Ausgabe 
6.4.1911 Zweites Blatt
 
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161. Jahrgang

Zweiter Blatt

Nr. 82

Erscheint tS-kich mit Ausnahme deS Sonntag».

erhielten.

Die Abg. Raab und Reh treten nochmals für die Wieder­herstellung der Regierungsvorlage ein.

Bei der Abstimmung wird Artikel 47 nach dem Ausschuß­antrag mit 20 gegen 19 Stimmen angenommen: es bleibt also bei dem Beschluß der Ersten Kammer, d a ß V o l k s s ch u l l e h r e r in den Landgemeinden nicht passiv wahlberech­tigt sind. Gegen den Ausschußantrag stimmten die Abg. Tr. Glässing, Dr. Osann, 'Sari?, Best, Mer, Molthan, Nebel, Tr. Zuckmeyer, die Freisinnigen und die Sozialdemokraten.

Abg. Bach hatte inzwischen noch einen Antrag eingebracht, nach welchem der Passus II, 2im Amt befindliche Vollsfchul- Idjrer" gestrichen werden sollte.

DieGiehener SamfllenbBtter4* werden dem ,Anzeiger^ otermal wöchentlich beigriegt, da- Krdsblatt für ben Krei« «letzen" jreetmal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit, fragen" erscheinen monatlich jroeunoL

TaS Arbeitskammergesetz mürbe in zweiter Lesung be­raten. dürfte aber wegen schwerwiegender Meinungsverschieden, heiten zwischen Regierung und Parlament nicht mehr zur dritten Lesung gestellt werden. Tie zweite Lesting dec Straf- Prozeßordnung wurde teilweise gefördert und soll erst im Herbst zu Ende geführt werden. Die Entwürfe zur Bekämpfung der Kurpfuscherei, betr. Erhebting von Schifsahrtsabgaben, die elsaß-lothringische VerfassiingSvorlage wurden in erster Lesung beraten und dem Ausschuß überwiesen. Der übrige ait§ dem Frühjahr 1910 vorliegende Stoff (ReichSoersicherungSordnung, HaiisarbeitSgesetz, Ge,verbeordnungsnovelle) wurden in der Zeit zwischen tteitmachlen und Ostern mir in den Ausschüssen beraten. Reben einigen wenigen Anträgen wurden die An­fragen über die Bekämpfung der Redschädlinge, Bekämpfung der Lebensmittelteukrung und Aushebung deS Zündwaren­steuergesetzes besprochen

Der Antrag Bach ttrirb mit geringer Mehrheit abgelehnt. Die folgenden Artikel 66, 80 usw. werden ohne Debatte ange­nommen. Art 223 behandelt das Tiecht des v ochst bett eu­er ten aus Sih und Stimmet m G e m c i n b e r n t Dicfcs Reckt war im Regicrungsentwurf satten gelassen worden, xie Er'le Kammer 'halte dasselbe iedoch tm -lrt. 223 wieder dergestelll und der Ausschuß beantragte mit allen gegen eine sttmme IMttm- ntung zu diesem Beschluß. . , ...

Abg Tr Wolf- Gonfenhemi bemerkte hierzu, er tonne man darin zustimmen, daß slandesherrliche Vertreter oder der Be­vollmächtigte irgend einer Fabrik ohne weiteres eit} und stimme im Gemeinderat haben sollte. ~ .

Abp Dr Weber erklärt, daß er nut leinen Freunden den Ausschußantrag ablehnen werde. Dagegen bringt Tcöner mit -0 andern Mitgliedern einen Antrag ein, den jöi3d))tbcucuertcn in der Gemeinde nur eine beratende Stimme cnuuraumcn.

Abg. Reh erklärt sich gegen den Antrag Dr. Weber. Er habe sich gefreut, daß dieser alte Zopf inbetreft der Vochübctzcucrtcn abgeschafft werden solle und die Regierung ,tehe wohl am dem gleichen Standpunkt. . . . M ,,

Minister v. Hvmbergk erftärt, daß das fragliche Reckt nur in 178 von 1000 Gemeinden bestehe und daß es tatsächlich nur in 57 Gemeinden ausgeübt werde. Tie geringe,Bedeutung bicier Bestimmung habe auch die Regierung veranlaßt, Dem Befchlutz der Zweiten Mantmer beizutreten, doch glaube er, daß die Erste Kammer aus ihren Beschluß bestehen werde.

