Wiener Korrespondent der „Deutschen Tageszeitung" folgende Stellen seinem Blatte depeschiert: Die „Wiener Allg ^tg" erhält von ihrem Londoner Vertreter folgende Inflationen, die in hiesigen diplomatischen Kreisen, wie sic behauptet, bestätigt werden:
Italien wird sofort nach der vollzogenen Okkupation von Tripolis und Cyrenaika, was innerhalb der nächsten 14 Tage geschehen sein dürste, die Annexion dieser Gebiete den Mächten rnittcilen und sie ersuchen, im Auftrag Italiens eine bestimmte Geldsumme für die annektierten Gebiete der Türkei anzubieten. Für die Zustimmung der Türkei zu einer unter diesen Bedingungen vollzogenen Annexion von Tripolis werde Italien eine sehr kurze Frist von 48 Stunden setzen. Sollte die Türkei dieses zweite Ultimatum ablehnen oder ausweichend beanttvorten, so werde Italien zu militärischen Operationen im Aegäischcn Meere schreiten, so zur Besetzung mehrerer Inseln, zur Blockade von Smyrna und im äußersten Falle zur Blockade der Meerengen. Von einer Aktion im Jonischen oder Adriatischen Meer würde Italien aber abseh Binnen 14 Tagen erwartet man die Proklamierung der unbedingten Annexion von Tripolis durch Italien, wonach dann eventuell eine diplomatische Aktion in Konstantinopel Platz greifen würde
Deutsches Neich.
Zur Eröffnung des Wahlkampfes in Groß-Berlin hielt am Mittwoch abend die Fortschrittliche Volkspartei .eine Versammlung ab, an der etwa 3000 Personen teilnahmen. Die Abgeordneten Hausmann, Dr. Wiener, Muller-Meiningen und Naumannhiclten Vorträge.
Ausland.
Der Kaiser von Rußland genehmigte die Verordnung des Kriegsministers, betreffend die militärische Ausbildung der Jugend außerhalb der Schule.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 19. Oktober 1911.
•* Tageskalender für Donnerstag, 19. Okt. Vortrag von Dr. Fischer über die M u t t e r s ch a f t s k a s s e. Abends 81/* Uhr in der neuen Aula.
** Lehrerpersonalien. Uebertraq en wurde dein Lehrer Karl Stein zu Schlitz eine Lehrerstelle an der Ge- meindeschule zu Reiskirchen.
" Aus dem Militär-Wochenblatt. Der Kaiser!. Ottomanische Offizier als Leutnant ä, la suite der Armee, ohne Vorbehalt der Prüfungen, angestellt und zur Dienst- leistung überwiesen: Mehmed Salih, Unterlt., dem Leib- Garde-Inf.-Regt. (1. Groß. Hess.) Rr. 115.
** Der Vorstand der Landwirtschaftskammer beschäftigte sich in seiner Sitzung am Mittwoch mit der Abänderung der Satzung her Landwirtschaftskammer. Die Hauptversammlung, die die .Satzung endgültig sestzustellen hat, wurde auf den 14. und 15. November einberufen. Gegen die von dem Ministerium geplante Heraufsetzung des D e ck g e l d e s von 10 auf 15 Mark hat die Landwirtschaftskammer nichts einzuwenden, sofern die hierdurch gewonnenen Beträge zur .Anschaffung besseren Hengstmaterials verwendet werden.
•* Aus dem Bureau des Stadttheaters. Zu der Aufführung von Aristophanes „Fröschen" am Dienstag, den 31. Oktober mit den Herren Hacker, Lehrmann und Jürgas vom Darmstädter Hoftheater als Gästen sei bemerkt, daß dec erste Ecmäßigungskupon für Abonnenten gilt, diese also statt der gewöhnlichen Preise nur kleine Preise zu zahlen haben. Wegen des Charakters der Aufführung sollen auch Schüler der höheren Klassen die gleiche Ermäßigung wie die Herren Studierenden genießen. Bestellungen zu dieser Gastvorstellung werden schon jetzt im Theaterbureau angenommen.
