Ausgabe 
23.10.1911 Erstes Blatt
 
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Nr. 249

Ter «ietzenrr Anzeiger crscheinl täglich, außer Eonntagi. Beilagen: viermal wöchentlich «iehenerÄomilienblötter; iioennal wudientLKrtis» blatt (ürbtnKteH (Sieben (Tienätagunb fVreitan); zweimal mönotl- £anö« wirtichastliche Seitfragen rnipredi - 'llnidjlüffe: fiir bie fHebaftion 112, Verlag u. Expedition 51 Wb reffe für Tcveschcnr «nzeiger «fcßen.

Unuchme von Anzeigen t Die lanesmimmer tvi vormittags 9 Uhr.

M Jahrgang

Erstes Blatt

Montag, 25. Oktober M

VezngSpreiS: monatlich75Bt., viertel- jährlich Alk. 2.20: durch Wbholc- u. Zweigstellen monatlich 65 i:i.; Durch die Bost oiertcl-

jdbrL auSschl. Bettellg. Zeilenvreiü: lokal läPf^ anoivartS 20 Pfennig.

hesredakleur: A- d^oetz. Bcrantivortlich für ben politischen Teil: Slugiift General-Anzeiger für Gberheisen DDMI Rotationsörui! und Verlag der vrübl'schen Univ.-Vuch- und Sleindruckerei N. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schnlstraße 7. Lanb-'E.Hest-^ur'b«, vüdingen: Zernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a. Anzeigenteil: H. Beck.

Dte heutige Nummer umsafzt 10 Seiten,

ürkische Truppen und Araber unter Scheich Abdul

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das des

Zeichen des von Baden herüberwirkenden Großblocks aber sann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Sozialdemo- iratie die Liberalen bei Stichwahlen gegen das Zentrum unterstützt und umgekehrt. Liberale und Demokraten haben ein festes Wahlabtornmen abgeschlossen und der liberale Landesverband hat den Demokraten, die im letzten Landes­ansschuß überhaupt keine Vertretung befaßen, fünf aus­sichtsreiche Wahlkreise überlassen, während in nahezu sämt­lichen Wahlkreisen die Demokratie sich zu einer Unter­stützung des Liberalismus verpflichtet hat.

trat Tromm.

Tic Ergebnisse bis 3all Uhr nachts lauten: 19 Zentrum, 7 Sozialdemokraten, 7 lothringischer Block und 2 Liberale end­gültig gewählt. In Meh stehen 2 Liberale, in Bifchweiler 1 unabhängiger Fortschrittler, m Mülhausen 3 Demokraten und in Straßburg 3 Liberale uuü 2 Demokraten in aussichts­reicher Stichwahl. Zn den meisten übrigen Wahlkreisen haben die Sozialdemokraten Stick)wahlchancen. Lothring en sind größtenteils klerikale Blocktandidaten, in den übrigen Bezirken Zentrumskandidaten gewählt.

Der italienifd)4ürtijd)e Krieg.

Gefechte bei Ben Chasi.

sind bereits gemeldet. Trotz der überstandenen Mühen ist der Geist der Truppen sehr gehoben und ihr Gesundheitszustand auS- ^^".Giornal d Italia" schreibt über den Kampf bei Ben Gvasi: Tie Türlen und Araber halten sehr schwere Verluste, denn die Ztaliener zeigten sich, trovdein sie durch dic^ schwierige Landung sehr ermüdet waren, als mbige und sichere «schützen, andererseits war die Wirkung des türkischen Feuers nur eine begrenzte, so daß die Verluste der Italiener weniger schwer waren. Jin Kample geiallen ist von den Offizieren der Fähnrich zur Lee Bianco. Unter den Verwundeten besindet sich der Fregatteniapttan Frank, der zweite Kommandant eines Kriegsschisses, der trog einer-Lchutz- wunde die Matrosen weiter zum Angriff vorsührte.

ft o n st a n t i n o p e 1, 22. Okt. Nachrichten, die im Ministe­rium des Innern eingegangcn sind, melden eine schwere Niederlage der Italiener bei Bcnghasi, die durch

Vie Revolution in China.

Peking, 21. Okt. Hier ist ein Telegramm ein­gelaufen, daß der Zamen des Bizekönigs Tsinan- su ungefähr 160 Meilen südlich von Tientsin ab­gebrannt sei.

Amerikanische ^Missionare in der Provinz Tschili wur­den von Studenten warnend darauf hingewiesen, daß mor­gen in der Nähe von Peking eine revolutio­näre Bewegung zu erwarten ist. Bemerkenswert ist, daß ähnliche Warnungen den Missionaren in Wulschang zugegangen sind, b e v o r der Aufstand dort ausbrach. Kon­sularberichte aus Ztschang, das mehrere Tage isoliert war, bestätigen die Nachricht, daß sich die Stadt in den Händen der Aufständischen befindet.

