Ausgabe 
13.3.1911 Zweites Blatt
 
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161. Jahrgang

Zweiter Blatt

rr. 61

Erscheint ISgN- mit Ausnahme be5 Sonntag«.

ist. Nun will

Herr v. Iagow

persönliches vom Prinzregenten Luitpold von Bayern.

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tritt frei.

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Redaktion, Exyedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: 51.

gUbaftiontedsÄl 12. Tel.-Adr.:AnzeigerGiehen.

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2T6n. Mischer (Soz.):'

Herr Pauli hat hier den Mut gehabt, zu behaupten, daß der Inhalt des kaiserlichen Erlasses durch die soziale Gesetzgebung des Reiches weiter überholt worden ist. Es ist traurig, daß die Romer» bativen keinen anderen Mann vorschicken konnten. Jeder Scrwitt vorwärts ist mühsam den Unternehmern abgerungen worden. ~a8 Zentrum ist schon sozialpolitisch ermüdet. Mit welchem Jubel wurde die angebliche Niederlage der Sozialdemokratie bei den letzten Wahlen begrüßt und was hat dieser Reichstag geleistet? WaS ist aus den Phrasen vom Regierungstische geworden ? Die bürgerlichen Parteien marschieren in der Sozialpolitik immer ein Jahrzehnt hinter den Sozialdemokraten einher. *)On

Dcthmann Hollweg fragte einst mit der Naivität einer Steren Jungfrau, wie man nur glauben könne, daß die Sozialpolitik stille sieben werde. Aber er bat seine Versprechungen nicht eingelost. Auch Herr Delbrück hat nichts getan. Also olle diese Versprechungen sind Humbug. Daö Zentrum ist vollkommen umgefallen. Die größte Partei des Hauses hat in den letzten Jahren nichts getan, um ihre früheren Forderungen durchzusehen. Das Zentrum hat alle Arbeiterinterellen im Stiche gelassen. Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo, beißt seine Parole. Der Osten hat über den Westen gesiegt. Das Zentrum ist ins konservative Lager gezogen und fühlt sich dort sehr wohl. Das Zentrum hat auf seinem letzten Parteitag uns als Staatsfeinde bezeichnet. 216er das hat die Herren nicht gehindert, mit uns in Bayern Wahlabkommen zu treffen. Das ist e i n e s o d um me Heuchelei, daß ein ernster Mann sich schämen müßte, sie auszusprechen. Ihr Parteifreund, der Bischof Hänle, hat sich das Wort Paulus' zu eigen gemacht: Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben; wenn er von seinem Herrn nicht freiwillig aus der Knechtschaft befreit wird." Bei solchen Grundsätzen können Sie sich doch nicht als Sozialpolitiker auf­spielen. Die Behauptung, daß die deutsche Industrie keine weiteren sozialpolitischen Lasten tragen könne, ist bei einer Industrie, die jährlich 4 Milliarden Mark zurückzulegen vermag, einfach lächer­lich. Diese Behauptung hat j impft auch ein dem Hause und zwar der Rechten angehörender Unternehmer aufgestellt. Tas ist etwas ganz anderes als das, was Herr Pauli heute hinaustromp-'tet hat.

Vizepräsident Dr. Schultz:

Sie dürfen Reden hier im Hause nicht mit Trompetenstößen bezeichnen. (Heiterkeit.)

Abg. Fischer (Soz.):

Der Vergleich bezog sich hier nur auf die Starke der Argu­mente. (Große Heiterkeit.) Trotz oller skandalösen Vorfälle wagt man es nicht einmal, die Konkurrenzklausel zu beseitigen, weil man eben gegen die Unternehmerverbände nicht vorzugehen sich traut. Wir fürchten uns nicht vor einem Kampf. Tun Sie, was Sie nicht lasten können. Wenn Sie Ausnahmegesetze machen oder wenn Sie die Entrechtung der Arbeiterschaft innerhalb der be»

DieGießener §amiliendl2tter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da- KreUblott für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Montag, 15. März 1911

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität' - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

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stehenden Gesetze durchführen wollen, wir werden aus unserem Posten sein. Die Arbeiter werden bei den n mitten Wo bleu dafür sorgen, daß eine starke sozialdemokratische Fraktion hier einzieht. (Beifall bei den Soz.)

