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12/04/1911 Erstes Blatt
 
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Nr. 87 Erster Blatt lös. Jahrgang Mittwoch, 12. April 19U

Ter Gießener Lnzekger JPSHÄ M M Vezug»prei4:

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wirtschaftliche Seltfraret M M M Chesredakteur: A. Goetz,

fterusprech - Anschlüsse A <3 kJ Verantwortlich für den

K,l die Nedaklion 112, politischen Teil: Aupusi

®B? General-Anzeiger für Oberhessen £»EE n"n's"." «otaNonrdnid vnd vttlag Otr vrühl'schen Unio..Bud). unö Steinbruderfi R. fange. Reöaftion, ürpebition unö Druderet: Schxlstrahe 7. M d"n

bis vonniltags 9 Uhr. Büdingen: Fernsprecher Nr. 50 Geschäftsstelle Bahnhofstraße (6a. Anzeigenteil: H. Beck

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Umgestaltung der Ausftandsftatifttt.

Dir Mängel der anttlid) aufgenommenen Statistik der ^Trbeitdftreiti^rcitcn sind nicht wcgzulcugnen. Diese Sta­tistik gibt fein vollständiges Bild über die Ausstandsbe- wegung und berichtet über Lohnbewegungen, die ohne Ar­beitseinstellung verlausen, überhaupt nicht. Da die An­gaben auf dem Wege polizeilicher Erhebungen bei den vom Ausstand betroffenen Unternehmern gesammelt wer­den, so sind etwelche Lücken unvermeidlich. Tie Aufstel­lungen der freien Geiverkschaften mögen ungleich vollstän­diger sein, dürfen aber der amtlichen Statistik nicht ohne weiteres zugrunde gelegt werden, weil die gewerkschaft­lichen Tendenzen ihnen leicht ein einseitiges Kolorit geben. Tas gilt z. B. für die Beantwortung der wichtigen Frage, üb es sich um Angriffs- oder Abwehrausstünde handelt. Daß die Ansichten der Beteiligten an Ausstandsbewcgungen über deren Veranlassung meist voneinander abweichen, er­hellt aus einer Nebencinandcrstellung der Erhebungen von amtlicher und von gewerkschaftlicher Seite. Tie hierbei sich ergebenden Unterschiede sind so groß, daß sie nur auf denStandpunkt" der Kämpfenden und nicht etwa auf die mangelhafte Beschaffenheit des llrnratcrials zu- rüclgesühct werden können. Ten schärfsten Widerspruch finden aber bei den Gewerkschaften und merl'würoiger- weise auch bei den vorgeschrittenen Sozialpolitikern im bürgerlichen Lager die amtlichen Angaben über die Zahl der Arbeiter, welche unter Vertragsbruch in den Aus­stand eingetreten sind. Gerade die,c Ermittelungen sind sedoch in der ganzen Ausstandsstatislik die werrvollsten.

Aus der soeben ausgegebenen Statistik der Aus­stände und Au s s p e r r u n g e n im Jahre 1910 ist zu ersehen, daß säst 22 Proz. der Ausständigen, in Summa 33 991 Mann, vertrage brüchig waren; von ihnen standen 7181 Mann ( 21 Proz.) im Alter unter 21 Zähren. Während in den letzten 10 Jahren der Vertragsbruch im allgemeinen ui steigendem Umfange vorram, hat er im letzten Berichts­jahre wesentlich abgenvmmen. Doch muß es bis auf weitere Erfahrungen dahingestellt bleiben, ob der Rückgang in der Zahl der Vertragsbrüche ein dauernder sein wird. Die an­gegebenen Zahlen verraten jedenfalls noch eine starke Ten­denz, die Vertrage achtlos beiseite zu werfen, tvenn der Wille zum Ausstand erst einmal bei den Leuten plotzg^grisfen Hai. Von den 2113 im Zahre 1910 zu Ende geführten Aus­ständen beschäftigten 57-1 die Poliz.i und 3o7 die Staats­anwaltschaft. Leider ist aus den diesen Berechnungen zu­grunde liegenden Berichten nicht zu ersehen, inwieweit bei dem Eingreifen der Behörden auch tatsächlich strafbare Hand­lungen feftgestellt worden sind. Bei einer Reform der Sta- riftit müßte auf die Ergänzung dieses Punktes Bedacht genommen werden, beim dadurch erst würden wir einen ' ickitigen Einblick in die Kampfmethoden der Ausständigen gewinnen.

