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161. Jahrgang
Erstes Blatt
Die heutige Nummer umfaßt 20 Seiten.
wäre, dann müßte es das bei dem Dialekt besonders, ausfallende
Gieszener Stadttheater
K. N.
Porgana. der in der Geschichte der RcichStagswablev ohncglcidicn ist Drei Mandate bei R c i ch s t a a s c r s a tz w a b l e n inner halb einer Legislaturperiode hat das Zentrum n o di niemals verloren. Die schwarz-blaue Mehrheit hat bei Ersatzwahlen neun Mandate verloren, ohne einen einzigen Erfolg zu erringen. Nunmehr haben die Wähler im ganzen Reiche die Entscheidung in der Hand.
Die „Tägliche R u n d s cft a u" schreibt:
— Ein Serum gegendie Genick st arre. Aus N e u - York wird über eine außerordentlich bedeutungsvolle Erfindung berichtet: Direktor Felxner vom Rockefeller-Jnstitut kündigt an, daß er eine sicherwirkende Behandlung der epidemischen Genickstarre durch Einspritzung eines Serums unter die Laut gefunden habe, lieber die Zusammensetzung und die Gewinnung des Hellmittels verlautet noch gar nichts.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissenschaft. Ein Kartell von 60000 Bühnenkünstlern aus Deutschland und Oesterreich ist am Freitag in Berlin ab- geschlossen worden zum Zwecke der Förderung der gemeinsamen Be- rufsinlerefsen. Zum Kartellvräsidcnten wurde 6ermann Nissen gewählt. — Zur biologischen Erforschung des Gen- Ter Lees ist dem zoologischen Institut der Genfer Universität ein neuer besonders gebauter Dampfer zum Geschenk gemacht worden. Er erhielt zum Andenken an den berühmtesten Naturforscher der Genfer Akademie den Namen „Eduard Clapartzde". — Geheimrat Professor Dr. meb. Max Jaffe an der Universität Königsberg in Pr., einer der hervorragendsten und er- folgreichsten Forscher am dem Gebiete der physikalischen Chemie und der Pharmakologie, ist am 25. d. M, in Berlin im 71. .Lebensjahre geworben. -<
die Post Mk.-'.—Vierteljahr l. ausfchl. Bestell g. ZeileitpreiL: lokal 15Pf^ auswärts 20 Pfennig. (S hefredakteur: 91 Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: Sluguft Goetz; für .Feuilleton', .Vermischtes' und »Gerichtssayl*: K. 9lcu- rnlh; für .Stadt und Land-: E.Hcß; für de» Anzeigenteil: H. Beck.
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Irr fflefjentr Anzeiger rrfdgint täglich, außer Cownags. - Beilagen: vier nm l wöchentlich #w|itntr$amilitnblätkr; iivriinal wöchentl.UreiL- blallfürbtnKrd$®ieb<n iTicnstag und Freitag!; imeiuiol monail. Land-
Samstag, 28. Gttober 19U
Vezuqdvrei»: monatlich75Pf., vfertel- ▲ jKK jährlich Alk. 2.20; durch
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nicht als Karikatur zu bilden. So wird er in dieser Umwelt schon erheiternd genug wirken- Auch er blieb anfangs unverständlich, aber daran war z. T. auch der durch den Brautzug und die Wallfahrer verursachte Lärm schuld. Ein Ausgleich wäre Sache der Regie, wenn die Bühnenanweisung des Dichters auch „forte" verlangt. Immerhin fielen mefe kleinen Unebenheiten nicht allzusehr ins Gewicht, und die Zuschauer kargten nicht mit ihrem Beifall, der in Anbettacht der vielfachen Schwierigkeiten auch wohl verdient war. Es wäre erfreulich, wenn er zur Aufführung von bedeutenderen Werken Anzengrubers ermutigte, rote z. B. der Kreuzelf chreiber, des M ei nei d b a u er n oder des Gewissenwurms. Es würden sicher Erfolge. 5c. N.
Gießen, 27. Oktober.
Der Pfarrer von ttirchfeld von Ludwig Anzengruber.
