Ausgabe 
13.11.1911 Drittes Blatt
 
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Nr. 267

Erscheint L-Nch mtf Ausnahme deS Sonntags.

Die«Iftfirr #«wtne*blättetN werden dem ,»nietflcre »termol wöchentlich berge!egt, da» Kretsbhtl |ir bca Kreis Gieße," jroeimal wöchentlich. Di« ^a,dwtrtschaftliche, »clt* fragen «Schemen momUluh zweunat.

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161. Jahrgang

Montag, 13. November 1911

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gderhejjen

flMfttienSbnid vnd Verlag der Vrühlsschm, Unwersuäts-Buch- und Eicuibrudeceu N. Lange, Lieben.

IRetmTHon, Expedition und Druckerei: Schul- straffe 7. Expedition und Verlag: e^5L Nedaktion:^»SI12. rel.-Adr>Anze,gerG»eben«

Mb. Deutscher Rekchstag.'

208. Sitzung, Sonnabend, den 11. November.

Am Tische Le» Bundesrats von Kiderlen-Wächter, Delbrück. Golf, 2 i 6 r o, Kraetke u. a.

Das Hau« ist stark besaht.

Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 11X Uhr.

Der drifte Tag der ITlarokko* Debatte.

Abg. Tr. Frank (Soz.):