Tie Reichsstatistiter geben sich viele Mühe, den dürren Zahlen anziehende Seiten zuzulegen, werden aber schwer­lich behaupten wollen, daß für die Zwecke der praktischen Vertvaltung aus dem umfangreichen Zahleuwcrt irgend etwas Wesentliches herausspringt. Selbn die Zahlen über die Erfolge" der Ausstände find nicht bewertbar.

In einem Rückblick auf die zehnjährigen Ausstandsergeb- uisse wird das Fazit dahin gezogen, daß seit 1904 bis 1908 die Ausstände mit vollem Erfolge sich verringern. Etwa in derselben Zeil sollen aber auch die völligen Rrcderlagen zugunsten der Ausstände mit teilweisem Erfolge zurück-

gegangeu sein.Erst die beiden letzten Zahre brachten lviedernm eine Zunahme des vollen und teilweisen Erfolges und ein Zurück gehen der Ausstände ohne Erfolge."

politische Tagesschau.

DerVorwärts" und die Ersatzwahl für Singer.

T^rVorwärts", das sozialdemokratische Zentralorgan, tröstet sich über den Rückgang der sozialdemokratischen Siim- menzahl bei der Ersatzwahl im vierten Berliner Wahlkreis mit folgenden Bemerkungen:

Tie Sozialdcmolvatie Laim mit dem Wahlergebnis durch­aus zufrieden sein. Zwar ist die Zahl von 82039 Stimmen, die int Jahre 1907 für Singer abgegeben wurden, nicht erreidyt worden, allein da es sich um eine Ersatzwahl handelte und zudem die Zahl der Wahlberechtigten gegenüber der Hauptwahl um 3395 abgenommen hatte, ist das Wahlergebnis durck>aus kein schlechtes zu nennen. Kommt doch vor allen Dingen auch in Betracht, das; diesmal ein Wahl rampf überhaupt nicht stattfand. Freisinn und Konservative, die 1907 immerhin die stattliche Zahl von 22 000 Wählern gemustert hatten, hatten überhaupt keinen Kandidaten aufgestellt, und nur das Zentrum betrieb für feinen Bählkandidaten, den Grafen Oppersdorfs, eine ziemlich lebhafte Propaganda. Trotzdem find für das Zentrum, das ün Zahre 1907 2708 Stimmen erhielt, diesmal 881 Stimmen weniger abgegeben worden und auch der polnische Kandidat er­hielt 595 Stimmen weniger als bei der Hauptwahl. Die Ab­nahme der polnischen unö Zentrums stimmen ist also eine sehr viel größere als die der Sozialdemokratie! Daß aber die Sozial - dcmokraue die Stimmenzahl vom Jahre 1907 nicht wieder er­reichte, lag vor allen Dingen daran, daß diesmal wegen des Fehlens des freisinnigen und konservativen Gegenländidalen d i e Wabl geradezu zu einer öffentlichen gestempelt worden war! Jit ganz zweifellos, daß zahlreiche Wähler, Lehrer, Beamte, in Staatsbetrieben beschäftigte Aroeüer usw., die im Jahre 1907 für den Sdzialdemo'rraten gestimmt hatten und diesmal gleichfalls wieder sur den sozialdemolratischen Kan­didaten gestimmt haben würden, sich der Abstimmung ent­halten haben, weil sie fll) der Gefahr nicht aussetzen wollten, ihre Abstimmung lontrollierl zu sehen. Zieht man diesen Umstand in Betracht, so wird man dem Proletariat des vierten Berliner Reichstagswahlkreises das Lob nicht ^vorenthalten dürfen, daß eS in anerkennenswertem Maße seine Schuldigkeit getan hat!