Als der Pfarrer von Kirchfeld vor nun genau 41 Jahren mit der Geistinger als Anna im Theater an der Wien zum erstenmal an das Licht der Rampe trat, da wurde er trotz seiner offenbaren Schwächen mit einer Begeisterung ausgenommen, die ihren Grund gewiß auch in den rein dichterischen Werten, des Stückes halte, zu liefst aber doch durch die augenblicklichen politischen Verhältnisse zu erklären war. In Deutschland stand man vor dem Kulturkampf, und in Oesterreich, der Heimat des Dichters, war der Kampf um das Konkordat entbrannt, das den Staat der Kirche unlerordnete, und das Werk wäre von den liberalen (Seinern nicht unfreundlicher aufgenommen worden, auch wenn es in seiner ganzen Art nicht einen echten, mitten im Leben stehenden Dichter bekundet hätte, der mit fester Hand Probleme zu Menschen gestaltete. Man übersah zwar nicht, daß der Schwerpunkt der ganzen Handlung, die Umtriebe der klerikalen Gegner, hinter die Kulissen verlegt war, und man verhehlte sich auch nicht, daß der Ausgang der Tragödie lediglich durch ein paar Klatschbasen bedingt war, aber die Menschen, die hier auftraten, die waren leibhaftig, was sie sagten, das griff ans Herz, und selbst in den Episoden war blutfrisches, kernhaftes Leben, wie man es seil Jahren nicht mehr gesehen hatte. Damals begründete es eine neue Zeit der deutschen Bühnendichtung, und man erhoffte auch in politischer Beziehung viel von ihm, glaubte in der späteren Zeit, daß es etwas erreicht habe, und nun ist dem katholischen Pfarrer von Kirchfeld der protestantifche Pfarrer von Köln gefolgt. Dadurch gewann die gestrige Aufführung auch eine gewisse aktuelle Bedeutung, die mehr als nur das literarische Interesse erregte, und die Zuschauer länger auf die Sitze bannte als gewöhnlich.
Tie Darstellung an sich war von unterschiedlichem Werte, und neben trefflichen Leistungen standen and) unzulängliche, so der Förster und der Lehrer, auf die ich zurückkommen werbe. Sontz war alles von feinem Schliff, und wenn noch etwas zu beanstanden
Die Reichstagrersatzwahl in Ratibor.
Zur gleichen Zeit, in bet die Stichwahlentscheidung in Konstanz-Uebcrlingcn fiel, sand auch im Osten Deutschlands, in dem schlesischen Wahlkreis Ratibor, eine R e i.ch s t a g S - ersatzwahl statt. Im Jahre 1907 siegte dort der ^Kandidat des Zentrums, F r a n f, int ersten Wahlgang mit 11 411 stimmen. Auf einen reichsparteilichen Kandidaten fielen 5105, auf den Polen 4591 und auf den Sozialdemokraten 1294 Stimmen. Diesmal kommt es bei wesentlich schwächerer Wahlbeteiligung zu einer Stichwahl zwischen Zentrum und P o l e n. _xic uns über den Wahlausfall vorliegende telegr. Meldung betagt:
Ratibor, 27. Okt. Bei der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Oppeln 8 erhielt Stadtrat S a p l e 11 a (Zentr.) 7897, Pfarrer Banas (Pole) 4773, Regierungsrat a. D. Lüdke (Rexchsvartei) 3265 und Gewerkschastssekretär Schwob (Sozialist) 1609 Stimmen. Es findet Stichwahl zwischen S a p I e 11 a und Banas statt.
Charakteristisch ist, daß auch b-i dieser Wahl das Zentrum erheblich an Stimmen verloren ksät, es erhielt 3514 Stimmen weniger als 1907. Auch die Reichspartei verlor 1840 Stimmen, während die Polen 182 und die Sozialdemokraten 315 Stimmen gewannen.
(Eine neue Schlacht bei (Tripolis.
Am Donnerstag früh haben die türkischen Truppen, verstärkt durch Araber, den Italienern in Tripolis wiederum eine blutige Ueberraschung bescheert. Man sieht daraus, was von den amtlichen italienischen Versicherungen zu halten war, nach denen die Araber sich bittend genaht und sich unter italienischen Schutz gestellt hätten. Es heißt nun zwar wieder, die Türken seien nach heißem Treffen zurückgetrieben worden und hätten über 1000 Tote gehabt. Daß die amtliche italienische Telegraphenagentur aber nicht die volle Wahrheit berichtet, sondern die italienische Lage beschönigt, ist klar. Die Einzelheiten in dem amtlichen Bericht lassen deutlich erkennen, daß die Lage der Italiener in Tripolis keineswegs rosig ist.
Ein neuer türkischer Angriff bei Tripolis.
