Ausgabe 
2.2.1911 Zweites Blatt
 
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Pfarrer Norellr Uandidatenrede.

Gießen> 2, Febr.

, Im großen Saal des Cafe Leib sprach gestern abend der Reichs- tagskandldat der fortschrittlichen Voltspartei für den Wahlkreis Gießen-Grünüerg -Nidda, Pfarrer K o r e l l aus Königstätten. Schon tauge vor Beginn der Versammlung hatte sich der geräumige «Saat mit Zuhörern dickt gefüllt, die den pünktlich erscheinenden Redner Leim Eintritt in den Saal stürmisch begrüßten. Ter Vorsitzende der Wahlireisleiuing der fortschrittlichen Volkspartei des Wahl­kreises Gießen-Grürckcrg-Nidda, Justtzrat Metz, hieß die Au- tvesendeir willkommen, und führte Darauf aus, daß ein Zusammen­gehen aller liberalen Männer im Wahlkreise leider nicht erziett worden wäre. Erne Einigung sei um so wünschenswerter gewesen, da ja mir so den reaktionären Bestrebungen des schwarz-blauen Blocks wirksam entgegengetreten werden könne. Aber die tat­sächlichen Verhältnisse seien oft stärker als der Wunsch der einzelnen und machten es nötig, den schweren Kampf nach den verschiedenen Richtungen allein zu führen. Die bevorstehende Reichstagsersatzwahl sei in mehr als einer Beziehung von Bedeutung, nicht bloß für den Wahlkreis selbst, sondern überhaupt für den Ausfall der Wahlen cm Reiche. Es werde sich zeigen, db in Zukunft ein wirklich liberales Regiment geführt werde, oder ob die Reaktion dauernd ihr Haupt erheben solle. Da sei es denn ein Trost, diesen schweren Kampf für Recht und Freiheit unter dem Banner eines erprobten, libe­ralen Parteiführers antreten zu können. Pfarrer Korell bringe ein großes Opfer, indem er sich zur Annahme einer Reichstags- kandidattrr unseres Wahlkreises bereit erklärt habe. Unsere Pflicht sei es, ihm nicht allein zu danken, sondern auch bereitwillig alle Kräfte für eine gute Sache einzusetzen.

Sodann erteilte er Pfarrer Korell das Wort, der in ungefähr A^stündigen, oft von Beifall unterbrochenen Ausführungen sein Programm darlegte. Einleitend bemerkte er, wie es für ihn einen schweren Kampf gekostet habe, als am Montag abend 8 Uhr am Zentralbahnhof zu Frankfurt a. M. der Vorstand der fort­schrittlichen Volkspartei des hiesigen Wahlkreises mit der Bitte tut ihn herangetreten sei, zu kandidieren. Nicht bloß Verpflich­tungen, die er einem anderen Wahlkreis gegenüber auf sich ge- inommen, sondern auch die Tatsache, im Interesse der Partei nach Kräften überall zu helfen, wo es nötig sei, sowie der Wunsch, sein Pfarramt, dem er mit ganzem Herzen ergeben sei, in keiner Weise zu vernachlässigen, sowie dre sehr begreifliche menschliche Rücksicht feiner in Gießen lebenden alten, kränklichen Mutter gegenüber, der Man sicher bei dieser Gelegenheit nicht gerade die guten Seiten jihres Sohnes vor Augen führe, habe ihm die Zusage recht schwer gemacht. Das sei ihm von Anfang an klar gewesen, daß der gemeinsame Kandidat nicht Korell geheißen hätte. In der Tat sei er gewillt, ein en Da mmnachlinksaufzu richten und zugleich zu zeigen, daß er auch Verständnis habe für die Bedürfnisse und das Wohl des Dorfs. Er sehe in der Kandidatur eine Uebung, der er nicht aus dem Wege gehen wolle, wie ja auch der Soldat der Einberufung zur militärischen Uebung sich nicht entziehen könne. In dem bevorstehenden Wahlkampfe stehe er ganz auf dem Standpunkte, daß nur sachlich, ehrlich und offen oder mie der Kandidat der nationalliberalen Partei, Professor Tr. !Giscvius, gesagt habe, reinlich gekämpft werde. Man müsse jederzeit in dem Gegner die Menschenwürde achten, und die Vertretung der verschiedenen Ansichten dürfe nicht in Gezänk ansarten. Dann werde in den Herzen der Wähler keine Bitternis aufkommen, und sie könnten dann der mit nüchterner Ueberlegung noch politisch-sachlichen Gründen zu treffenden Sttch- ,Wahlparole fteudig folgen.

