Ausgabe 
14.6.1911 Zweites Blatt
 
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X«eEiehencr Familienblätter" werden dem ,'2Injeiflcr* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. Tie ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

m. 157 Zweiter Blatt 161. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag?. A W

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Mittwoch, (4. Juni 1911

Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universität^ - Buch- und StcinbnidereL R. Lange, Gießen.

Redaktion, Gr Petition und Truckerei: Schul- braße 7. Groedition unb Verlag:

Redaktion:^4AI l2. Tek.-?ldr.:AnzeigerGießen.

Staatsminifter Gras posaöowsfy über die wohnungrftage.

3n Leipzig findet gegenwärtig der Z w e i t e d c u t s ch c D>ohnungskongreß statt, den der ehemalige Staate« fckretär Graf Posadowskv als Ehrenvorsitzender mit fol­gender bemerkenswerten Rede eröffnete:

Wenn iic mich zum Ehrenvorsitzenden der gegenwärtigen Verhandlungen gewählt haben, io haben Sie das, wie ich annehme, in der Uebcrzcugung getan, das; ich mit Ihnen, jedenfalls in der Hauptsache, mit den sozialen Beweggründen Ihrer Tätigkeit, die bedauerlichen Zustände unseres Wohnungswesens im rociteftgehcit^ Alnne, ebenso mit dem Iweck Ihrer Bestrebungen, die schädlichen Mlszttande aus diesem (Gebiete durch Gesetzgebung, Verwaltung, Auttlarung und menichlickze Nächstenhilic zu beseitigen, durchaus cinomtanbcii bin. Indem ich Ihnen für dieses Vertrauen danke, bitte ich ^tc zugleich, mir einige Bemerkungen zu der uns alle bewegenden sozialen Frage zu gestatten, und zwar in der lnavvcn Aonn, die Durd) den sachlidien Ernst der Lage und den llmiang Ihrer Tagesordnung geboten erscheint. Um die Wohnungsirage zu fördern, das beifjt um die Möglichkeit zu schassen, unsere minderbemittelte Bevölkerung in einer den A n - forderungeil der Sittlichkeit und den M i n d e st - f o r d c r u n gen der Gesundheitspflege entsprechen - den Weise zu behausen, genügt es nicht, aus den normalen "Bau der Wohnungen zu drängen, man muß auf die inneren Ursachen der M i ß st ä n d e ein g e h en, um ihnen wirksam vorbeugell zu können. Von den großen Kulturländern Europas hat Teutschland die stärkste Bevölkerungszunahme zu verzeichnen. Und ,dieser Bevölkerungsanwachs drängt nach den Städten und Großstädten. Im Jahre 1816 lebte in Deutschland nur jeder 80. Mensch in einer Großstadt, im Jahre 1855 sckwn jeder 33., und im Jahre 1910 war schon mehr als jeder 5. Mensch ein Großstädter. Welche einschneidende Umwälzung der Lebensart unseres Volkes ist in diesen drei Zahlen verborgen, welche Ent­fremdung von der Natur, welche Beeinflussung durch eine immer versemerle technische Kultur! Bis zu dem großen wirtschasllichen Umschwünge, der den Kriegen von 1866 unb 1870/71 folgte, hatten Regierung und Volk alle Kräste zu sammeln, um sich von der 'Jlu5plünbernng durch die napoleonischen Kriege im An­fang dieses Jahrhunderts^ zu erholen. Man war viel zu arm, um, abgesehen von den Stein.'öardenbergschen Reformen, Wirt­schaftspolitik zu treiben. Man erwartete die Wohliahrl des Volkes immer nur in einer merkantilen Politik nnb hatte des­halb auch keine Aufmerksamkeit für die bhgienisckscn Bedürfnisse der sich schnell vermehrenden, in festen Städten zusammcngedräng- ten Bevölkerung. Erst durch die deutsche Sozialpolitik ist man gezwungen worden, sich cingcbcnber mit den Lebens- bedingungen der großen Massen zu beschäftigen, besonders mit den Ursachen von Krankheiten und Tod. Dadurch entdeckte man und entdeckt man noch heute fast täglich Wohuungszustände, die auf der alten Bauweise beruhen und die allen Anforderungen der Sittlichkeit und Gesundheit widersprechen. Ich erinnere nur an die Statistik von Dr. Eberg in den Preußischen Jahrbüchern und an die der Ortskrankenkasse für Kaufleute zu Berlin. Um unsere süddeutschen Rcick-sgenosscn nicht zu übergehen, verweise ich auf die traurigen WohnuugSzustände in München. Als Muster­beispiel führe ich von Berlin nur an, daß dort int Jahre 1905 über eine halbe Million besetzte Wohnungen gezählt wurden. Davon haben, wie aus der Arbeit des Dr. Grünspan sieh ergibt, nur die S?älitc ein heizbares Zimmer, ein Siebentel war ohne Küche unb ein Drittel überhaupt ohne heizbares Zimmer. Dr. Grünspan fommt zu dem optimistischen Oicfultat, daß von hundert Berliner Kleinwohnungen mindestens sieben übervölkert sind und von hundert Familien wenigstens vierzehn, teils zu kleine, teils zu schlechte Wohnungen haben. Selbst in Einzelzimmer­wohnungen sind oft noch Astermieter vorhanden, und von den Dreizimmerwohnungen haben 78 Aftermieter. Tie Sta­tistik meldet einen ständigen Rückgang der Geburten und einen Rückgang der weiblichen Fruchtbarkeit. In Berlin z. B. betrug die Abnahme in den letzten drei Jahrzehnten mehr als 40 Prozent. Wir scheinen uns in den großen Städten wenigstens dem iran= zösisckzen Zweikindersystem zu nähern. Wie Dr. Maupb ausführt, ist infolge der Unterernährung ein Rückgang in der Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte eingetreten. Während sich die Gesamt- beuötterung jährlich um 850 000 Menschen vermehrt, mässen verschiedene Erwerbszweige sich ihre Arbeitskräfte aus dem Aus­lande versckwffen, B. um unsere Bergwerke noch ausnutzen zu können. Gleichzeitig hört man in den großen Städten dauernd über Arbeitslosigkeit klagen. In der Bevölkerung ist eine zu­nehmende Abneigung gegen schwere körperliche Arbeit zu kon­

