Ausgabe 
26.7.1911 Erstes Blatt
 
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schon &u wissen, daß England mit der Besetzung von Langer liebäugele:

Englische Interessen sind bekanntlich immer ;,bedroht?, und England muß bei der Regelung aller fragen auf unserem Globus stets eine Kompensation für sich herausschlagen, wenn diese Fragen es auch gar nichts angehen. Und zwar ist die Aufrechnung btcier Kompensation folgendermaßen durch die Praxis geregelt: Ottu- piert irgend ein Staat em Dorf, so verlangt England zum Schutz seiner so ungemein gefährdeten Interessen zum mindesten derer drei, lieber aber schon vier! Die neuesten Äeußerungen der eng­lischen Minister sind zwar völlig nichtssagend, aber trotzdem recht charakteristisch. Wenn diese Herren mit einem gewissen ernsten Ton und undurchdringlicher Miene über Verhandlungen zwischen zwei Staaten, die territoriale überseeische Annexionen bezwecken, die Auskunft neugierigen Parlamentsmitgliedern, verweigern, w darf man es für sicher annehmen, daß sie beabsichtigen, diesen Staaten eine Rechnung ihrerseits zu präsentieren, die sich ge­waschen hat. Herr von Kiderlen und Herr Cambon werden dies auch jedenfalls wissen und schon entschlossen sein, dem edlen John Bull ein Stück vom marokkanischen Reiskuchen abzugeben. Man munkelt davon, daß man in London im Fall der Austeilung von Marokko sehr mit der Besetzung von Tanger und dessen Hinter­land liebäugelt; sollte das der Fall sein, was wir natürlich nicht wissen, so könnte man nur unserm Herrn Staatssekretär des Auswärtigen raten, alles zu versuchen, diesen Plan scheitern zu lassen. Wir wüßten gar keine Kompensation für Deutschland zu nennen, die den eiiglischen Besitz dieses Hafens aufwiegen könnte, der Besitz von Agadir wäre sicherlich keine.solche.

.DieKölnische Volkszeitung ' nimmt eine ähnliche Hal­tung ein und bemerkt ganz zutreffend:

Und wenn Herr Lloyd George den Gedanken ?lusdruck gibt, daß England sich nicht ignorieren lassen wolle hatte Englano vielleicht nicht Deutschland schon 19 04 im Komplott ignoriert, als über Marokko verfügt wurde? Wenn Frani- reich jetzt allein mit Deutschland verhandelt, so hat England das Recht zu einer Beschwerde wegen Ignorierens durch |eut eigenes Verhalten verwirkt.

Diplomatische Beratungen.

London, 2a. Juli. Wie das Reuterbureau erfährt, haben heute die Minister Asquith, Lloyd George und Sir Edward Grey die Anwesenheit des englisch enBotschaf- ters in Paris, Bertie, benutzt und sich im Aus­wärtigen Amt vereinigt, um die Lage in Marokko zu besprechen. Minister Grey hatte dann eine Audienz beim König, doch erklärt man, daß dieser Besuch beim König keineswegs das Ergebnis der Konferenz im Auswär­tigem Amt war, da die Audienz schon vorher festgesetzt war. Der österreichische Botschafter und, wie man glaubt, auch der französische Botschafter haben heute im Auswärtigen Amt einen Besuch gemacht.

San Sebastian, 25. Juli. Der Minister des Aeußern und der französische Botschafter be­rieten in einer gestrigen Konferenz über die Maßnahmen, welche zu treffen seien, um einer Wiederholung der Zwischen­fälle in der Umgegend von El Ksar vorzubeugen.

Die Deutschen in Agadier.