Unser heuttges politisches Leben, fährt der Redner weiter 'fort, krankt vielfach daran, daß der Politiker viel zu wenig als ein Ganzes aufgefaßt wird, viel zu wenig Persön­lichkeit ist. Der politische Kampf löst sich in Einzelforderungen und Einzelprogramme, die im Rahmen der Tendenz und der gesamten Struktur der Partei zu behandeln sind, wodurch der Einzelne vielfach .zum Automaten des Programms herabsinkt. Das ist entschieden verkehrt, nur ehrliche Ueberzeugung, inneres Müssen, Nichtanders können müssen b tc I'Triebfedern der Handlungen sein. Auch muß es aus­geschlossen sein, zur Befriedigung des Mandatsehrgeizes zum Ver­wandlungskünstler zu werden, der möglichst viele aus allen Lagern herbeiziehen möchte und Wirtschaftspolitik, Staatspolttik und Kul­turpolitik entsprechend zurecht macht, dtur die Gefamrüberzeu- gung, was unser Volk als Ganzes zu fördern im Stande ist, kann maßgebend sein. Wir können international nur dann etwas sein, wenn fair national sind. Aus nationalen und ethisch­nationalen Gründen müssen wir uns zum'Nolte bekennen, dem wir auch nominell angehören. Wir wissen, daß hier nicht alles Gold ist, aber man darf nicht verkennen, was dieses Volk schon geleistet hat und noch leistet, will man sich nicht der Gefahr der Ungerechtigkeit aussetzen. Wie aber ein zu erziehendes Kind psychologisch er­forscht sein muß, so ist Recht und Pflicht des Staatsbürgers, Volk und Staat in ihren gegen seitigenlbeziehun- g en zu einander auf zufass en und gerecht ^u be­urteilen. Demokratie und Liberalismus sind von feher in der gerechten Beurteilung einig gewesen. Dabei gefällt uns- manches nicht. Heer und Flotte kosten viel Geld. Können sie aber deshalb entbehrt werden? Die Ausbildung des Soldaten läßt manches zu wünschen übrig, und doch ist sie, alles in allem ge­nommen, eine unvergleichlicheJungmannsschule, ein wichtiges, nationales Erziehungsmoment. Die stettg zunehmende Bedeutung der Schiedsgerichte zur Beilegung internattonaler Strei­tigkeiten und ihr immer besserer Ausbau kann nur unsere Zustim­mung erfahren, aber wird ihre Einrichtung die deutsche Ab­rüstung rechtfertigen?

Die breite Schicht des deutschen Volkes ist nicht aus Chauvi­nisten zusammengesetzt. Heer und Flotte sind so zu gestalten, daß der Soldat eine Persönlichkeit ist. die drückenden Kosten müssen aus den Taschen der internationalen Kaufleute und großen Fabrikanten fließen, die auch in erster Linie den Nutzen haben. Dabei ist nicht P ol iz eir e g im ent, sondern Erziehung zur selbstbewußten Freiheit der beste Schutz. Nicht Aus­nahmegesetze, sondern echt liberale Maßnahmen entziehen der Sozialdemokratie den Boden unter den Füßen. Kanonen und Schiffe tun es nicht allein, sondern Schutz der Geistesfteihcit, Un­abhängigkeit der religiösen und politischen Ueberzeugung. Deutsch- Irntb ist reich an Geld, aber arm an Vertrauen auf Freiheit Und Geist.

Was tut nun der Staat? Es muß zugegeben werden, daß Deutschland an sozialen Fürsorgegesetzen allen anderen Staaten vorausgeeilt ist. Auch auf dem Gebiet der Schicke und geistiger Bildung kann es recht wohl den Vergleich mit anderen Staaten aushalten. Und doch steht es schlecht. Eine Menge fruchtbarer Keime werden durch eine schwarzblaue Atmosphäre er­stickt oder doch in der Entwickelung zurückgehalten. Sie können sich nicht entfalten, weil die Heiligen und Ritter ein unheilvolles ^Regiment führen. Tas unheimliche Junkerregimeitt, das sich an das Dreiklassenwahlrecht anklammert, drückt wie ein Hemm­schuh nicht bloß in Preußen, sondern in ganz Tcutschland den Aufschwung der 9iation nieder. Das einzui ährende Pluralwahl­recht in Hessen ist keineswegs geeignet, Befriedigung zu erwecken.

