Ausgabe 
2.8.1911 Erstes Blatt
 
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stäbtischen ^Verwaltungen Darmstadts sind in folge der tropischen Hitze ebenfalls auf die Zeit von 7 bis IVo Uhr verlegt.

Deutsches Ueich.

Das Reichsgesetzblatt vom 1. August enthält die Reichsversicherungsordnung vom 19. Juli 1911 Nebst Einführungsgesetz.

Ausland.

Der Ehef der Jndustrieabteilung im russischen Mini ste riu m für H a n e l und I n o u st r i e, Litwinvw- Falinsry, ist nach Deutschland, Frankreich und Italien ent­sandt worden, um das Arbeiterversicherungs­wesen dieser Länder näher Tennen zu lernen.

Lin Brief Koffer Wilhelm; über Glmütz.

Zum 100. Geburtstage der Kaiserin Augusta wird der 'Geheime Archivrat Dr. B a i l I e u auf Anregung der Groß­herzogin von Baden und mit Genehmigung des Kaisers einen Teil der Aufzeichnungen und Briefe aus dem Nachlasse der Kaiserin Augusta veröffentlichen. Die Deutsche Rund­schau ist schon jetzt in der Lage, hieraus einiges zum Abdruck zu bringen. Aus der Fülle des Interessanten dürfte pin Brief des Prinzen Wilhelm an seine Gemahlin, den er am 2. November 1850 geschrieben hat, besonderes Interesse er­wecken, weil er die Erregung des Prinzen über die Vorgänge von Ölmütz sehr gut wiederspiegelt. Die wesentliche Stelle des Briefes lautet:

Gestern mittag 1/212 Uhr sendete mir der König eine tele­graphische Depesche aus 2Bicn, nach welcher Oesterreich bis zum 6. November 100 000 Mann in Böhmen konzentriert haben werde. Und daß die Bayern in Hanau eingerückt seien. Ich eilte gleich nach Sanssouei, um weiteres zu hören: der König bat mich, nach Berlin zu fahren und Brandenburg und Stockhausen zu sagen, die Armee soll sofort mobil gemacht werden, die Befehle Tonnten sogleich abgehen und des Königs Order an den Kriegsminister später vollzogen werden. Um 2 Uhr dampfte ich her nach Berlin und fand die Minister en eonseil. Ich entledigte mich rasch meines Auftrages und empfing zur Antwort, daß soeben beschlossen sei, nm 5 Uhr nach Sanssouci zu dampfen zum Conseil, dem ich beiwohnen möchte. So geschah es. Beim Aukommen sagte mir Radowitz rasch ins Ohr:Man will sich glatt an Oesterreich unterwerfen: sprechen Sie ja ein festes Wort!" Ich traute meinen Ohren nicht! Die Debatte begann. Der König war felsenfest in seiner Ansicht: Erst Mobilmachung und dann Unter­handlung auf die Warschauer Punkte. Radowitz, Ladenberg und 1di unterstützten ihn eifrigst. Die anderen verlangten keine Mobil­machung und offiziell Erklärung der Aufgabe der Verfassung des 28. Mai. Der König wollte hierin nicht weiter gehen, als Brandenburg in Warschau hierin gegangen war, weil in dieser Auffassung (?) das andere eigentlich stillschweigend liege, was er dem Kaiser von Oesterreich privatim auseinandersetzen wolle.

