Nr. 252 - -----r-a z-
krscheinl täglich mit Ausnahme deS SonnkagS.
Die „«ießener LamUiendlStter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „KrtlsblaM fSr den Kreit Sieben" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Sett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Donnerstag, 2(> Oktober 1911
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhefsen
191. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläis • Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Tnickerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: eyg® 5L Redaktion:^4K112. Tel.-Adru AnzeigerDteßen.
Mb. Deutscher Reichstag.
r 197. Sitzung, Mittwoch, den 25. Oktober.
Am Tische dcS BundeSratS: Wermuth, Delbrück, Dr. LiSco, v. Lindequist.
Präsident Graf Schwerin-LSwitz eröffnet die Sitzung um 1 Vi Uhr.
Koloniale Redinungsfadien.
Zunächst stehen auf der Tagesordnung die Uebcrsichten der Einnahmen und Ausgaben in den Schutzgebieten für 1908 und in Kiautfchou für 1904.
Abg. Erzberger (Zentr.): Diese Rechnungen fordern wegen der großen Etatöüberschrcitungen eine scharfe Kritik heraus. Nahezu alle EtatSpositionen sind aufgehoben und annulliert worden. Besonders die Versorgungsgebührnisse und Pensionen sind erheblich überschritten, in einem Fall sogar um 100 Prozent. Die Pensionswirtschaft ist so bedeutend, daß unS der koloniale Militärpensionsfonds über den Kopf zu wachsen droht. Sparsamkeit und abermals Sparsamkeit!
Abg. Noökc (Soz.): In der Etatswirtschaft zeigen sich nicht unerhebliche Verbesserungen. Das hat unsere Kritik bewirkt. Wir wünschen ober, daß den Forderungen des Reichstags noch mehr Beachtung geschenkt wird. Verschiedentlich sind Minder- auSgaben vorgekommen. Wir wünschen Auskunft über die Gründe. Vielleicht brauchen wir dann nächstens nicht mehr so diel bewilligen. Erhebliche Etatsübcrschreitungen werden damit begründet, daß die meisten abgehenden Unteroffiziere krank sind. Und da hat man im Wahlkampf 1907 Ostafrika und Südwest geradezu als klimatische Kurorte hingestellt! Die ganzen Uebersichten sind ein wildes Durcheinander von Etatsüberschreitungen und Ersparnissen.
Abg. Dr. Görcke (Natl.): Dem PensionßfondS muß erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet werden. Auch die Gründe für die Minderausgaben müssen uns angegeben werden.
Staatssekretär des Reichskolonialamts Dr. v. Lindequist: Die Versorgungsgebührnisse in Südwest sind erheblich überschritten worden. Daö ist auf die Nachwirkungen des Aufstau- k e 8 zurückzusühren. Wir sind aber sehr vorsichtig vorgegangen und prüfen auch jetzt noch immer von Zeit zu Zeit nach, ob die Betreffenden noch versorgungsbedürftig sind. Den Etatsüberschrei- tungen stehen auch Mehreinnahmen gegenüber.
Abg. Erzberger sZentr.) führt Beschwerde, baß das ReichS- marineamt beim Etat für Kiautfchou FondSvcrwechsclungen vor- genommen habe. Der Reichstag darf es sich nicht gefallen lassen, baß sein Etatrecht verletzt wirb.
Abg. NoSkc (Soz.): Die Rechnungökommission wird die Frage ernstlich prüfen müssen, weil dasReichSmarineamt mit erstaunlicher Hartnäckigkeit an seiner Auffassung festhält. Für s o l ch e Et a t s- schiebungen müßte der Staatssekretär aus der eigenen Tasche Ersah leisten.
Abg. Tr. GSrcke (Natl.) stellt gegenüber Erzberger fest, daß von einem übergroßen Luxus bei dem Gouvernements- gebäude in Kiautfchou keine Rede sein könne.
Abg. Erzberger (Zentr.): Der Luxus ist vorhanden. Wenn Dr. Görcke ihn bei seiner Reise nicht gesehen hat, so bedauere ich das.
