf zu d r äng e n, der von sämtlichen Mitgliedern des Lberkrtegsrates als für diesen schwierigen Posten un­geeignet worden sei. Das Land müsse jene Männer und jene Jntrigucn Tennen, welche die Befehle einer geheimen und internationalen Körperschaft höher stellten als die Lcbensiitteressen Frankreichs

Ter KriegSminister hat den Erlaß, durch den der Heere; befehl umaeftattet werdxn soll, bereits in den Hauptzügen fertiggestellt und wirb ihn heute dem Präsidenten der Republik und voraussichtlich übermorgen dem bann jtal 1 findenden Ministerrat unterbreiten. Es heißt, der Minister

Seuer und Feuerwehr in KonftantinopcI.

Langhin war der berühmte und gefürchtete Feuerruf Shm- tzantuwvelS ist federn Türken geläufig, und wenn er sich nicht auf seinen eigenen ^tabtteü bezieht, beunruhigt er ihn ziemlich roenifl. Denn die Einwohner Konstantinopels sind an bic Riesenbrände nachgerade gewöhnt kein Jahrzehnt vergeht, in dem nidu ein Riesenbrand einige Tausend schlecht gebauter .Holzhäuser aur zehrt und in einzelnen Jahren verheert das gefräßige Element die Stabt am Goldenen Horn mehrmals. In buiem Jahre ist es schon der zweite Ricsenbraird, der aus Koiislantmopc. gemeldet worden ist. Im Anfang Äpnl ist der große und reiche Stadtteil ftabifot ein Raub der Flammen geworden, und ba:- Feuer hat auch auf den Brllcnvorort Moda übergegriffen. Dci Brand der Hohen Pforte, der im Februar dieses Jahres da- ehrwürdige Gebäude fast völlig vernichtet hat, ist eigentlich auch unter ine Riesenbrände zu zählen, wenn auch das Feuer auf feinen ursprünglichen Herd eingedämmt werden konnte.

Die Brandchronik Konstantinopels ist reich an solchen gewal­tigen Unglücksfällen. Im vergangenen Jahrhundert sind es vor­nehmlich drei Brände, die der Stadt und ihren Bewohnern ge­waltigen Schaben angetan haben, ber vom September 1836, der vom August 1848 und das Riesenfeuer vom 5. Juni 1870, das ganz Pera einäscherte und auf eine Strecke von 1000 Meter Länge, die beinahe halb so breit war, über 7000 Häuser verzehrte, wodurch ein Sachschaden von beinahe 100 Millionen Mark an- gerichtet wurde. Amicis hat von dieser Katastrophe eine höchst anschimliche Schilderung gegeben.

Sie brach am 5. Juni aus und hätte vielleicht schnell gelöscht werden können, hätte fid) der Brnnnenwächter nicht lange gc« rocigert, den Waslerbrunnen auszuschließen, der, wie das in ftou- üantinopel die Regel ist, nach der Entnahme des Wassers durch die Waiserträger geschlossen worden war. So breitete sich denn da» Feuer, unglucklick-erweise durch einen heftigen Wind unterstützt, rasend aus und ward zu einem Glutstrome, der sich in dämonischer GesckMindigkeit die Hauptstraßen von Pera hinabwälzte und, sich mit anderen Feuerströmcn vereinigend, bald zu einem Meere auswuchs Vergebens wurden ganze Bataillone gegen das Ele­ment ins Treffen geidpeft, vergebens eilte eine ganze Schar hoher Stornier und Offiziere herbei: einen Augenblick zeigte sich togar am Eingänge des brennenden Viertels der Sultan selbit zu Pferde von seinem befolge umgeben, bleich wie ein Toter, mit roeit aufgcrificnen Augen in die Glut starrend, als ob er an die Worte denke, die sein Vorgänger Selim I bei ähnlicher Gelegen­heit gesprochen hatte:Tas ist der glühende Atem meiner Opfer! Ich fühle ihn, der die Stadt zerstören wird, mein Serail und wich selbst?" Um 7 Uhr abends flammte noch der Palast der englischen Botschaft auf, dann legte sich der Wind und das Feuer daS die Menschen nickt hatten besiegen können, erstarb größtemeils von selbst.

