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Zweites Blatt
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Lricheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Gießener ZamiliendlStter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das ’.Krcisblatt für den Kreis Sieben" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen inonatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Donnerstag, 2. Februar 1911
Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen UnwersnätS • Blich» und Steindruckerei.
R. Lange, Dießen.
Redaktion, Expedition und Dnickerei: Eckul»
ftraße 7. Expedition und Verlag:
Redaktion.L^lI2. Tel.-2tdr.:AnzcigerGieben.
mb. Deutscher Reichstag.
119. Sitzung, Mittwoch, den 1. Februar«/ Am Tische des Bundesrats: Wermuth, Kühn.
Präsident Wrof Schwerin-Löwitz. - 4 eröffnet die Sitzung um 12 Uhr 15 Minuten.
Die drifte üeiung des Zuwadisifeuergelefzes.
(Zweiter T a g.)
Die Beratung wird beim § 23 fortgesetzt. Die §§ 23 bis 25 bleiben unverändert.
Em Antrag Trimborn (Ztr.), die zurückerstatteten Steuer- betrage vom Tage der Zahlung ab mit 4 Proz. zu verzinsen, wird — nachdem UnterstaatSsekretär Kühn sich dagegen ausgesprochen hatte — abgelehnt.
Bei § 26 beantragt Abg. Dr. Weber (Natl.), daß die Verwaltung der ZuwachSiteuer durch die von der Landesregierung hierzu bestimmten Stellen erfolgen soll.
Ter Antrag wird nach einer zustimmenden Erklärung bef Dbg. Dr. Neumann-Hofer (Vp.) angenommen.
Die 88 27 bis 35 bleiben unverändert.
Beim § 35a beantragt Abg. Trimborn (Ztr.), daß gegen den Steuerbescheid als Rechtsmittel nicht das Verwaltiuigssireitver- fahren, sondern der Rechtsweg zulässig sein soll.
Neichsschatzsekretär Wermuth
bittet dringend, jetzt in dritter Lesung, nicht mehr mit solchen Abänderungsanträgen zu kommen, die in Einzelheiten eingreifen.
Abg. Dr. Junck (Natl.)
spricht sich ebenfalls gegen den Antrag aus. Der Rechtsweg sei auch viel teurer als das Verwaltungsstreitverfahren.
Aby. Tove (Vv.):
Auch wir halten in dieser Frage den ordentlichen Rechtsweg nicht für geeignet.
Ter Antrag Trimborn wird abgelehnt. Die §§ 35a, 36 und 37 bleiben unverändert.
8 37a, wonach die Entscheidungen der obersten Verwaltungsgerichte über die Auslegung dieses Gesetzes in einer gemeinsamen Veröffentlichung xur allgemeinen Kenntnis gebracht werden sollen, wird nach dem Kompromißantrage Graf We st a r p g e st r i ch e n.
Nach 8 37aa ist dem Grundstückseigentümer auf Antrag für sein Grundstück von der Steuerbehörde ein Bescheid über die bis dahin feststellbaren Berechnungsgrundlagen zu erteilen.
Abg. Euno (Dv.):
Der § 37aa ist eine zweischneidige Waffe. Er ift im Interesse der Steuerpflichtigen geschafjen, kann aber leicht zu Komplikationen führen.
Ter § 87aä bleibt unverändert, ebenso die §§ 38—48. Der Anteil der Gemeinde.
Nach § 49 erhält das Reich 50 Proz., die Gemeinden erhalten 40 Proz., die Bundesstaaten 10 Proz. des Ertrages.
Abg. Göbrc (Soz.) beantragt, nur 30 Pcoz. dem Reiche z:: geben. Aus diesem Anteil sollen 6 Millionen für die Veteranen verwendet werden^ Die Gemeinden sollen 60 Proz. erhalten
Abg. Enno (Vv.):
Diesen Antrag lehnen wir ab, weil sonst für das Reich so wenig übrig bleibt, daß der Umsatzstemvel nicht beseitigt werden kann. Wir beantragen, daß den Gemeinden, die nach der letzten Volkszählung mehr als 2000 Einwohner zählen, drei Viertel des Anteils an der Steuer verbleibt, die von den in ihrem Bereich befindlichen Grundstücken aufkommt.
