Nr. 264 Zweiter Blatt
161. Jahrgang
Lrlchetni täglich mit vu-nahme de« konntag«.
tie „Gtehener .famllltnblättcr* werden dem .ÄnjftQtr* inerrnal wöchentlich beigelcgt, da« „Kretiblart für de» Kreis Lietzen" zweimal wöchenitich. Tie .^andwlrtschaitllchea Seit* trogen" erlchemen monatlich zweimal.
Lietzener Lyzetzer
General-Anzeiger für Gberhesfen
Donnerstag, 9. November 1911
RoianonSdnick unb Verlag der Br üblichen UnwersltätS • Buch- und kiemdruckerei.
R. Lange, Ließen.
Redaktion, Groebiiion unb Druckerei: 6d>u(* st raße 7. Erved non und Verlag: e^s* 51.
Redaktion: 12. TeU-Adr^ AnzeigerGießen.
(Eine Denkschrift der Kolonialamts für die Neuerwerbung.
Dem Reichstag ist eine Denkschrift des RcichSkolo- nialamls zugegangen über die Bewertung der Neuerwerbung im Verhältnis zu dem abgetretenen Gebiet. Tarin heißt es:
TaS Zwischen-Strornlanb (-wischen Logone unb Chari- bat eine Fläche von 12 OOO Quadratlilomctern, rou erhalten 2 7 5 0 0 0 Quadratkilometer: Kamerun wird um die Hälfte seiner jefeigcn Fläche (498 000 Quadratlilometern> vergrößert und kommt mit einem Flächeninhalt von 761 000 Quadrarlitometern beinahe dem südwcstasrikanischcn Schutzgebiet gleich. Tie re»ne Vergrößerung beträgt
daS dreifache unserer Schutzgebietes Togo.
WaS den wirtschastlichen Wert deS Zuwachses anlangt, so besagt es nichts, daß diejenige französische Kolonie, zu der die abgetretenen Gebiete bisher gehörten, einen Zuschuß zu den Kosten der Bestreitung ihrer Verwaltungsausgaben nötig hat. Auch Kamerun verlangt noch rund 21/, Millionen Mark Reichszuschuß und wird trotzdem als eine der aussichtsreichsten von manchen als die aussichtsreichste Kolonie angesehen. Ferner ist zu berücksichtigen, baß Franzüsisch-Aequatorialasrifa bisher von Frankreich als Stiefkind behandelt worden ist in der .Hauptsache, weil ein großer Teil des Landes im Jahre 1898 auf die Dauer von 30 fahren an Konzessionsgesellschasten vergeben war. Daß dieses System Fiasko gemacht hat und immer wieder machen muß, wird heutzutage kaum bezweifelt. Die französische Regierung hat seit einigen Jahren das System geändert. Mitte 1910 und anfangs 1911 ist eine Einigung von einer Reihe von Konzessionsgescll- schäften zustande gekommen. Die Zahl der Verwaltungsbezirke wurde von nicht ganz 200 im Jahre 1909 auf 257 im Jahre 1910, und die der Posten mit Polizeitruppen (GardeS Jndege Nes» aiuf 116 vermehrt. Die Kopfsteuer, die im Jahre 1909 2 050 000 Francs betragen Halle, hat im Jahre 1910 nach den bisherigen Angaben rund 3 000000 Francs ergeben. Ter Ge- samthandcl, der in den letzten Jahren 27 Millionen Francs ergeben batte, ist 1910 auf 37,8 Millionen gestiegen Geht nun ein Teil dieses Gebietes in deutschen Besitz über, so werden einerseits ihre Naturprodukte den deutschen Markt und vor allem dem deutschen Kautschulmarlt zugute kommen. Andererseits wird dem deutschen Ausfuhrhandel ein neues Absatzgebiet von beträchtlichem Umfange eröffnet. Tie in Kamerun tätigen Firmen werden mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, dieses neue Gebiet dem deutschen Handel als Äbsatzgeibiet zu eröffnen.