statieren. die als minderwertig angesehen wird und damit hängt Abwanderung nach den großen Städten znsamm n,

sich mehr Gelegenheit zu leichterer Arbeit bietet. Es nnd d.c aus ihrer Hände Arbeit angewiesenen Berufsklassen, die dem Rufe der Großstadt folgen, auch weite Kreise der wohlhabenden 'Haffen glauben nur in den Großstädten Glück und Besriedignng finden zu können. Es sind viele tausende, die auf diese Weise in der Efroßstadt wie ein Sandkorn im Szeati verschwinden, während sie in einer kleinen oder mittleren Stadt wesentliche und beachtenswerte Dienste leisten könnten. In den Großstädten sindet die mittlere Bevölkern»

Wohnungen ober kann die Mietpreise nicht erschwingen. Wenn man zuweilen lieft, daß in den Großstädten lausende von Woh nungen leer stehen, io sind die meisten davon nicht Wohnungen für die unteren Klassen. Ein wesentlicher Druck wird dadurch auf die Mietpreise nicht entstehen, da infolge der hypothekarischen Belastung eine Herabsetzung des Mietpreises nicht mögiidi ist. So sucht der kleine Mann die Mietrate seines Iahresgel-altcs herabzudrücken, indem er sich unb seine Familie in die flcinftcn Wohnräume zusammendrängt Dadurch roirb der Kindersegen zur geiürchtctsten Last, die Zusammendrängnng aller vhysischen und sittlichen Kranklwitskeimc zur Ursache von dauerndem Siechtum und verbrecherischen Neigungen. Siechtum des Körpers und der Seele erzeugen sich immer wieder von neuem

