Zweites Matt
16t Jahrgang
Erscheint tögllch mit Ausnahme des Sonntags.
Die ..Siebener ZamilienblStter" werden dem „Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gietzen" zweimal wöchentlich. Die „randwirtfchaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Dienstag, 3. Januar 19tl
Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen UnioersilätS - Blich- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion.^^112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Prinz Max von Sachsen und der „Mut zur Demut".
In der Angelegenheit des Prinzen Max von Sachsen veröffentlicht der ,!Osservatore Romano" eine Note, wonach der Prinz eine ausführliche Erklärung unterzeichnet hat, in der er unter offener Anerkennung der Irrtümer, die in dem von ihm unbedachterweise »geschrieben und in der Zeitschrift „Roma e l'Oriente" veröffentlichten Artikel enthalten sind, dem Heiligen Vater die Gefühle seiner vollen und unbedingten Anhänglichkeit an die Glaubenssätze, die die katholische Kirche lehrt und bekennt, erneuert.
Interessant ist es, zu hören, was das Hauptzentrums- blatt, die „Germania", dazu sagt:
Bei dem frommen und gläubigen Sinn des Prinzen Max war die Bereitwilligkeit: sich den Glaubenssätzen der katholischen Kirche |mb der Kirchendisziplin unter zu ordnen, von vornherein über jeden Zweifel erhaben, und um so mehr konnte man von ihm erwarten, daß er die Irrtümer als solche anerkennen und widerrufen werde. Er hat beim Heiligen Vater eine väterliche und liebevolle Aus- nalMe gefunden, und ist, bevor er seine Rückreise nach Freiburg [in der Schv>eiz antrat, noch zum drittenmal vom Heiligen Vater in Privataudienz empfangen worden.
Habe den Mut zur Demut! Die Aufforderung richtet sich an alle, die es angeht. Prinz Max von Sachsen hat dieseck .,^^t^t zur Demut in glänzender Weise bewiesen, und dafür gebührt kihm von allen Katholiken nm so mehr offene und dankbare Anerkennung, je mehr er deswegen von katholikenfemdlicher Seite verständnislos und gehässig angegriffen wird.
Den Mut zur Demut haben aber, wie, im Zusammenhänge damit erwähnt sein mag, auch alle katholischen G e i st l i ch e n .bekundet, die in den letzten Tagen den Eid der Glaubensreinheit gegenüber den Irrungen des Modernismus abgelegt haben. Auch ihnen gebührt dafür Dank und Anerkennung, wenn- ! gleich die Ablegung dieses Eides für sie selbstverständlich war. Es hat ja nicht an Versuchen gefehlt, die Geistlichen von der Ablegung des „Modernisteneides" abzuschrecken — leider auch nicht .fcn einer von einem katholischen Rechtsanwalt neuerdings herausgegebenen Broschüre — auch nicht an Versuchungen, in denen Ibie modernistisch-liberale Kraus-Gesellschaft öffentlich zu Geldsammlungen für diejenigen Geistlichen und Priesterkandidaten auf- i forderte, welche den „Modernisteneid" nicht leisten wollten. Die verführerische Schlange aus dem Paradiese setzt also ihre Arbeit cher Gottentsremdung noch immer fort, und dann kommt auch der ^Versucher hinzu mit seinem verführerischen Gold und mit den »Worten: „Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfäll st! Lind mich anbetest." In einer Zeit, in der die Grundsäulen der Autorität nicht nur aus kirchlichem, sondern auch-auf weltlichem I Gebiete angegriffen werden, wo gleichzeitig und im inneren Zu- f sammenhange der Ansturm gegen Thron und Altar sich vorbereitet, wo der Individualismus, der von christlicher Demut nichts wissen will, auf allen ©ebieten die Herrschaft erstrebt, wo der Sub- fektivismus bis an die Grenzen des Anarchismus geht: da ist es doppelt und dreifach notwendig, sich nicht nur auf religiösem, sondern auch auf staatlichem Gebiete der gottgcsetzten Autorität wieder bewußt zu werden. Nicht nur Katholiken, sondern auch ernst denkende Protestanten werden deshalb dem erhebenden Eindrücke sich nicht verschließen können, daß in den Wirren der Zeit die katholische Kirche nicht nur als unerschütterlicher Hort der Glaubenslehre, sondern auch als unerschrockener Wahrer der Auto- xitat sich erwiesen hat.
