Ausgabe 
11.7.1911 Zweites Blatt
 
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Univerfitäts-rrachvichten.

Hk. Darmstadt, 10. Juli. Als Nachsolgn: des Geh. DaU- rats, Professor Lincke, wurde vom 1. Oktober 1911 ab der Ober- ingcnicur, Dr. Jng. Enno Jöctbcbtocrf in Halle zum ordent- lichen Professor der Maschinenbaukunde an der hiesigen Tech- nischen Hochschule ernannt. Sein Lehrauftrag umfaßt Maschinen, Elemente, Getriebelehre und Kalkulation.

aend in Berlin warnt darum vor unüberlegtem Zuzug nach Berlin und bittet namentlich dieungelernten Ar­beiter", der Großstadt fernzubleiben, um nicht der Armen- : pflege und Polizeibehörde fohrie den gemeinnützigen Jugeno- verernen zur Last zu fallen.

D i e Rothäute vor dem Grammophon. -ras nut der Genehmigung der französischen Negierung in Paris ge­gründete Lprachenmuienm, das mit Hisie des ©rammoi-botu ter Racbivelt cm genaues Bild der Wellsvrachen des 2'.\ Jcilirhunoerts hiuterla'sen will, kann sich jetzt rühmen, spateren Geschlechtern cnid) eine indianische Beschwörung des bösen meistes uberlictrn zu können, für Zeiten, in denen die letzte Nothaut der Welt wahr­scheinlich längst im Grabe ruhen wird. Denn in Paris weilt gegen­wärtig eine Siouxlruvve, deren Häuptlinge nach vielen Mützen endlich bewogen worden sind, eine Probe ihrer Sprache dem Grammophon anzuvertrauen. Als man den roten Kriegern erklärte, daß der lrompetensörmiae Apparat nach 200 Jahren fernen Ge- schlechtem ihre Worte wiederholen würde, wollten die Häuptlinge nichts mit bieder Zaubergefchichte zu tun haben. Erst nach langen Verhandlungen ex Hünen sie sich bereit, nachdem sie vorsichtiger- iveife eine ganze Neige von Bedingungen gebellt hatten. Ehe sie an das Grammophon herantraten, um den Teufel zu beschwören, behängten sie sich über und über mit Amuletten und Fetischen, doch sie bedungen sich auch aus, mährend der Ausnahme einen geladenen Revolver in der Nechten halten zu dür'en. Bei dem ersten Ver- siiche war der eine der Häuptlinge von dem knarrenden Geräusche des Grannnoptzons io erschreckt, daß er glaubte, der Böse sei schon un Koiuincn; hastig richtete er den Revolver mt( den Apparat und gab blitzsctmelt sechs Schüsse m die Schalstromvete ab, die das Grammophon natürlich vollständig zerstörten. Man brachte einen neuen Apparat und nun endlich tonnte dre indialtijche Teusels- bejchwörung ordnungsgemäß ausgenommen werben.

Kleine Lageschronik.

In Köln wurde auf einem 2 Meter hohen Brette rzaun die Leiche eines Mannes aus besseren Kreisen mit schweren Verletzungen am Kopf, Äals und Brust aufge,unden. Man nimmt an, daß es sich um einen Mord handelt.

In P a p i tz bei Halle a. d. Saale trafen mehrere Jäger, die am Elsterufer auf einen Schwarm aufstcigender Wildenten, feuerten, eine Gruppe hinter dem Schilf versteckter Schullinder. Vier Kinder, darunter drei Geschwister, wurden schwer verwundet.

In Hohenstein-Ernstthal ereignete sich ein überaus trauriges Vorkommnis, dem vier Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Eine H e b a m m e, die eine Familie zur Entbindung zugezogen hatte, hatte ein Fläschchen Lysol in die Stube gestellt. Ein drei Jahre altes Kind muß aus dem Fläschchen getrunken haben, denn es war bald darauf an Vergiftung gestorben. Den Vorfall nahm sich die Hebamme so zu Herzen, daß sie selbst, ihr Ehemann und die 21jährige Tochter ebenfalls Gift nahmen. Am Montag morgen wurden alle drei in der Woh­nung t o t ausgefunden.

