Ausgabe 
25.10.1911 Drittes Blatt
 
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Nr. 251

Erscheint KgUch Ausnahme DeS Sonntag?.

DieGießener ZamlllendlLUer" werden dem Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, da? Kteiiblott für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die£anbroirtfd?aftild)en Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

161. Jahrgang

Mitttvoch, 25. Oktober 1911

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhejien

RotalionSdrurk und Verlag der Brüblfchen Universität? - Birch- und Steindruckerei. 9L Lange, Dietzen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« strotze 7. Expedition und Verlag: fcne» 5L Redaktion:e-s^112. Tel.-Lldr.: AnjeigerDießen.

Mb. Deutscher Reichstag.

196. Sitzung, Dienstag, 24. Oktober.

Am Tische des BundeSratS: Wermuth, Delbrück, Frhr. v. Schorlemer-Lieser, v. Bethmann Holl- we g. t

Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Minuten.

Die Interpellationen über die Teuerung.

(Zweiter Tag.)

Abg. Fuhrmann (Natl.)k

Meine politischen Freunde sind den Interpellanten dankbar, baß sie ihnen Gelegenheit geben, die herrschende Teuerung und Maßnahmen zu ihrer Abhilfe zu erörtern. Bei dieser Frage will man vielfach nur agitatorisch wirken, und andererseits sucht man den letzten Ursachen der Teuerung nachzuforschcn. Wir sind entschlossen, bei der Erörterung dieses Gegenstandes den agi­tatorischen Standpunkt nicht einzunehmen. (Beifall bei den Natl.) Wir wollen die Fraga nur nach rein sachlichen Motiven prüfen. Die Befürchtungen, die wir im Sommer für eine Minderernte hegten, und die noch durch d i c Ereignisse der auswärtigen Politik verschärft wurden, haben sich glücklicherweise nicht verwirklicht. Es wird leider draußen vielfach mit Schlagworten gearbeitet, denen die flraft der inneren Ueverzeuguna fehlt. Ter Redner trägt ein umfangreiches Zahlenmaterial über die Getreide- und Vichprcisc vor. Diese Preise sind gegen das Vorjahr nicht erheblich ge­stiegen, aber die Spannung der Fleischpreise im Engroshandel und Kleinhandel ist gegen das vorige Jahr bedeutend größer. Die wichtigsten ErnührungSmittcl: Butter, Milch, Eier sind teurer geworden, ebenso Gemüse. Wir haben beim Reichs, kanzler eine gewisse Wärme des Tones gegenüber dem herrschenden Notstand vermißt ! (Sehr richtig!) Wir hatten das Gefühl, daß er mit einigen Worten über die Frage zu leicht hinwegginge (Sehr' richtig!), daß sie ihm unbequem war. Wir hätten gewünscht, daß er gegenüber der Sachlage denjenigen Ton gefunden hätte, der Dem leitenden Staatsmann gebührt. (Sehr richtig!) Unsere herrschende Wirtschaftspolitik ist weder die alleinige, noch die hauptsächlichste Ursache der Teuerung. T-enn auch im Freihandelslande England sind die Preise gestiegen. (Der Reichskanzler betritt den Saal.) Wir danken der Regierung, daß sie durch tarifarische Maßnahmen der Steigerung der Futiermittelpreise cntgcgcnzuwirken versucht hat. Erwogen sollte werden, ob nicht auch für Mischungen von Futtermitteln Ausnahmetarife gewährt werden. Von selten unserer Stadt- Verwaltungen kann viel geschehen.

Die Frage der E in f u h r sch e i n e ist außerordentlich schwer. Sie wird trotzdem auögiebig zur Agitation benutzt. Ich unterstreiche da daS, waö schon der Reichskanzler gesagt hat. Eine besonders vermehrte Ausfuhr in Roggen hat in diesem Jahre nicht stattgefunden. Herr Fegter hat sich früher hier für Einfuhr­scheine für sämtliches Brotgetreide ausgesprochen. Gestern spen­dete er Herrn Oeser Beifall, der nur solche für Roggen haben will. Wir sind aber dem Reichslanzler dankbar, daß er die Frage der zeitweiligen Herabsetzung der Gültigkeitsdauer der Einfuhrscheine und der Beschränkung auf Brotgetreide wenigstens für diskutabel erklärt hat. Wir finden aber leider hier wieder eine Taten­losigkeit der Regierung, wie wir sie letzthin auch bet anderen Gelegenheiten bemerken mußten.