Die Mahlbeweguug unter den Polen.

Auch die Polen regen sich angejichls oer koinincndcn ReichslagSwahlen. TasPolnische .Haupt-Wahlkomitee für Westfalen, Rheinprovinz und Nachbarpvovinzen auf der linken Seite der E.be" verössent ich, fo-peuhcn Wahlaufruf: In ganz Deutschland arbeiten alle Parteien mit Anstrengung, um bei den kommenden Reichstagswahlen die günstigsten Re­sultate zu erzielen. Die Fremde (d. i. der Westen) bietet ganz beionders schon jetzt einen Schauplatz von Angriffen und Wahlvorkämpfen, und die deutschen Parteien überbieten sich in Lar Herausgabe der veria;ieocniitn Fiugichriften, die sie in alle Häuser, also auch in die Wohnungen Der Polen, hineindrücken. Für uns, Polen, legen sie Netze an, denn sie wissen, daß uns das Maulkorbgesetz nicht gestattet, uns in öffentlichen Versamm­lungen zu belehren.. Verschiedene Agitatoren Drängen sich daher an die Polen heran, um sie zum Vorteile des Deutschtums als Wahlwerkzeuge zu kapern. In der Erkenntnis dieses gemalt» fanten Ansturmes auf deutscher Seite müssen wir, Polen, einen widersetzlichen Standpunkt einnehmen, unsere Nationalgenossen so auffiäreii, damit die Arbeit der deutschen Agitatoren den na­tionalen Geist unsrer politisch weniger aufgeklärten Brüder nicht vergifte. Tie deutschen Paneien verfügen für die Wahlagitation über kräftige Kapitalien, in der Kasse des Polnischen Haupt- Wahlkomitees für Westfalen und Rheinprooinz herrscht völlige Leere, und ohne Geld kann doch feine erfolgreiche äßahlagitation durchgeführt werden" usw.

Der Aufruf Hingt in einem warmen Appell an alle Nationalgenossen und Vereine aus, Mahlgelder zu sammeln.

Die Ankunft der Kronprinjcnpatm in Potsdam,

Potsdam, 11. April Das K'ronprinzenpaai ist heute vormittag 11 Uhr 56 Min. hier eingetroffen. Zum Empfang auf dem Babnlws fanden sich ein: das Prinzenpaar Eitel Friedrich, das Prinzenpaar August Wilhelm, das Prinzenpaar Friedrich Leopold von Preußen, Prinz Joachim, Prinz Sigismund von Preußen, Prinzessin Viktoria und Margarethe. Nach herzlicher Begrüßung begab sich das Kronprinzenpaar per Automobil in das Marmorpalaw. Potsdam hat reichen Fahnenschmuck angelegt. Das Publi­kum bereitete dem Kronprinzenpaar auf dem Wege zum Schloß herzlichste Kundgebungen.

Berlin, 11. April. Das Militärluftschiff M. 4 unternahm heute vormittag 11 Uhr 40 Min. vom Te­geler Schießplatz mit dem General-Inspekteur des Militär- oerlehrswesens Freiherrn v. Lhncker und dem neuernannten Inspekteur des Militärluft- und Kraftfahrwesens Oberst Mossing unter Führung von Major Groß eine Be- grüßungsfahrt nach Potsdam. Während der Ankunft des Kronprinzenpaares kreuzte auch der Siemens-Schuckert Ballon über Potsdam.

linregclmägigieitcn imZranMschen Auswärtigen Amt

Paris, 11. April. Wie in den Wandelgängen der Kammer versichert wird, wurden in der Kassenabtei lung des Ministeriums des Aeußern ziemlich ernfte Unregelmäßigkeiten festgestellt. Der Vor­steher der Kassenabteilung soll sich vor den Direktoren des Ministeriums verantworten. Diese Entscheidung ist das Er gebnis von Untersuchungen, die die Finanzinspektoren [eit acht Tagen angestellt haben. Es wird gemeldet, daß der Schaden ungefähr 400000 Franken beträgt. Die in diese Angelegenhert verwickelten Personen gehören dem Beamten­körper des Ministeriums nicht an.