Ms Herr von Heydebrand seine Wahlrede hielt, fiel mir ein Vorgang aus den englischen Wahlkämpfen ein. Ter Minister Lloyd George wandte sich gegen den Führer der Konservativen, der turz vorher sehr heftig gegen Deutschland gehetzt hatte. Ter Minister sagte, es fei eine Gewissenlosigkeit, wenn der Führer einer großen Partei in derartiger Weise gegen eine andere Nation bic Leidenschaften zu erregen suche. Ich habe mit gewissem Neid dieser Rede zugehört und mich gefragt, wann wird in Deutschland ein Minister es wagen, gegen die deutschen Natio- naldemagogen einen derartigen Angriff zu richten. muff gestehen, daß ich in den letzten Tagen in dieser Richtung angenehm enttäuscht worden bin. Als ehrlicher Gegner muß ich dem Reicktskanzlcr zugestehen, daß die Rede, in der er den deutschen Nationaldcmagogen d e p a t r i o t i s ch c M a s k e vom Gesicht gerissen l>at, eine mutige unb verdienstvolle Ta t von bleibendem Wert ist. (Heiterkeit links.) Ter k o nse r vative Wahlpatriotismus ist diese Woche totge schlagen worden. ES fehlt noch der Angriff auf eine andere ebenso gefährliche Gorte von Patriotismus, und das ist der Ma n - neSmannpatriotlSmuS. Die Konservativen haben mit den deutschen Kanzlern ein stetig steigendes Pech. Die deutschen Kanzler werden gegen die Konservativen immer couragierter fei 1 BiSmarckS Zeit. Sein erster Nachfolger Graf Caprivi har noch^ge- fd>roicflcn, obwohl er vielleicht manches zu sagen gewußt hätte. Ter folgende, Fürst Hohenlohe, hat auch nichts zu sagen geivagt, aber er hat in sein gut und reinlich geführtes Tagebuch das Wort ge schrieben: ,.D i e I u n k e r p f e i f c n a u f d a ö R c i ch". Ter vierte Kanzler bat ihnen bei seinem Abgang zngcrufen: Die Konservativen treiben ein srwolcS Spiel nut den Interessen der Monarchie, des Reiches. Ter fünfte 5ianzler, der noch im Amre ist und wie es den Ansckicin hat, im Amte bleiben will, hat ihnen vorgeworfen, daß sie bic Interessen deS Reiches bewußt schädigen um ihrer Parteizwecke willen. Ich weiß es nicht, ob cs noch dieser Kanzler oder ein Nachfolger sein wird, der bic letzte Steigerung bringl, der von den Worten zur Tat übergeht, der das r c i d)6 - schädliche Junkertum dort angreift, wo es allein zu packen und zu besiegen ist, an seiner Wurzel, am preußischen Wahlrecht. (Beifall links.) Wir Sozialdemokraten machen uns über ific Motive, die vielleicht den Reichskanzler zu fernem scharfen Angriff veranlaßt haben, keine Illusionen. ES ist möglich, daß dem Reichskanzler jede starke parlamentarische Kontrolle un­bequem ist. Da müssen wir mit aller Deutlichkeit feststellen, daß wir keine Lust haben, an die Stelle der Junkerherrschaft den dureaukrarischen AbiolutismuS zu setzcir, (Beifall Imtoein Zwischenfall hat in diesen Tagen ein MonbcrS grelles Licht auf die Unhaltbarkeit dieser Zustande geworzen. Wir haben auch keine Lust zu einem Absolutismus, der beschrankt ist durch den Familienrat. Während der Rede Heydebrands, der ja oft der ungekrönte König genannt wird, hat cm anderer noch Ungekrönter Beifall gezeigt, der Kronprinz. D,e Frage deS inneren Dienstes intcrcfiicrt uns nicht. W,e sich der schwarze oder schwarzblaue H u s a r e n o b e r st (Heiterkeit.) mit seinem Kriegsherrn abfindet, ist seine Sache. UnS interessiert nur die politische Seite. Das war doch ein a n schauungSunterricht, wie er deutlicher dem deutschen Volke nicht gegeben werden kann. Von einem Zufall hangt eS nur ab, daß wir nicht mit Frankreich im Kriege sind. Mit allen Kräften müsien wir dahin arbeiten, daß bis zur Zeit, wenn der Äroirprinz einmal den Thron zu besteigen bosit, die Tcmokratl- ficruna Deutschlands vollendet ist, t-amit nicht in bic Hand eines Menschen eine Übermenschliche Macht und Verantwortlichkeit ge. legt ist. (Beifall bei den Soz.) Die erdrückende Mehrheit deS Volkes hat den festen Willen, daß cs in Deutzchland endlich anders werden muß. Wir lasicn und von China beschämen, dort müsien internationale Verträge vom Parlament genehmigt werden. Die Zeit ist nickt mehr fern, wo auch im europäi­sch c n Reich der Mitte bic Zöpfe abgcidjnittcn werden. -Beifall links.) Der Reichskanzler muß daS Gefühl baden, dag gegen d i e Leitung der deutschen auswärtigen Politik ein geradezu unerschütterliches Miß- trauen besteht. Wir hatten in den letzten Monaten Gelegen- hcit zu erfahren, wie selbst die patriotisch alldesttschen Krcuc Über die Fädigkeiten der Regierung denken. Der bekannte Dr. Wirth hat einem der maßgebendsten Manner des auswär­tigen Amtes, der sich eben hier so angelegentlich unterhält, (ge­meint ist Herr von Kiderlen-Wächter) die allerkrasicste Unwissen- heit vorgeworfen, und der konservative LcgationSrat a. D. vom Rat (Zurufe von den Nationalliberalen: Er ist Nationalliberal!'), also der Nationalliberale Herr vom Rat bat geradezu zer- schmetternde Vorwürfe gegen verschiedene Botschafter gerichtet, die an den wichtigsten Plätzen der Welt sitzen. Er hat behauptet, daß unsere diplomatiscken Vertreter in Petersburg und Tokio von dem Auöbruch des ruffisch-japanischen Kriegs vollständig über­rascht wurden, und daß unser Botschafter in London vollkommen falsch über die Stimmung in England unterrichtet war und unterrichtet hat. Das bedeutet doch eine schwere Gefahr für die Sicherheit des Deutschen Reiches. Da muß jedenfalls in der Leitung unserer auswärtigen Politik Wandel geschaffen werden. Aber es handelt sich nicht mehr um die. Personenfrage allein, das ganze System ist vollkommen zusammen gebrochen. (Beifall bei den Soz.) Ich weiß nickt, ob der Reickskanzler ein Denkmal verdient, aber die Grundsätze einer vernünftigen Friedenspolitik, zn denen er sich in den letzten Tagen bekannt hat, begrüßen und unterstützen wir durchaus, aus dem einfachen Grunde, weil es unsere Grundsätze sind. Wir bähen nur daS Bedenken, daß der Reichskanzler nach diesem schönen Friedensprogramm nickt in allen Stadien der Affäre gebandelt hat. Der Reichskanzler möchte gerne hören, wie es besser gemacht werden kann, nun ich will es ibn: wiederholen:

Einmal ist dem Reichskanzler nickt gelungen, aufzuklären, darum derPan.ber" nach Agadir geschickt ist, ein Abklatsch der Tangerfahrt, aber diesmal ohne jeden Kaiser. Warum mußten die friedlichen Verhandlungen mit Frankreich durch diese Sckiffs- fenbung unterbrochen werden? Wegen des Sckutzcs Deut­scher Untertanen, das glauben wir nicht. Wegen der

paar Beamten der Mannesmann und anderer Firmen, die hin- geschickt sind nach Agadir mit dem Auftrage, Angst zu bekommen vor der Bevölkerung. (Heiterkeit.) Denn irgendwo deutsche Interessen militärischen Ähutz erforderten, bann wären e» doch die Häfen Casablanca, Mogabor gewesen, wo wirklich in größerer Zahl deutsche Niederlasiungcn sind. Hat aber bic Regierung nun einmal baS Schiff entfenbet, bann mußte sie in aller Ocffentlich- leit unb Offenheit die Motive klar legen. Sie butftc nicht Versteckens spielen, keine Geheimniskrämerei treiben unb burftc vor allem sich nicht gefallen lasten, die AuS Nutzung im alldeutschen Hetzsinne. DaS hat der Kanzler auch gestern nicht von seinen Rockschößcn abgeschüttelt. Bei der Ge­heimniskrämerei hat bic blutige Phantasie ber Artikelschrciber freies Spiel. Bamberger hat einmal gesagt: Die einzig wahre Kriegspartei der Welt sind doch die Jour­nal i st e n (Heiterkeit.); sie sind bereit, mit der Feder in der Hand für das Vaterland zu sterben. (Heiterkeit.) Nur kleine Interessengruppen haben von einer Kriegshetze Vorteil. Die Massen wollen den Frieden, denn der wirtschaftliche Zu­sammenbruch nach einem Kriege wäre für den Sieger und den Besiegten gewiß. Die .Königsberger Volkszeitung", gegen die sich Dr. Wicmer gewendet hat, hat nur die geschichtliche Er- fahrung festgestellt, daß nur diejenigen Länder wirklich sicher sind gegen da» Ausland, die wirklich innere Freiheit haben. Königs­berg liegt nun an der russischen Grenze. Dort kann man lernen, wie das inner-politische Elend auf die auswärtige Lage wirkt. Die russischen Soldaten sind von den Japanern nur besiegt worden, weil sie nicht wußten, für wen oder was sie kämpften. Herr Bassermann hat in seiner erstenRcde etwas mv lisch zu einer neuen Flotlenvorlage aufgeforbert. In seiner zweiten Rede hat er sich noch rasch aus ber Nachbarschaft bes Herrn v. Hcydebraud gerettet WaS das Gerede von den Kulturstaatcn auf sich hat, baS sieht man am Beispiel Italiens. Italien schickt ein Schiff voll Dirnen nach Afrika unb vollbringt an Frauen unb Kindern Taten, von benen sich die ganze zivilisierte Welt mit Abscheu wendet.

Herr v. Heydebrand bat zur Einleitung der Wahlen ver­sichert, daß unter Umständen feine Freunde auch bereit wären, eine Bcsitzstcucr zu gewähren. Ich nehme dankend davon Kennt- nie, daß nach dem Geständnis des Abg. v. Heydebrand bisher die Besitzenden noch nichts gezahlt haben. (Sehr gutI links.) Tas Versprechen vor den Wahlen, bic Besitzenden wollen auch etwas zahlen, genügt nicht. Tie Junker müssen auch schon noch versprechen, bag sie künftig nicht mehr die Landarbeiter, die Staatsarbeiter und die Staatsbeamten um ihr Koalitionsrecht bringen wollen, daß sie nicht mehr durch die Landrats- Politik jede Regung des freien Geistes niederhalten wollen, daß sie nicht mehr durch ihre Teuerungspolitik, durch ihre Hungerpolitik bad Volk zur Verzweiflung treiben wollen, daß sie das große Wahlunrecht in Preußen abschaffen wollen. Herr v. Heydebrand hat mit einem Zitat aus dem Befreiungsliebe geschlossen, .bas Schiller für bic Schweizer gedichtet hat, für den Befreiungskampf gegen den Landvogt, gegen den li anbrat. (Heiterkeit unb Sehr gut 1 links.) Wir wollen biefen Ruf aufnehmen im Kampfe gegen bic brutale Klassenherrschaft ber Junker. Wir wollen sie niederringen mit dem Ruf: Nichtswürdig die Nation, bic nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehret .(Lebhafter Beifall bei den Soz.),

