Ausgabe 
25.10.1911 Drittes Blatt
 
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Seifersweg 58

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sschen Da te rlau des an Getreide kann unter bie­ten Umständen doch keinesfalls die Rede sein, fcyiefe Mehreinfuhr Von Wot-en und diese Ausfuhr von Roggen Lat aber auch noch eine andere Ursache. Im Laufe der $aT)re hat srch der Wohlstand gesteigert und die Geschmacksrichtung, auch des mittleren und kleineren Mannes erheblich verändert. 'Sßer in früheren Jahren seinen Dienstboten noch Roggen­brot vorsetzen konnte, ist heute genötigt, ihnen Weißbrot und Semmeln zu laufen,»Somit steht der statistische Nachweis im Einklang, daß in Deutschland der verbrauch an Roggen von 11893 bis 1909 von 168 auf 142 Kg, zurückgegangen ist (Hört! Hört! rechts), während in demsekben Zeitraum der Verbrauch an Weizen von 83 auf 92 Kg. gestiegen ist. Mit einer Beschrän­kung der Roggenausfuhr und einer, damit in Zusam­menhang stehenden Beschränkung der Weizeneinfuhr würden wir also auch dem kleineren Manne keinen Gefallen tun. Wir wur­den in der Ernährung der Bevölkerung eine Aenderung herbei führen, die diese gar nicht will, wie aus dem vermehrten Konsum von Weizen und dem.Rückgang des Roggenkonsums zu erkennen ist. Ueber die Schädigung oer Reichskasse bei den Einfuhrscheinen wird der Reichsschatzsekretar Auskunft geben können. (Heiterkeit.)

Wenn durch die größere Roggenausfuhi! mehr Weizen ein« geführt wird, so hat die Reichskasse noch einen Vorteil von 6 .Ml. pro Tonne, denn der Zoll beträgt bei Roggen 50, aber bei Weizen 55 Ml. Durch eine Aenderung des E in f u h r s ch e i n « fystems würden wir nicht nur der Land wir ij cha s t, sondern vor allem dem Handel und der Schiffahrt und den Seestädten im Osten einen ganz unermeßlichen Schaden zufiigen und dem Westen gar n ich t8 n u h en , denn der Druck der Getreidepreise im Osten würde keine Ein­wirkung auf die Preise im Westen haben. Dafür lorgt die große Entfernung mit ihren großen Eifenbahnfrachten, die sich bei einem Waggon zwischen Mannheim und Königsberg nahezu aus 500 Mk. belaufen. Mit dieser meiner Auffassung über die Einfuhrscheine stehe ich nicht allein. Im gleichen Sinne. Wn sich in den letzten Tagen die Handelskammern von Komg^.erg und verschiedenen anderen Städten ausgesprochen (Hort, hortl rechts), jedenfalls Vertretungen, von denen man nicht behaupten kann, daß sie im agrarischen Fahrwasser segeln. (Lebhafte Zu- stimmung rechts.) Das einzige, was in Frage käme, ist die Beseitigung der Geltung der Einfuhrscheine. für Petroleum und Kaffee und die Frage der Zeit ihrer Gültigkeit. Auch ich habe keine Bedenken in dieser Frage, allerdings unter dem Vorbehalt, daß es voraussichtlich gar nichts helfen wird. (Heiterkeit.),