Am Montag morgen fuhr auf der Straße von Velbert nach Werden ein mit fünf Personen besetztes Automobil, als es einem anderen Automobil ausweichen wollte, gegen einen Bau m. Die Insassen, alle aus Velbert, wurden herausge- chleudert. Drei sind tot, einer liegt im Sterben, der fünfte wurde schwer verletzt. Das Automobil wurde zer­trümmert. Es war von dem Chauffeur einer in sehr vergnügter Stimmung befindlichen Gesellschaft ohrte Vorwissen des Besitzers zur Verfügung gestellt worden.

Nach Ausbesserung des türzlicki geborstenen Oder wehr es an der Neißemündung wird die Oderschiffahrt diesen Mittwoch wieder eröffnet; 650 festsitzende Schiffte warten darauf.

In der ungarischen Gemeinde O ft - F ya ß z o n y f a kam cs zwischen Gendarmen uird Zivilpersonen zu einem Zusammen­stoß. Die Gendarmen feuerten in der Notwehr; zwei Männer wurden getötet, drei lebensgefährlich verletzt.

Am Herreubaoestrande der Insel I u i st wurde die Leiche eines Insassen des am 25. Juni verunglückten französischen Bal­lonsA n d r o m e b e" angetrieben. Ob es sich um den Luft­schifführer Blondel oder um den Mitfahrer Corbirt handelt, steht noch nicht fest.

In Z a a u o a tn (Holland) brach ein furchtbarer Brand aus. Eine Familie, bestehend aus Vater, M u t t e r und vier Kindern, verbrannte. Neun Häuser fielen dem Brande zum Opfer.

Der von Madrid nach Paris abgegangene Südcxpreßzug ent­gleiste bei R u f f e c (Dep. Charento). Der Lokomotivführer wurde getötet, vier Reisende wurden leicht verletzt.

In dem Kontor einer Bank in S t o ck h o l m wurde ein Paket mit 31 Tausendkronenscheinen gestohlen. Das Geld lag auf einem Tische, der 2 Meter vom Publikum eutfernt staub. Von dem Täter fehlt jede Spur.

Im Petersburger Hafen ist heute nacht Feuer aus­gebrochen, durch das 20 000 Ballen Baumwolle, die 40 Firmen gehören, z e r st ö r t worden sind.

Bei dem Versuch eines Einbntchsdiebstahls in die russische Gesandtschaftskirche in D r e s d e n st ü r z t e der Arbeiter Krause aus Lodz vom Dach ab und wurde am Morgen schwer verletzt aufgefunden.

Die Tochter des russischen Verkehrsministers R u ch l o f f wurde nn Gutsparke von einem irrsinnigen Strolche schwer verletzt. Nachdem der Irrsinnige verhaftet war, schlitzte er sich den Leib auf.

In K e e s k c nt e t wurden im Laufe des Samstags und Sonntags mehrere sekundenlange Erdbeben beobachtet. Wäh­rend des ganzen. Sonntags wütete ein orkanartiger Sturm. Viele Einwohner lagerten im Freien. Eine Abteilung Pioniere ist ein­getroffen, um bei Hinwegräunkung des Schutts und beim Stützen des Mauerwerks Hilfe zu leisten.