Ein Kommissar Les R e i ch S m a r i n e a m t ß erklärt, daß die hier angeschnittenen Fragen schon stundenlang in der Rechnungskommission erörtert worden sind. Die Etatsüberschreitung beim GouvernementSgebäude ist vom Reichs- marincamt ebenfalls scharf mißbilligt worden. TaS Reichs- marincamt denkt nicht daran, den Reichstag zu düpieren.
Die Rechnungssachcn gehen an die Rechnungskommission.
Die Interpellationen über die Neuerung.
(Dritter Tag.)
Abg. Graf Kanitz (Kons.):'
Die Rede deS Reichskanzlers ist nicht überall mit Beifall auf- genonnnen worden. Wir sind ihm dankbar dafür, weil er erhärt hat, daß an unserem bewährten Wirtschaftssystem unter keinen Umständen gerüttelt werden darf. (Lcbh. Beifall rechts.) Denn, wird der Zolltarif erst einmal angeschnitten, werden die landwirtschaftlichen Zölle abgeschwächt, oder gar beseitigt, dann sind auch die industriellen Schutzzölle in Gefahr. Darüber besteht fein Zweifel. (Sehr richtig! rechts.) Unsere Wahlparole lautet daher: Schutz der nationalen Arbeit! (Lebh. Beifall rechts, Lachen links. Zuruf der Soz.: Und darum holen Sie Galizier und Polen in§ Land!) Herr Fuhrmann hat gestern mit einem Vorstoß gegen die Konservativen, gegen die Hyperagrarier geschlossen. Die beste Antwort auf diese Rede sind die Worte seines Parteigenossen, des Stadtdirektors Tramm ui Hannover, der darauf hinwies, daß das Hungcrgeschrei aus Rücksicht auf die Wahlen vielfach übertrieben sei. Für un5 ist die Volköernährung eine viel zu ernste Sache, als daß wir sie zur Agitation benutzen. (Beifall rechts. Lachen links.) Herr Oeser ist hier für keinen Abbau der Zölle eingetreten. Die Freisinnigen können aber auch anders. Herr Gyßling hat z. B. im Lande erklärt, daß kein Mensch daran denke, die Schutzzölle aufzuheben. (Hört! Hört! rechts.) Der Redner weist auf das Beispiel der französischen Sozialdemokratie hin, die alle Zollerhöhungen bewilligt habe. Er zitiert Schippel und Calwer, die für einen Schutzzoll sind. (Zuruf der Soz.: Calwer ist längst raus! Tr. Heim: Die Gescheiten treten eben aus! — Heiterkeit.) Das Einfuhrsclieinsystem ist für den Osten geradezu eine Lebensfrage. Der Redner bespricht bann ausführlich dieses System und legt ein großes Zahlenmaterial vor, um die Notwendigkeit der Einfuhrscheine zu beweisen. Auch die großen Städte Königsberg, Danzig, Stettin haben ein er- hebliches Interesse daran. .
Mit allen Kräften muß darauf hingearbeitet werden, daß die kolossale Spannung zwischen den Viehpreisen und den Detail- Handelspreisen aufhört. Auch die Schlachthofgebü h r e n sind viel zu hoch. Ter Einfuhr argentinischen Fleisches stellt sich selbst der sozialdemokratische Schriftsteller Schulz mit Entschiedenheit entgegen. Es ist minderwertig. Es gibt keine F l e i s ch n o t. Das hat auch in der Königsberger Stadtverordnetenversammlung der Stadtrat Berg — Herr Gyßling wird ihn wohl kennen — insofern zugegeben, als er erklärte, daß tatsächlich viel Rindfleisch unverkauft geblieben ist, weil die Leute lieber Schweinefleisch wollen. Daß Herrn Dr. Heim der Viehstand so sehr am Herzen liegt, kann ich begreifen. In keinem deutschen Bundes st aat i st das Rindvieh so stark vertreten wie in Bayern. (Stürmische Heiterkeit.) Aber ich möchte Herrn Tr. Heim bitten, dafür zu sorgen, daß auch dem Getteidebau sein Recht wird. Würde wirklich, wie er es vor
schlägt, mehr Getreide verfüttert werden, dann würde eine lieber- Produktion von Vieh eintreten und die Viehpreise auf dem deutschen Markt würden stark sinken. Tas würde aber auch Herrn Tr. Heim und den bayerischen Bauern wenig gefallen. Wir dürfen auch nicht verkennen, daß auch die Industrie schweren Schaden erleiden müßte, wenn wir die landwirtschaftlichen Zölle ermäßigten. Ich schließe mit den Worten des Sozialdemokraten Calwer: »Geben wir den Körnerbau preis, so opfern wir unsere politische Selbständigkeit!" Halten wir fest an dem Schutz der nationalen Arbeit. Nur dann werden wir mit Vertrauen in die Zukunft blicken können. (Lebhafter Beifall rechts, Unruhe links.)