Die Lage in Hankan.

öanfau, 21. Okt. Gegenwärtig herrscht in H an­kau Ruhe. Unter den Streitkräften der Aufständischen

Rom, 21. Okt. (Agencia Stesani.) Ein Radiotclegramm, heute abend von dem General Briocola, dem Kommandanten Expeditionskorps in Eyrenaika eingelaufen ist, meldet: In der N a cht v o m 19. zum 20. Oktober wurden bie it al i e- nischenTruppeninBenghasivonBeduinenmehr- m a ls angegriffen. Tie Stadt wurde morgens am 20. Okt. besetzt. Nachmittags machten die Beduinen einen Angriff auf das Torf Sabri; sie wurden zurückgeschlagen. Tie an Land gelebten Truppen sind letzt um Benghasi geiammelt, sie verließen den Strand bei Giuliana, wo die Ausschiffung der Truppen stattge-

Tie Ergebnisse.

S t r a ß b u r g , 22. Okt. Nach den bis 11 Uhr 30 Min. vorliegenden Meldungen über die heute in Elsaß-Lothringen zum ersten Male auf Grund der neuen Verfassung bei ganz ußerordentlich reger Beteiligung borge- ommenenWahlen zur Zweites K ammer sind gewählt:

2 Liberale, 19 Kandidaten des Zentrums, darunter Wetters, Pfleger und Gilliot, die eigentlich zu den Nationalisten zählen, 5 Sozialdemokraten, 9 Kandidaten des Lothringer Blocks und ein unabhängiger Agrarier. Nachwahlen haben, foweir bis jetzt bekannt ist, in 24 Wahlkreisen stattzusinden, bei denen u. a. auch die beiden Führer der Liberalen, Gebrüder Wolf, in Betracht kommen. Ter Nationalist Blumenthal kommt in eine ungünstige Nach­wahl, ebenso der Zetttrumskandidat Laugel. Von bekannten rühereu Landesausschußabgeordneteu sind außer den be­reits genannten wiedergewählt vom Zentrum Romey, Labroife, Tr. Schott, Wiltberger, Telsor und Hauß, vom Lorhringer Block Pierson, Weber-Bolchen, Bourger, Labrotse oivic von den Sozialdemokraten Emmel, Bohle und Peirotes.

DerBerliner Lokalanzeiger" meldet noch: Tie Wahlbeteili­gung war äußerst rege. Man rechnet in einzelnen Wahlkrctien aus eine Beteiligung bi» zu 80 Prozent. Tie Liberalen uns Demo­kraten fommcii in tast allen Wahlkreisen in die Stichwahl, die am nächsten Sonntag slatlsindet. In Straßburg wurden zwei Sozialdemokraten gewählt, Boe hie und Peirotes. Tic vier übrigen Straf bitt ter Mandat i find noch ausständig. Im Wahltrrise Hagenau i|t die Wahl des Zcnlrumskandidalen Hau ß gesichert; in S ch l e t l st a d t wurde der Zentrumskandidat Tr. P f l e g c r, in S a a r g c m ü n d H o e n (Ztr.) und im Wahl­kreise Er |tcin - Benfeld der Zentrumskandidat Gilliot gegen den liberalen Kandidaten Joeger und den Sozialdemokraten Ziegler, glatt gewählt. In Niedcrbronn wurde der Unab­hängige Tr. Michel gegen den Sozialdemokraten Renner ge­wählt. In Mül haus en-Land erlangte Dr. «pahn jun. 1824 Stimmen, in Mülhausen-Stadt I siegte der lozml- demokratische Zieichstagsabgeordtteie Emmel mit 3188 Stimmen; der Liberale Di e m e r - Heilmann errang nur 583 und der Zen­trumskandidat Spalter 258 Stimmen. In Mülhausen II blieb ebenfalls der Sozialdemokrat Schilltg mit 3094 Stimmen gegen Liberal und Zentrum Sieger; in Mülhausen III findet eine 9t achwahl statt. Tie meisten Stimmen erhielt der Derno-

Die Wahlen in Elsaß Lothringen.

