Ausgabe 
17.3.1911 Erstes Blatt
 
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zu beschäftigen. Das Budget belaufe sich auf 4-1 Millionen Pfund und man könnte an einem solchen Zeitpunkt eine Anleihe viel­leicht für ein nützliches Hilfsmittel halten. Aber er müsse darauf Hinweisen, wie schädlich eine solche Politik wäre. England müsse eine allen überlegene Flotte nicht nur ein Jahr hindurch erhalten, sondern so lange, als das britische Reich bestehen bleibe. Eine Anleihe sei aber nur ein zeitweiliges Hilfsmittel. Das Budget entspreche den Bedürfnissen der Flotte für ein Jahr und seine Ausgaben müßten daher aus den Einkünften des Jahres bestritten werden.

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Wiesbaden, 16. März. Luern von Keltsch, der als Dragoneroffizicr den Feldzug 1870/71 mitgemacht hatte, erhielt gestern zu feinem 90. Geburtstage vom Kaiser fol- aendes Telegramm: Zu dem heutigen Tag, an welchem ^ic durch GottcS Gnaden das 90. Lebenswahr vollenden können, spreche ich meinen herzlichsten Glückwunsch aus.

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Der Geburtstag Italiens.

Mit der Eröffnung der Bildnisausstellüng int Palazzo Vecchio in Florenz sind wir in die Tage der Festlichkeiten ein- getreten, die Italien zum Andenken an das fünfzigjährige Bestehen als nationales Königreich feiert. Tiefer Aus­stellung wird in kurzem die Eröffnung der Gcwerbeausste- lung in Turin folgen, und dann beginnen am 27. März die Festtage in Rom mit einer Gedenkfeier aus dem Kapitol, an der sich das ganze offizielle Italien beteiligt. Wie ge­schickt die Italiener ihr Festprogramm arrangiert haben! Erst die Kunst, die ganz Italien umfaßte, ehe von einem nationalen Königreich die Rede sein konnte, dann das Ge­werbe, das die nationale Einigung vorbereikcu half, und dann die politische Gedenkfeier in Rom. Man könnte frei­lich einwenden, daß diese, da Rom vor fünfzig Jahren noch gar nicht dem Königreich Italien angchörtc, besser in Turin stattgefunden hätte,' wo das erste italienische Parlament am 14. Marz 1861 dem König Viktor Emanuel von Sardinien und Piemont die Krone und den Titel eines Königs von Italien übertrug, oder auch in Florenz, das Hauptstadt Italiens war, bis am 20. September 1870 Rom der päpst­lichen Herrschaft entrissen wurde, aber man wird wohl darin übereinftimmen, daß ein2 Jubiläumsfeier zum An­denken an die Erhebung Italiens zum Königreich nicht denk­bar war, ohne daß die Hauptfeier in Rom staclfand, nach Hessen Besitz schon vor fünfzig Jahren alle Patrioten ver­langten, wert es eben den natürlichen und historischen Mittel­punkt Italiens darstellt. Jedenfalls ist durch die Verbin­dung der Namen Turin-Florenz-Rom bei den diesjährigen Jubiläumsfestlichkeiten die Richtung sehr glücklich gekenn­zeichnet, die die Entwickelung Italiens nahm, um zum natio­nalen Königtum und zur nationalen Einigung zu gelangen.

Lassen wir diese Entwickelung einmal an uns vorüber­ziehen, und versetzen wir uns zunächst in das Jahr 1850. Tarnals stellte Italien ein Konglomerat von Mittel- und Kleinstaaten dar, wie wir es zu jener Zeit auch in Deutsch­land hatten, und von denen wir hier neben Sardinien-Pie­mont dem Kirchenstaat nur das Königreich beider Sizilien, Parma, Modena und Toscana hervorheben wollen. Dazu befand sich die Lombardei und Venedig im Besitz Oesterreichs, das kurz zuvor nicht nur Sardinien in einem Feldzuge gc- demütigt hatte, sondern auch überall da, wo sich während der Revolutionsjahre bereits nationale Einigungsbeprebun- gen geltend gemacht hatten, die Partei der alten bourboni- schen und habsburgischen Dynastieen ergriff und so im Bunde mit dem Vatikan trotz des Gegenspiels Englands und Frankreichs dafür sorgte, daß über dem Italien des Jahres 1850 die Ruhe eines Kirchhofs lagerte und sein Schmerzensschrei nach nationaler Einigung und Erlösung vom Joch des ZlbjoluriSmus vorläufig ungehört verhallte.