Es bestätigt sich, daß der Vorstand der Kassenabteilung im Ministerium des Aeußern Hamon seines Amtes enthoben worden ist. Schon im Dezember hätte Pichon eine Untersuchung eingeleitet, als deren Ergebnis der Schritt Cruppis anzusehen ist.____________________________________

Die vefferung der Lage in Marokko.

Paris, 11. April. Ter Minister des Aeußern, C r u p p i, gab tm Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten der Kammer eine Erklärung über die gegenwärtige Lage in Marokko. Die ins Ministerium gelangten Meldungen erlaubten ihm, zu versichern^ daß die Lage sich befjere und daß kein Grund zu einer Beunruhigung vorliege. Nach den Meldungen der letzten Tage habe sich die Lage be­deutend gebessert infolge der Unterstützung durch die französische M i l i t ä r m i s s i o n und der Geld- mittel, die der Sultan erhalten und zur Auszahlung des rückständigen Soldes an die Truppen verwandt habe. Cruppi glaubt, daß die Lage sich weiter bessern wird, weil die Stämme unverzüglich in die Heimat zurückkehren müssen, um sich der Feldarbeit zu widmen, da die Erntezeit heran naht.

Immeri/in ist die Stimmung in Marokko noch sehr ge­spannt, wie folgende Meldung beweist:

Mazagan, 11. April. Durch die hierher gelangten Mit­teilungen von den Ereignissen in Fez wurde unter der Einwohner schäft eine gewisse Erregung hervorgerusen. Der Kaid Abbas Humia ndes Stammes Uleds Beita ließ mehrere Ein geborene töten, von denen einer ein deutscher Schutz befohlener und vier spanische Schutzbefohlene sind, während der Sohn eines anderen Getöteten unter französischem Schutz steht. Ihre gesamte Habe fiel dem Stamme zur Beute. Der Stamm der Uled 21mran fetzte feinen Kaid ab unb steckte fein Hans in Brand. Der Kaid floh nach Marrakesch.

Uriminalpolizei und modernes Verbrechertum.

Von Kriminalkommissar K l i n g h a m m e r.

Berlin, 9. April 1911.