Tas erst vor 40 Jahren eroberte Reichsland nennt seil Frühsahr 1911 eine Verfassung sein eigen, um die es, namenl lich hinsichtlich des Wahlrechts, der Wahlordnung und der Wahlkreiseinteilung, mancher deutsche Bundesstaat be­neiden konnte. Vor allem hinsichtlich des Retchstagswahl rechts, das in Elsaß-Lothringen fast vollständig eingefuhrt ist, während das alte Preußen noch darum kämpfen muß, und in den rückständigsten aller deutschen Bundesstaaten, den beiden Mecklenburgs, überhaupt erst davon die Rede ist, das uralte ständische Wahlrecht in ein weniger ständisches umzusormen. Schon aus diesem Grunde bedeuten die am Sonntag in den Reichslanden abgehaltenen ersten Wahlen unter dem neuen Wahlrecht ein historisch-politisches Ereig­nis ersten Ranges, dessen Bedeutung noch dadurch erhöht wird, daß man auf Grund der Wahlaussälle in Elsaß- Lothringen, allerdings wohl erst nach den Nachwahlen am 29. Oktober, in der Lage fein wird, Schlüsse zu ziehen auf 'den Ausfall der kommeiiden Reichstagsneuwahlen, zum min» besten da cs Konservative im Voaefenlande nicht gibt hinsichtlich des Verlustkontos des Zentrums.

Ta Elsaß-Lothringen vorwiegend katholisch ist, hat dort das Zentrum einen ganz vorzüglichen Nährboden. Ter jetzt sterbende Reichstag verzeichnete unter den 15 Adge- ordneten Elsaß-Lothringens zwei Anhänger des Reichs- Zentrums, sieben des Zentrums speziell elsässischer Färbung und drei unabhängige Lothringer, die dis auf den liberalen Abgeordneien Grögoire in saft allen Fällen mit dem Zentrum stimmten, während es die Reichspartei nur auf ein, £ic Sozialdemokratie nur auf zwei Mandate brachte. Und in dem jetzt selig entschlafenen Landesausschuß war die Macht des Zentrums in allen seinen partikularistischen Schattierungen womöglich noch größer.

Als nun die clsaß lotdringiiche Verfassungsreform zu­stande kam, erfuhr das Zentrum, das dazu Beihilfe ge­leistet hatte, in den Kreisen seiner elsässischen und loth­ringischen Mitläufer mannigfachen Widerspruch; es ließ es sich daher angelegen fein, unter Führung des bis» hörigen Demokraten Blumenthal einen National- bunb (natürlich sranzhfischer oder wenigstens reichslän- bischer Färbung- zu gründen, der die mit der neuen Ver­fassung unzufriedenen Elemente an sich locken sollte, wäh­rend es andererseits selbst die Angel nach den unabhängigen Lothringern auswarf. Das erste, das wohl nur dazu be­stimmt war, die Wähler von der Reichsfinanzreform ab- nilcufen, brachte es mit sich, daß im Zentrum scharfe Differenzen zwischen Einheimischen und Mtdeutschen, also Zugewanderten, ausbrachen. Ein Wahlabkommen zwischen Zentrum und unabhängigen Lothringern aber, wie es das Zeiitrum un Auge hatte, wurde durch das Dazwifchentreten des liberalen Blockes (Rationalliverale und Fortschrittler) verhütet, wobei die oben erwähnte Spaltung im Zentrum eine nicht geringe Rolle spielte. Mit der Sozialdemo - fratic, die in allen 60 Wahlkreisen Kandidaten ausge­stellt hat, ist kein festes Wahlabkommen seitens der Natio- nalliberalcn und Demokraten vereinbart worden. Im

Asis überfallen wurden. Die Verluste der Italiener s o 11 c n 8 0 0 M a n n , die der T ü r k c n 115 betragen. Die Italiener ließen bei der Flucht viele Waffen und Munition auf dem Schlachtseldc. In Benghasi herrscht unter den Italienern Disziplinlosigkeit.

Ein von den Italienern beschlagnahmter Tampser.

Konstanlino pcl, 21. Olt. Tcr von ben Italienern beschlagnahmte und durch eine türkische Gesellsä-ast ge­wartete englische DampferNew a", welcher samt der Ladung freigelasscn wurde, traf gestern in Prevesa ein. Nach Aussage des Kapitäns fon fixierten dieItakiener 13 2 ft i ft c n Munition, 7 Gewehre und Gendarmerie­uniformen. An Bord des Tampfers befanden sich 112 Soldaten, 7 Offiziere, ein Zivilkaimakan samt Familie und 7 Zivilisten, welcüe sämtlich gefangen genommen und zunächst nach Tarent, später nach Malta gebracht wurden.

Ter deutsche Rat an die Psorte.