Noch neun Jahre sollte es dauern, ehe das Einigungs­und Befreiunaswerk begann. Das Hauptverdienst dabei gebührt dem König Viktor Emanuel II. von Sardinien und i Jiemont der sich auf Rat seines Ministers Cavour, es größten Staatsmannes, den Italien seit Jahrhunderten desesten, an die Spitze der italienischen Einheitsbestrebungen teilte und 1859 im Bunde mit Frankreich Oesterreich- Ingarn den Krieg erklärte, der, durch den Züricher Frieden beendet, Oesterreich der Herrschaft über die Lombardei be­raubte, so daß es jetzt von italienischem Boden nur noch Venedig besaß. Da sich während dieses Kampfes auch die Bevölkerung von Toscana, Parma und Modena gegen die remden Dynastien erhoben und sie vertrieben hatte, da enter im folgenden Jahre Garibaldi auf Sizilien lan- >ete, die Insel von der neapolitanischen Herrschaft befreite und kurz darauf auch Neapel eroberte, und die Piemontesen einen Teil des Kirchenstaates in Besitz nahmen, so war zu Anfang des Jahres 1861 die Befreiung Italiens bis auf Venedig und das eigentliche Patrimonium Petri mit Rom vollendet.

Es war selbstverständlich, daß die Krone des befreiten Italiens nur Viktor Emanuel zufallen Sonnte, der sich infolge der demokratischen Reformen, die er in Sardinien und Piemont vorgenommen hatte, dem italienischen Volke auch nach dieser Richtung hin empfahl. So bot das erste italienische Parlament, das in der Hauptstadt Piemonts, Turin, am 18, Februar 1861 zusammentrat, nachdem schon vorher die Annexionsoerträge mit den einzelnen Staaten vollzogen waren, am 14. März König Viktor Emanuel )ie Krone des national geeinten Italiens an und hat diese SSat niemals zu bereuen gehabt, da Viktor Emanuel den Traum der Italiener von einem Italien, frei bis zur Adria, erfüllte. Im Bunde mit Preußen gelang es 1866, Venedig den Oesterreichern zu entreißen, und der deutsch- ranzösische Krieg, sowie namentlich die Schlacht von Sedan, brachte es dahin, daß die Italiener nach Abzug der fran­zösischen Besatzung am 20. September 1870 in Rom ein­rück en konnten, und damit auch, obwohl dem Papst der vatikanische Bezirk Roms Vorbehalten blieb, der Kirchen- taat zu existieren aufgehört hatte.

König Viktor Emanuel IL starb 1878; ihm folgte sein Sohn, König Humbert L, der 1900 dem Anschlag eines Mordbuben erlag, und heute regiert in Italien Viktor Emanuel III. Unter diesen Herrschern hat das geeinte Italien eine innere und äußere Entwickelung genommen, wie sie glanzvoller nicht gedacht werden-kann. Und wenn wir nach dem Grund dieser Erscheinung fragen, so müssen wir wohl sagen, daß es die Zuge Hörigkeit zum Drei­bund war, die Italien diesen wirtschaftlichen und polttischen Aufschwung ermöglichte. Da es bei seiner Einigung eine ähnliche Entwickelung durchzumachen hatte, wie Deutschland, da es Preußen den Besitz Venedigs, Deutschland den Besitz Roms verdantte, war ja ein freundschaftliches Verhältnis zu Deutschland von vornherein gegeben. Daß Italien aber dem Dreibund beitrat, obwohl zu ihm Oesterreich-Ungarn gehörte, mit dem es so manchen Spahn gehabt hatte, und dem gewisse italienische Kreise noch immer den Besitz Triests und Welschtirols mißgönnen, ja, daß der Dreibund immer wieder erneuert wurde, zeugt nicht nur von dem Weitblick der ttalienischen Staatsmänner, Indern auch davon, daß Italien dabei seinen Vorteil findet. Denn ohne mit Deutsch­land und Oesterreich-Ungarn im Bunde zu stehen, hätte Italien seine Wehrmacht in einer Weise verstärken müssen, die ihm die jetzige Sanierung seiner Finanzen und die Lösung so mancher Kulturausgabe unmöglich gemacht hätte. Es würde im Konzert der Mächte gar nicht die Rolle spielen, die es jetzt spielt, selbst wenn es sich Frantteich und England in die Arme würfe, da diese Mächte ihm schwerlich. die poli­tische Selbständigkeit eingeräumt hätten, wie es die beiden nordischen Kaisermächte taten.

