Vierter Blatt
161. Jahrgang
M. &
Eichener Anzeiger
Erscheint Üi-Nch rr?. <Z*$nefnne deS Gonrrtny«.
Eeneral-Anzeiger für Gberheffen
Die ^Eiehnrer jhiimiicwkiatter* werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Krclsblatt für öen Mrti« Gießen" zweimal wöchentlich. Di« „Landwirtschaftlichen Seit« fragen“ erscheinen rnonaUrch zweunal.
Samstag, 18. Februar 19U
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläls - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strafte 7. Cxpedltion und Bering: 51.
Redaktion:^ÄS1I2. Tcl.-Adr.:Anze,gerGießen.
mb. Deutscher Reichstag.
13 0. Sitzu ng, Freitag, den 17. Februar.
Km Tische deS BundeSratS: v. Tirpitz.
Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Min.
Der Etat für Klautfchou.
Berichterstatter ist Abg. Dr. (Börde (Natl.)
Abss. Nacken (Zentr.):
Das Schutzgebiet hat eine erfreuliche Entwicklung genommen. Die Kolonie kann ihre sämtlichen Ausgaben — abgesehen vom Militär — beinahe selbst aufbringen. Darum ist eS endlich an der Zeit, dem Schutzgebiet eine ausgedehnte Selbstverwal- tung zu geben. Das gute Einvernehmen zwischen Verwaltung und Bürgerschaft wird dadurch nicht gestört Werdern Wir be- prüften die Einführung der kaufmännischen Buchführung beim Äerstbetriebe in Tsingtau. Dafür danken wir, wenn auch die Sozialdemokraten wieder behaupten, daft wir
dem Staatssekretär Weihrauch streuen.
Der Redner berichtet dann über seine JnformationS- reise nach Kiel und Wilhelmshaven. Durchaus loyal ist eS, wenn der Reichstag offen anerkennt, daft daL Reichsmarineamt im Gegensatz zu anderen Reichsämtern den Anregungen des Reichs- tags gefolgt ist. (Beifall.)
Ter Redner fordert Profeffuren für Kolonialrecht und fragt an, ob für das Schutzgebiet eine Pestgefahr bestehe. Gin trauriges Schauspiel war der Rangstreit an der deutsch-chinesi- schen Hochschule in Tsingtau. Wir erwarten, daft die deutschen Dozenten von nun an in einmütigerer Weise zusammenarbeiten, damit sie das Deutschtum würdig vertreten. (Beifall.)
Abg. Eickhofs (Vp.): . .
Auch wir freuen uns der günstigen Fortschritte im Schutz, gebiete. Die Reichsmittel sind gut angewendet worden._ Die per» sönliche Zulage für den Gouverneur muft nach dem Rücktritt des Admirals v. Trappel Wegfällen. Die Bevölkerung ist für die Selbst- Verwaltung reif. Die Hochschule in Tsingtau halten auch wir für nützlich. Freilich ist die Auswahl der Lehrkräfte schwierig. Tie kleinen Mifthelligkeiten sind Kinderkrankheiten, die jede Institution durchmachen muft. Es handelt sich um keinen
Hoch schul st reit,
wie sie ja jetzt Mode sind, sondern um kleine Orient» sationsfragen. Die Anstalt entwickelt sich trotzdem gut, die Schuler- zahl ist gestiegen. Der Redner empfiehlt ordentliche Lehrstühle für Kolonialwissenschaften.