Vom millilärischen Ltandpuult
ist zu erwähnen, je größer ein Schutzgebiet, um so leichter ist cs, die im Lande angeworbenen Soldaten
an Orten zu garnisonieren, in denen sie im Falle
deS Aufstandes keine Fühlung mit der Eingeborencn-
bcvölkerimg haben. Was Mincralichätze anlangt, so ist es letzt zum Beispiel das Vorkommen des Kupfers am oberen Sangha, Das* in das abzutretendc Gebiet fällt, bekannt geworden. Im einzelnen wird noch bemerkt, das zwischen Land Logone und Schari, das wir abtreten, gehört in fernem kleineren Teile zum Sultanat Logone. Für das abgetretene Gebiet wäre das Gebiet als Aequi- valcnt anzusehen, das unmittelbar südwestlich davon liegt. Von jbem öftlidten Arme des oberen Sangha unb der bisherigen Karne- 'run-Ostgrenze eingeschlossen ist. Hier finden sich ebenfalls besonders bei Lorne-Lare und Binder stärkere Bevölkerungszentren mit erheblichem Ackerbau und nicht geringer Viehzucht. Für das fruchtbare rechte Ufer des unteren Logone finden wir Ersatz auswärts in dem Unten Ufer des östlichen Logone und an den beiden Ufern des westlichen Logone, die das, was sie an Güte dem abgetretenen Stück nachstehen mögen, durch größere Flächen aus- zuglcichen. Ter Tatsache, daß der Sultan von Logone einen Teil deö Landes (den kleineren und dazu bleibt seine Residenz deutsche verliert, steht gegenüber, daß der Sultan von Binder, dessen Hauptstadt infolge des Grenzabkommens im Jahre 1908 an Frankreich abgetreten werden mußte und der infolgedessen unter Preisgabe seiner Residenz und eines großen Teils seines Gebietes sich in exnem kleineren Orte auf deutschem Gebiete liefet Deutsch-Binder genannt) niederließ, weil er die dem deutschen Kaiser gelobte Treue nicht brechen wollte, fein ganzes Land Wiedererhalt unb in seiner Residenz wieder einziehcn kann. Ter Verlust an Prestige, bflr bei der mohammedanischen Bevölkerung des Sultans durch die Verkleinerung des Gebietes des Logonesultanats von manchem vorausgesagt wird, würde hierdurch mehr als ausgeglichen.
Ten übrigen Gebieten muß der gleiche Wert beigemcncn werden, wie bdm Gebiet Kamerun, an das sie grenzen. Das
Ostgebiet enthält zudem bad wichtige Handelszentrum Kunde, daS wir beim Vertrag vom 18. Aprrt 1908 nicht erhalten konnten, lieber Kunde gcht die wichtige Handelsstraße Vola-Ngaundcrs- Kunbc-Gasa-Banga. Jetzt fallt die Straße, die die Verbindung zwischen dem Kongobecken und dem Nigerbeckcn herstellt, ganz m deutsches Gebiet bis auf daS kurze Stück Bola. TaS Heinere Dreieck südlich des spanischen Munigebictes ist schon deshalb von besonderem Wart, weil eS an bet Küste liegt. Ter Streifen Küstenland hat für den Fall ganz außerordentlichen Wert, daß wir daS spanische Munigebiet erhalten, da er uns den vollen Besitz des Hafens von Rio Muni gibt, der bet guter Betonnung unb Befeuerung bem Hasen von Guala an Güte gleichzustellen ist. Ter Hafen wird später neben dem Haien von Guala das Haupteingangstor für den Handel bilden, da an der ganzen Düsküste von Mamerun und an der gan en Küste von Spanisch-Muni (mehr als 300 Kilometer Süiieiilmie) ein für Secdainpser geeigneter Hasen sich nicht findet.
Tie Denkschrift beichäftigt sich weiter mit den bekannten Einwänden und sucht sie zu widerlegen.
Bezüglich der
Schlafkrankheit
heißt es: ES ist richtig, daß in Französisch-Aeguatorialafrika ebenso wie im Belgischen Kongostaat die SchlafIrankheit große Verbreitung gefunben hatte. TieS wäre wahrscheinlich Nicht in dem Umfange geschehen, wenn die Franzosen rechtzeitig Die nötigen Maßnahmen gegen sie ergriffen hallen, wie wir es in Kamerun getan Haden. Wenn andererseits eine systematische Bekämpfung einfefet, ist auf Grund der verhältnismäßig guten Erfolge, die wir in Lstafrika unb vor allem in longo erzielt haben, an- zunehmcn, daß die vorhandene Gefahr überwunden wird^ Erleichtert wird unS dies dadurch, daß wir den Herd der Schlafkrankheit am Sangha direkt angreisen können: die Bekämpiung der Schlafkrankheit im bisherigen Gebiete von Kamerun dürfte hierdurch wesentlich vereinfacht werden.
