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15.5.1911 Erstes Blatt
 
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Heer und Flotte.

Das Dienstjubiläam des Freiherrn v. d. Goltz,

Berlin, 14. Mai. Die gestrige Feier des 50jährigen Militär dienst jub iläums des Generalfeldmar­schalls Freiherrn v. d. Goltz wurde durch ein Morgen- tonzert verschiedener Militärkapellen eingeleitet. Der Kaiser sandte außer einer Kabinettsordre sein in Oel gemaltes Porträt, das ihn in der Uniform des .Grenadierregiments König Wil­helm I Nx. 3 in Königsberg darstellt. Der Sultan ehrte den Reorganisator der türkischen Armee in einem Handschreiben und durch Verleihung des Medschedschi-Ordens Erster Klasse mit Brillanten. Kaiser Franz Josef beglückwünschte den Ge- neralseldmarschall telegraphisch. Außer den Glückwünschen der Offizierkorps von Berlin, Eharlottcnburg und Königsberg trafen solche vom Kronprinzen, dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen und dem Prinzen Friedrich Leopold ein. Der Feier wohnten zahlreiche Abordnungen u. a. auch der türkischen Armee unter Führung des Obersten Hilni Bey bei. Diese Abordnung über­reichte ein Ehrengeschenk, das in Form einer etwa V/s Meter hohen, in Silber getriebenen Gruppe besteht. Im Namen der deutschen Instrukteure in türkischen Diensten wurde ein silbernes Ehrengeschenk überreicht, das eine türkische Moschee darstellt. Eine kostbare Ehrengabe überreichte eine Abordnung der in Berlin wohnenden argentinischen Offiziere.

jSDtnöett JFt'ohkeeine völlige Auflösung der Arvtee. In Iuarez wurde heute vormittag die große Uufregüng inti Hauptquartier Maderos bekannt. Orozco und Mdere verhandelten lebhaft wit Madero. Es wird ge- Nteldet, die Rebellen verlangten das Leben Navarros, welcher bei vielen Aufständischen wegen angeblicher Grausamkeiten in früheren Schlachten verhaßt ist. Außerdem wurde Ma- dero uni Geld ünd Nahrungsmittel für die völlig zerlumpten unb' hungerigen Soldaten angegangen. Madero war nicht imstande, die Forderung sofort zu erfüllen. Die Angelegen­heit wurde aber später beigelegt, da Madero versprach, den dringenden Bedürfnissen der Soldaten abzuhelfen.

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Ausland.

In Rom fand am Sonntag vormittag die Beerdigung Dr. Bachers- des am Freitag verswrbenen Korrespondenten der Frankfurter Zeitung", unter großer Beteiligung der deutschen Kolonie und deutscher und italienischer Journalisten statt. Unter den Anwesenden befanden sich der deutsche Botschaftsrat Prinz zu Stolberg,, der preußische Gesandte v. Mühlberg, der bayerische .Gesandte Freiherr von und zu der Tann, der Konsul Schnitzler, der Deputierte Maggiorno .Ferraris. Kränze der deut­schen Journalisten und des italienischen Prefsevereins und zahlreiche andere Blumenspenden schmückten den Sarg.

Die spanische .Abgeordnetenkammer genehmigte den bereits von dem Senat angenommenen Gesetzentwurf betreffend den obligatorischen Militärdienst.

Das jungtürkische Zentralkomitee erklärt in einer Depesche an die Partei der Jungtürken, daß das Zentralkomitee nach unparteiischer Prüfung der Parteidifferenzen feststellte, daß in der Partei keine grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten be­ständen. Tas Zentralkomitee beschloß, die Partei als einheitlichen Block zu betrachten und diejenigen Parteimitglieder auszuschließen, die darauf bestehen, andere Gruppen zu bilden. Tie sieben jung­türkischen Abgeordneten, die seinerzeit aus der Kammerpartei aus- geschieden sind, gründeten unter dem Namen Fortschrittsgruppe eine neue Fraktion/ welche die äußerste Linke der Ko­miteepartei bilden soll.