Staatssekretär b. Tirpih:
Ich danke den Vorrednern für ihre freundlichen Worte über KiauIschouS Entwicklung. Der Höhepunkt ist allerdings noch nicht erreicht. Wir werden nach wie vor für die Errichtung von Koloniallehr stöhlen in Berlin und anderswo ein» treten. Wir haben uns in diesem Jahre darum bemüht und hoffen auf Erfolg. D i e Pest hat bisher im Schutzgebiet ned keinen Schaden anaerichtet. Ich hoffe, daft c3 uns gelingen wird, sie fern zu halten. Allerdings besteht die Gefahr, daß auch unsere Kolonie in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich will in regelmäftigcn Abständen von Zeit zu Zeit Nachrichten über die Situation in die Zeitungen bringen, wie das auch schon bisher geschehen ist. Nach dem letzten Bulletin des Gouverneurs sind Pestnachrichten abseits der Bahn schwer erhältlich. Soviel steht fest, daft
da« Schutzgebiet zurzeit pest frei ist. Nur aus dem Hinterlande werden Pestfälle gemeldet. Arbeitermangel macht sich aber infolge der Panik bemerkbar. Tie Leute müssen in Quarantäne verpflegt werden. Zu den erbebten Kosten steuert die Kaufmannschaft bei. Die geübte Ad» sperrung verspricht Erfolg. Da sie aber mit neuen, unerfahrenen Leuten nicht wirksam durchgeführt werden konnte, wurden vom letzten Transport 2 Offiziere und 300 Mann zurückbehalten. Es sind also alle Maßregeln getroffen, die die Wissenschaft uns ermöglicht. Auch zwei Aerzte sind zurückgehalten worden, die zu- rückgehen wollten. Der eine ist sogar der beste Schüler des Dr. Martini, der als Spezialist in Der Pestbekämvfung einen Ruf hatte. Wir haben also alles getan, was in unserer Macht steht, um das Vorrücken der Pest zu verhüten. Wir haben innerhalb wie außerhalb Tsingtaus Quarantänelazarette eingerichtet für den Fall, daft die Pest in die Nähe kommen sollte. Wir haben ferner eine hermetische Absperrung durchgeführt in einer Länge von 5 bis 6 Kilometer. Die Chinesen, die in unserem,Schutzgebiet wohnen, haben sich mit großer Rührigkeit an diesen Ab- sperrungZmaftnabmen Beteiligt, während sie es bekanntlich im übrigen China an diesem Eifer sehr fehlen lassen. Auf dem Tisch des Hauses habe ich einige Pestmasken ni-verlegen lasten, die für Krankenpfleger und Aerzte bestimmt sind.
Abg. ftrljr. v. Richthofen (Kons.):
Wir geben der Hoffnung Aufdruck, daft es gelingen möge, die Pest von Kiaulschon fern zu halten. Kosten dürfen dafür nicht gespart werden. (Zustimmung.) lieber die günstige Entwicklung deS Schutzgebiets sind auch wir hocherfreut. Vor allem erfüllen uns die industriellen Fortschritte mit Genugtuung. Auch wir legen den größten Wert auf die Schaffung eines Ordinariats für Kolonialrecht, ganz gleich an welcher Universität.
Abg. Noßke (Soz.)k
Leider rnüffen wir in Kiautschou immer nach Lehrgeld befahlen. Die Hauptaufgabe des Gouverneurs scheint darin zu bestehen zu repräsentieren. Gr sollte aber nur Verwaltung:- Beamter sein und sich auch nicht irgendwie diplomatisch betätigen Man will aus Kiautschou eine deutsche Musterwarenausstellung machen, um die Chinesen zum Bezug der deutschen Produkte an- zu regen. Das ist ein unfruchtbares und kostspieliges Beginnen, das jährlich einen militärischen Aufwand von 8 Millionen erfordert. China hofft nicht ohne Grund, daß es ihm gelingt, Kiautschou wieder einverleiben zu können. Es handelt sich also um einen ganz unsicheren Besitz. Auf jeden Deutschen in Kiautschou kommen 1% Soldaten und 5300 Mark an militärischen Ausgaben. Dafür könnten die Leute in Deutschland als Rentiers leben. Die Vorgänge an der H o ch s ch u l e sind höchst blamabel. Merkwürdigerweise kann man über die AuS- und Einfuhr Kiautschouö nichts genaues erfahren. Wenn man nach den Artikeln des Dr. Goercke urteilen soll, so hat er auf seiner Reise zwei Brillen getragen, eine rosige und eine graue. Wir werden natürlich den Etat ablehnen.