Das Programm unserer Versammlung ist nun 'die Frage: Wie sind diese Mißstände zu bekämpfen? Tie größte Schwierig­keit liegt in der ungleichen Verteilung des deutschen Volkes über Xe deutschen Lande. Irgend tuet die Beschränkungder Frei zügigkeit scheidet natürlich aus. Eine Regierung, die dazu den kurzsichtigen Mut hätte, würde sich sehr bald von der Unmöglichkeit unb Unzweckmäßigkeit solchen Vorgehens über­zeugen. Die Lösung unserer Arbeiter- und WohnungSsrage mnß aber bei dem sorNoähr enden Wachsen der Bevölkerung au ge­wissen Schnittpunkten eine Danaidenarbeit bleiben, wenn uns die (Gesetzgebung nicht zu teilte kommt. Wir brauchen ein Gesetz, welches den Polizeibehörden das Recht gibt, den Bau von Wohnungen zu überwachen und dasür zu sorgen, daß seine Erfüllung cintritt. Ohne solche Vorschriften lverden auch die besten Wohnungen immer wieder in schädlicher Weise überfüllt. Man denke nur an Crte mit größeren Saisonbetrieben, wo man sich kaum darum bekümmert, wo die Arbeitskräfte in der fraglichen Zeck Unterkommen. Mit dem Wohnungsgesetz muß auch die Möglichkeit eines Aufsichtsrechts zur Durch- sührung gegeben sein. Was nötig ist, das zeigen die typischen Vorgänge in Berlin, wo die Belegung von Dachwoh- nungen verboten ut u<ib Doch zahlreiche Derartige Wohnungen tatsächlich belegt werden. Ein solches Gesetz muß aber auch Vorschriften enthalten, daß gewisse in den Bebauungsplan ein bezogene Gelände ausschließlich mit Kleinwohnungen be> baut werden dürfen, unb bau Die darauf errichteten Däuser auch nur zu Kleinwohnungen bciiüur werden dürfen. Vom sozial­politischen unb wirtschaftlichen Standpunkt aus ist es falsch, die minberbcmittelten Klassen, Deren Dienste die höheren Gesellschafts­klassen doch stets bedürfen, in rncit entfernten Vororten zusammen zusetzen. Durch den langen Arbeitsweg geht ein großer Aufwand von Kraft nutzlos ^verloren. Nicht alle Beteiligten können mit dem Fahrrad diese Schwierigkeit überwinden, ganz abgelegen davon, daß auch dies eine bedeutende Krastanstrengung erfordert und alle Vertehrsmitetl sind schließlich zu kostspielig. Tie beschränken­den Bestiinmungen, die man bei der Feststellung der Baupläne zum Besten des VÜlenbaues erläßt, sollte man darnach gerechter weise auch für den Bau von Kleinwohnungen amuenben. Für Die Vertretung bes Zwerwerbands Großberlin ist vom Abgeoro netenhause das Recht cingejügt worden, Gelände für Kleinwoh nintgcn zu erwerben und Kleinwohnungen darauf zu erbauen. Man scheint im Herrenl-ause diese Bestimmung streichen zu wollen (£>ört! Hört.'), das wäre ein sozialvolilischer Fehler. Dadurch, das; man den Bau von Kleinwohnungen zu verhinbern sucht, hindert man nicht ben Drang nach der Großstadt,- der Grund dafür liegt tiefer. Wir müssen hier eine Aenderung der leidigen Bcstimmnitgen des Bürgerlich/en Gesetzbuches über bas Erbbau­recht fordern. Meines Erachtens kann man zwar beute schon im Wege des Vertrags die Rechte des Grundbesitzes und des Psandgkaubigers an ErbpackKland sowie an ben auf diesem liegen­den Gebäuden völlig sicher stellen. Reich, Staat und (^emeinb^ haben in dieser Weise schon große Flächen unter Erbbaurecht aufgetan unb bic auf diesem Grund unb Boden liegenden Ge­bäude belieben, ohne Geldverluste zu erleiden. Das konnte natür­lich nur Den Reichs-, Staats- und Gemeindebamten zugute kommen. Wenn das Erbbaurecht ber deutschen Bevölkerung zugute kommen soll, muß sich das Großkapital beteiligen unb müssen sich Erb-

baubanfen bilden. Für die Gier.- inben liegt in ?e. Anwendung des Erbbaurechts ein befonba.-? Mittel der Tätigkeit, aber frei» e Wohnnugen aniflcieilte Gel

neuer mag eine gut? Finanzanelle sein, unb wäre sie mir in Der Stellung als Reicbs sdw tzi cl r et är eindringlich angeboten tnor