Abg. Dr. Müller-Meiningen (Vv.) begründet die Resolutionen seiner Partei. Einheitliche Wahl­urnen sind noNvendig. Dem bisherigen Unfug muß cm Ende ge­macht werden. Das ist eine Sache des politischen ^Anstaiibiv Zwergwahlbezirke müssen zusammengeleot werden, ^onst finoer stets eine'Kontrolle der Abstimmung uatt. Wie steht mit dem Theatergesetz? 2J?it der bisherigen AuSü.'Ung der Theosterzensur gebt es nicht so weiter ES ist lächerlich, ein Stück m Berlin zu verbieten, das schon in Hannover und anderstvo aufgefichrt worden

beauemlichkeiten oder Beschwerlichkeiten zu erregen wünscht. Als er während des Feldzuges 187071 die verwundeten bayerifchen Offiziere, die im Schlosse von Versailles untergebracht wann, betuchte 'da meldete der Lazarettinspektor mit lauter Stimme an:

Seine Königliche Hoheit der Prinz Luitpold von Bayern!" Aber sogleich hörten die Offiziere ihn int Vorsaalc abwehren:Pn! Pst' Ich will das nicht haben, es könnte einer der Herren gestört werden! Ich möchte nicht derangieren!" Als der Prinz dann einlrat und die Offiziere sich erhoben, eilte er schnell aus sie zu:Bitte, meine Herren, sitzen bleiben; nur sitzen bleiben, bitte ich komme nur um Sie zu begrüßen und zu sehen, wie es Ihnen gebt!" Solche kleinen Züge von der natürlichen Zartheu und Rücksicht das damaligen Prinzen, jetzigen Prinzregenten Luit­pold, werden gerade aus den Kriegsjahren vielfach berichtet. Hein­rich von Selbitz erzählt, wie erschüttert und bewegt der Prinz war, als er dem verwundeten Oberleutnant Mühlbauer vom 10 Jnsanterie-Rcgimente begegnete, der bereits drei Brüder aus dem Schlachtselde verloren halte: er wußte sich gar nicht genug zu tun in zarten Dorten des Anteils und Beileides. Damals war Prinz Luitpold eine fd)öne und stattliche Erscheinung im treulichsten Mannesalter, aber noch heute überrascht der neunzig- jährtge Greis durch seine Frische, die Schärfe seines Bltcres, die Lebenskraft seines Organismus. Er verdankt diese beneidens­werten Vorzüge zweifellos feiner Lebensweise. Ter Prtnzregent ist bekanntlich lange, bevor dies in der Heilkunde Mode wurde, ein Anhänger dernatürlichen Lebensweise" gewesen. Er schläft kcüt badet kalt, ist den Sommer über in aller Frühe im Freien, und' macht sich viel Bewegung in frischer Luft, »veshalb er auch mit Vorliebe int Winter der gesunden Bewegung des Eisschießens sich widmet. Im Sommer und Herbst aber ist es vor allem Die geliebte Jagd, der Der greife Fürst huldigt. Hebung von Jugend aus hat ihn zu einem ebenso kühnen und ausdauernden Berg-

Die beruflid* Tüchtigkeit be« deutschen Arbeiters steht dock außer Zweifel das hat wieder die Brüsseler Weltausstellung gezeigt. Unsere Sozialpolitik bat Deutschland stark gemacht auch un,ere Wehrkraft gestärkt. Je mehr wir aus diesem Geb,etc tun, um so mehr werden wir imstande sein, ben Verwirrungen auf dem Gebiete bei Arbeiterbewegung wirksam entgegenzutreten.

Abg. Paulv-Votsdam (Kons.):

Die soziale Ermüdung hat ihren Grund in dem Empfinden, bah in diesem Tempo nicht mehr weiter geht. Gewerbe und ~anb- wirtschaft gehören zusammen; aber von dieser Seite (nach Im») hat man die Parteipolitik zwischen diese beiden «tande gebracht Die demnächstige Konferenz im Reichsamt des Innern wird

man« .zst

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Otto Puchstcin. Ter Generalsekretär und Vorsitzende der Zentraldirektion des deutschen Archäologischen Instituts, Pros. Tr. Otto Puchstein, ist einem Schlaganfall erlegen. Er war erst 55 Jahre alt und hatte sich als Universitätsprofessor, Beamter und Forscher große Verdienste erworben. Seine Tätigkeit begann er mit der Ausgrabung des Grabmals des Königs Äntiocho. von Kommagene in Sindschirli am obcrn Euphrat, aus das Mitteilungen des deutschen Ingenieurs Sester die Aufmerksamkeit der Berliner Akademie gelenkt hatten. Er arbeitete hier mit Dem früh verstorbenen Karl Humann zusammen, mit dem er auch sein Reisewerk herausgab. Nach mehreren Jahren, in denen er als Assistent an den königlichen Museen gewirkt hatte, ging er als Professor der Archäologie nach Freiburg und wurde 1905 G. neralsekretär des Archäologischen Instituts. Er leitete die Unter suchung der Ruinen von Balbek und der merkwürdigen hethitischen Hauptstadt von Bogafkiöi östlich von Angora in Kleinasien.