Abg. Dr. Goercke (Natl.):
Diese Stellungnahme verwundert uns nicht weiter. Die Sozialdemokraten haben nie etwas für die Kolonien übrig gehabt. In Kiautschou ist tatsächlich etwas geleistet worden. Ter Reichszuschuft ist infolgedesten auch erheblich gesunken. Ich habe nicht zwei Brillen getragen, sondern nur die Dinge so gesehen, wie sie wirklich sind. Gewiß ist die Verwaltung teuer, aber die Schwierigkeiten in dem neuen Gebiete waren auch sehr erheblick'. besonders für die Forstverwaltung. Auf der Werft sind z. B. neben 48 Deutschen 1700 Chinesen tätig. Mehr von den hochbezahlten Europäern wird man nicht ausschalten können. Am meisien stöhnt man auch in Kiautschou über die umständliche Rechnungslegung. Die Beamten haben ein reiches Maß von Arbeit, das noch infolge der Maßnahmen
zur Bekämpfung der Pestgefahr jetzt erheblich gestiegen ist. Die Verfügung des Reichsschahamte? über die Gewährung von persönlichen Zulagen ist von der Intendantur in Kiautschou unrichtig ausgelegt worden. Dadurch werden die Beamten, wenn sie einen Heimatsurlaub antreten, in einer vom Reichsichatzamt nicht gewollten Weise benachteiligt Das Realgymnasium, das auf dem Prinzip der Koedukation aufgebaut ist, hat sich out angelassen. Den Kreisen, welche zur Sicherung unserer dortigen Schulen eine große Sammlung ber- anftaltet haben, möchte auchZch den Dank aussprechen. Schwer würde eS sein, die Stadtverordneten für die Selbstver-
maltunasTnrhpr beianhrirnen. denn die gewiß sehr tüchlm-n Vertreter des Handels sind durch ihre eigenen Geschäfte vollauf in Anspruch genommen. Der ganze Gedanke der Selbstverwaltuna ist überhäufet nur entstanden aus der Furcht vor neuen Steuern.
Es ist ein weitgehendes Vertrauen der Chinesen zu der deutschen Verwaltung vorhanden. AIS ich in der chinesischen Handelskammer versprach, für die Einsetzung chinesischer Richter einzutreten, hat man sich sehr dagegen ge- sträubt, da man mit der deutschen Justiz sehr zufrieden ist.
Die Ablehnung deS Kleinaktiengesetzes hat auf unsere Landsleute in Tsingtau im Schutzgebiet wie ein kalter Wasserstrahl gewirkt. Die Entwicklung der nächsten Fahre wird Tsingtau weiter vorwärts bringen. Auch wir danken dem Staatssekretär, und e? ist traurig genug, daß man das im Reichstage nicht mehr tun kann, ohne von den Sozialdemokraten angegriffen zu werden. (Beifall )
Marine-Jntendanlurrot Stimmiug antwortet auf eine Anfrage über die Veamtenbezüge. Die Kosonialzulage ist herabgesetzt worden, die neue llrianb?orbnung ist aber für die Beamten günstiger geworden, so daft die Beamten durchaus zufrieden fein können.
Abg. Ledebour (Soz.):
Dir bestreiten entschieden, daß das Reich an Kiautschou ein Interesse hat Von dem Hafen von Tsingtau haben nur die Chinesen einen Vorteil. Heute würde nicht einmal mehr Fürst Bülow mit seinem triumphierenden Grübchen (Heiterkeit) zu behaupten wagen, haft die Besitzergreifung Kiautschous eine große Errungenschaft war. Die deutsche Einfuhr geht ständig zurück. (Abg. Dr. Goercke schüttelt mit dem Kopf.) Sie wissen das nickt. Sie großer Chinese? (Große Heiterkeit.) Baron Hart, der soviel Jahre in China war, wie Herr Goercke Tage (Heiterkeit), hält es für ganz unmöglich, daß ein so kleiner Stützpunkt uns irgendwelche Vorteile bringen kann. Wenn man trotzdem an ihm festhält, bann ist das kein Patriotismus, sondern engherzige Klein- krämerei. Die Chinesen sind viel schlauer als gewisse Reisende, die dorthin fahren. Sie haben einen so harmlosen Reichstags» abgeordneten wie Herrn Goercke tüchtig eingcfeiftl (Heiterkeit.) In welcher Sprache hat er sich denn eigentlich mit den Chinesen unterhalten? (Heiterkeit.) Wir sollten aus Kiautschou möglichst bald herauSzukommen suchen.
Abg. Erzberaer (Zentr.)k
ES ist schade, daß der Staatssekretär nicht auch Herrn Ledebour zu einer Besichtigungsreise mit eingeladen bat. (Abg. Lede- bour: Ich wäre nicht mitgegangen!) Das wäre doppelt Bebauer» lick', denn von Ihrer Beredsamkeit hätte ich mir eine besondere Wirkung auf die Chinesen versprochen. (Heiterkeit.) .Seinerzeit bat auch ber Sozialdemokrat Eduard Bernstein es als
einen geschickten Scbachzug beS Fürsten Bülow bezeichnet, daft wir Kiautschou besetzt halten (Abg. Bebel: Aber wir nicht!) Gewiß, Sie nicht. (Abg. Bebel: Sie haben auch weiße Sperlinge in Ihrer Partei! — Heiterkeit.) Es ist ein mehr als eigenartiges Verlangen, daß wir heute Kiautschou ausgeben sollen, nachdem wir soviel Gelb hineingesteckt haben. (Beifall!)