Eine Einigung war unmöglich und auf heute 10 Uhr wurde in Bellevue die Fortsetzung angesetzt. Der König war sublim in seiner Darstellung, königlich, herzlich, patriotisch aber felsen­fest wie gestern. Dreimal fragte er:Nun, meine Herren, wollen Sie mit mir gehen?" Keine Antwort? Er erlaubt ihnen, sich unter sich zu beraten. Ich war erschüttert, daß der König und ich die hellen Tränen vergossen! So trat ich noch einmal zu den Herren und beschwor sie, das Wrik, was sie geschaffen, V/2 Jahre verteidigt, nun im entscheidenden Moment nicht aufzugeben und sich und dem König diese Inkonsequenz zu ersparen. Ich lief in den Garten um mich zu erholen. Nach IV2 Stunden, um 2 Uhr, ließ der König die Herren wieder vor. Brandenburg er- Tlärte, daß die Majorität bei ihrer Ansicht verharre. Die Minori­tät Radowitz, Ladenberg und von der Heydt machte ihr Expose durch Radowitz meisterhaft, ganz im Sinne des Königs. Wiederum resümierte der König wundervoll! Nochmals beschwor er die Herren mit ihm zu gehen. Ich tat alles, was in meiner Macht stand. Vergebens. Endlich sagte der König:Ich mache vom konstitutionellen Recht Gebrauch; da ich meine An­sicht nicht aufgebe, so ziehe ich mich zurück; das Ministerium ist populär, ich darf es nicht entlassen, gehen Sie Ihren Weg, meine Zustimmung haben Sie nicht!" Ich war vernichtet, ebenso her König selbst. Die Wahl war entsetzlich für ihn, so zu handeln oder das Ministerium gehen zu lassen. Ich hätte letzteres getan.

Aus Stadt «nd Land.

Gießen, 2. August 1911.

* * 75jährige Juviläumsfeier des Lanbes- tzewerdevereins. Die Festlichkeiten zur Feier des 75 jährigen Bestehens des Landesgewerbevereins werden ttm Samstag, den 23. und Sonntag, den 24. September in Darmstadt abgehalten, außerdem ist für Montag ein Aus­flugan die Bergstraße in Aussicht genommen. Um mit der Feier ein dauerndes Andenken zu verbinden, soll die bereits bestehende Stiftung 'zum Besten Unbemittelter Hand-

Sie der Klavierspieler, den ich eben gehört habe?"Jawohl, mein Herr."Was Sie da vollführen, ist höchst nervenaufreizenld." >,Ach, Sft verabscheuen das Klavier?"Jjch hasse es."Das ist bedauerlich, aber, lieber Gott, es ist eben mein Beruf."Aber Sie stören mich bei meiner Arbeit. Und überdies spielen Sie hundsmiserabel."Finden Sie wirklich? Es ist das erstemal, daß man mir so etwas sagt." Wütend aber rief Diriks zurück: l,,Man hatte Ihnen das schon längst sagen müssen!" Es entstand leine kleine Pause, nach der der greife Meister des Klavierspiels schlicht erwiderte:Ich heiße Liszt."

Neue Versuche über di eGl0ri0le" des Menschen. Aus Neuyork wird berichtet: Bereits vor einigen Monaten überraschte der amerikanische Arzt Dr. Patrick O ' D 0 n- «eil von Chicago die wissenschaftliche Welt mit der Mitteilung, daß es ihm durch ein besonderes chemisches Verfahren gelungen sei, eine im Dunkel wahrnehmbare Ausstrahlung des Menschenkörpers festzustellen, die durch eine Art Gloriole denk Umriß des ganzen Körpers folgt, bei gewissen Krankheiten Veränderungen aufweist und mit dem Tode erlischt. Der amerikanische Forscher hat in­zwischen seine Studien und Versuche fortgesetzt und in diesen Tagen im Hospital von Chicago sogar photographische Aufnahmen diefer MenschlichenGloriole" auf die Platte zu bannen vermocht. Man photographierte die Ausstrahlungen eines Sterbenden, und dabei zeigte es sich, daß sofort mit dem Eintreten des Todes die Aus­strahlung endet. In Gegenwart einer Reihe von Aerzten wurden bann im Kunstinstitut von Chicago Vorführungen Deranftaltet- Die Modelle wurden, in ein Leinentuch gehüllt, in ein Tuukel- Sirnmer gebracht, dort legten sie in Der Finsternis ihre Hüllen ab, und nach Vornahme der von Dr. O'Donnell entdeckten chemischen Prozesse, tauchte in der Tat als schwaches, nebelhaftes Leuchten die Ausstrahlung sichtbar auf und ließ so die Umrisse der Körper­formen genau erkennen. Um zu beweisen, daß es sich hierbei nicht Um Illusionen der Beteiligten handelt, mürben bann brei Kranken­schwestern aus bem Hospital gerufen, die von dem Verfahren und dem Zweck der Versuche nichts muRten. Tie Schwestern sahen jansangs nicksts, als dann aber einer der Aerzte mit den Händen in einer gewissen Entfernung den Umrissen der Körper folgte, sah eine der Schwestern sofort Lichtstrahlen" zwischen den Finger­spitzen des Arztes auftauchen.

