Nr. 253
e*teinl »glich mit Aufnahme beS Sonntag».
£ie „#Ufi<ntr LamttlenblStter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegl. daS „Xreirdlatt fflr den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die „randwlrtfchaftllchen Sell* fragen" erscheinen monatlich zweimal.
161. Jahrgang
Freitag, *47. Oktober 1611
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für tvberheffen
Rotationsdruck und Vertag der Brühlfchen UniversitätS»Buch- und Sleindruckerei. 9L Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: bchul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktionell 12. Tel.-Adr^ AnzeigerGießen.
Mb. Deutscher Reichstag.
198. Sitzung, Donnerstag, den 26. Oktober.
Am BundeSratStisch: Wermuth, Frhr. v. S ch o r l e m e r.
Präsident Gras Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 12 Uhr 15 Minuten.
Die Ueuerungs-Unferpellaflonen.
(Vierter Tag.)
Abg. Graf v. BudzewoMiclczynski (Pole):
Die Landwirte können infolge der Stellungnahme der Re» gierung und der großen Mehrheit hier im Hause beruhigt fein. Die Spannung zwischen Großhandelspreis und Detailpreis ist ganz kolossal. Der Zwischenhandel hat eine unnormale, krankhafte Gestalt angenommen. Durch die Presse ging letzthin die Nachricht, daß Zutreiber auf dem Berliner Viehhof 80 000 Mk. im Jahre verdienen. Wenn man aber den ungesunden Zwischenhandel eindämmen will, dann ertönt immer von der Linken der schärfste Protest. (Sehr richtig! rechts und im Zentr.) Als Mittel zur Linderung der Teuerung wünschen meine Politiken Freunde zeitweise Aufhebung des Verbots der Einfuhr argentinischen Fleisches, Erleichterung der Vieheinfuhr aus Rußland und zeittveisc Milderung des Gersten- und MaiSzolleS. Bei uns wird der polnische Bauer durch die An- siedlungSpolitik von seiner von den Vätern ererbten Scholle vertrieben. Man sollte ihn nicht von den Wohltaten ausschließen, die anderen zugute kommen. Der polnische Bauer ist für die Landwirtschaft wertvoller als ein großer Herr mit einem großen Gute.
Abg. Wachhorst de Wente (Natl.):
Der Abg. Graf Kanitz suchte gestern einen Gegensatz zwischen dem Abg. Fuhrmann und dem Stadtdirektor Tramm zu kon. struieren. Er hat dabei übersehen, daß auch der Abg. Fuhr- mann eine Teuerung nur bei Kartoffeln, Milch und Eiern anerkannt hat, nicht bei Schweinen, Vieh, Fleisch und Mehl. Ten Grafen Kanitz bitte ich daher, in Zukunft bei seinen Angriffen sich besser zu informieren. Bezüglich der Preisbildung bin ich der Ansicht deS Professors Ruhland. deS Nationalökonomen deS Bundes der Landwirte, daß die Preise sich nicht nach Angebot und Nachfrage richten, sondern daß sie durch die öffentliche Meinung beeinflußt werden. Die Viehpreise und Fleischpreise stehen in feinem gerechten Verhältnis. Der Land- Wirtschaftsminister hat in der Beziehung durchaus recht. Von Fleischnot und Notstandspreisen kann keine Rede sein. Ter Landwirt hat sogar Mühe, überhaupt sein Vieh loS zu werden. Der Kollege Fegter wird mir aus Friesland bestätigen können, daß die Landwirte Vieh und Schweine zu bedeutend geringeren Preisen als früher verkaufen mußten. In keinem Zweige haben wir solche Preisschwankungen, wie in der Viehzucht. Könnte der Bauer mit einem bestimmten Preise rechnen, wäre an Viehnot nie mehr zu denken. Der Abg. Dr. Heim sagte mit Recht, mit Erwägungen könnten wir unser Vieh nicht füttern, aber mit sozialdemokratischen Theorien auch nicht. Gewiß sind manche Produkte teurer geworden, und wir erkennen an, daß eS vielleicht manchen Kreisen jetzt schwer wird, die Teuerung zu überwinden. 