Ausgabe 
21.10.1911 Fünftes Blatt
 
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Die Aushebung der hilsrkassengesetzes im Ausschuß.

Berlin, 21. Okt.

Heute trat im Reichstag der Ausschuß zusammen, der über den im Zusammenhang mit der Reichsversicherungs- vrdnung von der Regierung eingebrachten Gesetzentwurf, betreffend die Aushebung des Hilfskassengesetzes, zu beraten hat. Die Hilfskassen sollen nach diesem Entwurf unter die Bestimmungen des Privatversichernngsgesetzes gestellt werden. Veranlaßt ist der Entwurf bekanntlich durch die Mißstände, die bei einer Reihe von eingeschriebenen Hilss- kassen in der Geschäftsführung eingerissen sind und zum Teil zu der Bezeichnung Schwindelkassen geführt haben. Der Vertreter der Negierung führt das im Aus­schuß eingehend aus. An der Hand des geltenden Rechts tonne dem Mißbrauch nicht mit nachhaltigem Erfolge be­gegnet werden. Abhilfe sei nur möglich durch Aufhebung des Hilfskassengesetzes und Unterstellung unter die Aufsicht des Aufsichtsamts für Privatversicherung. Für den Fall der .Auslösung von Hilfskassen ist für die Vermögensver­teilung das Statut maßgebend, und wenn Bestimmungen darüber fehlen, tritt das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft, das die Verteilung des Vermögens auf die vorhandenen Mitglieder vorsieht.

Der Gesetzentwurf wird von sozialdemokrati­scher Seite scharf bekämpft. Man solle die Schwindel­kassen nur ordentlich beaufsichtigen. Dieser Entwurf aber sei ein Gesetz zur Beseitigung der freien Hilfskassen über­haupt.

Der Vertreter der N a t i o n a l l i b e r a l e n tritt diesen Ausführungen entgegen. Das Hilsskassengesetz sei heute nur ein Ausnahmegesetz.

Ein fortschrittliches Mitglied weist die Sozial­demokraten aus eine Artikelserie in ihrem Hamburger Parteiblatt hin, die für die Beseitigung des Hilfskassen­gesetzes eintrete. Die Sozialdemokraten erwidern, daß das HamburgerEcho" auch .Artikel entgegengesetzter Tendenz gebracht habe.

Ein Antrag der Sozialdemokraten, den Reichskanzler um Vorlage eines neuen Entwurfs zu er­suchen, der das bestehende Hilfskassengesetz lediglich ändert, wird abgelehnt. Weiterb eratung Sonn ab end.

Aus Hessen.

Aus dem Landtagswahlkreis Nidda- Ortenberg. Aus Nidda wird uns berichtet: In der zu Donnerstag abend in das Gasthaus zur Krone einberufe­nen Mitgliederversammlung desNationalliberalen Wahl­kreisvereins Nidda" wurde einstimmig Herr Kreisfeuerwehr- Jnspektor Vetzberger zu Nidda als Kandidat für den Landtags-Wahlkreis Nidda-Ortenberg aufgestellt. Der Genannte hat die Kandidatur zu übernehmen sich bereit erklärt. Die nationalliberale Partei stellt nur in diesem einen der Landtagswahlkreise, die im Reichstagswahlkreise Gießen liegen, einen Kandidaten auf. Die Verhandlungen zwischen den beiden liberaler: Parteien hatten sich so in die Länge gezogen, daß es unmöglich ist, in mehr als einem der Wahlkreise eine tatkräftige Agitation zu treiben.

Eine freikonservative Partei wird in Darm­stadt, so wird von dort berichtet, zu gründen beabsichtigt. Zu diesem Zweck hatten sich am Donnerstag abend acht Herren aus verschiedenen Berufsständen zusammengesun­den, unter denen sich auch Rechtsanwalt Dr. Bopp befand, der früher der freisinnigen Partei nahe stand. Eine weitere konstituierende Versammlung soll am kommenden Montag stattsind en, und es wird beabsichtigt, für die bevorstehende Lcrndtagswahl mit einem eigenen Kandidaten in den Wahl­kampf einzutreten.

Heer und Flotte.