Daß es Mut war, der den Prinzen Max zrur „De- tnut" trieb, können wir nicht erkennen. Sehr zutreffend bemerkt die „Rhein. Wests. Ztg.":
tZu dieser Demut gehört gar kein Mut. Mut setzt immerhin noch eine mehr oder minder große Dosis persönlichen Empfindens voraus, das aber geht Leuten ab, die etwas als ihre ureigenste Ueberzeugung kundtun und nach 24 Stunden dieser ihrer Ueberzeugung willen um Gnade flehen und schriftlich, mündlich und mittelst Druckerschwärze alles widerrufen. Wenn die Germania ein solches Gckahven preist als Schutzwehr gegen den Ansturm auch gegen die Grundsäulen der weltlichen Autorität, als das beste Mittel, auch den Thron zu stützen, so müssen wir dem doch ganz entschieden widersprechen. Nichts ist so sehr geeignet# die Autorität und das Ansehen von Thron und Altar zu untergraben, als wenn ein Königssvhn sich so sehr bar jeden eigenen Willens zeigt, wenn er seine Meinung, gleich dem schwachen Rohr im Sturme, so sehr zu biegen vermag. Und dieses haltlose Schwanken des Geistes ist es, was nicht nur beim Prinzen Max von Sachsen, sondern auch bei den, »meisten anderen sogenannten Modernisten das bettübendste Zeichen ist, daß ihnen der Mut zur Fvlgerichttgkeit ihres Hantelns fehlt.
tober 1910, Vertiert, an The Honorable Andrew Carnegie adressiert und lautet in deutscher Rückübersetzung:
„In Ihrer Mitteilung vom 22. September benachrichtigen. Sie mich von Ihrem hochherzigen Entschluß, die Summe von l1/« Millionen Dollar für Deutschland zu stiften, um das Unglück zu mildern, das sich im Bereich des Deutschen Reiches und auf seinen Gewässern bei heldenmütigen An- ftrengungen zur Rettung menschlichen Lebens ereignet, und das den Tod oder Invalidität der Lebensretter zur Folge hat. Dieser neue Beweis Ihrer weltbekaunten Menschenfteundlichkeit und Großherzigkeit hat mich im höchsten Maße erfreut, und ich bettachte die gewählte Zweckbestimmung als besonders glücklich. Die (Stiftung wird in hohem Maße dazu beitragen, daß in Zukunft die Ehrenpflicht der Menschheit, für die Opfer heldenmütiger Selbstauf- ivpferung zu sorgen, mehr erfüllt wird, als es bisher möglich war. Sie wird in edlen Menschen den Wunsch anregen, Rettungstaten zu vollbringen, indem sie alle Sorge um die Zukunft ihrer Hinterbliebenen bannt. Ich betrachte es als ein Herzensbedürfnis, Ihnen im Namen, des deutschen Volkes den wärmsten Tank zu sagen, und zum dauernden Gedächtnis Ihrer edlen Tat werde ich Ihren Namen mit der Stiftung verknüpfen. Gemäß Ihrem Wunsche bin ich auch gern bereit, das persönliche Protektorat zu übernehmen und ein Kuratorium zu ihrer Verwaltung zu ernennen. Ich lege speziell Wert auf die Mitarbeit des an meinem Hofe beglaubigten Botschafters als Mitglied des Kuratoriums. Mit dem von Herzen kommenden Wunsche, daß Gott der Herr Sie unter seinen allmächtigen Schutz nehme und Ihre Stiftung mit seinem Segen geleite, bleibe ich Ihr dankbarer und wohlgeneigter Wilhelm I. R."