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen- schäft. '4. er Rnmcmist, Geheimer Rat, Professor Dr. jar. August Thon begebt am 14. August die 50jälnige ToklorjubeUeier. Ter Senior der I e n a e r Juristenfakultät ist am 18. Februar 1839 zu Weimar geboren. In Braunschweig ist am 30. d Mts der Komponist, Herzoglicher Musikdirektor, Hof- und Domorganist Professor Heinrich Schrader im 68. Lebensjahre g e ft 0 r b e 11.

wertslehrlinge und ausgezeichneter Schüler _ der Hand- werkerfchulen eine Erweiterung erfahren, dieser Stiftung soll ftoch ein Kapital von 6000 Mk. zugefügt werden; außer­dem werden noch weitere Beiträge für diese Stiftung aus den Kreisen beteiligter Gewerbevereine erwartet.

"DaS Gesetz, die Land stände betreffend, nebfi AusführungSbestimmungen mit Wahlanleiinng, sowie Gesetz über die Bildung der Landtagswahlkreise ist soeben im Staatsverlag erschienen und durch alle Buchhandlungen zum Preise von 1 Mk. zu beziehen.

* * Ferien-Sonderzug. Am Sonntag, 6. August, geht Um 9 Uhr abends ein von Metz kommender Sonderzug von Gießen nach Berlin, der früh 7 Uhr in Berlin, Pots­damer Bahnhof, ankommt. Fahrkarten 3. Waaenllasse sind mit achtwöchentlicher Gültigkeit für 23,10 Mk. für Hin- und Rückfahrt zu haben. Die Rückreise kann mit jedem fahrplanmäßigen Zuge erfolgen. Auf Hin- und Rückreise ist je eine Fahrtunterbrechung gestattet. Die Reise geht über Kassel, Nordhausen, Magdeburg.

* * Manöversendungen. Aus Anlaß der bevor­stehenden militärischen Herbstübungen wird darauf hin- gewiesen, daß Sendungen an Soldaten mit richtigen und deutlichen Aufschriften versehen werden müssen. Zur genauen Aufschrift gehören: Familienname, möglichst auch Vorname (bei Sendungen an gleichnamige Empfänger desselben Truppenteils noch weitere unterscheidende Be­zeichnung), Dienstgrad und Truppenteilregiment, Bataillon, Kompagnie, Eskadron, Batterie, Kolonne usw. Da für unverzögerte Nachfendung nach den Stand- und Marsch- quarticreit entsprechende Einrichtungen getroffen sind, so empfiehlt es sich, als Bestimmungsort nur den ständigen Garnison ort anzugeben. Ausnahmen sind nur bei Anwesenheit von Truppen auf Uebunasplätzen angebracht, wenn dem Absender der T r u p p e n ü v u n g s p l a tz genau bekannt ist Uno die Truppen sich längere Zeit dort aufhalten. Tie Angabe eines Marschquartiers als Bestimmungsort ist wegen der dadurch häufig entstehenden Verzögerungen nicht zweckmäßig.

Die Trichinenschau in unserem Schlachthof wird seit etwa 14 Tagen mit dem vom Schlachtyofdireklor Garth- Darmstadt, einem geborenen Gießener, erfundenen Trichinoskop auSgeübt. Während früher ein Beamter zur Untersuchung von vier Schlveinen eine Stunde Zeit brauchte, wirb durch den neuen Apparat in der Stunde an 20 Schweinen die Beschau vorgenommen. Dabei werden die Augen des Be­amten weniger angestrengt als ftüher, da der Apparat das Objekt bedeutend vergrößert.

** Bestrafungen wegen Verstoßes gegen die Seuchenvorschriften sind jetzt in Oberhessen an der Tagesordnung Und die Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Gießen mehren sich täglich. Es handelt sich meistens um Viehhändler und deren Leute, die entgegen dem Verbot die Stallungen 'betreten oder Vieh von Ort zu Ort treiben. Handeln diese Leute fahrlässig, so müssen sie mit einer Geldstrafe belegt werden, die die Schöffengerichte sehr hoch bemessen, ist aber der Verstoß wissentlich begangen, so wird auf Gefängnis erkannt.