Dann die Frage der Fleischpreise und Fleisch- versorgungi Herr Stadtdirektor Tramm in H a n n o v e r, meines Wissens ein Nationalliberaler, hat vor wenigen Tagen i in der Kollegiumssihung ausgeführt, das Geschrei über Mißernte und Teuerungspreise sei absichtlich erheblich übertrieben. Das Volk sei in eine gewisse Teuerungsstimmung hineingeredet !(Hört, hört! rechts) im Hinblick -uf die bevorstehenden Wahlen. (Hört, hört! rechts^) Das sei sehr unrecht, es stehe im Widerspruch mit den Versicherungen der verschiedenen Par­teien, daß sie es mit dem Volke gut meinten. (Hört, hört! "Heiterkeit und lebhafter Beifall rechts.) Ich bin nicht gesonnen, eine Teuerung ganz in Äbreoe zu stellen, und ich habe, glaube ich, durch die verschiedenen Erlasse in den letzten Monaten auch ausdrücklich zu erklären gegeben, daß auch der Landwirtschafts- Verwaltung eine Herabminderung der Preise für Lebensmittel am Herzen liegt; die Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und einem großen Teil des Hauses beziehen sich nur auf die Mittel und Wege. Der Gesamtkonsum 1910 bleibt nur ungefähr um 1 Kilogramm hinter dem von 1909 zurück und übertrifft den des Jahres 1906 um ca. 2 Kilogramm. Die Schlachtungen im ersten halben Jahre 1911 betrugen allerdings 2 Kilogramm weniger als 1909, ein sehr geringer Rückgang, der voraussichtlich noch im Laufe des Jahres seinen Ausgleich findet und um so weniger bedenklich erscheint, als auch die Zahlen über den Auftrieb an Schlachtvieh in den letzten Monaten erfreulicherweise eine Besserung erkennen lassen. Im allgemeinen hat im Jahre 1911, wie es ja infolge der Maul- und Klauenseuche nicht anders zu ^erwarten war, ein Rückgang des Auftriebs an Rindern, Kälbern und Schafen stattgefunden, dagegen hat der Schweineauf­trieb im Juli und September gegenüber dem gleichen Zeit­raum der beiden Vorjahre sich um 1729 Proz. gebessert. Gegen ,September 1910 hat der Auftrieb an Rindern sich um 5683 Stück gemindert, an Kälbern dagegen um 11 833 zugenommen, an Schafen Minus 14200, an Schweinen dagegen ein Plus von 82 620. (Hört, Hört! rechts.) Es find natürlich Teilzahlen. Damit stim­men Berichte überein, die ich noch gestern aus Köln erhalten habe. Da ist ein Schlachtbericht, der recht erfteulich ist gegenüber der Behauptung, daß eine Hungersnot besteht und die armen Leute überhaupt kein Stück Fleisch mehr zu essen bekommen.

Die Schweiiiepreise sind auch durchweg gefallen, wahrend aber leider bei Rindfleisch, Kalb- und Schaffleisch auch heute leider noch zu konstatieren ist, daß sie so hoch und teilweise noch höher sind als im Vorjahre. Aber entscheidend ist doch, daß drei Fünftel des Verbrauchs, und gerade der ärmeren Bevölkerung, durch die Schweine gedeckt werden, und es muß anerkennend betont werden, daß der deutschen Landwirtschaft auch in diesem Jahre unter recht schwierigen Verhältnissen und teilweise recht schleckten Preise gelungen ist, für die nötige Zufuhr zu sorgen. Aber Sie niedrigen Schweinepreise haben in den Schweinefleischpreisen nicht überall den ent- sprechenden Ausdruck gefunden. Ich habe mich ver­pflichtet gesehen, darauf in zwei Erlassen an die Ober­präsidenten hinzuweisen, in denen ich aufmerksam gemacht habe, auf die Spannung zwischen dem Marktpreise, Groß­handelspreis und Fleischpreis für Schweine und in denen ich schließlich auch versucht habe, mit den städtischen Verwaltungen in Verhandlung darüber einzutreten, ob auf die Fleischermeifter nicht entsprechend eingelvirkt und nötigenfalls auch unter Um- ständen der Verkauf von Schweinefleisch direkt an die Arbeiter und arme Bevölkerung in die Hand genommen werden kann. Ich habe mich mit diesen meinen Aeußerungen in einWespen - n e ft gesetzt. (Allseitige Heiterkeit.) Ich habe nicht allein eine sehr energische Eingabe des deutschen Fleischer­berbandes erhalten; sondern ich habe es auch vor allen Dingen, mit den Berliner F l e i s che r m e i st e r n voll­ständig verschüttet. Sie sind tn Tönen über mich her- gefahren, haben mir lediglich agrarischen Liebesdienst vorgeworfen. siAbg. Kobelt: Sehr richtigI Große Heiterkeit.) DasBerliner Tageblatt" hat nach meiner Auffassung noch die große Freude gehabt, daß vor einigen Tagen die Preisberichtsstelle des deutschen Landwirtschaftsrates die Kurven der Preise für Schweinefleisch veröffentlicht hat, und es hat daraus den Schluß ziehen zu können geglaubt, daß meine Angaben in den Erlassen an die Ober» Präsidenten unrichtig wären und daß im Gegenteil ein Verhältnis- mäßiger Rückgang der Spannung in den letzten Jahren zu konstatieren ist.