Aus Frankreich. General Robert, Kommandant des 14. Armeekorps in Lyon, hat seine Stellung zur Dis­position verlangt, weil Lbriegsminister Messimy ihn ent­sprechend dem Wortlaut des Gesetzes vom 24. Juli 1873 nach Ablauf eines dreijährig en Korps komm andos zum Kommandanten einer Infanteriedivision er­nannt hatte. Es ist allerdings das erste Mal seit 38 Jahren, daß ein französischer Kriegsminister die betreffende Gesetzes­bestimmung zur Anwendung gebracht hat. Wie die Zei­tungLe Journal" wissen will, besteht die Absicht, bereits in Friedenszeiten einen Großadmiral oder Admiralissimus der sranzösftchen Flotte zu ernennen, dem die Aufgabe des Oberkommandos im Kriegsfälle zufallen würde. Das Blatt nennt als mögliche Kandidaten für diesen neuen hohen Posten die Admirale Jauröguibery, de. Jonc- guiöres und Aubert, i

Aus Stadt und Land.

Giegen, 21. Oktober 1911.

** Die Vorlesungen an der Landesuniversität beginnen am nächsten Montag. Neben den rein fachwissen­schaftlichen Kollegien finden sich auch diesmal wieder eine ganze Anzahl von allgemein interessierenden Themen, deren Besuch zu empfehlen ist. In der theologischen Fakultät liest Prof. Krüger über Werden und Wachsen des Ultra- montanismus im 19. Jahrhundert Mittwochs von 78 Uhr, in der juristischen Professor van Calker über Die hessische Verfassungs- und Verwaltungs- refornl vom Jahre 1911 Dienstags von 45 Uhr, Prof. Friedrich über.Die soziologischen Grundlagen der Rechtsphilosophie (Recht, Macht und Wirtschaft) Donnerstags von 78 Uhr. In der philosophischen Fakultät leitet Prof. Messer die Lektüre und Besprechung von Nietzsches Zarathustra (Fortsetzung) Dienstags von 6 bis 7 Uhr. Prof. Groos liest über Philosophische Pro­bleme Freitags von 67 Uhr und Prof. Kinkel über Die philosophischen Richtungen der Gegenwart (zweistündig). In dec Abteilung für Kunstwissenschaft spricht Dr. Rauch über Einführung in die Kunst Italiens Donnerstags von 68 Uhr. Dr. Hepding liest über Die Religionen der hellenistisch-römischen Zeit, Dienstags von 45 und Freitags von 56 Uhr. Prof. Behaghel hält seine Vorlesungen über Die Geschichte der deutschen Sprache Diontags und Mittwochs von 121 Uhr; Prof. Collin liest über Die Geschichte des deutschen Romans im 19. Jahrhundert (zwei­stündig) und Prof. Trautmann über Vergessene und vernachlässigte Musikliteratur mit Beispielen am Klavier Donnerstags von 89 Uhr nachm. In Gemein­schaft lesen die Prof. Dannemann, Friedrich, Diesser, Mitterniaier, Sommer, Voit und Gart eil über

Alkoholismiis und Antialkoholbewegung Freitags von 78 Uhr.

Ordensverleihung. Der König von Preußen hat den hessischen Gendarmeriewachtmeistern Gg. Haust zu Ober- Jngelheini, Theodor Geiß ler zu Darmstadt, Jlilius Kna uff zu Guntersblum und Gg. Haas zu Offenbach das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.

* * PfarrPersonalien. Der Großherzog hat deni Pfarrassistcntcn Albrecht Thaer zu Groß-Rohrheim die evang. Pfarrstelle zu Ensheiin übertragen.

* * Erledigt ist eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Schulstelle zu Heldenbergen.

* Fußball. Nächsten Sonntag nachniittag findet auf dem Sportplatz an der Hardt ein interessantes Wettspiel statt. Es stehen sich dort im Kreisspiel die ersten Mann­schaften der beiden besten Gießener Fußballvereine gegenüber. Der Sportverein von 1900 tritt mit einer gegen das Vorjahr verstärkten Mannschaft an, der Verein für Beweg- ungsspiele hat seine Klaffe erst letzten Sonntag durch einen Sieg gegen Fulda bewiesen, so daß guter Sport zu er­warten ist.

