Ausgabe 
17.11.1911 Erstes Blatt
 
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Vertrag für alle Zeiten geschlossen sei, sich entgegen kommend zeige. Mit Bezug auf die in dem Flussblatt der fortschrittlichen Volks- Partei enthaltenen Versprechungen setze er durchaus keinen Zweifel in die Ehrlichkeit des Kandidaten Urstadt, hält es aber für richtiger, einen im praktischen Leben stehenden, als liberal und unab­

hängigen Mann bekannten Kandidaten zu wählen, z»_____

hessische Landtag an Akademikern reichlich versehen fei. Von diesem i «u» du 5cigen, vuk ucl

Gesichtspunkt aus betrachtet, verdiene der Kandidat Mngspor'guten Namen als Turnverein sich bewahrt hat, Lahezuglls

Die Revision Erber verworfen!

w Leipzig, 16. Nov. Tas Reichsgericht verwarf die Revision des Schlossers Erbe, der am 29. Septemi« vom Schwurgericht in Gteßen wegen schweren Tiebstahls zu drei Jahren Zuchthaus und wegen Raubmordes zum Tode verurteilt worden war, weil er am 4. Juli in Rieder-Mörlen einen Einbruch verübte und die Ehefrau Walther ermordete und beraubte.

Aus Hes?err.

Gießen, 17. Nov.

Wahlerversammlung der fortschrittlichen Volkspartei.

Die auf gestern abend von der fortschrittlichen Volkspariei Steins Garten einberufene Wählerversammlung toar außer-

** In Audienz empfangen wurde am Mittwoch vom Großherzog u. a. Geh. RegierungSrat Schönfeld von Schotten.

** Lehramtspersonalien. Der Großherzog hat den evang. Pfarrer Will). Hartmann zu Rieder-Ingelheim unter Verleihung des Charakters alsProfessor" zum Oberlehrer an dem Gymnasium zu Offenbach und den evang. Pfarrassistentrn Karl Krämer zu Mainz zum Oberlehrer an dem Gymnasium zu Worms ernannt.

** Die Direktion der R e i ch s b a n k hat den von der Stadt Gießen zur Errichtung eines ReichÄankLebäudes zur Verfügung gestellten Bauplatz, Ecke der Lor^y- und Bis- marckstratze angenommen. Die an die Schenkung geknüpfte Bedingung, aus der seitherigen Reichsbanknebenstelle eine Reichsbank st elle zu machen, wurde damit gleichfalls angenommen.

Stadttheater. Nach eben eingetroffener tele­graphischer Mitteilung ist Herr JürgaS am 20. dS. Mts. unabkömmlich geworden, so daß die Aufführung der Frösche- leider nochmals, und zwar auf unbestimmte Zeit, verschoben werden muß.

Tektonischer Ursprung.

Nach einer Rücksprache mit Prof. Kaiser, dem Ver­treter der Geologie an unserer Landesuniversität, handelt es sich nicht um ein vulkanisches, sondern um ein tekto­nisches Erdbeben, d. h. um ein Beben, das durch Verschiebungen im Erdinnerri hervorgerufen wurde. Diese Erdbeben, wie sie in den 70er und 80er Jahren häufig bei Groß-Gerau beobachtet wurden, bedingen nicht stets große Verschiebungen; es können dabei Verschiebungen von nur wenigen Zentimetern eintreten. Gegen die Annahme, daß es sich um einen weiteren Einbruch der mittelrheini­schen Tiefebene handelt, sprechen die Tatsachen, daß das Beben süolich bis Mailand und nördlich bis Erfurt be­obachtet wurde. Auch die östliche Ausdehnung bis nach Wien widerspricht dieser Annahme. Aller Wahrscheinlich­keit nach liegt der Erdbebenherd (das Epizentrum), soweit sich das aus den bis jetzt vorliegenden Meldungen beurteilen läßt, im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Hochplatte.