♦* Vom Konzert-Verein wird uns geschrieben: Die Mitglieder des Konzert-Vereins sowie Musikfreunde, die auf das nächste Vereinsjahr zu abonnieren beabsichtigen, seien darauf aufmerksam gemacht, daß Herr Ernst Challier die bisherigen Plätze reserviert hat, bez. Neu- Abonnements ebenso wie Abonnementsänderungen entgegennimmt. Da das erste Konzert bereits am nächsten Sonntag, 22. Oktober, stattfindet, möge an die Erneuerung der Abonnements und an die Bestellung neuer Plätze hiermit erinnert sein. Wie aus der heutigen Anzeige ersichtlich ist, wird das erste Kammermusikkonzert sowie auch alle folgenden Kammermusikabende im Kluosaal gegeben werden. Das Trio-Ensemble wird u. a. das große B-dur-Trio op. 97 von Beethoven zur Aufführung bringen, ein Werk, das Marx in seiner Beethoven-Biographie bezeichnet als „den großen Liebling aller Trio spielenden Müsiker, ihnen als wahre Müsterarbeit vor anderen wert, funkelnd vor Lust und Genuß, breit und behaglich wie die Tafel des Reichsten". Für die Gesangsvorträge ist Herr Hofopernsänger Maximilian Troitzsch, ein sehr geschätzter und stimmgewaltiger Bariton, gewonnen worden.
** Sein 6 5. Stiftungsfest feiert am Samstag im Cafe Leib einer unserer ältesten Vereine, der Gesangverein „H a r m o n i e".
Silberne Hochzeit feiern morgen Malermeister Ernst Aß mann und Ehefrau, Marie, geb. Hamel.
Kreis Alsfeld.
sw. Berns bürg, 18. Okt. Heute wurde die neue Verbindungskreisstraße zwischen Ruhlkirchen und Bernsburg fertiggestellt, womit dem langersehnten Wunsche um einen kürzeren Weg nach Alsfeld endlich entsprochen worden ist. Auch dem preußischen Ort Willingshausen ist dadurch eine bessere Verbindung mit Alsfeld gegeben worden.
Kreis Lauterbach.
~ Wal lenrod, 18. Okt. Nachdem die Wasserleitungsfrage in hiesiger Gemeinde bei früheren Verhandlungen infolge der ablehnenden Haltung des Gemeinderats ins Stocken geraten war, ist sie wegen des in diesem Sommer eingetretenen Wassermangels wieder m den Vordergrund getreten. Um aber die Verantwortung der entstehenden hohen Kosten nicht allein auf die Schultern zu nehmen, hat der Gcmeinderat sämtliche hiesigen Gebäudeeigentümer zu einer Versammlung eingeladen, um deren Haltung zu dem Wasserleitungsprojekt zu hören. Die Versammlung war außerordentlich zahlreich besucht — fast sämtliche Hausbesitzer waren vertreten — und sprach sich mit großer Mehrheit für die Errichtung einer Wasserleitung aus. Trotzdem verhalten sich immer noch einige Gemeinderatsmitglieder, die infolge
der günstigen Lage ihrer Hofreiten nicht an Wassermangel gelitten haben, ablehnend. Um aber der Mehrzahl der Bewohner Rechnung zu tragen, sollen die Vorarbeiten doch bald m die Wege geleitet werden.
Kreis Schotten.