SanScL

** Postscheckverkehr. Im Reichspostgebiet ist die Zahl der Kontoinhaber im Postscheckoertehr Ende Auni 1911 auf 56 990 gestiegen. (Zugang im Monat Juni allein 890.) Auf diesen Postscheckkonten wurden int Juni gebucht 992y3 Millionen Mark Gutschriften und über 1 Milliarde Mark Lastschriften. Das Ge­samtguthaben der Kontoinhaber betrug im Juni durchschnittlich 1151/d Millionen Mark. Im Verkehr der Reichspostscheckämter mit dem Postsparkasscnamt in Wien, der Postsparkasse in Budapest, den schweizerischen Postsch.'ckbureaus und der belgischen Postver­waltung wurden fast 5 Millionen Mark umgesetzt und zwar auf 2040 Ucbertragungen in der Richtung nach und auf 9250 Ueber- lragungen in der Richtung aus dem Auslande.

Die Emissionstätigkeit. Die Emissionstätig­keit hat sich int vergangenen Halbjahr in normalen Grenzen gehal­ten. Die Gesamtsumme der emidierten Börsenpapiere ist nicht ; so hoch wie in dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Damals ergab sich für deutsche und ausländische Papiere ein 1 Nominalbetrag von 1788.83 Mill. Mk. mit einem Kurswert von i 1891.77 Mill. Mk. Für das erste Halbjahr 1911 stellen sich nach den Berechtigungen des Deutschen Oekonomist diese Zahlen - auf 1442.56 Mill. Mk. be^tu. 1569.65 Mill. Mark. Ver­bleicht man int speziellen bte einzelnen Wertpapierkategorien, i 10 ist vor allem die Emission deutscher Staatsanleihen hinter dem Vorjahre zurückgeblieben; während sie sich diesmal auf rund ; 200 Mill. Mk. beschränkt, ergab sich gleichzeitig tm Vorjahre ein Bettag von 625 Mill. Mk. Dieser beträchtliche Unterschied \ beruht darauf, daß das deutsche Reich ebenso wie Preußen auf J eine Neuemission verzichten konnten. Die Emission industrieller ; Werte ist größer gewesen als in der vorjährigen Parallelperiode- an Jndusttieobligationen wurden nämlich emittiert 145 Mill. Mk. gegen 51 Mill. Mk. und an Jndusttieaktien 234 Mill. Mk. Da­gegen ifi die Summe der emittierten Bankaktien etwas geringer als im Vorjahre. Die ausländischen Papiere hat der Oekonomist mit einem Gesamtbeträge von 318 Mill. Mk. eingestellt, wobei wtederum betont fein möge, daß es sich bei den ausländischen ' Papieren in Ermangelung anderer Unterlagen um eine schätzungs- 4 weise Ermittelung des in Deutschland plazierten Betrages Han- delt. Relativ groß war der Betrag der zur Emission in Deutsch- S land gelangten ausländischen Staatsanleihen, die mit 247 Milk Mark (Kurswert) eingestellt sind.

Mannheim, 10. Juli. Am Samstag fand hier die Er- richttlug der O b e r r h e i n i s ch e ti E i s e n b a h n g e s c l l s ch a f t Mannheim statt. Tie Grünber der Gesellschaft sind: die ^tabtgcntcjibc Mannheim, die Süddeutsche Eilenbahngesellschaft Darmstadt, die Neue Rheinau Alticn-Gesellschaft-Mamihcim die ' Rheinische Schuckert-Gesetlsck-aft in Mannheim und die^ui-'ch! che Tiskontogesellschaft in Mannheim. Das Grundkapital der Gesellschaft beträgt acht Millionen Mark; außerdem begibt die A Geieilfck-ast sofort 12 Millionen 4 prozentiger Obligationen, die ä von der Stadtgemeinde Mannheim garantiert werden. Tie An- 1 leihe wurde von einem Konsortium aus sämtlichen hiesigen Banken J bereits übernommen.

Sport.