* * Hessische Preisträger auf der Turiner Weltausstellung. Wir teilen nachstehend die auf die hessischen Aussteller gefallenen Preise ersten bis vierten Ranges mit; die eingeklammerten Buchstaben bedeuten: G. P. Großer Preis; M. E. Medaille des Ehrendiploms, M. G. Medaille in Gold; DL S. Medaille in Silber. Außerdem gab es noch bronzene Medaillen und ehrenvolle Erwähnungen. ES erhielten in Gruppe 3, Die Photographie und ihre An­wendungen: I. Hilsdorf-Bingen ('DL S.). Gruppe 4, All­gemeine Mechanik: Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt A.-G. G. Luther, Braunschweig-Darmstadt (G. P. und M. E.), Karl Schenck, Darmstadt (G. P.), Fr. Schmaltz, Offen­bach (M. G.); Gruppe 7, Verkehrsmittel, Eisenbahnen und Straßenbahnen: Gandenbergersche Maschinenfabrik Goebel, Darmstadt (G. P.), Waggonfabrik Gebrüder Gastell, Mainz (G. P.); Gruppe 9, Luftschiffahrt: Ludw. Haege, Offen­bach a. M. (DL G.); Gruppe 11, Sportindustrie: Ludwig Haege, Offenbach a. M. (G. P. und DL G.); Gruppe 15, Waldkultur und Forstindustrie: Ludw. Haege, Offenbach a. DL (G. P.); Gruppe 17, Nahrungsmittel-Industrie: Ehr. Adt, Kupfecberg & Co., Mainz (G. P.), Maschinenfabrik und Mühlenbauanstalt A.-G. G. Luther Braunschweig-Darmstadt (G. P.); Gruppe 18, Chemische und Diontanindustrie: Maschinenfabrik und -bananstalt A.-G. G. Luther, Braun­schweig-Darmstadt (G. P.), Ludwig Haege, Offenbach (M. E.); Gruppe 21, Juwelen, Edelmetalle, Bijouterien: Josef Lutz, Mainz (DL G.); Gruppe 22, Lederindustrie und damit verwandte Industriezweige: Ludwig Haege, Offenbach (DL G.); Gruppe 23, Zeitungen und Buchdruckerkunst: Faber & Schleicher Akt.-Ges., Offenbach (G. P>), Gandenbergersche Maschinen- fabrik Georg Goebel, Darmstadt (G. P.). Außer Wett­bewerb (Mitglieder des Preisgerichts) haben ausgestellt: Mayer & Schmidt (Offenbach).

Landkreis Gießen.

Lang-Göns, 20. Okt. Aus der Schweinezüchterei des Anton Konr. Stoll hier wurde ein drei Jahre altes Schwein mit einem Gewicht von 588 Pfund im Schlachthaus zu Gießen geschlachtet.

-m. Hung/n, 21. Okt. Die Unsitte des zu frühen Aus steigens aus dem noch in der Fahrt befindlichen Zuge mußte gestern abend ein auswärtiger Arbeiter schwer büßen. Ms der Zug in die Station einfuhr, öffnete er die Waggontür und sprang ab. Dabei kam er aber z u F a l l und zog sich im Gesicht erhebliche Verletzungen zu, so daß er vom Stationspersonal verbunden und zum Arzt gebracht werden mußte.

Kreis Lauterbach.

~ Lauterb ach, 20. Okt. Am 1. November tritt für die Stadt und den Kreis Lauterbach eine Aenderung mit gleichzeitiger Beschränkung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe in Kraft. DHt Rücksicht auf das Ein­treffen und den Abgang der Bogelsbergzüge hat der hiesige Handelsverein einen entsprechenden Antrag gestellt und das Großh. Kreisamt hat auf Vorschlag des Vereins die Ver­kaufszeiten an Sonn- und Festtagen von 8 bis 9 Uhr vor­mittags unb 12 bis 3 Uhr nachmittags festgesetzt. An den beiden letzten Sonntagen vor Weihnachten wird die Ver­kaufszeit von 12 bis 7 Uhr nachmittags ausgedehnt. Seit­her waren die Verkaufszeiten von 7 biA 9 Uyr vormittags und 1 bis 4 Uhr nachmittags festgesetzt. Der 25jährige Sohn Jakob des Dachdeckermeisrers Christian Zügler hier stürzte bei Ausbesserungsarbeiten des Kirch end ach es zu Uetzhausen von 14 Nieter Höhe ab. Er erlitt schwere Verletzungen, so daß seine Aufnahme in das Kranken­haus erforderlich wurde.