Staatssekretär v. Tirpitz:
Don einer Selbstverwaltung Tsing'auS kann vor ber Hand noch nicht die Rebe sein. Tie Bevölkerung selbst will sie auch nicht. ES fehlt auch noch völlig an der dafür erforberlichen Seßhaftigkc:t. Wir haben zur Bestreitung nottoenbiger kommunaler Aufgaben auch schon
die Gründung von Zweckverbänden angeregt. Doch auch bavon wollten bie Einwohner nichts wissen. Sie erklärten, baß Zweckverbänbe für sic ein zu großes finanzielles Risiko seien.
Die Stimmung der Chinesen
hat sich vollständig gewandelt. Früher kamen sie und mit großer Scheu und Zurückhaltung entgegen. Inzwischen haben sie eingesehen, baß sie für deutsche Kultur viel aufnahmefähiger sind als für jede anbe e. Nachdem bieö erreicht ist, können wir unsere Schiffe von bort boch unmöglich zurückziehen. Fragen Sie einmal bie Deutschen im AuSlanbe, waö die dazu sagen würben l (Sehr richtig!) Da8 geht einfach nicht, selbst wenn ba? Geld umsonst auSgegcCeu wäre. (Lebh. Zustimmung.) Das geht schon nicht mit Rücksicht auf unsere Stellung in der Welt. Stellen Sie sich einnia' vor, im englischen Parlament würde gefordert, Hongkong aufzugebenl (Sehr gut!) Wir wünschten mit Herrn Ledebour, daß unser Handel mit Kiautschou größer wäre. Aber so verschwindend klein, wie er ihn gemacht hat,, ist er boch nicht. Seine Zahlen sinb unvollstänbig, beim viele Waren gehen über bie transsibirische Bahn unb werben auf anberc Länder verrechnet. Den Handel, ben wir jetzt mit Ostasien haben, hätten wir nicht bekommen, wenn wir Tsingtau nicht gehabt hätten. Unb ber Hande' wir' wachsen. Tsingtau ist ber beste Hafen an ber chinesischen Küste. Herr Görcke ist ein kritisch veranlagter Mann. Er hat bort viel gesehen unb manche Anregungen mitgebracht. Leiber ist nicmanb von einer an beten Partei mitgefahren. (Beifall.)
Abg. Dr. Arendt (Rv.):
Glücklicherweise steht die sozialdemokratische Partei mit ihrer Auffassung völlig allein. Man muß eS dankbar anerkennen, daß in Kiautschou Großes und Ersprießliches geleistet wurde. TaS Aufgeben KiautschouS wäre eine schwere Einbuße für Deutschlands Ansehen und für den deutschen Handel. Die Errichtung einer kolonialen Professur ist ein unabweisbares Bedürfnis. Wenn das in Preußen nicht geht, könnte man es vielleicht außerhalb Preußens versuchen. In Straßburg L E. ließ es sich ohne weiteres machen.
Abg. Görcke (Natl.):
Herr Ledebour hat eine recht unterhaltsame Rede gehalten, die allerdings von Schiefheiten strotzte. Ich habe mit 20, 30 „alten Chinesen" — d. h. Europäern, die jahrelang draußen waren — eingehende Auseinandersetzungen gehabt. Daraus stütze ich mein Urteil. Wir haben mit dem Erwerb KiauIschouS das Recht gewonnen, jetzt auch in Ostasien ein Wort mitzuredeu. Gewiß werden die Chinesen einmal ah ernsthafte Konkurrenz auf dem Weltmarkt erscheinen. Darum müssen wir rechtzeitig Handelsbeziehungen mit ihnen anknüpfen. Auch ich bedauere, daß Herr Ledebour nicht mitgekommen ist. Gr hätte bann dasselbe Urteil gefällt wie ich, benn auch ich bin mit dem größten Mißtrauen hingegangen. Kritisieren heißt boch nickt: Alles hcrunterreißen. (Beifall.)
