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8.5.1911 Zweites Blatt
 
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Nr. 107 Zweites Blatt 161. Jahrgang

Erscheint IS-Ilch mit Ausnahme des Sonntags.

ticGlehener ZamllienblSUer- werden dem ,91njeiger* viermal wöchentlich beigelegt, da- Hreisbkrtt fflt den Kreis Lietzen" zweimal tvöchenttich. Die .Landwirtschaftlichen Leit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

motitaj, 8. Mai ran

Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universität» - Buch- und Cteindruckerei.

R. Lange. Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- ftraße 7. Expedition und Verlag: eO5L Redakliome^Kl12.Tel.-Adr-AnreigerGieben.

um

Der verbündeten Rc

mb Deutscher Reichstag.

168. Sitzung, Sonnabend, 6. Mar.

Am Tische de- Bundesrats: Delbr ück. Caspar.

Präsident Graf Schwerin-LSwitz eröffnet die Sitzung

T2 Uhr 20 Minuten. . , . -

um zu stoßen und cS beim bisherigen , Erklärungen innerhalb und außerhalb deS Hause- waren so ent­schieden, daß wir nicht glaubten, die Verantwortung übernehmen zu können. Der Redner begründet im Anschluß hieran einen Mompromiyantrag Schultz, wonach die Bezüge der Ver­sicherung-träger nicht von den Gemeinden zu tragen sind.

£b die Unentwegten die Wahl Tr. Lindemanns wegen der von ihm proklamierten Haltung zu hintertreiben suchen, mag dahingestellt bleiben. Wichtiger ist zweifellos die Frage, ob, wenn Tr. Lindemann zum Oberbürgermeister von Stuttgart gewählt wird, die Regierung ihn bestätigt. In Schweden, in Tänemark, in Norwegen und in Frankreich, ja, sogar in Italien mögen sozialdemokratische Bürger meister möglich sein, aber in Teurschland und nun gar noch in einer königlichen Haupt- und Residenzstadt' Tie roüri tembergische Regierung denkt freier, wenigstens hat der Minister des Innern, v. Picheck, im Stllttgarter Halbmond saale erklärt, daß einem Sozialdemokraten wegen seiner politischen Gesinnung selbstverständlich niemals Die Bestäti­gung versagt werden würde, sondern nur einzig und allein wegen einer agitatorischen Tätigkeit, die ihn für das Amr unmöglich mache. Tas aber trifit wenigstens für die Ver­gangenheit Tr. Lindemanns nicht zu. Und so ist es, wenn Tr. Lindemann am 12. Mai zum Oberbürgermeister von

Ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister?

In der württembergifchen Hanvt und ResiDenzstadt Stuttgart findet am 12. Mai die Neuwahl des Ober­bürgermeisters statt. Und zwar vollzieht sich diese Wahl in der Art und Weise, das; der Oberbürgermeister nicht, wie in Preußen, von dem städtischen Parlament gewählt wird, sondern unmittelbar von der Bürgerschaft, mit rela­tiver Stimmenmehrheit. Als gewählt gilt also derjenige Kandidat, der die meisten der abgegebenen gültigen stim­men auf sich vereinigt. Nun ist zivar dadurch, daß wähl- berechtigt nur derjenige Bürger ist, der das 25. Lebensjahr zurückgelegt hat und irgendwelche Gemeindesteuern ent­richtet, das Wahlrecht auf etwa 33000 Personen beschränkt, iber immerhin dürften hier dieselben politischen Verhält nisse herrschen wie bei den Reichstagswahlen, wo im ^a- nur 1907 bei zirka 59 000 Wahlberechtigten der Sozialdemo­krat Karl Hildebrand mit zirka 25 000 Stimmen gewählt wurde gegenüber dem nationalliberal volksparteilichen Kom­promißkandidaten, der mit zirka 21000 Stimmen unterlag. Tie Rechnung desVorwärts", daß zugunsten des fozial- demolratiichen Oberbürgermeisterkandidaten Tr. Linde­mann am 12. Mai 42 bis 45 Prozent aller gültigen Stimmen abgegeben werden würden, erscheint deshalb durch­aus glaubhaft. Tas mürbe ja nun noch nicht an sich den Sieg der Sozialdemokraten in Stuttgart bedeuten, wenn die bürgerlichen Parteien fick auf einen einzigen Kandidaten geeinigt litten. Aber weit gefehlt. Man scheint dort Die Gefahr einer Kandidatur Tr. Lindemanns, mit der die Hozialdemokratie erst am Donnerstag ganz unerwartet her- vortrat, gar nicht ins Auge gefaßt und deshalb auf die Aufstellung eines bürgerlichen Sammlungskandidaten ge­drungen zu haben. Vielmehr feierte hier die kommunale Sonderbündelei ihre Triumphe. Es waren acht Kandidaten für Den Oberbürgermeisterposten aufgestellt, von denen erst zwei, nämlich ein bekannter Linolen nhändler .Grünzweig,