So kann das italienische Volk seine fünfzigjährige Nationalfeier mit wohlberechtigtem Stolz und wohtberech- tiater Freude begehen. Auch in Deutschland und Oester­reich-Ungarn nimmt man aufrichtigen Anteil an den italie­nischen Jubiläumsfesten.

>es Gesetzes (dem 1. April 1911), sondern alle Grundstü'cks- lerkäufe seit Anfang 1911 unterliegen der neuen Zu- wachssteuer unter den erwähnten Voraussetzungen. Nur oenn die Kaufurkunde schon vor dem 1. Januar 1911 tn öffentlich beglaubigter Form errichtet oder bet der Behörde eingereicht wurde, unterbleibt die Besteuerung. Für etwaige Verkäufe, die mit Rücksicht auf das baldige Kommen der ;;uwachssteuer in letzter Zeit schnell noch betrieben wur­den, soll dies die damit beabsichtigte Steuerumgehung ver­eiteln. , .

Als Ausgangstermin zur Berechnung der Wertzuwruys- fteuer (die Ä n kaufzait) ist übrigens und das ist sehr wichttg ebenfalls nicht der Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes ober erst jeder spätere Ankauf anzusehen, son­dern zur Berechnung bet Steuer wirb auch vor diese Zett mrückgegriffen, bas Gesetz ist also rückwirkenb. D. hl, wenn das Grundstück auch lange vor Inkrafttreten des Gesetzes gekauft war, so wird doch schon von dieser früheren An­kaufszeit ab der Wertzuwachs berechnet. Das Gesetz ist indes rückwirkenb bis höchstens zum Jahre 1885, b. h., es bars frühestens bet Wert eines Objekts in 1885 fcum Ausgang für die Steuerberechnung genommen werben. Nur wenn es vor 1885 zu höherem Preis als sein Wert in 1885 erworben war, kommt dieser höhere Preis in Ansatz. Unter Berücksichtigung dessen Darf im übrigen höchstens um 40 Jahre zurückgegriffen werd en, dies gilt also für Verkäufe in späterer Zeit (ab 1925, 40 Jahre nach I880). Ist also z. B. ein Grundstück in 1890 gekauft und wird 45 Jahre später, also in 1935, ver kauft, so darf nur von dem Wert von 189 5 ab (nur 40 Jahre zurück) der Wertzuwachs berechnet werden. Weist der Verkäufer nach, daß er vor mehr als 40 Jahren einen höherey Preis zahlte als den Wert vor 40 Jahren, so kommt dieser höhere Ankaufspreis in Ansatz.

War der letztvorhergehende Erwerb ein steuerfreier liebergang (z. B. Erbschaft) so ist der Wertzuwachs zu berechnen seit dem letzten steuer pflichtigen Eigentums­wechsel (z. B. dem Ankauf durch den früheren, verstor­benen Besitzer, von dem das Grundstück geerbt wurde).