Woraus die Riesenausdehnung der Brände beruht, zu der beinahe icdes Feuer in KonftantinopcI gelangt, weiß man ja: eine große Anzahl von Hausern ist aus Holz gebaut, so daß em Feuer, daS eines der Holzhäuser ergriffen bat, mit Bestimmt­heit auch die Nochbarhäufer ergreift und io Die ganze Straße vernidtteii muß. Die Hauptsckuld an der Größe der Brände aber trägt die Feuerwehr. Man sollte meinen, eine Stabt, die besonders feuergefährlich gebaut ist und schon sehr oft unter Bränden hat leiden ntüssen, sollte ihrer Feuerwehr besondere Sorgfalt widmen. Weit gefehlt! Das Feuerlöschwesen Kon- nantinopels ist gerade das Gegenteil Pon porbilbhd). Wegen des schlechten Straßenpflasters und der vielen Sackgassen, die die An­näherung an bic Brandstätte erschweren, haben die türtischen Spritzenleute schon mit besonderen Schwierigkeiten zu kärnpsen. Diese llebelstände werden aber durch andere Einrichtungen noch verstärkt. Jede andere Stadt d. h. im westlichen Europa eichtet ihre Feuerwehr so ein, daß fie sogleich ausrücken kann, wenn die Feuermeldung eintrifft. In Konstantinopel ift das nicht der Fall, Man muß damit rechnen, daß wenigftens eine halbe Stunde das Feuer ungestört brennen kann, wie und wo eS mag, ehe die Feuerwehr überhaupt ausrücken darf. Die Feuer­wehr wird nicht etwa lelephonifd) oder telegraphisch benachrichtigt, jondern durch ein Zeichen, das der Feuerwachter auf dem ©alata- nirm aushängt; am Tage dienen große purpurrote Korbe, bei

Vie Jn|tl der Seligen.

Ein kleiner Roman von Frödsric Bout et. Autorisierte Übersetzung von G u 11 i Alsen.

Es geschah in den südlichen Meeren, um den 52. Grab süd­licher Brette und dem 47. westlid-er Länge herum, baß ber berühmte Soziologe, Hygieniker, Statistiker, Herr Pluvinage, ber außerbem noch Mitglied aller gelehrten Gesellschattcn und vor allem ein berühmter Redner war, Schifsbruck erlitt.

Niemand verstand cd besser als er, den guter^ Willen leiner Zeitgenossen zu entmutigen, indem er sie von 3ad)en, die sie gar nicht zu wissen wünschten,um ihre Httlidje Grotze^ zu heben", unterrichtete; nientanb verstand es besser als er, Sta­tistiken und Tabellen auszustellcii, die ganz uniiüverwciie das Gegenteil von allem, was man wollte, bewicfeu. Auf diese Weife war sein Ruhm allumfassend geworden.

Gegen sein 40. Lebensfalw war er, von Ehrenbezeugmigen erstickt unb vor propaganbisnschein Eifer gluljenb, zu einer großen Unterrichts- unb Stubienfabrt runb um bic weite ^Welt Verum abgereist. Er hatte Bortrage in ben verschiebenen sprachen, bie schuldbeladene Eltern ihn lernen ließen, gehalten und überall statistische Aufstellungen gesammelt: in Asien, in Afrika, in Amerika; und all diese drei Erdteile begünfrigten ihn gleichmäßig, doch Australien ließ ihn mt Stich. Mit andauernder Wildheit fiel das Wetter über bas Schiss her, bas ihn trug, ivars es aus der Bahn und schlieUich auf feindselige Korallenrisse, io baß Herr Pluvinagc sich eines schonen Morgens,, nach perschiebcnen heftigen Erregungen unb nur imt einem rosagestreiNen Unter geroanb unb gestickten Pantoffeln befieibet, an bem äußerlten Enbe einer Pon einem loentg srieblichen Ozean heftig umhergewor­fenen Segelstange befanb.

Herr Plupinage hatte seinen mit Platten Pcriehenen photo­graphischen Apparat unb seine drei große Hefte ^füllenbcn sta- listiktabellcn gerettet. Er besaß sonst nock» eine Schachtel voller Süßholz. Ein Chinese nahm bas anbere Ende bet -Stange ein. Alles übrige mar untergegangen.

Wissen Sie, ob iidj in einiger Gntiernung Lanb benubet t fragte Herr Pluvinage ben Chinesen, sobalb er sprechen konnte.