Für unS ist die ganze Frage keine Parteifrage. Wir find keinesfalls gewillt, an dem Zollschütz, den unsere Landwirtschaft genießt, rütteln zu lassen. Wir wollen ihn aufrecht erhalten. (Beifall bei den Nationalliberalen.) Ter konservative Oberbürgermeister Dr. Beutler in Dresden ist ja z. B. für die völlige Abschaffung der Einfuhrscheine. Auch dieDeutsche Tageszeitung- hat erklärt, cS bandle sich um keine Parteifrage, sondern um eine Zweckmäßigkeitöfrage. Tann fragen wir den Reichskanzler, ob es nicht möglich ist, deutsche beamtete Tierärzte nach Argentinien zu dele­gieren, die dort das nach Deutschland eventuell zu versendende Fleisch zu kontrollieren haben. Denn wir können den Zollschutz nicht dauernd aufrechterhalten, wenn den ärmeren Volksschichten dadurch notwendige Lebensmittel vorenthalten werden. Der landwirtschaftliche Zollschutz wird nur dann bleiben, wenn auch im Parlament eine Mehrheit dafür ist, wenn für die landwirtschaft­lichen Interessen in den übrigen Bevölkerungskreisen wohlwollende Sympathie vorhanden ist, die eS der Landwirtschaft ermöglicht, in diesem Hause eine Mehrheit zu haben.

Vielleicht ist es möglich, den Futfergerstenzoll und den M a i S z o l l den Verbrauchern zurückzuerstatten. Auch durch die Forderung der inneren Kolonisation wird viel erreicht werden. Wir erwarten hier eine feste energische Haltung der Regierung. Leider befürwortet die Volkspartei einen allmählichen Abbau der Zölle. Ein einmal abgesägter Zoll läßt sich aber später nicht wiederherstellen. Das zeigt daS englische Beispiel. Wir haben alle Ursache, die Landwirtschaft pfleasam zu schonen. Nicht trotz, sondern wegen unserer WirtschaftS- Politik ist es uns gelungen, die Produktion unserer Landwirt­schaft mehr zu steigern als daS Freihandelsland England, so daß eS möglich ist. den einheimischen Fleischbedarf zu decken. Unsere Erportindustrie hat einen Aufschwung genommen, der zu den schönster Hoffnungen berechtigt. Die Expansion der Industrie ist bedeutend. ES ist uns mehr gelungen als England, für unsere Arbeiter lohnenden Erwerb zu schaffen.

Wir haben eS vermißt, daß der Reichskanzler derFest- besoldeten" vergeßen hat, die am schwersten unter der Teuerung zu leiden haben. Wir bitten den Reichskanzler, daß er auch die Eingaben Der Eisenbahnarbeiter und .Handwerker berücksichtigt. Den Arbeitern haben wir daS Koalitionsrecht gegeben, damit sie in teueren Zeiten höhere Löhne sich erkämpfen können.

Die nationalliberale Fraktion ist gewillt, daS ist die einmütige Auffasiung meiner Freunde, am Koa - l111onsrccht nicht rütteln ?u lassen. (Lachen der Soz.) Der Reichskanzler hat eine Wahlrede gehalten, ein Wahlprogramm entwickelt, durch das er die Parteien für den Wahlkampf zu einen sucht, die auf dem Boden des Schutzes der nationalen Arbeit stehen. Wir haben von jeher auf diesem Boden gestanden und laßen uns in der Ueberzeugung von der Richtigkeit unserer Wirtschaftspolitik von keiner Partei über­treffen. Dir werden auch im kommenden Reichstag unseren Mann stehen, wenn eS gilt, dieSchutzpolitik zu verteidigen. Aber im kommenden Wahlkampf wird es sich doch daneben auch um einige ideelle politische Fragen handeln: um die Frage, ob unser Volk von einer kleinen sozialen Schicht