Abg Dr. Weber (Natl.)?
Die Stellung der Sozialdemokratie ist unlogisch, einerseits lehnen sie das ganze Gesetz ab, andererseits wollen sie aus den Erträgen der Steuer Mittel für die KriegLveteranen gewinnen.
A'ig. Gnhre (Soz.):
Lehnen Sie nur zunächst das ganze Gesetz ab, dann werden wir schon weiter sehen.
Neickisschatzsekretar Wermuth:
Wir können nicht in diesem Gesetz die Veteranenbeihilfe fest- /egen, das muh im Etat geschehen. V-lringern S,e den Anteil des Reichs, so kann an den Abbau des Umsatz st empels nicht gedacht werden.
Neue; aus Richard Wagners Sturm- und Drangjahren.
Während uns das Leben Wagnesr» in der Reifezeit seines Schaffens und der Höhe seiner Vollendung durch die großen Brics- publikalionen und die Erinnerungen zahlloser Freunde und Anhänger auf das Genaueste bekannt ist, wird es uns, erst durch allerjüngste Veröffentlichungen möglich gemacht, die psychologische Entwicklungsgeschichte des Schöpfers des modernen Musikdramas in ihren Anfängen und ersten Versuchen zu verfolgen. Dürfen wir von der bevorstehenden Herausgabe seiner eigenen umfangreichen Sclbstbiograpyie noch wichtige Aufschlüsse erwarten, so bieten doch schon die zahlreichen Dokumente, die Julius Kapp in seinem „Jungen Wagner" vorgelegt hat, einen tiefen Einblick in die Entstehung seiner Weltanschauung, und ganz einzigartige Zeugnisse für die innersten Scelenstiirnte und Herzensregungen des genialen Jünglings offenbaren sich in dem vor kurzem bei Breitkopf und Häistel erschienenen Briefwechsel Wagners mit seinem Jugendfreunde Theodor Apcl. Schulkameraden waren die beiden auf der Leipziger Nikolaischule gewesen, und gleiche künstlerische Bestrebungen knüpften später ein inniges Band der geistigen Gemeinschaft zwischen ihnen. Zu Llpcls Drama „Columbus "hat Wagner eine Ouvertüre komponiert, und noch im Text des „Rienzi" fühlt er sich dem Schaffen des Freundes fo nahe, daß er schreibt, ihm sei es, als wenn sie die Arbeit zusammen gemacht hätten. An Apel hat der 20jährige Chordirigent und Kapellmeister leidenschaftliche Bekenntnisbriefe gerichtet, hingewühlt mit jener feurigen Unmittelbarkeit des Erlebens und in jenem chaotisch hastigen Stil, die wir an den Briefen des jungen Goethe kennen. Wir werden mit hineingcrifsen in die labyrinthischen Irrungen dieser eben erst zur Bewußtheit erwackwnden, heiß fühlenden Seele, die sich mit allen Fasern an die Welt und das Leben Hämmert und all die ewigen Enttäuschungen und Qualen der ersten Erfahrung mit unerhörter Intensität durchmacht. In einem verschwenderischen Taumel gibt er sich dem bunten Treiben der Bühne hin, bald hiinmelhock) jauchzend in der Lust des Genusses, bald zu Tode betrübt in den Bedrängnissen und Bedrückungen, die ihm aus seinem Leichtsinn. erwachsen. „Gegenwärtig bin ich ziemlich ohne Leidenschaft," heißt es z. B. am 15. September 1834, „ich Hobe keine Zeit dazu; — mit der Toni hänge ich noch etwas — Ach du lieber Gott, daS ist ja Alles; — ich lebe gegenwärtig zwar in stillen Schwärmereien, denn morgen ist Gage-Tag; — aber Du mein Gott, das ist ja alles zu prosaisch! Komm Tu zu mir, und erwärme mich!" Mitten im Einstudieren von Opern und seinen alltäglichen Berussgeschäften ergreift ihn ein wildcS Verlangen, der Stimme seines initcrn Dämons zu folgen: „O die
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Die §§ 49b bis 54 bleiben unverändert.