9fber man kann doch die Landwirtschaft nicht dafür verantwortlich machen! Die billigen Eisenbahn- tarife begrüße ich als Mittel zur Linderung der Teuerung. Für einen Abbau der Zölle kann ich mich nicht a u S - sprechen, im Gegenteil! Der Wohlstand im ganzen Lande ist in der Zollära gestiegen. Da wäre eS unrecht, dieses bewährte Wirtschaftssystem abzureißen. Auch die Sozialdemokraten sollten im Interesse der Arbeiter sich für den Zollschutz erklären. Sie sind auch gar nicht so gegen den Schutzzoll, denn sie verlangen die Grenzsperre gegen Menschen, es sollen doch keine ausländischen Arbeiter nach dem Wunsche der Sozialdemokraten ins Land kommen. Eine Beseitigung deS FuttergerstenzolleS wäre mir an sich nicht unsympathisch, wenn ich die Gewißheit hätte, daß sie den Landwirten und später den Konsumenten zugute kämen. Daran wäre wohl aber nicht zu denken. Wir können zufrieden sein, daß wir einen niedrigen Futtergerstenzoll haben. Dadurch ist die weitere gleiche Piehproduktion möglich. Hätten wir beim Zolltarif nach dem Wunsche deS Bundes der Landwirte einen hohen Zoll auf Futtergerste bekommen, dann hätten wir diese starke Viehproduktion nicht, und eS bliebe dann nichts anderes übrig, als die Grenzen zu öffnen. Auch wäre dann dem kleinen Landwirt nicht möglich, sich emporzuarbeiten. DaS mag zwar im Sinne der Herren liegen, die da sagen: wer Knecht ist, soll Knecht bleiben! ober: wenn die Kleinen sich emporarbeiten, dann gibt eS ja keine Knechte mehr!
DaS mag die Politik ter Großgrundbesitzer sein, aber nicht unsere. Argentinisches Fleisch können wir nicht ins Land kommen lassen. Die Viehställe unserer Landwirte starren geradezu von Vieh. Der kleine Bauer, der hier an dieser Frage mehr interessiert ist als der Großgrundbesitzer, würde eS nicht verstehen, daß er sich allen Vorschriften der Veterinärpolizei unterwerfen muß, daß aber das argentinische Fleisch ohne weiteres über die Grenze kommen dürfte. Die innere Kolonisation sollte im Interesse der Viehproduktion auch weiter stark fortgeführt werden. Die Ostmarkenpolitik ist eine Ruhmestat der preußischen Regierung auch wegen der inneren Kolonisation, die manchem kleineren Mann zur Selbständigkeit verhalfen hat. Zu unserem Bedauern hat der Landwirtschaftsminister in der Frage der inneren Kolonisation unseren Wünschen nicht entsprochen. Preußische Domänen sind an Großgrundbesitzer verkauft worden. A n jt a t t weiter Großgrundbesitzer zu zückten,. sollte, der Minister auf diesen Landstrecken fleißige selbständige Bauernfamilien geschaffen haben. (Lebhafte Zustimmung.) Diese Politik des Ministers hat bei uns äußerstes Befremden hervorgerufen. Wenn er eine andere O st marken- politik einschlagen und die innere Kolonisation zum Stillstand bringen will, wird er den entschlossenen Widerstand bei unserer Partei und beim B a uernbund finben. Man will für ben fommenben Wahlkampf bie Schutzzollpolitik in den Vordergrund schieben. Wir sind stets Anhänger eines gemäßigten Schutzzolles gewesen. Aber der Wahlkampf geht auch noch nach einer anderen Richtung. Tie ganze Verwaltung — nicht nur in Preußen — ist in ben Hänben einer bevorzugten Klasse. Dagegen muß auch gekämpft werden. Wir wollen bem Bauern- unb bem Bürger st anb ben Platz an ber Sonne erobern, ber ihnen nach ihrer Leistungsfähigkeit zu- kommt. (Lebhafter Beifall bei ben Nationalliberalen.)