Was
die Konzesstonsgesellschaflen
anlangt, kommen in der Hauptsache nur zwei in Frage: in dem an Südkamerun angrenzenden länglichen Dreieck die Gesellschaft Ngoko-Sangha. Die Gesellschaft sah sich im vorigen Jahre veranlaßt, eine Interessengemeinschaft mit Deutschen jenseits der Kamerungrenze anzubahnen. Tie damaligen Verhandlungen, die von deutscher beteiligter Seite mit Interesse ausgenommen wurden, zerschlugen sich alsdann aus Gründen, die von dem Willen der beiden Parteien unabhängig waren. ES ist anzunehmen, daß sie neu nneberaufgenommen zu ^einem Zusammenarbeiten führen werden. Das Gebiet zwischen Sangha und Ubangi ist Konzeisionsgediet der „Company Fore stiere" Sangha-Ubangi. Tas Konzesswnssystem ist 1911 erheblich gemildert worben. Das allgemeine Kautschuk Monopol erlischt im Jahre 1919 anstatt 1929. Tos Grundrecht der Eingeborenen und ihre gute Behandlung durch die Gesellschaften linb in erhöhtem Maße gesichert. Ain Ende der KonzessionSdauer i!929) werden die KonzesswnSgesellschasten Eigentümer lediglich desjenigen Teiles ihres Gebietes, das sie tatiächlich in Kultur genommen, und das wird voraussichtlich nur ein kleiner Prozent- atz des ursprünglichen Konzessionsgebtetes sein. Tie Gesellschaft chätzt diesen Teil höchstens auf 5000 Quadratkilometer bei einer Große des gesamten Konzessionsgebietes von rund 170 000 Qua- braililometent. Alles übrige Land fällt dann in das Eigentum des Fiskus zurück. Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, daß die neue Grenze das Konzessionsgebiet durchschneidet, werden durch besondere Vereinbarung mit der französischen Regierung aus dem Wege geräumt werden. Die Konzessionen umfaßen die Bodenschätze nicht mit.
Ucber
die Grevzfiihrung
wird bemerkt: Es ist zu bedauern, daß das Prinzip der natürlichen Grenzen nicht überall durchgeführt ist. Es ist aber vorgesehen, baß der Vermessungsaus schuß soweit wie möglich die Grenzen den natürlichen Verhältnissen des Geländes (Flußläusen, Wassertcheidem unb den Stammeszusammengehörig- leiten anpassen soll. Es liegt in ber Absicht beider Parteien, daß die Kommissare von dieier Befugnis weitgehendsten Gebrauch machen. Anderersells bietet die Grenze, so wie sie jetzt vereinbart ist, für uns große Vorteile. Sie bedeutet eine Abrundung, da der sogenannte Entenschnabel weggenommen und der Entenhals bedeutend erweitert wird und eine ganz erhebliche Erleichterung für die Verwaltung. Sie bringt ferner eine durch die Tudurisümpse hergestellte Verbindung zwischen dem Stromgebiet Benue-Mayo Ksbi unb Logone, so unvollkommen sie jetzt auch fein mag, ganz
in deutschen Besitz. Gleichzeitig wird daS Hanbelsgebiet für Handelsniederlassungen in Garua bedeut end erweitert. Betrachtet man die im Osten unb Südosten ooripringeubcn Ecken nicht vom ästhetischen, sondern vom wirtschaftlichen Standpunkt, fo kann ihr Vorteil nicht hoch genug emgefchätzl werden. Tiefe Au. - laufet bringen uns in tnöirefie Verbindung mit der £>auptleoen8aber Hentralafrika B, b<m
st r o in und seinen groben Nebenflüssen mit ihren mehreren Tausenden Kilometer Wasierstraßen. Sie erössuen einerseits da durch dein Schutzgebiet Kamerun iju c i Tore für den Handel feines östlichen und südöstlichen .
