Ausgabe 
15.6.1911 Zweites Blatt
 
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Donnerstag, 15. Juni 19(1

SolationSbrncf imb Verlag der Brühl'fchen Universität- - Buch- unb Steiudnickerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Crrpcbition und Tnickerei: Schuk- straße 7. Expcdttion und Verlag: 5L

Redaklion:^sKll2. Tel.-^ldruAnzeigerGießen»

Sie ,,Eichener Familienblätter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Eietzen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Zeil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

8. venlschcr gewerblicher SenossenschaslLlag.

~ Frankfurt a. M., 14, Juni.

Mit einer Ausschußsitzung begann hier int Zoologischen Garten die 8. Tagung bc-3 <v>aubtoerbanbcv deutscher gewerblicher Ge nossenschastcn. Aus dem Bericht des Vorstandes geht hervor, daß dem Verbände 224 Handwerks- nitb Gcwerbekamincrn, 16 Revi sionsverbände, 360 Kreditgenossenschaften und 409 Rohstoff- genosscnschastcn augehörcn. Rach der Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten traten die einzelnen Jachkonferenzen ,ju ihren Sitzungen zusammen. In der der Kreditgenossenschaften sprach der VerbandSdirektor Meyer i.\)amiooer) überSic Kredit- frage int G e n o s s e it s ch a f t s w e s en". Er befürwortete fol­gende L e i 11 d r c des Vorstandes, die nach lebhafter Aussprache auch die Billigung der Versammlung sanden:Der Genossen- schaststag möge beschließen: Kreditgewährungen an industrielle llnternchutungen nur ausnahmsweise eintreten und hierbei größte Vorsicht walten zu lassen. Bei der Beleihung von Ziegeleien, Brauereien, Mühlen u>w. ist die Höhe dcr Kredite möglichst ein- zuschränken. Hypotheken auf Fabrikgrundslüclc, Wertpapiere ohile Börsenkurs usw. können im allgemeinen als Sicherheit für größere Kredite nicht gelten. Tie Uebcrnahme industrieller Anlagen zur Rettung gefährdeter Forderungen ist seitens der Krcditgenossen- schasten möglichst zu vermeiden. Alle Spekulationsgeschäfte sind nnbeoingt zu unterlassen." Zur Frage der G i r o o e r b i Üblich­keiten der Kreditgenossenschaften ' stellte Sommer > Frank' furt a. M.) folgende Leitsätze auf:Giroverbiitdlichkcitcit gehören

Klagen aus Seefifchcrkreifcu

sind in letzter Zeit wieder häufiger anfgetaudft. Lebhafte Klage imrb über die wieder überhand itehtnettdc Raub- fi sch er ei der e it g l t s ch c tt Fischer an der deutschen Rordseelüste geführt. Trotz der drei Fifchereischutzkreuzcr, die in Norderney und Sylt stationiert sind, gelingt cs nicht, dem Treiben der englischen Raubfischer entgegen zu treten. Cs scheint dies daran zu liegen, daß die Fftchertrcuzcr ihre Fahrten in bestimmtet Zwischenräumen unternehmen und die englischen Fischer sich die Abwesenheit der Kreuzer zunutze machen. Cs ist deshalb bestimmt worden, daß die Fischereilreuzer ihre Fahrten nicht nach einem bestimm­ten Plan cinrichten. Tie weiteren Klagen gehen von Fischertt der Ostsee aus, die gegen die Konkurrenz schwedischer n*t ö dänischer F ischc r und Fischvcr- läufer in den Ostseehäfen Front inachcn. Tiefe Konkur­renz hat die Preise so gedrückt, daß die Fischerei nicht mehr rentabel ist. Diese Uebelstände jassen sich jebod) nicht vermeiden, da die Zollfrciheit für frische Fische bis zum 31. Tczcmber 1917 fcstgelegt ist. Man will jedoch den Fischern staatlicherscits dadurch entgcgcnlommctt, daß ihnen zur Ausrüstung der Fischereifahrzeuge mit Motoren Reichs - bcihilfen gewährt werden und die Fischereihäfen weiter ausgestaltet werden.

Apolitische Tagesschau.