Nachdem sich die Abgg. Ulrich, Bach und Reh noch gegen das Recht der £>öd)ftbcfteucrtcn ausgesprochen, wird der Au^chuß- antrag angenommen und dazu der Antrag Weber, wonach also die Löchstbcsteuerten nur beratende Stimme im Gemcimerat Haven °nt2ic dritte Vorlage, betr. die 93erlualtungstechts- pflege wird ebenfalls ohne Debatte dem AuSschnßantrag ent­sprechend angenommen. . . T . .. qrVi

Es folgt die Beratung der Regierungsvorlage, betr. die .w änberung Der Kreis- und P r ov i nz i a lo r dnu n g vom 12 huni 1871 und in Verbindung bannt die Abänderung des Gesetzes b'tr. die Anstellung und die Diftiplinarv-erhälknme der Kreisbeambcil 6om 27. S-Vt. 1899, fomie die Aenderung dcs Art. 56 des Gesetzes, betr. die Städteordnung vom 13 3 uni 1874.

Abg. Reh begründet kurz den Ansschuhantrag, der aus An­nahme der drei Vorlagen hinnelt und betont, daß b.eie Ent­würfe infolge der Annahme der drei Verwaltungsge,etze notwendig g^wo^jEinzelnen Artikel der drei Entwürfe werden darauf ohne

Donnerstag, 6. April 1911

Rotationsdruck und Verlag der vrühlfchea Unwersuäts - Buch- und Siembruckerei.

9L Lange. Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: E>L

Redaktion:112. Tel.'AdraAnze,gerGieben.

Debatte angenommen. _ ,

Es folgt die Beratung der Rückäußerung Erster Kammer, betr. den Gesetzentwurf über die Abänderung des Gesetzes betr. der Ausübung den Schutz der Fi schere, vom 27. April 188iL In Verbindung damit werden die Vorstellungen des bemfmen Anglerbundes, des hessischen Fischerervereins, der ^vortangler Don Frankfurt und Offenbach, sowie der ^isck.reipachter von Gernsheim nsw. berat:n. Der Ausschuß beantragt, dem Ab- änderungsbeschluß der Ersten Kammer zu Art. 3b und 62 Nicht beizutreten, dagegen dem Beschluß der Ersten Kammer zuzusammen, daß der Zeitpunkt des Inkrafttretens deS Gesetzes durch landes­herrliche Veordnung beitinunt und das Ministerium des Innern mit der Ausübung beauftragt wird. 3f,

?Lbg. Dr. O s a n n erklärt, daß er sich nicht für den Auvschnß- antrag entscheiden könne. Es werde zu viel Sportliebhaberer ge­trieben und die Fisch reipächter hätten den Schaden davon Dies habe die Erste Kammer bei ihren Abänderungen in Betracht ge­zogen und er kömie ihr nur darin zustimmm. Nach seiner .In- sicht sollen Angelkarten nur mit Zustimmung der Pachter aus- gegeben werden. Daß Jedermann auf dem Alttheru überhaupt angeln kömie, fei eine ganz merkwürdige Freiheit, für unberech­tigtes Fischen müßte eine Bestrafung eintreten.

Abg Lang schließt sich der Ansicht des Vorredners nn, während '2£bg. Reh die Annahme des Aussckußaickrages befur- wortet Von den großen Schaden, von denen Abg. Cjann sprach, sei dem Redner nichts bekannt. Die Leute die die Fischerei aus Sport betreiben, seien meistens erholungsbedürftig und da soll man ihnen diese Erholung gönnen

Mg Raab bemerkt, das; sich hier Pachter und Sportangler gegenüberständen. Abg. Osann habe hier Tinge vorgebracht, die sich tatsächlich so verhielten. Es liege ein allgemeines Interesse vor, die Fischzucht zu schützen, die durch die L-Portanglerer tm Altrhein sehr gesährdtt werde. _

Abg Senßselder unterstützt gleichfalls die Ausführungen Tr Osanns Es werde im Altrhein durch den Angelsport eine direkte Raubsischerei getrieben. Die Fischer müßten Pachtgeld zahlen und deshalb hätten sie ackch ein Recht, bei der Ausgabe von Fischlarteii durch die Kreisämter mllzusprechen Redner emp­fiehlt, den Ausschußantrag abzulehnen und den Beschlüssen der Listen Kammer beizutteteu. ...

