Nr. 175 Erstem Blatt W. Zahlgang Mittwoch, 26. Juli Ml
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b "'aoaesnlmmM Botationsbnid und Verlag der vrähl'schen Unlv.-Vllch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion. Lrpedition und vruckerei: Zchulstratze 7. Z,nd-: den
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Der Ausstand aus Haiti.
T-cr seit Februar dieses Jahres auf der westindischen Insel Haiti tobende Ausstand ist bisher Ziemlich spurlos an uns vorüberaegangen: er wurde durch die parlarnen rarischen Ereignisse und dann durch die Marokkofragc völlig in den Hintergrund gedrängt. Was bedeutet es scküießlicv auch, wenn in einer Negerrepudlik von ganzen I8OOOO0 Einwohnern zum so und sovielten Male Revolution aus bricht, weil, wie so oft schon, ein großer Teil der Haitianer mit dem 1908 unter allgemeinem Jubel gewählten Präsidenten Antoine Simon, der dem verjagten Präsidenten Nord Alexis folgte, nicht zufrieden ist. Cb mit Reibt oder Unrecht, läßt sich schwer entscheiden: daS eine aber steht fest, daß nämlich der eigentliche Zweck des ganzen Aufstandes nur darin zu erblicken ist, daß Lecomte sich an die Stelle Simons fetzen wy'tlte, um Pch unb „feine Anhänger rvieder einmal an "ber Staatskritztze tüchtig aufzufuttern.
Als „General" Lecomte im Februar dieses Jahres die Fahne des Aufruhrs im Norden Haitis erhob, hatte er zu nächst wenig militärischen Erfolg. ES kam ihm aber wesentlich zustatten, daß Präsident Simon eine Schreckcnsherr schäft in Haiti errichtet hatte, unter der zahlreiche politische Gegner des Präsidenten hingerichtet wurden, mehrere Städte von Negern geplündert, ja, sogar zerstört wurden, und die Unsicherheit so zunahm, daß z. B. in Aux Chases das deutsche Konsulat das einzige Gebäude war, wo die Europäer Schutz finden konnten. Auch Lecomte mußte damals die Flucht ergreifen und sich nach St. Thomas begeben, doch gewann er infolge der politischen Unklugheit des Präsidenten Simon so viele neue Anhänger, das; er es bald wieder wagen konnte, in Haiti aufs neue zu landen und beit Kampf wieder auszunchmen. Seine kriegerischen Erfolge waren jetzt überraschend: es gelang ihm und seinen Anhängern, bis zum 20. Juli sich des ganzen Nordens der Insel zu bemächtigen, nachdem er tags zuvor die Regierungstruppcn bei Trou so schwer aufs Haupt geschlagen halte, daß Präsident Simon gezwungen war, seine Truppen mit Ausnahme der Besatzungen der Forts Liberte und Cap Haitien zurückzuziehen und für die Verteidigung der Hauptstadt Port-au-pnucc zu verwenden, der sich die Aufstnndttchen mit unheimlicher Geschwindigkeit näherten, während sie sich gleichzeitig auch fast des ganzen übrigen Landes bemächtigten. Ta der Versuch, die Revolutionäre vor den Toren der Hauptstadt auszuhalten, mißlang, die Rcgicrungötruppen knapp und überdies unzuverlässig sind, loirb Präsibent Simon cs schwerlich auf eine Eroberung der Hauptstadt ankommen lassen Tenn wenn auch die Revolutionäre noch immerhin 20 Meilen von Port-au-Prince entfernt stehen, Präsident Simon also noch Zeit hätte, die Hauptstadt in Verleide gungstzustcmd zu setzen, so ist bei dem ChaoS, das trotz aller Verhaftungen und Hinrichtungen politisch unzuverlässiger Elemente dort herrscht, an eine erfolgreiche Ver- 1 Düngung von Port-au-Prince gar nicht zu denken. Verhalten sich die Aufständischen doch nur deshalb abwartend, weil sie wissen, daß ihnen aus Haiti selbst, als auch auS Jamaika, wo zahlreiche von Simon Verbannte leben, in kurzer Zeit Verstärkungen zuströmen werden.