allein regiert werden soll (Unruhe rechts.), ob unser Volk mitregiert werden soll von einer Partei, bei der die k i r ch e n . poli tischen Interessen überwiegen (Unruhe im Zentr.), und ob in der auswärtigen Politik die Machtmittel, die wir der Negierung zu Waßer und zu Lande unter schweren Opfern in die Hand gegeben haben, immer in der richtigen Weise angewandt worden sind. Wenn der Reichskanzler meint, der Zweck dieser Interpellation sei die Abschaffung unseres Schutz­zollsystems, die Erschütterung unserer Wirtschaftspolitik, so glaube ich nicht, daß dar richtig ist. Herr Heim hat im bayerischen Land­tag sehr energisch die Suspendierung des MaiSzolleS verlangt und auch Herr Spahn hat sich nicht ablehnend gezeigt gegen Sus­pendierung gewisser Futtermittelzölle. Die haben wir nicht als Schutzzölle, sondern als Finanzzölle eingeführt. Wenn der Reichs­kanzler die Parteien der Linken als die Gefahr für Die Wirtschaftspolitik bezeichnet, so meine ich, sollte er einen viel gefährlicheren Feind bei den Herren vom Bunde der Landwirte und den Konservativen suchen. (Lachen rechts.) Ware der Bund der Landwirte damals durchgedrungen mit seinen Zollforderungen, welche Folgen würde das für die jetzige Lage gehabt haben, welche Teuerungsverbältniße würden jetzt herrschen! Ta hat sich wieder einmal gezeigt, daß das Hyperagrarische der größte Feind der S ch u b z o l l p o l i t i k ist. Ent- frembunfl und Haß ist eingezogen in Stadt und Land, die Folge Ihrer agrarischen Politik. Wird der neue Reichstag schuhzou- gegnerisch, dann schlagen Sie an Ihre Brust: mea culpa, mea maxima culpa! Meine politischen Freunde aber gehen in den Wahlkampf mit dem guten Gewißen, daß wir zu allen Zeiten für die schaffenden Stande geleistet haben, was wir mit Rücksicht auf das allgemeine Wohl für einen einzelnen Stand haben tun können. Trotz der künstlich konstruierten Wahlrede des Reichskanzlers wird cS sich bei den nächsten Wahlen nicht handeln um Den Schutzzoll, sondern um d i e gesamte innereVolitik. Darüber wird das deutsche Volk zu urteilen haben. (Beifall bei den Natl.)

Abg. Dr. Hössel (Np.):

Ich werde keine Wahlrede halten, sondern streng zum Thema reden (Beifall rechts). Auch die jetzige Teuerung hat den Beweis geliefert für die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft. Wir bedauern lebhaft die traurigen Folgen der Teuerung. Tie Teuerung, die aber auch z. B in dem Freihandelsland Bel- flien herrscht, beweist deutlich, daß fie n i d* t eine (folge Der hohen Zölle ist (Sehr richtig rechts) Ter größte Teil Der Preissteigerung in den letzten 80 Jahren fällt in die Zeit des Freihandels. Auch die Ccffnung der Grenzen bringt keinen Nutzen. So haben wir im Elsaß Die Grenzen gegen Frankreich geöffnet. Die Folge war, daß in Frankreich das Fleisch teurer wurde, im Elsaß aber absolut feine Verbilligung cinactreten ist. (Hört! Hört!) Die Einfuhrscheine haben sich bewährt. An den höheren Preisen ist auch die Leutenot schuld, die den Betrieb der- tcuert. Der Fleischverbrauch ist auch ständig gestiegen. Es wird bester gelebt. Alle Gegenstände sind im Preise um 1020 Prozent gestiegen. Eine allgemeine Herabdrückung der Preise wird daher möglich sein. Dafür hat sich aber die Arbeits­gelegenheit vermehrt. Unsere Bauern im Süden halten an der alten Wirtschaftspolitik fest. Darum werden sie auch von Den Sozialdemokraten scharf angegriffen und als Egoisten verschrien. Bei den Kleinbauern werden die Sozialdemokraten keine Gegenliebe finden. Der Bauer würde den Ast absägen, auf dem er sitzt, wenn er Den SozialDemokraten folgen toürDe. (Sehr richtig!) Er toürDe sich unD Die Seinen ruinieren. Wir wollen keine Aufhebung Der Sperre unD keine Beseitigung Der Zölle. Unsere bisherige Wirtschaftspolitik hat sich bewahrt. Sie liegt im Interesse Der Allgenreinheit unD auch im Interesse Der Klein- bauern. (Lebh. Beifall rechts.)