Tripolis, 27. Okt. Gestern morgen unternahmen die T ü r k e n und Araber zwischen El Mesri und Bume- liana einen heftigen Angriff auf die Italiener, wurden aber auf allen Seiten mit großen Verlusten zurückgeschlagen. Tie Verluste der Italiener sind gering. Das 82. Regiment ließ den Feind erst vorüber- rücken und überschüttete ihn dann mit einem mörderischen Feuer, das ihn zwang, sich über einen Kilometer weit von den Schützengräben und den Vorpostenketten der Italiener zurückzuziehen. Tas 40. Regiment schlug den Feind aus
Tie „Deutsche Tageszeitung" schreibt:
Tas Ergebnis war so zu erwarten Der Großblock war dem Zentrum jm ersten Wahlgange mit 1204 Stimmen voraus. Beide Gruppen haben in der Stichwahl verhältnismäßig einen großen Zuwachs gehabt. Ter liberale Kandidat zieht also auf sonal- bemokratischen Krücken in ben Reichstag ein, unb was besonbers bcbcutiam ist: Tie Bunbesgenosfenfchaft ber Liberalen mit bet Umfturjbartei hat Stich gehalten Die ©ojialbemofratcn haben nicht nur alle Mann für ben Liberalen an bie Urne gebracht, ie haben sogar noch Reserven für ben Großblockkanbibaten mobil gemacht, für einen Kanbibaten, ber sich nationalliberal nennt.
virstchastlicheSeitfragen H ö
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ich denken. Faust erzählt von den „unendlichen R',z"pt'n" eines Vaters: „Ta ward ein roter Leu, ein kühner Freier, im lauen Bad der Lilie vermählt." Und dann starben doch die Patienten, und niemand fragte, wer genast. Allem Anschein nach wird der rote Leu diesmal wirklich ein kühner Freier sein, und Bethmann, der ja auch ein Philo- oph ist, wird Faust nichts nachgeben, wenn er am Ende gesteht: „Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben . ."
Die Wahlen in Elsaß-Lothringen, die am letzten Sonntag stattgefunden haben, zeigen kein erfreuliches Bild. Der Klerikalismus ist Sieger geblieben; das Zentrum hat es auf 19 Mandate gebracht, während die Sozialdemokraten deren 5, die Liberalen nur 2, der dem Zentrum nahestehende Lothringer Block 9 gewannen. Allerdings wird der neue Landtag durch die morgen stattfindenden 25 Nachwahlen doch ein anderes Gesicht bekommen. Tenn die cli^lß-lothring- ische liberale Landesvartci und die demokratische Partei haben mit den Sozialdemokraten sich für diese Nachwahlen geeinigt, so daß mit noch 12—15 Liberalen und etwa acht Sozialdemokraten gerechnet werden kann. Jm neuen Landtag könnten demnach die Abgeordneter^des Lothringer Blocks das Zünglein an der Wage bilden; je nachdem sie sich rechts oder links wenden, entsteht eine Mehrheit. Das einzig wirklich Erfreuliche bei den Wahlen ist, daß der nationalistische Gedanke im Sinne Frankreichs eine Niederlage erlitten hat. Der „Franks. Ztg." zufolae würden sich die abgegebenen Stimmen wie folgt verteilt haben: Zentrum: 98 500, Sozialdemokratie: 70 000, Liberale und Demokraten: 68 000, Lothringer Block: 39 200, Nationalisten: 9500, Unabhängige: 11 200. Als neuestes über die Politik in Elsaß- Lothringen lesen wir heute, daß eine Abordnung des elsässischen Zentrums bei den sozialdemofratischen Führern Böhle und Peirotes erschienen sei, um diesen einen Wahlpakt anzubieten'. Das sei zur selben Zeit geschehen, da die elsässischen Zenttumsblätter über den Großblock sich enttustet hätten.
politische Wochenschau.
Gießen, 28. Oktober.
Herr v Bethmann-Hollweg ist einer von den Aerzien, die ihre Kranken mit gerunzelter Stirn behandeln. Es gibt nur wenige solcher Heilkundigen — sie haben dann in ber Regel ihren Beruf verfehlt — und niemand holt gerne Rates von ihnen. Tenn die Kunst des Helfens soll ja bann bestehen, das liebel in seinem Anfang zu erfassen, seinem Fortwuchern in jeder möglichen Weise vorzubeu- gen, und sei es auch unter Verschwendung dieses oder jenes Mittels. Herrn v. Bethmann-Hollweg fehlt bie Beobachtungsgabe. Bevor er die Teuerungsinterpellanten recht am Pulse nahm, sprach er zu ihnen: das Mittel, das sie verlangten, sei schlecht und unanwendbar. Nebenbei, zur Beruhigung, durfte er wohl nachweisen, daß die Beseitigung unserer Schutzzölle falsch wäre; dann aber mußte er umso energischer die verfügbaren Mittel gebrauchen. Zwar hat der Staatssekretär Tr. Delbrück erklärt, der Reichskanzler habe seit Monaten eigentlich sich mit nichts anderem beschäftigt, als mit der Frage der Dürre und wie ihren Folgen abzuhelfen sei. Leider bleibt bie Tatsache bestehen, daß er aus der schwarzen Küche mit leeren Händen und selbst ohne Trost vor den Reichstag hingetreten ist. Statt dessen glaubt er als Mittel fleaeit die große Wahlseuche, die im Januar hereinbrechen soll, eine bloße Beschwörungsformel anpreisen zu dürfen: ^.Schutz der nationalen Arbeit."