Staatssekretär Dr. Delbrück:
Wenn man versucht, festzustellen, was denn eigentlich das Ergebnis der bisher beinahe Dreitägigen Debatte ist, so wird man zu dem Ergebnis kommen, daß die Erörterungen die miteinander streitenden Parteien und Meinungen nicht erheblich näher gc- bracht haben. Aber darin stimmt man auf allen Seiten überein, daß eine Teuerung besteht, und man bedauert auch allgemein die Bedrängnis, in die weite Kreise des Volkes, des Arbetterstandes, des Mittelstandes, vor allen Dingen auch die kleinen landwirtschaftlichen Produzenten, die Beamten durch die Folgen der Dürre des letzten Sommers gebracht sind und evtl, noch gebracht werden. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß dic'eS Bedauern am allerlebhaftesten besteht bei den verbündeten Negierungen, bei dem Herrn Reichskanzler (Heiterkeit links), gerade um deswillen, weil wir uns bewußt iinb, daß uns wirksame Mittel zur Behebung dieser Miß stände nur in außerordentlichem geringen Umfange zur Verfügung stehen. Aber diese Mittel sind von dem Reichskanzler unverzüglich in Wirksamkeit gesetzt. Ich kann daran erinnern, daß die Beschäftigung des Reichskanzlers seit Monaten eigentlich durch die Frage der Dürre, ihre Folgen und die Möglichkeit einer evtl. Behebung absorbiert worden ist. Da drei Redner vom Regierungstische schon gesprochen haben, möchte ich nur die Frage erörtern, ob den Schwierigkeiten nicht dadurch abgeholfen werden könne, daß man die Fleischeinfuhr erleichtere oder erweitere. Man hat auf das Büchsenfleisch hingewiesen. Die Einfuhr deS Büchsenfleisches ist durch Gesetz verboten, und dieses Verbot ist auf Grund eingehender Erörterungen hier im Reichstage erlassen. Ich darf daran erinnern, daß bei den Beratungen des Fleischbeschaugesetzes, hier eine ganze Reihe von Fällen festgestellt wurde, in denen nicht nur einzelne Erkrankungen, sondern auch Massenerkrankungen infolge des Genusses von Büchsenfleisch eingetreten waren. (Hört! Hört! rechts.) ES ist damals zur Sprache gekommen, daß eine Untersuchung, die die amerikanische Armee veranstaltet hat, dahin geführt hat, daß während des spanisch-amerikanischen Krieges ganz minderwertiges Büchsenfleisch geliefert und zum Teil zur Verwendung gekommen ist.