Zur staatlichen Privat-Beamlen-Versicherung

ist eine Kundgebung des Deutschen Privat-Beamten-Ver- PDn ^"teresse, die von dessen Hauptversammlungen mit Ctustunmigtett angenommen wurde und die hauptiächlicki dns Verhältnis der st a a t l i ch e n zur p r i v a i c n Versicherung betrifft. Tie Entschließung lautet:

d.ic ant 12. Juni 1911 in Berlin tagenden Hauptversamm­lungen des Teutchieii Privat-Bcamten Vereins, sowie der P,n fiondfane unb bei Witwenkasse bes Vereins, Berncherungsvereine AM Gegen,ejtigkett, begrüßen bantbar den Eutnmrs eines Ver- ficherungsgclctzes für Angestellte. Sie erllären sich mit der Stel­lung, welche die Hauptverwaltung zu dem Entwurf, msbesondere zur ö-ragc der Er,atztnstitute sowie gegenüber dem Hanvtausschuß Mr die itaatlidic Penßons- und Hinterbliebenen-Veriichcruiig der Vrwatangenellten eingenommen hat, einverstanden. Tie Haupt veriammlungen lvrechen den gesetzgebenden Körperschaften gegen­über die Erwartung aus, daß die Rechte derienigen Angestellten, welche tu privaten auf dem Grundsätze der Selbsthilfe aufgebauten, von Berufsorganisationen gegründeten Kassen versichert sind, dauernd auch nack^ Verkündung des Gesetzes in vollem Umfange gewahrt werden. ^ic legen entschieden Verwahrung dagegen ein, day die seit Jahren bciteljeubcn, erwiesenermaßen leistungsfähigen ita,feil ju Zummtzkassen herabgesetzt ivcrben, wodurch ihnen die ^terblichkeits, ^nvaliditäts und Zinsgewinue, mit denen jede Berncherung rechnen muß. -,um Nachteil der Versicherten ent­zogen iverden. Eine Schmälerung der Rechte der Versicherten, insbesondere auch eine Schmälerung der Bezüge der Alters- und Jnvaliditätspensionäre und der Wjtwenrentnerinnen ist nur zu vermeiden, wenn die bestehenden Kassen der Berufsvereiue durch uneingeschränkte Zulassung als Ersatzinstitute unter den im (besetz entwarf vorgesehenen Bedingungen der weitere Zugang ermöglicht wird und wenn auch die nach Verkündung des Gesetzes abg? schlofsenen Eiiizelversicherungen mit gleichen Beilragslasten wie den gesetzlichen von der Beitrittspslicht zur Reichsversichernngs- anstalt befreien. Tadurch können die Ueberschüsse, durch welche das Rentenausmaß wesentlich mitbeftimmt wird, weiterhin g. sichert werden. Die Hauptversammlungen halten cs für ein Ge bot der sozialen Gerechtigkeit, daß dasselbe Recht, welches für die Unternehmungen, die ihre ganze Beamtenschaften in Penjions und ähnlichen Kassen versichert haben, in dein Entwurf vorgesehen i>l, auch den einzelnen Versicherten zugebslligl wird, bic, ohne den Zwang des Gesetzgebers abzuwarten, ohne die Unterstützung des Arbeitgebers aus eigener Initiative und Kraft schon seit Jahren Versicherungen zur Sicherstellung ihrer Zukunft unter zum Teil schweren Opfern abgeschlossen haben."

Befreiung -er h-ssischen Lehrer vom Grganistendienst.