Starkenburg und Rheinhessen.

m. O f f e n b a.ch, 21. Okt. Die Lohnbewegung in den hiesigen Metallwarenfabriken hat einen friedlichen Aus­gang genommen, nachdem die Zugeständnisse der Arbeit­geber in einer gestern abend im Saalbau abgehaltenen Metallarbeiterversammlung, die von über 2000 Personen besucht war, angenommen worden sind. Es handelt sich um den Abschluß eines Abkommens zwischen den Organi­sationen. Danach bleibt die Arbeitszeit auf 54 Stunden in der Woche bestehen. Alle über 20 Jahre alten Arbeiter, die einen Stundenlohn von 59 Psg. nicht haben, erhalten eine Zulage von 2 Psg. Die Aufbesserungen, die seit dem 1. Juli erfolgt sind, werden mitgerechnet. Bezüglich der Akkordarbeiter übernehmen die Arbeitgeber die Verpflich­tung, daß diese den durchschnittlichen Lohn verdienen. Der Stundenlohn der Akkordarbeiter wird mit 9/10 des durch­schnittlichen Akkordverdienstes veranschlagt. Als Grundlage dienen die Wochenlöbne der letzten sechs Wochen. Außer­dem wurden den Arbeitern noch einige Zugeständnisse be­züglich der Verbesserung der Fabrikräume in Aussicht ge­stellt.

d. Mainz, 20. Okt. Im Hinterbause Leichhofstraße 14 wohnt die Familie des Taglöhners Martin M a t te s. Der Mann arbeitet in einer Favrik in Raunheim und fährt jeden Abend nach Hause, während die Frau uachmittags Zeitungen austrägt. Die Familie besitzt vier Kinder (darunter ein ihnen anvertrautes fremdes Kind) im Alter von 6 Mo­naten, 2 Jahren, 5 und 8 Jahren. Heute nachmittag um 21/2 Uhr bemerkte eine Frau Paukes, die im gegenüberliegen­den Hause wohnt, daß in der im zweiten Stock liegenden Küche der Mattes deren fünfjähriges Mädchen Hedwig in hellen Flammen stand und in der Wohnung yerumlief. Sofort benachrichtigte die Fran den Hausbesitzer Metzger- meister Reichert, der mit dem Glasergehilfen Schilling in das Hinterhaus lies und dort die verschlossene Wohnungstür

einschlug. In der Schlafstube bot sich ihnen ein schreck­licher Anblick. Die fünfjährige Hedwig glich einer Flammen- säule und jammerte schrecklich. Tie beiden Männer warfen das brennende Kind in das Bett und hüllten es ein.. Sie trugen das Kind dann mit dem Bett in den Hof, woselbst der Schutzmann Batz versuchte, die fest am Körper des Kindes angebrannten Kleider abzureißen, wobei sich der Beamte die Finger verbrannte. Das Kind wurde in das Rochushospital gebracht. Das Kind scheint mit brennenden Streichhölzern gespielt zu haben, wobei Zeitungspapier in Brand geriet. Um 7 Uhr starb das Kind.

Der neue Veckerprozetz.