K u r z e N a ch r i ch t e n a u s K u n st u. Wissenschaft. Seinen 70. Geburtstag begeht am 13. d. Mts. der Gehestn Regierungsrat Tr. phil. Karl Goswin Uphues, rn o. Professor Der Philosophie an der Universität H a l l e a. S. - - In Leipzig ftarb der Privatdozent für Geburtshilfe und Gynäkologie an bei dortigen Universität, Dr. med. Hermann Haake im Alter von 75 Jahren. Im Palazzo Vecchio zu Florenz sano Die feierliche Eröffnung der italienischen Bildnis- A n ssteI lung statt, an der sich zahlreiche auswärtige .Künstler bei ligten. Als Vertreter des Königs wohnte der Herzog von Genua der Eröffnung bei. In Rom ist Senator Pier an Genf, Professor des internationalen Rechts und Mitglied des Sck-icos gerichtshof im Haag, gestorben. In Bonn ist bti Violinvirtuose und Atusikdirektor Wilhelm Petersen im Alter von 62 Jahren gestorben.

ist die Brühte s-Bucb-undSts- jießen. SchuW

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Eine gute Sozialpolitik setzt eine gute Wirt- scha f t S p o l i t i'k voraus. Eine ganze Reibe großer Industrien hat günstige Ergestniffe. Andererseits sind die Folgen deS SMu- orbexterftreikS noch nicht überwunden Die Ernteergcbniste stnd in der Hauptsache gut. Unerfreulich waren die Erscheinungen auf lern Fleischmarkte. ES gilt, unsere Viehproduktion zu steigern, daß wir vom AuSlande unabhängig lind. Günstig hat sich auch unier Außenhandel entwickelt, absolut und relativ. Die Schutz­zollpolitik bat sich bewährt Das Kaligesetz bat sieb bewahrt; der Absatz bat sich gewaltig gehoben und der Verschleuderung nach dem AuSlande ist ein Riegel vorgeschoben. Nicht xm wün­schenswerten Maße hat am Aufschwünge die T e 5 t i l i n d u ft r x e teilgenommen; e? tut not, unS eine eigene Baumwollpro- buttxon zu schassen; die verbündeten Regierungen und daS Kolonialamt sind mit vollem Eifer dabei. Auch bxe Frage der Errichtung von Materialprüfungsan st alten für die Tertilindustrie sollte eingehend gesrüft werden. Angesichts der Verhältnisse xnt StastlwerkSvcrband und im Kohleiifynd.lat erinnere ich an unsere im Jahre 1908 vom Reichstag angenommene Kartellresolution , zu der der Bundesrat noch keine Stellung genommen bat. Gewerbe und Landwirtschaft geboren zusammen; leider hat der Hansabund trennend gewirkt; er ist durch die liberale Presse und die liberalen Parteien in das politische Fahrwasser gebracht. Wir bedauern das überaus

In der Sozialpolitik gilt es das Handwerk zu fordern, durch Ucbcrtoei'una staatlicher Aufträge emiesternch zu wirken. Am 7. April wird ja eine Konferenz im Dieichsamt des Innern mit Vertretern des Handwerks stattfinden. Der kaufmännische Mittelstand

leibet unter der illoyalen Konkurrenz der Wanderlager, der unzu­reichenden Vertretuna in ben Handelskammern, der Schwierigkeit der Kapitalbeschaffung, der ungenügenden LebrliiigsauSbilbung, dem Mangel einer organisierten Selbsthilfe. Dxe Reich Sver- sicherungskom Mission hat die zweite Lesung soeben beendet. Alle Parteien dcS Hauses sind sich wohl der Verant- Wortung bewußt, dieses Werk noch in dieser Tagung zu verab­schieden. Meine politischen Freunde werden sich mxt aller Kraft dafür einsetzen. Leider ist

