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15.3.1911 Drittes Blatt
 
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Mittwoch, 15. März 1911

101. Jahrgang

Nr. 63

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T a s p a r.

Präsident Graf Schwerin eröffnet die Sitzung um 1 16 Minuten.

Der Etat des Reldisamts des Unnern.

(Dritter Tag.)

Abg. Haussen (Täne):

Trotz aller Ausnahmegesetze werden die deutschen Weg zu einer höheren Kultur finden. (Beifall

Deutscher Reichstag.

147. Sitzung. Dienstag, den 14. März. Am Tische de« BundeSratS: Delbrück, Richter,

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Abg. Wieland (Vv.):

Die besondere Vorliebe der Rechten und des Zentrums für den Mittelstand gerade in der jetzigen Zeit verstehen wir. Man will die Blicke von den Schäden der Reichsfinanzreform ablenken. Von einem Niedergang des Handwerks kann nicht mehr gesprochen werden. Aber natürlich ist noch viel zu bessern. Vor allem leiden die Handwerker unter den hohen Lebens­mittelpreisen. Unter der nötigen Bewegungsfreiheit wird das Handwerk schon einen Weg finden. Den großen Be­fähigungsnachweis lehnen wir nach tote_ bor ob. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß die Arbeitßverhältniffe im Hand­werk schlechter seien als in der Großindustrie. Es ist auch über­trieben, wenn fortgesetzt über die Zunahme der LehrlingSzüchterei geklagt wird. Die Regierung sollte dafür sorgen, daß die alte Streitfrage der

Abgrenzung von Fabrik und Handwerk endlich einmal zur Ruhe kommt. ES muß dabei vermieden wer­den, Handwerksbelriebe nur deshalb als Fabrikbetriebe anzusehen, weil sie zum Maschinenbetrieb übergegangen sind. Von dem Recht der Innungen zur Festsetzung von Mindestpreisen versprechen wir uns gar nichts. Hoffentlich bringt die ReichS- versicherungsordnuno die erwünschte Klärung über die Frage der Einbeziehung des Handwerks in die Sozialgesetzgebung. Wir werden auch jetzt wie .Herrn Pauli gesagt sei nach Ab­lauf der Blockzeit für die Maßnahmen eintreten, die im Interesse deS gesamten Handwerks liegen. (Beifall.)

Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.):

(Abg. Dr. Müller-Meiningen ruft: Sie sind heute ja einmal da!) Herr Müller, lassen Sie Ihre haltlosen Redens­arten. (Unruhe links.) Wir arbeiten in den Kommissionen und in der Bibliothek manchmal mehr, als Sie hier im Plenum.

Den Beschwerden des Dr. Müller-Meiningen über mißbräuchliche Handhabung des Vereinsgesetzes schließe ich mich durchaus an. Ter Staatssekretär hat den Erlaß des preußischen Ministers deS Innern, wonach alle Umzüge verboten werden sollen, preisgegeben. Er hofft, daß Mißbräuche nicht mehr Vorkommen. Ich bin nicht so optimistisch. Warum wird der Etat nicht einfach kassiert? Leider fehlt den Reichsbehörden an der nötigen Fühlung mit der Landesverwaltung. Dec Redner spricht gegen eine Verfügung deS preußischen Kultusministers, wonach Danen auch daS Erteilen.von Turnunterricht verboten ist.

Staatssekretär Dr. Delbrück:

Ter Vorredner hatte eS als besonders interessant bezeichnet, daß ich über die Tatsache mich nicht ausgelassen habe, daß ich beim Ze ntral verba nd deutscher Industrieller zu Gaste war. Auf den ersten Blick muß man mit einem gewissen Staunen fragen, was für ein Interesse das Parlament daran hat, wo ein Minister zu Gaste ist. Sein Parteigenosse Fischer hat neulich er- klärt, weil beim Zentralverband der Generalsekretär Bueck zwi­schen dem preußischen Hanvelsminister und mir gesessen habe, sei erwiesen, daß die Regierung in absoluter Abhängigkeit vom Zen. tralvcrband sich befinde. (Abg. Hoch: Tas wußten wir schon langeI) Tiefe Art der Beweisführung ist nicht geeignet, die an- geblich für Sie feststehende Tatsache in den Augen anderer Leute glaubhaft zu machen. (Sehr gut!) Aber Sie widersprechen sich selbst, wenn Sie einerseits die mangelhafte Tätigkeit der Regie, rung auf sozialpolitischem Gebiete behaupten und andererseits darauf Hinweisen, daß der Generalsekretär des Zentralverbandes >ich in überaus abfälliger Weise über die Regierung und ihre Stellung zur Sozialpolitik ausgesprochen hat. (Sehr gut!) Die Regierung und die einzelnen Parteien unterscheiden sich sicherlich in der Beurteilung der MaßeS dessen, was für die arbeitende Be- völkerung geschehen kann und was nicht; ich habe aber noch niemals ernsthaft eine Auffassung aussprechen hören, die mit dem in Widerspruch stand, waS der Vorredner eben als besonders erleuch­tete Anschauung seiner eigenen Partei hingestellt hat, daß wir an der

kulturellen und wirtschaftlichen Hebung unseres DrbeiterstandeS

lebhaftes Interesse haben, mögen wir welcher Partei immer ange. hören TaS wollte ich hier nur ausdrücklich im Namen der Par­teien feststellen, mit denen wir gewohnt sind, auf sozialpolitischem Gebiet zusammenzuarbeiten. Nicht die Sozialdemokratie hat unsere sozialen Gesetze mit beschlossen, sondern die Regierung und die übrigen Parteien. (Lebhafte Zustimmung. Abg. Stadthagen: Alle vernünftigen Gedanken stammen indirekt von uns! Lachen und Widerspruch rechts ) Alle Parteien sind darüber einig, daß sie für die kulturelle, soziale und wirtschaftliche Hebung deS gan. zen Volkes und in erster Linie der Arbeiter sorgen müssen. Wir sind uns darüber einig, daß ein gebildeter Arbeiter das beste ist, was das Volk für seine Weiterentwicklung wünschen kann. Ich frage: Wo ist denn die Kultur hergekommen, und warum erfreut sich der deutsche Arbeiter einer höheren Kultur als die Arbeiter anderer Staaten? Wem anders dankt er daS als dem u n e i g e n- nützigen deutschen StaatI (Lebhafter Beifall rechts Gelächter bei den Soz. Zuruf: Sagen Sie doch gleich preußischen Staat!) Mir ist oft gesagt worden: Ihr habt Euch Eure Opvo. sition selbst großgezogen. Wenn ihr nicht unablässig von Staats wegen gearbeitet hättet an der Hebung der Kultur und Verbrei. tung der Intelligenz, speziell auch in den preußischen Landesteilen, dann würdet Ihr nicht annähernd mit den Schwierigkeiten zu kämpfen haben wie jetzt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Maß von Bildung, die Möglichkeit zu lesen und zu schreiben, das Maß von technischer Vollkommenheit, die Fähigkeit, wirtschaftliche technische und physikalische Probleme, soweit sie für die arbeitende Klasse von Interesse sind, zu verstehen, zurückzuführen ist auf die Fürsorge des Staates und ein Zeichen ist für die Unbefangenheit, mit der das Deutsche Reich und die Bundesstaaten, und speziell