Der die Sache wohl nur aus L- .. , .

und der Oberbürgermeister Hartstein-Ludwigshaien ihre Kandidatur niedergelegt haben. So bleiben noch sechs Be- iverber übrig, nämlich der Regierungsrat Lantenschlager, der Oberbüigermeister Mülberger-Eßlingen und Der Amt­mann Bazille-Stuttgart, hinter denen uationalliberale Kreise stehen, und der Ministerialrat Sigel, der Oberbürger­meister Keck Göppingen, sowie der Bürgermeister Fackle heidenheim, die sich auf die Volkspartei stützen Es sind das alles tüchtige und bewährte Perwaltungsbeamte tn Der Vollkraft der Jahre, deren kommunalpoliti|che Anschau­ungen nur in Kleinigkeiten voneinander abweichen, so daß es wieder ein deutliches Zeichen deutscher Zersplitterung und schwäbischer Ticktopfigkeit wäre, wenn man sich nicht auf eine bürgerliche Sammelkandidatur einigte.

rb damit freilich der Sieg der Sogtalbemotraue wirklich verhütet wird, ist eine andere Frage. Tenu man hat nur -u oft Die Beobachtung gemacht, daß bei Sammeltandida- turen große Teile der Wählerschaft aus persönlichen Gründen sich der Wahl enthalten, mögen sie nun an dem Sammel- tanbiDaten etwas auszusetzen haben oder sich ärgern, daß ihr Kandidat ihm weichen mußte. Tadurch steigen Die Ehancen Tr. Lindemanns ganz bedeutend, und wenn man berücksichtigt, daß er ein ganz bekannter Kommunalvvlftiker ist dessen Abhandlungen im tommunalen Jahrbuch Stan- Dard-Werke der modernen Städtepolitik geworden sind, so glauben wir, daß er aus den Kreisen Der Demokratie so viel guzug erhält, daß seine Dahl zum Oberbürgermeister fast sicher erscheint. UnD das um so mehr, als Tr. Lindemann sich niemals agitatorisch im sozialDemokratischen Sinne be­tätigt hat, und als er bei Aufstellung seiner Kandidatur sich ausdrücklich Dafür ausgesprochen hat, im Falle seiner '^ahl auch die mit dem Oberbürgermeisterposten verbun­denen Repräsentationspflichten voll und ganz zu über­nehmen, also z. B. auch zu Hofe zu gehen.

Diese Erklärung Tr. Lindemanns sichert Der Stuttgarter

Abg. Prth (Soz.) begründet den Antrag unter Angriffen auf die Agrarier eine Halle Stunde lang. Er spricht von einet .Kari ikar ratu r" von Lo.'N. T:e Mehrheit möge sich zu brc Sache äußern. Sic treibe passive Resistenz, sie scheine an Muud- rudir, an Mundsperre zu leiden.

Abg. Molkenbuhr (Soz.) begründet den Antrag in sachlicheren Ausführungen. ..... p- ,

Abg. Behrens (Wirtscki. Vgg.) erwidert m einer persönlichen Bemerkung auf Brey, der ihm vorgeworfen hatte^ er habe gelacht, als Brey von ganz minimalen firanfcngelbbctr5pcn sprach. Er Haire sich an der allgemeinen Heiterkeit beteiligt über den Sprach­fehler Karrakala Karitokotur Kirak Karrakakkatur. (Große Heiterkeit.)

Abg. Ledebour (Soz.): Damit hat er Sie gemeint«

Abg. VelirenS: Nein. Siel

Abg. Ledebour: Faule Retourkutsche!

Vizepräsident Schult,: Herr Ledebour, wir wollen in der Reichsversicherungsordnung sortsahren.