, = Radfahrer. Bei dem am Sonntag abgehaltenen 100- Kilometer-Remien des Gaues IX a des Deutschen Radfahrer-Bun­des errangen in der Jimiorklasse die Mitglieder des Rad-Clubs Germania folgende Preise: 1. Preis Fr. Linker in 3 Stunden 20 Min., 2. K. Hartmann in 3 Stunden 20 Min. 2/s Sek., 3. K. Sehrt in 3 Stunden 20 Min. Vs Sek., 5. L. Käb in 3 Srunden 22 Min., 6. H. Ester in 3 Stunden 27 Min. Den 1. Preis der Senioren errang Karl Muhl, ebenfalls vom Rad- Club Germania, trotz zweimaligen Defekts in 4 Stunden 18 Min.

= Athletensport. Nach dem soeben vom Verbands- vorftand veröffentlichten Preisergebnis erhiel.en auf dem zwölften Heffifchen Athleten-Verbandswettftteit des Hessischen A'hle en-Ver- bandes von den Mitgliedern des hiesigen Athleten-Klubs Einig­keit folgende Herren Preise: Richard Klaue in der 3. Klaffe dm 5. Preis; in Klasse 4 Ludw. Küßbert den 6. Preis. In der Leichtathletik erhielt H. S t a u b a ch den 9. Preis, Fr. Schnöring dm 11. Preis und G. Staubach den 17. Preis. Im Mittelgewichttingen erhielt K. Martin den 16. Preis. Zur Konkurrenz waren angetreten 194 Mann. Bei dem Stemmen um die Meisterschaft von Hessen erhielt Richard Klaue den 3. Preis.

* Die Strandung des DainpfersSanta R 0 s a". (275 Passagiere ertrunken.) Nachträglich einge­laufene Berichte über die Strandung des Dampfers Santa Rosa" an der kalifornischen Küste ergaben, daß die Katastrophe bedeutend mehr Menschenleben gefordert hat, als ursprünglich gemeldet wurde. Verursacht wurde das Unglück dadurch, 'daß ein starker Schein­werfer, den in der Nähe der Strandungsstelle beschäftigte Bahnarbeiter benutzten, von dem Steuermann derSanta Rosa" für das Leuchtfeuer von Pintu Arguello ge­halten worden war. Da der durch die Strandung ver­ursachte Schaden des Schiffes anfänglich unbedeutend er­schien, machte der Kapitän keine Versuche, die Passagiere zu landen. In den frühen Morgenstunden erhielt das Schiff aber durch den starken Seegang einen Riß, der die vollkommene Spaltung des Dampfers herbeisührte. Die gänzlich unbewohnte Küste ließ, wie dem B. T. gekabelt wird, alle Notsignale unbeantwortet. Das zuerst ausgesetzte Boot wurde in der Brandung zerschmettert. Der dritte Maschinist erreichte schwimmend das Land mit der Rettungs­leine, deren geschickte Anwendung die Bergung von 192 Passagieren ermöglichte. Der Nest der Passagiere, per sich aus 275 belief, ist ertrunken. Die Uebcrlcbcnben wurden in völlig erschöpftem Zustande nach Santa Barbara gebracht.

* Leutenot und Arbeitslosigkeit. Nach der amtlichen Statistik des Kaiserlich-statistischen Amtes in Berlin war auch im Juni 1911 die Arbeitslosigkeit in der Reichshanptstadt und Umgebung in manchen Berufen ganz erheblich. Arbeitsuchende und besetzte Stellen standen sich folgendermaßen gegenüber: Stein- und Erdarbeiter: Ar­beitsuchende 174 (besetzte Stellen 88); Bauschlosser: 919 (414); Klempner usw: 1258 (617); Drechsler': 379 (129); Bierbrauer: 2177 (1280); Maurer usw.: 1293 (439); (551a,er: 137 (20); Dachdecker und Pflasterer: 1591 (243); Stein­drucker : 420 (93); Maschinisten und Heizer: 200 (81): Fabrikarbeiter: 1229 (447); Kutscher und Fuhrleute: 1053 (294). Auch in den anderen Berufen ist die Arbeitslosig­keit zum Teil recht erheblich. Die Gesellschaft zur Fürforge für die zuzrehende männliche Ju-