Von der Wertzuwachssteuer erhält 50 Prozent das Reich, 10 Prozent Der betr. Bundesstaat, 40 Prozent die Gemeinde oder der Gemeindeverband, in deren Bereich sich das Grundstück befindet. Gemeinde und Ge- meindeverband dürfen mit Zustimmung der Landesregie­rung außer ihrem Anteil an dieser Reichs steuer noch Zuschläge für ihre eigene Rechnung erheben. Diese Zuschläge dürfen aber nicht höher fein als der Ge­meindeanteil an der Reichs steuer (also 400/0), immerhin würde dieser höchste Gemeindezuschlag die Wertzuwachs­steuer um weitere 40.o/o erhöhen. Jedoch dürfen die Reichs­steuer mttsamt dem Extra-Zuschlag der Gemeinde 30 Pro­zent des unverdienten Wertzuwachses nicht übersteigen.

Die von Gemeinden und Bundesstaaten bereits ein» geführten Wertzuwachs steuern werden durch dieses Reichs­gesetz aufgehoben. Es siiid jedoch Bestimmungen getroffen, Die die betr. Gemeinden bezw. Staaten in gewissem Grade schadlos hatten sollen für den nunmehrigen Ausfall ihrer Zuwachssteuer.

Entgegen den vielfachen Forderungen, bei Einführung der Zuwachssteuer den bisherigen Zuschlag von 1000/0 zum Reichsstempel für Grundstücksoerkäufe (= 1/3 °;o des Kauf­preises) zu beseitigen, bleibt derselbe in der jetzigen Höhe bis zum 30. Juni 1914 bestehen. Von 1914 soll der Stempelzuschlag alle drei Jahre Dom Bundesrat nach­geprüft werden daraufhin, ob er entsprechend dem sich mehrenden Ertrag der Wertzuwachssteuer herabgesetzt wer­den kann.

Noch eine Reihe wetterer, ziemlich komplizierter Be­stimmungen enthält das Gesetz, die zur Verhütting von Steuerumgehungen durch verschleierte und komplizierte Grundstücksverkaufe dienen sollen, dieselben sind indes einer» fetts zu schwer verständlich, andererseits weniger vor, all­gemeinem Interesse.

Wie wir gesehen haben, belegt das neue Gesetz den Grundbesitz mit einer sehr erheblichen Abgabe. An Pro­zessen wegen dieser Steuer wird es auch sicher auf eine Reche von Jahren hinaus nicht fehlen.

Aus iiitO LauS.

Gießen, 17. März 1911.

Tageskalender für Freitag, 17. März. Stadt- thearer:Herr und Diener". Aniang 8 Uhr.

2U Landes universitär. Der ordentliche Pro­fessor an der Universität Budapest Dr. Ludwig Sch le- Unger hat einen Rus an bie Universität Gießen als Stach- olger des am 1. April d. I. in den Ruhestand tretenden Professors der Mathematik Geh. Hosrat Dr. Pasch angenom­men. Er wird seine Lehrtätigkeit au unserer Uniüer|itat zu. Beginn des Somersemefters aufnehmen.

** Die Rechtsverhältnisse der außer­ordentlichen Profesforen an der Landes-

vor der Stichwahl.

Am gestrigen DormerSiag hat auaj die fortschritt­liche Volkspartei sich mit der Stichwahl frage unseres Wahlkreises Gießen-Grürrberg-Nidda beschäftigt. Die Ver- trauensmänner-Versammlung gibt, wie aus unserem heu­tigen Anzeigenteil zu ersehen ist, die Stichwahlparole für den S 0 ziald emo kraten Beckmann aus. In Der Begründung wird es besonders geltend gemacht, es sei die Ausgabe der Gegenwart und der nächsten Zukunft, Die 'chwarzblaue Blockmehrheit zu zerttümmem. Gleichzeitig vendet sich die fortschrittliche Volkspartei gegen die von Antisemiten betriebene Judenhetze, die auch roir verurteilt haben.