Aba. Enno (Vp.1: beantragt die Wiederherstellung des in zweiter Lesung strichenen § 54a über die Fideikommisse.
Der Antrag wird abgelebnt.
Bei 8 55 will Abg. Potthdff (Vp.) die Ermächtigung Bundesrats, gewisse Rechtsvorgänge für steuerpflichtig zu klären, einschränken.
Schatzsekretär Wermuth erklärt sich dagegen. § 55 bleibt verändert, ebenso im wesentlichen unverändert der Rest Gesetzes.
Als letzten Paragraphen beantragen die Sozialdemokraten einen 8 58, wonach mit dem Jnkarfttreten dieses Ge- seves das Zündwaren st eucr-Gesetz außer Kraft tritt.
Unter großer Unruhe des Hauses begründet Abg. Brey (Soz.l den Antrag. Wir werden mit unserem Antrag nickt nur den Forderungen der schwer geschädigten Arbeiterschaft, sondern auch den Wünschen der Industriellen gerecht.
Ter Antrag wird a b g e l e h n t. Dafür stimmen die Volkspartei, die Polen und die Sozialdemokraten.
Auf Antrag des Abg. Raab (Wirtsch. Vgg.) ist die Abstimmung über das ganze Gesetz namentlich. DaS Gesetz wird mit 199 gegen 93 Stimmen bei 20 Enthaltungen angenommen.
Dagegen stimmen geschloffen die Sozialdemokraten, die Mehrheit der Volkspartei und Dr. Arendt (Np.). Die Polen enthalten sick der Abstimmung.
Damit ist das Zuwachssteuergesetz endgültig ver. a h s ch i e d e t.
Die ümpffrage.
Die abgebrochene Aussprache über die Petit tonen zur I m p f f r a g e wird fortgesetzt.
Aba. Sackse (Soz.):
Wir protestieren gegen die Beschimpfung der Jmpfgegner. Wer schimpft, hat Unrecht. Die Gesepgcber haben seinerzeit den Impfzwang gar nickt haben wollen. Ter pbysiscke Zwang ist erst durch das Oberverwaltungsgericht für zulässig erklärt. Die Zahl der Jmpfgegner wächst von Tag zu Tag, weil die Schädigungen durch die Impfung sich häufen. In England, wo die' G e w i s s e n 8 k l a u s e l besieht, ist die Zahl der Pockenfälle stark zurückgegangen; sie kann also nickt schädlich wirken. Wir wollen ja nicht die Abscksasfi'ng der Impfung; wer daran glaubt, der soll sick ruhig impfen lassen aber man soll niemand zwingen Die Ent'ckädiaiingSpslickt de? S'aates bei Schädigungen durch die Impfung ist ein Gebot der Gerechtigkeit.
Geheimrat F:hr. v. Wedlitz:
Ein Ausschluß der polizeilichen Zwangsgewalt ist im Reich?- gesetz nicht zu finden und geht auch nicht aus der Vorgeschichte des Gesetzes hervor. ______
Abg. Dr. Potthosf (Vp.):
Wir glauben nicht, daß der Abbau des Umsatzstempels in der im Gesetz vorgesehenen Weise vor sich gehen kann.
Neichsschatzsekretar Wermuth:
Wenn Sie mir nicht glauben wollen, so glauben Sie doch an die Tatsache, daß Sie durch Ablehnung des Zuwachssteuer, gesetzes uns die Möglichkeit nehmen, den Umsatzstempel jemals zu beseitigen.
Abg. Dr. Potthosf (Vp.):
Ich zweifle nicht an den guten Willen der Regierung. Aber die Verhältniffe werden stärker sein.
8 49 bleibt unverändert.
Nach § 49a sind die Gemeinden berechtigt, Zuschläge zur Wertzuwachssteucr mit Genehmigung der Landesregierung zu erheben. Die Zuschläge dürfen für die verschiedenen Grund- stücksarten verschieden festgesetzt werden.
Aba. Euno (Vv ) beantragt, daß die Zuschläge auch nach der Dauer des für die Steuererhebung maßgebenden Zeitraums verschieden festgesetzt werden dürfen. Dieses Zugeständnis muß man der Selbstverwaltung der Gemeinden billigerweise machen.