Dem Berichterstatter der Flcischberichtsstelle des Deutschen Landwirtschaftsrats ist im Augenblick entgangen, daß die Preis­ermittlung der Jahre bis 1909 eine andere gewesen ist, wie von 4909 an und daher die Zahlen nicht in gleicher Weise in die Kur-

Mn eingestellt werden durften. Aber es wird auch bielleiO d.s Herren Metzgermeister trösten, daß derselbe Der ich ter statte r fol­gende von ihm ermittelte und sich auf die Nstellungen der Ber Hncr Marlthae stützende Skala müteiüc: Von ^1-95 betrug der Schweinepreiö im Durchschnitt 103 Mk. für der Durchschnittspreis-für Schweinefleisch in den gV

hallen 135 Mk. also eine Preisspannung von 32 Ml. ^on 1906 bis 1910 war der Schweinepreis auf 124 Mk., der Flesich- preis auf 167 Mk. gestiegen, also die Spannung bereits aus 46 Mark erhöht. (Hört! Hört! rechts.) Im Jahre 1911, wo der Schweinepreis auf 108 Mk. heruntergegangen ist. hat sich der Durchschnittspreis für Schweinefleisch auf 165 Mk. gehalten. (Hört! Hört! rechts) Die Spannung i ft a IJ o auf oi Mark ge fliegen. (Hört! Hört I rechts.) Ich kann für die Richtigkeit dieser Zahlen im Augenblick nicht eintreten; sie rühren von demselben Vcrichkrstatter her, auf den siw dasBerliner Tageblatt" stützt. So ganz unschuldig das wird ja auch Herr Kobelt annehmen sind die Metzger meiste r d a = ran nicht In Paderborn hat die Metzgerinnung ihren famt= l ich en Mitgliedern vorgeschrieben, nicht unter einem bestimmten Preis zu verkaufen. (Hörti Hört!) Und nach den mir vorliegenden Berichten ist das bei sehr vielen Metzgerinnungen der Fall. Auch in der Eingabe des Deutschen Fleifcherverbandes wird darauf hin- gewiesen, daß man zu derartigen Maßnahmen gezwungen fei, um der Schleudcrkonkurrenz entgegenzutreten; aber auf der andern Seite wird hingewiefen, daß nicht zu hohe Preise gefordert wur­den, dafür sorge schon die Konkurrenz. Diese beiden Behaup­tungen sind nicht vereinbar.