Aus Newyork wird gemeldet: Bei Carnegie fand am Samstag eine bemerkenswerte Feier des Teutsch-Ameri- tanertums statt. Carnegie wurde durch eine würdige Ver­tretung des amerikanischen Deutschtums eine Dankadresse für den in Deutschland gestifteten Heldenfonds überreicht. Die künstlerisch ausgeführte Adresse wurde Carnegie durch B. Ridder übergeben^ Carnegie feierte in einer .Ansprache die Tugenden der Deutschen, drückte seine Bewunderung für den Kaiser aus und betonte, sein erster deutscher Teilhaber, Klausmann, habe ihm geholfen, den Grundstein zu seinem Vermögen zu legen, deutsche Angestellte hätten sein Unternehmen gefördert und die ameri­kanischen Bürger teutonischer Abstammung sollten dahinwirken, Deutschland, England und America einander näher zu bringen.

In Johannesburg versuchten die aus ständig en Straßenbahnangestellten die Einstellung des Straßen­bahnverkehrs zu erzwingen. Tie Polizei machte von ihren Knüp­peln Gebrauch und säuberte die Straßen, wobei mehrere Personen verwundet wurden.

politische Lagesschau.

Die Stadtschultheihwahl in Stuttgart.

Die Hauptstadt des Königreichs Württemberg bleibt vor der eigenartigen Auszeichnung bewahrt, als erste der königlichen Residenz Deutschlands von einem roten Bürger­meister regiert zu werden. Der Einigungskandidat der Nationallioeralen, Konservativen und des Zentrums erhielt 13154, der dem revisionistischen Lager angehörigeGenosse" Dr. Lindemann 12 236, der volksparteiliche Oberbürger­meister Keck 3365. Stimmen. Bei der letzten Bürgeraus?-

die Mitgliedschaft beim Arbeitgeberschutzverband für das Fleische» gewerbe zu erwerben.

Diegel-Kassel spricht über den Ausbau des Ge­nossenschaftswesens zur Verwertung der Häute, ' des Fettes und anderer Nebenprodukte.

Ucbcr die Pflichten zur Fleischerei-Berufs- aenossen schäft verbreitet sich Gcwcrberat Falk- Mainz. Es sei bedauerlich, daß cs immer noch viel Unverständige gebe uns die Unfallverhütungsvorschriften vielsach nachlässig befolgt werden. Häufig werde versäumt, Unfälle und Veränderungen im Betriebe sofort zu melden, auch müßten die Lohnlisten und deren Zu­sammenstellung pünktlicher geschehen. Durch solche Nachlässigkeiten wird die Verwaltung sehr erschwert. Herr Falk teilt noch mit, daß im letzten Jahre die Fleisck>erei-Berufsgenossenschaft über 102 Millionen Mark Löhne und 1500 neue Betriebe bei dec Um­lage hereinbekommen hat. Es waren 1400 000 Mk. Beiträge einzuziehen. Trotzdem die Rentenzahlung sich gegen das Vor jahr um 60 000 Mk. erhöht, konnte der Ausschlag etwas er­mäßigt werden.

(Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Der Budgetausschuß des preußisch'en Abgeord- 1t eteuh'auses verhandelte über das Eisenbahnanbeihe- gesetz und bewilligte zur Beschaffung von Fahr­zeugen für neue Bahnen 8185000 Mk., für be­stehende .Staatsbahnen 82 Millionen Mark, für die Ein­richtung elektrischer Zugbeförderung auf den Strecken Magdeburg-Bitterfeld und Lauban-Königszelt 27 330000 Mark. Der Minister erklärte, die elektri­schen Linien stellten sich billiger als die mit Dämpf betriebenen.