Wie Berliner Blätter mitteilen, hat der Kaiser Herrn Carnegie am Sonnabend durch den amerikanischen Botschafter einen zweiten Dankbrief gesandt, dem ein großes Medaillon-Porträt des Herrschers in Bronze beigefügt war.
Die französischen Erbschaften im Jahre 1909 stellten in ihrer Gesamtzahl von 393 305 das Niesenkapital von 6 153 069 923 Francs dar oder abzüglich der Passiva
von 5 740 436 366 Francs, nach in folgende Kategorien:
von 1 bis 500 Frs.....
„ 501-2000 .....
„ 2101-10 000 .....
, 10 01-50 000 .... „ 50 001—10'1000 . . .
„ 100 001-250 000 . . .
„ 250 001—500 - 00 ... w 500 001 bis 1 Million ♦ „ 1—2 Millionen .... „ 2—5 Millionen .... „ 5—10 Millionen . . .
„ 10—50 Millionen . . . über 50 Millionen ....
Die darauf erhobenen
Sie zerfallen der Bedeutung
Zahl Sinnmen
103 438 26 959 975 Francs,
1'1 178 129 938 197
110 427 543 254 169
48 755 1 0 6 513 206
7 692 529 256 416
4 822 758 742 765
auf aus Mit und
605 65 > 516
554 400 507
512 169 766
425 610 867
303 298 020
179 937 986
144 398 896 beliefen sich verteilten sich
1720
810
373
145
46
10
direkte Erben mit 3 804 555 753 Francs, auf Gatten 616 260 073, auf Seitenverwandte mit 1 025 615 313 aus nicht verwandte Personen mit 327 443 295 Francs.
Steuern
270 654 898 Francs. Die Erbschaften
Ans Sta&t und Land.
Gießen. 3. Januar 1911.
*' Schlafwagen und Speisewagen in Eilzügen. Die Verwaltung der preußisch-hessischen Staatsbahnverwaltung stellt beim preußischen Statistischen Amt Erhebungen darüber an, in welchem Maße in den letzten fünf Jahren die Einrichtungen der Schlaf- und Speisegelegenheiten in den O-Zügen und Schnellzügen der preußisch-hessischen Eisenbahngeineinschaft benutzt worden sind. Im Anschluß daran werden Ermittelungen gepflogen, in welchem Umfange die Eilzüge in den verschiedenen Dlrektionsgebieten, vor allen Dingen in den Jndustriebezirken benutzt werden. Die Erhebungen des Statistischen Amtes sollen die Unterlage bilden für eine Entschließung der Eisenbuhnverwaltung, in den Eil- zügen, die durch längere Strecken in Jndustriegegeuden laufen, vielfachen Wünschen entsprechend, ebenfalls Ruhe- und Speisegelegenheiten zu schaffen. Man hat sich bereits mit
Ganz wirkungslos ist das Auftreten des Prinzen Max vielleicht doch nicht geblieben. Der Papst hat, wie wir gestern schon kurz der „Köln. Volkszta." entnahmen, einen Briefwechsel mit den gerichtlichen Würdenträgern der orientalischen Kirche angebahnt. Folgende Meldung sagt näheres:
Rom, 2. Jan. Der Papst richtete an die apostolischen Delegaten im Orient unter dem 26. Dezember einen jlateinischen Brief, in dem er zu der von dem Prinzen Max aufgeworfenen Frage Stellung nimmt. Das Schreiben erinnert an die Bestrebungen ber Päpste, namentlich Leos XIII., die schismatischen Kirchen in den Schoß der römischen Kirche zurückzuführen und zählt alle theologischen und «historischen Irrtümer auf, die der in der Revue „Roma e l'Oriente" veröffentlichte Artikel, enthalten habe. Die Dele- igaten möchten verhindern, daß sich die Irrtümer unter der Bevölkerung des Or'euts ausbreiten. Die Vereinigung der K ir ch en, die der Pap st innig gewünscht habe, könne nur vollzogen werden, wenn die Lehren der römischen Kirche unversehrt erhalten blieben. Endlich erklärt das Schreiben, daß der Autor, der unüberlegt in gutem Glauben den Artikel geschrieben habe, die Irrtümer mißbilligt und dem Heiligen Stuhl seine Unterwerfung erklärte.