Es ist damals weiter festgestellt worden, daß auch während des B u r e n k r i e g e s die Engländer auf das schwerste mit der Unbrauchbarkeit und Minderwertigkeit des Büchse-n fleisches zu kämpfen gehabt haben. Der Grund liegt darin, daß sowohl die Art des Betriebes der auswärtigen Schlächtereien, als die Art der Verpackung und der Einfuhr es uns absolut unmöglich machen, die Beschaffenheit des Fleisches genau zu beobachten, so daß wir schon aus sanitätspolizeilichen Gründen gar nicht in der Lage sein würden, hier eine Aenderung des aus wohlerwogenen Gründen geschaffenen Verbots vorzunehmen. Tas auswärtige Fleisch können wir nicht günstigeren Bedingungen in bezug auf die Untersuchung unterwerfen, als unser einheimisches Fleisch, das bekanntlich aus sanitätspolizeilichen Gründen unter lebhafter Opposition der Produzenten einer sehr scharfen Kontrolle unterworfen ist. Das müssen wir bei dieser Frage des Büchsen- fleisthes festhalten. Wenn Sie vom Büchsenfleisch absehen, kann ja für eine Erweiterung der Fleischeinfuhr nur die Einfuhr von amerikanischem Vieh bzw. von amerikanischem Fleisch in Frage kommen. In Rücksicht auf die Kon- sumtionS- und Produktionsverhältnisse in Amerika kommt aber in der Hauptsache Argentinien in Betracht. Die Einfuhr von argentinischem Rindvieh ist aber verboten wegen der Gefahr der Einschleppung des Texasfiebers, das aller- dings vielleicht nicht direkt übertragbar ist; es besteht jedoch die Besorgnis, daß mit dem Vieh Insekten herübergebracht werden können, die die Träger der Ansteckung sind. Solange diese wissen- schastliche Ueberzeugung an den maßgebenden Stellen besteht, bin ich nicht in der Lage, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß argentinisches Vieh lebend e i n g e f ü h r t wird. Im übrigen ist die Einfuhr von Schafen und Schweinen aus Nord- und Südamerika und ebenso von deren Fleisch gestattet. Nicht eingeführt werden kann a m e r i f a n i - sches Rindfleisch. Tafür sind maßgebend sachliche Grunde der Aufsichtsinstanzen, daß nämlich mit der Einführung dieses Fleisches ebenfalls die Gefahr der Einschleppung des Texasfiebers verbunden wäre. (Widerspruch links.) (Solange diese Ueberzeugung besteht und mit guten Gründen fest- gehalten werden kann, kann auch ich mich nichtfür eine an- dereAnordnung einsetzen. (Unruhe links.)
Nun ist daraus hingewiesen worden, daß ja außerdem der Einfuhr frischen Fleisches aus Amerika hinder- lich im Wege stehen würde die Bestimmung des § 12 des Fleisch- beschaugesetzcs, wonach bestimmte Eingeweide des Tieres im Zu- sammenhang mit dem in zwei Körperhälften zerlegten Tier cm- geführt werden müssen. Diese Bestimmung hat ihren Ursprung darin, daß wir ohne diese Organe gewisse Krankheiten und Eigen- schäften des Fleisches nicht feststellen können. Diese Organe bilden auch bei der Untersuchung unseres einheimischen Viehes und der Verwertung seines Fleisches eine der wichtigsten Unter- suchungsgrundlagen, und es ist vollständig konsequent,, wenn wir diese Forderung aufrecht erhalten auch für die Einfuhr ausländischen Fleisches. Wir können unmöglich ausländisches Fleisch günstiger stellen, als das in Deutschland produzierte. (Zu- itimmung rechts.) Gegenüber dem Abg. Tr. Heim muß ,ch betonen, daß eine derartige Maßnahme, wie die Suspension des 8 12 d e s Fleischbeschauges ehe s, deshalb nicht in betracht kommen kann, weil die Einfuhr von ausländischem Fleuch eine Fülle von Einrichtungen des Handels und von Vorrichtungen auf den Transportdampfern erfordert, und sich niemand darauf einlassen würde, diese Maßnahmen zu treffen, wenn er vorher weiß, daß es sich nur um eine wenige Monate dauernde Einfuhr handeln würde. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Im übrigen würde aber gegen den Vorschlag einer Untersuchung des Viehes und Fleisches drüben im Auslände, event. durch einheimische, dorthin zu sendende Tierärzte immer einzuwenden sein, daß es in hohem Maße zweifelhaft ist, ob die Art Der Ein- richtungen Der großen Lchlächtereibetnebe jenseits des Ozeans Überhaupt eine derartige Untersuchung ermöglichen. (Sehr wahr! reckt- ) Es ist weiter zweifelhaft, ob sich die dortigen Produzenten einer solchen Untersuchung, wie sie nach unserem Ge,etz
erforderlich ist, überhaupt unterwerfen würden. Es ist auch immer das Bedenken zu erheben, daß ein im Auslande aiigestellter Tierarzt schwer kontrolliert werden kann und immerhin Bccin» flunungeff von feiten der großen Produzenten, der Schlächter usw. ausgesetzt sein könnten. (Hört, hört! links.)