Abg. Raab (Wirticb. Da.)
Wir haben keinen Anlaß, die Reckte der Gemeinden mehr als unbedingt nötig zu beschneiden. Wir stimmen dem Antrag Cuno zu.
8 49a wird mit dem Antrag Cuno angenommen.
Abg. v. Damm (Wirtsch. Vgg.) bekämpft namens seiner Freunde den physischen Zwang sowie die Wiederholung der Bestrafung wegen Nichlimpfung und beantragt b t e Ent- schädig ungöpflicht deS Staates.
Abg. Hormann (Vv.):
Meine politischen Freunde verlangen eine affektive Prüfung. (Beifall rechts.) Einstweilen mußte ich mich für den Impfzwang erklären, solange die Prüfung noch nicht daS Gegenteil ergeben bat. Aber die Bewegung läßt sich nickt ignorieren. Der Kommissionsbericht ist ihr durchaus nickt gereckt geworden, wenn er sie alö unverständlich und geradezu verbreckwri'ch bezeichnet. Tie auf den Tisch des HauieS niedergelegten Ablnl- dungen sprechen eine beredte Sprocke. Die Gegnerschaft gegen den Impfzwang ist sehr groß; auch Aerzte haben sick angewbloffen. Das Jmpsgesetz ist eines der unklarsten Gesetze, niemand kennt sich dann au? Vor allem muß Achkläruna ge.ä'asfen werden bezüglich des Grundsatzes, ne bis in idem. (Abg. Hilden- brand ruft: Also daS zweite Mal auf den andern Arm unsren0 Nein, ich meine die Strafen; ferner bc6ügh/h deS Z w an 0 e *. Die verschiedenen deutschen Gerichte haben sich llanz verschieden verhalten. Dringend nötig ist volle Klarheit über die Wirkung der in England eingesübrten ® e ro i f 1 e n 6 H a u f e l. JDer Zweck deS von der fortschrittlichen Volkspartei gestellten Anträge» ist amtliche Aufklärung. Sie ist dringend nötig, um eine gleich- mäßige Ausführung des JmpsgesetzeS herbeizufuhren.
Aba. Dr. Fnsibeuder (Bcntr.):
Selbst die Jmpffrennde sollten sick nickt strauben, d,e ,->rage einer gründlichen Nachprüfung zu unterziehen. Leit der nähme des ImpfgesetzeS im Jahre 1874 gaben sich dock mcjlci. hältniffe erheblich geändert. Daraus muffen wtr Rücksicht nehmen. „ , .
Abg. Dr. Hahn (Kons.):
Dem Anfrage, eine Kommission zur Klärung uer Saauagc einznsetzen und daß » grwonnene Material in einer Denkschrift niederzulegen, stimm.'N wir zu. ... . — , .
Tie Meinung der Aerzte und Bakteriologen über den SBirt der Impfung ist durckaus geteilt. Die Forschung liegt sozusagen noch in den Windeln. Deshalb treten wir für Einberufung einer Kommission ein, die ans nur wissenschaftlichen Mitgliedern bestehen und die Frage einer Klärung zuführen soll.