So ist her Einzug der Aufständischen in Port-au-Prince sicher. Aber Präsident Simon wird dem siegreichen Heere
Lecomte- schwerlich in die Hände fallen, wenn er nicht mit dem General Thomas das Schicksal der Enthauptung teilen will Er, der am 12 Full", als es um ^ixine Sackte schlecht stand, schon auf den deutschen Tampfer ,.3nvia 1 geflüchtet' war, wirb nicht verfehlen, sich letzt, wo er seine Rolle überhaupt ausgeipielt hat, aus einem norbameri konischen Scki'f in Sicherheit zu bringen.
Tas; durch bic Revolutionskämpfe bezw. durch die Eroberung von Port-au-Prince bte Lage der dort lebenden Europäer aufs äußerste bedroht wird, und daß die Gefahr ihren Höhepunkt erreicht, wenn unter General Vereinte, der sich soeben in Cap Haitien zum Präsidenten erklärt hat, der seinen Fahnen folgende Negerpöbel in Port-au-Prince eindringt, kann keinem Zweifel unterliegen Auch unter dem Präsidenten Snnon hatten die Europäer auf Haiti feine angenehmen Tage Er drückte und schikanierte sie aller Orten, ja, er ließ sogar Deut sche a u i Haiti ausweisen, weil sie und die übrigen Fremden mit den Revolutionären angeblich unter einer Decke steckten Kein Wunder darum, wenn man in Washington schon am 19. Juli die Entsendung eines Kriegsschiffes nach Haiti für erforderlich erachtete, dem bann noch mehrere folgten. Aber auch die Italiener Dctfaiigtcn von ihrer Regierung Schutz gegen die Revolutionäre, und ebenso richtete bic deutsche Gesanbtschaft aus Anlaß ber bei der Er oberung beS Cap Haitien vorgekommenen Plünberungen an das Auswärtige Amt in Berlin die Forderung, Kriegs schiffe in die haitianischen Gewässer ju entsenden.
Tas Reichsmarineamt befand sich dieser Forderung gegenüber in einer recht üblen Sage. Tcmi ber streuzer ,-Vremen", dem es obliegt, bie beutfdje Flagge in ben l aitianischen Gewässern zu zeigen, weilt augenblicklich zu Vermesiuiigszwecksn in ber Hudsonbai, hätte also eine gewaltige Strecke zurückzulegen, wenn er rechtzeitig in Haiti cuitreffen und dort unsere Staatsangehörigen schützen wollte. Trotzdem hat sich das Reichsmarineamt heute zur Entsendung der „Bremen" entschlossen. Taß von einem ernstlichen Widerstande der Haitianer gegen eine Flotten- Munbgcbung der Mächte, wie sie sich jetzt vorzubereitcn scheint, nicht die Rede sein kann, liegt auf der Hand. Ihre Armee ist ebenso schlecht und klein, wie ihre Flotte. Tie Hauptfrage ist nur: Was soll geschehen, um diese ewige Revolution in Haiti zur Unmöglichkeit zu machen? Ttc Union, die, wie auf >iuba, wo ja auch Unruhen auS- gebrochen sind, so auch auf Haut wegen ihrer wirtschaftlichen Interessen den größten Anspruch hätte, will von einer Besitznahme ber Insel wegen der Neger- und Misch- lingsbevöltcrung nichts wissen. Anders dagegen steht es mit einer amerikanischen Lchutzherrschaft über Haiti, wie sie die Union schon über Muüa und die Philippinen ausübt. Tenn im Golf von Mexiko und im Earaibischen Meer/ sowie aus ben im Stillen Ozcan liegenden Philippinen/ haben wir den Schwerpunkt der auswärtigen amci5Tarit- schen Politik zu suchen, nicht nur wegen des Panarnalanals und bei Ausdehnung der Herrschaft ber Union über Mittel- ameril’a, sondern auch für' ben Fall eines japanisch-amerikanischen Krieges.
Berlin, 25. Juli. Ter zurzeit in Montreal rtanaba) befindliche Kreuzer „Bremen" crbstlt den Befehl, zur Wahrung ber deutschen Interessen in Haiti nach Port- au-Prince in See zu gehen.
Port-au-Prince, 25. Juli. Tic Revolution breitete sich im 3übi 11 aus. Ter Ort Ieromic erhob sich zugunsten beS Generals Foucharb, des haitianischen Gesandten in Teutschlan0.