Lüste, aiidererserls gewähren |ic Kamerun die Möglichkeit, bei einem weiteren Ausbau bc3 Wege- und Eisenbahnnetzes, in großen Teilen fremdländischen Kolonialbesitzes den Handel an )id) zu ziehen und auf seine Bahnen zu lenken. Angesichts dieser weit gehenden Entnncklungsmöglichkciten wird man iid, auch mit der Tatsache absurden können, daß bie weitere rationelle Erschließung der erworbenen Gebiete nicht ohne erhebliche Kosten möglich wird. Bezüglich der
Etappenstrahe
wird bemerkt: Einwendungen vom militärischen Standpunkte sind -ganz besonders gegen die den Franzosen bezüglich der Etappen- Nraße über Benns—Mayo—K6bi—Logone eingeräumten Befugnisse erhoben worden. a.te Sicherheit des nördlichen Teiles . Schutzgebietes sei dadurch gefährdet, daß sranzöiiiche Truppen, ran.-- Porte öfters durch unser Gebiet marschierten unb für eine Etap. e feste Stützpunkte gegeben seien. Demgegenüber ist zu bemerken, daß die den Franzofen pachnoeise cingeraumtcn Grundstücke (im Umfang von höchitens ic Vt Quadratkilometer) nur zur Vir prouianticrung und Stapelung des Materials dienen, daher nicht befestigt und nur mit dem zur Beaufsichtigung und Bewachung der gestapelten Waren nötigen Personal nebst Familie uno Tienern dauernd besetzt sein dürfen: ferner, daß die Poiition der Franzosen in dem Wadai für absehbare Zeit eine exponierte bleiben wird, so daß sie kaum daran denken können, sich in einen ernsten Konflikt mit ber Kameruner Schutzlruppe einzulafsen. Tcr ganze Sinn des Marokkoablommens ist doch aber ber, daß cd
eine neue Aera der Verständigung
und ber Kooperation mit Frankreich auch auf dem kolonialen Gcbie! cinlciten soll. Tie jetzt voit den Franzosen benutzte Etappenitraßc ist unnatürlich, hat eine doppelte Länge und ist sehr kostspielig. Wenn ivir den Franzosen die ihnen so wertvolle Etappenstraye, welche wir ihnen für den eigentlichen Truppentransport schon einmal zugcstandcn, dauernd öffnen, leisten wir ihnen einen großen Dienst, den sie dauernd anerkennen müssen, und es roetben die guten Beziehungen zwischen den beiden Mächten hicrdiirch gefördert. Für uns ergeben sich au5 ber Einräumung der fron zv fisch en Etappenstraße auch bireftc Vorteile: politische Vorteile, das Gefühl ber Solibar ität ber Weißen gegenüber den Eingeborenen, bas bei schlechten Beztehu,igc,i zwischen den europäischen Nationen leicht leidet, wird gestärkt.
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Berlin, 9. Nov. Tic „V o ff. 31 g " bespricht in einer scharfen Kritik ber Kongodenkschrist auch den Passus, worin dem kleinen Streifen an der Toriscobucht ganz besonderer Wert beigelcgt wird:
Tas heißt, eigentlich hat er noch keinen Wert, aber er wird einen bekommen, wenn wir das spanische Munigebiet erhalten. Hier wird also mit aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, daß das deutsche Volk recht bald sehr tief in die Lasche greifen muß, um Spanien das Munigebiet abzukansen. Bei der Munikolonie wird Spanten sicherlich mehr auf Preis halten, denn erst sie verleiht unserm Küstenstrich jenen „außerordentlichen Wert"!
Line MiniftettristL in Bayern.
TaS bayerische Zentruin rüttelt wieder einmal an einem Ministerstuhl. Ter Vertehrsminister v. Frauendörffer war zu einer Beratung über bie Staatsarbeiterfürsorge im Landtag nicht erschienen, wozu der Zentrumsabgeordnete Oswald gesprochen hatte. Oswald erlaubte sich daraus schwere Ausfälle gegen den Minister, die dieser wieder ßu» riickwies, indem er dem Präsidium vorwarf, daß es ihn nicht in Schutz genommen hätte Ten neuesten Stand dieser interessanten Angelegenheit schildert folgende Meldung :
Der Lokalanzeiger meldet aus München: Die Tisse- renzeu des VerkehrSministers v. Frauendörsser mit dem
„Vie Seele ist es, die da spielt".
Unter diesem Motto veröffentlicht ter bekannte Heldenspiel-r Friedrich Kayßler in dem demnächst bei Lesterheid L Co. erscheinenden Theaierkalender auf das Jahr 1912 „unpraktische Gedanken über bie Bühne", in denen er einen tief m Einblick in die künstlerischen Jlxale des Schauspielers gewährt.