Alle diese Erwägungen sind hier wiederholt, zuletzt int vorigen Jahre, vorgebracht worden und sie sind so start, daß die Verbündeten Regierungen nicht glauben, den Versuch, über sie hinwegzugehen, in einer Zeit machen zu dürfen, wo ja von einer Fleischnot nicht d i e Rede fein kann, sondern nur das Eintreten einer Fleischnot für möglich gehalten oder b c • ürdjtet wird. Ich will nur darauf Hinweisen, daß Der Fleischkonsum pro Kopf der Bevölkerung 1011 bis jetzt nicht kleiner gewesen ist als 1910. Unter diesen Umständen, zu denen auch gehört, daß im großen und ganzen bezüglich des Schweinefleisches eine Abnahme Der Preise festzustellen ist, vermag ich mich nicht davon zu überzeugen, daß Die schweren Bedenken, die ich eben geäußert habe, überwunden werden können zugunsten eines Versuchs mit der Einfuhr von argentinischem Fleisch. Es könnte sich dabei handeln um Kühl - oder Gefrierfleisch. Bei dem Kühlfleisch könnte der Preisunterschied gegenüber dem einheimischen Fleische nicht groß fein. Aber auch bezüglich des Gefrierfleisches habe ich die ernjtesteii Bedenken, ob cd sich tatsächlich auf unserem Markt einen speziellen Platz erobern könnte. In den letzten Tagen ist wiederholt gewünscht worden, wir möchten einmal das Ergebnis der Erkundigungen mitteilen, die. wir über die Erfahrungen bei der E i n f u h r a r g e n t i n i s chc n Fleisches in anderen Staaten eingezogen haben. Mas Oe st erreich betrifft, so bat man dort die Einfuhr von 4000 Tonnen argentinischen Gefrierfleisches zugelassen. Wie der Ministerpräsident Dr. v. Gautsch im österreichischen Abgeordnetenhause dargelegt hat, sind 1650 Tonnen nach Wien gebracht worden. ’ Von diesen sind 26 Tonnen an andere Konsumorte abgegeben, 54 Tonnen nach der Schweiz auSgcführt und 232 Tonnen nach Triest zurückgeschickt worden. In Wien wurden nur 051 Tonnen konsumiert, 327 Tonnen aber lagerten noch unverbraucht in Wien. Als Ursache dieses unbefriedigenden Absatzes wird zu geringe Spannung in den Preisen gegenüber dem einheimischen Fleisch und zu geringe Qualität angegeben. (Hört, hört! rechts.) TaS, was der Abg. Graf Kanitz zutreffend über das argentinische Fleisch ausgeführt hat, will ich nicht wiederholen. Es wird berichtet, daß es, gerade im Geschmack, sehr fett ist, sich nicht zum Kochen und zur Bereitung von Suppen eignet, sondern, wenn es schmecken soll, nur zum Braten und Schmoren verwendet werden kann. (Abg. Hue: Dann lassen Sie es doch die Leute wenigstens schmoren! — Sehr gut! links.) Der Beweis, daß c3 sich dafür eignet, ist aber auch noch nicht gegeben. (Lachen links.) JnderSchweizhat man es als F l e i s ch zweiter Qua- lität bezeichnet. Man ist nicht unzufrieden gewesen, aber es wird uns aus Bern berichtet, daß man in den Kreisen des Mittelstandes dieses Fleisch verkauft, daß dagegen in den Kreisen der. Arbeiter im allgemeinen das argentinische Gefrierfleisch abgelehnt wurde. (Hört! hört! rechts. Rufe links: Warum Denn?) Die Gründe sind nicht angegeben. Nach meiner Ansicht werben sie wesentlich darin liegen, daß die Beschaffenheit des Fleisches es für die Anforderungen eines Arbeiterhaushaltes weniger geeignet macht, als für Haushalte, wo eine andere Zubereitung üblich ist. (Zurufe links.) Ich kann ja nur das tun, was Sie von mir verlangt haben, die mir gegebenen Auskünfte mitzuteilen. (Zurufe links: Und England!) In England hat sich daS Gefrierfleisch aus Argentinien allerdings in gewissen Grenzen Eingang erobert. Aber, wie sogar ein Arbeiterblatt geschrieben hat, strebt auch die Arbeiterbevölkerung mit allen Mitteln danach, von der Notwendigkeit, dieses Fleisch zu konsumieren, abzukommen, weil die Beschaffenheit des Fleisches den Anforderungen nicht entspricht, Die auch der englische besser gestellte Arbeiter an das Fleisch stellt. (Zuruf links: Es wird aber doch nach England ein- geführt!) Ja. die englischen Sachverständigen sind der Meinung, daß das geschehen kann, unsere aber nicht.