Abg W olf-Stadecken erklärt sich für den Ausschutzantrag.

Ministerialrat Lolzingcr bemerkt, die Regierung sei der Ansicht daß Dem Schutze der Fischerei in Lessen besser gedient sei wenn den Beschlüsseii der Ersten Kammer zugestlinmt werde. Tie im Art. 62 festgesetzte Ordnungsstrafe sei notwendig und er könne auch einen soeben eingebrachten Antrag Dr. Osann nur empfehlen.

Mg Dr O s a n n weist die Ausführungen des 9Cbg. Reh zurück und legt nochmals Die Notwendigkeit des Schutzes der Fischerei am Altrbcin dar. Wenn Dtc Sportangler ihren Sport ausiwcn wollten, so könnten sie dies auch am Main tun. Man habe in Lesseii gar kein Interesse, den Franksurtern ihre Fische umsonst zu liefern. (.Heiterkeit.) Redner erläutert dann einen von ihm gestellten Antrag, der dahin geht, daß den Angelsportlieb­habern am Altrhein nur mit Zustimmung der Fischereiberechtigten eine Angelkarte ausgehändigt werden darf.

Bei der ALsttmmung wird alsdann der Ausschußantrag ab- gelchnt und somit den Beschlüssen der Ersten Kammer zugestimmt. Ter Antrag Dr. Osann wird mit großer Mehrheit angenommen.

Efync Debatte gelangt alsdann noch der Gesetzentwurf betr. die Abänderung des Gesetzes über die Einrichtungen und die Befugnisse der Oberrechnungskammer, dem Ausschußantrag ent­sprechend, zur Annahme.

Kreiskljrertonferenj.

Gießen, 5. April.

Rund 300 Lehrer und Lehrerinnen aus dem Kreise Gießen vereinigten sich gestern zur Kreislehrerkonfe- r e n z in Steins Garten. Regierungsrat W e l ck e r, der die Versammlung leitete, wies auf die seit der letzten Kreis- konferenz eingetretene Veränderung in der Leitung der Kreisschulkommission hin. Die gestrige Konferenz war bte erste Kreiskonferenz unter dem neuen Kreisfchulinspektor Profeffor Tr. Alles. Dieser machte Mitteilungen über die Vereinfachung des schriftlichen Verkehrs zwischen Lehrern und Behörden und über den Beschluß der Kreisschulkom­mission, nach dem für die Oberklassen der Fortbildungs- schulen Zeugnisse eingeführt werden sollen. Für die Samm­lung der Flurnamen werden innerhalb des Kreises Gießen noch Sammler gesucht für die Orte Lich, Lumda, Stockhausen, Weickartshain und Ober-Bessingen. Auf die Schrift-Was müssen wir von unseren Kolonien wissen", wurde besonders aufmerksam gemacht. Zwei Vorträge wurden hierauf ge­halten.

Lehrer Bert-Gießen sprach über das Thema:Tie Fortbild ungsfchulefürMädche n". Nach dem leb­haften Beifall, den der Redner erntete, fand eine rege Aus­sprache statt.

Folgende Leitsätze fanden allgemeine Zustim­mung:

1. Tie allgemeine obligatorische Mädchenfortbilbungs- schule ift ein pädagogisches, soziales und wirtschaftliches

hessische Zweite Kammer.

R.B. Darmstadt, 5. April.

Dm Regierungsttsche: Minister des Innern v. Hombergk, Geh. Rat Best. ...

Vizepräsident Dr. Schmitt eröffnet die Sitzung um 9»,. Uhr Das Laus tritt sofort in die Tagesordnung ein: Rückautzerung der Ersten Kammer über den Gesetzentwurf, betreffend

die Slädteordnuug

Der Sonderausschuß für die Verwaltungsgesetzgebung bean- tragte bekanntlich die Annahme der Abänderungsbeschlüftc der Ersten Kammer mit nur unwesentlichen Aenderungen.