§ 169 betrifft die ausländischen Arbeiter. Nach dem Kommi'sionkl'cschluß können die Bestimmungen über die Ren- len ufn>. auf die Arbeiter auö solchen Staaten Anwendung finden, die in ihrer Versicherungsgesetzgebung Gegenseitigkeit leisten. ~ ic Sozialdemokraten iKantragen obligatorisch durchiveg, alle ausländischen Arbeiter den deutschen gleick'zustellcn, falls in dem betreffenden Staat die Ausländer nicht schlechter behandelt werden als die Inländer.

Tie Abgg. Hue, Sckimidt-Berlin und Molkenbuhr fSoz.)' ver- leidigen den Antrag gegenüber Ministerialdirektor G a f p a r , der darlegt, daß der Grundsatz der Gegenleistung gerade im Kom­missionsbeschluß gewahrt wird. Abg. Molkenbuhr ist der Meinung, die ausländischen Staaten müßten gezwungen werden, ihre Arbeiter in der Krankenversicherung den deutschen Arbeitern gleich­zustellen.

Der Antrag wird abgclcbnt, ebenso die sonst noch von der Sozialdemokratie zum ersten Buch gestellten Anträge. Das erste Buch, gemeinsame Vorschriften, ist damit erledigt.

AIS Vizepräsident Schultz den § 177, mit dem da? Zweite Buch über die Krankenversicherung beginnt, ausruft, wird von verschiedenen Seiten Pertagung verlangt. Ter Vize­präsident erklärt aber, daß er ek nicht verantworten könne, schon nach vierstündiger Sitzung abzubrechen. Die Beratung geht fort. Berichterstatter für Dieses Buch ist Abg. Horn-Neuß (Noll.):

In die Krankenkassen eink-ezogen werben die landwirt­schaftlichen Arbeiter sowie die Dienstboten. Be- iricbSbcamle. Werkmeister und andere Angestellte in gehobener Stellung sind sämtlich versicherunaSpflichtig, wenn diese Beschäf­tigung ihren Hauptberuf bildet. Die V"rsicherungSgrenze ist wie bisher 2000 Mark. In erster Lesung hatte die Kommission die (Grenze auf 2500 Mark erhöht, diesen Beschluß aber hernach um- gestoßen. Tie Sozialdemokraten beantragen die Vcrsiche - rungSgrenze auf 5000 Mark tu erhöhen, sowie alle gegen Lohn ober Gehalt beschäftigten Personen sowie bic selb­ständigen Gewerbetreibenden innerhalb dieser Grenze der Ver- sicherung zu unterstellen.

Abg. Büchner (Soz.) spricht für den Antrag.

Abg. Pauli-Potsdam (Kons.):

Die Mehrheit des Handwerks will von der Einbeziehung der kleineren Meister nichts wissen. Wir halten an der Grenze von 2000 Mark fest. Wer ein höheres Einkommen hat, ist durchaus in der Lage, bei Krankheit für sich zu sorgen. Er kann sich ja auch freiwillig versichern.

Abg. Brühne (Soz.)?

Gerade von Herrn Pauli hatten wir Zustimmung erwartet. Denn er betont ja immer, daß die Handwerker meist schlechter gestellt sind als bic Arbeiter. Lassen Sie baS Handwerk abstimmen, ob eS die Versicherung lieber haben will oder ZwangSinnungen, so würden die Zwangsinnungen in die Luft fliegen.

Der Antrag der Sozialdemokraten wird ab­gelehnt. § 180 der Vorlage sah vor, daß der Bundesrat allge- mein oder in einzelnen Sitzungen die Versicherungspflicht für bestimmte Berufszweige auf Gewerbetreibende und andere Arbeit­geber soll erstrecken können, die regelmäßig keine ober höchstens zwei Versicherungspflichtige beschäftigen. Die Kommission hat den Paragraphen gestrichen; ein WieberherstellungSantrag der Sozialdemokraten wirb abgelehnt. Ebenso hat die Kommission den § 181 gestrichen, wonach der Gemeindeverband mit Zustim­mung de? Oberversicherungsamts die Versicherung statutarisch auf Familienangehörige des Arbeitgebers sollte ausdehnen können, die ohne Entgelt unb ArbeitSvertrag in seinem Betriebe tätig sinb. Bei ber Abstimmung über den Antrag der Sozial­demokraten auf Wiederherstellung dieses Paragraphen be­zweifelt Abg. Bebel (Soz.) die Beschlußfähigkeit unb das Bureau schließt sich diesem Zweifel an. Die Sitzung muß also abgebrochen werden.