Entgegen den Irrtümern auswärtiger und deutscher Blätter stellt dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" fest, daß Freiherr v. M a r i ch a 11 die Pforte zu einem möglichst raschen Frie­de n s s ch 1 u ß unter bedingungslosem Verzicht aus Tripolis nicht gedrängt habe. Er besckiräuktc sich darauf, die Absichten der Pforte zu erkunden und Mitteilungen entgegenzunehmen. Unter diesen Mitteilungen befanben sich Wünsche wegen Vermitt­lung, worauf der Botschafter, da keine posilioen Vorschläge der Pforte zugrunde lagen, noch nicht eingehen konnte,

Tas Bombardement von Homs.

Tripolis, 22. Olt. Turch das Bombardement von Homs ist von den Einwohnern niemand getötet worden. Morgens war die Ilaltenische Flagge auf der Zitadelle gehißt. Im Lause des TogeS wurden Truppen mit Kriegsmaterial auSgeschifft. 400 Personen, darunter ausgewieiene Ucberlnufer, Kriegsgefangene und das Per­sonal des Noten Kreuzes, verließen Homs auf einem Dampfer. Hauptmann Parazzini (unternahm mit feinem Flugschiff einen Flug. Gleich bei der ersten Landung wurde der Motor mit Sand bedeckt und ist unbrauchbar geworden, so daß er zur Reinigung abmontiert werden mußte. Parazzini kam zu dem Schluß, daß die Verwendung von Flugzeugen wegen des Sandes unmöglich ist.

funben hat. Kriegsmaterial wurde im Hafen von Benghafi aus- gefchifff. Tie feindlichen Streitkräfte bestanden am 19. und 20. Okt. außer den türkischen Truppen aus wenigstens 2000 Be­duinen. Man glaubt, daß bie türkischen Truppen mit 12 Ka­nonen sich auf bie Hochebene zurückgezogen haben. Tic Verluste der Türken werben auf wenigstens 200 Tote unb eine große Anzahl Verletzte geschätzt. Von den italienischen Land- tnippen sind 7 Offiziere und 54 Mann verwundet; ein Unteroffizier, zwei Korporale und 13 Sol­daten wurden getötet. Tie Verluste der Marine

die Kunst ausstellt.

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freilich eine Schuld in der äußerlichen Sensationsgier vieler Hörer wie in der einseitigen Methode mancher unserer Klavier-Handarbeits-Kurse" vulgo Konservatorien! Doch hierüber vielleicht ein andermal mehr. Freuen nnr uns heute, daß wir hier Kräfte besitzen, denen die Technik nicht Selbstzweck, sondern Grundlage zu künstlerischem Aufbauen ist. Auf die weiteren diechäyrigen Konzerte unseres Ver­eins sind wir nach diesem vielversprechenden Anfang sehr gespannt und wir wünschen, daß unser Publikum durch fortdauernd rege Teilnahme sich einReifezeugnis" für

einer Wanderung"- wollen wir mit dem Künstler nicht rechten: es ist dies übemviegend Geschmackssache. Dem Tempo desHochzeitsliedes" war die Sprechtechnik des Sängers nicht ganz gewachsen. Tas Publikum war dankbar und errang sich eine hübsche Tareingabe. Herr Prof. Traut- mann, der mit Ausnahme der Bachschen Sonate den ganzen Mend über mitzmvirken hatte, bewahrte sich als hervor­ragender Klavierspieler und, was mehr und seltener ist, als feinsinniger unb verständnisvoller Begleirer. Wie man­chen Klavier-Arrobaten horten wir schon, oer das Paraderoß einer Liizffchen Rhapsodie gewaltig zu tummeln wußte, aber als Begleiter tlagüch aus dem Sattel sank. Hier liegt

Gießener Stabtt Heater: Tie Haubenlerche. Wilbenbruchs füßliches unb wenig glaubhaftes Schauspiel von Der Haubenlerche, bas sich mit psychologischen Begrünbungen nicht lange aufhält unb bie Menschen so formt, wie sie jedesmal ge­braucht werben, halle gestern wieber einen starken Erfolg. Tie knalligen Effekte rissen nut, zwischen Lachen unb Weinen schwankte bie Wage, unb jeber Aufzug endigte unter lebhaftem Beifall. Glücklicherweise war ber Schluß des Werkes klug gekürzt. Tie Aufführung unter Herrn Bakofs Leitung war flott und flüssig. Frieda b e Bruyn spielte bie Titelrolle unb sie spielte sie so, baß man bie Unnatur bieses Mädchens weniger empfanb. Rührend und unschulbsvoll, voll munterer Lebendigieit unb Daseinslust, scheu unb verwirrt war sie, unb ihre temperamentvolle Tarsteilung wuchs im letzten Aufzug, als all Die emgebärnrnte Verzweiflung machtvoll losdrichl, zu einer überzeugenden Wucht heran. Herr Kaiser fanb für Die gewagte Lchattenffgur des August echte, warme Herztöne und hauchte ihr bas vom Dichter vergessene Leben ein. John Rappeport spielte ben Luftikus Hermann mit famoser Unverfrorenheit unb war im letzten Aufzug von einer ganz cerblüffenben Lebensechtheit. Mila be la Ehape11 e wahrte als Juliane ihre schlichte Würde. Hermann Norden verkorverte ben Ale Schmalenbach mit prächtiger Natürlichkeit und bot eine glücklich beobachtete Figur aus ben£ Volk'. In den kleinen Rollen bes Bültgesellen und ber Fran Schmalenbach gaben Herr Grosser und Fräulein Scholz zwei kleine, aber feine Eharakterstubien. ü.