Abg. Dr. Pachnickc (Vp.):
Die Absicht ist ja klar. Die konservative Presse pflegt ja weniger biplomatisck aufzutrcten als bie Herren im Hause, unb heute ist in den Blättern der Rechten ber Schlacht enplan,
bie Wahlparole, zu lesen. Darum auch ba8 Aufgebot bc8 * Reichskanzlers mit seinem Stellvertreter, mit zwei preußischen ' Ministern! Darum daS Abziehen von dem eigentlichen Cer- handlungsgegenstanb, ber Teuerung! Unb heute bringen bic Mittagst'tättcr bie Meldung, daß auch bic Sanbrätc bie Agitation führen sollen (Stürmisches Hört! Hört! links. Lachen unb Unruhe rechts. Bewegung. Zuruf links: Haben sie ja schon bisher getan!) Ja, aber nun werden sie es mit noch größerem Nachdruck tun (Unruhe.) Tie Anweisung an bie Landräte geht batjin, baß sie zur nachhaltigeren Orientierung über schwerwie- Sende Angriffe gegen bic Regierung in ber Presse ober in Flug- lättern, bie auf die nächste Reichstagswahl einwirken könnten «Hört, hört! links', aufgeforbert werben, damit darauf sachliche Erwiderungen gegeben werden können. (Hört! Hört! links.) Tie Landräte sollen dabei Vorschläge machen, ob bic Erwiderungen und Aufklärungen durch Berichtigung in der Presse oder durch Flugblätter, eventuell durch Unterstützung von Volkskalendern usw. zu geschehen haben. (Hört! Hört! links.) Gleichzeitig soll die Höhe der Kosten für die Erwiderungen angegeben werden. .(Hört! Hört! links.) Ick, stelle sckon jetzt bic Frage, wer bie K o st e n trägt. (Hört, hört! links. Abg. Kreth ruft: Ter Haufa-Bunb! — Heiterkeit rechts ) Ihre Privatgelder iverben die Herren Land, räte nicht zur Verfügung stellen; es handelt sich also um Gelder aus öffentlichen Mitteln, zu denen alle Steuerzahler, welcher Richtung sie auch angehören, für eine einseitige Partei- richtung licrangezogcn werden. (Hört, hört! links, große Unruhe.) Zwischen bem Reichskanzler, Delbrück, Schorlemer, Kanitz unb wie sie alle heißen (Zuruf rechts: Fuhrmann! Heiterkeit.) O nein, zwischen benen herrscht volle Harmonie. Sie sinb zufrieden mit der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik, unb sie wollen bas zahlenmäßig beweisen. Noch nie sinb in einer Debatte soviel Zahlen angeführt, aber auch noch nie so mißbraucht. (Sehr wahr! links.) Man will zu viel beweisen. Auch bie anderen Länder, auch England, haben bie Fortschritte gemacht. Nicht ob Schutzzoll, sondern wann und wie hoch, darauf kommt es an; nach dem Bambergcrschen Wort Erziehungszölle, aber nicht BereicherungS- zölle: enrichissez vöus — Mißorauch der Staatsgewalt für Sonderzwecke. (Sehr wahr: links.) Ein Schutzbedürfnis besteht; wann eine Industrie auf eigenen Füßen stehen kann, ist eine Frage der Zweckmäßigkeit.
Herr Graf Kanitz, Sie führen die öffentliche Meinung irre, wenn Sie cs so hinstellen, als wollten wir bem» nächst bas Schutzzollsystem bis auf ben Grnnb nieberreißen. (Beifall bei ben Fortschrittlichen.) HanbelSvcrträge wollen wir, bic einen Ausgleich ber Interessen zwischen Jnbustrie unb Lanbwirtschaft schaffen, unb bic nicht biftiert sind von ber Rücksicht auf den Großgrundbesitz, sondern das Gemeinwohl. (Sehr richtig! links.) Herr Graf Kanitz, Sie haben sich selb st verleug- n c t. Tenn haben Sie nicht 1891 selbst die Suspension der Zölle gefordert? (Lebhaftes Hört, hört! links.) Nicht einmal bic So- zialbemokraten sinb enragierte Frcihänblcr. In ber Praxis unter- scheiben wir uns von ber Sozialbcmokratie, unb ich ziehe biefc Unterscheibungslinie sehr scharf. Die Sozialdemokratie fordert bie sofortige Aufhebung ber Zölle. Das machen wir nicht mit, bafür sind wir nicht zu haben. (Sehr richtig! bei ben Fort- krittlidjcn.)_ Hören Sie also enblich auf mit Ihren unberechtigten Dorwürfen gegen uns! Ober brauchen Sic biefc Unrichtig- leiten etwa für Ihre Agitation! (Sehr gut! links.) Der lieber» agrarier ist der schlimmste F e in b ber Sanbtoirt- schäft. Die Massen lassen sich baS nicht länger gefallen. Unb man wirb immer mehr mit ihnen rechnen müssen! Jeber Ihrer Hanbelsvcrträge war schlechter unb kümmerlicher als sein Vorgänger. Denken Sie an ben schwebischen, ben wir retten mußten!