. . aug< nommen Abc i t) 1

mich zurzeit nicht überzeugen Sehr richtia Ich fürchte, daß Die Mieter bic Zinsen zu tragen 1-iben werben Die oisencnt I ibeit sein Es gibt fciber sozialpolitische Freunde, Die auch imr der Aufgabe erschrecken unb erlahmen. Man hört auch ab und ?n das Wort: man solle mit der Sozialpolitik endlich einmal auilören. Tis kommt mir so vor, wie wenn man zu den handel und Indusirieirerbenben sagen wollte, sie sollten einmal mit handel unb Inbustric aufhören Deslwlb möchte ich zum Schlüsse allen Denen, bic zu innerer Arbeit mit Helsen, das Word zurufen: Lasset uns Gutes tun unb nicht müde iverben. LcbK. Beifall.'

Ans Statt und fand,

Gießen, 14. Juni 1911.

" Im Sommer finden unsere Zeitungsträger vielfach verschlossene Türen, namentlich auch auf dem Lande, Da die Feldarbeit alle Familienangehörigen in Anspruch nimmt. Es würde sich deshalb empfehlen, Briefkästen an den Häusern anzubringen, damit die ZeitungSbestcllung nicht so zeitraubend und dabei doch zuverlässig ist. Auch die Briefträger würden das Vorhandensein von Briefkästen an­genehm empfinden und den Empfängern von Briefen usw. würde damit mancher Verdruß erspart bleiben.

" DaS erste Abonnements-Konzert unserer NegimeutSkapelle findet morgen statt. ES sei empfehlend darauf hingewiescn, hat doch Obermusikmeister Löber gerade dieses erste Konzert besonders sorgfältig vorbereitet und reich ausgeslattet. Kammermusiker Kümmel auS Darmstadt, ein vorzüglicher Künstler auf dem Cornet ä Piston und darum stets gern gesehener Gast, hat feine Mitwirkung zugcsagt, so daß also zweifellos ein großer musikalischer Genuß in Aus­sicht steht. Zu wünschen wäre dann noch, daß auch das Wetter ein freundliches Gesicht mache, ein wichtiger, aber nicht den Ausschlag gebender Faktor, da in SteiuS Garten ein geräumiger Saal zur Verfügung steht.

" Stadttheater. Auch in diesem Sommer finden Gastspiele der Nauheimer Operette statt, und zwar wird die erste Vorstellung am Dienstag, 20. d. M., gegeben werden. Zur Ausführung gelangt LehärS .Graf von Luxemburgs, der für Gießen Neuheit ist und sicher außer­ordentliche Zugkraft auSüben wird. Interessenten werden deshalb gut tun, sich Plätze im voraus zu bestellen, doch wird gebeten, Bestellungen nur an die Kasse des Stadt­theaters zu richten und nicht an die Direktion. Die Ausgabe der Billets für die Vorstellung sindet von Sonntag, 18. Juni ab, jeweils von 111 Uhr, an der Theaterkasse statt; am Aufführungstage auch von 3*/24 Uhr. Ein Abonnement auf die Operetten-Vorstellungen wird in diesem Sommer nicht ausgegeben; die Zahl der Aufführungen hängt vom Besuch der ersten Vorstellungen ab.

Der Ern st-Ludwig-Verein, hessischer Zentral­verein für Errichtung billiger Wohnungen, halt seine Hauptversammlung am Mittwoch, 21. Juni, zu Darmstadt ab. Die Tagesordnung lautet: 1. Er­öffnung der Versammlung und Begrüßung der Gäste. 2. Ge­schäftsbericht. 3. Kassenbericht. 4. Neuwahl von Vorstands­mitgliedern. 5. Antrag des Verstandes auf Abänderung der Vereinssatzung. 6. Vorträge: a) Wohnungsfrage und gemeinnützige Bautätigkeit (Bürgermeister Traut- mann-Nirnbach i. Odenw. und Pfarrer LooS-Butzbach);

Das erste Austreten der Düse in Deutschland.