Ich glaube, bei dieser Sachlage hatte ich alle Berechtigung, wenigstens den Versuch zu machen, auf ein gewisses Maß- Halten der Herren Fleischermeister hinzuwirken und sie auf die, ich möchte sagen, öffentlich rechtliche Verpflichtung hin« zuweisen, in der Zeit der Notlage gerade das Fleisch des armen Mannes nicht noch besonders und unnötig im Preis zu steigern. (Sehr gutl rechts.) Ich weiß, daß mir entgegen- gehalten wird, das Metzgergewerbe ist auch teurer geworden, das Publikum macht größere Ansprüche. Ich erkenne das alles an, trotzdem halte ick es nicht für gerechtfertigt, diese Spannung zwischen den Preisen von Schweinen und Schweinefleisch festzu­halten, und daß es richtiger wäre, die größere Spannung bei dem Fleisch zu lassen, das das bessere Publikum konsumiert. (Sehr richtigI) Ich yabe mit meiner Aufforderung an die Städte nicht die Absicht gehabt, die Herren F le i s ch c r m ei st er an die Wand zu drücken. Ich habe auch nicht sagen wollen, daß es möglich wäre, durch die Kommunen überhaupt die Fleischversor- gung für die Bevölkerung durchzuführen. Was ich herbeiführen wollte und hoffentlich auch lverde, ist ein P r e i § r e g u I a t o r für den Verkauf von Lebensmitteln in der Weise, oaß die Städte durch die Drohung, daß sie das auch in die Hand nehmen, dafür sorgen, daß die Preise der Lebensrnittel nicht unnötig heraufgeschraubt werden. Halten wir daran fest, bann haben wir alles getan, um der wirklich vorhandenen Teuerung entgegenzutreten. Wir haben alle Veranlassung, mit Ruhe und auch ohne allzu große Sorge in die Zukunft zu.blicken. (Lebh. Beifall rechts.)

Abg. Vogt-Crailsheim (Wirtsch. Vg.)

ist bei der allgemeinen Unruhe im Hause nur wenig verständlich. Er spricht sich entschieden gegen eine Aushebung der Zölle aus, ebenso gegen die Ein führ ung argentinischen Fleisches. Auch das Büchfensleisch ist minderwertig. Die kleinen Mittel, die zur Behebung her Teuerung vorgeschlagen werden, haben nur geringen Wert. Wir müssen die Landwirt- schäft so stärken, daß sie in der Lage ist, den ganzen Fleischbedarf zu decken. Mit einer Zurückzahlung. des Futtergersten- und Maiszolls an die Verbraucher sind wir einverstanden. An der Preissteigerung ist in erster Linie der Zwischenhandel schuld.

Abg. Hilpert (Bayr. Bauernbund)

spricht im gleichen Sinne. Lassen Sie doch das argentinische Fleisch unter den nötigen Vorsichtsmaßregeln ins Land, das Publikum wird es bald satt haben und sich dafür bedanken. An dem Steigen der Preise ist auch das Geschrei in der Presse schuld. Dazu kommt die verhetzende Agitation. Wohin das führt, sieht mcu; an tzssn Hungerrevolten in Wien. ' '

Abg. Dr. Heim (Ztr.):'

Da fvir hier eine Teuerungsdebatte haben, Müssen wir fest­stellen, ob wir eine Teuerung haben oder nicht. Wir haben außer­gewöhnlich hohe Preise für Kartoffeln und Gemüse. Die Fleisch­preise haben ja von jeher eine steigende Tendenz. Die Milch wurde bisher nur deswegen so billig verkauft, weit die Landwirte nicht rechnen konnten. Der Milchpreis deckte die Produktionskosten nicht. Mer auch der Kaffee ist z. B. teurer, obwohl für ihn keiner der hier eingeführten Teuerungsgründe zutrifft. Eine der wichtig- sten Fragen ist die Organisation des Absatzes, die die kleinen Pro- duzenten zusammenführen muß. Die Viehhaltung ist so intensiv geworden, daß jeder Ausfall an Futtermitteln die schwersten Wir­kungen nach sich zieht. (Abg. Regier: Stimmt nicht!) In Ihrem Dorfe vielleicht nicht! Ich meine aber nicht Ihr Dorf, sondern daS ganze Reich. Es ist bedauerlich, daß man über solche Sachen erst mit jemandem debattieren muß, der sachverständig sein will. (Heiterkeit. Feg ter: Ich werde Ihnen schon antworten!) Tun Sie das nur, ich fürchte mich nicht.