Abg. Graf v. Mielezynöki (Pole):

Den Konservativen gegenüber variierte der Kanzler einen Heineschen Vers: Blamicr' mich nicht, mein schönes Kind unb schimpf m i ch nicht Unter ben Linden. (Heiterkeit.) Bis dann Bebel kam und mit seinem erfreulichen Temperament ein zweistündiges Gewitter brausen ließ unb ber Reichskanzler war gerettet. (Heiterkeit.) Wir Polen hätten bei unserer Sonderstellung infolge der Polenpolitik eigentlich keinen Anlaß, in diese rein akademische Erörterung ein zu- greifen. Unsere prinzipielle Stellung in allen Fragen des Länder- erwerbs, ber Einmischung in fremde Affären, ist ja bekannt, Agadir ist alldeutsche Mache; der Krieg hing an einem Faden. Der Alldeutsche Verband hat geradezu gefähr- licke Artikel und Flugblätter geschrieben, besonders wirkte der bekannte Artikel in derPost". Er. wurde zwar vom Chef­redakteur und der Parte, verleugnet, aber noch 8 Tage lang brachte diePost" Preßstimmen, die den Artikel billigten. Dieses chauvinistische nationalistische Schar,machertum will den Frieden weder im Auslände, noch im Inlands.

Abg. Haußmann (Vp.)k

Diese Novemberdebatte 1911 wird, wie die Novemberdebatte von vor genau drei Jahren, dem Reichstag ein historisches Gepräge geben und sie wird, wie jede wichtige Aussprache im Parlament, ihre reinigende straft nicht verfehlen. In solchen wichtigen kritischen Momenten, die mit einer Vater- ländi seheu Verständigung abschließen, kann die De­batte in boppcltem Stile geführt werden. Man kann versuchen, die eigenen Geschäftsführer herunterzuzichen, sie ber Unfähigkeit anklagen und muß bann aber damit auch eine TiskredAierung des eigenen Landes in den Kauf nehmen. Man konnte aber auch daran denken, daß jeder Vergleich Äonzestionen erfordert. Man konnte neben den Schattenseiten auch die Lichtseiten ins Auge fasten und bic Nebenwirkungen. Man konnte an die allgemeinen Auswirkungen wirtschaftlicher Verbesserungen denken, und die Marolkofragc ist doch eine Frage ber besseren Absatzgebiete. Es ist nicht gut, noch nach dem FrirdenSschluß mit dem Säbel zu rasseln. Man spricht von der Erregung b c 8 Volkes unb unserer Pflicht, ihr Ausdruck zu geben. Wir haben von unserem Fübrcr Richter gelernt, daß der Volkswille ein leitender Ge­danke der Staatskunst sein muß, aber der Wille des Volkes wird nickt immer in Erregungszuständen vollkommen erkannt. (Sehr richtig! links.) Im Gegenteil, man bet die Pflicht, in E r - regungszu ständen kaltblütig zu bleiben, um den Willen des Bolle- in Wahrheit durchsetzen zu können. (Beifall links.) Es ist ein Verhängnis der rechten Seite des Hauses, daß sie in dieser historischen Tebatte ihren Standpunkt gewählt hat im heftigen Angriff gegen die Regierung, ausdrücklich als Kund­gebung der Fraktion. Neben den Wirkungen. von denen ber Kanzler gesprochen hat, wird, fürchte ick, auch bic zu konstatieren fein, daß der Sprecher der Konservativen mitgewirkt bat an einer Zerrüttung des konservativen Gei st es in T eutsch- lanb. Herr von Hcybebrand, sonst Vertreter der Richtung, die in einem Uet ermaß von Kritil ein schweres Unrecht der Linken sieht, hat sich in einer Tadelsucht ergangen, die nicht davor zurückscheute, hier, wo to;r dem Aus­lände gegenüber sprechen, den Beweis für die Unfähigkeit unserer Geschäftsführer antreten zu wollen. Tas ist das Gegenteil von dem, was man eine Gtä :Iung der Autorität der Regierung nennt, eine Stärkung ber Rechte unb des .Einflusses de: Krone. Dus tji nicht Kritik, das