In den meisten deutschen Staaten sind die Lehrer der pflichtet, den Organistendienst zu versehen und das viel­fach gegen eine Vergütung, die keineswegs mehr zeitgemäß ist. Im G^ßherzogtum H essen ergaben sich bnbei" fold)c LN.Kvierigkctten, daß sich der Landeslehrerverein veranlaßt ,ah, in einer Eingabe an den Landtag um Aufhebung des betreffenden Paragraphen des Schulgesetzes zu bitten. Die Lehrerschaft ist bereit, der Kirche Organisten zu stellen, aber sie hat Bedenken dagegen, daß nadi § 50 des Ge- >etzes jeder Lehrer zur Uebcrnahme dieser kirchlichen Funk- ltonen gezwungen werden kann. Auf eine Anfrage des 4. Aussdchsjes der Zweiten Kammer äußerte fick, das Mini­sterium über diese Frage in einem Sdireiben, dessen In­halt von allgemeinem Interesse sein dürfte. Die hessische Regierung sagt darin unter anderem:Eine bei den Grvßh. Kreis, chnllomMissionen verannaltete Umfrage er gab bereit einmütiges Eintreten für die Aufhebung des Artikels 50. In Baden hat die Llufhebung der Vcrpflich- kung der Vollsschullehrer zur Uebcrnahme des Organisten dienstes im allgemeinen keine Mißstände zur Folge gehabt. Es ist dies, wie uns auf eine Anfrage an bas Badische Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts mit- gcteilt wurde, namentlich durch eine angemessene Er­höhung des Lrganistengehaltes ermöglicht worben. Es darf erwartet werden, daß aud) in Hessen nach Aufhebung des Artikels 50 des Schnige.etzcs die Mehr zahl der Lehrerorganisten den Organistenbicnst auf dem Boden des freien Uebereinkommens weiter versehen wird wie seither, unb daß fia> aud) bei uns die Loslißung des Organistendienstes vom Schulamte ohne besondere Schwierigteiten rollzichen wirb, wenn eine längere Uebcr- gangszeit festgesetzt wird, während der die Lehrerorganisten gehalten sind, den Organistendienst unter den alten Be- bingungen weiter zu versehen, unb so ber Kirche Gelegen­heit geboten wirb, ba, wo es nötig werden sollte, für geeigneten Ersatz zu sorgen. Da an ber Losung dieser 6rage Staat, Kärche unb Schule beteiligt sind, werben wir die begonnenen Verhandlungen fort,atzen and behalten uns vor, bei einer demnächstigen Revision des Schulgesetzes auf die Angelegenheit zurückzukommen." Tie Mehr­heit des 51a mm er an s | ch u sfes war der Ansick)t, daß sich durd) die Aufhebung von § 50 ein Ucbcrgang vollziehen werbe, ohne baß babei bas kirchliche Leben eme Schädigung er leidet, unb ihr ad) fich für die Streichung des Llrtikels 50 des Volksschulgefetzes aus.

Nr. 138 Zweiter Blatt chs. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Q

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesfen

nicht in die Bilanz, sic sind ober in dem Geschäftsbericht zu cr> wähnen Girovcrbindlichkeilen aus Fnkasfowcckifcln können als Betriebsmittel nicht angesehen werden. Wenn durch die Leiter- begebung von Gcschäiiswechseln für die Genosicnfchaft regelmäßig Betriebskapital besaaj'l wird, so sind die daraus entstehenden Girovcrbindlichkeilen als Betriebsmittel aufzufassen." Die Leitsätze wurden angenommen. Direktor Kort ha ns tBerluO empfahl den Genofiensckiaftcn die Ausnahme des Efsekten- geschäfts in solidem Rahmen. Zur Frage der Einziehung oder Diskontierung von B u ch s o r d c r u n g e n enipsahl der erne Redner, Genoiscnschaftsvorsteher Esser Euskirchen), die weitere Errichtung von Einziehungsämtern, ivährcnd Dr. H a m p k e (Hamburg) die Tiskomierung von Buchsorderuiigcn für einen völlig ungeeigneten Weg hielt, um das Borgunwesen zu bekämpfen. jedenfalls sei es nötig, erst weitere Erfahrungen abzuwartcii, ehe man mit der Errichtung von mehr Einziehungs- ämtern vorgehc. Tie folgenden Verhandlungen betrafen An gclcgenhcitcn der Rohstofsgenossenschaiten. Ter Ostschäftsführcr des Teutschen Handwerks und Gewerbekammertages Tr. M eusch Hannover' berichtete über die bisherigen Eriahrungen mit der

Vergebung v on öffentlichen '?( r bci t cn an H and we r k e r g c n o ssc nschaften. Er teilte mit, daß sich das Kriegsministerium teilweise nicht lobend über seine Erfahrungen ui dieser Beziehung ausgesprochen habe. Es Nagte über Un­pünktlichkeit der Lieferungen, Weitergabe der Arbeit an andere Unternehmer, Lohndrückerei usw. Nachdem der Vorstand der Ge nosfenichaften unb der Deutsche Handwerks und Gewerbekammer - tag bestimmte Grundsätze ausgestellt haben, die in einer Kontrolle der Handwerkergenossenschaften nnd der von ihnen zu liefernden Arbeiten gipfeln, bat der Kriegsminister verfügt, daß ein Prozent der durch das Ministerium zu vergebenden Lieferungen an Hand­werkergenossenschaften verwiesen werden sollen. Syndikus Schr ö - der 'Wiesbaden) und Sekretär Schuler (Ulm) svrachen noch über die Mittel, um den Folgen der Boykottierung de r R o h st o f s g en o s s c n 1 d, a f t e n durch die Bereinigungen der Großhändler und Fabrikanten zu begegnen. Tic Redner empfahlen Zusammenschluß der Rohstoffgenossenschaften zu 3cntraicin!auiv- genossenfchaften, um ihre Macht zu vergrößern

uiio Land.