Zu allen preissteigernden Momenten kommt das TenerungS- geschrei hinzu und die kapitalistische Ausnutzung der Verhältnisse. Wer ist denn z. B. schuld an dem teuren Kaffee, Herr Oeser? Doch nicht der sckwarzblaue Block? Das sind andere Kreise, auf die Dr. Oeser vielleicht Einfluß hat. (Lacken links.) Herr Fuhrmann hat an die Beamten erinnert. Er ist beim Bewilligen immer dabei, nur nicht beim Geldbcschasfen. Die Teuerung besteht übrigens nicht nur in Deutschland. Auch in Japan sind z. B. die Preise für Lebensrnittel um 80 bis 100 Prozent gestiegen. Die japanische Regierung hat daraus den Termmhandel mit ReiS verboten. (Hört, hört! rechts.)

Auch in bezug auf den Kartoffelbau marschiert unsere Land­wirtschaft an der Spitze. Die gangbarsten Handelsfuttermittel sind seit zehn Jahren um 50 Prozent im Preise gestiegen. Unter der Teuerung leidet also zuerst der Bauer und mit ihm der Kon­sument. Der sozialdemokratische Vorstand eines oberbayerischen Sanatoriums wurde letzthin gefragt: Hielten Sie nickt früher Kühe! Ja, sagte man, aber da kostete uns der Liter Milch 28 Pf. Jetzt beziehen wir sie für 18 Pf. vom Bauern. (Hört! Hört! rechts.) Erschwerend wirkte auch die Erhöhung der Schiffsfracht- sähe auf unseren Flußläufen. Daß die Getreidepreise jetzt niedriger sind als zur Freihandelszeit ist eine bekannte Tatsache, darauf weisen auch dieSozialistischen Monatshefte" hin.

Eine Teuerung gebe id) nur für Kartoffeln, Gemüse und Kolonialwaren zu. Wenn Sie heute aber die Vichzölle, die Fleischzölle aufheben, dann werden Sie billige Wochen, aber teure Jahre haben. (Sehr richtig! rechts.) Auch der Landwirtschaftsminister hat übersehen, daß der Andrang auf dem Viehmarkt ein warnendes Zeichen ist. Das Vieh wird auf den Markt gebracht weil es wegen der Futtermittelnot nicht mehr gehalten werden kann. Wir,müssen alljährlich eine Viehzählung haben, damit wir immer wissen, ob der Fleischbedarf stets vom Inlands-gedeckt werden kann. Hier dreht es sich nicht um d i e Inderessen der Schlot- und Krautjunker, sondern der Bauern.

Die SpS'nmtitg zwischen den Einkaufs'- und Verkaufspreisen beim Fleisch ist seit Jahren stetig gewachsen. Die Fleischer sind nicht ohne weiteres schuld. Es miiß eine Ursache jenseits der Berge haben. (Heiterkeit, Zurufe: Tas Zentrum!) Die Regierung muß dem Lebensmittel,uarkt daher eine, ständige Auf­merksamkeit von Amts wegen zuwenden. Man ruft immer: Tie Grenzen auf! Aber die Auslandsstgalcn liefern nicht einmal die ihnen bisher zugestandenen Kontingente.. Und als 1200 Rinder aus Frankreich eingeführt wurden, beschwerte man sich in Paris, weil auf dem Pariser Markt die Preise um 80 bis 100 Francs stiegen. - <