Geheimrat Kirchner:
Die Pocken sind so feiten geworden, daß nickt nut das Publikum, sondern auch viele Aerzte sie nickt mehr erkennen. Das verdanken wir allein der Impfung. Durch noch ,o fckone Hbgiene-Einricktungen kann mau die Pockenerkrankungen nicht verhindern. Denn eine Sckmutzkrankheit sind die Pocken nickt. Die Pocken gehören zu den Krankheiten, von denen Robert Koch gesagt hat, daß eß bester ist, sie zu verhüten, als sie zu behandeln. Die schönen Erfolge, die man durch Impfung erzielt hat, wollen die Jmpfgegner wieder ziinichte machen. Bei der letzten Pockenepidemie in Deutschland starben von den Geimpften 9 Proz. und von den Nichtgeimpften 51 Proz. Solche Zahlen sollten doch zu denken geben! Ter Redner gibt eine eingehende Darstellung der Pockenbekämvfling. . r, ,
In der Armee sind die Pocken so gut wie verschwunden. Tas kann nicht allein der Tüchtigkeit der, Aerzte und den ver- bewerten Hhgieneeinr cktungen zu danken sein. Sollen wir uns jetzt der Waffe berauben, die uns gegen so viele Krankheiten schützt? Nein, wir dürfen das Jmpsgesetz nicht aufheben, denn gerade Deutschland ist infelge seiner Lage besonders gefährdet. Tie Gefahr der Einschleppung von Krankheiten ist hier bewnderS groß. In jedem März, in jedem April ziehen Ausländer ins Land, die Seuck-nkeime eiuschleppen. Wenn die Gefahr droht, werden auch die Jmpfgegner zahm. Als vor einigen Jahren die Vockenge^ahr vor der Tür stand, ließen sich in wenigen Tagen 55 000 Personen impfen, darunter auch Jmpfgegner. Auf die G e w i s s e n s k l a u s el können wir uns unter keinen Umständen einlassen. Dadurch wurde d a 3 Jmpsgesetz zu Fall gebracht und darauf werden wir nie und nimmer eingehen. Es ist nickt Neues vorgebracht, es sind immer dieselben unberechtigten Vorwürfe. Denn der Reichskanzler die Einberufung einer Kommission befiehlt — gut wir haben nichts dagegen. Aber unser Standpunkt wird dadurch nickt geändert werden. Vertrauen Sie uns und gehen Sie über die ganzen Petitionen zur Tagesordnung über.
DaS Haus vertagt sich.
'Montag 2 Uhr: Interpellation über die lieber* schweininung des deutschen Geldmarktes mit ausländischen Aktien, zweite Lesung des G e r ich t s v e r f a f j u ng s- gesetzentwurfS.
Schluß 6% Uhr.
er 1836 infolge einer Gehirnerschütterung von ein ent schweren Leiden befallen, das zu seiner gänzlichen Erblindung führte. Tie Beziehungen zu Wagner stockten. Da kam int September 1810 ent langer Bittbrie.' des stomponisten aus Paris, der tote ein einziger verzweifelter Notschrei Hang, „ein Ruf aus dem Elend!" „Mein Theodor, in einer Lage, von der Dir selbst vielleicht der Begriff fehlt, — und in der ich mich gleichsam als am äußersten! Ende der unglücklichsten Möglichkeiten angelangt betrachte, ist eS der Freund meiner — leider hingeschwundenen Jugend, ait den ich mich wieder wende." Alles, alles, alle letzten Quellen eines Hungernden hat er erschöpft; er kann nicht einmal seinem armen kranken Weibe Medizin taufen. Auf diesen erschütternden Brief hüt, hals Apel so gut er konnte, aber dem Höhenflüge der Kunst des Freundes, den er so edel und gütig unterstützt hatte, vermochte der blinde, gebrochene Mann nicht mehr zu folgen-
*
— Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschaft. Wie der „Hochschulkorr." aus Breslau gemeldet wird, tritt der ordentliche Professor für Mathematik an der dortigen Um- versität. Geh. Reg.-Rat Dr. Jakob Rosanes, mit Schluß des Winterhalbjahrs vom Lehramte zurück. Geheimrat Rosanes ist am 16. August 1842 >u Brody in Galizien geboren. — Ter Ordinarius der semitischen Philologie an der Kieler Universität, Professor Dr. phil. Georg Hoffmann, tritt zum 1. Avril d. Js. vom Lehramte zurück. Der Aelteste der Kieler philosovhischen Fakultät steht int 66. Lebensjahr.— Tie Feuerbestattung des Geheimen Kommerzienrats Tr. v. ströner sand Mittwoch nadjmütag im Mrematorium des Prag-Friedhofes unter einer in Stuttgart fast beispiellosen Beteiligung aus allen Gesellschastsschichten der Stadt und des Landes und der hervorragendsten Vertreter der Kunst, Wissenschaft und des Buchhandels aus allein Teilen des Reiches statt. Nach einer schlichten Trauerseier im Hause des Verstorbenen bewerte sich der imposante Leichenzug durch die ganze Residenz zum Friedhof. Hier svrachen am Sarge nach dem Purrer Plieninger Direktor Köbner für den Cotlaschen Verlag, Dr. von der Hellen für die Uniondruckerei, Hermann Sudermann für die Autoren und andere. — Prof. Tr. Eduard Sueß beabsichtigt, sein Amt als Präsident der Wiener Akademie der Wissenichasten am 1. Mai d. I. niederzulegen. Ter Gelehrte vollendet int August dieses Jahres sein 80. Lebensjahr. — Im Alter von 56 Jahren starb tu München der Professor für Forstwissenschaft in der staats- wirtschajtlichen Fakultät Tr. phtl. et oec. publ, Hetnrich Mayr.