Wie ganz anberes hätten sich Industrie unb Hanbel ohne alle biefc Hemmnisse entwickelt! (Sehr richtig! links.) Ter jetzige Wirtschaftsbetrieb begünstigt bas Fibeikommißwefen unb beein- trächtigt bie innere Kolonisation. Das ist die größte Aufgabe unserer Landwirtschaft. («ehr gut! links.) Aber das wollen einflußreiche Kreise nicht, weil sie gegen freie Bauern eine Abneigung haben, weil sie bann ihre Knechte nicht mehr auf dem Leiterwagen zur Wahlurne schleppen können. Statt Bauernland zu schaffen, vermehrt man aber bie Fibeikommisse. Sie sind in Preußen in 15 Jahren um 19,7 Prozent gestiegen. (Hört! Hört! links.) Herr Fuhrmann hat beim Reichskanzler die Wärme des Tones vermißt- Beim Landwirtschaftsminister sank bie Temperatur aber noch tiefer. (Abg. Gothein (Vp.): Unter Null!) Haben Sie, Herr v. Schorlemer, in Berlin noch niemals bie abgehärmten Frauen, die blassen Kinber gesehen, bie am frühe» Morgen vor ben Schlächterläden um einige Fleisch- brocken betteln! Sie wollen alle Schuld der Presse, dem Zwischcn- unb Kleinhandel zuschieben. Der erste Alarmschuß fiel aber in der „Nordb. Allg. Ztg.". Wir wollen auch nicht mit bem Kopf burch bie Wand. In einem Bericht ber Königsberger Han- delskammer wirb z. B. erklärt, baß eine plötzliche Aufhebung ber Einfuhrscheine nicht wünschenswert sei, weil biejenigen, bie sich barauf eingerichtet haben, sonst schwer geschäbigt werden.
Die Statistik, bie unö ber Lanbwirtschaftsminister vorgelegt hat, ist das T o I l st e , was man s i ch b c n I e n kann. Bei ber Berechnung sinb unglaubliche Schnitzer vorgekommen. So hat ber Minister bei ber Feststellung bcS Durchschnitts ber Schweine- fleischpreise ganz vergessen. Köpfe unb Beine mit zu bete $ ne nl (Hört! Hört!) Ja. laufen benn bie Schweine ohne Kopf unb Beine herum? Tic Berechnungen bes Ministers über die Kartoffelpreise erregten in der Handelswelt allgemeines Erstaunen. Das löste sich bald in allgemeine Heiterkeit auf, als man merkte, baß ier Minister in Königsberg nach Zentnern unb in Berlin nach Doppelzentnern gerechnet hatte. (Stürmisches Hört! Hört! links, Bewegung unb Unruhe.) _ So sehen bic Tabellen ber Negierung aus! (Erneutes Hört! Hört!)
Wir wünschen, baß bie jetzigen Tarifermäßigungen bauernb bleiben. Tie preußische Eisenbahn kann bas ertragen. Bayern unb Baben sinb wenigstens für bie Suspension bes Maiszolles. Wo ist Graf Lerchenselb? Do ist ber oabische Herr? Warum treten sie hier nicht auf? Sinb sie so überzeugt unb überwunden durch bie schwachen Argumente Preußens? Beim Weingesetz, ba machten sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Aber jetzt, wo 'es sich um bie Not bes Volkes hanbelt, läßt sich keiner sehen. (Hört, hört! links.) Die Parole des Bundes ber San btoir t e ist: Der sein Vieh teuer verkaufen will, der wähle konservativ! Tie Führer des Bundes sind ja auch nur Großgrundbesitzer. Jnteressengleichheit zwischen Großgrundbegtz und kleinen Bauern besteht nickt. (Lachen rechts.) «le gönnen dem Dauern nichts. Selbst im Bauernlande Hannover spielen die Großgrundbesitzer die erste Rolle in ber Lanbwirtschaftskammer. Auch ber Lanbwirtfckaftsrat ist nur eine Schutztruppe für den Großgrundbesitz. In die Kreistage lassen Sie bie Bauern nickt hinein! (Abg. v. Bieberstein (Kons.): Unsinn!) Unsinn sagt einer biefer Herren mit ber ihm angeborenen Höflichkeit. Die Zahlen beweisen. Wir haben keinen Agrarstaat
mehr, wir wachsen in ben Industrie- unb Handelsstaat hinein. Demgemäß müssen wir unsere Politik gestalten unter voller Berücksichtigung ber Lanbwirtschaft unb ber Viehzucht. (Beifall links.) Eine Mehrheit für bie Suspension ber Futtermittelzölle ist schon jetzt hier vorhanden.