Süsses Begräbnis" undHock-zeitslied", Schubert

Gietzener Aonzerwerein.

1. Konzert: ttammermufitabend.

Gießen, 22. Oktober.

Tie Zeiten liebevollster und allgemeinster Musikpflege bevorzugten die Kammermusik; leider haben jetzt unsere großen Herren meist anderes zu tun, als an jenen idyllischen Tagen, wo ein gutes Hausorchester selbstverständlicher Luxus und Bestandteil vornehmen Lebensgenusses war. Mögen heute die breiteren Schichten unseres Volkes an die Stelle jener einzelnen aristokratischen Gönner treten und sich von massiveren Prusik- und sonstigen Genüssen hinweg zu der feinsten Kunstblüte: der Kammermusik wenden. Aehnliche Geschmackswandelungen sehen wir ja auf dem Gebiete der Malerei, besonders der Landschaft: Die Effekt-Bilder mit ihren theatermäßig zugestutzten Szenerien treten in den Hintergrund gegenüber der intimen heimischen Landschaft; ein einfacher Wiesenbach, ein Feldweg mit blühenden Bäu­men genügen uns mit ihren unaufdringlichen und herz­bewegenden Reizen. Bald werden wir hoffentlich auch in der Musikpflege soweit sein, daß unser Konzertverein für so vortreffliche Abende wie der gestrige die Aula in An­spruch nehmen muß! Gestern zeigte der Klubsaal nur noch wenige Lücken; die Hörer waren sichtlich in aufnahme­fähiger Stimmung und folgten ben Darbietungen mit war­mer Teilnahme. Mit Recht: denn Programm wie Leistungen verdienten durchweg Interesse und Anerkennung.

Tas wunderbar lebensvolle für Spieler und Hörer stets gleich dankbare und genußreiche B-dur-Trio Beethovens OVioline, Violoncell und Klavier) eröffnete würdig den Abend und hinterließ wohl die tiefsten Eindrücke. Man weiß nicht, soll man dem von Geist und Wohllaut funkeln­den Eingangssatz, oder dem genialen Scherzo mit seinem bald grüblerisch wühlenden bald schwungvoll aufjaucl zenden Trio, dem innigen Thema mit Variationen, oder dem über­mütigen Finale die Palme zuerrennen; überall ist ein ganzes Füllhorn blühendsten Lebens und Erfindens ausgegossen.

In der Mitte des Programms stand eine Sonate für Violine allein von echt Bachscher Größe und herber Innigkeit; sie gab Herrn Redner aus Frankfurt würdige Gelegenheit, seine großartige «Beherrschung der Violine zu zeigen, tyc hier oft bis an die äugersten Greiizen ihrer natürlichen Ausdrucksmöglichkeiten gezwungen wird. Schumanns dank­bare wemi auch schon etwas verblaßte Trio-Phantasie- Stücke beschlossen die instrumentalen Tarbictungcn; beson­ders ansprechend fanden wir dasDuett" und einige Stellen desFinale".

Tas Zusammenspiel der bewährten Frankfurter Gäste, A. Redner, Violine, und I. Heg ar, Violoncell, mit unserem Professor Trautmann (Klavier) war im ganzen tadellos; der geistige und technische Gehalt der Werke wurde fein und wirkungsvoll herausgearbeitet, einige kleine Un­ebenheiten sind ohne Belang. Zu loben ist aucy die Tempo- nahme, die sich von dem des Effekts halber manchenorts beliebten Hetzen freihielt; die Verständlichkeit für die Hörer gewinnt hierdurch sehr?

Ten vokalen Teil leistete Hofopernsänger M. T r o i tz s ch (Wiesbaden) mit seinem wohlkungeiideii und geschulten Bari- toiL lieber die Wahl der Lieder (Löweilcächtliche Heer-