Da zu der Latiptaussprache über den Gesetzentwurf ntemanb das Wort nimmt, wird sofort in die

Einzelberatung

tingetreten. Die abgeänderten Artikel 2,_ 12, 15 und 25 werden ohne Aussprache genehmigt. Bei der Abänderung zu Artikel 30, die ebenfalls nur redaktioneller Art ist, konstatiert der Ausfckuß- bcriritcrftattCT, Abg. Dr. Glässing, eine durchaus erfreuliche Ueb er ein ft-immun g mit dieser und den folgenden 9lbänbcrungcn der Ersten Kammer, woraus auch Die sämtlichen weiteren Ab ändern ngsbcscklüssc dem Antrag des Ausschusses entfprechend, gegen die Stimmen von drei anwesenden Sozialdemokraten angenommen werden; nur gegen die Abänderung in Artikel 30 stimmen autp zwei Freisinnige. , .

Zur Beratung gelangt daraus die Rückaußerung der Erften Kammer, betreffend den Gesetzentwurf über die

Landgemeindeordnung.

Auch hier lvird eine Lauptaussprache nicht beliebt. In der Eriizelberatung werden die von der Ersten Kammer abgeänberten Artikel 2, -1, 12, 25 unb 30 ohne Aussprache genehmigt. Beim Arlikel 47, in welchem der Kreis der nickt Wählbaren festgesteltt wird, führte Abg. Reh (Freis.! aus, die Zweite Kammer habe ftri) -Z. aus bat St-andpunkt gestellt, baß es Unrecht fei, ein.,eine Gemeindemitglieder von der Wahl auszuschlietzcn Man mufic jedenfalls den Volksschullehrern das paoive Walilrccht bei affen, Henn es sei doch nicht richtig, diesem großen Kreis fein politifches Hledji zu fdpnälem. Der Rediicr wendet sich^gegen deü BIchluf. der Ersten Kammer, der die Volkssri-uUehrer aus dem Mns der passiv Wählbaren gestrichen wissen will und bittet, auch dem Ausschußantrag nicht beiiutreten, sondern der Fassung des Ar­tikels nach der Regierungsvorlage zuzustimmen.

Abg Dr. Osann schließt sich den Ausführungen des Vor- TrimerS an. Tic Bestimmungen über die Zmammensetzuna der Lmidgcmeinde-Vorstänbe ließen in so manckm Punkten die richtige Konsequenz vermissen: so z. B. sollten Attuariatsafsiltenten das Wahlrecht haben, die Aktuare aber nicht. Der Redner trut dafür ein, daß sowohl Die Geistlichen, wie die Volksschullehrer das passive Wahlrecht behalten sollten.

Abg. Best schließt sich den Ausführungen des Abg. Ar.

a ch tritt ebenfalls für das passive Wahlrecht der Lehrer »in und weist auf den Widerspruch hin, den Lehrern in dev Städteordilung daS Wahlrecht zu gewähren, in der Landgememde- oTbnung aber nicht. Die Lehrer hätten ja durch ihren Beruf schon einen gewissen Einfluß auf die Gemeinde und bemgenräß auch eine Verantwortung. Man solle ihnen deshalb auch das passive

Ans dem vittschriftenausfchuh der Reichstags.

Der Bittschristeiiaiissckmß des Reickfstages hat eine Bittschrift deS Vereins deutscher Straßenbahn- und Kleinbabii- Verwaltungen, auf gesetzgeberischem We^fe eine Gleichstellung der auf öffentlichen Straßen betriebenen Straßenbahnen und KliM- baljieu mit den Kraftfahrzeugen hinsichtlich ihrer Haftpflicht für Körperverletzungeii herbeiführen zu wollen, Dem Rerck-skanzler als '".ü eriil überwiesen. Tie Antragsteller halten die gegenwärtige Gesetzeslage für unhaltbar. Die Straßenbahnen untcntdKn bat la iiurucn Lafipfliatworschriften im Gegensätze zu den ^-uhrwer^- betrieben, roef-fe Liner Sonderhaftpflickl unltT(icgcn. 2,e Eleich- stellung der Sttaßenbahnen mit den. Eiscnbabncn wird als, un- qerecktfcrtigr betracinct. xim Ausschuß wurde ausgeführt, daß tut Interesse des Publikums eine Verminderung der ^astpflickt der Straßenbahnen nickt zu wünschen sei. Der steigende VerkehlZ bringe für Die Sttaßenpanamen steigende Gefahren, gegen Die ein energischer Schutz notwendig sei. Eine Vermindetting der Lastpf'lickjt der Straßenbahneli bedeute auch eine große <sd}äbtgiing icr Fuhrwerksbesitzer. Die kürzlich cinaeführte Automobilhaft- pftickt habe seit ihrem Besteheii sdwn viele Sdfwödfen gezeigt.

