Ausgabe 
18.3.1911 Zweites Blatt
 
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Wähler der Fortschrittlichen Volkspartei

denkt an Frankfurt am Main.

Dori erhielten in her Hauptwahl 1907:

Sozialdemokrat 28869 Stimmen

Cefi-r (Freisinn) 17092 Stimmen RationaUibcral 5280 Stinrmen

Antisemit 5056 Stimm.«

Zentrum 4405 Stimmen

In der Stichwahl siegte dann Oeser (Freisinn) mit 33659 Stimmen über 30778 sozialdemokratische Stimmen Hätten dort alle Antisemiten nicht, wie es für sie selbiiverstäudlich war, bet der Stichwahl den Freisinnigen gewLhlt, so, dein wären zu Hanse geblieben, so bekam Oeser nur 28603 Stimmen, war damit also nicht gewählt. In Gteßen wird den Freisinnigen aber empfohlen, für den Sozialdemokraten zu stimmen. Sicht so die Dankbarkeit ans? Jeden­falls werden darüber die ein einen Wähler anders beuten, wie die wenigen Gießener Führer, welche den Freisinn der Sozialdemokratie ausliefern wollen, derjenigen Partei, welche die Freisinnigen ständig in der schlimmsten Weise beschimpft hal

In tiiessen-Grünberg-Nidda wollen die Sozialdemokraten den Freisinn für sich einfangen, deshalb schreiben und reden sie h,ei vom Freisinn in den sanftesten Tönen und tun so, als ob sie fein Wässerchen trüben könnten. Hinterdrein lachen sie über diejenigen Freisinnigen, welche den schönen Worten Glauben

Beispiele mögen das wahre,Gesicht der Sozialdemokratie gegenüber dem Freisinn zeigen: ....

Als Engen Richter, der Führer des Freisinns, seinem Ende entgegenging, schrieb dieLeipziger Volkszcttung" über ihn:Ein Strolch noch im Sterben".

Am 18. Dezember 1006 brachte derVorwärts" zwei Artikel, der eine überschrieben:Der Volks­verrat des Freisinns", der andere:Die Verlumpung des Freisinns*. Der letztere Artikel schloß mit den Worten: So endet der Freisinn in der Gosse".

Am 15. Januar 1808 schrieb der Vorwärts in seinem Leitartikel:Die Freisinnsschaude übersteigt alle deg^iff 1908 schrieb dasselbe sozialdemokratische Zentralorgander Freisinn verübe den schamlosesten

Volksbetrng", und warf weiterhin dem Freisinnfrechen Schwindel und Heuchelei" vor.

Am19. März 1908 schrieb derVorwärts" über den Freisinn:

Nach diesem beispiellosen Verrat, nach dieser schmachvollen Offenbarung der Abhängigkeit der Partei von einigen Geldgebern ist diese Partei feuig. Es gibt keinen deutschen Freisinn mehr, es gibt nur einen Haufen mandatsgieriger Geschäftspolitiker. . . . Daß in der freisiningen Fraktiousgemeinschaft für einen politisch anständigen Menschen kein Platz mehr ist, ist klar."

Am 20. März 1908 schrieb wieder derVorwärts":

Der Freisinn ist restlos untergegangen in dem Sumpf der Reaktion, in dem Morast völliger politischer Charakterlosigkeit, besudelt vom Kopf bis zum Zeh, schmutztriefend aus allen Poren, so entsteigt er der zweiten Lesung des Reichsvereinsgesetzes in der Kommission, zu verächtlich fast, um noch ein Gegenstand des Haffes sein zu können."

Am 10. Juni 1908 brachte derVorwärts" einen neuen Leitartikel über den Freisinn, der die Ueberschrist trug:Nieder mit den Ehrlosen".