„Ich bin Dualist", bekennt Kayßler, „ja viel mehr noch: ich glaube an bie vielfältige Zusammengesetztheit der Seele, die mir ebenso selbstverständlich bewiesen erscheint, wie die des Zellen- gemeinwesens, das wir Körper nennen. Wenn die Seele sich des körperlichen bedient, um Kunst zu übermitteln, so tut sie es nur, um wieder Seele zu werden, b. h. Eindruck, Erinnerung zu werden in der Seele des Genießenden unb als solche kürzer oder länger weiter zu leben, stumpf verharrend, schlummernd ober zeugend unb Früchte tragenb." Auch im Kunstwerk der Bühne, die doch mehr als jedes andere an das^ Körperliche gebunden ist, muß nach Kayßlers Meinung di-^ Seele das Wichtigste fein. „Wie plump in im Grunde das Theater als Kunst- form. Wie roh, wie barbarisch. Wie unendlich selten besinnt man sich in diesem wilden kreisenden Chaos aus jäher Momen:- ttirtung, von Staub, Schminke und Schweiß triefe.nbeit Tages- rufem, unb auf lärmender Bühne vollzogenen an uralte grausame Mystcrienopfer gemahnenden seelischen Selb sie nt s ch. eie r n n er — in diesem Chaos, das mit dem Worte „Theater" täglich so leicht über Dergnügung»burftigc Lippen geht — wie unendlich selten denkt dabei einer an — die Seele. Unb doch t^die Seele cllcin ist es, die ba spielt. Ich verstehe dabei unter Seele nicht ia$, was jeber, der sich Mensch nennt, hat, sondern ich meine ia«, was man mit tieferer Bedeutung Seele nennt, das _ zu Höherer Stufe bereits Entwickelte, heiße es „sittliche Kraft", leißc es P<-rsönlichkeit, kurz etwas, das durch die Art, wie cs lich zur Außenwelt äußert, gute und Früchte tragende Werte schafft."
Tie Macht ber großen Persönlichkeit ist es, in ber nch die beiden sonst getrennten Riesenreiche Kunst unb Leben berühren, das, was man „Sittlichkeit" nennen könnte unb das Kaoßlcr Ult den Worten definiert: „Tas Element des Guten, des in Wahrheit Fruchtbaren in der Welt". „Dieses Gute, wahrhait fruchtbare muß unter allen Umständen der Gewinn sein, den vir aus dem Theater mit nach Hause nehmen. Tieses wahrha.t fruchtbare kann uns die düstere Gewau eines Macbeth ober Wichard III. ebenso sck-enken wie die Menick-en.iede eines Gregers, Derle ober Rosmcr, sie kann uns aus Gretchen ober dem Heil
bronner Käthchen ebenso anleuditen wie aus Lady Macbeth oder Rebekka West. Nur muß es überall eine Seele fein, bi: uns bie Gestalt schenkt. Macbeths Gestalt, bis an die Kniee in Leichen und Skut stampfend, mühsam sich fortarbeitend, dennoch von unbezwinglichen Gewalten vorwäns gefloßen, gerissen — sein wildes, verzerrtes Antlitz muß angeleuchtet sein von ber dämonischen Schönheit jenes fernen Gestirns, das ihn mit unwiderstehlichen Gewalten an sich zieht. Seine wie Richards Taten müssen an die schaueroollcn, schwindelerregenden Schönheiten gäh- nenfcer Hochgebirgsabgründe gemahnen, sonst sind sie g ent eine Verbrecherstreiche. Es wird immer darauf ankommen, daß der Gefühlsumfang yner Gestalt voll gegeben wird, nicht so sehr auf die mancherlei Realitäten, die an der Rolle hängen. Ter Brutalste wird ficherlich nicht ber beste VLacbeth und Richard fein, sondern der, der bie ungeheure seelische Svannwefte bat. Ter Schwerpunkt Romeos ist nicht bie Schul hell ber Balkon- szcne, sondern eine Macht des Liebesgefühls, bas den Tod in jeber Liebkosung trägt. Wird jemals ber jüdischste Shylck Shakespeares Geist deshalb näher kommen, weil er so unnachahmlich jüdisch ist? — Ick möchte Lady Macbeth aus der süßesten, lieblichsten Weiblichknt hervorstarren sehen. — Ich glaube an keine Gretchen und Kätchen desha.b, weil sie so süß und jugendlich wirken und vor der Mutter Gottes herzbrechend weinen können. Ich glaube nur an das Gretchen, das in Wahrhett in ihrer Frauenseele den stillen ftinbertrieben mübringt, in Erinnerung an den wir in der Kerkerszene den stechenden Funken des Wahnsinns wahrhaftig in uns füh.en könnten. Tieft Kinderfeele muß ich haben, gleichviel ob die dazu gehörige Erscheinung mehr ober weniger jugendlich ist "
Kayßler glaubt selbst, baß für die meisten, besonders aber für bie idealer geübten Ohren, diese Auslassungen vielleicht läch.r- lich, jedenialls reckt unpraktisch fliugm mögen. „Aber ich bleibe dabei: die Seele ist es, die ba spielt, unb bie seltenen Augenblicke, die sie uns von der Salme herunter schenkt, sind nach niemer Ueberjeugung überhaupt das Einzige, um dessentwillen man dem Theater eine Zukunft wünschen kann. Unb einmal wird es auch eine höhere Art ber Bühne geben, in ber bie Seele herrschen wird und — ber Geist."