Wenn das Vieh knapp ist, sc darf man nicht sagen: Die Landwirtschaft produziert nicht genug. Tatsache ist, daß >wr Fleischkonsum ganz rapide gestiegen ist. Wir haben doch Stäote die einen Konsum von 78 Kilogramm Fleisch pro Kopf haben. (Hört! Hört!) Die Ernährung des Volkes hängt aber nicht von der Fleischbeschaffung allein ab. Wir haben in Bayern große Bezirke, wo bte Leute nur zweimal in der Woche Fleisch essen. Auch in Frankreich ist der Fleischkonsum viel geringer als hei uns. (Gothein: Daher dort auch eine größere Sterblichkeits- ziffer.) Man darf die Fleischnahrung nicht überschätzen. Frei­lich werden wir im Frühjahr und Sommer 1912 unter einer er­heblichen Fleischnot leiden. Wie sollen wir helfen? Die tfef,* nung der Grenzen wäre wegen der Seuchengefahr ein g^fäf - licheS Experiment. Drei bis vier Milliarden von unserem Vieh- stand würden wir aufs Spiel setzen. Der Bauer kann auch nicht billiger produzieren. _ ,

Der Reichskanzler hat alle Vorschläge zur Abhilfe rundweg abgelehnt. In der Starrheit liegt aber nicht die Klugheit. In dem starren Festhalten an einem bestimmten System um jeden Preis liegt fast noch eine größere Gefahr als in dem Abweichen. Für mich handelt es sich nur um eine Z w e ck m ä ß i g k e i t S - frage. Der Reichskanzler übersieht, daß wir feit 1902 fieben Millionen mehr z u ernähren haben. Der es ehrlich meint mit dem Zolltarif, muß sich fragen: Wird die Fleische Versorgung in naher Zukunft Schwierigkeiten erfahren? Die Frage muß bejaht werden. Daher haben wir die Pflicht, für Abhilfe zu sorgen. (Zustimmung.) , _ J

Wenn das argentinische Fleisch billiger ist, müssen wir eS einführen. Dieser Meinung sind wir einstimmig. (Hört, hört!) Natürlich muß durch amtliche ärztliche Kontrolle dafür ge­sorgt werden, daß nur gutes Fleisch zu uns kommt. Aber bic' Kommunen, die am meisten schreien, müssen die Garant': über­nehmen, daß diese Notstandsaktion nur denen zugute kommt, die wirklich in Not sind. Die großen Kommunen, Berlin, Hamburg, das Industriegebiet, müssen ein Fleischkontingent erhalten und den Absatz und die Preise kontrollieren, damit keine Schiebungen Vorkommen. Dauernd wollen wir natürlich kein Fleisch auS Argen­tinien einführen. (

Der einheimische Markt ist uns immer die Hauptsache« Darum fordern wir auch die Suspendierung ober, Rückver­gütung der noch bestehenden Futtermittelzölle an die Verbraucher. Die bayerische Regierung hat sich schon auf diesen Standpunkt gestellt. Die preußischen Landwirtschasts« kammern haben das leider abgelehnt, mit sehr unglücklicher Motivierung. Sie sehen, meine Herren von der Linken, ich finde auf der Rechten nickt viel Beifall. (Heiterkeit und Zuruf: Im Zentrum auch nicht!) Das Zentrum ist einig, aber meine Freunde sind diskret und stören nicht durch Beifall. (Heiterkeit.)

Der Reichskanzler hat Erwägungen versprochen. Wo­mit soll der Bauer feine Schweine füttern? Mit Erwägungen? (Große Heiterkeit.) Oder mit dem Loch in der Reichskasse? (Erneute Heiterkeit.) Bei unseren Vorschlägen handelt es sich um kein Abgehen von unferm Wirtschaftsprinzip, sondern um eine Konzession an die tatsächlichen Verhältnisse. Der Hansa-Bund (Aha-Rufe im Ztr.) verlangt auch die Her- absetzung des Zolls auf Heu. Wir haben gar keinen Vertrags- zoll auf Heu (Heiterkeit), sondern nur einen Tarifzoll. Herrn Fuhrmanns Ausführungen über die Einfuhrscheine sollten Sie sofort nach Konstanz telegraphieren, dort werden Sie guten Erfolg damit haben. (Heiterkeit.) Die Handelskammern Bres­lau und Mannheim sind lebhaft für die Einfuhrscheine einge- tteten. Der Redner fordert, daß zeitweilig die Einfuhrscheine auf Kaffee und Petroleum fortfallen. Das allerwichtigste Gebiet für die dauernde anhaltende Fleischverforgung ist die richtige Besitzverteilung. Weg mit der ßatifunbien» wirtschaft. (Beifall links.) Dadurch wird ein Uebergang von der Feld« zur Waldwirtschaft begünstigt. Weg mit o en Fideikomm'ifsen (Beifall links), aber Bauernfideikorn- misse bis zu 50 Hektar! (Zustimmung ) i