** Das Freibad für Frauen an der Lahn wurde im Juli von 4151 Badegästen besucht. Tie starke Benutzung der Anstalt hat die Bürgermeisterei veranlaßt, die Badezeiten auch auf die bisher noch frei gewesenen beiden Wochentagen auszudehnen. Mittwoch und Sams­tag von 58 Uhr ist die Anstalt nur für erwachsene Personen freigegeben. Für Kinder dagegen ist die Bade­gelegenheit an diesen beiden Tagen bis 5 Uhr bemessen.

** Zur Beibehaltung der katholischen Feiertage. Die Bischofskonferenz, die demnächst in Fulda stattfinden wird, dürfte erst die endgültige Entschei­dung bringen über die vom Papste gewünschte Verlegung einiger Wochenfeiertage auf den Sonntag, wenigstens für Preußen. Der Papst hat bekanntlich dem Ermessen der Bischöfe anheimgegeben, wie weit sie mit dieser Maßregel gehen wollen. Nicht nur in süddeutschen, sondern auch in oen westdeutschen katholischen Gegenden wünscht man die Beibehaltung des Fronleichnamstags am Donnerstag der übernächsten Woche nach Pfingsten, und wie es scheint, ist das auch der Wunsch der meisten Bischöfe. Wenn dabei verschiedentlich die Meinung laut geworden ist, daß auch die zweiten Feiertage nach den großen Festen in Wegfall kommen könnten, so beruht diese Meinung auf einem Irr­tum. Der Ostermontag, der Pfingstmontag und der zweite Weihnachtsfeiertag sind gesetzliche Feiertage und können durch bas einseitige Verbot einer kirchlichen Behörde über­haupt nicht abgeschafft werden. .

Kreis Büdingen.

Bad-Salzhausen, 1. Aug. Bis zum letzten Juli b. Js. sind 48 9 Kurgäste und 115 Passanten, im ganzen 604 Kurfremde, angekommen (bis zum gleichen Tage in 1910 464 Kurfremde). Bäder wurden bis dahin 5629 abgegeben (in 1910 5023).

Kreis Alsfeld.

A Alsfeld, 1. Aug. Auf unserem Pferde- und Prämienmarkt herrschte ein äußerst lebhafter Geschäfts­verkehr. Es waren aufgetrieben 224 Pferde, 68 Rinder, 155 Schweine und 141 Ziegen. Zur Prämiierung wurden für die Pferde 1400 Mk., für Rinder, Schweine und Ziegen 1300 Mk. verausgabt. Der Schwalmgrund, der durch seine hervorragende Pferdezucht bekannt ist, hat wieder gut ad- geschnitten. Leider übte die Maul- und Klauenseuche und der Futtermangel auf den Handel ungünstigen Emfluß au§. Zum Ziegenmarkt waren Händler selbst aus Köln erschienen. Die Ausstellung war mit landwirtschaftlichen Maschinen, Wagen, Geschirren und Geräten beschickt.

Kreis Schotten.

A Neu-Ulrichstein, 1. Aug. Ein Kolonist der Arbeiterkolonie ist nach Unterschlagung von 100 Mk. spurlos verschwunden.

Kreis Friedberg.

L. Bad-Nauheim, 1. Aug. Die höchste Zahl von Kurfremden brachte uns für dieses Jahr der 27. Juli. Seit diesem Tag ist ein kleiner Rückgang von Fremden zu verzeichnen. Im ganzen werden 1800 Fremde mehr unser Bad besuchen wie im Jahre 1910. In der Zeit vom 31. August bis 5. September dieses Jahres finden auf unseren staatlichen Tennisplätzen TenniSpreiSspiele statt.

Starkenburg und Rheinhessen.

ck. Mainz, 2. Aug. Auf der Landstraße von Kost­heim wurde gestern abend von dem Automobil eines Groß, grundbesitzers von Argentinien, das von Frankfurt kam und von einem französischen Chauffeur geleitet wurde, daS 20jährige Dienstmädchen Elise Schneider, das in Castel bedienstet ist, überfahren und lebensgefährlich verletzt. Im hie

l'igen Hospital mußte sofort eine Operation vorgenommen werden, doch dürste daS Mädchen die Nacht kaum überleben. Der Wagen wurde von der Polizei beschlagnahmt, der Chauffeur vorläufig festgenommen. _

~Die Eindrücke einer wettsliegers.