Montag 12 Uhr Weiterberatung.

Schluß nach 5 Uhr.

Abg. Gttßllng (Vp.):

Ich bestreite entschieden, daß es nur beim bisherigen Zustand bleiben soll. ES ift fein Zweifel, daß die Aufgaben der Ver- sicherungSämter weitere sind als die der bisherigen Organe.

Abg. Horn-Ncuß (Noll.)?

Auch meine Freunde wurden die Gemeinden gern von ber Mehrbelastung befreien. Aber die Gemeinden werden doch durch die Neichsversichening sehr entlastet. Allerdings sind die Armen- lasten absolut nicht wesentlich geringer geworden, aber ohne die reichSgesehliche Fürsorge würden sic um deren Betrag hoher sein. Nach den Erklärungen in b:r Kommission wird sich nur um bic leistungsfähigen Gemeinden handeln.

Abg. Hildenbrand (Soz.):

Die Erklärung ber Regierung braucht Herrn Trimbom nicht zu schrecken. Jetzt vor ben Wahlen hat bie Regierung ein größeres Interesse alS wir cm dem Zustandekommen deS Gesetzes, unb wir werden das Gesetz nicht scheitern lassen.

Die Abstimmung ergibt die Annahme deS Kompromiß­antrags Schultz zu tz 69; bi- Anträge der Volkspartei und ber Sozialdemokraten werden abgelehnt. § 92 wirb nach dem Kommissior.sbeschluß angenommen.

Bei § 105 wirb einstimmig ein K o m p r o m i ß a n t r a g Schultz angenommen, ber auch für bie Wahl der Beisitzer beim Reichsversicherungsamt die Verhältnis- wähl einführt; ferner ein unwesentlicher Kompromißantrag zu § 125. Eine Anzahl sozialdemokratischer Anträge wird, zum Teil ohne daß zu ihrer Begründung das Wort genommen wird, ab­gelehnt. .

Die §§ 135 und 136 handeln von ber ärztlichen Be- Handlung. * .

§ 135 laufet: Die ärztliche Behandlung im Sinne dieses Ge­setzes wird durch approbierte Aerzte, bei Zahnkrankheiten auch durch approbierte Zahnärzte (§ 29 der Gewerbeordnung) ge­leitet. Sie umfaßt Hilfeleistungen aller der Personen, wie Bader, Hebammen, Heildiener, Heilgehilfen, Krankenwärter, Masseure ii. dergl. sowie Zahntechniker nur bann, wenn ber Arzt (Zahnarzt) sie anorbnet ober wenn in bringenberen Fällen kein approbierter Arzt (Zahnarzt) zugezogen teeren kann. Die oberste verwaltungsbehörbe kann bestimmen, wieweit auch sonst Hilf?- personen innerhalb ber staatlich anerkannten Befugnisse selbstänbige Hilfe leisten können.

Ter § 136 wirb auf Grunb eines KomvromißantragcS Trim- 6orn (Zentr.), Schickert (Kons.), Tr. Fleischer (Zentr.), Haus­mann (Natl.) in folgenbcr Fassung angenommen. Bei Zahn- krankheiten mit Ausschluß von Mund- unb Kieferkrank, heilen kann bie Behandlung außer burch Zahnärzte mit Zustim­mung bcS Versicherten auch burch Zahntechniker erfolgen. Tie oberste Verwaltungsbehörbe bestimmt, wie weit auch sonst Zahntechniker bei solchen Zahnkrankheiten selbstänbige Hilfe leisten können. Sie kann bestimmen, wie weit bieö auch Heilbiener unb Heilgehilfen tun können. Sie bestimmt ferner, w e r a l-S Z a h n- techniker im Sinne bieseS Gesetzes anzusehen ist.