H. U l r i ch st e i n, 18. Okt. Unter den schönen Straßen des Vogelsbergs nahm unsere Ohmtalstraße stets eine der ersten Stellen ein. Ihr Oberbau war so gut, daß sie getrost an die Seite einer mit der Dampfwalze bearbeiteten Straße gestellt werden konnte. Im vorigen Jahre erhielt diese Straße eine derartig starke Beschotterung, daß ihre lobenswerten Eigenschaften ganz, zugedeckt wurden von groben Basaltsteinen. Für Automobil wie Fahrrad, für Post wie anderes Fuhrwerk bildete diese Beschotterung ein stetes Aergernis. Der überaus trockene Sommer ließ es nicht zu, daß sich die Steine im Chausseebau festfuhren, sie blieben meist lose auf der Fahrbahn, dem Verkehr nicht zur Förderung. Da der Steinreichtum auf der--Straße so groß ist, so hoffte man, daß in diesem Herbste von einer neuen Deckung "ber Straße abgesehen würde. Allein die Neubeschotterung hat doch wieder stattgefunden. Der alte Seufzer: „Ach, Illerich, was Steine!" ist auch jetzt wieder nicht unangebracht.
§ Groß-Eichen, 18. Okt. Hier befindet sich em Käst anienb aum, der zehn neue, vollkommene Blüten trägt. Die K r a n i ch e haben nun ihren Rückzug an getreten. Große Scharen in der bekannten Schleifenform zogen über unsere Felder. Ihr Flugfeld war gegen früher nichtiger, so daß man Pie grauen Wandervögel gut erkennen konnte.
Kreis Friedberg.
— Butzbach, 18. Okt. Die )eit 75 Jahren hier bestehende Leimfabrik von Gebrüder Grüninger, die vor 2.6 Jahren nach der Einhäusermühle bei Butzbach verlegt wurde, ging durch Kauf in den Besitz des Kaufmanns Hermann Hoffmann, seither Fabrikbesitzer in Seiffen bei Olbernhau i. Sa., einem Sohne des bekannten verstorbenen Gießener Kaufmanns und OrtsgerichtSmanneS Ferdinand Hoffmann, über.
L. C cf ft a bt, 18. Oft. Heute morgen wurde durch die Ortsschelle bekannt gegeben, daß die hiesigen Landivirte ivegen der ui der Nähe herrschenden Maul- und Klauenseuche mit ihrem Vieh nicht mehr nach Friedberg fahren dürfen. Sie haben Kartoffeln, Getreide 2C. verkauft, können aber die Lieferungszeiten nicht einhalten. Ebensoivenig dürfen sie ins Friedberger Feld fahren, wo sie viele Aecker haben, um dort die noch stehenden Feldfrüchte zu holen und die Slecfec zu bestellen.
Starkenburg und Rheinhessen.
Viernheim, 18. Okt. Der 17jährige Arbeiter Ignaz Riehl sprang gestern von einem noch in Fahrt befindlichen Zug der Nebenbahn. Er kam zu Fall und geriet unter die Räder, wobei ihm beide Beine abgefahren wurden.
in. Bingen, 18. £)ft. Zwei in einer Weinwirtschaft angestellte Arbeiter wurden ;nt Keller von Gärungs - gasen betäubt. Während der eine ins Leben zurück- gerufen werden konnte, ftarb der andere.
Kreis Wetzlar.
w. Wetzlar, 18. Okt. Die Milchküche des Vaterländischen Frauenvereins hat 1910 täglich 216 Flaschen trink- fertiger Säuglingsmilch (insgesamt 2592 Flaschen) abgegeben und 120 erwachsene Kranken erhielten auf die Dauer von vier Wochen 'täglich 1 Liter Milch. Auf Anregung des verstorbenen Generaldirektors Kaiser erhielten im verflossenen Winter die armen Kinder aller Schulen jeden Morgen y2 Liter warme Mlich und zwei Brötchen vor dem Schulunterricht. Die Einrichtung soll auch für den kommenden Winter getroffen werden.