das A'r'beitskammergesetz wohl gescheitert Wie steht cS mit dem R e i ch s t h c a t e r g e s c tz ? Heber die Abonnentenvcrsicherung wird einer meiner Partei­freunde besonders sprechen; es muß jetzt btilb eine Entschmdung kommen, ja, oder nein, sonst ist es zu spät. Die Tätigkeit der Gewerbeaufsichlsbcamten verdient alle Anerkennung. Von größter Wichtigkeit ist der Ausbau des Arbcitsvertragsrechts, besonders des Tarifvertrags rechts. Herr Delbrück bat zwar bei Einbringung des Arbeitskammergesetzes sich in diesem Sinne geäußert, aber man bat den Eindruck, daß m den letzten Jahren im Reichsamt deS Innern auf diesem Gebiete nicht das geschehen ist, was inan vor allem nach den Erklärungen des früheren Staatssekretärs b. Bethmann Hollweg erwarten durfte. (Sebr richtigI) Hier liegt ein wirklich öffentliches Inter­esse vor. Der Redner begrüntet die Resolution unter Bezug­nahme auf die großen Streiks und Aussperrungen der letzten Jahre. Im Reichstage ist eine Mehrheit für Sozial­politik vorhanden. Es heißt, daß sich eine

soziale Ermüdung bemerkbar macht. ES mag fein, daß das an dem Hervortreten der Berufsorganisationen liegt, die ihre Sachen selbst in die Hand nehmen und nicht überall angenehm empfunden werden. Qber die Erfolge der Sozialpolitik können uns doch nur ermutigen.

Oberzensor inPreußen werden. Es ist ihm lehr schlecht gegangen in der letzten Zeit. Ich bin nicht so lieblos, davon zu sprechen, obwohl es sich dabei nicht um den Privatmann., sondern um ben Polizeizensor handelt. Ich bedauere nur^ daß er i o wenig D i tz und Humor hatte, einen Schauspieler zu ver­warnen, der au? seine bekannte Affäre angespielt hatte. Der Re., ner fordert künstlerische Beirate bei der Tbeaterzen,ur ,pr,chr gegen Auswüchse bei der Plakatzensur und führt Beschwerde Über die , ,

Handhabung des V e r c i n S g e se h e

Manche Gerichte fassen das Vereinsgesetz rein formalistisch, ja fast verständnislos auf, z. B. in Breslau. Gegen solche 1.ntzgrixfe der Gerichte ist leider daS Parlament ganz wehrlos. (Staats, sekretär Delbrück: Ich cnichl) Leider auch Sie, Herr Staats, fefretärl

Der preußische Minister des Innern bat eine allgemeine Verfügung erlassen, wonach alle Wahlrechtsumzuge von Dorn» herein verboten werden sollen. Das entspricht nicht dem Gesetz. Haben sich denn alle Bande frommer Scheu gelöst? -Illes mufi den Amtsvorstehern und Landräten zum Besten dienen, wenn es gilt, freisinnige Versammlungen zu verhindern: Gpibemicn. Maul- und Klaucnscuckfe, alles was möglich ist. Denken Sw an die Scharlachcpidemien im Wahlkreise HeydebrandS, die ]cbc liberale Versammlung unmöglich machte. .Konservative Veriamin lungen finden ungehindert statt. In Frankfurt.Jebus wurde eim- Versammlung in einem Garten verboten, weil kein Abort unD keine Pumpe im Garten waren. Da« ist eine V e r h oh n u na des Gesetzes! Darunter muß die Staatsautoritat aufs ärgste leiden. Die Gastwirte werden auf jede Weise schikaniert, wenn sie liberale oder sozialdemokratische Versammlungen dulden. In neuester Zeit wird auch

der deutsche Bauernbund beinahe so schlecht behandelt wie die Liberalen. Der Redner verweist auf einen Bericht des Bauernbund - Vorsitzenden siir Westpreußen, wonach sogar die überwachenden Gendarmei'. Agitationsreden für den Bund der Landwirte hieltenI Der Reichskanzler bat diese Schikanen mißbilligt. Wo bleiben aber die Taten? Er soll endlich, wenn er cs erst nimmt, in die,e unge­setzliche Gesellschaft hineiiischlagen! Es muß auf die Dauer für den Staat verhängnisvoll werden, wenn den. Geseizen zu­gunsten bet konservativen Partei cm Schnippchen geschlagen wird. (Beifall links.1

Abg. Linz (RpZ:

Die Arbeiterschlitz-Geietzgebiing bar Deutschland an die Lvihe aller Kultucnalioneii gestellt. Sie ist das größte Werk der sozia­len Gerechtigkeit, das die Welt geiehcn Hai., Die Bereitwilligkeit und Freudigkeit der bürgerlidien Gesellschaft zur sozialen Hilfe wird allerdings durch die skrupellose Agitation der Sozialdemokratie nicht gerade erhöht. In letzter Zeit sucht die Sozialdemokratie ihre Herrschaft durch den Abschluß von Monopoltarifvertragen zu festigen, durch die alle anderen Organi­sationen ausgeschlossen werden. Das ist eine ernstliche Bedrohung des Kcalitionsrechtes. Tie Mißstände beim ^Gesetz zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs werden immer mehr -chwinden, wenn der Geist des Gesetzes Gemeinbesitz unserer Geschäftswelt getoor- den fein wird. Tcr Redner fordert eine einheitliche Regelung deS Ausverkaufswesens. Ter

Bestechungs- und Schmiergelderparagraph hat leider versagt. "

Ter heimliche Warenhandel muß durch das Gesetz bekämpft werden. Ter Redner verlangt eine Vertretung der Detaillisten in den Handelskammern und des Mittelstandes im wirtschaftlichen Ausschuß. Leider kommt beim Abschluß von Handelsverträgen die Textilindustrie stets zu kurz, so auch beim neuen deutsch-spanischen Handelsvertrag. Ter Redner fordert Reichsmittel zur Hebung der Produktion von Tertilrohstoffen in ben deutschen Kolonien und zur Schaffiing einer zentralen Materialienvrüsungsstelle. Notwendig sei die Aufrechterhaltung des portugiesischen Handelsvertrages. Für alle zukünftigen Verträge muß von unserer Diplomatie die größte Umsicht und Tatkraft angewendet werden, damit die deutsche : Industrie vor plötzlichen und unliebsamen Störungen und Uebcr- ! rafchungen geschützt wird. (Beifall rechts.)

> Tie Ageordneten Bruhn (Refpt.) und Kölle (Wirtsch. Vgg ), i die noch auf der Rednerliste stehen, sind nicht anwesend.

: Ein Vertagungsantrag wird angenommen.

- Weiterberatung: Montag, 2 Uhr. Schluß 514 Uhr.

Deutscher Reichstag.

145. Sitzung, Sonnabend, den 11. März.

Am Tische des Bundesrats: Delbrück, Richter, ^Präsident Graf Schwerin-Löwitz eröffnet die Sitzung um 12 Uhr 20 Minuten.

Der Gfat des Relchsamfs des Innern.

Auch diesmal liegt zu diesem Etat eine große Reihe von Resolutionen vor. Davon sind zum Gehalt st iter des Staatssekretärs gestellt eine von Vertretern aller Parteien unterzeichnete Resolution Fischbeck (Vp.), die den Reichskanzler ersucht, in Vereinbarung mit den deutschen Bunde?, regxemngen und in Benehmen mit der österreichischen Staats- Regierung eine Sachverständigen kommission zu be­rufen, um die Schaffung einer deutschen Einheitssteno- graphie möglichst balo zu bcrroirllicbcn. Eine gleichfalls von allen Parteien unterstützte Resolution Blankenhorn (Natl.) wünscht im Interesse der Winzerbevölkernng mit den erforber- lichen Kauteken die zollfreie Ei'nfuhr von Tabak­laugen zum Zweck der Bekämpfung von Pflanzen- schäolingen. Das Zentrum verlangt in einem Antrag Hertling im Reichsamt des Innern eine Zentralstelle zur Förderung der Tarifverträge zwischeii Arbeit- gebern und Arbeitern. Eine konservative Resolution Graf Farmer fordert in einer Novelle zur Gewerbeordnung die Be­dürfnis konzession für WanderZager. Tie Sozial- demokraten beantragen den Erlaß eine? Reichöbergge. setzeS mit einer Reihe von Einzelsorderungen sowie einhei t- liche Regelung der Verhältnisse der WerkSpensionS. lassen.