ist Hcruntcrrcihcn. Die Regierung und ber Vertreter der Krone sind an geklagt der Friedensliebe. (Heiterkeit.) Da hat bann nur noch gefehlt, daß einer der Vertreter der Reckten Herr Kreth soll c8 gewesen fein als Wiemcr erklärte, es fei uncrtoünfdff daß sich bic Vorstellung feftfetze, daß eine Kr i cgSparte i mit dem Kronprinzen an der Spitze existiere, den Zwischenruf machte: Gott fei Dankl (Hort! Hört! links.) Wenn man, ww Herr v. Heydebrand e» getan bat, aufruft: dort sitzt der Feind, fo ist daS nicht die Sprache, die man hier gegen das Ausland führen soll, auch dann nicht, wenn man der Ansicht sein darf, daß England in dieser ganzen KnsiS nicht die von uns gewünschte Haltung ein­genommen. Wenn man der Staatsmann ist, für den man von leinen Freunden gehalten wird, bann darf man nicht Worte gebrauchen, wir Herr v. Heydebrand in BreSlau, dann darf man nicht von Unverschämtheit sprechen. Wie darf man einem fremden Staatsmann Vorwürfe machen, wenn man sich selbst so maßlos ausdrückt l Der Kernpunkt des Angriffs gegen Lloyd George ist überhaupt falsch. Was wir vorwerfen, ist, daß Englano, daS durch staatsrechtlichen Vertrag 1901 förmlich ver­pflichtet ivar, Frankreich zu helfen, sich nicht auf diese vertrags­mäßige Pflicht berufen, sondern eine Begründung gewählt bat, in ber es von sich aus ein diktatorisches Verbot ausgesprochen bat, wenn Deutschland sich an irgend einer Stelle niederlasten würde. TaS war daS Verletzende. Da» dürfen und muffen wir zurückwei'cn. Aber wir müssen uns auch zugleich verwahren, daß cs in Worten geschieht, die uns al» paffer füllte Feinde erscheinen lassen. Die amtlicheWestminster Gazette", hat ja in der letzten Zeit die Haltung de» Minister» selbst ge­tadelt; daS macht das Voraiigegangenc nicht vergessen, muff aber bei der Abwägung bc5 ganzen in die Wagschale fallen als stille» Anerkenntnis einer zu schroffen Haltung.

Herr von Heydebrand war gewöhnt, ber Regierung seinen ZBi n ,u diktieren. Darum war er über jede andere Meinung erbittert, daher die Fortsetzung seiner Desperadopolitik hier im Reichstage. Daher sein Angriff gegen Bethmann, der noch vor vier Wochen den Konservativen die wichtigsten Zusagen gemacht hat. Wir sind frei in ber Kritik, denn wir stehen in der Opposition gegen Bethmann, aber wenn Heydebrand, ehe der Hahn, zweimal gefrabt hat, dem Kanzler derart in den Rücken fällt wie gestern, bann ist das ein Schauspiel vor ganz Deutsch-' land, dos sich an der konservativen Partei noch scksiver rächen wird. (Zustimmung links.) Herr von Heydebrand ist aus» ganze gegangen, daS ist keine gute Führung. Nach den Wahlen wird er, tvohl nicht mehr zurückkehren, bann wirb man wohl sagen, baff er cm außerordentlich talentvoller Mann, aber ein schlechter Führer gewesen ist. (Sehr richtig! links.) Herr von Bethmann hat gestern dem Herrn von Heydebrand das SchwertauS dem Mu c geschlagen. (Lebhafter Beifall.) Er hat ihm vorgeworfen, daß er die deutschen Interessen schädigt. Mehr kann man nicht lagen.' (Zustimmung links.) Das GdHimmc aber ist, daß dieses Urteil gerecht ist. Alle großen Parteien sind einig darin, daß da» Ver­halten deS Kronprinzen, daß dieser Weg eine 3er-; sctzung der ö ffentlichen Gewalten an der Spitze be­deuten würde. (Lebh. Beifall.) DaS Zentrum verfolgt den falschen Standpunkt: Haust du meinen Kanzler, bann hau ich deinen Kanzler. In der ganzen Marokkopolitik war früher die nervöse Hand de» Herrn von Holstein bemerkbar, diese» kleinen Tclcass^. Er ist zurückgetreten, und nur noch Maximilian Harden ist here­ditär belastet. (Heiterkeit.) Aber keine Partei im Hause vertritt seine Ansichten. (Beifall.) Herr Bassermann weiß ja über Ver­gleiche unb Kompromisse Bescheid. (Heiterkeit.) Daher weiß er auch, daß das Vergnügen barüber schließlich nie ein reines ist. Aber falsch ist ec-, wenn bie Klientel auf bem Marktplätze über den Vergleich räfonniert, wenn die Gegenpartei noch zugegen ist und Freude darüber empfindet. Herr Frank hat sich unterstanden, die Angriffe Dr. WiemerS gegen die Massendemonstrationen töricht" zu nennen. T-aS tut man nicht, baff man in gefährlichen Momenten die Einwohner eine» Lanbes erklären läßt, daß sie bei einem drohenden Kriege ben Gehorsam verweigern würben. (Leb­hafter Beifall, Bebel ruft: Das verstehe ich nicht.) Das verstehen 5ic ganz gut, Herr Bebel, wenn Sie auch jetzt sehr erregt sind. Herr Frank hat behauptet, da» Wort:Nichtswürdig bie Nation* usw. stamme von dem Freiheitsheldcn Wilhelm Teil. »Von wannen kommt dir diese Wissenschaft, du wunderbare» Mädchen?" TaS Zitat, das Tr. Frank erwähnt hat, stammt vom Bastard von Orleans. Wir dürfen das, was an Frankreich gegeben worden ist, nicht herabsctzen, obwohl das Land tatsächlich schon unter franzö­sischem Protektorat steht. Herrn Bassermann danke ich, baff et klar gesprochen hat, baff feine Partei einen Krieg wegen Marokko will. (Beifall.) Schmerzlich bedauere ich, daß die französischen Gesellschaften mit ihren Rechten nicht ab- gcloü unb auf dem französischen Kongo übernommen worden sind. Tie Regierung wird mit der Mißwirtschaft dieser Gesellschaften gehörig auf räumen müssen.