Weitere Wahrnehmungen.

lieber die Beobachtungen, die in Gießen gemacht wur­den, gingen uns noch folgende Nachrichten zu:

Gestern abend. 10 Uhr 30 Minuten wurde eine etwa s/4 Minuten dauernde Erderschütterung verspürt. Der Ein­sender dieses konnte in seinem Zimmer (Süd-Anlage) die Wahrnehmung machen, daß der Ofen und der um ihn stehende Schirm sowie die Hängelampe mehrere Sekunden Deutlich bebten. Die gleiche Beobachtung machte das Mäd- chen in der Küche, wo die Töpfe am Wandbrett und auf den Regalen leicht zu wackeln anfingen. Es wäre von Interesse, zu hören, ob auch von anderen Leuten ähnliche Beobachtungen gemacht worden sind. Ein Einwohner der Moltkestraße schreibt uns: Gestern abend 10i/2 Uhr verspürte man hier drei rasch nacheinander folgende Erd­stöße. Die Stöße waren derartig stark, daß sämtliche Möbel­stücke im Hause in starke Bewegung kamen.

In der' Bahn Hof st raße und im Seltersweg wurden innerhalb 3 Sekunden zwei Erdstöße gemerkt, die von Osten nach Westen gingen. Die Dauer eines jeden Stoßes war etwa lVa Sek.

Nicht gemerkt wurde das Erdbeben im hiesigen Tele- araphenamt, was wohl darauf zurückzusühren ist, daß das Gebäude auf Felsen steht, wodurch die Wirkung der Erdstöße abgeschwächt wurde.

In ganz Oberhessen wurde das Erdbeben gespürt. Nach­richten gingen uns u. a. zu aus Wieseck, Lich, Obbornhofen, Hungen, Nioda, Schotten, Ulrichstein, Büdingen, Lindheim und Friedberg. Von letzterem Ort schickt uns ein Freund unseres Blattes folgende anschauliche Schilderung:

10.25 abends. Ich schreibe an einen Freund: Lieber L.! 'Eben bin ich im Begriff, Dir zu schreiben, da schaukelt mein Schreibtisch, die Wände meines Zimmers, 3. Swck, die Leuchter auf dem Bücherschrank mit ihren zahlreichen Glasprismen schaukeln und flirren. Das dauerte Augenblicke, bann isl's vorbei. Ick sehe sofort auf die Uhr. Es ist nach Bahnzeit ca. 10.25. Ich stehe auf Mud sehe die Leuchter an, die Glasprismen an den Leuchtern schwingen noch leicht hin und her. Jetzt erst, nach 2 Minuten, haben sie sich vollständig beruhigt. Ich Öffne das Fenster, draußen ist alles ruhig, auch im Hause scheint sich niemand aufzuregen. Das Schaukeln war so hestig, daß ich mich wundere, in den Wänden meines Zimmers keine Risse zu sehen. 34 starke Schwankungen horizontale glaube ich erkannt zu haben. Zweifellos handelte es sich um ein Erdbeben. Zch gehe noch aus, um mich zu erkundigen.

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Marburg, 16. Nov. Gestern abend wurde hier ein Erd­beben von 3 Sek. Dauer wahrgenommen.

Frankfurt a. M., 16. Nov. Heute abend gegen Sill Uhr wurde in Erfurt und München ein leichter ieinige Sekunden dauernder Erdstoß verspürt. In Stutt­gart war der Erdstoß so heftig, daß sich die Gegenstände rm Zimmer bewegten und teils umfielen. Viele Personen eilten aus den Häusern auf die Straße. In Augsburg und in allen größeren Orten Schwabens wurden gleich­falls drei hintereinander folgende starke Erd­beben wahrgenommen.

Frankfurt a. M., 16. Nov. Heute abend um 10.25 Uhr wurde hier ein von Norden nach Süden gehender starker Erdstoß wahrgenommen. Verschiedene Häuser haben große Risse erhallen. Die Bewohner eilten bestürzt teils nur notdürftig bekleidet auf die Straße. Die Feuerwehr, die R e t t u n g s w a ch e mußten vielfach in Tätigkeit treten, doch sind ernste Unfälle nicht vorgekommen. Auch aus Mainz, Karlsruhe und Straßburg wird über den Erdstoß gemeldet. Besonders stark anhaltend soll die Schwankung in München gewesen fein. In verschiedenen Orten wurden die Fernsprechleitungen gestört.

Heidelberg, 16. 9tot). Heute abend10 Uhr 25 Mi­nuten wurde hier ein 15 Sekunden währender, anscheinend von Osten nach Westen verlaufender Erdstoß verspürt, welcher die Wände, Decken und Möbel stark erschütterte. Im T Heater schwankten die Säulen; es entstand eine Panik und die Vorstellung wurde unterbrochen. Unfälle sind bisher nicht gemeldet worden

Rottweil, 16. Nov. Heute abend 10 Uhr 25 Min. wurde hier ein starker Erdstoß »oahrgenommen. Die Er­schütterung war so heftig, daß verschiedene Gegenstände rn den Zimmern herunterfielen. Arn schwarzen Tor tzürzte ein Kamin M- Lei verschiedenen Häusern fielen

Aus Stadt und Land.