ttaiser Wilhelm an Andrew Carnegie.
Kaiser Wilhelm hat das Protektorat über die buit dem amerikanischen Millionär Carnegie begründete deutsche Stiftung für Lebensretter übernommen und dem Spender hiervon in einem eigenhändigen Briefe Mitteilung gemack)t. Der Berliner Vertreter der „Daily Mail" ist in der Lage, seinem Blatt den vollen Text des K'aiserbrieses an Herrn Carnegie mitzuteilen. Das eigenhändige, deutsch abgefaßte kaiserliche Schreiben ist. Neues Palais, 31. Ok-
den Einzelheiten des Projektes beschäftigt. An Stelle der Schlafwagen sollen in den Eilzügen einzelne Abteile geschaffen werden, die mit allen Bequemlichkeiten der Schlafwagen ausgerüstet werden sollen. Der Grund, weshalb man keine Schlafrvagen einslellen will, ist darin zu suchen, daß die in Betracht kommenden Strecken eine ganze Nacht nicht ausfüllen und die Einstellung der Schlafwagen daher zu teuer sein würde. Neben den statistischen Erhebungen werden in nächster Zeit Umfragen nach dem vorhandenen Bedürfnis solcher Einrichtungen in Eilzügen bei den interessierten Kreisen stattfinden, vor allem bei dem Verband reisender Kaufleute Deutschlands. Neben dem Wunsche, dem reisenden Publikum die Eisenbahnfahrten angenehmer zu niachen, wird für die Eisenbahnverwaltung wohl auch der siskalische Gesichtspunkt maßgebend sein. Man weiß, daß die Schlaf- und Speisewagen einen erheblichen Ueberschiiß abwerfen und die Eisen- bahnverwaltung hat deshalb das Bestreben, diese Spezialbetriebe in eigene Regie zu übernehmen.
**Maul-undKlauenseuche. Neue Ausbrüche der Seuche sind gemeldet aus Oberholsten, Regierungsbezirk Osnabrück; Rullstorf, Regierungsbezirk Lüneburg; Großlobke, Regierungsbezirk Hildesheim; Sagehorn, Regierungsbezirk Stade.
Landkreis Gießen.
△ Klein-Linden, 2. Jan. Unser neuer Geistliche, Pfarraisil'tent Rieder au5 Messel, hielt am Silvesterabend seine Antrittspredigt.
= Lich, 2. Jan. Auf Anregung der Fürstin Emma von Solms-.Hohensolms-Lich sand heute zugunsten des hiesigen Frauen Vereins, der die Ortsarmen unterstützt, im Gemeindesaal eine Wohltätigkeitsveranstaltung statt, in deren Mittelpunkt ein schön gespieltes Kinderstück stand. Auch die Prinzessinnen des fürstlichen Hauses hatten Rollen darin übernommen. Der Krrchengesangverein (gemischter Chor) wirkte auch mit und trug unter Leitung, feines Dirigenten, Lehrer Zimmer, einige gut ausgeführte
Chöre vor. Der Erlös des Abends kommt den Armen zugute.