daS vielangefeindete Preußen

die Kulturaufgaben des Staates zu lösen bemüht sind. (Lebhafte Zustimmung.) Die außerordentlichen kulturellen Fortschritte der breiten Masse des Volkes, über die Sie sich besonders freuen und ich mit Ihnen, sind nicht Ihr Werk (zu den Soz.), sondern in erster Linie das Werk der Bundesstaaten und des Reiches. (Lebhafte Zustimmung.) Sie sprechen immer von der Entrechtung des Volkes WaS ist denn im Laufe der letzten Zeiten hier geschehen. Wir haben ein außerordentlich liberales Vereinsgesetz gemacht. (Sehr richtig! rech's. Gelächter b. d. Soz.) Ich habe schon gestern hier feststellen können, daß man nicht über die Durchführung des Gesetzes im ganzen klagen kann, wenn auch im einzelnen Beschwerden vorgebrackt werden. Herr Hoch hat wohl die Borsenverhältnisse kritisiert, aber er hat keine Vor­schläge gemacht, wie der Staat eingreifen soll. Er hat auch be. mangelt, daß wir in der Frage des Syndikatswesens der Entwicklung freien Lauf lassen. Er hat sich diese beiden für ihn auffälligen Vorkommnisse mit der oft gehörten Wendung zu er- klären gesucht, daß wir in völliger Abhängigkeit vom Großkapital und von der Großindustrie wären (Zuruf links: Und der Junker?) Das hat er ja diesmal nicht gesagt (Heiterkeit), aber auch dann würde das nichts an der Tatsache ändern, daß er die Ursachen unserer Verhältnisse an einer ganj falschen Stelle sucht. WaS uns in dieser Richtung scheidet, das ist die grundsätzliche Stellung, die wir in wirtschaftlichen Fragen überhaupt einnehmen, und die Stellung, die wir den

Problemen des Augenblicks gegenüber, namentlich als Regierung, einnehmen müssen. Wir find nicht in der Lage, volks­wirtschaftliche Probleme vom Standpunkt einer wirtschaftlichen Anschauung aufzufassen, die vorläufig außerhalb unserer gege­benen Verhältnisse liegt, sondern wir sind genötigt, die Tinge, die wir vor uns haben, in einer dem Wohle des ganzen ange­messenen Richtung vorwärts zu schieben. Da? können wir nicht tun, indem wir irgend eine vorläufig nicht adoptierte und auch in unseren wirtschaftlichen Verhältnissen nickt zum Ausdruck kom­mende Wirtschaftsanichauung vertreten. Wir sind der Meinung, daß im Rahmen unserer jetzigen wirtschaftlichen Verhältnisse, im Rabmen unserer jetzigen Staats- und Wirtschaftsordnung, im Rahmen der Gewaltenverteilung zwischen Regierung und Parla- ment es ein schweres Unrecht an unserer Entwicklung wäre, wenn wir in alle Dinge hineingreisen wollten. Gewiß, die Ausgaben dek Staates wachsen dauernd. Die Interessen des Staates in allen möglichen Verzweigungen des öffentlichen, wirtschaftlichen, kultu­rellen und sozialen Lebens werden immer größer. Umiomcbr soll man darauf bedacht sein, daß nicht noch unsere Jngerenz hinzu- kommt. Die Möglichkeit der freien Entwicklung des Individuums, die die Voraussetzung unserer politischen Verhältnisse ist, fallt, wenn die Freiheit des Individuums untergebt in der

Herr f cha f t der Masse.

(Lebh. Zustimmung.)

Ich bin bestrebt, die Geschäfte, die mir anbcrlraut sind, so zu führen, wie ich eS für notwendig und nützlich halte. Ich bin nicht einseitig genug, es Übelzunehmen, wenn die Industrie m diesem oder jenem Punkte anderer Meinung ist, oder ®cnn et n e Rede bei einem Diner den Charakter einer Disziplinär- Untersuchung annimmt. (Heiterkeit.) Ich verkenne nickt, was u n s e r e I n d u st ri e g e l e i st e t Hal, und was sie für unsere wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung bedeutet, und was sie auch für die Wehrhaftigkeit unseres Vaterlanheö ist. (Beifall.) Aus diesen Gründen werde ich mir die Freiheit nehmen,, die Interessen der Industrie ebenso zu fördern, wie die aller übrigen Zweige des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens, die der Für- lorge meines Ressorts anvertraut sind. (Beifall.)