Nun — ich weiß, daß Sic Beifall rufen werben — komme ich zum Schluß (Heiterkeit.)
Ter Reichskanzler hat einmal erklärt, bic Negierung stehe über ben Parteien (Abg. Gothein: Du lieber Gott.) Mir kommt baS Raumverhältnis anbers vor. Die Negierung hängt von den Parteien ab. Bülow wurde gestürzt, weil er bic Erbschaftssteuer cinführcu wollte. (Unruhe rechts.) Auch andere Minister sind ohne Mehrheit hier nicht denkbar. So lenkt sich der Blick von selbst dem n ä ck st c n Reichstag zu. Tie ganze politische und kulturelle wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands wird davon abhängen, wie dieser Reichstag zusammengesetzt ist. Die graduellen Differenzen, die uns wirtschaftlich von den Nationalliberalen trennen, geben nicht ben Ausschlag, darum finden wir uns auch wiederum in diesem Kampfe mit der nationalliberalen Partei zusammen (Hört, hört!) Tie Ablehnung deö Stamm- lungSruses deS Reichskanzlers, die gestern durch Herrn Fuhrmann erfolgt ist, ist einstimmig von ccr nationalliberalen Frak- tion beschlossen worden. (Hört, hört! und Bewegung.) Wir müssen gemeinsam als liberale Parteien daran arbeiten, daß eine große selbständige bürgerliche Linke aus der Wahl hervorgeht, damit ber Kurs nach ber liberalen Rich- tung genommen wirb. (Hört, hört! unb Zustimmung links.) Wir sehen mit guter Zuversicht bem Kampfe entgegen. Das konservativ-klerikale Regiment hat lange genug auf unserem Volke gelastet. Ucbcrall zeigen Zeichen, baß eS anders wird: In Ostpreußen, im Allgäu, unb auch in Konstanz brennt eS schon. Seien Sie sich bewußt, baß es nur eine Verschiebung von 30 bis 40 Mandaten bedarf, und ber Block ber Blauen unb Schwarzen ist zertrümmert. (Lebhafter Beifall links, Gelächter unb Unruhe rechts unb im Zentrum.) Die Blau-Schwarzen sinb keineswegs so sicher, wie sie hier scheinen wollen. Aus ihren Reden spricht nicht ber Ton der Zuversicht, das ist ber Schrei aus einem gepreßten Herzen. (Beifalls links, Lachen rechts unb im Zentrum.) Sie sinb in Sorge, täuschen Sie sich barüber nicht, ber 12. Januar wirb Ihnen zeigen, baß Ihre Sorge nur zu begrünbet war. Hoffentlich wirb die Wählerschaft sich ihrer Macht unb ihrer Verantwortung an biesem Tage bewußt fein. (Lebhafter Beifall links, Gelächter rechts unb im Zentrum.)