Abg. Dr. Fleischer (Zentr.):

In ben Kreisen ber Zahntechniker besteht eine große Deun- ruhigung auf Grunb ber Bestimmung, daß die oberste Verwal­tungsbehörde bestimmen soll, wer Zahntechniker im Sinne des Ge- setzes ist. Im allgemeinen fürchten sie, daß Zahntechniker, die seit Jahren unb Jahrzehnten auf eine eintoanbfreie Praxis zurück­blicken, einem Examen unterworfen unb auf Grunb eines un­glücklichen Ausfalls in ihrer Existenz bebroht sind. Um biese Beun­ruhigung zu beseitigen, wäre es gut. wenn der Reichstag mit ben icrbünbcten Regierungen erklärt, baß wir erwarten, baß b'c ober» sten Verwaltungsbehörden selbstverstänblich bei benjenigen Den­tisten, bic seit Jahren schon eine etnloanbfreie Praxis auSubcn, aus BilligkcitSrücksichten von einer nochmaligen Prüfung absicht, unb baß sie auch künftig mit Zustimmung ber oberen Vcrwaltungs- bchörbc bie Behanblung von Zabnkrankociten übernehmen dürfen.

Ministerialdirektor Caspar bestätigt diese Voraussetzung bcS VorrebnerS. .

§ 162 hanbelt von dem OrtSlohn. Die Sozialdemokraten beantragen im Hinblick auf die ländlichen Verhältnisse, baß ber CrtSlobn für erwachsene männliche Arbeiter auf minbestens bret Mark, für weibliche auf minbestens zwei Mark festzufetzen ist.

Die zweite üefung der Reidisveindierungsordming.

* iTwyjpwr-** Zweiter Tag. "7^'

Die Kommission hat dem Plenum eine achte Druck fache überreicht. Sie enthält ein Paragraphenregister des Entwurfes unb der endgültigen Beschlüsse ber Kommission, eingeteilt in siebzig Abschnitte unb biese im ganzen in 263 Unter­abschnitte ober Kapitel. Dies würbe etwa bie Grunblage ab­geben für eine Zusammenfassung der Diskussionen, falls sich eine solche im Laufe bet Beratung boch noch als notwenbig hcrauc- stellen sollte. Am gestrigen ersten Beratungstage sind von ben 70 Abschnitten 2Vs erledigt, von ben 263 Kapiteln 15.

Die Beratung geht weiter bei § 92, der von den K o st e n der Oberver sicherungSämter hanbelt; bamit wirb der zurückgestellte § 69 verbunden betr. die Kosten d e r V e r sicherungSämter. Diese Bestimmungen haben in den drei Lesungen ter Kommission ein sehr wechselndes Schicksal gehabt. Die Dlcgierungöborlage wollte die gesamten Kosten der unteren Versicherungsinstanz der Versicherungsämter den DetsichcrungS- trägern aufbüroen; bei der mittleren Instanz, den Oberversicnc- rungSärntcrn, wollte der Entwurf dem Bundesstaat endgültig nur die Kosten für die Bezüge der Mitglieder bcS ObervcrsicherungS- omtS und ihrer Stellvertreter sowie ein Viertel der Kosten der Hilfskräfte bcS Oberversicherungsamtes zur Last legen; den. Rest sollten die VcrsichcrungSträger tragen. Die K o in m i s I i o n hatte in erster Lesung sämtliche persönlichen unb sachlichen Kosten ber VersicherunaSämter ben DunbeSstaalen zur Last flelegtj taB hatten bie berbunbeten Regierungen für unannehmbar erklärt. In zweiter Lesung unb übereinftimmenb in der A u SgleichS- I e s u n g hat die Kommission die Kosten ber Versick'crungk-amter ben Gemeinbeberbanden auferlegt, fmwtt ba« JBet- sicherungSamt bei einet gemcinblichen Bchörbe errichtet,iu. also in der Hauptsache ben kreisfähigen ©täbten. Tie Versiche- rungsträger sollen bie Bezüge ber VcrsicherungSbertreter unb son- stige BarauSlagen beS Verfahrens ersetzen. Tie Sozial- bcmalraten unt- bic VolkSpartei beantragen, ben B e - schluß bet elften Lesung wi eberherzuste11en , also bie Kosten nicht ben Gcmeinbcn, fonbern in allen Fallen dem Staate aufzuerlegen.