ReuV 0 rk, 25. Juli AuS Port au-Princ' ixnrb qemeldet, bafi der ganze Norden 111 den Händen der Au ist ä n dischen sei. Die Rcgierungstruopen seien bei Croix tu* Btauets nadi schwerem ttamvfc gelchlagen worden, iic Ltraßcn ■ wie anögestorben__ ~
Die englische Einmischung in die MaroNssrage.
Ter Unterftaateietrctär beS englischin auswärtigen Amtes Lat im englischen Unterhausc eine Andeutung gemacht, bie wiederum als eine Erschwerung ber schwebenden deutsch sranzbsischen Verhandlungen angesehen werden mutz:
London, 25. Juli. Unterstaatssekretär dcS Auswärtigen Amts, Mc. Kinnou Wood, sagte gestern in Erwiderung einer Anfrage im Un ter hause, bic Regierung sei sich ber Wichtigkeit eines 0 ff c 11 c 11 H a f en» in Vlgabir voll bewußt und iverde feine Gelegenheit vorübergehen lassen, um dies den Vertragsmächten dringend nahe zu legen.
Es gibt kein deutsches Blatt, das sich bei Eindrucks er- wehren könnte, daß bie englisck^n Zwischenruse eine große Unfreilndlichkeit Teutschlands gegenüber bedeuten und die bisherigen guten und korrekten Beziehungen zwischen beiden Ländern wieder trüben müssen. Auch aus neuen Berliner halbamtlichen Erläuterungen geht dies hervor.
Tie amtlichen dentsch-euglischen Beziehungen.
Ter Berliner Mitarbeiter der „Franks. Ztg." hat offenbar im Auswärtigen Amte Erkundigungen eingezogen über die Aufnahme, die dort der „Trompetenstoß" des englischen Schatzlanzlcrs gefunden hat. Aus dem Ton und Inhalt feiner Mitteilungen ift anzunehmen, daß er wirklich etwas erfahren hat. Er sagt u. a.:
Wenn "aij0 hiesige maßgebende Stellen deshalb noch au den privaten Charakter der Schatzkanzler-Rede glauben möchten, so bestimmt sie vielleicht auch darin die Kcnnrm», ouß das, was England durch seine Tiplomaten amtlich bis icyt an und gelangen ließ, eine ganz andere Sprache redete als bet „dröhnende TromveteMtoß" Lloyd Georges. Und zudem weiß man offiziell allerdings auch noch nicht, ob der englische Schatzkanzler die Rede, die er vom Zettet oblas, tm vorauSgegangenen Labinettsrat verabredet hatte, ob man sie dort billigte oder ob man ihn dort gar beauftragt hatte, diese Rede zu halten. Wie gesagt, das alles weiß man noch nicht und es war ja bis jetzt auch kein engludjefc Parlamentsmitglied so neugierig, es wissen zu wollen und im Parlamente danach zu fragen. Wenn man sich dort schon von der.Regierung bestätigen läßt, daß sie sich der Wichtigkeit eines offenen Hafens von Agadir vollkommen bewußt sei, so wäre ja doch in der jetzigen Situation eine Frage nach dem eigentlichen Charakter der Schatzkanzler-Rede ganz imer- essant und aufklärungsverheißcnd gewesen. Und wenn sich unsere maßgebenden Stellen an diese mehr formellen Dinge halten und Sir Grey die Fähigkeit zuttauen, das, was er zur auswärtigen Politik zu sagen hätte, selbst zu sagen, so kann das ja auch für den Gang der Marokko-Verhandlungen selbst nur von Vorteil fein. Tenn wollten sie an einen offiziellen Charakter der Schatz- tanzler-Rede glauben, so ergäbe das nur ein $) er übet- und Hinübersragen und -Antworten, das den Gang der Verhandlungen sicherlichnichtbe schleunigen und fördern könnte. Es wäre bann sicherlich auch keine sehr angenehme Sache, Dritten gegenüber sagen zu müssen: Wir brauchen deine Warnungen nicht; tue in Ruhe das, was unsere eigenen Volksgenossen in beiden Ländern tun müssen: Warte, bis wir mit den Verhandlungen fertig und im Reinen sind!
WaS will England?
lieber diese Frage gibt bie „Germania", eines ber führenden Zentrumsblätter, Antwort. Das Blatt behauptet,
Der Retter von ErauSenz.