Abg. Dr. Arendt (Np.):
Eine akabemische Vorlesung über Freihanbel und Schutzzoll Ivirb bie Lebensmittelpreise auch nichi um einen Pfennig herunterbringen. Ich hatte gehofft, Herr Pachnickc würbe wirkliche Vorschläge machen. (Zurufe links: Hat er getan!) Nein (Leb- hafte Zustimmung rechts), keinen Vorschlag, der augenblick- l i ch einen wirklichen Rückgang ber Preise herbeizusühren imstande wäre. Was bie Fleischteuerung anlangt, so finde ich in ber nichtagrarischen „Täglickxn Nundsschau" einen amtlichen Nachweis über bie Vieh- unb Fleischpreise in den größeren Städten Bayerns; danach sind durchweg bic Viehpreise gefallen unb bie Labenpreise um 8 bis 24 Prozent gestiegen. (Hört! Hört! rechts.) Tarin soll keine Spitze gegen den Klein- unb Zwischen- hanbel liegen; ich kenne vollauf seine schwierige Lage. Aber bet Verkehr zwischen Produzenten unb Fleischern ist nicht in ber richtigen Weise geregelt. Gewiß haben wir einen Notstanb auf dielen Gebieten, er ist bie selbstverständliche Folge elementarer Ereignisse. Davor hätte uns Weber ber Freisinn noch bie Sozial, bcmolrntic bewahrt. Hätten wir unsere Landwirtschaft durch die Wirtschaftspolitik nicht leistungsfähig gemacht, bann möchte ick erst einmal ben Notstand sehen! Der wirkliche Notstand betrifft gerate bie Erzeugnisse, bie mit unserer Wirtschaftspolitik gar. nichts zu tun haben: bas Gemüse! Nun bie Aufhebung oeS Kohlzolles, bie vielleicht an den Greiizbczirlcn eine Wirkung von 1 bis VA Pfg. haben würbe, macht ben Kohl nicht fett. An ber Preisteuerung bei Zucker ist bie ungeheure Mißernte schuld', beim Kaffee die Weltspekulation. Eine SvekulationSteiicrung ist berechtigt, aber eine Teuerung aus natürlichen Gründen — ba ist bic Profitgier ber Agrarier schuld! (Lebhafter Beifall rcchtSH Ter Redner bezieht sich auf Ealwer, Sozialdemokraten a. D., auf Bernstein, zurzeit noch Sozialdemokrat, auf Maurenbrecher, im Fliegen begriffen. Im Zusammenhang mit einer Bemerkung be5 ?Cbg. Wachhorst über bie Futtermittelzölle meint Dr. Arenbt: Tas Ergebnis biefer ganzen Debatte ist: Draußen im Sanbe ein Block von Bassermann bis Bebel, unb hier im Reichstag eine schutzzöllnerische Mehrheit von Ka. nitz bis Bassermann. (Sehr richtig! rechts.) Tas kennzeichnet die ganze Situation.
Im übrigen: einen s o glänzenden Sieg des Schutzzollsystems wie in dieser T-ebatte habe ich in meiner fangen parlamentarischen Erfahrung noch nicht erlebt. Selbst Herr Südekum erklärt, auf dem Schutz der nationalen Arbeit stände auch er — freilich, ein seltsamer Schutz! Tic Volköpartci will nur abbauen — bie berühmte Schwanztheorie! Die Nationalliberalen auf bem Boben ber Wirtschaftspolitik; Zentrum ja auch. Herr Pach nicke sucht bie kleinen Laub- wirte gegen bic großen aufzuhetzen. (Dr. Pach- nicke: Hetzen?) Ja, hetzen. (Abg. Dr. Pachnickc: Ist baS parlamentarisch? Unruhe.) Er spricht von bem Vorstand in ben Land- Wirtschaftskammern; fassen Sie sich boch, Herr Pachnickc, an Ihre eigenen Handelskammern! (Heiterkeit unb Zustimmung rechts.) In ber hannoverschen Lanbwirtschaftskammer sitzen 60 bis 70 Hofbesitzer, Bauern, Herr Pachnickc! Unb boch wählen sie Groß- grunbbesitzer in ben Vorstand».
Ter Rebner fährt bann fort: Meine politischen Freunbe wünschen zu der programmatischen Rebe des Abg. Fuhrmann Stellung zu nehmen. (Ter Redner verliest die Erklärung.) Wir erkennen an, daß Herr Fuhrmann auf dem Boden der bestehenden Wirtschaftspolitik steht. Wir hätten aber gewünscht, daß er unb Herr Wachhorst sich hierauf nicht beschränkt hätten. Wir vermissen bei ihnen jeden Hinweis auf bie Gefährlichkei ter sozialbemo, kratischen Bewegung. Wir stimmen Herrn Fuhrmann darin zu, baß ber Wahlkampf nicht allein in ber wirtschaftlichen Frage ausgekämpft wirb, aber wir sehen ben Kampf gegen bie Sozialbcmokratie als eine ber wichtigsten ibeellen und nationalen Aufgaben an. (Beifall rechts. Jrouisckes Bravo! bei ben Soz.) In diesem Kamps um Sein oder Nichtsein ber Reichsverfassung gibt es keine Halbpoli tik. (Sehr wahr! rechts.) Zu unserem Bedauern sehen wir in den Ausführungen ber beiden nationalliberalen Redner eine zu einseitige Stellung- nähme gegen rechts; bas muß uns als Mittelpartei besonbers schmerzlick berühren. Wir wünschen unb hoffen, baß im bevorstehenden Wahlkampf bie Nationalliberalen bie Drucke