g. Grünberg, 2. Jan. Einem Schwindler ist in der Woche vor Weihnachten ein hiesiger Musikverein zum Opfer gefallen. Fand sich da eines Abends ein elegant gekleideter Herr in dem Lokale, wo die Musikproben stattfinden, ein und stellte sich als Konzertmeister vor. Er gab beredtes Zeugnis feiner Tüchtigkeit und spielte zur größten Verwunderung alle Instrumente meisterhaft. Da dem Verein gegenwärtig ein Dirigent fehlt, erbot er sich, ihm als Leiter künftig vorzustehen. Man nahm dies Anerbieten an, zumal man es mit einer guten musikalischen Kraft zu tun hatte. Bei der ersten folgenden Probe entpuppte er sich jedoch als Gauner, der es nur auf Betrug abgesehen hatte. Nachdem er verschiedene Instrumente geprüft hatte, entfernte er sich unter einem Vorwande und verschwand spurlos. Mit ihm aber auch drei wertvolle Instrumente, eine Viola und zwei Klarinetten, wodurch der Verein in große Verlegenheit gebracht wurde, da er ein Konzert geben wollte und so schnell feinen' Ersatz für die entwendeten Instrumente beschaffen konnte. Die Jnftru-- mente wird der Schwindler veräußern wollen. Es sei vor ihm gewarnt, da er jedenfalls das gleiche Manöver auch noch an anderen Orten versuchen, wird.
r. Hungen, 2. Jan. Der gemeinnützige Verein hier hatte aestern mit der Aufführung von Lessings „Minna von Barnhelm", gespielt vom Rhein-Mainischen Verbandstheater, einen vollen Erfolg. Der Saal war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Die Leistungen der Theatergesellschaft sind scbon hinreichend als vorzüglich geschildert, es erübrigt sich daher, dem gemeinnützigen Verein Dank abzuftatten. Ermuntert durch diesen ersten Erfolg wird der genannte Verein im Interesse der Volksbildungssache nckch mehr derartiger Veranstaltungen folgen lassen. — Eine alte Hungener Type, der „Benderhannes", ist heute von seiner Haustreppe gestürzt und hat das Genick gebrochen. Seine Frau ging ihm vor einigen Wochen im Tode voraus, man erinnert sich wohl vielfach dieses alten Gänsehirtenpaares. — Ter am 20. August aus dem hiesigen Haftlokal entsprungene Ehr. Schunkert, der zuletzt in Utphe Dienstknecht war, ist jetzt in Delitzsch» wieder verhaftet worden. Inzwischen hatte er unter falschem Namen als Zeuge fungiert und einige Falscheide geleistet. Er hatte in Utphe einen Unterschlupf, von wo ihm auch falsche Papiere und Geld besorgt worden sein sollen. Durch seine Prahlerei, was er alles geleistet, lieferte er sich selber wieder den Behörden aus.
Kreis Lauterbach.
= Dirlammen, 2. Jan. Heute fand hier Unter reger Beteiligung Bürgermeisterwahl statt. Bon 84 Stimmberechtigten machten 63 von ihrem Wahlrecht G-- brauch. Wie nach der vorausgegangenen lebhaften Agi- tation nicht anders zu erwarten war, ging der Landwirt Heinrich Ziegenhain I. als Sieger hervor. Er erhielt 54 und der seitherige Bürgermeister Konrad Döring III., der 18 Jahre dieses Amt mit voller Zufriedenheit feiner vorgesetzten Behörde bekleidete, 9 Stimmen. Sehr ungern sieht man Herrn Döring aus seinem Amte scheiden.
X. Schlitz, 2. Jan. Der in einem Hanauer Fabrik kationsgeschäft beschäftigte 24 Jahre alte Kaufmann Hof m ann hat sich hier in selbstmörderischer Absicht eine Kugel in die Brust geschossen. Die Tat ist in einem Schwermutsanfalle verübt worden.