Der Kampf gegen das moderne Verbrechertum ist nicht allein in kriminalwisseiischastlicher, sondern auch in praktischer Beziehung ein anderer geworden. Der moderne Verbrecher ist Kulturmensch geworden, der sich die Technik und die Verkehrsmittel nutzbar gemacht fat. Er begeht seine Verbrechen meist nicht aus Not, vielmehr ist Hang 5uni luxuriösen Leben die Triebfeder. Tes- hcttb begegnet man ihm auch nicht als halbseidenen Ballonmützen­menschen, wie die Karikatur ihn darstellt, Zhlinder und Lack­schuhe lassen ihn vielmehr wenig vom eleganten Alltagsmenschen ab stech en. Nicht in dunklen Lokalen, in den großen Eafos und Nachttokaleii ist er zu Haus. Der Magdeburger Sckwurgerichts- vrozeß gegen den Kaufmann Otto Knitelius zeigte uns dieses Leben des Scheins. Kftutelius war der Typus des mobenien Ver­brechers. Wer ihn Unter den Linden flankieren sah oder bei Seit in bekannten "Nachtlokalen antraf, ahnte gewiß nicht, daß er seine Geldmittel aus großen Einbrüchen bezog, die er im In- und Auslande verübte. Zu den Geschworenen gewandt, sagte er in Magdeburg, er habe cs immer verschmäht, armen Leuten das Letzte sortzunchmen. Beim Apotheker Rathge, den er nieder- schoß, habe er sich bO 000 Mark aneignen wollen, mit denen er im Auslande ein anständiges Leben hätte führen wollen (!). Tiefe Sucht nach Wahlwollen ist auch demBaron v. K." ver- llängnisvoll geworden, der als Sohn einer ri)einifchen Gelehrten­familie bürgerlichen Namens sich am Montag, den 10. April, wegen Hehlerei, Zuhätterei und anderer Straftaten vor einer hiesig en Strafkammer verantworten mußte. Er gab sich in Berliner 'Nachtlokalen als Kürassierleutnant a. T. aus, brachte sichSchmisse" bei, ritt int Tiergarten aus und sand Zuttitt zu den besten Gefellfchastskreiien : morgens aber, so wirft ihm die Anklage vor, wußte er, mit Schlagring bewaffnet, Freudenmädchen den 'Nachtverdienst abzunchmen. Tie bevorstehende Verhandlung wird, wie der Knitelius-Prozeß, ebenfalls einen interessanten Einblick in das Berliner Nachtleben gewähren. Er wird aber auch zeigen, wie alle diese Leute im In- und Auslande bekamtt, wie sie in allen Großstädtenzu Haus" sind und dort ihre Be­ziehungen haben. Zur wirksamen Bekämpfung dieser umherreisen- öen internationalen Verbrecher muß der großstädtische Kriminalist vor allem wissen, wo diese ihre Unterkunftsstätteu, ihre Treff­punkte haben. Ties ist ja nach der verbrecherischen Umwelt verschieden. Deshalb ist es für Den verfolgenden Kriminalisten

unentbehrlich, festzustellen, welchen Umgang der Verfolgte ge­habt hat. In dieser Umwelt muß der Beamte Bescheid wissen, nicht nur am eigenen Orte, er muß auch die Schlupfwinkel in andren Großstädten des Zn- und Auslandes kennen.

Einen besonderen internationalen Verbrechertyp stellen rus­sische und ungarisch-galizische Zuden dar. Sic kommen aus War­schau, Krakau, Lodz, Lemberg, halten sich hier im Scheunen- viertel auf, machen von hier aus ihre Abstecher nach allen deutschen Großstädten, auch nach Paris, London, Stockholm, rauben und stehlen und lehren reich beladen in ihre Heimat zurück, wo sie oft alsHandelsleute" eine geachtete Stellung haben. Man kann diese Leute als Mitglieder einer über die ganze Welt verbreiteten Verbrecherbande bezeichnen. Zn Newyork, Buenos Aires, Rio de Zaneiro begegneten wir Mitglieder dieser Gesellschaft als Mädchen­händler, sonst treffen wir sie als Tascheii-, Eisenbahn-, Hand­taschendiebe, Wohnungs-, Goldwarengeschäftseinbrecher und Straßenräiiber. Zch erinnere hier an Die drei Russen Moses Schulwacz, Jsrol Zische und Darschowiak, Die im Sommer 1908 einem Leipziger Lehrling am Hellen lichten Tage 3000 Mark durch besonderen Trick enttissen. Sie wohnten ebanfalls im hie­sigen Scheunemnertel. Für Schulwacz, einem aus der Verban­nung in Sibirien eniwichenen Räuber, trafen kurz nach seiner Festnahme 1000 Mark durch telegraphische Llnweisung aus Buenos Aires zur Annahme eines Verteidigers ein.