Ich habe nicht den Eindruck, daß Die Debatte die Auffassungen in den verschiedenen Teilen dieses Hohen HauseS und in der Regierung einander näher gebracht hat. Außerordentlich lebhaft ist nach wie vor der Streit über die Ursachen der Teuerung und er ist eigentlich von ausschlaggebenderBe- deutung. Denn die Ursachen, die man für eine Erscheinung findet, sind maßgebend für die Mittel, mit Denen man sie bekämpft. Der Abg. Oeser hat diese Ursachen gefunden in unserer Wirtschaftspolitik, und er hält es für ebenso feststehend, daß die Gesetzgebung in dieser Frage versagt hat, als daß eine Teuerung überhaupt besteht. Auf Die Gefahr hin, daß das „Berliner Tageblatt" mir den Vorwurf macht, ich hätte eine Wahlrede gehalten (Heiterkeit rechts), muh ich mich mit der Behaup. tung Dr. Oesers beschäftigen, daß ein allmählicher Abbau der Zölle notwendig fei. Ich bebaute, daß Dr. Oeser nickt die Zahlen angegeben hat, die ihn zu der Auffassung gebracht haben, daß eine Teuerung besteht. Tenn in einer Analyse dieser Zahlen liegt der Schlüssel Der Situation. Es ist gewiß f ü r b e n Redner angenehm und rücksichtsvoll für die Zuhörer, wenn man solche Zahlen wegläßt. (Ledebour: Zur Sache! — Unruhe rechts, Dr. Arendt ruft: Es ist unerhört!) Der Reichskanzler hat allerdings auch keine Zahlen gegeben, er würde ferne Rede damit nur belastet haben. (Heiterkeit links.) Er bat eS den anderen Herren vom Regierungstische überlassen, die Zahlen noch im Lause der Debatte beizubringen. Ich habe dieses Zahlenmaterial bereits dem Reichstage zugehen lassen. Die Berech- nungen sind angestellt am 19. Oktober 1911. Da wurde der Weizen in Berlin notiert mit 206 M., 1909 waren es 233 M-, 1891 224 M., 1882 204 M., 1881 219 M. und 1880 217 M. ES ergibt sich also, daß die Preise für Weizen nicht niedrig sind, daß sie aber lange nicht Die Höhe früherer Jahre bei niedrigeren Zollsätzen erreicht haben. Im übrigen zeigen Die Vreise in Berlin, Tas gilt auch für Roggen und Hafer im Laufe der letzten Jahre, eine langsam ansteigende Tendenz. Roggen wurde mit 185 Mark notiert. Der Preis für 1908 betrug 108 M., für 1907 193 M., für 1891 211 M. für 1881 195 M. und für 1880 187 M. Es ergibt sich also auch hier, daß in den früheren Jahren höhere Preise gewesen sind. Hafer wurde mit 186 M. bezahlt, 1909 mit 175, 1891 mit 181 usw. Tie Haserpreise sind im Laufe der letzten zehn Jahre erheblich gestiegen. Sie stehen also augenblicklich in Berlin höher als im Durchschnitt Der früheren Jahre. Futtergerste wurde in Breslau mit 155 M. bezahlt, der Preis ist in den früheren Jahren annähernd erreicht worden. Mais wurde in Breslau mit 177 bis 179 M. bezahlt. Der niedrigste Preis war 1908 mit 164 M., 1882 aber betrug er 178,5 und 1880 174 M.
Tie Preise für Roggenmehl und für Weizen in diesem Jahre sind von denen anderer Jahre übertroffen worden. Für Kartoffeln hatten wir am 23. Oktober einen Preis von 60 bis 69 Mk., für Brennereikarwffeln von 40 Mk. Tiefer Preis ist innerhalb bei