Köln, 25. Juli. Der nach Agadir entsandte Sonder­berichterstatter derKöln. Ztg " telegraphiert seinem Blatt aus Agadir unterm 23. d. M. über Teneriffa: Ich bin hier am 15. Juli eingetroffen und von dem Kaid Gelluli und feinen Scheiks empfangen worden. Die Anwesenheit des deutschen Kriegsschiffes wirkt für alle Nationen in jeder Weise und weithin günstig. Der bisher nur in Ausnahme­fällen von Europäern begangene Weg von Mogador nach Agadir ist dadurch völlig sicher. Nicht weniger als 13 Europäer, 5 Deutsche, 4 Franzosen, 2 Engländer und 2 Spanier weilen seit dem 15. d. Mts. hier. Heute sind noch ö Deutsche, 2 Spanier und ein Franzose in Agadir eingetrossen. Zwei Vertreter des französischen Tabakmono­pols eröffneten hier, aus der durch die Anwesenheit des deutschen Kriegsschiffes geschaffenen Lage einen Nutzen ziehend, eine Niederlage. Der Kommandant derBerlin", Fregattenkapitän L ö h l e i n, hat auf eine Anfrage des Kaids Gelluli ausdrücklich den Wunsch ausgesprochen, daß alle Eu­ropäer freundlichst empfangen würden. Der Verkehr des Kriegsschiffes mit der Bevölkerung ist von der freundschaft­lichsten Art, im übrigen aber zurückhaltend. Das Ein­greifen Deutschlands ist den Eingeborenen zur Erreichung geordneter Zu stände er­wünscht. In Sus hat die Anwesenheit des deutschen Kriegsschiffes allgemein eine Beruhigung der Gemüter her- vorgerusen.

London, 25. Juli. Der Vertreter derMorning Post" in Tanger telegraphiert, daß den letzten dort aus Agadir einge- troffenen Meldungen zufolge dort alles ruhig sei. Es seien keine Truppen gelandet und auch nichts unternommen worden, was in irgend einer Weise wie eine militärische Kundgebung hätte aussehen können. Einige Offiziere und Mannschaften von dem KreuzerBerlin" seien täglich an das Land gekommen und hätten mit den Lokal- bchördcn verhandelt, von welchen sie mit der größten Freundlichkeit und Gastfreundschaft empfangen wur­den. Man habe ihnen oft Gelegenheit gegeben, Exkursionen nach den südlichen Ausläufern des AtlaLgebirges zu unternehmen. Die Herren seien auf die Jagd gegangen und hätten sich auch mit den Scheicks des Susgebietes in Verbindung gesetzt, die in großer Zahl nach Agadir kamen, in der Hoffnung, daß der Hafen wieder dem überseeischen Handel eröffnet werden möchte. Die öffentliche Meinung in der Susprovinz, der reichsten in Marokko, sei entschieden für die Herstellung direkter kommerzieller und industrieller Verbindung mit Europa, ganz einerlei ob infolge der Erlaubnis der Regierung des Sultans oder infolge von einer Intervention des Auslandes. Mit großem Eifer erwarte man das Resultat der diplomatischen Verhandlungen, von denen man hoffe, daß sie zur Eröffnung dieses bisher noch beinahe ganz unausgenutzten Distriktes führen werden.

Das Zatereffe des deutschen Kronprinzen.

Berlin, 25. Juli. Der Kronprinz stattete heute dem Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter im Auswär­tigen Amt einen längeren Besuch ab.

Aus Reifen«

Disziplinuruntersuchung gegen einen Offenbacher Lehrer. Gegen den Offenbacher Lehrer Peter soll, weil er Musikkritiken für das sozialdemo­kratischeOffenbacher .Abendblatt" geschrieben hat, eine Disziplinaruntersuchung eingeleitet worden fein. Das be­treffende Blatt gibt jetzt folgende Einzelheiten des Falles: Der Offenbacher Lehrer Richard Peter war gegen Anfang des Jahres von unserer Redaktion, die erfahren hatte, daß er ein tüchtiger Musiker ist, eingeladen worden, für unser Blatt Musikkritiken zu schreiben. Herr Peter, der zur Fortschrittlichen Volkspartei aehört und in poli­tischen Fragen schon öfters sachlich scharfe Fehden mit uns ausgefochten hatte, nahm unser Angebot an, weil er der sehr anerkennenswerten Ansicht war, daß seine Tätigkeit als Musikrezensent eines Arbeiterblattes durch­aus in der Wegrichtung seines Berufes als Volkserzieher liege. Niemals ist ihm, ist uns und wohl auch allen ob­jektiv denkenden bürgerlichen Lesern seiner um ihres musikalischen Wertes vielbeachteten Artikel der Gedanke gekommen, Herr Peter könnte dadurch seine Pflichten als mittelbarer Äugestellter des. hessischen Ordnungsstaates