Preußischer LaudwirtschaftSmiurster Freiherr v. Schorlemer-Lieser:

Der Abg. ScheiDernann hat im Eingang seiner gestrigen Rebe auch auf die bevorstehende Hungersnot hingewiesen, unD in Uebereinstimrnung Damit spricht Der weitaus größte Teil Der sozialDemokratischen Preße seit Wochen nicht allein von Der Teuerung, JonDcrn Direkt von einer Hungersnot. Gegenüber Dieser ich will mich parlamentarisch ausdrückcn Ver­kennung Der tatsächlichen Verhält n isse (Sehr gut! rechts, Unruhe links.) hält eS einigermaßen schwer, Den warmen Ton zu finDen, Den Der Abg. Fuhrmann in Den gestrigen Aus­führungen vom RegierungStisch vermißt hat. Es ist notwendig, nicht gegenüber Dem Hohen Hause, aber gegenüber Der Ceffent- lichkeit noch einmal in aller Klarheit Darauf hinzuweisen, wie Denn eigentlich Die Dinge liegen und ob fie wirklich Derartige Ucbertreibungen rechtfertigen. Wir haben eine lang an- haltenDe Dürre gehabt, wie rie seit 1811, soweit bekannt, nicht vor­gekommen ist. Aber Diese Dürre hat so spät eingesetzt, Daß in Den weitaus meisten Bezirken Der erste Schnitt Des Grases bereits erfolgt war, unD Der spätere Ausfall Durch daz Mehrresultat DeS ersten Schnitts ersetzt werden konnte. Trotzdem ist eine große Futtcrmittelnot eingetreten. Vor allen Dingen ist es nicht möglich gewesen. Das Vieh so lange auf Der WeiDe zu halten, wie es in normalen Zeiten der Fall ist. Das hat eine vorzeitige Inan­spruchnahme Der SBintcrfuttermittel nottoenDig gemacht unD zu einer Futter mittelkn^pph eit geführt, Die in vielen ©cgcnDen recht beDenklich aetoorDen ist und eS nottoenDig gemacht hat, für eine bessere unD billigere Beschaffung Der Futtermittel Sorge zu tragen. Abgesehen von Dieser Futtermittelknappheit haben wir eine einzige Mißernte zu verzeichnen, unD zwar bei Zuckerrüben (Lebh. Hört! Hört! rechts.), unD auch daz nicht in allen Bezirken. Dagegen haben toir bei der Kartoffel- ernte im Schlußresultat einen besseren Ertrag erhielt als ursprünglich vorausgesehen wurde, wenn er auch erheblich hinter dem Ergebnis der früheren Jahre zurückgeblieben ist. Aber die gegenwärtigen Preise gerade der Kartoffeln zeigen, wie auch dabei das übertriebene Geschrei wegen des Mangels der Ware sofort den Handel veranlaßt hat, die Preise zu erhöben. So ist es gekommen, daß in dem Augenblick, wo man in Berlin 8 und anderen Orten sogar bis 12 Mark für Den Doppelzentner zahlte, er in Pommern und Ostpreußen für 2,60 Mark nicht zu ver­kaufen war. (Stürmisches Hört! Hört! rechts und Sehr richtig! Unruhe links.) Das muß offen und ehrlich gesagt werden. Leider bat sich Der HanDel des Teuerungsgeschreis be­mächtigt. (Sehr richtig! rechts.)

GeraDe Die Herren von Der Linken unD ihre Presse haben nicht wenig dazu beige tragen Die Zustände, wie sie vorhanden waren, noch zu verschlimmern. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Nun zum Brotgetreide. Beim Roggen hatten wir eine so gute Ernte, wie selten. Wir haben gegen Da? Vorjahr ein erheb­liches Plus. Beim Weizen Dagegen allerdings eine mindere Ernte gegen das Vorjahr. Das ist ein verhältnismäßig günstiges Ergebnis, DaS durchaus nicht Den Schluß recht­