Daß die Sozialdemokratie auch jetzt noch den Freisinn genau so angreist, wenn sie weiß, daß sie seine Stimmen nicht nötig hat, davon zeugen die Ausführungen des sozialdcmokralffchcn Wahlausschusses bei der 'Reichstagserjatzwahl in Labiau-Wchlau. Es heiick darin u. a.:

Wähler 1 Aus dem Regen in die Traufe kommen wir, wenn Ihr Euch von den liberalen Jahrmarktsanreißern einfangen laßt. Tie Liberalen sind keinen Deut beffer als die Konservativen, eher noch etwas heuch­lerischer und verlogener .... Ein Wähler, der seine gesunden Sinne beisammen hat, kann und dan nicht auf den liberalen Schwindel hineinfallen .... Also, lieber Bauer, merke dir, der liberale Gurgel­abschneider, der dir die Zinsen erpreßt, soll dein Freund sein! .... Kommt dir da nicht das Lachen? Wie unsäglich tief müssen die liberalen Gaukler doch die Wähler einschätzen, wenn sie es wagen, ihnen derartigen Schwindel zu bieten."

Mit Recht wehrte sich dieFreisinnige Zeitung", das Hauptorgan der fortschrittlichen Volks­partei, gegen die obigen und gegen viele andere Beschimpfungen dte ihr durch die Sozialdemokratie zugefügt worden ist und schrieb am 21. Juli 1908:

Die Sozialdemokratie ist geradezu zu einer Schimpf- und Derleumdungspartei geworden, die als etwas andere- in ihrem öffentlichen Gebaren kaum noch auftritt. Achtung vor der Wahrheit geht ihr völlig ab; sie behauptet wider befferes Wiffen alles, was ihr agitatorisch als Behmptung wirksam zu sein scheint Die persönliche Ehre ihrer Gegner zu besudeln, ist füi sie ein besonderer Sport; Unmöglichkeit ist es für sie eine sachliche Polemik zu führen, ohne über die Gegner einen Kübel von Schimpswoi ten auszuschütten, wobei sie sich nicht selten in den zufälligen Personen ihrer Gegner absichtlich irrt Hinter jedem und allem, was ihren vermeintlichen Interessen zuwiderläuft, sucht sie schmutzige Motive, und es ist erstaunlich, wie sie das Kunststück leistet, solche Motive dann angeblich auch zu sindeu. Jede Richtigstellung, jede Klarstellung, mag sie auch noch so unwiderleglich und überzeugend sein, lehnt sie grundsätzlich ab und verharrt mii prinzipieller Beständigkeit bei Behauptungen, die sie einmal aufgestellt hat, und zwar umso fester, je ver­logener und verleumderischer jene Behauptungen sind, wobei sie zumeist nicht verfehlt, neue Unwahrheiten und Beschimpfungen mit derselben Skrupellosigkeit den alten hinzuzufügen.

Mit dieser Partei politisch zusammeuzuarbeite«, heißt sich zum Mitschuldigen machen au der Arbeit, die für die Sozialdemokratie die Hauptsache ist: die moralische Korrum­pierung des dentschen Volkes."

Und der freisinnige Reichstagsabgeordnete Mngdan führte erst vor reichlich Jahresfrist aus: :

Ich halte die Sozialdemokratie für reaktionärer als die schwärzeste Reaktion, ich halte sie für eine freiheitfeindliche Partei. Sie stört den Frieden und den Fortschritt." (Hallesche Zeitung" vom 20. November 1909.)

Daß die Sozialdemokratie auch in Gießen-Grünberg-Nidda dem Freisinn nur eine Gnadenfrist gewähren will, ging aus den Aeußerungen der sozialdemokratischen Webner zur Genüge hervor. So sagte der sozialdemokratische Redner Kaul in einer Versammlung in Leihgestern "ter dem Beifall der ganzen Sozialdemokiaten: Erst müssen wir mit dem Freisinn zusammen gegen die Rechte vorgehen, wir wollen dabei aber durchaus nicht verschweigen, daß nachher der Freisinn an die Reihe kommt uno nud^g^iampft werden muß. Freisinnige Wähler, die für einen Sozial­demokraten stimmen, helfen ihre eigene Partei mit untergraben.

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