Die -,Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Der Botschafter Graf v. Mirbach-Harff wurde zum Vortragenden Rat der politischen Abteilung des Auswärtigen Amts er­nannt. Ihn ersetzt ein zweiter Botschaftssekretär in Peters­burg v. Lucius und diesen ersetzt der Legationssekretär int Auswärtigen Amt Frhr. Ago v. Mal tza.hu.

Bremen, 13. Mai. Auf der Weserwerft fand heute der Stapellauf des kleinen KreuzersErsatz Bussard" statt. Der Oberbürgermeister von Magde­burg, Reimarus, hielt die Tauftede und schloß mit den Worten: Aus Befehl des Kaisers taufe ich dieses Schiff mit dem innigen Wunsche, es möge seine Ausgabe ersullen zur Zuftiedenheit unseres Allerhöchsten Herrn, zur Ehre des Deutschen Reiches und zum Stolze unserer Stadt auf den NamenMagdeburg". Als Vertreter des Staatssekre­tärs des Reichsmarineamts war zugegen der Direktor des Werstdepartements des Reichsmarineamts Vizeadmiral Dick. Der Stapellauf ging unter den Hochrufen der Zuschauer glatt von statten.

Deutsche Kolonie«.

Windhuk, 13. Mai. Auf dem d e ut s ch-s üd w e st - afrikanilchen Farmertag kam cs zu einer Spaltung. Zehn Delegierte, die sich durch die Handhabung der Statuten durch den bisherigen Vorsitzenden Erdmann verletzt fühlten, ver­ließen die Sitzung und beraumten eine neue Sitzung an, in der sie mit neun Stimmen Gustav Voigt zum Vorsitzenden wählten. Drei Vereine verblieben bei Erdmann. Der Bundesausschuß ernannte Tr. Rohrbach zum .Vertrauensmann des Bundes.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 15. Mai 1911.

** Landtagsabg. Dr. Gutfleisch hat, wie uns aus Darmstadt kurz vor Redaktionsschluß telegraphisch gemeldet wird, sein Landtagsmandat aus Gesundheitsrücksichten niedergelegt.

Damit steht die Stadt Gießen vor einer Landtagsneu­wahl, die von den int Jahre 1908 gewählten Wahlmännern zu erfolgen hat.

*' In Audienz empfangen wurde vom Groß­herzog am Samstag u. a. Postdirektor Becker von Friedberg.

* Erledigte Lehrerstellen. Die mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle zu Hesselbach. Das Präsentationsrecht steht dem Grafen zu Erbach-Fürstenau zu. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem In­haber der Stelle kann eine besondere Ortszulage gewährt werden.

* Eine Kreislehrerkonferenz findet am 24. Mai auf der Liebigshöhe statt.

** Sechzigerfeier. Am Samstag abend hielten die diesjährigen Sechziger eine Besprechung ab, in der beschlossen wurde, die Sechzigerfeier im Juni d. Js. zu begehen. Unter anderem soll am zweiten Tage eine Familienfeier stattfinden, ähnlich wie bei der Fünfzigerfeier.