fertigt, daß toir im kommenden Winter und im kommenden Sommer einen besonderen Mangel an Brotgetreide haben werden. Zuzugeben ist allerdings, Daß infolge Der Dürre Die Ernte an Gemüse eine verhältnismäßig sehr geringe und schlechte gewesen ist. Tas ist aber in ganz Europa der Fall. ist daher auch ausgeschlossen, Gemüse von anderwärts billiger einzusübren, zu­mal 03 Prozent der sämtlichen Gemüse zollfrei bei un8 eingehen. Also auf diesem Gebiete Wandel zu schassen, ist nicht möglich. ES muß auch bervorgehoben werden, daß gerade in den letzten Monaten sich die Beurteilung Der ganzen Lage De» Ackerbaue» erheblich verbessert hat. Nach einem mit zugegangenen Bericht au? Schlesien ist infolge Der rechtzeitigen Niederschläge die Ackerbestellung möglich gewesen, und Die Winter^ faat ist gut aufgegangen. Dieselben Wahrnehmungen habe ich in Der Rheinprovinz gemacht. Für Den größten Teil oeS Deutschen Vaterlandes wird eS zutreffend fein, daß aus Der Dürre de» letzten Sommers dauernde Nachteile vorläufig wenigstens nicht au befürchten sind. Trotzdem hat die preußische Regierung und der größere Teil Der anderen Regierungen dem Mangel an Futtermitteln durch erhebliche Frachtermäßigungen abzuhelfen gesucht, Frachtermäßigungen, die für die betreffenden Staatskassen eine ganz erhebliche Zubuße bedeuten, so für Preußen allein 10 bis 15 Millionen Tiese Frachtermäßigungen sollten der Landwirtschaft in erster 2:nic zu Hilfe kommen, um die Erhaltung und Ernährung DeS VieböestanDes zu sichern. Der Erfolg hat leider nicht überall den Erhaltungen entsprochen. Zunächst hat die Tatsache, daß auch Die Regierung durch solche Frachtermäßigung eine Art Notstand anerkannte, ohne weitere» banr geführt daß die Vrri ' >7rcl 'ntibrecbcnb

erhöht wurden, unD zweitens das muß auch hier einmal offen ausgesprochen werden hat ein großer Teil b e 8 Han­dels den Vorteil der Ausnahmetarife nicht den Damit be­dachten Landwirten zugcführt (Sehr richtig! und Hört! Hört! rechts), sondern für s i ch in die Tasche gesteckt, (Lebhafte Zustimmung rechts.)

Ich habe des Interesses wegen hier eine mir zugegangene Rechnung mitgebracht Die vom 29. September 1911 datiert ist und über einen Betrag für G?rstcnfutterrnehl im Betrage von 12 650 Mark lautet und in der ausdrücklich bet Vermerk enthalten ist: NotstanbStarif zu meinen Gunsten."' (Hört, hört! rechts.) So ist es an vielen Orten gemacht worden, und eS ist wirklich sehr bedauerlich, baß der Handel in dieser Weise nicht die erforderliche Rücksicht nimmt unb auch biese Gelegenheit nicht un­benutzt hat vorübergehen lassen, unnötigerweise auf eine Erhöhung Der Preise zu wirken. (Sehr wahr! rechts.) ES lag nahe, baß bei diesem Erfolge der Weg der Frachtermäßigung, der außerdem ungefähr bis auf daS äußerste beschritten war, nicht weiter auß- gebelmt wurde.