Eine Bittsrhrift einiger deutscher kaufmännischer Verbände m chinesischen Städten, die Ausgabe kleiner Aktien in Kia ut schon reichsgesetzlick? Sti gestatten, wurde dem Reid)s- lanzler zur BerücksidKignng überwiesen mit bem Zufatze, daß die> auf Grund des neuen Gesetzes auszugebenbcn kleinen Aktien an beutsckeii Börsen nur unter denselben Beschränkungen rote aus­ländische kleine Aktien zugelassen werden dürfen. 3n den Bilt- schristen wurde aufrichtig bedauert, daß der Reickstag eine bres- bezüglicke Vorlage abgelehnt hat, und damit den deutichsn, iiibustriellen Bestrebungeii in Ostasien die Möglidikeit einer er­folgreichen Konkurrenz mit denen der anderen Nationen ein für allemal genommen hat. Die deut scheu Gesellsdiaften seien dadurch gezwungen, sich in China als englische Gesellschaften emtrageil

(Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Osecheffen

Vizepräsident Tr. Schmitt teilt mit, daß er nunmehr die Verhandlungen abbrechcn werbe und das Laus die übrigen Be- rati'.ngsgcgenslänbe in einer etwa den 23. Mai beginnenden Ta­gung erledigen könne: auch bas Gemeindeumlagengesetz solle als­dann nod) vor Pfingsten in Beratung genommen werben.

Die gesetzgeberische Arbeit der Reichstags bis Wem.

Ter Reichstag steht am Ende eines arbeitsreichen Zeitraums unb ist in die wohlverdienten Osterferien gegangen. Reben dem Haushalt wurden endgültig erledigt das Zuwachs­steuergesetz, das NeichSdesteuerungsgesetz, der Entwurs betreffs Patentaussührungszwang, der Entwlirf betreffend Regelung der Tagegelder und Umzugskosten der Kolonialbeamten, das Friedenspräsenzgesetz, der Entwurf betreffend Schutz des zur 'Anfertigung von Reichsbanknoten verwendeten Papiers, unb einige kleinere Vorlagen.

Wahlrecht lassen. r., . rt

Abg. Tr. Heidenreich ist gegenteiliger Ansicht und bittet, dem Ausschußantrag zuzustimmen. Die Stellung cmes Lehrers btuf bem Lande sei eine ganz andere, als die in der «tadl. Er halte dafür, daß die Lehrer viel mehr nützen können, wenn |tc nicht Sitz und Stimme im Gemeinderat haben.

Abg. Raab stimmt den Abg. Reh unb Dr. O,ann zu unb erklärt, daß seine Partei gegen den Ausschu,rantrag stimmen werbe In einer so wichtigen politischen Frage sollten die Parteien doch einig sein und nicht, wie bei ben Nationalliberalen, ber nnc für und der andere dagegen sprechen. .

Abg. Bähr spricht gegen den Abg. Reh. Nach feiner Meinung verliere ein Lehrer seine Unparteilichkeit, wenn er im Gcmclnbe- xat fitze. Ter Lehrer solle über den Parteien stehen unb beshalb werde er für den Beschluß der Ersten Kammer stimmen.

Minister v. Lombergk erklärt: Tic Regierung steht noch immer aus dem Standpunkt, daß man den Kreis der nicht Wähl­baren tunlichst beschränken soll: fic hält deshalb an ber Regierungs­vorlage fest. Namentlich hinsichtlich ber Lehrer möchte ick bas, was Abg. Reh gesagt hat, unterfhiben. Ich würde es für be­dauerlich halten, wenn man in den Städten die Lehrer für passiv wahlberechtigt erklärt, die Lehrer in den Landgemeinden aber nicht. Man sollte doch hier unter den Lehrern keinen Unterschied machen und ick) bitte deshalb, den Ausschußankrag abzulehnen und für die Wiederherstellung der Regicruiigsvorlagc einzutreten.

Abg. Tr. Wolf-Gonsenheim hält es ebenfalls für verkehrt, die Städte anders zu behandeln, als die Landgemeinden. Die letzteren mürben ohnehin schon in manchen Dingen anders bc handelt, denn wenn einer dort abends um 11 Uhr noch beim Bier sche, schicke ihn der Gendarm nach Hause. Er empfehle deshalb dis Ablehnung des Ausschußantvages. .