Gießen, 17. November 1911, Bon den städtischen Werken.

Die finanziellen Ergebnisse unserer städtischen Werke für 1910/11 liegen jetzt vor und lassen erkennen, daß sie sich gedeihlich entwickelt haben. Beim Gaswerk ist erfreu­lich, daß seine Entwickelung trotz der Konkurrenz der Elek­trizität wieder mit einem 7500 Mk. höheren Reingewinn abschließt als im Vorjahr. Der Ueberschuß des Gaswerkes beträgt 145 322 Mk., von dem 57 405 Mk. für Verzinsung und Tilgung der Schuld in Abzug zu bringen sind, die in Höhe von 687 233 Mk. am 31. März 1911 auf dem Werke ruhte. Es verbleibt mithin an Reingewinn 87 917 Mk. Es wurden im abgelausenen Jahre hergestellt 2 095 364 Kbm Gas, die folgende Verwendung fanden: Private Beleuch­tung 594 779 Kbm., Heiz- und Kochgas 964 445 Kbm., K'raft- gas 30658 Kbm., Straßenbeleuchtung 303007 Kbm., Selbst- verbrauch 30658 Kbm., Verdichtung und Verlust (6,69 Proz. der Produktion) 140 306 Kbm. Die Produktion erhöhte sich im letzten Jahre gegen 1909/10 um 42000 Kbm. Gas. Die stärkste Tagesleistung war mit 9100 Kbm. gefertigten Gases am 17. Dezember 1910 erforderlich, während die höchste Stundenleistung mit 990 Kom. Gas am 16. Dezember 1910 sich ergab. Der Kohlenbedarf für 1910/11 stellt sich auf 700 Doppelwagen. Gasmesser standen am 1. April d. I. aus 5591 oder 360 mehr als am gleichen Tage 1910. Für die Straßenbeleuchtung waren 869 Laternen oder 32 mehr als im Vorjahre in Betrieb. Die Gesamtlänge des Rohrnetzes betrug 59 920 Meter.

Das Wasserwerk brachte einen Ueberschuß von 130 511 Mk., von denen an Zinsen für die Schuld des Werkes 50 988 Mk. zu zahlen sind, der dann verbleibende Rest von 79 522 Mk. wird zur Schuldentilgung verwendet. Der Ueber­schuß ist gegenüber dem Vorjahr um rund 1000 Mk. zurück­gegangen. Unser Wasserwerk stand Ende März d. I. mit 1369 663 Ml. zu Buch. Es wurden 1910/11 an Wasser ge­fördert: 281050 Kbm. aus den alten Quellen (natürlicher Zulauf) oder am Tage durchschnittlich 142 Kbm. mehr als im Vorjahr und 1197 366 Kbm. oder 148 Kbm. durchschnittlich weniger als im Vorjahr im Queckborner Werk. Es er Härt sich das Mehr aus den alten Quellen durch den regen-, reichen Sommer in 1910/11. .Abgesetzt wurde an Wasser an Private 1113 409 Kbm., für öffentliche Zwecke 104 677 Kubikmeter, Selbstverbrauch 25 700 Kbm., Gemeinde Queck- born 18 532 Kbm. Der Verlust belief sich infolge der häu­figen Rohrbrüche auf 216097 Kbm. Wasser. Der tägliche Durchschnittsverbrauch an Wasser im Versorgungsgebiet für den Kopf der Bevölkerung betrug täglich 188 Liter gegen 170 im Vorjahr. An Kohlen und Koks wurden für 5as Wasserwerk Queckborn 55 Doppelwagen verfeuert. Die Zahl der Anschlüsse an das Wasserverteilungsnetz betrug 2185 oder 15 mehr als im Vorjahr. An Hydranten )iiw vor­handen 321 (darunter 47 Oberflurhydranten) wozu noch 75 Hydranten im Privatbesitz und 78 für die Besprenguüa der Anlagen kommen. Aufgestellt waren im ganzen 2286 Wassermefter. Die gesamte Länge des Rohrnetzes betrug 83 632 Meter gegen 82 410 Meter im Vorjahr.