4. Stettin, 20. Okt. 1 IV.

Unter ungeheurem Andrange des Publikums wurde heute der Prozeß gegen den Rittergutsbesitzer Becker zir Ende ge­führt. Der Vertreter des Nebenklägers v. Maltzahn, Rechts­anwalt W a l d 0 w, beantragte eine erhebliche Freiheitsstrafe. Ter Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Dr. P e r n d t, betonte, daß es sich hier entgegen der Ansicht des Staatsanwalts um einen politischen Prozeß handele, denn niemand werde den Angeklagten für etwas anderes ansehen, als einen politischen Kämpfer. Becker habe nicht den Kläger v. Maltzahn persönlich angegriffen, sondern nur das System. Es sei natürlich, daß Becker mit seinen Standesgeiwssen nicht harmonieren konnte, denn diese sehen den Staat nur als eine Einrichtung zu ihrer und ihrer Nachkommen Alimentierung an. Der Angeklagte ging von dem Grundsatz aus, daß er auch als Gutsvorsteher das Recht der freien Meinungsäußerung haben müsse, die ihm nach der preußischen Verfassung gewährleistet sei. Sein zweiter Grund­satz sei das unbedingte Gerechtigkeitsgefühl gewesen. Daß die Verwaltungsrichter nicht gesetzlich vorgingen, sei aus den Zeugen­aussagen von Rackow und Hecht hervorgegangen. Der Angeklagte konnte annehmen, daß er aus dem fteisinnigen Lager in das konservative sollte hinübergezogen werden. Solche Fälle sind, wie die Angelegenheit des Bergrats Gotheins beweist, schon ftüher vorgeiommen. Der Angeklagte habe Gruiidgehabt, den Behörden gegenüber mißtrauisch #u fein. Der Verteidiger meinte, die Be­stellung Eberls zum Gutsvorsteher sei eine grobe Taktlosigkeit des Landrats g eines en, und beantragte Freisprechung des An­geklagten.

Becker führte in seinem Schlußwort aus, daß aus dem Dis- ziplinarurteil klar hervorgehe, daß der einzige Grund, aus dem er diszipliniert werden konnte, das öffentliche Interesse gewesen sei und fragte, wo das öffentliche Interesse im Falle Osteroth geblieben sei. Er habe nichts zurückgenommen, soweit die Stein­schlägerangelegenheit in Betracht komme. In seiner Auffassung >ei er durch die Verfügung des Regierungspräsidenten bestärkt worden. Tie Ideen, in die er sichverrannt" haben solle, seien das Programm dec fortschrittlichen Volkspartei. Wenn er sich verfehlt habe, werde er die Folgen tragen, seine Ideen werde er, aber weiter verfechten. Gegen Abend wurde das Urteil gefällt, wonach Becker wegen Beleidigung in drei Fällen zu einer Gesamtstrafe von drei Monaten Gefängnis und Tragung der Kosten verurtellt wird. In zwei Fällen wurde der Angeklagte freigesprochen, da ihm hier der Schutz des § 193 zugebilligt wurde.

In der Urteilsbegründung wurde dem Angeklagten in dem Falle Häwert der Schutz des Paragraphen 193 versagt, ebenso in dem Falle der Verwaltungsklage, wo er die Richter als be­stochen und den NebenUäger, Landrat Maltzahn, als politisck)en Agenten agrarischen Demagogentnms bezeichnete. Sonst wurde ihm der Schutz des Paragraphen 193 zugebilligt. .Als ftraf- erfchwerend wurde angesehen, daß die Beleidigungen nicht etwa in der Hitze des Wahlkampfes gefallen sind, sondern wohlüber­legt waren und nach acht Jahren erhoben wurden. Andererseits wurde dem Angeklagten zugutegehalten, daß er aus Erregung heraus gehandelt habe, seine politische Richtung häufig Anlaß gegen die ihn ergriffenen Maßnahmen gewesen und auch, daß er leicht erregbarer Matur fei und die politischen Kämpfe ihn .-r- bitterten. > JE

Vermischtes.