Ter bekannte Pariser Impresario Schürmann, der feit Mehr als 30 Jahren im Theaterleben steht und die Kunst­reisen vieler Berühmtheiten der Bühne durch Europa nnb Amerika geleitet hat, veröffentlicht jetzt in denAniiales" seine Erinnerungen, die eine Fülle fesselnder Einzelheiten und Anekdoten aus dem Leben bekannter Künstle ^enthalten. Das erste Kapitel ist der Düse gewidmet, und Schürmann erzählt dabei einen für das Wesen der großen italienischen Schauspielerin elmrakteristischen Zwischenfall, der sich zu Beginn einer der ersten großen Gastspielfahrten der Tragödin in Deutschland ereignete. Die von Schürmann zusammengestellte Truppe >var in Köln eingetroffen, aber der Direktor des dortigen ersten Theaters hatte durchaus kein Zutrauen zu der fremden, damals in Deutschland noch nicht bekannten Künstlerin und mcigerte sich, das Haus zu einer Abendvorstellung fretzugeben. ")iach langem Verhandeln erklärte er sich schließlich kopfschüttelnd be­reit, dem Impresario der Düse das Haus ztt zwei Vor­mittagsvorstellungen zu vermieten, wobei er voll Mitleid warnel-.d darauf hinwies, das; man in Köln nicht am Tage ins Theater zu gehen pflege und daß man sicherlich vor einem leeren Hause spielen würde. Doch Schürmann ließ sich nicht abschrecken und bezahlte voll Seelenruhe die Miete für die beiden Vorstellungen. Die Einnahmen der ersten Aufführung erreichten nahezu 10 900 Ml, und noch am selben Tage wurden sämtliche verfügbaren Plätze für die zweite Vorstellung verkauft. Am Abend vor dem zweiten Gastspieltage empfing der Impresario ein Telegramm von der damals in Bonn nwhnenden Schwester des Kaisers, die auf jeden Fall und zu jedem Preise eine Loge haben wollte. Da das Haus ausverkauft war, mußte dicht au der Rampe eine kleine Loge improvisiert werden. Eine Stunde vor der Vorstellung ließ die Tn,e eiligst den Impresario ins Hotel rufen.Es tut mir leid, aber die Vorstellung muß verschoben werden. Ich bin zwar nicht krank, aber ich fühle mich doch nicht wohl und würde meine Rolle nicht so spielen können, wie ich das wünsche. Es ist daher besser, das Publikum nach Hause zu schicken." Schürmann protestierte, es sei unmöglich, und er wies da- ]

rauf hin, daß die Kasseneinnahmen 10 000 Mk. betrügen. Ach," sagte die Düse erstaunt,10 000 Mk. eingenommen? Dann ist mein Entschluß unerschütterlich. Wenn das Pu- blitum so zahlreick) herbeiströmt, hat es auch Anspruch da­rauf, eine tadellose Aufführung zu sehen." Und sie sprach davon, daß sie die Zuschauer unmöglich betrügen dürfe. Wieviel verdienen Sie persönlich bei einer solchen Tages­einnahme?" fragte sie ihren Geschäftsführer, und als der ihr 2000 Mk. nannte, antwortete sie sofort:Ich werde Ihnen selbst diese Summe ersetzen. Sie sollen durch mich keinen Schaden leiden. Ich übernehme auch die Theater­miete und die Kosten der Trttppe." Aber Schürmann gab nicht nach und wies schließlich darauf hin, daß die Schwester des Kaisers aus Bonn eigens zu der Aufführung gekom­men sei. Es wäre notwendig gewesen, sie vor Antritt der Reise von Bonn von einer Verschiebung der Aufführung zu verständigen." Aber die Düse meinte, die Prinzessin fei eine Zuschauerin wie jede andere und werde eben auch nach Hause gehen müssen. In dieser Weise ging das Ge­spräch eine ganze Weile fort, als aber Schürmann nicht uachgab, riet die Tragödin schließlich ärgerlich:Sie be­stehen also durchaus darauf, daß ich auf trete? Schön, aber ich künde Ihnen an, daß ich nachher 14 Tage aus- ruheu werde. Sie werden also das Fünffache der Summe verlieren, die ich Ihnen jetzt sogar persönlich ersetzen will." Tas ist einerlei, mir kommt es vor allem darauf an, den Erfolg der Gastspielfahrt zu sichern, die Aufführung muß unbedingt stattfinden." Die Düse ging ins Theater und spielte die Magda in SudermannsHeimat". Ihr Erfolg war unbeschreiblich. Aber als Schürmann am Abend ins Hotel zurückkam, fand er einen Brief, der Düse, der lakonisch lautete:Ich bin krank und kann 14 Tage lang nicht fpielen. Geben Sie der Truppe in 14 Tagen in Straßburg ein Stelldichein. Ich fahre inzwischen zur Er­holung nach Italien." Dieser Entschluß war unabänder­lich, denn er war schon ausgeführt: als der Impresario zu der Künstlerin eilen wollte, war ihr Zimmer leer und fie bereits int O Zuge auf dem We»ze in die Heimat. . . .