Abg. Ledebour (Soz.):
Wir macken annidsätzlich solcke Reifen nicht mit, die von der Regierung veranstaltet werden. (Abg. Görcke: Nickt von der Regierung!) Doch nickt etwa von ber nationalliberalcn Partei( (Heiterkeit.) Wenn das Militär nur die Ordnung dort aufrecht erhalten soll, dann ist viel zu viel da. Das würde selbst der Polizeipräsident von Jagow zugeben. Die Engländer haben auS Klugheit Korfu und die anderen Inseln aufaeneben. Wir vergeben uns also nichts, wenn wir Kiautschou fahren lassen. Eduard Bernstein hat sich für Kiautschou begeistert. Warum sollen nicht in einer Treimillionenparici auch ein paar Leute eine abweichende Meinung haben? Wie ist es d-rnn in anderen Parteien? Die Herren vom Zentrum sehen nur den Spahn in unseren Augen und nicht daö Spähnchen in ihren eigenen Reihen. (Große Heiterkeit.) Taft von den Deutschen Tiichüges im Osten geleistet worden ist, erkennen wir ohne weiteres an. (Hört! Hört!) Trotzdem müssen wir die Flagge in Kiautschou niederholen, denn über kurz ober lang jagen un-3 bie Chinesen dort doch hinaus.
Abg. Tobe (Vv.):
Mit der Ablehnung der Vorlage über die kleinen Aktien ist die Frage noch nicht erledigt. Tie Sache wird wieder in Fluß gebracht werden. (Dr. Arendt: Nach Neujahr!! Wir werden noch manches nach Neujahr behandeln, hoffentlich sehen wir uns dann wieder! Herr Dr. Arendt! (Heiterkeit.) Ter Redner tritt ebenfalls für koloniale Lehrstühle ein.
Die Aussprache schließt.
Abg. v. Ocrtzcn (Rp.) erklärt persönlich gegenüber einer Be- mcrkung Ledebours: Die Abstoßung ber jonischen Inseln von seiten Englands war vernünftig, die Aufgabe Kiautschous wäre gelinde gesagt unvernünftig!
Damit ist der Etat für Kiautschou erledigt. Ein Antrag auf Vertagung wird anpc-iion-men.
Dienstag, 1 Uhr: Iustize 1 at. Schluß 6 Uhr.
Der yoMeckverkehr im Zähre 1910.
Der Postscheckveriehr hat sich im zweiten Jahre seines Bestehens weiter günstig entwickelt. Aus dem soeben vom Reick)S- Postamte veröffentlichten Geschäftsberichte für 1910 entnehmen Wir folgendes. (Die eingeklammerten Dergleichszahlen beziehen sich Ms das Jahr 1909.)
Die Zahl der Konten bei den Postscheckämtern des Reicbs- Postgebicts belief sich Ende 1910 auf 49 853 (Ende 1909 auf 36 427), und zwar halte
das Postscheckamt Berlin 9 443 Konten,
„ „ Breslau 4 U63 „
„ , Eöln 10 löl ,
„ , Danzig 1565
, , Frankfurt (Main) 4 712 „
, , Hamburg 4120 „
, „ Hannover 3 393 ,
, „ Karlsruhe (Baden) 3 435 „
„ „ Leipzig ä 971
Bon diesen Konten entfielen 33 334 auf Preußen, 6259 aui das Königreich Sachsen, 2246 ans das Grotzherzogtum Baden, 1282 aus das Grotzherzoglum Hessen, 1915 aui das Gebiet der Freien Stadl Hamburg, 1149 auf Eisaft-Lothringen usw. Unter den Kontoinhabern befanden sich 1801 Behörden, 1953 Batiken und Bankiers, 1071 Genossenschaften, 37 289 gciverbliche Unternehmungen und Kaufleute — darunter 14 328 Fabrik, 765 lanb- und forstwirtschaftliche Betriebe usw.
Die Konten hallen einen Jahresumsatz von mehr als 18 Milliarden Mark, oder genau von 18 451530 915 Mark (9 820 801 468 Mark); davon waren 9 240 956 062 Mark (4942 225 272 Mark) Gurscksriften und 9 210 574 853 Mark (4 878 576196 Mark- Lastschriften. Der Umsatz hat sich also gegenüber dem ersten Betriebsjahre saft verdoppelt.