** Unser Regiment ist heute vormittag nach dem Truppenübungsplatz bei Darmstadt abgerückt, wo es 14 Tage verbleibt.

** Hassia-Bezirkstag. Aus Anlaß des gestrigeil Hassia-Bezirkstages war der Saal zumFelsenkeller" von den Ver­tretern der 38 Kriegervereine des Bezirks stark besetzt. Ter Be­zirksvorsteher Lehrer Daab-Lollar gedachte der 40jädrigen. Friedenszeit unseres Vaterlandes, der Aufrichtung der dcutscyeu Einheit und des Aufschwungs des Deutschtums int In- und Aus­land. Dem Kaiser galt sein Hoch. Nach dem Jahresbericht zählt der Bezirk in 38 Vereinen 2610 ordentliche und 168 außcroibeul- liche Mitglieder, die Vereine haben ein Kapital von 21 611 Mk. und einen Jnventarwert von 18 247 Mk. Au Uuterilützuitgen, Sterbegeld u. bergt wurden von den Vereinen im abgclauicncn Jahr 1438 Mk. bezahlt, seit Bestehen der Vereine 57 510 Mk. Es wurden 2037 Hassiakalender abgesetzt. Tie Vereine oes Be­zirks zahlten an den Verband 512 Mk., erhielten aber an Boni lilationen 825 Mk., Unterstützungen für Kameraden 790 Ml., für Konfirmanden 120 Mk., im ganzen 1725 Mk. Das SammU- rocrt müssen manche Vereine noch besser pflegen. Wichtige Er­eignisse im Vereinsjahr waren der Kaiserbesuch in Gießen, an dem 12 Vereine teilnahmen, die Beerdigung des Präsidenten der Hassia, General .Hof, und der Veteranen-Appell in Tarmsiadl. Tann wurde in die Beratung der Anträge für den 33er- trctertag in Friedberg eingetreten. Ter Antrag: Neu­regelung der Bezüge der Abgeordneten für die Mitgliederver­sammlung fand Zustimmung, ebenso die Hassialotterie für Herbst 1911, der Antrag Lauterbach-Schlitz hinsichtlich der Veranstal­tung von Reisen zu den Schlachtfeldern jedoch ohne Führung eines Präsidialmitgliedes und der Antrag des Bezirks Vilbel, den Veteranen aus Anlaß der 40jährigen Wiederkehr der Neichs- grünbung eine Denkmünze zu stiften. Hierzu wurde von den Kameraden Hansel und Gabriel-Gießen der Antrag gestellt: Es soll für das Großherzogtum ähnlich wie am 10. Mai in Frankfurt zum Besten der Kriegsveteranen e i n K o r n - Hum en tag unter dem Protektorat des Großherzogs abgehalten | werden. Lebhaft besprochen wurde die Stellungnahme des Ver­bandes zu Vereinigungen, die, wie der Verein ehemaliger 116er, in einer größeren Anzahl von Orten des Landes Mitglieder be-^ sitzen. Die Meinungen waren hierüber sehr geteilt, mehrere^ Redner halten die Neugründung für eine Schädigung der be­stehenden Kriegervereine. Der Krieger- und Militärverein Hassia zu Bad-Nauheim richtet an das Präsidium die Bitte, künftig bei. politischen Wahlen von einem Eingreifen in der Tagespreise" abzusehen. Dieser Antrag fand einmütige Zustimmung, auch das Versenden von Flugblättern wurde mißbilligt. Der Antrags Mainz betreffs Lichtbildervorträge wurde nicht befürwortet. Da-i gegen fand der Antrag Groß-Gerau betreffs Unterstützung einestz beim Böllerschüßen verunglückten Kameraden, der den Arm verft lor, lebhafte Zustimmung. Als Vertreter für den Hassialag.- wurden Lehrer Daab-Lollar und Bürgermeister Lemr-Grosjeuliuden; gewählt. Ter Bezirk beschloß, dem Roten Kreuz mit einem' Jahresbeitrag von vorerst 10 Mark beizutreten, für Graber- > schmückung der gefallenen Krieger wurde ein Jahresbeitrag von! 10 Mark genehmigt. Für 25iährige Vereinstätigkeil int Vor­stand wurde Joh. Horrmann-Mainzlar eine Ehrentafel übergeben. Tas Bezirkslriegerfest findet am 9. und 10. Juli in Großen- Linden statt. Hinsichtlich der Veteranenehrung durch die Vereine und Gemeinden des Bezirks wurde fe|tgefteUt, daß zahl reiche Gemeinden und Vereine die Kriegsteilnehmer durch Geld­geschenke und Ehrentafeln geehrt haben, während es auch Ge­meinden gibt, die nichts für die Veteranen getan haben. Hinsicht lich der Jugendpflege und Rekrutenfürsorge wurde auf ein Zu­sammengehen mit den Turnvereinen der deutschen Turnerschasc hiugewiesen. Ter Vorsitzende schwß die Tagung mit einem Hock auf den Großherzog.