undeutliche und leise Sprechen sein, das mehrfach Horte. Bon ben Mitroirkenden ist an erster Stelle ber ausgezeichnete Wurzel, epP bes Herrn Gühne, ber auch bie Regie führte, mit beionberer Betonung zu nennen, wenn er auch, roie z. B. in dem Geiprach mit ben Wirtsleuten häufig fast nicht zu verstehen roar. Zn Maske unb Gehaben außerorbentlich charakteriMlch, Tormtc er das knorrige Wesen des verbitterten Alten mit klarer, zusammcmapen- ber Kraft. Von Herrn Kaiser hatte ich einen größeren Pfarrer erwartet. Schön, in sich gegründet, stand er dem Grafen gegenüber, bedeutend roar sein Zusammentreffen mit dem Mädchen, wuchtig und groß fein Abschied von ber Gemeinde In den Am- tritten mit dem Wurzelsepv aber, bie von höchster Wurde sein sollen, gab er sich für mein Empfinben zu leicht, zu iturmnch, zu theatralisch, wobei ihm am Schluß des dritten Auszuges Herr Gühne auch etwas zu weit entgegenkam. Voll schlichter Anmut war Fräulein de Bruyn als Anna; Seele unb Her; war in ihrem Wesen, unb was ber Dichter nicht ausgesprochen hat:. ob sie ben Pfarrer liebt, bas ließ sie ebenfalls klug unb bebachnam im Zweifel Ob sie es roar, bie die Lieder lang, kann ich nicht entscheiden, ich glaube eine andere Stimme erkannt zu haben. Fräulein Scholz, das noch selten jehlgegrinen hat, trat auch als Brigitte wieder ben rechten Ton. Herr Volck als Emob- Piarrer spielte genau so, roie ich ihn mir bei der Lektüre des Werkes in dieser Zivile vorgestellt hatte, roas Vorzug unb Nachteil lein kann. Herr Grosser roar als Michel sehr amprechenb, unb in ber großartigen Zwiesprache mit Anna glänzte er durch eine überraschende Natürlichkeit. Von den übrigen xar|tellern ist mit Ausnahme des Herrn Schumack, der den Graten angenehm jpidtc, nicht viel zu sagen, nur ber Revierjäger unb der Lchulmei'ter bedürfen einiger Worte. Ter Förster brummte mit bärbeißiger Stimme verschiedenes in seinen wilden Bart, aber was, bas blieb vielfach unverständlich, und der Lehrer gebärdete nch in einer <Hrt die ausgesucht unglücklich war. Warum soll er abiolut em Trottel sein? Es ist nichts in ihm, was diese Aufsaiiung rechtfertigte: er ist ein strenggläubiger, ja fanatischer, feiger und hinterlistiger Mann, aber immerhin ein Mann, und da er der einzige Mensch ist, der aus innerer Ueberzeusslmg gegen den Pfarrer kämpft, so gebietet schon die Gerechtigkeit, ihn als Menfchen und
Ter Entscheidung ging ein unerhört scharfer Wahlkampf vor» aus. Tas Zentrum hat. um sein schwer bedrohtes Mandat zu retten, zur Aufstachelung der so'ialen Instinkte ber Masse Leistun- ____________ ...______ gen vollbracht, welche unsere sozialbemokratische Revolutionspartei Wimder'kuren der Landräte herauskommen wird, kann man I mit blassem Neib erfüllen können. Ter Umschwung der Volks-
• • - " 1 nimmunq läßt sich jetzt nicht mehr bemänteln, und voraussichtlich
ist Konstaiiz-Ueberlingen nach bieiem Wahlkampfe auch für btc nächsten Wahlen bem Zentrum enbgültig entrissen.