Da ich am Worte bin, noch einige kurze Ausführungen zu den Erörterungen des Grasen Kanitz. Die unerfreulichen Vorkomm, nisse, die er erörterte, der Zusammenbruch der Nieder­deutschen Bank, der Frankfurter Vereinsbank sind selbstverständlich von uns mit der größten Ausmerkiamkert verfolgt und haben uns veranlaßt, noch einmal die Erörterungen der SanfenQuetc und speziell die letzten vom vorigen Jahre vor unserem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen. AuS den Aus­führungen des Grafen Kanitz kann ich nun zunächst als erfreulich feststellen, daß man allerseits von dem Gedanken abgelommen zu fein scheint, eine Trennung der Kredit- und Depositen­bank e n zu verlangen, und daß auch Graf Kanitz unsere Auf­fassung dahin teilt, daß es mit der ganzen Entwicklung der wirt­schaftlichen Verhältnisse zurzeit und für absehbare Zeit nicht wohl vereinbar sein würde, hier einen Schnitt zu machen. Wir haben uns aber weiterhin zu hüten, die Vorkommnisse bei den beiden Banken etwa zurückzuführen auf Mängel in unserer Gesetzgebung, Aktienrecht, Strafrecht, Konlursrecht usw. DaS Ergebnis der Untersuchungen die gerichtlichen sind ja noch nicht abgeschlossen ist doch zweifellos das, daß diese beiden Zusammenbruche nur möglich gewesen sind infolge einer

Kette von unredlichen Handlungen der Leiter,

und dagegen kann man sich nicht wehren. Derartige Unredlich' keilen festzustellen, wird natürlich umso schwerer, je größer und komplizierter die Einrichtung ist. Es ijt ganz charakteristisch, daß eS in beiden Fällen erst ganz allmählich gelungen ist, sich ein Bild von dem Umfange der betrügerischen Handlungen zu verschaffen, die jahrelang in der Leitung dieser Danken erfolgt sind. Wir haben erwogen, ob man etwa nach englischem Muster die Beste! Iu n g von Revisoren für die Aktienbanken anordnen soll. Wir halten es aber nicht für angebracht. Die Generalversammlungen sind jetzt schon in der Lage, berarfage Revisoren zu bestellen und ein großer Teil der größeren Banken verfugt jetzt schon über derartige dauernde Revisionsorgane. Ein solches Institut von Revisoren würde wahrscheinlich nicht in der Sage fein, geschickte Unredlichkeiten rasch aufzudecken, wohl aber wurde cs durch seine Existenz die Aktionäre und das Publi­kum in unberechtigte Sicherheit wiegen. Zweitens ist in der.Ban- kenguete dieFrage erwogen worden, ob man einen Bankbeirat ober Bank ausschuß einrichten soll. Auch biefc Frage ist von mir in allerletzter Zeit noch einmal zum Gegenstand sehr ein- gebenber Prüfung gemacht und wir sind auch hier bahm gekom­men, daß diese Einrichtung nickt geeignet sein würd'», gerade die Mängel zu beseitigen, auf die Graf Kanitz hinwies. Gewiß würbe ein derartiger Bankausschuß in der Loge sein, im ge­eigneten Moment ein-^lne Banken berauszugreifen und zu prüfen: aber gerade diese Möglichkeit würde das Publikum noch gleichgültiger machen; und vor allem ist zu fürchten, daß der Bankausschuß eine Verantwortung auf sich nehmen wurde, die er zu tragen außerstande ist. Ich behalte mir vor, über di eie. wie ich ohne weiteres anerkenne, wichtige Angelegenheit eventuell noch den Präsidenten der Reichsbank zu Wort kommen zu lassen.

Jugendorganisationen der Arbeiter. Man löst sie auf, weil sie angeblich Politik betreiben, während sie tatsächlich viel weniger Politik treiben als die bürgerlichen Jugendorganisationen. TaS ist eine

Vergewaltigung der Arbeiter.