** Selbstmord. In seiner Wohnung in der Kaiser-Alle: im Bett tot aufgefunden wurde gestern der Student K o b - ligk aus Altona. Derselbe hatte sich in der Nacht vorher durck Einatmen giftiger Siäure erstickt. Das Motiv zur Tal ist nicht bekannt.

** Gefunden. Das am Samstag als vecmilzt gemeldet: Dienstmädchen hat sich in seiner Heimat int Elternhause ein- gesunden. Anscheinend war bei ihm eine plötzliche Geistesstörung eingetreten.

** Brände. Am verflossenen Samstag entitand in einem unverschlossenen Schuppen am Selters weg, w welchem Packmaterial und Gerümpel lagerten, Feuer. Nachbarn löschten es ab und verhinderten so ein Umsichgreifen. Tie ent- ftehungsursache ist nicht bekannt. Die Feuerwehr alarmiert: gestern morgen gegen 8V2 Uhr; es brannte die an der Lahn ge­legene Eishalle von Sch mall. Das Feuer wurde rasch ao gelöscht, die große Eishalle blieb unversehrt. Was die ümt ftehungsursache anbelangt, so wird vermutet, daß Arbeiter ge­raucht und so in fahrlässiger Weise den Brand verursachten, ftdock bedarf diese Annahme noch der näheren Ausklärung.

** Zu dem Vortragsbencht in Nr. 111 treibt un* Oberst a. D. Spohr: In dem, im ganzen zutreffend gehaltener Bericht über meinen Vortrag finden sich einige Irrtümer, W Mcht jm 83. Lebensjahre, sondern fest 2 Monaten im 84, Zeile 1.-

schüßwähk int Dezember 1910 hatten es die Nationalliberalen auf 6565, die Volkspartei auf 4131, die Konservativen auf 1864 und das Zenftum auf 1377, die bürgerlichen Parteien insgesamt also auf 13 937 Stimmen gebracht, während sie jetzt 16519 erreichten. Das ist ein Zuwachs von 2682 Stim­men, während der sozialdemokratische Zuwachs nur 2020 Stimmen beträgt. Das Hauptinteresse gebührt dem Ver­halten der Sozialdemokratie. Bei den Genossen hatte die Kandidatur Lindemann einen förmlichen Aufruhr erregt, weil dieser revisionistische Akademiker kaltlächelnd erklärt hatte, er denke Nicht daran, als Stuttgarter Oberbürger­meister sich an die Weisungen seiner Partei zu kehren. Das und noch mehr die Bereitwilligkeit Lindemanns zur Hofgängerei" hätte wieder einmal einen Hauptskandal zwi­schen Radikalen und Revisionisten, zwischen Nord und Süd gegeben, .wenn nicht ein gnädiges Geschick an der Sozial­demokratie diesen Kelch noch einmal hätte vorübergehen assen. DieBerliner" mögen erleichtert aufatmen, nun die Akten über dieAffäre Lindemann" geschlossen werden können.

_ Der württembergische Staatsanzeiger veröffentlicht eine Besprechung des Wahlergebnisses, aus der heroorgeht, daß die Regierung die Wahl des Sozialdemokraten nicht bestätigt haben würde:

Ter Sieg, den Stuttgarts Bürgerschaft errungen hat, ist hoch­erfreulich. Er hat den politischen Ruf der württembergischen Hauptstadt gerettet und diesozialdemokratischeMassen- herrschaft zurückgewiesen, sowie das Land vor weiterer aufwiegelnder Agitation bewahrt und gewährt der Haupt- und Residenzstadt eine ruhige Entwicklung unter Leitung eines tüch­tigen, tatkräftigen, besonnenen Mannes. Es wird der Bürger­schaft überall zum Ruhme angerechnet werden, daß sie ihre Sache nicht auf einen Eingriff der Staatsregierung und Krone und auf unabsehbare Wirrnisse eines wiederholten Wahlganges gestellt, sondern mit Tatkraft und .ßntfdjloffen* Heck selbst in die Hand genommen hat.