Sechzig Meter roeit von hier," sagte der Chinese.

,'Unb in weld)er Richtungfragte Herr Pluvinage ziemlich lufriebengeftellt.

In Tiefenrichtung/ erwiberte ber Chinefc.Ich habe vor Lern Rifs Untersuchungen angestellt."

Herr Pluvinage war von bieser mäßigen Posse wenig erbaut.

Zwei entsetzliche Tage verbrachte er so, in ber Furast vor ben Haifischen und vor dem Mrampf. vor Tur ft verschmachtend unb Jon seinem cfclerrcgenben süßdolz ungenügend genährt. Im Bause dieser Zeit sagte der Chinese, baß er ötc Sache satt habe, 3inb ließ sich in bic Tiefe jallen. Herr Pluvinage klammerte iid) um so fester an seine Segelstange unb an bas Leben.

Erst am anberen Morgen trieb bic Spange mit Herzu Plu­vinage aus eine Küste mit schwarzem Sanb, aus ber einige mitsühlenbe menschliche Wesen ben erschöpften, por Hunger, Er­mattung unb Frost sterbenben Schiffbrüchigen aufnahmen uub aufs Beste pflegten.

Fünf Tage lang blieb Herr Plupinage einzig unb allein bamü beschäftigt, wie eine Riesenschlange zu essen unb nach bem Essen zu schlafen. Im Verlauf biefer Zeit hatte er feine Kräfte unb seine Hellsichtigkeit loiebcr erlangt unb konnte seine Augen nutzbringend umherschweisen lassen.

Es war eine kleine, ziemlich wüste Insel, bie von ber übrigen Welt ganz abgesonbert lag. Es gab darauf Pinguine, wilde Ziegen, eingeführte Schweine, Kohl, ftartofieln unb Zwiebeln im Ueberfluß: nicht viele Bäume, einen kleinen Bach unb int ganten vierzehn Einwohner: neun Manner, von denen brei Farbige waren -zum größten Teil entwichene Sträflinge ober zweisell-afie Abenteuer er, bie jetzt roeber Warnen, noch Herkunft, noch Religion besaßen, und brei aus Tahiti ober ber borngen Umgegend gefpininenc Frauen mit zwei Kindern, sie danbeu in ftmcrlei Beziehungen zu ber übrigen Welt unb ersehmen sie auch nicht. Alle zwei bis brei Jahre warf ein Schiff, gelegent­lich eines Fischfanges, in ihrer Nähe Anker, übermittelte ihnen ungefähre Nackfrichten von Kriegen, Revolutionen, über bic sie sich luftig mackten, unb tauschte mit ihnen gegen Robbenfelle unb Oel einige Gegenstänbe tum notroenbigften Gebrauch ein, be­sonders aber einige Tonnen Rum, dank derer diese brauen Leute fick leben Sonntag ein kleines, gemütliches Fest leisteten. In ber übrigen Zeit bestellten sie ihre Kartoiieln unb Zwiebeln, mästeten ihre Schweine unb angelten ftabeliau. Tic Frauen aber nähten Kleidungsstücke aus Fellen.

Seit sehr langer Zeit Lebten sie so glücklich, gesund unb heiter, in Tugend und Unschuld unb hatten Leidenschaften unb Gelb vergessen.

Ta kam Pluvinage zu ihnen, voll ber besten mpbernen Lehr säge, voll Gedanken, bie sich auf leben Gegenstanb festsetzten, voll überzeugter Statistik unb gebrängter Reben Er war im übrigen vongroßer Dankbarkeit für bi eie Leute, Die ihm das Leben ge­rettet hatten, erfüllt unb roünfdyc aus voller Seele, ihnen Gutes tu tun.

Seine erste unb barmloiefle Tat roar cs. Die kleine Kolonie, bie zu bieiem Zwcckd ihre besten Fellkleiber anzog unb sich in einer Gruppe am Strand auntellte, zu photographieren. Es war ein Vergnügen, btese zwölf braven Leute unb b:c beiden kleinen Kinder, so voller Gesundheit, ftraü und LebTnsfreubig- feir, zu sehen. Sie waren entzückt darüber, Photographien -u werden, aber es war eine platonische Freude, denn Herr Plu- rinage bedielt feinen vparat und teuic auigeuomincnen Platten für sick. Tock sagte er ihnen, daß es ihm ein großes Vergnügen bereiten würbe, seine Pflicht zu erfüllen, indem cr ihr Glück bearündetc; unb von ber Stunbc an befchäitlgtc er sich mit diesem.