Wir werden heute ersucht, mttzutetten, baß die tn unsrer Nr 63 unter der UeberschriftDie Stellungnahme in der Bürgerschaft" erwähnte Versammlung im Hotel Einhorn von den Führern der Deutsch-christlich-sozialen, den Herren Kling und Dr. Heuser, einberufen worden ist und daß diese Versammlung von 50 bis 60 Personen besucht gewesen sei. Uns wird ferner mitgeteitt, baß gestern, Donnerstag abend, eine weitere Versammlung bürgerlicher Wähler im Hotel Einhorn stattgefunden habe,um zum zweiten Male über die Arbett bis aur Stichwahl und am Estichwahltage selber zu beraten". Wetter heißt es in dem Bericht:Es wurde ein Aufruf verfaßt und beschlossen, der heute im An­zeigenteil zuni Abdruck gelangt Von allen Seiten wurde m Der Sitzung betont, daß es dringend nötig sei, jetzt alte Gegensätze zwischen den bürgerlichen Parteien zu vergessen unD für den bürgerlichen Kandidaten Dr. Werner einzu- treten."

Die Mungrftage im englischen Unterhause

Interessant ist bei den neuesten Verhandlungen im eng­lischen Unterhäuser, daß bie englische Regierung wegen der Schieds- gerichtssragen auch schon mit der japanischen Regierung in Ver­bindung getreten ist. t

London, 16. März. Im Unterhaus erklärte tn Be­antwortung einer Anfrage über die türkischen Vorschläge betr. die Bagdadbahn der Staatssekretär des Acnßern Sir Edward Grey: Ich kann über bie türkischen Vorschläge, dte einen ver­traulichen Charakter tragen, im gegenwärtigen Zeitpunkte lerne Mitteilung machen. Winterton (Kons.) fragte, ob zwga^n der englischen und der amerikanischen Regierung über dte Bildung eines Gerichtshofes zur Beilegung von Streitigleiten, Den der Präsident Taft angekündigt habe, Vorbesprechungen Itattgefunden hätten. Sir Edward Grey erwiderte, dies sei nicht der <501 l.

Aus eine roeitere Anfrage Wintertons, ob die xkmhudligtett der englischen Regierung zu dem Abkontmen mit einer ^anderen Großmacht zur Ueberroeifung aller Streitfragen an das Schieds­gericht der japanischen Regierung unterbreitet worden sei, daß die japanische Regierung über bie Ansichten der englischen Regierung unterrichtet sei.

Der Erste Loro ccr Admiralität M u c a e n na erklärte bei der Einbringung be-- Fl ltrubudgü^, die Aussprache tun Montag steche es unmöglich, sich heute mit der internationalen Politik

Deutsches ZUicK

Im Land esaus schuß für Elfaß-Lothringen beklagte sich der Abgeordnete Weber über bie Schwierig­keiten, bie den französischen Offizieren bei dem Besuche in Elsaß-Lothringen gemacht würden. Unter» staatssekretär Mandel erwiderte, daß der Reichskanzler Der französischen Regierung von den Schwierigkeiten Kennt­nis gegeben hätte. Die französische Regierung selber ver­lange, daß diese Offiziere erst bei ihr um Genehmigung angehen. Auch diesseits sehe man solche Besuche im Reichs- lanbe nicht gerne, namentlich int Interesse ber Lanbes- verteidigung, ba ein Offizier immer mehr sehe, als lieb märe. Andererseits bebauere bie Regierung, daß sich immer noch so viele Angehörige von elsässischen Familien nach Frankreich meldeten, um dort in das Heer einzutreten. Das letzte wurde auch von dem Abgeordneten Wetterte be­dauert mit ber Begrünbung, baß jeber- Einheimische, ber fortgehe, einem Fremden Platz mache.

Aus Malchin wirb gemeldet: Die Landschaftnahm dieGrundzüge" der Regierungsvorschlüge über die Standesvertretung prinzipiell an und zwar nach den Erllärungen, bie bie Deputierten schon gaben. Sollte eine Verständigung mißlingen, so hält sie an den früheren Beschlüssen fest. Die Ritterschaft lehnt unter an­derem den Vorschlag des Landmarschalls v. Lützow ab, welcher die Regierungsvorschläge direkt ablehnt und er Härt, sie halte prinzipiell an dem ständischen Standpunkt fest. Sie wolle jedoch nach Möglichkeit beitragen, daß etwas zu­stande komme und lehne daher die Grundzüge der Regie­rung als die Grundlage zu wetteren Verhandlungen nicht ab, im einzelnen behalte sie sich eine Einschränkung vor und betone schon jetzt, daß sie den vorgesehenen allgemeinen Wahlen und der Verteilung der Abgeordnetensitze nicht zustimme.