Das Resultat: Teutschrand' hak iv i r t s ch a f kl ich L Vorteile erreicht. Wir haben das Recht, gemeinsam zu be­dauern, baff es nicht mehr sinb. Aber die Haltung Deutschlands mar niemals schwächlich. Nicht aus Schwäche haben wir diesen Weg cingcschlagcn. Tic Friedensliebe Deutschlands hat sich wieder glänzend bewiesen. Ta» ist keine falsche Politik, wie bie Konservativen behaupten, sondern die einzig gangbare. Wir freuen uns, baff ber Reichskanzler den vorliegenden Anträgen nicht widersprochen hat (Zuruf im Zentrum: Kommt noch!) Tas bedeutet eine Verminderung ber Spannung, denn eS fambclt sich in diesem Punkt nicht um theoretische Recht­habereien, sondern um wichtige Existenzfragen bcS Volkes. Gerade in einem solchen Fall muff bic Regierung eigent­lich wünschen, baff eine Mehrheit der Volksvertretung die Mit­verantwortlichkeit übernimmt. Tann würde in diesem Hau» eine größere Vorsicht in den Heuffcrungen fein. Auch für bie Krone wäre e5 burchau» erwünscht, bann würde die Verstimmung nicht auf bic Krone zurückfallen. Im staatSerhaltenben Ginne also hoffe ich, baff wir in der Kommission einen Schritt weiter machen zu einer größeren Einheitlichkeit im deutschen Volke, bie ge­tragen werden kann von einer Politik der Reichsregierung, die nicht nur die Heißblütigen, sondern auch die Kaltblütigen hinter sich hat. (Beifall links.),

Abg. v. Siebert (Rp.)k

Der Abgeordnete Schultz hat gestern den GtanbfmnTf der Reich^partei vertreten. Ich werde einen allgemeineren Stand­punkt einnehmen, den nationalen Standpunkt. Da» Wort, baff wir nicht für uns selbst leben, sondern für ganz Europa, gilt nicht mehr jetzt iu der Zeit des Rauhzuges gegen Tripolis.

Vizepräsident Schultz bitte! den Redner, sich zu mäßigen.

Abg. v. Liebert bespricht die Marokkofrage unb bedauert, ba§ Deutschland einen absoluten Verzicht auf irgend eine politische Betätigung in Marokko au-gesprochen habe. Bei einem solchen Verzicht kann man bie Folgen nicht uberjchen,^.ir Haben Frank-