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— Eine neue große Münchener Ausstellung, bie Bedeutung für ganz Deutschland haben barste, wird für das kommende Jahr vorbereitet. Es handut iioi um eine au- ganz Bayern z u bescyickenbe Gewerbe schau, die nicht
nur jroBC Firmen, sondern vor allem auch kleine Handwerker aus Stabt unb Land vorführen soll. Tas Neue und Eigenartige an ber Ausstellung scheint nun, daß sie auf Verteilung von Ehrenpreisen und dergleichen verzichtet, daß sie Markt ist und baß nach Möglichkeit für den Tagesbedarf an jedermann verkauft wird. Tie Bayerische Gewerbeschau trägt also somit eine Art sozialen Charakter, und scheint geeignet, unser allmählich tn toten Prunkformen erstarrendes Ausstellungswesen neu zu beleben. Tie Oberleitung liegt in den Händen erprobter Kaufleute und Künstler und diese hüben zunächst eine Jury, um nur solche Gegenstände xur Gewerbeschau zuzulassen, die indioibuelles und künstlerisches Empfinden Benoten; auf diese Weife wird Heimat- kunst und Kunstgewerbe gleichmäßig unterstützt.
— Tas großartigste Volks stück aller ß eit en wurde am vergangenen Sonntag tn einem oöerhefsifchen Städtchen aufgeführt. In dem Lrtsblatt erließ die Ttrettion eine fprach- gen-altige Anzeige, in der es unter anderem heißt: Tas großartigste Volksstuck aller Zeiten! An allen Hof- undStadt- lheatern unzählige Aufführungen! Tie bcijpiel- lofesten Erfolge an allen Bühnen! Prächtige Musil! Wundervolle Melodien! Mu11ersegcn oder: Tie Perle von Savoyen, Volksstück in 5 Abteilungen mit Gelang usw. Schabe, daß ber Verfasser dieses großartigsten Volkstückes nicht der Nachwelt erhalten wurde. Schade!
kf. TasChryfanthemurn — einebeutfcheBlume. Im Country Life erhebt ein englischer Blumenzüchter lebhaften Widerspruch gegen bie oft wiederholte Lehauvrung, daß die Verbreitung der Modeblume des Herostes, des Chrysanthemums, auf Japan zurückzuführen fei, unb weist auf die Tatsache hm, daß es vielmehr aus Teutschlano eingewandert sei, wo ja auch heute noch eine alte Legende von dem Ursprünge ber schönen Blume berichte. Eines Tages, erzählt die Sage, fand cm armer Köhler im Schwarzwalds em verlassenes Kindchen unb nahm es, weil er guten Herzens war, in seine armselige Hütte mit, wo er es ber Pflege 1 einer Frau übergab. Tie Kinder des Köhlers begrüßten den neuen Spielgenoiien, von dem ein zartes Licht wie ein Heilig etlichem ausstrahlte, mit großer Herzlichkeit. Eines Tages war ber Knabe — ber niemand, anders, als das Jesuskind war — versck)wunben. Als ber Kühler aber bie Stelle n?;:ber auffuchte, an ber er ihn gefunden hatte, fand er dort in großer Menge bie gelbem, rc-ilidnm unb weißen Blüten stehen. So wurden die ersten Chrysanthemen geboren.