Gießen, 15. Funi 1911.

** Ter Gießener Verein für Luftsckfifs- fahrt beabsichtigt, tm Zuli ein Automobilverfolguugs-- rennen mit drei Ballonen zu veranstalten. Ter Fahrten- ausschuß rechnet babei natürlich mit ber regen Beteiligung ber hiefgien unb auswärtigen Atitomobilisteit. Für ben Fahrer, ber bem Fuchsbailon am nächsten kommt, wirb genügenbe Beteiligung vorausgesetzt ein be^ sonberer Preis gestiftet werben. Um auch den Maschinenflug hier vorzuführen, hat ber Verein mit T arm stabt Unterhaiibluiigen angeknüpft, unb inan darf bamit rechnen, baß schon bald ein Flieger hierherlommen wirb, um Schauflüge zu veranstalten.

** Ter Eoang. Arbeiterverein unternimmt am Sonntag einen Ausflug, bei dem die Aufführung eines Kriegsfpiels geplant ist. Neben den Mitgliedern der GesangSabteilung wird sich hierbei die Jugend vom 14. bis 20. Jahre beteiligen. Die Führung deS ^Gefechts^, baS zwischen Krofdorf und Launsbach slattsindet unb von der sog. .Napoleonsnase* sehr gut zu übersehen ist, liegt in den Händen ehemaliger Unteroffiziere und Mannschaften. Nach Schluß des Spiels findet ein gemütliches Zusammensein in KriHdorf statt. Weiter ist demnächst ein Felddienst vor­gesehen, wobei int Freien abgekocht wird.

** Vom Biograph wirb uns geschrieben Ans dem neuen Biograph-Programm bars bas DramaTas An­dante", ein tiefergreifenbeb Bilb aus ber Künstlerwelt, als eines ber schönsten Dramen, bie je vorgeführt worben sind, betrachtet werben. Tie mitwirtenben Künstler Haven ich rebliche Mühe gegeben, bas Stück zu einem ber best-> gespielten Lichtbilber zu gestalten, unb wirb es sicherlich auf jeden Zuschauer einen tiefen Eindruck ausüben. Evenfo-- viel Erstaunen wie Heiterkeit ruft bas rühmlichstbekaintte Talent.unseres kleinen Freundes Fritzchen hervor, der

ICunft, Wiffcnfdtaft und Leben.

,,Dic Speisung ber 55 000". Bei der Krönung des englischen Königspaares iverden in London etwa 55 000 Sol­daten zusammengezogen sein, die in beit öffentlichen Parks bi­wakieren, und die Pioniere sind schon eingetroffen, die Lager aufzuschlagen. Was die Verpflegung dieser ungeheuren Truvven- zahl anbetrifft, so bekommt jeder Soldat die sogenannte ,,Krönung.^ ration", für die eine große Unternehmerfirma in London sorgt. Ticse hat mit der Militärverwaltung einen Kontrakt geschlossen, ähnlich den Verträgen, die in den Geschäftsbüchern der Firma unter den Namen eingetragen sind:

Vertrag über das Begräbnis der Königin Viktoria,

Vertrag über die Krönung König Eduards,

Vertrag über das Begräbnis König Eduards, Vertrag über die Königsproklamation König Georgs.