Unter den Gutschriften befanden sich 39 058 218 Einzahlungen mit Zählkarte im Betrage von 5 244 514 972 Mark und 4 118 <54 Uebertragungcn von anderen Postscheckkonten (Postgiroverkehr) mit 3 956 955 788 Mark. Unter den Lastschriften befanden sich 770 917 Auszahlungen auf Kassenschecks durch die Zahlstellen ber Postscheckämter im Gesamtbeträge von 2 562 356 409 ?JtarE (wovon jedoch 1 193 299 992 Mart = 46,57 v. H. nicht bar, sondern im Reichsbankgirowege beglichen wurden); ferner 6 052 091 Auszahlungen aui Zahlungsanweisungen durch Vermittlung der Poft- ansialten im Ge)amtbelrage von 2 727 314 945 Mart und 3 995 465 Ucbcrtraguitgcn auf andere Postscheckkonten mit 3 910 001 353 Mk. Die durch Uebertragung ausgeglichenen Beträge belaufen sich bei den Gutschriften auf 75,49 v. H. der Bareinzahlungen und ber den Lastschriften aus 74,07 v. H. der Barrückzahlungen.
Es betrug der Durchschnittsbetrag a) einer Zählkarte 134,27 Mark (177,31 Mark), b) einer Uebertragung von anderen Postscheckkonten 960,72 Mark (1016,80 Mort, c einer Auszahlung durch die Zahlstellen der Postscheckämter auf Kassen- schccks 3323,78Mark (3405,75Mark), d> einer Zahlungsanweisung 150,64 Mark 138,96 Mark), e> einer Uebertragung auf andere Postscheckkonten 978,61 Mark (1009,77 Mark-.
Aus ein Postscheckkonto entfielen im Durchschnitt:
Einzahlungen mit Zahlkarte im Jahre 1910 908 Stück im Betrage von 121857,78 Mari 1909 572 Stück im Setraae von 101398,20 Mark , Uebcrtragungen von aitbcrcn Postscheckkonten 96 Stück mit 91 940,98 Mark Z5 Sluck nut 76 491,55 Mark). Auszahlungen durch b:e Zahlstellen der ^oftscheckämler (Kassen- schecks 16 Stück mit 59 537,07 Mark (15 Stück mit 50 780,76 Mark,, Auszahlungen durch die Poftanftalten (Zahlungsanweisungen) 141 Stück mit 63 369,93 Mark (114 Stück mit 50 006,67 Mark, Uebertragungen auf andere Postscheckkonten 93 Stück mit 190 849,95 Mark (75 Stück mit 75 706,91 Mark).
Ferner betrug das Guthaben der Kontoinhaber Ende Tezem^ ber 1910 94 030 285 Mark (1909 63 649 076 Mark), das Gut haben der Kontoinhaber im Durchschnitt des Monats Dezember 1910 103078 752 Mark (1909 73 730 642 Mark-, bas Guthaben der Kontoinhaber im Jahresdurchschnül 1910 91402 695 Mark (1909 53 924 096 Mark, das durchschnittliche Guthaben eines Kontoinhabers Ende Dezember 1910 1886 Mark (1909 1747 Mark, das durchschnittliche Guthaben eines Kontoinhabers im Monat Dezember 1910 2100 Mark 1909 2059 Mark, das durchschnittliche Guthaben eines Kontomhabers im Jahre 1910 2124 Mark (1909 1953 Mark-.
Bon dem durchschnittlichen Guthaben der Kontoinhaber im Monat Dezember 1910 in Höhe von 103 078 752 Mark waren angelegt: a) in 31/2 0-r> Deutscher Reichsanleihe im Nennwert von 23 012 800 Mark (Anschasfungswert 21687 633 Mark, b in 3% Deutscher Reichsanlethe 2 572 000 Mart (2178124 Mark, c) in 3-/3 °/o Preußischer konsolidierter Staatsanleihe 8 371 900 Mi. (7 865 358 Mark), d; in 3L_> °/o Badischer Eisenbahnaickeihe von 1880 2 098 000 Mark 1980168 Mark, e, in Wechseln, An- schafsungswcrt 7 965 203 Mark, f durch Ucberlveisung an die Reichshauptkasse, Anschasfungswert 51 129 032 Mark, g; zur Verstärkung ber Betriebsmittel der Postanstalten und als Bestand der Kassen der Postscheckämter, Anschaftungswert 10 273 234 Mk., Gcsamtanschaffungswert 103 078 752 Mark.
Ter An- und Verkauf der Wechsel 511 e) wird von der Reichs bank dermittelt. Von dem Betrage unter f) werden zurzeit runb 11000 000 Mark zur Gewährung von Darlehen an Einrichtungen zur Förderung von Judmrrie, Handel und Landwirtschaft bereit gehalten.
Das finanzielle Ergebnis des Poftscheckoeriehrs Hal, wie bei der Neuheft der Einrichtung nicht anders zu erwarte»