verletzen. Anders dachte die Offenbacher Schulaus)|id)t^ behörde. Gegen Herrn Peter wurde eine Difziplinar- untersuchung eröffnet, weil er durch seine Musikkriti^r- tätiqkeit seine Amtspflichten verletzt haben soll -tie Akten sollen sich zurzeit im Darmstädter Ministerium befinden. ,

Wenn es sich nur um Musikkritiken gehandelt haben sollte, müßte man das Einschreiten der Behörde als unrli^a und übereilt bezeichnen. Wir warten die Untersuchung ab und nehmen an, daß eine amtliche Erklärung erfolgen wird.

Deutsches Aerch.

Der Kaiser wird programmäßig am 28. Juli in Swinemünde eintreffen und dort mehrere Tage ver­weilen. Während des Aufenthalts wird der Monarch, wie in früheren Jahren, eine Reihe von Vorträgen entgegen­nehmen, darunter wahrscheinlich auch den des Reichskanz­lers. Von Swinemünde wird sich der Kaiser zum Truppen­übungsplatz Alten-Grabow begeben, um dort Besichtigun­gen vorzunehmen. Die Kaiserflottille trat am Dienstag nachmittag von Balholmen aus die Heimreise an, wobei dem Kaiser von der Bevölkerung und den zahlreichen Sommergästen ein überaus herzlicher Abschied bereitet wurde.

Der Kronprinz sagte auf Einladung des Königs Vic­tor Emanuel seinen Besuch in Racconigi zur Jagd zu. Der Kronprinz wird in den ersten Taoen des August dort eintreffen.

Die Stadtverordnetenversammlung in Düsseldorf beschloß am Dienstag die Errichtung einer Akademie für Ko mmu- nalverweltung als erste derartige Einrichtung in Deutsch­land. Auf der Anstalt werden leitende Verwaltungsbeamte über die Frage des Kommunalwesens auf akademischer Grundlage eine fachliche Ausbildung erhalten.

Ausland.

Der französische Ministerpräsident Caillaux hat beschlossen, die bisherige Kultusdirektion auf- z u h c b e n , die trotz der Trennung der Kirche vom Staat fort­bestand und unter anderem gewisse religiöse Orden zu überwachen sowie die Ruhegehälter an die Priester zu bezahlen hatte. Die Obliegenheiten der Kultusdirektion werden verschiedenen Abtei­lungen des Ministeriums des Innern zugewiesen werden.

Tie portugiesische Nationalversammlung hat die Beratung der einzelnen Arlitel des Versa ssungsent- Wurfes begonnen.

Sicheren Nachrichten zufolge hat sich der türkische Marineminister nach Loudon begeben, um einen Ver­trag mit der Armstronggruppe über den Bau von Dread­noughts zu unterzeichnen.

Aus stttdL und Land.

Gießen, 26. Juli 1911.

Der Zar in Friedberg! Wir erhalten von einem unserer Friedberger Mitarbeiter folgende Nachricht, die wir unter allem Vorbehalt wiedergeben: »Trotz der Dementis von Petersburg weiß man hier jetzt bestimmt, daß der Zaren­hof in nächster Zeit, wahrscheinlich Mitte August, wieder hier eintreffen wird. Seit ungefähr 14 Tagen sind Beamte der politischen Polizei aus Elberfeld hier. Wie es heißt, werden Beamte der politischen Polizei aus dem Osten (Berlin) um deswillen nicht mit dem Ueberwachungsdienst betraut, weil sie in russischen terroristischen Kreisen zu be­gannt sind.*

" Ernannt wurde am 21. Juli d. IS. der Real­lehrer an der Realschule zu Butzbach Ludwig Fel sing zum Reallehrer an der neuen Oberrealschule zu Darmstadt, mit Wirkung vom 1. Oktober 1911, ferner den Lehrer an der Ernst Ludwigs-Schule zu Bad-Nauheim Otto Weide zum Reallehrer an der Realschule zu Butzbach, mit Wirkung vom 1. Oktober 1911 an, unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrer.

Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde am 23. Juli d. Js. dem Lehrer Valentin Löwenhaupt zu Steinfurt die erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Petterweil.

* * Der Provinzialdirektor istau§ dem Urlaub zu- rückgckehrt und hat die Dienstgeschäfte wieder übernommen.

* Die keusche Susanne, die letzte Operetten-Vor- stellung, brachte uns zugleich die Bekanntschaft mit dem Emser Kurtheater, von dem einzelne Mitglieder von früheren Gast­spielen her noch in guter Erinnerung stehen. Auch die neuen Mitglieder machten einen guten Eindruck, und wenn man es der Direktion nicht verdenken kann, daß sie nach den schlechten Erfahrungen, die sie mit den hiesigen Operettenvorstellungen gemacht hat, die Gastspiele beendigt, so ist eS immerhin be­dauerlich, daß die leichte Muse nicht länger hier weilt. Die gestrige Aufführung, die die Anwesenden aufs beste unterhielt und lebhaften Beifall fand, war von echtem Temperament beseelt. Namentlich Alma Walls als Susanne errang sich stürmische Anerkennung und eine Anzahl der Lieder mußte sie wiederholen; so vor allemDas ist Paris", an dem die Herren Josef Jerry und Emil Wehrhan stark beteiligt waren. Margarete Müller hatte ebenfalls einen lebhaften Erfolg. Richard Helsing, der einen tadellosen Privat- gelehrten spielte, hatte die Leitung der flotten Aufführung, um die sich vor allem noch Fritz Lößl und Elly Schumann verdient machten. Außerordentlichen Beifall er­rang auch das Lied: Wenn der Vater mit dem Sohne u. a. Das Orchester unter Herrn. Weinacks Leitung brachte die zwar nicht immer originelle, aber anmutige Musik Jean Gilberts zu schöner Wirkung.

* e Das 6. letzte Abonnementskonzert der Regimentskapelle finoet morgen abend in Steins Garten statt. Das Programm ist auch diesmal wieder sorgfältig au5» gewählt, überraschend dabei ist eine Klaviersonate von Beethoven im Arrangement für Militärmusik, auf deren Wirkung man tatsächlich gespannt fein darf. Obermusikmeister fiöber will "ns scheinbar den Abschied diesmal besonders schwer machen, er stellt morgen abend nicht weniger als 6 Solisten heraus, interessant ist es, daß es diesmal nicht auswärtige Kräfte sind, sondern hervorragend befähigte Herren auS der Kapelle.

**HessischerAereinfürLuftschiffahrt,Orts- gruppe Gießen. In der Vorstandssitzung der Ortsgruppe Dietzen des Hesiischen Vereins für Luftschisfahrt vom 24. b. M. wurde die vorbehaltene Ergänzung des Vorstandes durch Zuwahl der Herren Dr. jur. Georg Gail und Photograph Zimmer voll­zogen, von denen der erstere in den Fahrtenausschuß eintritt. Der rührige Verein, d« bereits über 60 Mitglieder zählt, will nach Beendigung der Sommerferien eine Mitgliederversammlung ab­halten, in der über die bisherige Tätigkeit berichtet und eine Schilderung der bis dahin bewirkten Aufstiege gegeben wird Daran sollen sich öffentliche Lichtbildervorträge über Wissenschaft und Technik des Flug Wortes anschließend

** Gegen die Abonnentenversicherung b £ r Zeitungen wendet sich eine Maßregel des Hess. Ministe­riums, das die Kreisämter auffordert, alsbald darüber Er­hebungen anzustellen, ob und welche Zeitungen und Zeit­schriften in den in Betracht kommenden Gemeinden verlegt werden, die ihren Lesern nach den bekannten Mcustern eine sogen. Abonnentenversicherung gewähren. Auch die im Bezirk verbreiteten, auswärts verlegten Zeitschriften dieser Art sollen mit in die Maßregel einbezogen werden. Die Bürgermeistereien haben bis Mitte August zu berichten.