Abg. Dr. Pieper (Zentr.):

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hoffentlich eine befriedigende

Abgrenzung von Fabrik und Handwerk bringen. Dem Abschluß von T a r i f v er tr ä gc n stehe ich sympatbisch gegenüber, nur werden da die Arbeitgeber im lieber- maß belastet, da sie Me ganzen Verhandlungen allein fuhren muyen, während die Arbeiter ihre bezahlten Angestellten dafür baben. Gin Reichstarifamt würde sich aber zu einem eigenen Reich^amt autzwachsen, und eine solche neue Belastung können mir und nicht gestalten. Man darf in der Sozialpolitik den Bogen nicht über­spannen; die Lasten werden so groß, daß Mo Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem AuSlande aufhört. Der Webner forbert jur b« Innungen bas Recht, Mindestpreise festzusetzen (§100q 9t. G. O.), ferner die Zuziehung von Sachverstänbigen bet SubmiUionen für die Festsetzung der Preise. Staats- und kommunale Behörden sollten der

Jugenderziehung im nationalen Sinne ihre größte Aufmerksamkeit zuwenden. Die Linke wirft unS vor, daß wir mit unseren Anträgen Wahlagitation treiben. Man lucht niemand hinter einem Busch, hinter dem man nicht selbst schon gesesien bat. Wir vertreten daS Handwerk, nicht die L,nle. Jcur in der Blockzeit stimmte sie für einige Handwerkerforderungen. Heute würbe sie wieder dagegen sein. (Widerspruch links.) Die Linke will jetzt die Handwerker wieder inS eigene Lager locken. TaS wird ihr nicht glücken. Das Handwerk weiß, wo seine wahren Freunde sitzen! (Zuruf links: Finanzreform!) AL laßen Sw daSl (Zuruf links: Das möchte Ihnen so vollen!) Mit dem Bund der Handwerker, den unS Dr. Pachnicke an die Rockschotze hangen möchte, haben wir nichts zu schaffen. Wir verbinden unsere Parteipolitik nicht mit der Jnteressenpolitik. (Widerspruch links, Beifall rechts.)

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Es war im Jahre 1883. Meister Miller in München sollte einen Teil der Germania für das Niedcrivacddeiilmal gießen und der damalige Prinz Luitpold wohnte dem interehauten Vorgänge bei. Der Zapfen war eingestoßen, das flüssige Erz donnernd in die Kanäle geschossen und nun wurden die Zapfen gezog.'i, das Metall stürzte in die Form, und als sie gefüllt war, flog mit der aus den Windpseifen mit großer Gewalt ausgestoßenen ~uu auch ein Sprühregen flüssigen Erzes gegen die Tecke des Gusthauieev 3n der Aufregung des Augeichliäes war es Müler entgangen, lui, Prinz Luitpold, um besser zu sehen, seinen Platz verlai'en hatte und hinter ihin unter den Arbeitern stand. Tie Arbeiter man.i gegen das niederfallende flüssige Pietall durch dicke Röcke und vor- gehattene Bleche geschützt: anders aber war es bei dem Prinzen. Äuch auf ihn ging der Feuerregen nieder und ein ungefähr laiergroges Stück flüssigen Erzes fiel ihm in den Nacken. Sofort suchten die Nächststehenden Die brennend? Halsbinde und tun Aock durch Erdrückung der Glut zu löschen, aber damit wurde das unter die Kleidung eingeDrungene Erz nur um w fester an den Nacken gepreßt', so daß Dort eine tiefe, grost? Brandwunde entstand Müler sprach sein Bedauern über den Unfall aus, eber der Prinz wehrte ab, es sei seine eigene Schuld, fuhr tr heim, setzte sich, ohne sich vorher verbinden zu lauen, zur iaiel, ivo seine Gäste bereits seiner waneteten und h.ett nach 'eren Beendigung den üblichen Eercle ab, obgleich er am 'Nacken nne große, heftig schmerzende Brandwunde hatte. Keiner von leinen Gälten bei am etwas davon zu merken, -tici? kleine Ge­richte erzählt Ferdinand von Miller selbst in der prächtigen und reichhaltigen Feitschrifc zum UO. Gedurtstc^e ix», Bxnnz- :egenten, die unter dem Titel90 Jahre in 2reiie fest un uu| ........ - - . .-

Verlage der Tr. Wildschen Bnchdruckerei in München ,oebeii er- st^ger wie zum besten Schutzen weil und breit gemacht, der eine scheint, und sie gewährt einen vortrefflichen Einblick in^ den Gha- auf der Flucht zu schießen vermag.

ratter De» greifen Fürsten, der sich auch in schwierigen Situationen iiü beherrschen versteht und der nie und nirgends anderen Un-1

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