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* TageskalenderfürFreitag, den 17.November: Stadt­theater:Die Ahnengalerie " Anfang 8 Uhr. Samstag nach­mittag 31/, Uhr: Schüler-Vorstellung: .Die Jungfrau von Orleans.*

ordentlich stark besucht. Der Kandidat der Partei, Professor U r st a d t, führte zrtztächst aus, in der Reichspolitik gelte neuer- dings das Wortrechter Hand, linker Hano, alles vertauicht". Die Konservativen hätten um yraterieller Vorteile willen selbst einen Krieg nicht gescheut. Sodann entwickelte der Redner noch­mals das Landtagswahlprogramm der fortschrittlichen Volkspartei. Von der auf den Grundsätzen der Humanität und des freien Selbstbestimmungsrechtes der einzelnen Persönlichkeit beruhenden liberalen Weltansckwnung aus, seien auch die den hessischen Land­tag berührenden Fragen zu behandeln, die Schulfrage, die mate­rielle Besserstellung und die staatsbürgerliche Sicherung der Be­amten, die Sicherung des Koalitionsrechtes der' Arbeiter, die Förderung des gewerblichen Mittelstandes usw. Er verspreche keinem Stande Sondervorteile, sondern wolle dem Volksganzen dienen vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus. Die Fortschritts- Partei sei bereit, auch in Hessen mit den Nationalliberalen zu- sammenzugehen, wenn deren Gesundung aus der Partei selbst heraus erfolgt fei. Man werde dann zwar zunächst keine Mehr­heit in der Kammer haben, aber in treuer Arbeit nach und nach .durch eigene Kraft eine rein liberale Mehrheit erringen. Bis dahin könne in einer Art von Großblock mit der Sozialdemokratie mancher Fortschritt erzielt werden. An gemeinsame Arbeit mit der Sozialdemokratie werde sich auch die nationalliberale Partei Hessens noch gewöhnen müssen und es werde bei uns gerade so gut gehen wie in Baden. Von der Sozialdemokratie trenne seine Partei eine Welt, aber der Entscheidungskampf um die beiderseitigen Weltansck)auungen stehe noch in weiter Ferne, bis dahin sei eine gemeinsame Arbeit möglich. Nicht wegen seiner Person, sondern wegen der Ausbreitung der fortschrittlichen Grund­sätze bitte er, . am Freitag ihm die Stimme zu geben. (Lebh. Beifall.)

Nittergutsbesitzer Becker- Bartmannshagen, der durch Hände­klatschen begrüßt wurde, führte aus, eine Partei, für die mit oder ohne ihren Willen mit Inseraten, die die Unterschriftein Arbeiter" oder7 Wähler" trugen, gearbeitet werde, brauche sich darauf nichts emzubilden. Das sei die Art, nach der in Ost- elbien der Bund der Landwirte arbeite, während es in Hessen die Nationalliberalen so machten. Zwischen den Konservativen seiner Heimat und den fogenannten Altnationalliberalen von der Art des Freiherrn von Heyl gebe es keinen Unterschied, nur seien die ersten ehrlicher. Man spräche in jenen Kreisen viel vom Familiensinn, bei der Fideikommissrage, bei der Nachbaßsteuer, und bezeichne seinen auf persönliche Vorteile frebacfyten Stand­punkt mit dem Schlagwort, das sei preußisch-deutsche Eigenart. Er halte etwas anderes für preußisch-deutsche Eigenart, nämlich die treue Pflichterfüllung auf allen Gebieten. Sie sei in allen Schichten des deutschen Volkes und auf allen Gebieten vorhanden, nur auf einem nicht, nämlich auf dem politischen. Auch in der Politik solle das deutsche Volk den Willen zur Macht bekunden, der allein zum Erfolge führe. iTer Kampf gelte allen, die sich dem Selbstbestimmungsrecht des Volles und dem Fortschritt ent­gegensetzen und auch der sei als Feind zu behandeln, der sich nicht reinlich von den Parteien des schwarzblauen Blocks trennen könne. 'Tie hessische Wählerschaft habe es am Stichwahltag in der Hand, im ©inne des liberalen Gedankens Fortschritte zu machen. Jeder Stimmzettel, der für Urftadt in die Wahlurne geworfen werde, bedeute einen Erfolg gegen die Reaktion. (Stürmischer Beisall.)