A Wißmar, 18. Okt. Ein schwerer Baumfrevel wurde an der neuen Obstbaumpflanzung der Straße Gießen-Wißmar verübt. In der Nacht zum 12. Okt. wurden mehrere edle Aepfelbäumchen aus der Wurzel her- ausgerisseu und einige abgebrochen. Man ist den Tätern auf der Spur. Die -Obstbaumpflanzung war kaum fertig angelegt.
= Hohensolms, 18. pft. Hohensolms erhält jetzt eine Wasserteit ung vom Lappender g aus. Die Zusammenlegung der Feldmark sowie die beschlossene Wasserversorgung stellen natürlich erhöhte Ansprüche an die Gemeindekasse. Mag auch die Steuerschraube anziehen, man ist der Gemeindevertretung zu Dank verpflichtet. Hoffentlich findet auch die Eisenoahüfrage recht bald eine glückliche Lösung.
Hessen-Nassau.
-s- Gladenbach, 18. Okt. Heute morgen kam auf dem hiesigen Bahnhof die Lokomotive des Zuges 1301 in einer Weiche zur Entgleisung. Die dadurch entstandene Gleissperrung dauerte eine gute Stunde. Unterdessen wurde der Personenverkehr durch Umsteigen aufrecht erhalten. Von Gießen wurde ein HilfSzug nach Gladenbach beordert.
x Ziegenhain, 18. Okt. Die Bemühungen maßgebender Kreise um Verlegung! des Dillenburger Landgestüts nach einem Orte Kurhessens haben wenigstens einen kleinen Erfolg gezeitigt. Die Gestütsverwaltung hat verfügt, daß einige Hengste dauernd hier stationiert werden.
X Hanau, 18. Okt. Die Stadtverordneten beschlossen, einen gemischten Ausschuß zu wählen, der den Einkauf und Verkauf von Kartoffeln, Hülfenfrüchten, Gemüse rc. durch die Stadt in die Wege zu leiten hat. Der Verkauf soll während der ganzen Winterszeit an die minderbemittelte Bevölkerung vor sich gehen. Ferner beschloß die Stadtverordneten-Versammlung eine Eingabe an die Reichs- regierung und an den Reichstag um sofortige Aufhebung der Lebens- und Futtermittelzölle, um Aufhebung des Systems der Einfuhrfcheine und um Oeffnung der Grenzen zur Einführung ausländischen Viehes und Fleisches unter Beobachtung der veterinärpolizeilichen Vorschriften. — Auf Antrag der Ortskrankenkaffe beschloß die Stadtverordneten-Versammlung die Errichtung einer WalderholungSstätte. AuS den Mitteln der Lungenheilstätten-Stiftung soll hierfür ein Betrag bis zu 2.0 000 Mk. zur Verfügung gestellt werden.
' ' w. Frankfurt a. M., 18. Okt. Nach Mitteilung des Statistischen Amts jst die V o l kszah l für den Stadtkreis Frankfurt a. M unter Berücksichtigung der feit
der letzten Volkszählung polizeilich gemeldeten Zu- und Abwanderungen, sowie des entsprechenden Ueberschusses der Geburten über die Sterbefälle am 1. Oktober 1911 mit rund 419300 anzunehmen.
fc. Wiesbaden, 18. Okt. Der diesseitige Bezirksausschuß hat sich mit einer neuen W e g e Polizeiverordnung, die an Stelle der von 1896 treten und die das Ausweichen, Vorfahren usw. auf den öffentlichen Landstraßen aller Fahrzeuge auch das der Automobile im Regierungsbezirk Wiesbaden regeln soll, befaßt, nachdem die Königliche Regierung den Eindruck gewonnen hatte, daß besonders im Hinblick auf den starken Automobilverkehr auf den Landstraßen eine Neuordnung in dieser Hinsicht wirklich vonnöten sei, damit Unfälle nach Möglichkeit vermieden werden. Der Bezirksausschuß beschloß nach eingehender Beratung, erst noch weitere Erhebungen anzustellen, ehe er der Neuordnung Gesetzeskraft verleiht.
rtttsversitäts-Naehrichten.