25. Bezirkstag der BrMrveremr beider Hessen und Nassau der veujchen zieijcher-verbander.

th. Gießen, 15. Mai.

Aus Hessen-Nassau, Hessen und Wetzlar waren gestern die Fleischermeister hierher zu ihrem Bezirkstag gekommen. Viele Häuser hatten zu Ehren der Gäste Flaggenschmuck angelegt.

Nach dem Empfang am Bahnhof war im Hotel Großherzog von Hessen Konzert und Frühschoppen.

In Steins Garten fanden sich dann nachmittags gegen 500 Teilnehmer zur Beratung ein. Obermeister Sack-Gießen hieß sie herzlich wülkommen, worauf der Vorsitzende des Bezirks, Ober­meister L a u tz - Darmstadt, die Vertreter der Behörden, derHan- delstammer, des Gießener Gewerbevereins, Schlachthofsdirektor Modde, Kreisveterinärarzt Dr. Knell und die Vertreter von Baden und des Gesellen-Ausschusses begrüßte. Er erstattete dann den Jahresbericht, in dem er ausführte, daß das Fleischerhandwerk schwer unter der Ungunst der Verhältnisse leide. Für den Fort­fall des Oktrois habe das Gewerbe erhöhte Schlachtgebühren über­nommen, wozu noch das Steigen aller Lebensbedürfnisse und das Wachsen der Spesen und Unkosten im Gewerbe komme. Die Preise für Schlachtvieh seien außerordentlich hoch und dadurch seien die Fleischpreise zu einer Höhe gestiegen, bei der für viele die Möglichkeit aufhört, überhaupt Fleisch zu kaufen.

Die Grenzöffnung für französisches Schlachtvieh, wodurch gutes Fleisch zugeführt wurde, hat nur kurze Zeit bestanden. Zwar wurde der Preis für Schlachtvieh hierdurch nicht gemindert, aber die Einfuhr von Rindvieh aus Frankreich, die förmlich Dom deutschen Markt verschlangen wurde, sorgte wenigstens dafür, daß die Preise nicht noch mehr anzogen. Der Vorsitzende gedachte der Tatsache, daß der Bezirk heute seine 25. Tagung begeht. Er schlage deshalb vor, den Vorsitzenden, der den ersten Bezirkstag geleitet hat, Karl Marx aus Frankfurt a. M., zum Ehrenmitglied des Vereins zu ernennen. Tie Versammlung nahm diesen Antrag an.

Regierungsrat Langer mann entschuldigte das Fernbleiben des Proviiizialdirektors; er wünschte den Beratungen guten Ver­lauf und Erfolg, zum Segen des Handwerks. Beigeordneter« Keller heißt die Versammlung namens der Stadt herzlich will­kommen. Er lud die Anwesenden ein, die neue Schlachthofanlage zu besichtigen. Es sprachen noch Kreisveterinärarzt Dr. Knell, Bauunternehmer S a m e s - Darmstadt als Vertreter der Hand­werkskammer, K och- Heidelberg und Stadtv. Petri- Gießen na­mens des Gewerbevereins. Marx-Frankfurt a. M. dankte für die ihm zuteil gewordene Ehrung. Hierauf wurde in die Ver­handlungen eingetreten. Gewerberat Falk- Mainz sprach über die Fürsorge für die gewerbliche Ingend.