Der Kanzler wird mit dieser Wahlparole Tein großes Glück haben, denn der Schutz der nationalen Arbeit ist fürs erste nicht gefährdet. Die nationalliberale Partei denkt nicht daran, an dem bisherigen Zollsystem zu rütteln, und der Fortschrittspartei, die erklären läßt, daß sie nur einen schrittweisen Abbau der Zollmauern wolle, ist es wohl nur um die Verteidigung ihres alten theoretischen Grundsatzes zu tun. Es ist beklagenswert, daß die Regierung so wenig Blick für die Wirklichkeiten und Notwendigkeiten besitzt. Sie hat kleine, wenig bedenkliche und verhältnismäßig unschädliche Mittel als unwirksam abgelehnt und dadurch die Volksmißstimmung vergrößert. Was könnte es denn schaden, wenn wir auch unsere Erfahrungen in der Einfuhr von argentinischem Fleisch vermehrten, nachdem andere Länder dckrin vorangegangen sind? Die englischen Sachverständigen werden doch auch etwas verstehen, und die deutsche Regierung müßte sich umso rascher entschließen, als die Teuerung und das Wahlgespenst hinter ihr stehen. Verwunderlich ist auch, daß der Reichskanzler es nur für diskutabel erklärt hat, die Gültigkeitsdauer der Einfuhrschcine unter Beschränkung auf Brotgetreide zeitweise herabzufetzen. Warum läßt er sich nur so widerwillig vorwärts schieben? Auch die zeitweilige Zurückerstatttlng der Futtermittelzölle an die Verbraucher würde keinen Staatsschiffbruch herbeigefübrt haben und hätte auf die Stimmung der Wähler mildernd gewirkt.
Zu diesen F-ehlern der Regierung kommt einer, der noch unbegreiflicher ist: die schon gestern erwähnte Anweisung an die Landräte, zur „Aufklärungsarbeit" bei den Wahlen. Der Abgeordnete Pachnicke hat am Donnerstag im Reichstag über dieses merkwürdige^ Vorhaben der Regierung sich schon weidlich ausgelassen. Solche Trümpfe auszuspielen, hätte man Herrn v. Bethmann-Hollweg gar nicht zugetraut! Tenn er hat bisher auf die öffentliche Meinung recht wenig gegeben und sich in den Zeitungen manches sagen lassen, was einer Erwiderung wohl wert gewesen wäre. Und wenn einmal so eine flügellahme Auslegung oder Rechtfertigung eines Regierungsstandpunktes amtlich verbreitet wurde, war die Wirkung fast immer schwach. Man darf es wohl aussprechen: Die publizistische Tätigkeit der Regierung war nie ihre starke Seite; am wenigsten unter dem Regime Bethmann-
Vie Niederlage der Zentrums in Konstanz.
Konstanz, 27. Okt. Bei der heutigen Reichstagsersatzstichwahl erhielten Schmid (liberaler Block) 15 114, v. Rüpplin (Zentrum) 14 045 Stimmen. Schmid ist somit gewählt.
Mit einer Mehrheit von über 1000 Stimmen hat also der liberale Kandidat gesiegt. Bei der Hauptwnhl hatten erhalten: Ter Zentrumskandidat v. Rüppelin 13 266 Stimmen, Schmid 11441 und der Sozialdeinokrat Großhaus 3025. So sehr das Zentrum sich ansttengte, es war der liberalen Aufklärungsarbeit nicht gewachsen. Und die Sozialdemokraten haben vollzählig gegen es abgestimmt. Tie Wahlbeteiligung war außerordentlich groß; mehr als 92 Prozent der Wahlberechtigten sollen von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben.
Einige Preffestimmen.
Aus Berlin erhalten wir durch Trahtvermittlung folgende Aeußerungen der Berliner Morgenblätter:
Tie „Vossische Zeitung" schreibt:
Dieses roar ber dritte Streich und die Neuwahlen folgen sogleich mit weiteren Verlusten bes Zentrums. Es ist dies em
Hollweg. Und nun dieser ungeahnte Eifer!- Solche ver- traulichen Erlässe erblicken irgendwo immer einmal das Licht der Oeffentlichwit, und dann wird die beabsichtigte Wirkung in ihr Gegenteil verkehrt. Wie König Astes gibt der Reichskanzler die Trachenzähne zur Aus'aat, aber von einen Pressetrabamen wird kein Jason erstehen, der die laraus bervorwachsenden Gebarnischt''n besi"gt. ES ist ein arger Witz der Weltgeschichte, daß der volksparteiliche Führer schon fetzt die Kostenfrage der amklichen Wabl- rezepte anschneiden durfte. Sollen die Aufklärnngsartikel aus dem Staatssäckel bestritten werden? Was aus den