Der Aufhebung und zeitweisen Beseitigung der Zölle stehen grundsätzliche Bedenken entgegen. Was die Zölle auf Futtermittel angeht, mit denen in Der Presse so vielfach operiert worden ist, so hieß eS eigentlich Eulen nach Athen tragen, wenn ich noch einmal darauf Hinweisen wollte, daß eigentlich alle Futtermittel zollfrei eingehen. (Sehr wahr!) Unb daß es sich boch eigentlich nur noch handeln kann um den M a i S. zoll und den Zoll auf Futtergerste. Nach eingehenden Erhebungen meines Ressorts ist die Knappheit der Maisernte in den in Betracht kommenden Ländern so, oaß voraussichtlich eine Beseitigung oder Ermäßigung dieses Zolles von 3 Mark gar keine Wirkung haben würde; eS würde höchstens wieder den Vorteil allein Der Handel haben. An Futtergerste, bei der Der Zoll 1,30 Mark beträgt, finb Die vom 1. bis 10. Oktober 1218 600 Doppel- Zentner eingegangen. Das ist Der beste Beweis Dafür, daß dieser geringe Gerstenzoll Der Einfuhr unD Dem Verbrauch Der Futter­gerste nicht Den geringsten Abbruch tut (Sehr wahr! rechts, Ge­lächter links.) lieber Den Vorschlag Der Beseitigung De* Ausnahme­tarife toirD Der Preußische Eisenbahnminister noch reben. Ich will nur hervorheben, baß so geringe Quantitäten zu Ausnahme- tarifen befördert worben finb, daß auch eine Beseitigung dieser Ausnahmetarife auf die PreiLverhältnisse nicht den geringsten Einfluß ausüben würde, daß aber einer Beseitigung dieser AuS- nahmetarife grundsätzliche Bedenken auch entgegenstehen. Die Preise des Roggens und des Weizens sind hock. Sie waren aber 1903 und 1907, wo von einer Hungersnot doch auch nicht die Rede gewesen ist, erheblich höher. Auf die Einfuhrscheine will ich im einzelnen nicht eingehen. Sie sind in der Presse so aus­reichend erörtert worden. Andererseits ist eS eine so schwierige Angelegenheit, daß ich glaube, mit Recht behaupten zu können, daß eine ganze Menge Menschen über die Beseitigung der Ein­fuhrscheine reden, ohne das System unb seine Bedeutung begriffen zu haben. (Lebhafte Zustimmung rechts. Heiterkeit links.)

DaS Einfuhrscheinsh st em ist nicht etwa eine Erfin­dung agrarischer unb konservativer Bestrebungen, fonbern eS ber- banft seinen Ursprung Anträgen von freisinniger Seite (Sehr richtig! rechts) und ber energischen Be­fürwortung b c 5 Abg. Rickert. TaS möchte ich ben Herren von ber freisinnigen Partei entgegenhalten, toerm sie ge­rade im gegenwärtigen Augenblick gegen daS Einfuhrscheinsystem Front machen. Wir haben in dem langgestreckten Preußen einen einen Ueberschuß an Getreide produzierenden Osten unb einen nicht so viel Getreide produzierenden, aber stark konsumierenden Westen. So schaffr ter Einfuhrschein dem Osten_ die Möglich­keit, Getreide auszuführen unb Dem Westen Die Möglichkeit, wie­der entsprechend einzuführen. (Sehr wahr! rechts.) Tie Der­rn ebtte KornauSfuhr in diesem Jahre ist wohl darauf zurückzu- führen, daß nach ben Aeußerungen in ber Presse immerhin mit der Möglichkeit zu rechnen war, bafj an Dem Einfuhrscheinsvstcm gerüttelt werden konnte unb baß jeder, wie man so zu sagen pflegt, fein Schäfchen noch inß Trockene zu bringen suchte. Ge­rade DerVorwärts" hat daraus hingewiesen, baß auch die Ausfuhr ihre natürliche Beschränkung in ben Preisen findet, und daß sich nicht mehr lohne, außzuführen, wenn die Weltmarkt, preise sinken, und je mehr Getreide aus bem Osten ausgeführt wirb, desto eher werden die Weltmarktpreise nachlassen. So voll» zieht sich ein gewisser Ausgleich, bcr unter allen Um­ständen auch dazu beiträgt, bah nicht zuviel (Betreibe exportiert wirb. Es wird behauptet, baß die Roggenausfuhr in die­sem Jahre einen mehr wie bedenklichen Umfang angenommen hätte. Vom 1. August biß 10. Oktober 1911 ist an Roggen und Roggenmehl ausgeführt worden 1 788 000 Dz., im gleichen Zeit- raum 1910 1 896 000 Tz. (Hört! Hört! rechts.) und im gleichen Zeitraum 1908 2 145 000 Tz. (Hört! Hört! rechts.) Mir ist eS unverständlich und unbegreiflich, wie man gegenüber diesen Zah­len davon reben kann, daß gerade dieses Jahr eine ganz außer- gewöhnliche und ganz bedenkliche Ausfuhr an Roggen gezeitigt habe. (Sehr richtig! rechts.) Tiefer Roggenausfuhr steht nun eine ganz bedeutend größere Weizeneinfuhr gegen­über. Vom 1. August bis 10. Oktober 1911 find über Drei Mil­lionen Doppelzentner Weizen eingeführt worden, als an Roggen