Ein Riefenwels. Ein aus dem Bodenfe stammen­der Wels von mehr als 150 cm Länge und einem Gewicht von 55 Pfund langte kürzlich als neues, äußerst dankens­wertes Geschenk des Herrn A. H. Wendt-St. Goar im Aquarium des Zoologischen ©artens in Frankfurt a. M. an und wurde im Becken für große Kaltwafferfische unter­gebracht. Hoffentlich gelingt es, das imposante Schaustück einzugewöhnen.

" Briefmarken Heftchen. Die ReichSverwaltung be­absichtigt neue Briefmarken Heftchen einzuführen, die 20 Marken zu 5 Pfennig und 10 Marken zu 10 Pfennig enthalten sollen. Der Preis wird somit nicht verändert (2 Mark). Vom 1. Januar bis 1. Juli sind über l1/, Millionen Heftchen verkauft worden.

* Postausweiskarten. Nach Vereinbarung mit der spanischen Postverwaltung werden die in Deutschland ausgestellten Postausweiskarten fortan auch in Spanien als vollgültige Ausweispapiere angesehen.

** Herb st verkehr auf der Eisenbahn. Die im Herbst jeden Jahres regelmäßig eintretende Steigerung des Güterversandes wird auch in diesem Jahre größere Anforderungen an den Eisenbahnbetrieb und die Zuführung offener und gedeckter Wagen stellen. Zur Bewältigung des stärkeren Verkehrs ist es notwendig, daß die hierauf gerichteten Bestrebungen der Eifenbahnverwaltung allerfeits Unterstützung finden. Hierzu ist es in erster Linie erforder­lich, daß der Bedarf an Kohlen usw. für den Winter schon während des Sommers bezogen, jedenfalls aber nicht ausschließlich auf die Zeit der Rübenernte (Oktober bis Ende November) verschoben wird, weil in dieser Zeit der verfügbare Bestand an offenen Wagen knapp zu werden pflegt. Für den Versand von Gütern in gedeckten Wagen ist es nach den Erfahrungen notwendig, daß die großen Versendungen an Düngemitteln gleichmäßiger auf das ganze Jahr oder wenigstens einen längeren Zeitraum verteilt werden. Bei allen Wagenladungen muß außerdem auf die volle Ausnutzung des Ladegewichts sowie auf die schleunige Be- und .Entladung der Wagen Bedacht ge­nommen werden.

** Zigeunerplage. Um die Zigeunerplage mög­lichst einzufchränken, ging den Polizeibehörden infolge mi­nisterieller Anordnung ein Zigeuner-Meriblatt zu, das An­deutung gibt, wie man auf Grund der bestehenden Gesetzes- bestimmungen die Zigeunerplage mit gutem Erfolg be­kämpft. Werden Zigeuner mit Wandergewerbfcheinen an­getroffen, so ist zu ermitteln, auf welche Person, zu welchem Gewerbe und von welcher Behörde der Schein ausgestellt wurde. Dabei sollen möglichst Tatsachen festgestellt werden, die eine Erneuerung oder Verlängerung des Scheines ver­hindern können. Die Zigeuner seßhaft zu machen, ist un­möglich, da die Landbevölkerung dagegen ernsten Einspruch erhob.

Landkreis Gießen.

-m. Langd, 25. Juli. Unsere im vorigen Jahre er­baute Wasserleitung hat sich bis jetzt glänzend be­währt. Trotz der überaus trockenen Witterung der letzten Zeit hat das Wasser nicht nachgelassen und es läuft sogar noch so viel ab, daß ein kleines Dorf damit versorgt werden könnte. Die Ernte ist in vollem Gange. Trotz der frühen Ernte ist der Körnerertrag em verhältnismäßig guter.

Kreis Büdingen.