(Zum 100. Todestage Courbiöres.)
Unter ben wenigen, bie nach bem Zusammenbruch des preußischen Staates bei Jena unb Aucrstäbt bcm alten Heldengeiste Friedrichs bes Großen treu blieben, ragt als IcuchtenbeS Vorbilb bic prächtige Gestalt bcS alten Cour- diöre hervor, dessen 100. Todestag in diesen Tagen feierlich begangen wird. Er war es, der die Weichselfeftung Graubenz bis zum FriedenSschluß rühmlichst gegen bic Franzosen behauptete. Während bic anbcren greifen Generale in müder Stumpfheit sich bem Korsen ergaben, während all die anderen „Feberbüsck^e', wie man bie Hom- manbeure nannte, in ein furchtsames Zittern gerieten, hatte er mit seinen 74 Jahren noch nichts von ber tapferen Energie verloren, die ihm einst bie Anerkennung bes großen Friebrich eingetragen. Einem aus Frankreich feines Glaubens _megen ausgewanberten Geschlecht entstammenb, war er 1756 als Jngenieurkapitän in preußische Tienste getreten, hatte im siebenjährigen Krieg mit 2luszricknung ein Freibataillon geführt unb von Friebrich ben Orden pour le m6rite erhalten. Während der langen Friedenszeit machte sich Courbiöre durch Ausbildung ber Füsiliere um das preußische Kriegswesen verdient, führte dann in den Revoluttonskriegen die preußischen Garden, eroberte Verdun unb entschied die schlacht bei Pirmasens. Seit 1798 hatte er ben Ruheposten eines Gouverneurs von Graubenz, aber er bewies, baß er biesen Posten auch in ber Stunbe ber Gefahr ausznsüllen wußte Obwohl bie Verteidigungsmittel nicht in bestem Zustande waren und er sich auf bie zum Teil aus Polen bestehende Garnison nicht recht verlassen konnte, hielt er doch an bem dem König gegebenen Gelöbnis fest, die Festung nicht zu geben, solange noch ein Tropfen Blut in seinem Körver sei.
Im Januar 1807 kam die erste französische Aufforderung zur llebergabc. Mit Entrüstung wies ber Gouverneur dies.Ansinnen von sich. Als bann Savary die Festung Gelagerte, wies er jede Bitte um eine Zusammenkunft rücksichtslos von sich. Der Franzose beklagte sich bitter über diese Unhöflichkeit und schickte ihm einen Brief, in dem er bemerkte, der König von Preußen habe ja den
Franzosen seine Staaten überlassen und ihnen damit alle feine Rechte cingeräumt. Courbiöre aber erwiderte dem französischen Abgesandten lachend, was auch für Preußen gelten möge, für Graudenz treffe solch sonderbare Beweisführung tcdenfalls nicht zu, hier fei Friedrich Wilhelm noch Gebieter unb bleibe cs: „Wenn es keinen König von Preußen mehr gibt, so gibt es noch einen König von Granden z." Ende Mai begann der Feind eine förmliche Belagerung, aber Courbiöre hielt sich gut und fügte bcm Feind vielen Schaden zu. So blieb die Festung preußisch, unb bie tapfere Tat hatte ben schönen Erfolg, baß ber König beim Friebensschluß daburch fast ganz Westpreußen erhielt. Courbiöre wurde vorn König zum Generalfelb- marschall ernannt. Tie Zitadelle, bic er so treu vor Feinbeshond bewahrt, führt heute ben Namen des Retters von Graubcnz.