Zurzeit seufzt Deutschland unter den Folgen einer ver­kehrten Finanzwirtschaft, die vom Zentrum und Konservativen zurechtgemacht, gerade den Mittelstand schwer be­lastet. Daß die von 'Nationalliberalen und Freisinnigen befür­wortete Erbanfallsteuer nicht angenommen wurde, daran ist der Bund der Landwirte schuld, der den Geldbeutel der Großgrundbesitzer schonte, wie denn ihr Führer v. Wangen­heim es offen als eine Feigheit erklärte, daß nicht die ganzen Reichsausgccken aus indirekten Steuern bestritten würden. Ter Bund der Landwirte ist kein Schutz des kleinen und mittleren Landwirts, er ist in einseitigem Egoismus zum alleinigen Be­schützer des Rittergutsbesitzers ausgewachsen. Tie hessische nationalliberale Partei, die sich allerdings von den Nationalliberalen des Reiches wesentlich unterscheidet, hat mit dem Buick) der Laildwtrte in verichtedenen Heimchen Wahlkreisen paktiert und wird es sich demgemäß gefallen lauen müfsen, wenn sie gerade so behandelt wird.

Wem wird mm die Zullmft gehören? Den Konservativen nicht mit ihrer alten patriarchalischen Auffassung des Staats­wesens, auch dem Zentrum nicht, denn es ist nichts anderes als die politisch organisierte Vertretung der römisch-katholischen Kirche, auch der Sozialdemokratte nicht als Vertreter einseitiger Klassen­politik, sondern allein den Ideen des wahren Liberalismus, in denen des Volkes Freiheit, Macht und geistige Wohlfahrt be­gründet liegt. *

Langandauernder Beifall folgte des Redners Ausführungen, für die der Vorsitzende den Dank aussprach. Eine eigentliche Aussprache folgte nicht. Nur Rechtsanwalt Spohr richtete,an den Vortragenden die Frage, wie er sich zu dem in Aussicht stehenden Kurpfuschergesetz und den Impfzwang stelle.

Zn dem darauf folgenden Schlußwort erläuterte dann der Reichstagskandidat Pfarrer Korell seine Stellung zu der Reichsversicherung und der Wirtschaftspolitik. In erster Sache ist er für eine größere Selbständigkeit der Krankenkasse und wünscht, daß zu den Arbeitskammern auch die Ar­beitersekretäre herangezogen werden. Als Gegner des Freihandels will er die Zölle nach der jeweiligen Konjunktur und der Lage der Landwirtschaft gestaltet wissen. Er erkennt in dem Zoll nicht das Allheilmtttel und weiß, daß er eine schwere Last für den Nichtlandwirt bedeutet. Er verwahrt sich gegen Einführung neuer Zölle, sowie deren Erhöhung und ist für Abschaffung der Futtermittelzölle.

Nach einer Aufforderung zum Beitritt und zur Unterstützung der fortschrittlichen Volkspartei schloß der Vorsitzende die Ver­sammlung.

Aus StaOt und Land.

Gießen, 2. Februar 1911.

Tageskalender für Donnerstag, 2. Fehr. Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: Vortrag von Prof. W. Sievers über seine Reise in Peru und Ecuador 1609. Abends 81/* Uhr in der großen Aula der Universität.

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**9) vctte Guilbert-Konzert am 11. Februar in der Aula. Man schreibt uns: Lange bevor die große Diseuse AvetteGuilbert dem Wunsche ihrer Verehrer und dem eigenen erwachenden Bewußtsein folgend den Sprung vom Brettl zur ' ernsten Bühne tat, der ihr in so glorreicher Weise gelang, haben einige Größen der französischen Lite­ratur in ihr die berufene Interpretin tragischer Gestalten geahnt. Wenn sie auch in der Zukunft wohl mehr dem kurzen, und in ihrer Interpretation so dramatischen Chan­son treu bleibt, so hat es doch immerhin Interesse zu er­fahren, was die gesagt haben, deren scharfer, kritischer Blick in der Sängerin derPierreuse" und anderer typi­schen Gestalten die zukünftige eigenartige Schauspielerin herausgefühlt hat. Oetave Mirbeau sagt kurz von ihr: Für 9)üette Guilbert müßte ein moderner Shakespeare kom­men. Paul Hervieu, der geistvolle Romancier und Dra­matiker, versichert in einem ihr gewidmeten Artikel, sie ist vor allen Dingen Tragödin, eine große Tragödin, mit ihrer merkwürdig harmonischen Gestalt, ihrem von Blässe maskierten Antlitz und in ihren Gesten, die in den fast un­bewußten Bewegungen die Fatalität zu personifizieren scheinen.