schmerzliche Sehnsucht nach dem Herausdrängen alles dessen, was ich in mir trage, tötet mich fast. Wte nachlasitg, rote unendlich saumselig bin ich gewesen! Ich versumpfe ganz tu meinem erbärmlichen Treiben: - tch stehe noch nicht hoher als vor Jahren, o der Schande! Ach dte,e jantmcrhdje Welt! Wie groß dünkt er sick, wemt er an ,einem „Liebesverbot arbeitet, wie leicht rinnen ihm die Tränen, wenn er seiner traurigen Verhältnisse gedenkt! Tie ewige Geldnot, tu der sich Wagner jo lanoe Jahre befunden, spielt auch ichon in diesen Jugendbrtefen eine große Rolle. Ten wohlhabenden Freund muß er bejtandtg um Darlehen angehen: in tiefster Zerknirschung bittet er, unb dem Hilfsbereiten dankt er in höchstem Jubel. In einem dieser Bittbriese, in dem er seine Tränen hinstromeu lagt, „rote einen herrlichen, erquickenden Gewitterregen nach lange anhaltender ^ürre und Hitze", wirft er einen Blick aut sein bisheriges Leben. „Mein Leben habe ich bis jetzt sehr verfahren. — Liebster, ich war Nicht schlecht, — ich war wahnsinnig: es ist der einzige Ausdruck, den ich für meine Handlungsweise habe, — es war ein konventioneller Wahnsinn! Ich war im Wahnsinn, sage ich, denn ich beLrm mich und meine Stellung zur We t nicht; — td) mußte datz ich nicht den mindesten begründeten Anhalt hatte, und handelte doch wie ein Toller, überschritt meine Verhältnisse m ieder Beziehung und noch dazu mit der Unwissenheit und Unerfahrenheit eines Menschen der eben nie begründete Amvrucke aut Geld hat; jeher ölndere, unb zumal ein Reicher, verschweiidet nicht so, roie eben ich Die Folge mm war eben ein komplizirter Strudel von 22irr; salen und Misöre, deren Verwickelungen ich Nicht ander» al» mit Grausen betrachten kann. Mir die Einzelheiten nachzurechnen, vermag ich selber nicht, — es ist unerhört und unerklärlich, m welchen Abgrund ich gerathen." Trübe Erfahrungen hat er aus- kosten müssen bis zur Neige, Untreue nt der Liebe, bitteren Undank geerntet. „Ich lerne doch das Leben kennen, das weisj Gott'" Einen Lichtstrahl in diese traguche Düsternis werten feine Beziehungen zu seiner späteren Frau Mmna, die in Magdeburg 1835 beainnen Als sie nach Berlin zu einem Gastspiel reist, ist ihm ga^z unbeschreiblich zu Mute: „Tas ist nicht Verliebtheit — das ist wohl Liebe!" ,^ch lebe hier roie un Stang;, schrot er am 27. Tezember 1835 aus Magdeburg, „o es mutz sich bald wendeti: — diese bürgerlichen Sorgen und .stamme um mein Leben yi triften, müssen bald enden; — davon hast Tu nun wohl feinen Begrilt, lieber Theodor . . E» soll mir letzt noch Einer konimen, und über meine Liebe zu Minna die Raw rümpfen, dem schlage ich sie ein. Gott weiß, roie und was tch -egt ohne sie wäre!" Nachdem Apel dem ureunbe in den Jahren 1835 und 1836 vielfach hüfteich zur äeüc gestanden hatte, wurde