Wir müssen uns bemühen, der Jugend die Ideale wiederzugeben, die man ihr geraubt hat (Gelächter rechts, Beifall bei den Soz.), ihr daS Ideal der Freiheit predigen. Ter TerroriSmuS der Bürgerlichen gegen di« Arbeiter übersteigt alle Grenzen. Und da wagt man uns Terrorismus vorzuwerfen! Kehren Sie vor Ihrer eigenen Tür! Was die Arbeiterversicherung bringen soll, wird tatsächlich nicht vor dem Verhungern schützen. Die Invalidenrente beträgt pro Kopf 88 Pfennige, die Witwen­rente 33 Pfennige, die Waisenrente, von der auch die Mutter leben muß, 13 Pfennige. Kann man davon leben? Wir wünschen Klarheit darüber, ob daS Privatbeamten-Versicherungsgesetz noch in dieser Session behandelt werden soll. Natürlich wird eS ganz wesentlich verändert werden müssen, um brauchbar zu sein. Tie Handlungsgehilfen lassen sich durch die leeren Versprechungen der Rechten nicht mehr Hinhalten. In ihrem Organ kommt eine große Verbitterung über bie Untätigkeit b e 5 Reichs­tages auf sozialpolitischem Gebiet zum Ausdruck.

TaS Großkapital übt immer mehr eine unbegrenzte Herrschaft über das ganz« Wirtschaftsleben aus. Die Bankbrüche werden gerade von den soliden Bankinstituten bedauert. Hohe Zinsen mochte jeder gern haben. Auf das Verhältnis der Regierung zum Zentralverband Deutscher Industrieller ist der Staatssekretär mit keinem Wort eingegangen. Herr Delbrück liebt aber gerade die Gesellschaft dieser reaktionären Herren, lieber den Geschmack läßt sich ja streiten. Beim Kalistreit hat sich wieder einmal gezeigt: nicht der Staat hat die Syndikate in der Hand, sondern die Syndikate den Staat. Die Arbeiterschaft wird sich selbst zu

Abg. Hauser (Zcntr.):

Wenn wir hier Mittelstandswünsche vorbringen, werden un5 immer nur Erwägungen und Prüfungen versprochen. DaS genügt uns nicht, wir verlangen endlich Gesetzentwürfe. Bei elektrischen Installationen, besonders bei Ueberlandzentralen, sollte man nicht die großen Firmen, sondern kleine Betriebe berücksich­tigen. Ter Redner fordert die Unterdrückung deS heimlichen Warenhandels und schärfere Maßnahmen gegen Wanderlager und Wanderauktionen und empfiehlt die Resolutionen seiner Partei in dieser Richtung.

Abg. Gras Kanitz (Kons.):

DaS zweite Aufgebot der Redner ist nunmehr in die Gefechts- finic eingerückt. Wenn es so weiter geht, wird der Staatssekretär fein sauer verdientes Gehalt in dieser Woche kaum noch bewilligt erhalten. (Heiterleit.) Die wirtschaftlichen Ausführungen des Dr. Stresemann standen in wohlwollendem Kontrast zu denen des Tr. Wiemer. Zwischen dem wirtschaftlichen Programm des natio­nalliberalen Redners und dem des fortschrittlichen scheint mir

eine schwer z u überbrückende Kluft zu bestehen. Gleichwohl hoffe ich, baß auch die Freisinnigen sich allmählich dem Standpunkt Streseinanns nähern werden, und daß auf diese Weise die Möglichkeit geschaffen wird, daß d i e b ü r g e r- lichen Parteien bei den künftigen Reichstags- wählen zusammenhalten. (Hört, hört! und Heiterkeit.) Eine Vorbedingung dieses Zusammengehens ist nach meiner Auffassung das unbedingte Festhalten an dem Prinzip des Schutzes der natio­nalen Arbeit. Ter nationalliberalen Petroleumreso­lution stehen wir nicht ablehnend gegenüber. Der Gedanke ist nicht neu. Schon 1897 hat übrigens Herr Wassermann eine Inter- Reflation in dem gleichen Sinne eingebrarfit Auch ich habe mich hier schon sehr eindringlich für eine Emanzipation von der Standard Oil Company ausgesprochen. In hohem Grade fragt es sich aber, ob eine auf ein Monopol gerichtete Resolution hier össentlich diskutiert werden kann. Geht man auf ein Mono­pol aus, bann deckt man seine Karten nicht vorzeitig auf; Herr Stresemann hat den Staatssekretär wohl zu niedrig eingeschätzt, wenn er von ihm eine öffentliche Erklärung hierzu erwartete.