Nachdem die Herren M e chler-Wieseck und Beckmann- Gießen ihre Parteigenossen crufgefordert hatten, gemäß des Be­schlusses der sozialdemokratischen Parteiorganisation für die Wahl Urstadts zu wirken, schloß der Vorsitzende Justizrat Metz die Versammlung mit der Bitte, für Urstadt einzutreten und klein- lichie Bedenken persönlicher Art beiseite zu lassen, damit die Wabl des fortschrittlichen Kandidaten aus eigener Kraft gesichert werde.

Natioualliberale Wählerversammlung in Wieseck.

Im Saale von W. Dorfeld in Wieseck sand am gestrigen Donnerstag eine von der nationalliberalen Partei ein­berufene gut besuchte Versammlung statt, die jm Gegensatz zu früheren ihnen ruhigen sachlichen Verlauf nahm. Der Redner, Rechtsanwalt Kaufmann, bedauerte zunächst, daß der Kandidat Klingspor infolge Krankheit nicht in der Lage sei, nochmals seine politischen Anschauungen darzulegen. Er ging bann des näheren auf die vom letzten Landtage verabschiedeten Gesetzes­vorlagen ein und rechtfertigte den Standpunkt der nationalliberalen Partei in der Wahlrechtsvorlage und dem Gemeindesteuergesetz. Dann sprach er über die Aufgaben des neuen Landtages. In der Wirtschaftspolitik müsse Sparsamkeit walten; er zeigte, wie durch eine Vereinfachung des zurzeit noch sehr umfangreichm Beamtenapparates wesentliche Ersparnisse gemacht werden könn­ten. Es fei weiter nicht richtig, daß die Tilgung der aus früheren Zeilen stammenden Schuld vor der Aufbesserung der in einer Notlage sich befindenden Beamtenschaft erfolgen müsse. Daß es wünschenswert sei, den Preußisch-Hessischen Eisen­bahnvertrag zugunsten Hessens zu revidieren, das sei der Wunsch aller Parteien, nur sei fraglich, ob Preußen, mit dem der

durckmus den Vorzug vor Professor llritabt. Klingspor sei ein Manu bei' praktischen Arbeit, ber sich burdj Energie l)eraus­gearbeitet habe, er wisse, wo den Bürger und Arbeiter der Schuh brücke. Außerdem hätten alle Parteien zugegeben, baß er in liberaler Gesinnung unb infolge seiner persönlichen Eigen­schaften als Mensch unb Arbeitgeber gleich hoch geschätzt werden müsse. Wer aber praktisch sich bewährt ^abc in Werken der Nächstenliebe, ber gäbe in Wirklichkeit die Gewähr, daß er ber beste Volksvertreter sei.

An der lebhaften Aussprache, die den Ausführungen des Rechtsanwalts Kaufmann folgte, beteiligte sich außer ben Herren Will unb Vogelhöfer- Wieseck hauptsächlich Herr Riegel-Gießen. Er sprach über das Koalitionsrecht ber Ar­beiter, das noch lange nicht allgemein sei, da die ländlichen nicht organisierten Arbeiter noch davon ausgeschlossen seien, unb bas in Gefahr wäre, burch bie neuen Strafrechtsbestimmungen beschnitten zu werben. Dann wanbte er sich gegen die national- liberalen Scharfmacher, die er als diegrößten Gegner des Fortschritts" hinstellt. Gegen die Person des Kandidaten Kling­spor hat er nichts einzuwenben, doch gehöre er auch infolge ber kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu ben Ausbeutern. Er suchte sobann bie Parole ber sozialdemokratischen Parteileitung zu rechtfertigen.

In seinem Schlußwort wies Rechtsanwalt Kaufmann aus die logischen Widersprüche des sozir^>emokratischen Diskussions­redners hin und gab der Hoffnung Ausdruck, daß an dem morgigen Stichwahltage recht viele Stimmen für Klingspor ab­gegeben würden.

von den Dächern Ziegelsteine herab; auch wurden Risse an den Wänden festgestellt. Die Einwohnerschaft stürzte entsetzt auf die Straße in der Befürchtung, das Erdbeben lönne sich wiederholen.

K 0 nstanz, 16. Nov. Heute abend um 10.25 Uhr zeigte sich am wesllichen Himmel ein starker blitzähn- licherFeuer strahl. Man verspürte ein starkes, wellen- artiaes, mehrfach von Norden nach Süden sich bewegendes Erdbeben, durch das Kaoline einstürzten, Mauern barsten und viele Gebäude, darunter das Postgebäude, beschädigt wurden. Der Bevölkerung hat sich große Auf­regung bemächtigt.