[] Marburg, 18. Oft. Als Pcivaldvzent der medizinischen Fakultät habilüiert sich am nächsten Samstag an der hiesigen Universität Dr. med. Martin H e y d e mit einer Antritlsvorlefung über „Die Ursachen des Verbremnuigstodes."
Geriehtssaal.
F. C. Rendel, 18. Okt. Der Milchhändler Wilhelm Greb von hier ist wegen Nahrungsmittelfälschung häufig und schwer bestraft. Ende Juni d. Js. wurden bei ihm in Frankfurt Milch- Proben entnommen, die einen starken Wasserzusatz ergaben. Greb beteuerte seine Unschuld und meinte, seine Lieferanten müßten ihm gewässerte Milch liefern. Um auf den Grund zu gehen, entbot er den Frankfurter Chemitcr Di'. Fritzmann, der an zwei Tagen in Rendel die Milch der Lieferanten untersuchte. Fritzmann stellte fest, daß der Landwirt Friedrich Hock oder dessen Ehefrau gewässerte Milch (7l/2 bis 10 Prozent Wasser) lieferte. Gegen den Ehemann Hock und gegen Frau Greb — ihr Mann war damals krank, und die Führerin des Geschäftes — wurde Anklage wegen Milchfälschung erhoben. Wegen fahrlässiger Milchfälschung erhielt Hock 30 Mk., Frau Greb 5 Mk. Geldstrafe.
X Hanau, 17. Okt. Mit einem auch weitere Kreise interessierenden Beleidigungsprozeß, den der Lehrer H. H. II. in Hanau gegen den Kgl. Garteninspektor H. in Oberzwehren angestrengt hatte, beschäftigte sich heute das Schöffengericht. Gelegentlich der im Juni in Kassel veranstalteten Ausstellung der Deutschen Landwirischastsgesellschaft hatt auch die Obstbauanstalt der Landwirtschaftskammer in Oberzwehren in Verbindung mit dem Bezirksobstbauverein eine mustergültige Ausstellung über den gesamten Obstbaubetrieb veranstaltet, in welcher sich auch ein großer Galgen erhob, von dessen Querbalken herab ein Rabe aus sechs zu seinen Füßen baumelnde verkrüppelte Obstbäume blickte. An den Galgen selbst war eine rot angestrichene Leiter angelehnt, während eine Tafel folgende Inschrift trug: „Diese hier als abschreckendes Beispiel zur Schau gestellten Baumkrüppel entstammen der Ware, welche durch einen Baumhändler, welcher in seinem Hauptamte Volksschullehrer der Kreisstadt Hanau ist, nebenbei aber einen schwungvollen Handel in Obstbaumschundware betreibt, im Lande vertrieben werben." Lehrer H. war der Ansicht, daß nur er mit diesem „Baumhändler" gemeint sein konnte und erhob deshalb Klage gegen den Aussteller des Galgens, Garteninspektor H. Auch die Lehrerschaft nahm zu der Sache Stellung und verurteilte in der „Hess. Schulzeitung" das Gebaren des Inspektors H., scharf, der nach ihrer Ansicht mit seinem Vorgehen den ganzen hessischen Lehrerstand habe treffen wollen. In der Erwiderung auf diesen Angriff gebrauchte Inspektor H. die Redewendung: „Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ein Lehrer, der nebenbei auch Baumzüchter ist, seine Mare so gut oder schlecht, wie sie eben ist, los zu werden sucht, oder ob ein Mann die Ramschware auswärtiger Baumschulen aufkauft und, unterstützt durch seine Autorität als .Lehrer, w Unkenntnis des Landvolkes benutzend, durch seine Leute im Lanöe vertreiben läßt." Auch in dieser Veröffentlichung sah Lehrer H. eine Beleidigung seiner Person. Inspektor H. erklärte gleich zu Anfang seiner Rechtfertigung, daß ihm jede Absicht der Beleidigung ferngelegen habe,, sein Vorgehen habe sich gegen die Sache, nicht gegen die Person gerichtet. Das Urteil lautete auf 20 Mark Geldstrafe, da er in der Form zu weit gegangen sei. In dem zweiten Falle, bei dem es sich um die Erwiderung auf den Artikel der Schulzeitung dreht, wurde auf Freisprechung erkannt.