Der vielgenannte Schiffsleutnant de Conneau, der unter dem dem Publikum geläufigeren Namen Beau­mont bei dem Fernflug ParisRom al^> erfter oa3 Ziel erreichte, der Preisträger des kürzlich zum Austrag ge­brachten europäischen Rundfluges und der aussichtsvollste Wettbewerber um den 200 000-Mark-Prels, ben bie/Wt> Mail" für den augenblicklich statt find end en englischen Rund­flug ausgeworfen, hat das Höhensteuer mit der,0'bder ver­tauscht und plaudert in dem Blatte, das den Preis gestiftet, aus dem Schatze seiner Erfahrung über die seelischen Ein­drücke und Sensationen, die der Wettkampf in den Lüften bei ihm ausgelöst hat. Wir entnehmen dem interessanten Ar­tikel des erfolgreichen französischen Fliegers, der wie kaum ein anderer berufen ist, sich zu dem Thema der Psychologie des Fliegers zu äußern, das folgende: ^Beobachten Sie ein­mal die Flieger in dem Augenblick, wenn sie sich zum Auf­stieg rüsten. Sie schweigen oder sprechen nur wenige knappe Worte. All ihre Aufmerksamkeit wird durch die peinliche Untersuchung der Maschine absorbiert, der sie ihr Leben anzuvertrauen im Begriff sind. Wortlos unterziehen sie jedes Detail der Ausrüstung einer minutiös en Kontrolle, vor allem den Mechanismus des Motors, dieses metallenen Herzens, das den delikaten Organismus von Holz, Kein- waiid und Stahl mit Kraft und Leben erfüllt. Sie sind wahrhaft schlecht beraten, meine Damen, wenn Sie just diesen kritischen Augenblick wählen, um den Flieger mit der Unterzeichnung von Ansichtsposttarten zu behelligen! Jetzt heißt es für den Flieger der Toilettenfrage sein fürsorg­liches Interesse zuznwenden und für den anmutigsten aller Sports das entstellendste aller Sportkostüme anzulegen, die dicken Handschuhe und Strümpfe, das ungeschlachtene Ober­zeug, den Balaklawahelm, die Schutzbrille, das wollene Halstuch, kurz all das seltsame kostümliche Drum und Tran, das einem das Aussehen eines Wesens aus einer anderen Welt verleiht, eines Marsbewohners oder des Mannes im Monde. Ist das geschehen, handelt es sich darum, Kompaß und Karte einer gewissenhaften Prüfung zu unterwerfen. Läuft die Karte auch tadellos auf der Rolle und sind auch all die anderen Kleinigteiten des technischen Einzelwerts, auf das ich hier nicht näher eingehen will, in ordnungs­mäßiger Verfassung? Endlich ist die Stuiide des Starts herangekommen. Unter dem ohrenbetäubenden Geknatter des Motors entwindet sich der Aeroplan den sein Hinterteil haltenden .Händen und läuft hurtig über den Boden. Dann gerät er ins Hopsen unb erhebt sich mit einem eleganten Schwung plötzlich in die Luft. Pfeilgeschwind ftitzt er einem unbekannten Punkt des Horizonts entgegen. Ter un­angenehme Eindruck des ruckweisen Stoßens und Rüttelns, das die Unebenheit des Terrains beim Anlauf bedingt, w.rd in der Luft durch das Gefühl eines fünften Dahingleitens abgelöst, eines Gefühls, das sich mit Worten nicht ausdrücken läßt. Die Angst und Aufregung des Starts sind vergessen und haben dem Gefühl der Ruhe und absoluter Einsamkeit Platz gemacht. Der Mensch ist verschwunden, er ist ein Vogel geworden. Er fliegt, aber er hat nicht die Empfindung der Bewegung. Wie beim Aufstieg im Luftballon hat man den Eindruck, daß die Erde unter einem versinkt Tie Menschen, die man tief unten sieht, erscheinen erst als kleine, beweg­liche schwarze Punkte, dann kann man nur noch Gruppen unterscheiden, und schließlich hat man allein noch das Be­wußtsein einer schwarzen Masse. Die Tinge fließen inein­ander und schwinden dahin. Die Häuser erscheinen wie Würfel, die auf ein Billardtuch geworfen sind, die größten Städte wie Niederlassungen von Liliputanern. Nur das Meer und die hochragenden Gebirgszuge wahren in diesem Kleinkram ihre Größe und zwingen den Flieger zu respek­tabler Bewunderung, der sich das ununterdruckbare Gefühl der Furcht beigesellt.