Den Truppen wird folgendes geliefert: Zum Frühirück: 1/2 Pfund Brot, * _ Liter Tee, 300 Gramm Butter, U Pfund gekochtes Fleisch. Zum Mittagsttsch: 1 _ Pfund Brot, , Pfund neue Kartoffeln, 1 Pfund Fleisch. Zn Abend: 1. tilcr_4.ee, i.. Pfund Brot, 300 Gramm Butter. Um einige Abwechslung in die dritte Mahlzeit des Tages zu bringen, bekommen die -truppen umschichtig zum Tee Fruchtgelee, Büchfenficisch und ^arbnicn. Tic Firma liefert mir die Rarionen, das Kochen besorgen bie '.(rmcc- küche. Backen und braten ist verboten; daher wird jedes Gericht zum Mittag geschmort sein. Feder Mann bekommt ' Liter Bier oder Fngwcrbier ic nach Wunsch. Außerdem werden in den Parks 150 bis 170 Kantinen und Eririschungshallcn errichtet, in denen die Mannfckwften Kakes, Schokolade und an bere Kleinigkeiten kaufen können. Um sich^ einen Begriff von der Ausdehnung zu machen, welche die Vorbereitung zu dieser Speisung ber 55 000 Mann erfordert, mutz man iidi ver­gegenwärtigen, daß gebraucht werden: Tee 1500 Kilogramm, Butter 10 000 Kilogramm, gekochtes Fleisch 10 000 Kilogramm, Kartoffeln 60000 Kilogramm, Zwiebeln 20<>00 Kilogramm, Fruchtgelee 8000 Kilogramm, Bier und Jngwerbier 110 000 Liter. Zur Ikbciiundmng der Lieferungen und Verteilung nt ein etab von über 12 000 Mann erforderlich, anyerdenl und <0 Au'- sehcr unb 12 Geschäftsführer ber Firma babei tätig.

TieOhrfcigcn ber Schau s viel e r i n. Aus Paris wirb berichtet: Ein recht amüsantes Abenteuer ^passierte bieicr Tage hier dem jungen russischen Schrift,teller ^wronrew, ba jich überall als Freund Gorkis vorßellte. Als er eines Abends aus dem Theater kam, geriet er aus entern ganz nichtigen Grunde in einen Wortwechsel mit einem Schutzmann, und das Ende vom Liede war, daß der aufgeregte Russeauigejdjrtebcn' und zur

Wache gebracht wurde. Zent mußte der Freund Gorkis unter der Anklage der Bca.mtenbelcidigung und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt vor Gericht erscheinen.Ist es wahr", fragte ihn der Vorsitzende,^ daß Sie den Schutzmannvache tituliert haben?" Man muß wissen, daß das Wortvache. das im klassischen Französisch einen harmlosen Wiederkäuer bezeichnet, im Pariser Zargon ein rohes Schunpfwort bedeutet, unb daß man einen Hüter ber öffentlichen Ordnung nicht ärger beleidigen kann, als wenn man ihnvache nennt. Auf bic Frage des Gerichts­präsidenten antwortete nicht der angeklagte Verbrecher, sondern sein Verteidiger:Mein Klient", sagte er,versteht auch nicht ein Wort Französisch und soll nun gar das Pariser 5naßen französisch verstehen?! Das Wortvache (lies: wasche, hat im Russischen nicht den beleidigenden Sinn, den das Gericht ihm zuschreibt. Ich kann Ihnen zum Beweise für meine Behauptung eine vor nicht langer Zeit passierte Geschichte erzählen, bie buch stablich wahr ist. Fräulein Torel, unsere berühmte Schauspielerin, weilte vor einigen Monaten in Petersburg und'wurde eines Abends ju einem Empfang im Hanse eines Großfürsten ent» geladen. Fn hocheleganter Toilette erschien, sie im Vorzimmer des Palastes, war aber wie zu Stein eritarrt, als ein Bedienter -u ihr mehrere Male deutlich bie Wortevache salope, aller­dings mit betonteme, sagte. Fräulein ^orcl meinte, daß der Diener dase nur deshalb betone, weil er bie französische Sprache nur mangelhaft beherrsche, unb hielt deshalb die Worte vache salope Tür das, was sie im Französischen bedeuten: Kuh und Schlampe. Sie glaubte sich daher berechtigt, dem Burschen ein paar schallende Ohr'eigen zu geben. Es cntiianb ein solcher Lärm, daß der Großfürst in eigener Person herbeieilte, um zu jeljcn, was da passiert wäre. Als die Künstlerin ihm den Sach­verhalt erzählte, lachte er Tränen; im Russischen bedeuten näm­lich die Wortewasche salope nichts anderes alsIhr Mantel". Der Diener hatte alio die Künstlerin mit dem größten Re'vekt ersucht, ben Mantel abzulegen, und sie hatte geglaubt, daß er sie beschimpfe, ohne zu bedenken, daß tlickst jeher Mensch Franzö'isch zu verstehen braucht, und baß nicht alles Franzöii'ch ist, was Französisch ilingt." Diese Anekdote, die der Anwalt erzählte, wirkte so durchschlagend, daß da-s Gericht den Freund Gorkis kostenlos frcisprach.