* Ueber den Verlauf der Fahrt des Suftn schiffesSchwaben" gab der Führer Dr. Eckener fol­gende Schilderung: Bei der Abfahrt in Düsseldorf herrschte starker Nebel, daß man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte; der Wind war ziemlich mäßig. Wir hielten uns anfangs an die Bahnlinie, die fast direkt nach Münster führt. Inzwischen wurde es hell und unter uns lag in heller Sonne der Teutoburger Wald. Da es ziemlich kalt war, hatten wir nur geringen Gas­verlust und zogen in gleichmäßiger Höhe dahin. Je weiter wir nordwärts kamen, umso heftiger wurde der Wind, der stellenweise bis zu 5 Meter in der Sekunde anschwoll. Wir hatten überhaupt auf der ganzen Fahrt Gegenwind; die Leistung des Schiffes war deshalb nm so anerkennenswerter. Bei Bremen bekamen wir eine starke Seebrise. Besonders interessant war die Fahrt über Hamburg, wo wir ein wunderbares Panorama genossen und die Menschen auf den Dächern und in den Straßen, die nnauf- hör^ch riefen unb winkten, deutlich erkannten. Die Fahrt von Hamburg bis Johannisthal ging glatt von statten. Wir hatteii auf der Fahrt stündlich etwa 125 Kilogramm Betriebsstoff ver­braucht, also einen Verlust von rund 1400 Kilogramm gehabt. Der Ballon zeigte infolgedessen einen ungeheuren Austrieb und schoß jedes Mal, wenn wir landen wollten, wie eine Rakete empor. Mir sahen uns schließlich genötigt, Gas zu opfern und verloren etwa 600 Kubikmeter. UeberdieDauerfahrtdes Militär- LuftschiffesL. Z. 9" werden folgende Einzelheiten gemeldet: Tas Lustfchiff geriet zwischen Koblenz und Metz in dichten Nebel. Die Gefahr war nahe, daß es an die französische Grenze kam. Jnsolgedessen wurde der Kurs geändert und der Plan, Metz zu erreichen, aufgegeben. Zwischen 9 und 10 Uhr vormittags wurde das Ziel, die Baden-Badener Lustschiffhalle vom Luftschiff ge­lichtet. Der Kreuzer manövrierte in der Umgebung der Halle lo lange, bis die vorgeschriebene Fahrtdauer von 20 Stunden erreicht war; dann ging er nieder und landete vor der Halle. Die Abnahme durch die Militärbehörde ist noch gestern erfolgt. 0- aj_c,n t- 'AKr lesen intNeuen Wiener

Tageblatt : Takt ober Talent welchem von beiden gebührt der Vorrang? Takt oder Talent im Geschäftsleben, das ist die Frage Die Engländer hohen sich für den Takt entschieden und mit ihnen ihr Landsmann Mr. Taun, der über das Thema (Srtolg un Geschaftsleben" in der LondonerMemorial Hall" eine Reihe vontaktvollen" Bemerkungen zum Besten gibt. Mr. £aun fagt an einer stelle:Talent ist nicht zu unterschätzen, Talent ift etwas Takt ist alles. Takt ist kein sechster Sinn, aber er ist das Leben aller fünf Sinne." Und er prägt folgende Aphorismen:Talent bedeutet Macht. Takt fertiges Können, Wisien, Gewandtheit/Talent weiß, was zu machen ist, Takt, wie es zu machen ift."Ter Talentierte verdient Re- spett, der Taktvolle wird respektiert."Tatent ist ein Schatz, Takt bares Geld. Mr. Tann hat zehn Gebote aufgestellt, ^m Geschäftsmann den Erfolg sichern müssen. Also vor

Takt muß er haben, dann'muß dem guten Geschäftsmann Gründlichkeit, Charakter, Methode, Genauigkeit, Pünktlichkeit, Regelmäßigkeit zu eigen sein, er muß mäßig und besonnen, vor a em aber em harter Arbeiter sein.Welcher Geschäfts­mann, fahrt Herr Taun fort,könnte sich rühmen, alle diese Tugenden in seiner Person zu bereinigen? Dies verlangt sie aber von ihren Untergebenen, ohne ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen!"

Sarabie« für Sträflinge scheint das Clinton-Graf)chasts-Gefängnis in Dannernara zu sein. Wie aus Neuyork berichtet wird, erhalten die Inf assen dieser eigenartigen Strafanstalt alles was ihr Herz begehrt. Nicht nur Luxusgegenstande und Delikatessen werden den Sträf­lingen ohne Bedenken ausgefolgt, sie erhalten auch, was sie aufs innigste wünschen, Waffen und Gegenstände, die ihnen zum Turchbrennen behilflich sein können. Tie Auf-