u ** Stadttheater. In der Schüler-Vorstellung von Maria Stuart" am Samstag nachmittag wird die Titel­rolle für die erkrankte Frau Baumeister von der Heroine des Koblenzer Stadttyeatcrs Fräulein Elfe Do h m en gespielt werden.

** Kriegerveroin Gießen. Am letzten Sonntag feierte der Kricgerverein Gießen fein 3 7. Stiftungsfest. Der große Saal inSteins Garten" war dicht gefüllt. Das Offizierkorps des Kaiser-Regiments und die Reserveoffiziere waren stark vertreten. Der Vorsitzende Gabriel begrüßte alle Erschienenen. Hierauf hielt der Ehrenvorsitzende Meyer eine kernige Ansprache, die in einem Hoch auf Kaiser und Großherzog ausklang. Weitere Ansprachen hielten Oberst­leutnant v. Kn obels d orff, der über die Beziehungen des Regiments zum Kriegeroerein sprach und auf das weitere Blühen und Wachsen des letzteren ein Hoch ausbrachte, so­wie Bezirksvorsteher Da ab und Stadtverordneter Kom­merzienrat Em melius. Aus dem Programm find hervor­zuheben ein von Fräulein Launsbach sehr gut vor­getragener Prolog, das patriotische FestspielDes Invaliden Ende" und der SchwankEine Soiree bei Hauptmanns", welch letzterer von Mitgliedern des hiesigen Stadttheaters gespielt wurde und sehr gute Stimmung hervorrief. Mehrere von Herrn Laux vorAstragcne Lieder fanden großen Beifall. Der musikalische Teil wurde von der hiesigen Regiments­kapelle trefflich ausgeführt und den Schluß bildete wie üblich ein Tanzvergnügen.

Landkreis Gießen.

ch. Eberstadt, 1. Febr. Gebern abend fand in der Kirche ein Familienabend statt. Missionar Dassel aus Kreuznach hielt einen Vortrag über die Tätigkeit der Rheinischen M i s s i o n s g e s e l l s ch a f t in Deutsch- Neuguinea. Er stellte seinen Zuhörern vor, daß es die vornehmste Pflicht eines jeden Christen sei, nach Kräften dazu beizutragen, die schwarzen Brüder dem Lichte entgegen­zuführen. Die am Ausgang erhobene Kollekte ergab einen ansehnlichen Betrag.

Kreis Schotten.

O Schotten, 1. Febr. Der hiesige Zweigverein des V. H. C. hat am sogen. .Galgenberg" eine schöne Rodelbahn angelegt, die eifrig benutzt wird. Ein Mädchen fuhr gegen einen Baum und verletzte sich derart, daß ärztliche Hilfe nötig wurde. Von heute an ist das Amtszimmer des Kreiskasserechners Steul m das Rathaus verlegt.

? Nom Nogelsberge, 1. Febr. Infolge des em* getretenen Frostes haben sich prächtige Flächen zur Anlage von Rodelbahnen auf dem tragfesten Schnee gebildet, die von jung und alt tüchtig benutzt werden. Erwachsene greifen jetzt wieder zu der in der Jugend liebgewonnenenDässe" (Kmderschlltten) und fahren die steilen Abhänge hinunter. Niel Wild ist schon infolge des hohen Schnees ein- gegangen. So fand dieser Tage ein Jagdpächter zwei tote Rehe, die von Füchsen stark angefressen waren; ebenso hat das Raubivttd die Rebhühner stark dezimiert.

Kreis Lauterbach.

~ Radin ühl, 31. Jan. Geitern nacht gegen 1 Uhr brach in der Hofreite des Landwirts Heinrich iRöller hier Feuer aus, das Scheuer und Stallung vollständig in Asche legte. Auch das Wohnhaus ist stark beschädigt und es ist nur unserer neuen Wasserleitung zu verdanken, daß dieses größtenteils gerettet iverden konnte. Tie Entstehungs­ursache des Feuers ist bis jetzt unbekannt.