München, 16. Nov. Die Erdbebenstation der König­lichen Sternwarte teilt mit: Um 10 Uhr 25 Minuten 50 Se­kunden war in München ein s eh r starkes Erdbeben zu verzeichnen. Der Seismograph reagierte darauf so arg, baß er herausfiel und wieder hineingerichtet werden mußte. In den einzelnen Lokalitäten und Wohnungen war das Beben stark zu verspüren.

Wien, 16. Nov. Um y2ll Uhr nachts wurde in der ganzen Stadt ein eine halbe Minute andauerndes Erd­beben verspürt, welches die Richtung von Westen nach Osten zu nehmen schien und von mehreren kurzen Schwan­kungen begleitet war.

Mailand, 16. Nov. Hier wurde heute abend 10Uhr 30 Minuten eine Erderschütterung von einigen Se­kunden Dauer verspürt, die auch in Laoco, Varese und anderen ähnlich gelegenen Orten wahrgenommen wurde.

Aus Hechingen und Mülhausen im Elsaß wird übrigens gemeldet, daß dort schon vorgestern zwei Erdstöße v 0 n u n ge wöhnlicher Heftigkeit verspürt wurden, bie sich von Westen nach Osten bewegten. Auf den Straßen lagen vielfach Trümmer von Schornsteinen. Von einem Seitenturm ber reformierten Stephanskirche ist ein Zentner schwerer Stein­block heruntergestürzt. Im Stabttheater mußte bie Vorstellung abgebrochen werden, da bie Besucher bavonliefen.

fest sie ruht, ins Wanken zu geraten vermag. Die Phan­tasie arbeitet mächtig; neben dem Klirren der Fenster vermeint man das Murmeln erregter Erdgeister zu hören Draußen klingelt es wiederuni. Es ist eine Mitbewohnerin unseres Hauses, eine erschreckte Mutter, die, ihrer Ein samkeit entflohen, bei uns Schutz und Aufllärung holen wollte. Ob sie uns im Verdacht hatte, daß wir die Ur­heber dieses Bebens gewesen wären? Daß das Haus nur vor Heiterkeit gezittert hätte? Sie sah itiTjerc teils er­schreckten, teils -»rchdenklichen Gesichter uno mochte uns doch schließlich wohl glauben, daß die geheimnis­volle Natur diesen nächtlichen Spuk auf ihrem Gewissen habe. Und nun bangte den Damen davor, daß der Schrecken in der Nacht sich wiederholen llinnte. Alle Bilder, die der llassische Schilderer Phinius der Jüngere der Nachwelt vom Falle Pompejis und Herculanums zurückaelassen hat, dräng­ten sich vor die erregten Sinne. Erst allmählich kehrte die alte Fassung, auf die in unserem Hause viel Wert gelegt wird, zurück, und die Damen begannen wieder zu lächeln. Die Schicksalsfäden wurden weiter gesponnen. Könnte es nicht ein seliger Tod werden, wenn ein Erdbeben das Haus Zusammen sinken ließe und die Glücksplaneten es so fügten, daß die Gleichgesinnten in ewigem Schlafe zusammengebettet würden? Da prallen die Ansichten wieder aufeinander, und die Meinungen über dasLebensglück", dessen wissen- schaftliche Begriffsverfassung nach meiner Meinung un­möglich ist, wogen wieder aufeinander los. Das Glück ist launisch; es tappt unter die Menge und faßt bald des Knaben lockige Unschuld, bald auch den kahlen schul­digen Scheitel. Es wäre demnach nicht nur für die Guten und Frommen. Wer weiß es besser? Doch das gehört nicht mehr hierher und muß im kleinen Kreise noch lebhaft be­sprochen und vielleicht entschieden werden.

** Vom Männer-Turnverein wird uns ge­schrieben: Nächsten Samstag sind es 26 Jahre, daß der M.-T.-V. Gießen gegründet wurde. Der Verein hat des­halb beschlossen, sein Stiftungsfest in Gestalt eines Winter­no uncck- festes mit Ball feierlich zu begehen. Bei dieser Gelegen- umal ber I hell soll ein rein turnerisch gehaltenes Programm vorge- !on diesem führt werden, um zu zeigen, daß der M.-T.-V. seinen alten Kkinaspor' (Ulten 92zunen alH f-rrR bat. Nahezu öl«?

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