Er wandte sich u. a. gegen die einseitige Art, wie die Sozial­demokratie vorgehe auf diesem Gebiet. In Staat und Gemeinden feien Bestrebungen für Jugendfürsorge im Gange, die der Unter­stützung aller Kreise wert feien. Den jungen Leuten)fe Ge­legenheit gegeben werden, in ihrer freien Zeit Erholung zu finden durch gute Bücher, Jugendspiele, Gründung von Lehrlings­heimen usw. Zwar können die deutschen Fleischer über ihren jungen Nachwuchs nicht klagen, weil bei ihnen der Lehrling im Hause und in der Familie des Meisters heranwächst, aber trotz­dem sei die Mahnung am Platze, die Augen offen zu halten. Es sei Pflicht, alle Bestrebungen, die das Wohl der Jugend for­dern wollen, zu unterstützen.

Obermeister Schwarz- Fulda spricht über Ueoernahme der Fleischbeschau kosten durch denStaat. Cw verweist darauf, daß der Deutsche Fleifcherverband bei der Reichsregierung dieserhalb Anträge gestellt und der Reichstag bat sich zustimmend geäußert. Die Regierung hat sich ablehnend verhallen; sie erklärt, es fehle an Mitteln, auch sei es Tradition, daß diese Kosten von den Fleischern getragen werden. Die Forderung, daß die Kosten von der Allgemeinheit aufgebracht werden, sei gerecht und billig, denn nur in berem Interesse werde die Fleischbeschau ausgeubt, nicht aber im Interesse des Fleischergewerbes.

Der Bezirkstag erklärt sich einstimmig damit einveritanden, abermals bei der Reichsregierung und dem Reichstag vorstellig zu werden. 1 . - ,

Heber die Fleisch Verteuerung berichtete Koch- Frankfurt a. M. Es sei nicht möglich, durch Ausschaltung des Zwischenhandels billige Fleischpreise zu erlangen. Es sei un­wahr, daß die Fleischer willUirlich die Preise hochhalten. Augen­blicklich seien die Viehpreise so hoch, daß von einem Nutzen nicht geredet werden könne. Das Fleischergewerbe hätte kein Jnterejie an hohen Fleischpreisen. Es sei am besten, wenn das rtleilch zu mäßigen Preisen zu verkauspn sei, da dann der Bedars viel größer sei. Der Redner empfiehlt nachstehende Entschließung, die einstimmig Annahme findet:

Das Metzgergewerbe leidet unter der leit mehreren Zähren andauernden Steigerung der Viehpreise auf das alleräußerste. Der an sich auf das allergeringste Maß eingeschränUe Verdienst wird durch den, durch die hohen Fleischpreife bedingten Rückgang des Konsums noch mehr herabgemindert. Dieser, Rückgang im Verbrauch eines der wichtigsten Lebensrnittel mutz unabroetäbar zu einer Unterernährung weiter Volks kreise führen, die bei der sowieso verteuerten Lebenshaltung um so bedenklicher ericheint. Das Metzgergewerbe sieht mit banger Sorge in die Zukunft, nicht nur wegen der Existenz seiner Berufs genoss en und um des bedrohten Bestandes des ganzen Metzgerhandwerkes, lonbeni mehr noch wegen des Wohlergehens dss deutschen Vaterlandes, daß durch die steigende Unzufriedenheit trreiter Kreise einer inneren Krisis entgegengeführt wird.

Obermeister Jung-Frankfurt a. M. verbreitete sich über den Arbeitgeberschutzverband für das F1 eischerge- werbe, ohne den es nicht möglich sei, dem Andringen berui den Gewerkschaften organisierten Gesellen entgegen zu treten, -ycan verlange Tarifverträge und stelle dabei die Bedingung, daß allein die Gewerkschaft den Arbeitsnachweis in die Hände bekommt. Tie Mehrheit der Gesellen steht mit dest Meistern in dteiem Kampf gegen &£ Gewerkschaft zusammen. S>e$ Redner MPfteW