' In bezug auf bic OberSerficherungSa inter hat bie Kommission in erster unb zweiter Lesung, wie in «riter Lesung bei ben Versicherungsämtern, sämtliche persönliche und sachliche Kosten dem Staate auferlegt. In der AuSglcichSle^ung wurde, in einem Kompromiß ,wischen hiesem Beschlüsse unb bem RegierungSentwurf, ben Versicherungsträgern bet Erwtz ber Hälfte ber tatsächlichen Kosten auferlegt, bis auf bie Bezüge der Mitglieder unb ihrer Stellvertreter sowie bis auf die Gebühren.

Abg. Gsssiling (VP.) begründet ben Antrag seiner Parteifreunbc auf Beseitigung der Belastung bet Gemeinben bei den Versicherungsträgern. She Gemeinben sollten nicht be», sondern , entlastet werden. ES kommen nicht nur die größeren Städte in Betracht, sondern auch bic mittleren unb kleinen. ES banbelte sich hier um eminente Staat Sauf gaben. Schon viel zu viel werben bie Kommunen mit ber Ausübung rein staatlicher Geschäfte belastet. Hier möge ber preußische Finanzminister bic von ihm proklamierten Grunbfatze hinsichtlich ber kommunalen Belastung betätigen. ES hanbelt sich um baS alte System ber immer größeren Belastung ber Korn- niunen auf bet einen Seite, unb Entziehung von Steuerquellen auf bet anberen.

Ministerialdirektor Caspar ersucht um Ablehnung des Antrages. Es hanbelt sich nicht um eine neue Belastung ber Gemeinben, sondern um Aufrechter­haltung bc8 jetzt schon bestehenden Zustandes. . Im übrigen handelt es sich nur um bic kreisfreien Etäbie: e& ist schon in bet Kom­mission erklärt worden, daß ein Anschluß ber Versicherungsämter an ÄreiSvcrbänbc nicht erfolgen wird. Der Antrag ist jedenfalls unannehmbar.

Abg. 'Hildcubraud' (Soz.):

' Der BunbcSstaat Württemberg fkbt auf dem Ctanbpunkt, baß bie Geschäfte der BersicherungSämter am besten durch staat­liche Beamte anSgeführt werben, weil in den meisten Gemeinden eS in Zukunft noch weniger möglich ist, als bisher schon. WaS in Württemberg möglich ist, muß auch in anderen Staaten gehen. In bet ersten Lesung bat die Vernunft gesiegt, bann aber hat sich baS Zentrum von beit preußischen Konservativen bestimmen lassen, bic auch hier für ihre agrarischen, iBrc Portcmonnai- jntcreffen sorgen. Die kleinen Gemeinben in Osteibien wirb man

nicht belasten, nut die Städte, wo die Großgrundbesitzer nicht interessiert sinb.

Abg. Trimbortt (Zentr.):'

Wir würben gern für eine Entlastung der Gemeinben stimmen, wie anfangs in ter Kommission. Aber mir wurden nicht durch die konservativen sondern durch die festen Erklärungen gierungen genötigt, den Beschluß Sherigen Zustande zu belassen. Diese

Retlamerücksichtcn betrieb, Oberbürgermeisterwahl eine weit über Die grenzen eines .....tommunalen Ereignisses htnausgehenDe BeDeutung. Es ver­dient alle Beachtung, Daß, als am Tomierstag Die soztul- Demokratischen Vertrauensmänner Tr. LinDemann aus Die für jeDm Eeuossen geltenDcn Parteitags- unD Organisations­beschlüsse seit legen wollten, er es Durch seine Rede fertig brachte. Die Versammlung Dahm umzustimmen, Daß er volle Freiheit hinsichtlich seines amtlichen Vertehrs mit Der Krone erhielt, unD bei Der Abstimmung Die Revisionisten mit einer Mehrheit von 451 Stimmen über Die Unentwegten mit ihrer MiuDerheit von 115 Stimmen triumphierten. Tas beDeutet Die Freigabe DerHosgängerei", auch weiter die Freiga.be Der Annahme von OrDensauszeichnungen unD Die Freigabe Der Annahme eines etwaigen Adelstitels. Man lann Den Schmerz DesVorwärts" verstehen, wenn er über Tiftiplmlosigleit Tr. Lindemanns unb Der Stuttgarter Ge­nossen klagt unD deshalb wohl im stillen wünscht, daß Tr. LinDemann am 12., Mai unterliegen möchte.