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— Tas Schema des Cperettenterteä. Ter modernen Wiener Operette widmet Tr. Jos. C. Wirth in der Neuen Freien Preise eine läimerc Untersuchung, aus der wir den Abschnitt über das Textbuch mit einigen Kürzungen wicder- geben: Tas Libretto wird bei der Operette mit Munk umhängt und drapiert, tm Gegensatz zur Over, bte es mit Musik füllt und beseelt. Vor allem darf das Libretto nicht langweilig sein, sonst schlottert das mu>ikali''che Gewand um bte magern Glieder und wirst häßliche Falten. Viel weniger wichtig ist die Forderung nach Logik und Wahrscheinlichkeit der Handlung. Mag sich auch die Gestalt des Librettos bei näherer Besichtigung als eine in allen Scharnieren knackende Gltederpruppe crroci’cii — der schillernde Mantel der Pttn'ik deckt alles. Nur des Gesicht muß lachen können. Mau hat für diele Lizenz des Operettenpoeten den un- l'.ebenswürdtgen Nomen „Operettenblödiinn" aufgebracht, doch dieser allein bat noch nie den Erfolg einer Operette in Frage gestellt. Es l)andelt sich also beim Libretto nicht so sehr um das „Was", sondern um das „Wie". Tiefe Erkennmis hat unsere modernen Buchmacher dazu geführt, ein für allemal eine Art Schema für die Handlung air'suitdlen uns nur in Ausnahmewllcn davon adzugehen. Ta ist vor allem ein mehr oder weniger seriöses Liebespaar, das >ingt, und ein beüeres, das tanzt. Tas Erstere wird au5 zwei Edelmenschen gebildet, die zweiemhalb Akte lang unglücklich ineinander verliebt und uno mit allen möglichen ttninen davon abgehalten werden, sich in die Arme zu fallen. Tas zweite, das tanzende Liebespaar ist von Anfang an vollkommen einig
und keinerlei sentimentale Anwartblungen trüben seine heuere Weltanschauung. Nur haben meist beide Teile ein äußerst streitbares Temperament, was zu den Zankduetten unb den stets mit einem Tänzchen endigenden Verföhnungsszenen führt. Durch bteic beiden Liebespaare ist für Abwechslung gesorgt unb bie gefährliche Klippe der Langeweüe wird glücklich umschifft. Außerdem entspricht dieses Schema dem modernen Prinzip der Arbeitsteilung, dessen wirtschaftliche Vorteile auch hier ohne westeres einleuchten. Tie erste Sängerin muß nicht tanzen können, der Soubrette dagegen wird weder viel Gesangskunst noch eine besonders schöne Stimme zugemutet. Bei der ersten ist ein wohlausgebilbetcr Kehlkopf bie Hauptsache, bet der zweiten eine zierliche graziöse Gestalt und em munteres Augenspiel. Es ist ohne westeres klar, baß es für jedes Theater leichter ist, sich zwei Darstellerinnen zu verschaffen, die diesen Bedingungen genügen, als eine, die alles in sich vereinigt. Es wirkt nicht mehr besonders peinlich, wenn die erste Sängerin em bißchen gar zu junonifd; in der Erscheinung und gar zu phlegmatisch tm Spiel ist: wenn sie nur singen kann. Tie Soubrette braucht dafür nur ein kleines scharfes Pieps- stunmchen zu haben, mit dem sie ihre manchmal ein wenig zweideutigen Tanzstrophen vortragt. Bei bem darauffolgenden zierlich gehüpften Ritornell kommt das Publikum sicher auf ferne Rechnung. Btt den Parmern dieser beiden Tarnen verhält sich die Sache ähnlich, nur müssen dem seriösen Liebhaber außer den glan^ollcn hohen Tönen auch ein paar Gesten des verletzten Mannes- ftolzes oder wehmütig reiigmerten Schmerzes zur Verfügung stehen. Tas lernt sich aber bald, unb ein geschickter Regisseur kann da auch bei dem darstellerisch unbegabtesten Rstter vom hohen C Wunder wirken. Tas Perfonenverzetchnis ber modernen Operette führt außer den zwei erwähnten Liebespaaren stets eine komische Alte und einen noch komischem Alten an. Bei der erstem hat der Librettist bie Wahl zwischen einer sehr dicken alten Tome, die sämtlichen in ber Operette vorkommenden Männern nach- stcllt, oder einer sehr magern alten Tante oder Gesellschafterin, die sie sämtlich verabscheut. Beide sind der römischen Wirkung stets von neuem sicher. Ter komische Alte hat weniger Spielarten. Er muß unter allen Umstanden möglichst vertrottelt fern und sich im '.Ibendglanze eines Ton Iiianmms sonnen, das ihm nieman ■ wehr glaubt. Tie beiden komischen Alten sind, abgesehen von der Abwechslung, die fie in die Handlung bringen, wichtige Stützen des mufitalischen Ensembles, indem sie der Kvmpoiwt bei den Aktschlüssen mit den beiden Liebespaaren zu einem Sextett vereinigen kamt.