Vom Licht berauscht, steigt der Flieger höher unb höher, die Geräusche der Erde erreichen, von her Musik des Motors Übertönt, sein Ohr kaum mehr. Unter dem Druck des Ge­fühls der völligen Welteinsamleit steuert die Maschine weiter nach oben unb fliegt über Täler unb Berge. Alles Gegen­ständliche ist aus dem Gesichtskreis des Fliegenden ae- schwunden, die Luftstraße breitet sich frei und nach allen Richtungen übersichtlich vor ihm aus. Erst jetzt hat er das volle Bewußtsein zu fliegen, bas Bewußtsein des Los­gelöstseins von der Erde, des Lufteroberers, der sich die Luft untertänig macht, wie der Mensch den Ozean in seinen Dienst gezwungen, der sich in der Luft frei bewegt und sie nach seinem Willen auf einer Maschine eigener Erfin- bung bnrcheilt, der Maschine, die dem leisesten Wink ge­horcht, die mit der leichten An mm des Vogels steigt unb sinkt, sich wendet und dreht. Und die Gefahr ? Da, gerade ihretwegen liebt man ja im Grunde das Fliegen so sehr. Just weil die jüngste Eroberung des Menschengeistes uns jeden Augenblick mit Vernichtung droht, ist sie uns eben eine so heiß umworbene Geliebte geworden. Wer bei ben großen Wettflügen über Lanb stellt sich dem Menschen noch em anderer Reiz dar. Es hat nicht allein die Nerven­sensation gegen das trügerische Element der Luft zu kämp­fen, sondern es ringt in ihm außerdem noch mit anderen; Menschen, die gleich ihm zu dem Zwecke die Luft durchf- schiffen, um wie Wandervögel das heißersehnte Ziel schnelle möglichst zu erreichen. Tie Begierde, über die Gefahr zu triumphieren, wirb so noch durch ben Ehrgeiz gesteigert, als erster am Zielpunkt anzulangen, an dem die Menge ängstlich ferner Ankunft harrt, um dem Sieger jubelnden Willkommensgruß zu entbieten. Das ist der eindrucks­vollste Moment der Flugreise. Wenn der Mick des Fliegers zuerst auf ben großen kahlen Fleck fallt, wo er fernen Schwingen Ruhe gönnen darf, wenn er die ihm so wohl Vertrauten Zeichen erkennt die wehenden Flaggen, die wertzen, als Signale bienenden Tücher, die freübig be­grüßten Feuer, die ihm ben Weg weisen unb bie Menschen^ menge, bie sich an den Barrieren bringt wenn er mit einem Wort das Ende der Luftreise erreicht weiß, bann schwellt seine Brust ein allbeherrschendes Lustgefühl von einer Süße unb einer Kraft, daß alle Sorgen des Starts und alle Gefahren der Fahrt im Handumdrehen vergessen fmb. Und wenn bas Enbziel eine Stabt ist, wenn diese Stabt gar eme Metropole wie Rom ist, so ist dieses Gefühl Io überwältigend, daß man es keinem verübeln kann, wenn er einen Augenblick eine hochmütige Regung nicht unter­drücken kann. Angst, Freube, Stolz, Furcht, Einsamkeit, Hoffnung^niit Verzweiflung wechselnd, Kämpfe, Unfälle, Trauer, eiegesfreube unb über allem der tiefwurzelnbe Instinkt ber Selbsterhaltung, bas sinb so in der Hauptsache bie wesentlichen Empfindungen, bie man bei ben großtti Konkurrenzfliegen durchlebt, unb die dem geistigen Auge bes Fliegers bas Bild des menschlichen Lebens in einer Folge scharf umriffener SrilmnungMrchriftke entrollt."