Amerikanische Kirche n beleucht u n g. Die ihrer Vollendung cnrgegengcbcnbc neue St.-Johns Kathedrale, von Neuyorl, der nach feiner Fertigstellung ber größte Kirchenbau Amerikas unb zugleich bas viertgrößte Gotteshaus der Welt feilt wirb, soll durch die Art unb Weife, wie bie Archi- tclten bie wichtige Frage der Beleuchtung behandeln, eine einzig­artige ^ehenswürbigieit bilden. Fm ^ilumütatiitg Engineer macht

W. H. Spencer einige inrereffante Angaben über diese neue Art der .Kirchenbeleuchtung, die damit bei einem Gotteshause zum erstenmal zur Anwendung kommt. Es hat harte Kämpfe gekostet, ehe sich der Geoanie durchgesetzt hatte, von der herkömmlichen Form der Beleuchning abzuweichen. Trotz der frühgotischen Archj- tektursormen des Baues werden die Baumeister von allen sicht­baren Lichtkörpern absehen: der Tom von Rcuyork ioirt> keinerlei Kandelaber zeigen. Statt dessen sind die Techniter zu genau derselben Tyorm der Beleuchtung übergegangen, bte sonst im modernen Theater üblich ist: alle Lichtanellen werden verdeckt und so ist nun bie Wirlunng der Beleuchtung sichtbar. Die Proben, die in dieser Richtung angestellt worden find, haben nach den Aussagen der Fachleute überraschend günstige Ergebnisse gezeitigt, ja für das Herz des echten Baumeisters wirb die R.-u Dörfer Kathedrale sogar am Abend ober bei Nacht m ihrer iünstlichcn Beleuchtung einen stärkeren Einbru:k erreichen, als bei Tageslicht. Wahrend sich am Tage die Wölbung des inäch tigcii, hohen gotischen Mittelichi"'es in ungewissem Halbdunkel verliert, und alle Einzelformen sich diesem weihevollen Gesamt- ciitbrurfe utucroröncn, werden am Abend nach der Einschaltung der unsichtbaren Beteuchtungslörper fich alle Linien des Bau­werkes, alle Gewölbe und alle Einzelformen, durch das Licht vcrstärtt, scharf atisprägeti. Tas Schioergeivicht der Helligkeit wird naturgemäß aut ben Chor gerichtet, wo der Altar in ein Meer von Lickst gebaucht erstrahlen wird. Die eichengeichnitzten Kirchenstühlc für die Geistlichkeit haben eine besondere Form der Beleuckstung. Zn der Rückenwand tedes Sipes ist eine Helle btrnfitingclbc Glasplatte eingelassen, hinter der die elektrischen Glühkörper verborgen sind, unb am Abend nach ort Einschaltung ein zartgedäinpsies, sonnen.ihnliches Licht nueftrablen. Von einzig­artiger Wirkung wird die künstliche Zllumination der vier großen Kirchenfenster über der Orgel sein. EtN7a lieben Meter von ben Fenstern entfernt sind in SilberglaSreffclioren eine Reihe von Glübtörvern angibradn. Besondere Vorrichtungen werden es er­möglichen, bic Lichtkra't dicer künstlichen Bclcuch.u.ig abzudampfen, io daß man Aitr Nachtzeit täufchetid den Eindruck eines natürlich durch das Fenster cntfallenben Tageslichtes erzielett kann.

Kurze Nachrichten aus K u n st und Wissen­schaft. Der 7. Internationale Kongreß für Kri­mi n a l a n t h r o v o l o g i e findet nach bem Beschlüsse des letzten Kongresses in Turin vom 9. bis 13. Oktober -.n Köln a. Rh. statt. Rach derMünch. Med. Wochenichr." soll mit der Ber iammlung eine Ausstellung triminal-psychologisch wichtiger Gegen-' stände sowie auch von Gegenständen aus dem Gebiet ber Polizci- wissenschaft verbunden werden.