Zu diesem Milieu gehört and der an dem Myslowitzcr Aniol- schen Raubmord beteiligte Stanislaus Bednarz, der auch schon int hiesigen Scheunenvicrtel aufgetaucht und setzt nach Rußland geflohen ist. Er ist der Gefährte des im Neuhvrkcr Hasen vom Kriminalfclmtzmann Busdorf feügcntmincncn Raubmörders Sucho- lewski. Auch dieser ist hier wiederholt in den Schlupfwinkeln und an den Treffpunkten des volniichcn Verbrechermftieus gewesen und dadurch der diesigen Kriminalpolizei näher bclannt geworden. Er trat unter sechs verschiedenen. Der Polizei bekannten Namen auf. Ms sein Bild von den Verfolgungsdehörden veröffentlicht wurde, erlüimtc Busdorf Denalten Bekannten" Suchoiewski wieder, dessen Verfolgung er bald aufnehmen mußte. Zn Bremen las Busdorf in den Schiffs listen unter den Abgereisten einen der sechs von Suchelewsli gemärten Namen. Er stellte bald fest, laß es wirtlich Sucholeivski mer und erbat sich von dem Beiitlwner Untersuckungsrichter weitere Anweisung. Innerhalb zwei Stunden hatte Busdorf den telegraphi'ck-en Befehl zur 'Verfolgung über den Ozean.

Zn Dem in einer hiesigen Tageszeitung kürzlich veröttent- lichten Artftel über dasselbe Thema sagte ich u. a.: den polnisch­

galizischen yerbreufcriolonucn, Die 00m ^.cuchwch Bahnhof aus ruck- und auswandemde Landsleute verschleppen, berauben und selbst vor einem Morde nicht znrückschrechen, gilt dauernd die Aufmerksamkeit der Beamten der Bahnhosskriminalpattouckle.

Diese Polen bilden, wie schon bemerkt, eine besondere Ver brecherttasse. Im Wartesaal vierter Klasse des Schlesischen Babn Hofs, in einigen Restaurants der Nachbarschaft geben sie sich ein Stelldichein; hier tauschen sie Nachrichten aus, empfangen Briefe usw. Sic haben ihre beftinrnrte Reiselinie, stehlend und raubend durchzteheu sie Deutschland. Ihre Opfer find mein eigene Landsleute, die, mit Barmitteln versehen, verschleppt und niedergeschlagen werden. Es sei hier an den Karnaßschen Mord in Marschwitz bei Deutsch-Lina erinnert, an Raubanfällc in Berlin, Kassel, Leipzig, Halle usw.

So wie die soeben erwähnten haben die verschiedensten Vei breckermilieus der Großstadt ihrenTress"; Erpresser, Zuhälter, Bauernfänger, Einbrecher aller Art, Siadtbahnfleddcrer usw. Hier Anschluß zu suchen, ist in der Haiiptsachc Ausgabe der Kriminalpatrouftleu. Diese bestehen aus etwa 50 geschulten Be nm teil, die, in besondere Spezialpatrouillen eingeteilt, in ihrer besonderen Umwelt, insbesondere Personenkemttnls haben und alles Bemerkenswerte den einzelnen Dienststellen der Kriminal Polizei melden müssen. Diese Beamten sind nur ün Außendicnil tätig. Bei großen Fahndungen, bei allen Kapitalverbrechen bilden sie ein wichtiges Kommando. Ein ähnliches Znstitut unterhält die Pariser Kriminalpolizei in derBrigade de la Voie Publique".

Wie wichttg die persönliche Kenntnis des Verbrechertums ist, Zeigt wieder einmal die Ermittelung der Myslowitzer Bank räuber. T es halb sind viele großstädtiiche Polizeibehörden de müht, cüic ähnliche Einrichtung, wie das hiesige Kriminal patrouillentorps zu treffen.

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Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschafl. Auf eine 25jährige Tätigleit als ordentlicher Professor an bei Universität Göttingen kann dieser Tage der Vertreter bei klassischen Philologie Dr. Wilhelm Meyer zurückblicken. Ei steht im 67. Lebensjahre. Zn Leipzig ist am 10. ds. Mts Professor Alois Reckendorf, Lehrer für Klavier spiel und Tleorie arn dortigen Kgl. Konservatorium der Musik, im 70. Lebensjahre gestorben. -- Zn Stuttgart ist der Pro sejsor für Augenheilluiftc an der Tierärztlichen und der Tech­nischen Hocknchule Geh. Hosrat Tr Königs Höfer im Alter von 59 Zähren g e fto eben.