Herbstein, 1. Febr. Die gelinge Verpachtung der hiesigen Gemeindejagd brachte gegen seither einen Mehrerlös von 460 Ml. Hochstbietender blieben die Frei­herren Riedesel zu Eijenbach mit 2005 Mk., die auch seither

Pächter der Jagd waren. Ein hiesiger Iagdliebhaber, be­ben Wert der Jagd kannte, hat den Pachtpreis in die Höhe getrieben, wodurch bet Gemeinde eine ansehnliche Mehr* einnahme zugekommen ist.

Kreis Friedberg.

X Ba d-Nauh ei m, 31. Jan. Am 12. Februar wird hier in den Räumen des Stadthauses vom hiesigen Gaswerk eine Ausstellung von Gas--, Koch- und Heiz­apparaten eröffnet werden. Im Vortragsver­ein hielt heute abend Tr. H. G e i s o w - Frankfurt a. M. einen interessanten Vortrag über Dante. Die Ausfüh­rungen wurden durch Rezitationen aus einer eignen lieber-, tragimg der Commedia erläutert und ergänzt.

ch. Butzbach, 1. Febr. Der ä Hefte Einwohner, unserer Stadt ist Musiker Braun. Er steht bereits int 92. Lebensjahre und ist körperlich und' geistig noch voll­kommen frisch. Seine Gattin hat das 87. Lebensjahr zurück­gelegt. Eine weitere 90jäbrige ist Frau Bellos, die am Samstag 90 Jahre alt wurde. Bei der heute stattgefun­denen V. e r p a ch t u n g der hiesigen Jagd wurden 5115 M, erlöst.

Starkenburg und Rheinhessen.

R. B. Darmstadt, 1. Febr. Beim Staatsminister Ewald wird am nächsten Freitag im Ministerhotel ein Parlamentarischer Abend stattfinden, zu dem außer den höheren ivdinisterialbeamten sämtliche Mitglieder der Ersten Kammer eingeladen sind, die an diesem Tage zur Plenarberatung zusammentritt. Am Montag den 6. Febr. geben Staatsminister Exz. Ewald und Frau Gemahlin in den Gesellschaftsräumen der Vereinigten Gesellschaft eine größere Ballfestlichkeit, zu der über 300 Einladungen ergangen sind. Der Hessische Automobilklub war vor einiger Zeit an die Direktion der Süddeutschen Eisenbahngesellschaft mit dem Ersuchen herangetreten, an der Unfallstelle auf der Griesheimer Chaussee, wo das Automobilunglück stattfand, das zwei Frankfurter In­genieuren und der Frau Wolfsturm von hier das Leben kostete, geeignete Warnungstafeln anzubringen. Ta sich die Direktion weigerte, diesem Ersuchen zu entsprechen, hat sich der Vorstand des Hessischen Automobilklubs an das Kreisamt gewandt und dieses hat nunmehr dem Klub gestattet, entsprechende Warnungstafeln aufzustellen. 'Tie Studierenden der Technischen Hochschule hielten gestern abend ihren diesjährigen Kaiserkommers ab. Die Festrede hielt der erste Vorsitzende des Ausschusses der Studierenden, Stud. Richers (Rhenania). Später gedachte Sind. Frank (Germania) des Großherzogs. Nachdem dann Stud. Götz auf das schöne Einvernehmen zwischen Pro­fessoren unb Studenten einen kräftigen Salamander kom­mandiert hatte, dankte namens des Lehrkörpers der Rektor, Geh. Rat Dr. Schenk mit herzlichen Worten und für den Dank an die Gäste entgegnete Baurat Jäger mit einem Salamander auf die akademische Jugend.

m. Offenbach a. M., 2. Febr. Der Beamtenverein hat an die Stadtverwaltung eine Eingabe gerichtet, in der eine Erhöhung der Witwen- und Waisenbezüge gefordert wird unter dem Hinweis auf andere Städte, die 30 Prozent des zuletzt be­zogenen Gehaltes den betreffenden Beamten als Witwengeld zahlen. Das Witwengeld beträgt zurzeit 30 Prozent und das Waisen­geld ein Fünftel des Ruhegehaltes.