Abg. Ulrich verlangt, daß die Zwecke Kammer auf ihrem frühereil Beschluß beharreii solle. Er wundere sich über den Stand­punkt des Ministers, der ja scheinbar für die Anschauung der Zweiten Kammer gcsprvcheii habe. Wenn Abg. Bähr die genüge Ueberlegenheit der Lehrer fürchte, so halte er im Gegeitteil diese Ueberlcgenhcit für das Beste, was cs gebe. TasLinterbeiikulissen- arbecken" ber Lehrer müsse aus Hörem Als der Redner bann be­merkt, daß der vom Minister vargctragenc Standpiinkt die erste vernünftige Handlung der Regierung fei, über die er feine Freude aussprecke, wird er unter Heiterkeit des Hauses vorn Präsidenten gerügt. Der Redner erklärt dagegen, die Regierung handle wohl öfter vernünftig, aber dies sei die erste vernünftige Handlung, die er mit Freuden begrüben könne.

Minister v. H o m b e r g k verwahrt sich dagegen, daß er in der Ersten Kammer anders gesprochen hätte, als hier im Hause: er habe sich stets genau im Sinne der Regierungsvorlage aus­gesprochen.

Abg. Molthan erklärt sich ebeiifalls gegen ben Ausschuß- tmtrag. Die Gemeinden hätten es ja immer in der Hand, die Lehrer durchsallen zu lassen, die ihnen nicht passen.

Abg. B a ch hält es nickt für gerechtfertigt, eine ganze Klasse von Gememdcbürgerii von der Wahl ausznschließen. Der Redner glaub i nicht, daß Abg. Bähr bei seiner Haltung das Interesse der Lehrer im Auge haöe. Es sei mir gut, wenn die Lehrer nament­lich in kleineren Gemeinden Einfluß auf die Gemeindemitglieder

zu lassen. ___

Der Fall Kcrrer in -er spanischen Kammer.

Ata brib, 5. April. In ber gestrigen K'ammersitzung erklärte Azcaratc, bte Republikaner wollten die Ferrer- angelegenheit ungehindert, ohne daß irgendwie ein Truck ausgeübt würbe, erörtern. Sie glaubten, baß bic Armee einer Mimsteriri.se vollstänbig fernstehe. Canalejas lobte bte Armee, bereit Disziplin vollkommen sei.

Der frühere Minister Lacierva nahm wieber das Wort zu der Ferrerangelegenheit unb bemühte sich, nachzu­weisen, baß bie Zeugen gegen Ferrer Weber falsch noch widerspruchsvoll ausgesagt haben. Der Rebner bejahte sich mit Ferrers Vergangenheit, ber birekt ober inbirekt an den revolutionären Erhebungen in Spanien unb an den An­schlägen gegen Canovas unb Alfonso XIII. in Callemaxyor, owie gegen Alfonso unb Loubet in Paris beteiligt gewesen ei, und burch seine Propaganba unb persönliches Eingreifen zu ben Vorgängen in Barcelona im Jahre 1909 auf gereizt unb beigetragen habe. Lacierva griff chars bic Republikaner unb Sozialisten an, bic er befchul- >igte, ben Namen Ferrer als Banner benutzt zu haben, um unter ihm, im Auslanbc unterstützt burch anarchistische Ele­mente, einen ungerechten Felbzug gegen bie konservative Regierung zu führen. Schließlich verteibigte Lacierva energisch das Kabinett Maura, das streng tm Rahmen ber Gesetze seine Pflicht getan habe, sowie ben Gerichtshof, ber Ferrer auf materiell unanfechtbare Beweise hin, ohne baß rrgenb ein Druck ober eine Beeinflussung ausgeübt worben wäre, verurteilte. Der Urteilsspruch fei gerecht, billig und gesetzlich gewesen.

Die Rebe Laciervas würbe oft von ben Republikanern unterbrochen, von ben Konservativen mit lang anhalten- bem Beifall ausgenommen. Die Sozialisten waren besonbers empört über ben Vorwurf bes Rebners, baß sie sich mit auswärtigen Elementen gegen ben Fricben unb baS Wohl­ergehen Spaniens verschworen hätten.