Nur aufs Inland ist Verlaß. Das hat auch eine Finanz­autorität aus dem preußischen Herrenhause anerkannt, die dort Minister abzustauchen pflegt. (Heiterkeit.) Die argentinische Fleischfrage wird sicherlich auch kapitalistisch auSgenuht werden. Unsere Regierung muß auf dem Posten sein, wenn sie wirklich auS Staatsmännern besteht, wie man behauptet. Alles andere ist Chimäre! Es bleibt nur die Hoffnung auf unser inländische Produktion. (Naumann: Die Zollpolitik vermehrt aber die großen Güter!). Wenn daS so wäre, stände ich auf Ihrem Stand­punkt. (NauMann: Dann kommen Sie schon noch zu und her­über.) Solange Sie an dem alten starren Doktrinaris­mus festhalten, werden wir nie zusammenkommen. Schuld an allen Uebelständen ist die kapitalistische Entwicklung. Aber daS ist ja Ihre Krankheit, Sie schematisieren, Sie schablonisieren, Sie machen es wie im Warenhause nach Muster fünf! (Ledebour: Sie schaukeln ja! einmal nach rechts, einmal nach links!) Das kommt daher, weil die Wahrheit immer in der Mitte liegt (Heiterkeit.) Was hat man alles prophezeit, als der Zolltarif angenommen wurde. Herr Gothein malte düstere Bilder, und auf der äußersten Linken regnete es gradezu traurige Prophe- zeiungen. Nichts ist eingetroffen. Das hat sogar der Sozial- bemofrat Edmund Fischer anerkannt. Herr Fuhrmann wollte eS mit rechts und links nicht verderben, er will bei den Wahlen ein Geschäft macken. Diese Politik ist zu schlau, um zu glücken. Der ganze Wahlkampf wird sich um das Wirtschaftssystem drehen. Schädigen Sie die Bauern nicht, denn eS gibt keine Agrarkrise ohne eine Jndustriekrise. (Beifall im Zentrum.) ,

Schatzsekretär Wermuth:

Aus das Finanzielle gehe ich nicht ein, da der Reichskanzler schon erklärt hat, daß das Wirtschaftliche im Vorder- 0 T u n b steht. Die Suspension ober Rückvergütung der Futter­mittelzölle würbe keine Festigung, sondern eine Unrerminie- ru ng de 8 Zolltarifs zur Folge haben. Ein solches Provi­sorium hätte etwas in hohem Maße Bedenkliches und Unerwünsch­tes für Konsument, Produzent und Reichsfiskus. Es bringt Un- sicherheit in die Gesetzgebung. Der Handel wurde sich sofort der Situation bemächtigen und sich Vorteile verschaffen. Die SuLpen- "lernQ snir so vor, als wenn man aus einem großen Wasserbehälter einen Eimer Wasser schöpft und glaubt, daß an bec Sie ein leerer Raum entstehen würde. Wir haben die Idee der Auruckvergutung eingehend geprüft. Sie ist undurchführbar, hwzugeben^ bet Landwirtschaft nicht für ein Linsengericht

Das Haus vertagt sich. 1 '

1 U$r, vorher M-chnungSsa-h-n.

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