# Nidda, 25. Juli. Trotz der Hitze der letzten Tage die heute nacht vorübergezogenen Gewitter haben wenig Regen und keine Abkühlung gebracht ist unsere Wasser­leitung stets leistungsfähig. Es ist jetzt auch ein Rohr nach dem Friedhof gelegt worden und damit einem lange gehegten Bedürfnis abgeholfen worden. Die Ernte ist in vollem Ganae. Steht hier und da die Frucht etwas dünner als in den Vorjahren, so sind die Aehren um so kräftiger und voller. Nur stehen Früchte und Brotpreise auch hier nicht im rechten Verhältnis. Die .Fleischpreise sind von einigen Metzgern heruntergesetzt worden.

Kreis Alsfeld.

®yLLey>* 25. IuU- In der Schwalm herrscht auch ein großes Fischsterben. Eine große Menge toter Fische, darunter stattliche Forellen, trieb das Flüßchen hinunter. Zuführung von Unwäsfern ist hier nicht gut möglich. Geradezu bar- bariich wurde ein hiesiger Metzgerlehrling von seinem Meister auf ossener Landstratze behandelt. Der Junge hatte die Klappe am Viehtransport wagen nicht genüaenö verschlossen: einige Tiere waren nun unterwegs, als die Klappe herunterfiel, aus dem Wagen entsprungen konnten aber sofort wieder eingefangen werden. Deshalb mißhandelte der Meister den nicht besonders stark ge­bauten Jungen derart mit seinem Krückstock, daß sich die Pas­santen einmischten und Einhalt boten. Der Metzgermeister kam zur Anzeige, weshalb bie Staatsanwaltschaft durch die Gen­darmerie Erhebungen anstellen ließ.

Starkenburg und Rheinhessen.

R. B Darmstadt, 25 Juli. Das Bensheimer Lehrerseminar kann am nächsten Samstag die Feier seines 90 lahrigen Bestehe^ smern. Nachdem im Jahre 1817 inFried - berg das erste Lehrersenllnar für Evangelische errichtet worden war, solgte am 29 Juli 1821 die Eröffnung eines katholischen Seminars tn Bensheim. Tstese neue Lehrerbildungsanstalt ging hervor aus der dort feit Anfang des Jalnbunderts dort be­gründetenNormal) chule, die m vier Monatökursen junge Leute zu Lehrern vorbereitete Der Unterrichtskursus in dem katholischen .Schülern und wax so gestaltet, daß er bei wöchentlich 3b Stunden zwei Jahreskurse umfaßte. Unter

Unterrichtsgegenitanden befanden sich neben den üblichen Ochern der allgemeinen Jugenderziehung auch Kurse über all- ^!^^bnjchenge)chichte, Vaterlandsgeschichte und Geschichte der scheu und über Obstkultur. Aus diesen bescheidenen Ver- hällnisten heraus entwickelte sich unser heullges großartiges und allgemein anerkanntes Lehrerbildungswesen. Es mußte im Laufe lt ^jtteS Lehrerseminar in Alzey errichtet,

. Jn Bensheim und Friedberg gegründete wieder- holt erweitert werdeii, da bei dem wachsenden Bildungsbedürfnis und der Einführung der allgemeinen Volksschule sich die Zahl der Zöglinge in den Seminaren auf rund 500 steigerte. Während im ^ahre 1891 die Zahl der aus der Abschlußprüfung her- vorgegangenen mngen Lehrer 82 betrug und 1900 auf 91 flieg, 1?°° aus 112, 1906 auf 142, 1907 auf 126

WÜ7 auf 134 an, während jetzt auf durchschnittlich 150 neue Lehrkräfte gerechnet werden kann. Um den Anforderungen genügen und von der Errichtung eines vierten Lehrerseminars absehen zu können, wurde vor einigen Jahren der große Er- weiterungsbau des Bensheimer Senrinars beschlossen, der einen vto)tenaufnjanb von 900 000 Mark erforderte. Das mustergütig flusge|tatiete Seminar in .Bensheim, das bisher das tleinste im