d. Mainz, 1. Febr. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten wurde ein Gesuch des Rheinischen Bis­marckvereins um Zuwendung eines Zuschusses für die Schaffung eines Festplatzes an der Bismarcksäule in Nieder- Jngelheim dem Finanzausschuß überwiesen. Kaum sind die sogen. Schrebergärten von der Stadt errichtet worden, um den Arbeitern Erholungsstätten zu bieten, fin­den sich auch schon Interessenten ein, um dort Flaschen- bier Verkaufs stellen zu errichten. Ein derartiges Ge­such wurde den Stadtverordneten vorgelegt; der Bürger­meister beantragte Uebergang zur Tagesordnung, da die Gärten nicht errichtet worden seien, um den Alkoholgenuß zu fördern. Die Sozialdemokraten beantragten Verweisung des Gesuches an einen Ausschuß. Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt und der Antrag des Bürger­meisters angenommen. Die Stadt hatte dem Kriegsmini« steriums zur Errichtung des Korpsbekleidung s- a m t e s zwei Plätze zur freien Verfügung gestellt. Der eine Platz befindet sich in der Rheinallee und da dort bedeutende Fundamenlierungslösten notwendig sind, hat die Stadt hier­zu einen Zuschuß von 70 000 Mark angeboten, der andere Platz gehört dem Reichsschatzamt vor dem Frankfurter Tor in Mainz-Kastel. Tas Kriegsministerium hat nun den letzteren Platz ausgewählt, ist aber der Meinung, daß die Stadt zu den Fundamentierungskosten ebenfalls 70 000 Mk. zufchietze. Oberbürgermeister Dr. Göttelmann bemerkte da­zu, daß dies ein Irrtum des Kriegsministeriums sei, die 70000 Mark feien nur für den Platz in der Rheinallee vor­gesehen gewesen. Tie Verhandlungen hierüber seien mit dem Kriegsministerium noch nicht abgeschlossen. Bezüglich der Eingemeindung von Kostheim steht die Bür­germeisterei nach wie vor auf einem ablehnenden Stand­punkt. An Parochialumlagen kommen im Jahre 1911 zur Erhebung : Von den Evangelischen in Mainz 86 670 Mk., in Mainz-Kastel 3000 Mk. und in Mainz-Mombach 3500 Mark, von den Katholiken 81600 Mk. und den Angehörigen der freien christlick)en Gemeinde 2800 Mk. Heute nach­mittag traf vom Hofmarschallamt in Darmstadt ein Tele­gramm ein, mit der Mitteilung, daß der Großherzog am 10. Februar der 3. H e r r e n s i tz u n g in der Stadt­halle beiwohnen werde.

Hessen-Nassau.

§ Marburg, 1. Febr. Während der Haupt-Voranschlag der Stadt Marburg in Einnahme unb Ausgabe mit 1 387 400 Mk. abschließt, ist der außerordentliche Voranschlag mit 361 930,94 Mk. festgesetzt. Erwähnt seien hier 80 000 Mark für oen schon lange geplanten Erweiterungsbau des Rathauses und 40000 Mark lüi Den Erweiterungsbau der städtischen Oberrealschule. Zv diesem Sommer wird hier das Verbands fest des Ath- letenverbandes beider Hessen abgehalten.

I1. C. Aus Nassau, 31, Jan. Die neue Bahn­linie MarienbergErbach wird am 1. Mai dem Ver­kehr übergeben werden. Die neue Strecke läuft über die größte 3uü Nieter lange Betonbrücke im Deutschen Reiche, bie das romantische Waldtal der großen 9li|ier überwölbt. Auf 12 Bogen ruht die mächtige Anlage, von denen die viel größten bis zu einer Höhe von 85 Nieter emporsireben und in einer Spannweite von 30 Meter die eigentliche Talsohle überschlagen, wahrend die übrigen kleineren auf den Tal­wänden ruhen. Aesihetisch reiht sich der Bau der Gegend an und seine weiten Bögen gestalten herrliche wechselnde Durch­blicke nach dem romantischen Sliftertal. Die Baukosten der Brücke beziffern sich auf rund 300000 Mk. Die neue Linie wird den Umweg, den die Bahnstrecke HervornWesterburg- Hachenburg nimmt, abkürzen und die Kreisstadt Üllarienbero mit Dem arbeitsamen Dorfe Erbach, dessen Basaltbrüche, Holz-, Lehm- und Aluminium-Bearbeitungsanlagen einer vielköpfigen