Nun zu dem, wozu ich mich zum Wort gemeldet habe: die BankfaUissements.

Der Redner gibt eine Liste der großen Banklwüche deS letzten Jahrzehnts. Wieviel der Verlust an Depots babei betragt, ist schwer zu sagen. Aus dem Hamburger Bankiertag 1907 wurden sie freilich auf weniger alfl 1 Proz. beziffert Jetzt in der letzten Zeit haben wir aber erfahren, daß 20, 50, ia 60 Proz. der Depots verloren gehen. Bei den Zusammenbruch der Frankfurter Ver­einsbank ergab sich, daß die als Unterlage dienenden Hypotheken ium größten Teil wertlos waren (Hort! Hört!), zum Teil schon seit Jahrdn ausgefallen. Tie Revisionen bieten da gar keine Garantie. Die Sucht nach hohen Zinsen treibt die Leute immer von neuem in die Arme der Spekulanten, die die Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit ausnutzen, und die bis in die kleinsten Land­städte, ja in die Dörfer ihre Fangarme ausstrecken. Tie Bank- firma Neuburger hatte 40 Depositenkassen in der Provinz, den kleinsten Orten. Bei der Bankenquete sah man davon ab, dem englischen Beispiel zu felgen, wo die Tepositenbanken völlig von dem sonstigen Bankbetriebe getrennt sind. Herr Rießer legte dar, daß bei uns die Depots noch sicherer sind als in Eng­land. In der Enquetekominission wurden dann weitere Vor­schläge gemacht: einen gewissen Prozentsatz d.r Depositen in bar bei der Reichsbank zu opponieren inan konnte sich über den Prozentsatz nicht einigen; 40 Proz sollten in Prima-Wechseln angelegt werden ja. iraS sind Pnma-Wechsel? Dann die Ver­öffentlichung der Zwischenbilanzen. Es ist daS Verdienst von Rießer und dem Reichsbankpräsidenten Havenstein, daß vom 1. Januar n. I. an alle großen Berliner Banken auf Grund eines einheitlichen Bilanzschemas zweimonatliche Bilanzen ver- öffentlichen werden; nur die Berliner Handelsgesellschaft schloß sich aus. Aber

wer kann Bilanzen lesen?

Nicht einer unter Zehntausend! lind dann weiß er noch lange nicht, ob die in der Bilanz als Aktiva aufgeführten Effekten voll ober unterroertig sind. (Sebr wahr.) Es wird imm'r darauf ankommen, daß das Publikum selbst sich schützt und nicht hohen §insen nachjagt Erwäg-'n aber sollte die Regierung den weiteren orschlag der Enquetekommisjion, ein Kontrollamt, eine Kom­mission für das Bankwesen einzurichten, mit der gesetzlichen Befugnis, jederzeit in den Status einer jeden Bant Einsicht zu nehmen. Populär wird eine solche Kommission ja nickt sein. Aber eS gilt, den ungesunden Auswüchsen des Börsen- wesens, den zweifelhaften und minderwertigen, diesen gemein- schädlichen Banken nut allen Mitteln zu Leibe zu geben; ba8 ist eine der wichtigsten Ausgaben der Gesetzgebung. (Beifall rechts.)

Abg. Hoch (Soz.):

Dir führen nicht Klage darüber, daß zu wenig sozialvolitische Gesetze eingebracht werden, sondern daß die berechtigten Be- sckwerden der Arbeiter dabei nickt berücksichtigt werden. Für den Bau von Kleinwohnungen werden nicht mehr vier Millionen, sondern in diesem Jahre nur zwei Millionen in den Etat em- gestellt, obgleich das Bedürfnis nachgewiesen ist und die gemein- nutzen Ballgesellschaften mit dem gekauften Gelände nun sitzen bl/iben; und das Zentrum, Herr v. Hertling, ist der erste, der erklärt für diese Zwecke ist kein Geld da! Tie Prwatangestellten ^ßt man warten, in Sachen der Sonntagsruhe bleibt es bei den ^Erwägungen, von der Konkurrenzklausel hört man 1 berhaupt nichts mehrt Unerhört ist das Vorgehen gegen die

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