Gr begann bannt, ihnen, vermittels eines Notizbuches, zu

offenbaren, daß fie nicht mehr bie genauen Daten wüßten, unb baß der Tag, Den sie iur Den sonnt ig hielten unb burd) Ruh' und Rum feierten, tatsächlich Mittwoch war. Tas hat den Sdjein ber Belanglosigkeit, aber cs verstimmte sie in tiefster Seele; unb fie änberten ihre ganze Lebensweise, im besten Bestreben, einem so unverzeihlichen Irrtum abzuhelsen.

Nun schritt Herr Pluvinage enetgiid) auf br.it Wege bes Heils unb ber Reben fort. In wenigen Tagen gewann cr einen ungeheueren Einfluß auf sie, indem cr ihnen eine Menge allge­meiner ftenntnifc beibrachte und sic daran gewöhnte, ohne cui' zuschlascn, zuzuhören. Er hielt ihnen Vorträge über Gesundheit-- lehre (in Kleidung unb Wohnung >, jroerfmäftige Ernährung, Wärmeeinheit, Turnübungen für jedes Organ, Kinbereiziehung, Bodenbearbeüung, chemische Tüngung, Guano, Einteilung ber selber in Schlägt, künstliche Fisdnucki, Jücktung oer Hausl-ere, schweinesinnen, Trichinose und BauchseUentzündung. Er be­wies ihnen mit unumstößlicher Sicherheit, baß sie in einem elenden, allen modernen Fortschritten Hohn sprechenden Zustande lebten Er flößte ihnen Ekel vor sich selbst und vor allem, was sic umgab, ein, indem cr he unaufhörlich auf alles, was ihnen fehlte, binwies. Er demütigte sie, niDem cr sie mit den so machtvoll organisierten Völkern Europas verglich, das ganze von Zitaten, genauen Tatsachen, unwiderlegbaren Zahlen und nieder- ichincttcrnben statistisdien ÄilSmhrungen begleitet.

Tie Unseligen, bie von b?m Gebauten beherrscht waren, baß cr ihnen in allen Singen überlegen sei, und davon überzeugt, daß er alles wüßte «was unglücklicherweise mit zu wahr war. schenkten ihm vollstes Gehör und setzten alles daran, seine Lehren zu verstehen und zu bciolgcn. Sie wagten es nidtt, sich gegen die Zivilisation aufzulchncn, und Pluvinage wurde ihr Wohl­täter unb ihr Führer.

Tas entfcileite Herrn Pluvinage. Er ließ bie Hütten niebcr- reißen und he nach schreckenerregenden hygienischen Ansichten mit einer fttünlcnabteilungfür Die mit ansteckenden Leiden Be­ta steten" niemals waren solche bagcroeien, wrederaufbaucn. Er ließ einen Teich, einen Fahrdamm unü einen Leuchtturm errichten, alles unsagbar übcrflüihgc Tinge Jeden Morgen vereinigte cr seine Opfer am Straube uno zwang sie zu einer vervollkommn.len schwedischen Gymnastik voll gräßlicher Gliederverrentungen Er verdammte sie dazu, ihr Wasser vor Dem Trinken abkochen zu lassen, denn er hatte im Lacke Bakterien gefunden. Er emzog ihnen, da cr Vegetarier war, säst gänzlich das Flen'ck und Köpfte he mit unickmackhaften Mehlen, Die sehr schwer herzustcllen waren. Er schrieb ihnen bie Stunden des Auhtehcns uno Schlafengehens vor UND eine LröeilseiNtetlimg, die fie tief verst-mmte, unb nötigte sie, alles, was sie früher getan hatten, auszugeben, um nur noch das zu tun, was er, Pluvinage, für sie für gut erachtete unb was tatsächlich in ber Thcor>e auch im höchsten Grad" vort.ilhait war aber keineswegs in ber Praxis. Tic Schwein bic den wissenschaftlichen Züchtigungsnrethoden unterivorfen roui Den, starben fqit alle. Tic von der neuen Art des Angelns er