Eine ungewöhnliche Anklage wegen Beleidigung des Geh. Medizinalrats Prof. Dr. Bier fühlte den praktischen Arzt Dr. Anton Hengesbach zu Neuenfelde, Amtsgerichtsbezirk Jork, und den Buchdruckereibesitzer Amandus Möhlmann zu Finkenwerder bei Hamburg vor die zehnte Strafkammer des Landgerichts I. Der Universitätsprosessor Geh. Rat Bier ist Verfasser des Werkes „Hyperämie als Heilmittel". Der Angeklagte Dr. Hengesbach vertritt seit längerer Zeit die Ansicht, daß das Biersche Werk ein bewußtes Plagiat einer Abhandlung sei, die er unter dem Titel „lieber Heilung der Infektionskrankheiten" int Jahre 1894 in der „Aerztl. Rundsch." veröffentlicht hat. Er hatte im Oktober 1908 Strafantrag gegen Prof. Dr. Bier gestellt, ist aber abgewiesen worden, mit der Begründung, daß der Strafantrag verspätet sei und der Verdacht des Nachdrucks nicht vorliege. Seit dieser Zeit wurde Professor Bier voM Angeklagten 'mit Angriffen verfolgt. Er erhielt zahlreickie beleidigende Schriftstücke zugesandt, ferner ein Beiblatt der „Unterelbischen Zeitung" mit einpn beleidigenden Artikel. Dieses Blatt hat Dr. Hengesbach verfaßt, der Angekl. Möhlmann bat es gedruckt. Prof. Bier hat rechtzeitig den Strafantrag gegen beide Angeklagte gestellt, und er ist als Nebenkläger uioe'assen worden Nach Verlesung der in Frage kommenden Schriftstücke erklärte Staatsanwalt Bagel: Nach dem Inhalt dieser Schriftstücke und der ganzen Verteidigungsweise des Angeklagten habe er doch Zweifel, ob man es mit einem geistig normalen Menschen zu tun habe. Ec stellte deshalb den Antrag, den Angeklagten durch einen Psychiater auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. — Der Gerichtshof beschloß demgemäß.
Luftschiffahrt.
Vom ersten Flug des Schütte-Lanz.
Mannheim, 18. Okt. lieber die Gründe der Landung des Luftschiffes „Schütte-Lanz" in Waldsee bei Speyer äußerte sich Professor Schütte wie folgt: „Wir sind hier nach schöner Fahrt sehr glatt gelandet auf freiem Felde bei Waldsee an einer Stelle, die wir uns selbst ausgesucht haben. Es war eine sogenannte Notlandung, weil wir bemerkten, daß an der hinteren Steuerleitnng wahrscheinlich etwas defekt war. Zur Hilfeleistung ist eine Kompagnie Pioniere aus Speyer heranaezogen worden. Das Schiff haben wir in der üblichen Weife mit Hilfe eines eingegrabenen Ackerwagens verankert. Zur Verankerung haben wir Stahltrossen und Seile verwandt. Die Landung ging so glatt von statten, daß das Schiff in keiner Weise beschädigt wurde. Die Fahrt verlief sehr schön; die Höhensteuer haben vorzüglich funktioniert. Wir haben eine Höhe von 150 Metern erreicht. Bei der Landung haben wir die Ventile gezogen; es muß also Gas nachgefüllt werden. Die Gasbehälter für die Nachfüllung sind bereits beordert.
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