Gegen den Rechtsanwalt, Abgeordneten Dr. Karl Lieb­knecht wurde auf Beschluß des Kammergerichts das HauptverfahrenvordemEhrengerichtder An­waltskammer Berlin eröffnet. Das Verfahren arünbet sich daraus, daß Liebknecht auf dem Magdeburger Parteitag durch eine von ihm eingebrachte Entschließung über die Vergewaltigung Finnlands und den Besuch des russischen Kaisers in Deutschland, und durch seine Begrün­dung zu der Entschließung den Kaiser von Rußland, sowie die preußische und hessische Regierung beleidigt und Dabei aufreizende Aeußerungen getan habe.

Ausland.

Aus Wien wird gemeldet: Der Stapellauf des ersten österreichisch - ungarischen Dread­noughts wurde namens des Kaisers Franz Joses im Auftrage der Kabinettskanzlei aus den 11. Juni festgesetzt. Der Kaiser wird dem Stapellauf beiwohnen.

Aus Paris wird berichtet: Ministerpräsident Monis unb Finanzminister Caill aux erschienen am Mittwoch vor bem mit ber Prüfung bes Einkommensteuerentwurfes betrauten Senats aus schuß. Caillaux führie aus, daß er entsprechend ber Regierungserklärung an fünf Grundsätzen des Entwurfes festhalten müsse: Besteuerung famtlid)er Ein­kommen ohne Ausnahme, Ergänzungssteuer auf das Gesamt­einkommen, Unterschied zwischen Kapitals- unb Arbeits­einkommen, Steuererleichterung für minimale Einkommen und kinderreiche Familien und schließlich Progression. Doch sei er gerne bereit, Abänderungen vorzunehmen, insbefon- deren was die Steuerüberwachung an lange. Es entwickelte sich hierauf eine längere Erörterung, bei ber der Obmann des Ausschusses, der frühere Ministerpräsident Rouvier, erklärte, daß der Ausschuß ebenso wie bie Regierung den Wunsch hege, zu einer Lösung zu gelangen, baß aber eine Verstärkung nicht aufgrund abstrakter Prinzipien, sondern nur konkreter Formeln erfolgen und baß erst nach Prüfung der Vorschläge des Unterausschusses ein Berichterstatter er­nannt werden könne.

Aus L 0 n b 0 n meldet man: Die Emiisivn einer 3V2.pn^. indischen Regierungsanleihe von 31/2 Millionen Pfund zum Kurse von 96 Proz. wirb für margeti erwartet.

Aus Fez wird unterm 13. März gemeldet: Die Be­wegung unter den Berabern dauert an unb pflanzt sich in der Richtung gegen Raselma fort. Am 12. Marz brannten bie Rebellen zwei Meilen von Fez Nzabafaradii ab. Sie mürben von dem unter Befehl Bendjilalis stehen­den Heere in Der Richtung auf Douiat zurückgeworfen. Dabei hatte das Heer Drei Tote. Die Berader verhalten sich abwartend. Die Nachrichten von den Truppen des Majors Mangin sind gut. Es finden andauernd Unter- merfungen statt.

Tie chinesische Regierung kündigt an, daß sie bereit sei, der E r r i ch t n n g b er K 0 n s ul ate unabhängig von der Regelung der Zölle zuzustimmen, die gesondert erörtert werden iömte, und ebenso die unangenehm emp- funbenen Monopole einzuschränken. Die Bevölkerung beginnt sich mit der Führung der a-uswär- tig c 11 Politik unzufrieden zu zeigen. Die Pro- vinzialversamnilungen verlangen dringend die Einberufung der Reichsversammlung. Die zahlreichen Anhänger Yuan­schikais befürworten dessen Ruckberufung.