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1^ Mexikos Gotteshäuser. Als vor wenigen Tagen die merilanische Hauptstadt von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert und schwer beschädigt wurde, ergossen sich sofort Tausende von Menschen in die Kirchen: Poli­zisten suchten sie daraus zu vertreiben, denn die Mauern schwankten und drohten die Gläubigen unter sich zu be­graben, aber sie hatten alles Zutrauen zu ihrem Heiligen und blieben im Schutz der Gotteshäuser, ein Vorgang, der lebhaft an die Szenen erinnert, die Kleist in seiner Novelle, Tas Erdbeben von Chile", beschreibt. Man begreift das Verhalten, wenn man liest, was Harry Graf Keßler in seinenNotizen über Mexiko" schreibt:

Mehr noch als in Rom erfüllt in Mexiko die Gotteshäuser! beftänDii] Das Gemurmel der Betenden. 'Scharen von Männern und Weibern Inien immer vor bat SciligenbilDcrn, rniD gerade Die Manner überwiegen: Leute aus dem Volk, Deren Ponchos in dunklerem Rot neben dem Sckar^ch der Ehorknabengewander im Weihrauehnebel um den Altären leuchten Tas National- Heiligtum von Guadalupe ist der 9lilckgrat der mexikanischen Na­tionalität, das, was alle Provinzen und Stämme des Landes zilsammenhalt Bis in Die entfernten Gebirgstäler, bei Stammen, Die kein Spanisch verstehen und l.mm zum Ehristentum bekehrt sind, soll man die Kopien der blassen von einem mandelförmigen Glorienschein ganz umrahmten MaDonna treffen: und seitdem sie Hidalgo, Der erste Held des Befteiungskrieges, auf seinen Fahnen den mexilanii'chen Freiheitsscharen vorangetragen hat, ist sie and) für die liberale Partei das höchste Symbol des mcxilanischen Patriotismus geworden. Der Dom, in dem Das Wunderbild steht, liegt vor den Toren Der Hauptstadt, auf dem Boden, Den trüber ein weitberühmter indianischer Tempel, der Der Götter- niutter Der Azteken geweiht war, einnaym Schon jetzt, da kein Fest ist, füllt Die Kirche eine beständig weckiielnd: Menge., Fortwährend rutschen neue Prozessionen von buntlcn, inbrünstig blickenden Männern und Weibern, Kerzen haltend nno wie im Takte Gebete murmelnd, auf den Knien die Schif'e hinauf bi« ans massive silberne Gitter, das d.n Hockwltar und Das heilige Bild vom Volke trennt. Wie ein Bienensiimmen schweben bic Gebete über dem Pilgerschwarm, Der sich langsam vorwärts be­wegt. Am 12. Dezember aber, am Tage von Guadaluve, ver sammeln sich hier jedesmal an Die hunderttausend Indianer aus allen, auch Den fernsten Teilen von Mexiko und führen in ben alten heimischen Federtrachten, von Den katholischen Priestern un­behelligt, ihre eigenen Riten unb Tänze in unb um iym Heilig tum auf.