Verletzung einer Telephonistin durch heftiges Drehen der Kurbel. Tie Nr. 1 der Deutschen P o st -- Leitung (Organ des Verbandes mittlerer Reichs-, Post- und Telegraphenbeamten) bringt folgende Meldung: Ter Spediteur T. in Berlin hatte beim Anrufen des Amtes vorschriftswidrig anhaltend die Kurbel des Apparates gedreht. Tie Telephonistin int Amt erlitt hierdurch nach ihrer Angabe einen Neroenchock, der eine ttaumähnliche Neurose verursachte. Sie verklagte den T. auf Schadenersatz (Heflungskosten, Bceitrträchtiguug der Erwerbsfähigkeit'!. In allen Instanzen wurde T. verutteilt. Der 6. Zivilsenat des Reichsgerichts führte aus: Das Berufungsgericht (Kammergericht) nimmt es im allgemeinen für möglich an, daß durch mehrmclliges, rasch aufeinander folgendes Kurbeldreheir eine derartige Vermehrung des Stromes unb infolgedessen auch ein derattig lautes Geräusch hervorgerufen werden kann, daß infolge des Schreckens ein schädlicher Einfluß auf die Gesundheit des Telephonbeamten ausgeübt wird. Es folgt in dieser Beziehung den Gutachten der ärztlichen Sachverständigen, inbent es die zu entscheidende Frage als eine.ärztliche und nicht als eine tech- ursche auffaßt, llnbegrünbct ist auch die 9tüge, die sich gegen btic Annahme eines Verschuldens des Beklagten richtet. DaS Berufungsgericht hat ohne Rechtsicrtum dargelegt, es sei zur Zeit des Unfalls allgemein und auch dem Bellagten betannt gewesen, daß mehrmaliges Drehen ljintereinattbcT verboten, war, weil es- den Telephonistinnen schädlich werden konnte: ein solches Ber> bot sei auch bei jedem Apparat angeschlagen gewesen: der Bc-» klagte habe sich aber in rücksichtsloser Weise darüber hiuweggesetzl. Wenn die Revision meint, der Bccklagtc habe, um sich Gehör zu verschaffen, sich daran gewöhnt, die Kurbel mehrmals — d. h. rasch iintereinanber —, also vorschriftswidrig, zu drehen, so widerspricht dies der eigenen Angabe des Angeklagten, daß er den Apparat stets vorschriftsmäßig benutzt foabc und daß eS noch fein Verschulden darstelle, »venu das „einmal" im Drange der Unterhaltung von einem Teilnehmer vergessen werde. Nun hat das Beruftlngsgemcht allerdings der Beweisaufnahme entnommen, daß, wie die Klägerin behauptet, der Bellagte sckfoMi früher die Kurbel vorschriftsividrig gedreht hat. Allein dieser ’ Umstand in Verbindung damit, daß Schäden dadurch bisher nicht verursacht seien, rechtfertige durchaus nicht die von der Revision gezogene Folgerung, der Beklagte hätte iol.lne Verschulden an-- nehmen Fönnen, daß die von ilym beliebte vorschriftswidrige Art der Benutzung Gefahren mit sich bringen werde. Ebensow<-uig steht endlich der Annahme eines Verschuldens entgegen, daß beut Beklagten das vorschriftsmäßige Drehen der Kurbel nicht oei-i wiesen, und daß er auf die schädlichen Wirkungen, die eine Hand--i lungswei.se Hervorrufen könnte, nicht besonders aufmerksam gc*. macht ivorden war. Die Revision des Bellagten T. wurde deshalb zurückgewiesen.
iX. Hanau, 2. Jan. Die Strafkammer hat heute den Landwirt Rinkenberger aus Wächtersbach wegen Beleidigung des Amtsgerichtsrats Dr. G a e b I e r in Wächtersbach zch l 0 0 Mark Geld st rase verurteilt. In einer Vernehmung als( Zeuge hatte der Angeklagte eine den Richter beleidigende .Aezcße-, rung fallen lassen.


